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Schiebereien im Wolkenkuckucksheim

Kuba verhandelt mit den USA. Gelegenheit für Unverständnis und Missverständnisse.

Es rauschte durch die Gazetten von «Spiegel» bis hinunter zu Tamedia, bluewin, Watson, nau, SRF oder NZZ. Exemplarisch das Missverständnis im Kommentar von Alex Baur, eigentlich ein Lateinamerika-Kenner, in der «Weltwoche».

Der Anfang vom Ende, «Regime change», wird geraunt und gemutmasst.

Baur behauptet, Trumps «Fokus liegt auf den (legitimen) sicherheitspolitischen und den wirtschaftlichen Interessen der USA. Wer mit ihm kooperiert, kann mit lukrativen Geschäften rechnen – jenen, die sich querstellen, droht die wirtschaftliche Vernichtung. In Kuba und Venezuela zeitigte die Strategie bislang ermutigende Resultate.»

Die USA würgen die kleine Insel mit einem widerrechtlichen Ölembargo, mit der absurden Behauptung, sie unterstütze den Terrorismus und stelle eine Gefahr für die USA dar. Daran ist nichts legitim, das ist brandschwarz illegal, wenn Regeln und Rechte noch etwas gälten.

Und die lukrativen Geschäfte. Nun, die bestehen darin, dass die bislang herrschenden Regimes bereit sind, den Kuchen neu zu verteilen und den USA oder dem Trump-Clan ein grosses Stück davon abzugeben.

Das sind keine guten, sondern ausnehmend schlechte Nachrichten für die Bevölkerung. Seit dem Kidnapping mit Kollateralschaden von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro hat man kein Wort davon gehört, dass es der Bevölkerung besser gehe oder die Millionen von Flüchtlingen ins Land zurückstrebten.

Denn selbst wenn die marode Infrastruktur durch Investitionen repariert wird, dauert das eine gute Weile, und die dann munterer sprudelnden Öleinnahmen werden sicherlich nicht in erster Linie der Notleidenden Bevölkerung zugute kommen.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich in Kuba niemand ausmachen lässt, der den Verräterpart von Delcy Rodríguez einnehmen könnte. Den amtierenden Präsidenten Díaz Canel abzusägen, würde wenig bringen. Die Lücke, die er hinterliesse, würde ihn vollständig ausfüllen.

Aber wie in Venezuela der Staatskonzern PDVSA das ökonomische Machtzentrum ist, gibt es in Kuba den militärisch-industriellen Komplex GAESA, der fast monopolartig das Wirtschaftsleben beherrscht. Import/Export, Tourismus, Banken, Transport, die wenigen noch funktionierenden Fabriken, Dienstleistungen aller Art, das ist die Krake, die überall ihre Tentakel hat. Wer sie beherrscht, beherrscht Kuba.

Bislang ist das der Clan um Raúl Castro, der immer noch lebende Bruder des grossen Fidel. Der ruht inzwischen seit fast zehn Jahren unter einem riesigen Stein in Santiago de Cuba. Wohl deswegen, damit er nicht aus dem Grab steigt und die Schweinerei beseitigt, die sein Bruder seit seinem Tod angestellt hat.

Denn dieses Ausmass von Vetternwirtschaft, Korruption und ungehemmter offener Bereicherung, das gab es zuvor nicht. In den besseren Zeiten wechselte das damalige Politbüromitglied Carlos Lage, immerhin zuständig für die Wirtschaft, dann mal vom Velo auf einen Lada. Und eine Rationierungskarte musste kein Mitglied der cupola, der obersten Führungsschicht, benützen. Aber ansonsten wurde peinlich darauf geachtet, dass keine Funktionärsprivilegien offen sichtbar waren.

Bemerkenswert ist allerdings, dass Raúl Castro offenbar über alle Amtswege hinweg Familienmitglieder zu Verhandlungen mit dem US-Aussenminister Marco Rubio (Exilkubaner in zweiter Generation) geschickt hat.

Dass es wohl einer Mehrheit der Kubaner inzwischen egal ist, ob die Exilkubaner zurückkommen, die Yanquis wieder die Macht übernehmen und die Spielcasinos wieder in Betrieb gesetzt werden, ist das eine. Das läuft unter: alles lieber als ein weiter so.

Dass die Tausenden von kleinen und grossen Profiteuren des Regimes, zumeist Militärs, einfach kampflos auf ihre Pfründe verzichten würden und nicht wenigstens probieren, den vorhandenen Widerwillen der Kubaner gegen die imperialistische Grossmacht im Norden zu mobilisieren, ist sehr wahrscheinlich und das andere.

Ein Verräter zuoberst ist nicht in Sicht. Bombardieren oder punktuell mit Bodentruppen intervenieren, das ist wohl ausgeschlossen. Und viel mehr hat Amok Trump ja auch nicht zu bieten.

Da es andererseits wirklich nicht mehr so weitergehen kann, ewige Stromausfälle, Nahrungsmittelknappheit, Zusammenbruch der Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Müllabfuhr, ist eine Tatsache. Wo die Reise hingehen wird, ist absolut unvorhersehbar.

Morsches und Mürbes bricht manchmal plötzlich zusammen, wie man bei der DDR gesehen hat. Aber ob das auf der letzten Insel des real existierenden Surrealismus auch geschehen wird?

Baurs selektive Wahrnehmung

Eigentlich weiss Alex Baur, worüber er schreibt. Das macht’s schlimmer.

Er ist ein profunder Kenner Lateinamerikas. Und Rechtsausleger. Und Grossanalyst mit Scheuklappen. Nachdem in Lateinamerika reihenweise linke Regierungen gekippt sind (wobei man bei Brasiliens Lula, Venezuelas Maduro oder Nicaraguas Ortega kaum mehr von Linken sprechen kann), müsste er eigentlich in Jubelstimmung sein.

