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Gewichten und einordnen

Zusammen mit Analyse der Dreischritt von Qualitätsmedien.

Was beschäftigt den Mainstream zurzeit? Drei grosse Wellenberge türmen sich auf. Zunächst und zuvorderst natürlich: die Queen. Sie ist die Königin der Schlagzeilen, der Sondersendungen, der schwarz gekleideten Moderatoren.

Jeder, der Buckingham-Palast ohne zu stottern sagen kann, wird als «britischer Monarchiekenner», als «englischer Adelsspezialst», als Biograph der Corgys der Queen, als ehemaliger Türöffner von König Charles III., als Nachttopfleerer des verblichenen Prinz Philip interviewt. Oder darf gleich selbst einen Auszug aus seinem demnächst erscheinenden Buch präsentieren: «Als die Queen «oh, really?» zu mir sagte».

Dann haben sich die Qualitätsmedien immer noch nicht ganz vom Rücktritt von «Maestro» Roger Federer erholt. Denn noch hat nicht der letzte Journalist seine Begegnung mit dem Tennis-Gott «Als Roger «alles Roger» zu mir sagte» verarbeitet und veröffentlicht. Auch die Rolle seiner Frau, seiner Familie, die Bedeutung der überteuerten Sportschuh-Marke, die exorbitanten Gehälter des Managements, der kurvige Verlauf der Aktie, der persönliche Kleiderstil, sein Leben in Bildern, all das ergiesst sich weiterhin ungebremst über den Leser.

Schliesslich die Ukraine. Der «News-Ticker»! Die Offensive! Nimm das, Putin. Kann sich die Ukraine vom russischen Joch befreien? Wird die Krim zurückerobert? Wankt der Kreml-Herrscher? Rollen deutsche Panzer wieder durch die Ukraine? Kann die Schweiz länger abseits stehen? Auch hier stürmen unablässig Fragen ohne Antworten auf die Leser ein.

Bleibt da noch Platz für Wichtiges? Ach ja, Stromsparen. «Kantone planen Solarzwang für alle Hausbesitzer». «Grünen-Nationalrätin fordert Klima-Steuer für Reiche». Stromverschwendung, wann lesen wir endlich von «Strom-Frevlern» und «Energie-Sündern»? Wann wird die Nachbarschaftskontrolle institutionalisiert? Wann gibt es Wettbewerbe im Energie-Sparen (mit tollen Preisen)?

Gäbe es wirklich Wichtiges? Nun ja, da gibt es zum Beispiel die eher kleine Meldung, dass die Schweizerische Nationalbank eine erneute Anhebung des Leitzinses ins Auge fasst. Dass der Weich-Euro weiter das Loch runtergeht. Kein Wunder, bei der Inflation im Euro-Raum und den deutlich höheren Zinsen im Dollar-Bereich in den USA.

Das könnte den Leser durchaus an einem empfindlichen Körperteil treffen, seinem Portemonnaie. Da bräuchte er Orientierung und Hilfe. Aber das setzte voraus, dass in den Redaktionen gewichtet, eingeordnet und analysiert würde. Nur: von wem, und womit?

Glotzen statt lesen

Wir blättern das Sonntags-Bilderbuch auf.

Es ist die Bilderpest. Nicht nur, dass die Umfänge der Sonntagsblätter seit Langem unter Schwindsucht leiden. Längst vorbei die Zeiten, als die «SonntagsZeitung» sogar Inserate und Beilagen ablehnen musste, weil sie sonst nicht mehr durch den Schlitz der Ausgabebox gepasst hätte. Vorbei. Die Dicke und die Box.

Nun könnte man sich bemühen, den geschrumpften Platz mit mehr Inhalt zu füllen. Also mehr Buchstaben, mehr Denke, mehr Analyse, mehr Schreibstärke. Aber das alles, vor allem die Denke, ist rationiert in den Medienhäusern. Krankgeschrumpft. Nehmen wir zuerst den Trendsetter für alles, was schlechter wird im Journalismus.

