Schleimspur
Wolfgang Koydl unterbietet sich selbst. Schwierig, aber möglich.
Die russische Armee hat das Wiegenfest ihres Präsidenten scheint’s zum Anlass genommen, ein paar Wohnhäuser in Kiew mit Drohnen zu beschiessen.
Wolfgang Koydl nimmt den 74. zum Anlass, mit ein paar verbalen Blendgranaten um sich zu werfen. Wer dachte, mit der schmierigen Kolportage über die Lügen eines Gigolos, der eine Nacht mit der damaligen deutschen Aussenministerin Annalena Baerbock verbracht haben wollte, habe er den Tiefpunkt erreicht, sieht sich getäuscht.
Als Nachschreiber seines Vorschreibers Roger Köppel würdigt er mit «Lieber Herr Präsident Putin» jemanden, der angeblich «zur Unperson» erklärt worden sei. Und sich nicht etwa selbst dazu gemacht hat.
Er rutscht gleich mit einer Schleimspur rein: «Sicher sind Ihnen noch viele Jahre voller Gesundheit und Kraft beschieden – was vor allem für Ihr Land eine gute Nachricht ist.» Nein, das ist eine ziemlich schlechte Nachricht.
Koydl lässt es weiter triefen: «Denn Sie sind so ziemlich das Beste, was Russland passieren konnte.» Selbst im Nahvergleich mit Boris Jelzin kann man das nicht guten Gewissens behaupten. Aber Koydl lobhudelt weiter: «Seitdem haben Sie Russland stabilisiert, die Wirtschaft in Gang gebracht und vor allem das Selbstvertrauen Ihrer Nation wiederhergestellt.»
Komisch, es soll Kenner der Sachlage geben, die behaupten, dass Präsident Putin eine ungeheuerliche Korruption im Land zulässt, sich selbst geradezu widerwärtig bereichert, umgeben von einer Kamarilla, die von einem keinerlei demokratischer Kontrolle unterworfenen Despoten angeführt wird. Der sich beratungsresistent und in völliger Verkennung der Sachlage auf einen fatalen Krieg eingelassen hat.
Oder wie Koydl das sieht:
«Dennoch setzten Sie nicht auf Konfrontation. Stattdessen boten Sie immer wieder Kooperation an. … Lange zeigten Sie Geduld, und selbst als die Drohung für Russland in der Ukraine existenziell wurde, erlegten Sie sich Zurückhaltung auf. Doch es nützte nichts.»
Also ein wahrer Friedensengel, der eigentlich noch vor Donald Trump endlich den Friedensnobelpreis verdient hätte. Vor allem, weil sich seine Zurückhaltung bezüglich Ukraine in einer klitzekleinen militärischen Spezialoperation äusserte. Dass Russland völkerrechtlich verbindlich die territoriale Integrität des Landes gegen die Rückgabe der sowjetischen Atomwaffen zugesichert hatte, was soll’s; will man halt nicht mit ihm kooperieren, dann braucht er Gewalt.
Zum Schluss seiner Lobeshymne, wie sie sich selbst Stalin nicht besser hätte wünschen können, erreicht Koydl den absoluten Nullpunkt: «Seit einem Vierteljahrhundert schon vollbringen Sie das Kunststück, dieses Land durch Höhen und Tiefen zu führen. Wir wünschen Ihnen weiterhin Klugheit und Stärke».
Weiterhin? Stalin begann am Anfang der deutschen Invasion der Sowjetunion als Versager, der sämtliche Warnungen davor als feindliche Propaganda in den Wind schlug. Aber dann gelang es ihm doch, unter ungeheuerlichen Opfern den Hitlerfaschismus zu besiegen.
Der völlige Versager Putin hat bislang schätzungsweise bis zu 500’000 russische Soldaten in seinem völlig missglückten Invasionsversuch verheizt; dazu kommen bis zu einer Million Verwundete und Vermisste. Zurzeit stehen rund 700’000 russische Soldaten an der Front und werden niedergemetzelt; auf der anderen Seite gibt es über eine halbe Million getöteter oder verwundeter Ukrainer.
Von den materiellen Schäden ganz zu schweigen.
Ganz zu schweigen davon, dass Putin Russland durch den Bruch eines internationalen Vertrags zum Paria gemacht hat, auf einer Stufe mit Nordkorea oder Israel. «Russland wurde zum globalen Player», fantasiert Koydl. In Wirklichkeit schrumpfte es zu einer Regionalmacht mit Atomwaffen, die nicht einmal mit einer ehemaligen Sowjetrepublik militärisch fertigwird. Zum Abhängigen von China und Indien, zum Rohstofflieferanten, der ausser Militärtechnologie nicht viel zu bieten hat. Nicht mal eigene Flugzeuge für den zivilen Luftverkehr.
Also Klugheit und Stärke? Putin ist ein skrupelloser Machtmensch, als ehemaliger kleiner Geheimagent misstrauisch gegen alles und jeden, der seine Gegner und Kritiker mundtot macht oder aus dem Weg räumt. Wie jeder Potentat in der ewigen Angst, dass man ihn nach all diesen Fehlanalysen, politischen und militärischen Fehlern selbst abmurkst.
Das ist kein Kunststück, das ist ein Schurkenstück, das die russische Bevölkerung – so wenig wie die ukrainische – nicht verdient hat. Und was Koydl hier abgeliefert hat, ist ein Schmierenstück, bei dem das neutralste Magazin der Schweiz schamrot anlaufen sollte.














Acht Seiten, schonungslos bebildert, schonungslos entblösst, wie dem Journalisten die Finger seiner linken Hand abhanden kamen. Und was das für ihn bedeutet. Früher hätte man den Mann vor sich selbst geschützt und ihm nahegelegt, das seinem intimen Tagebuch anzuvertrauen. Heutzutage hilft man ihm bei der Selbstentblössung. Unsäglich, schändlich.