Allerdings versucht er sich immer wieder in Überflieger-Analysen der ganz grossen Zusammenhänge. Dabei wird er aber sehr selektiv, was die Wahl seiner Argumente und Beschreibungen betrifft. Um seine These zu stützen:

«Natürlich wünschen sich die USA einen regime change in Venezuela. Zweifellos stehen hinter dem US-Aufmarsch auch geostrategische Interessen. Mit Betonung auf auch. Doch wenn diese Interessen existenziell wichtig wären für die USA, hätten sie schon lange eingreifen müssen.»

Denn, zum Beispiel: «Die Russen unterhalten mit dem Regime in Kuba seit 65 Jahren einen strategisch-militärischen Brückenkopf in Amerika.» What a bullshit, würde Trump sagen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR brach dieser Brückenkopf 1990 zusammen. Die Abhörstation Lourdes bei Havanna ist längst umgenutzt, gelegentliche Besuche von russischen Kriegsschiffen und die merkwürdige Schallattacke auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna haben höchstens anekdotischen Wert.

Es gibt keinen militärischen Brückenkopf Russlands auf Kuba.

«Seit der dilettantisch vorbereiteten, von der CIA nur halbpatzig unterstützten und kläglich gescheiterten Invasion in der Schweinebucht (1961) sind US-Militäreinsätze auf dem amerikanischen Kontinent rar geworden. Grenada (1983) und der Sturz des Noriega-Regimes in Panama (1989) waren Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Beide Aktionen verliefen relativ unblutig, nach getaner Arbeit zogen die Amis ab.»

What a bullshit, würde Trump sagen.

Nach dem Schweinebucht-Debakel folgte die Operation Mongoose gegen Kuba. Das Attentat auf den Diktator Trujillo in der Dominikanischen Republik, plus der Einmarsch von 25’000 GIs, militärische Eingriffe in den Bürgerkrieg. Die CIA-Aktionen in Ecuador, die Militärputsche provozierten. Die Destabilisierung der Regierung Allende in Chile, die Unterstützung des blutigen Militärputschs, orchestriert vom Kriegsverbrecher Kissinger. Die Operation Condor. Die Unterstützung der Contras, von Todesschwadronen in Zentralamerika. Das Folter-Ausbildungszentrum für alle Schlächter und den Abschaum Lateinamerikas in der School of the Americas in Panama. Und so weiter und so fort.

Wie unblutig der Überfall auf Panama war, da hilft schon mal die Lektüre von John le Carré «Der Schneider von Panama». Wie viele tausend Tote er forderte, konnte nie festgestellt werden, weil viele Leichen in Massengräbern verscharrt wurden.

Dann räumt Baur etwas ein, um gleich darauf wieder ins Absurde abzuschweben: «Zwar kooperierten sie im Kalten Krieg mit den Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile, die als Reaktion auf den marxistischen Terror entstanden waren. Doch die zu einem grossen Teil von Moskau via Havanna geförderten und kontrollierten Guerillas – anderswo hätte man sie als Terroristen bezeichnet – waren alles andere als demokratisch gesinnt. Was geschieht, wenn man sie gewähren lässt, hatte sich in Kuba gezeigt. Als die kommunistischen Revolutionäre mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden, förderten die USA die Demokratie in Lateinamerika nach Kräften.»

Marxistischer Terror beispielsweise in Paraguay, what a joke, würde Trump sagen. Die USA förderten die Demokratie in Lateinamerika, da würde sich selbst Trump die Lachtränen abwischen.

Der laut Baur «Allianzen schmiedet mit demokratischen rechten Regierungen in Argentinien, Paraguay, Ecuador, El Salvador und neuerdings Bolivien, die sich für amerikanische Werte einsetzen». Demokratische Regierung in Paraguay, um nur dieses Beispiel zu nehmen? I laugh my ass off, würde Trump sagen, wenn er wüsste, wo Paraguay liegt.

Weiter im wilden Ritt: «Gewiss liegt in der DNA der Vereinigten Staaten, die ihre Grenzen ständig erweiterten, eine expansionistische Komponente. Doch diese war durchdrungen von einer aufklärerischen Mission, vom Freiheitsgedanken, der die amerikanische Verfassung prägt.»

Da wird sich Mexiko sicherlich dafür bedanken, dass diese aufklärerische Mission über 50 Prozent des nationalen Territoriums annektiert, geraubt, weggenommen hat.

Dann wird es geostrategisch: «Die USA sind im Wesentlichen eine Seemacht, die nicht auf Landgewinn aus ist, sondern die Weltmeere beherrschen und ihre Handelsrouten schützen will. Die Kontinentalmacht Russland dagegen strebt seit je nach Ausweitung ihrer Grenzen, die sie schlecht schützen kann.»

Das tun die USA mit Invasionen in Afghanistan, im Irak, mit Bombenraids gegen den Iran, mit subversiven Aktionen ohne Zahl. Während Russland der grosse Rest der Sowjetunion ist, die niemals in ihrer Geschichte Westeuropa überfallen hat, aber selbst immer wieder überfallen wurde, von Napoleon bis Hitler.

Russland ist im Vergleich zur UdSSR um ein Viertel geschrumpft. Soviel zur Ausweitung der Grenzen.

Dann kommen wir zum Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.

Wir kommen zum Schluss und dem letzten Schuss in den Ofen: «Trumps Provokationen um Grönland, Panama, Mexiko und Kanada mögen Wellen werfen. Aber fühlt sich irgendjemand in diesen Ländern bedroht von den USA

Wenn man die Bewohner dieser Länder und ihre Regierungen fragen würde: ja, allerdings.

Welche Fehlananlyse. So sad, würde Trump sagen.