Ein SoZ-Interview mit dem wiederauferstandenen deutschen Impfpapst Drosten. Hier sagt er nochmal, was er gerade auf allen Kanälen sagt. Wieso dazu ein halbseitengrosses Ganzkörperfoto gestellt werden muss, das ungefähr so aussagekräftig ist wie das Interview? Zwei Platzhalter, wo früher der Platz mit Inhalt gefüllt wurde.

Geht’s noch schlimmer? Immer. Die Pest ist auch das sogenannte Symbolfoto. Es gibt keine reale Abbildung zur Bebilderung, also greift man in den extra dafür von Bildagenturen aufgebauten Fundus. Schon wieder eine halbe Seite gefüllt, und der Inhalt des darunterstehenden Textes ist bereits im Titel und Lead vollständig und ausreichend wiedergegeben. Statt eine Seite zu verschwenden, hätte es auch eine Kurzmeldung getan.

Auch reale Fotos können zu einem Symbolbild degenerieren. Statt den üblichen Panzer und einen länglichen Artikel hätte die SoZ auch eine knackige Kurzmeldung draus machen können. Schon wieder eine Seite für Wichtigeres freigemacht. Aber wenn das halt fehlt …

Wir kehren zum reinen, völlig überflüssigen Symbolbild zurück, mitsamt einer Frage, die sonst der absoluten Newsflaute vorbehalten ist.

Zwar ausnahmsweise ein echter Mensch auf echtem Foto, aber wieder zusammen mit dem ausreichend erklärenden Titel und Lead getretener Quark, der bekanntlich nur breit wird, nicht stark (Goethe, kann man googeln).

Und als krönender Abschluss noch das faszinierende Foto, wie Kartoffelmilch in ein Glas gegossen wird, ein Prozess, dem man noch nie so gebannt und von nahe beiwohnen durfte. Plus der ernüchternde Text: in der Schweiz kann man höchstens das Bild anglotzen, den Inhalt gibt’s gar nicht.

Wir freuten uns schon, eine neue Kampfgenossin gewonnen zu haben:

Allerdings hatten wir schon nach der ersten Folge leichte Zweifel, ob das was wird. Nun sind wir sicher: wird nix. Immerhin, Badran schreibt über sich selbst: «Meinung ohne Wissen». Oh, Pardon, natürlich nicht, denn beim Wissen hapert es zwar, aber Rechthaberei ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Beginnt mit der kühnen Behauptung, gute Medienleute und Politiker hätten gemeinsam: «Sie sind der Wahrhaftigkeit verpflichtet.» Was meint also die nicht gute Politikerin und Medienkritikerin? Sie vergleicht munter Pensionskassen mit der AHV. Kapitalbildungsverfahren gegen Umlageverfahren? Äpfel, Birnen? Ach, ist doch egal. Es ist auch nicht einfach, der doch etwas sprunghaften Badran zu folgen, die mit einer kleinen Medienschelte beginnt, sich dann in den Untiefen des BVG und der AHV verliert, da und dort wäffelt, um dann in die Zielgerade zu biegen: «Es ist unser Job, für möglichst viele Menschen möglichst hohe Renten zum günstigsten Preis zu schaffen.» Renten zum günstigen Preis? Discount-Renten? Hohe Rente, aber billig? Schon wieder eine Kolumne, die man nicht lesen muss.

Leider macht auch die NZZaS den Trend mit: halber Text zum ganzen Preis. Möglichst hohe Informationsdichte im günstigen Angebot? Leider nein:

Fünf Profile, eine älterwerdende Frau, eine kühne Behauptung. Schon ist die Front (fast) gefüllt. Und der Leser not amused.

Eigentlich sollte auch in der Sonntagspresse bekannt sein, dass ein Interview mit dem Dampfplauderer Balthasar Glättli reine Platzverschwendung ist. Genau wie das Riesenfoto, auf dem er aus seinem Fundus mal wieder den Gestus «ich fasse mir wichtig an die Brille» hervorzieht. Peinlich.

