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Überdosis Berset

Wie verleidet man dem Leser ein Thema?

Gleich neun Beiträge beschäftigen sich bei «Weltwoche online» mit Bundesrat Alain Berset und seinen engen Beziehungen zum Hause Ringier.

Wer im Medienarchiv SMD die Suchbegriffe «Berset und Ringier» eingibt, bekommt aus den letzten sieben Tagen sagenhafte 750 Resultate.

Das Thema ist heiss. ZACKBUM will sich nicht ausnehmen; wir haben hier und auf «Die Ostschweiz» einige Male darüber berichtet.

Nun hat aber die Affäre Berset das ganze Elend des modernen Sparjournalismus in aller nackten Hässlichkeit vorgeführt. Zum einen überschlugen sich die Medien darin, mit dem Finger auf die bösen Buben bei Ringier zu zeigen und sich selbst damit zu brüsten, dass man schon auch so seine Quellen habe, sich aber doch nicht so wie Berset und Walder in den Armen läge.

Dabei weiss doch jeder, aber wirklich jeder, was der alte Hase Peter Rothenbühler völlig richtig zum Ausdruck bringt: natürlich machen Politiker und Medienmenschen Päckli miteinander. Das kleine Licht mit dem Lokaljournalisten, der Bundesrat mit dem Chefredaktor oder gleich dem Verleger. Business as usual, seit es die Presse gibt.

Schon beim grossen Vorbild aller Enthüllungsstorys, der Recherche nach dem Einbruch in Watergate, hatten die Journalisten einen einzigen wichtigen Informanten, den sie «Deep Throat» nannten, nach einer Sexualpraktik. Dieser hochrangige FBI-Mitarbeiter versorgte sie immer wieder mit Informationen und Hinweisen, bis sie schliesslich sogar den Präsidenten der USA Richard Nixon zur Strecke brachten.

Auch Urs Paul Engeler behauptete, eine solche «Deep Throat» zu haben, zudem seine Vorwürfe gegen den damaligen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank auf Informationen von zwei voneinander unabhängigen Quellen abzustützen. War geflunkert, es gab einen einzigen Bankmitarbeiter, der Engeler anfütterte.

Immer wieder wird staatstragend behauptet, man stütze sich auf die Informationen von zwei voneinander unabhängigen und vertrauenswürdigen Quellen, deren Aussagen durch eigene Recherchen verifiziert worden seien. Meistens Lug und Trug. Realität ist: es wird ein Päckli gemacht.

Der Journalist bekommt eine heisse Info, die er für einen Primeur verwenden kann. Damit verschafft sich der Informant entweder Goodwill, also eine Berichterstattung in seinem Sinn. Oder er benutzt den Journalisten, um einem politischen oder wirtschaftlichen Gegner eine reinzuwürgen. Dem individuellen Konkurrenten oder gleich einer ganzen Branche.

X-mal durchexerziert bei all den sogenannten Leaks und Papers. Welch ein Zufall, dass bei all diesen «Enthüllungen» die Standorte der grössten Geldwaschmaschinen der Welt, der grössten Bunker von kriminellem Geld konsequent verschont blieben: die USA und Grossbritannien.

Der Journalist liebt die Verbreitung von Fake News, dass er wie im Film sich durch Aktenberge wühlt, nachts in Archive einschleicht, mit allen Mitteln und unter höchstem Einsatz Informationen beschafft. Die er dann vor überquellenden Aschenbechern und leeren Kaffeetassen zu einem Gesamtkunstwerk zusammensetzt.

Die Wirklichkeit, wie der Fall Berset wieder mal beweist, ist viel prosaischer. Wissensträger streuen Brotkrumen und bedienen sich je nach eigener Wichtigkeit entsprechenden Partnern in den Medien. So machte sich Arthur Rutishauser einen Namen, als er unermüdlich Interna über die Swissair, dann über die UBS und schliesslich über Pierin Vincenz publizierte. Dafür musste er seinen Schreibtisch nicht verlassen, sondern einfach den Telefonhörer in die Hand nehmen und gelegentlich in seinem Postfach nachschauen, ob ein paar Papiere in neutralem Umschlag ihren Weg dorthin gefunden hatten.

So läuft das, so läuft das immer mehr, da es den Redaktionen an Kapazitäten (und Kompetenzen) fehlt, eigene Recherchen auf die Beine zu stellen. Das grossartig genannte «Recherchedesk» von Tamedia lebt von nichts anderem als der Beteiligung an der Ausschlachtung der Beute von Raubzügen in die Geschäftsunterlagen von Firmen. Man verwertet Hehlerware, das ist die Wahrheit, man «enthüllt» überhaupt nichts.

Aber durch das gegenseitige «die schon, wir niemals» schaffen es die Medien, dass dem Publikum die Affäre Berset langsam aber sicher verleidet. Nur noch Fans des Fremdschämens verfolgen sie aufmerksam.

Bedauerlich darin ist einzig, dass so der überfällige Rücktritt des intriganten Bundesrats und des zur Hysterie neigenden Ringier-CEO nicht erfolgen wird. Das verliert sich wie so vieles in den Nebeln des Blabla und Blüblü in den Medien, die endlich wieder einmal Nabelschau betreiben können. Ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie dürfen stolz verkünden: schaut meinen Bauchnabel an. Gut gereinigt, kein Krümel Schmutz drin, der glänzt und strahlt und ist unschuldig wie ein Babypopo.

Das Publikum wendet sich erschöpft und angewidert ab.

Die 3 Todesfallen im seriösen Journalismus

Todesfalle Nr. 1: Fake News. Nr. 2: die Quelle. Nr. 3: die haltlose Behauptung.

Journalismus ist in erster Linie Vertrauenssache. Und Vertrauen bekommt man nicht einfach mit der Bezahlung des Kaufpreises eines Medienprodukts frei Haus mitgeliefert.

Vertrauen muss man sich erarbeiten. Wieder und wieder. Immer. Denn nur der Leser oder Konsument, der seiner Nachrichtenquelle vertraut, sieht ihre Bezahlung als sinnvolle Ausgabe an. Selbst wenn er nur mit seiner Attention und ein paar Daten bezahlt.

Denn der stillschweigende Kontrakt zwischen Konsument und Produzent ist: Der Produzent liefert nach bestem Wissen und Gewissen und unter Beachtung journalistischer Grundregeln erstellte Artikel ab. Dabei bemüht er sich so weit wie möglich, den Bericht vom Kommentar, von der Einfärbung durch Meinung, zu trennen. Denn der Journalist hat gegenüber dem Konsumenten einen unschlagbaren Vorteil: Er war am Ort eines Geschehens. Er hat mit Menschen gesprochen, er durchdringt Zusammenhänge.

Andere Darstellung, andere Wirklichkeit: Vertrauensverlust

Er liefert auch die Zusammenfassung, die Verdichtung eines umfangreichen Vorgangs. Exemplarisch bei Gerichtsverfahren. Die dauern oft lange, spielen sich nach dem Laien nur teilweise verständlichen Regeln ab.

Besonders hier muss der Rezipient auf die Fähigkeit des Journalisten vertrauen, eine korrekte Zusammenfassung des Ausgangs eines Verfahrens zu liefern. Wenn also Journalist X schreibt, dass die Partei Y auch in einem Berufungsverfahren gesiegt, Recht bekommen habe, dann muss das so sein. Wozu sollte der Konsument – dafür bezahlt er ja – selber das Gerichtsurteil nachlesen oder nach der Pressemitteilung des Gerichts suchen.

Gift für dieses Vertrauensverhältnis ist aber, wenn sogar ein publizistischer Leiter vom siegreichen Ausgang eines Prozesses für die Partei Y schreibt, während in der Pressemitteilung schwarz auf weiss steht: Im Urteil weist das Gericht die Berufung der Partei Y vollumfänglich ab.

Fake News sind Gift fürs Vertrauen

Das sind dann sogenannte Fake News, alternative Wahrheiten, oder auf gut Deutsch: da wird gelogen wie gedruckt. Schlimmer noch: Der Konsument eines Medienorgans ist im Allgemeinen ein treuer Mensch. Er hat seine lieben Gewohnheiten, und die lässt er sich auch durch höhere Preise für magereres Angebot nicht so schnell vermiesen. Stellt er aber fest, dass er da und dort brandschwarz beschummelt wurde, dann verliert er recht schnell das Vertrauen – und ist dann mal weg.

Die zweite Todesfalle sind die Quellen. Normalerweise gilt auch in der Berichterstattung, dass der Urheber einer Aussage mit seinem Namen dazu steht. Nun gibt es natürlich Fälle, in denen das aus den verschiedensten Gründen nicht möglich ist. Dem Urheber könnten berufliche, persönliche, gesellschaftliche Nachteile drohen. Er könnte sogar an Leib und Leben bedroht werden. In solchen Fällen operiert der Journalismus mit der «Quelle». Genauer: mit der «mit der Sache befassten», mit der «vertrauenswürdigen» Quelle.

Saubere und schmutzige Quellen

Noch besser natürlich: mit «zwei voneinander unabhängigen Quellen», die übereinstimmend A gesagt haben. Das Gleiche gilt auch für Dokumente. Die Geschäftsgrundlage bei all den sogenannten Leaks, also dem Diebstahl von Geschäftsunterlagen, ist immer, dass die Quelle anonym bleibt. Verständlich, sie hat ja einen Gesetzesverstoss begangen. Problematisch, denn weder der Leser noch der Ausschlachter solcher Leaks weiss, aus welchen Motiven diese Unterlagen den Medien zugespielt wurden. Und ob sie vorher frisiert wurden.

Auch bei den anonymen Quellen von Aussagen muss der Konsument dem News-Produzenten vertrauen, dass es diese Quellen tatsächlich gibt, ihre Angaben so weit wie möglich überprüft wurden, und dass «wie wir aus einer gut unterrichteten Quelle erfahren» nicht einfach der Euphemismus ist für: Es wird ein Gerücht herumgeboten, dass gerade gut in den Kram des Newsproduzenten passt.

Denn er kann sich dabei auf seinen rechtlich garantierten Quellenschutz berufen; sich also weigern, die Identität seiner Quelle zu enthüllen. Das entbindet ihn aber nicht davon, den Wahrheitsbeweis für Behauptungen antreten zu müssen. Meine Quelle M hat mir plausibel versichert, dass K ein Betrüger und Krimineller ist, genügt natürlich nicht.

So nötig Quellenschutz auch sein mag, angesichts des zunehmenden Misstrauens gegenüber dem Realitätsgehalt von Berichten lässt die Verwendung von «Quellen» das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt eines Artikels abschmelzen.

Unbewiesene Behauptungen: Quittung Vertrauensverlust

Todesfalle 3 ist die Behauptung. X hat das gemacht, Y hat das gesagt, Z hat dieses entschieden. Das einfach mal so rauszuhauen, stellt eine ewige Versuchung im Journalismus dar. Ein Ressorleiter hat ein Buch in Auftrag gegeben, der Chefredaktor und der Verleger distanzieren sich davon.

Das ist eine Traum-News, wenn man die exklusiv hat. Die hat man allerdings nur deswegen exklusiv, weil man es einfach behauptet. Denn das grosse Hindernis, manchmal sogar unüberwindbar, ist die sogenannte Möglichkeit zur Stellungnahme. Die Konfrontation des oder der Betroffenen mit solchen Behauptungen.

Das kann Ärger und Ungemach geben. Ärger, wenn der Konfrontierte einfach bestreitet, so etwas getan oder gesagt zu haben. Ungemach, wenn der Konfrontierte noch zusätzlich mit dem Kadi winkt, sollte die Behauptung dennoch aufgestellt werden. All das kann man natürlich vermeiden, indem man auf diesen lästigen Umweg verzichtet und die News mal raushaut.

Einfallslos mal raushauen

So wie beim modernen, einfallslosen Eishockey: Den Puck einfach ins gegnerische Drittel dreschen, und dann weiterschauen. Sollte die Behauptung tatsächlich nicht stimmen, dann kann man ja immer noch in Verhandlungen eintreten, den Beitrag elektronisch löschen, eine Gegendarstellung einrücken oder im schlimmsten Fall sich sogar dafür entschuldigen.

Das ist besonders widerlich, wenn es nach der Devise geschieht: Lass die Kacke mal fliegen, etwas hängen bleibt immer. Jeder, der schon einmal von solch üblem Journalismus selber betroffen war, weiss: Es ist einfach widerlich. Wehrt man sich, hält man das Thema am Köcheln. Wehrt man sich nicht, bleibt irgendein Unfug so stehen und wird irgendwann mal gegen einen verwendet.

Aber auch hier gilt: Bemerkt das der Konsument, bemerkt er zudem, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher handelt, dann verliert er auch hier das Vertrauen in das Medium.

Drei Schläge, und du bist raus

In den USA gibt es die schöne Regel: three strikes – and you’re out. Vom Baseball auf Straftaten übertragen: Beim dritten Verbrechen wirst du lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen. Das gilt auch für die Medien. Wer Schlag für Schlag das Vertrauen seiner zahlenden Kundschaft verspielt, der ist dann mal draussen. Erledigt. Eingegangen. Worum es dann auch nicht schade ist.