Auch die NZZaS frönt der neuen Mode: Grosses Ganzkörperfoto zu heisser Luft nebendran. Warum nicht dem abgehalfterten Sergio Ermotti Gelegenheit geben, seine Nachfolger mit Ratschlägen zu nerven.

Selbst in die Hallen der Kultur dringt fotografischer Sauglattismus. Sagt eine überlebensgrosse Wiedergabe des Klingelschilds von Gurlitt irgend etwas aus? Ausser: verdammt, wir brauchen hier noch ein Foto?

Aber, die NZZaS weiss dann doch da und dort zu versöhnen: Während in der SoZ Badran das Gefäss Medienkritik ähnlich malträtiert wie in der NZZaS Aline Wanner und der schreibende Pensionär, gibt dann immerhin ein kenntnisreicher Essay etwas Stoff:

Zwar ebenfalls so massiv wie überflüssig illustriert, aber daneben hat es Denkstoff.

Das Stichwort für die denkstofffreie Zone am Sonntag:

Das ist eine Schlagzeile, die an Einfalt, Dummheit und Belanglosigkeit, zudem bar jedes Informationswerts, entweder einem durch Inzucht völlig degenerierten Adligen – oder dem «SonntagsBlick» einfallen kann. Er walzt dann das Thema, um das auch die übrigen Sonntagsblätter sehr dankbar waren, auf sagenhaften 15 Seiten aus.

Darunter ist allerdings ein Kuriosum, über das noch lange schallend gelacht werden kann:

Wir haben hier etwas wahrhaft Historisches. Frank A. Meyer verzichtet auf sein Foto (wir erinnern uns mit Schaudern: ein viel jüngerer Meyer mit dunkler Brille vor dem Brandenburger Tor, das nur mühsam Haltung bewahrt angesichts seines fliederfarbenen Jackets, während die Säulen deshalb nicht brechen, weil sie das undefinierbar bunte Pochettli nicht sehen müssen).

Meyer verzichtet auf sein Foto, stattdessen hat er eine Kinderkrakelzeichnung einer Figur hineingestellt, die auf den Strich geht – oder im Begriff ist, über ihn zu stolpern. Sie ist gesichtslos, aber Hut und Handtasche scheinen darauf hinzuweisen, dass es sich wohl um die Queen handeln soll. Die würde es ob dieser Verballhornung wohl bei einem «oh, really?» bewenden lassen, denn sie hat eigentlich alles mit Fassung getragen. Allerdings ist sie noch nicht unter der Erde, da sollte man ihr vielleicht noch mit Respekt begegnen.

Wer hat denn diesen hingezitterten und nachkolorierten Klecks zu verantworten? Ah, da steht der Name der Künstlerin, Lilith Frey. Was, der Name ist Ihnen unbekannt? Das ist DIE Lilith Frey. Ehemalige Moderedaktorin bei der «Schweizer Illustrierte». Dann die erste, letzte und einzige «Feuilleton-Chefin». Beim Blatt für die gebildeten Stände und lesenden Lastwagenfahrer, beim «Blick». Vor allem aber war und ist sie die Lebensgefährtin von Frank A. Meyer.

Nein, lieber Leser, das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass diese, nun ja, diese Illustration das Porträt Meyers ersetzte. Hier zählt einzig der künstlerische Ausdruck, die malerische Bedeutung des Werks. Sagt da etwa jemand, die Körperproportionen stimmten dann auch nicht? Also bitte, der Arm des Jünglings mit der roten Weste von Cézanne ist auch viel zu lang, meckert doch auch keiner. Höchstens darüber, von wem und wo der ausgestellt ist. Aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Wir halten aber abschliessend fest: was ist noch schlimmer als eine Meyer-Kolumne mit einem Meyer-Foto? Wir konnten uns nichts vorstellen. Bis zu diesem Sonntag.

Ach, die Queen

Was für eine Frau. Unersetzbar.

Das britische Empire wurde in den letzten hundert Jahren kräftig gerupft. Von der Welt- und Seemacht mit riesigen Kolonien (Indien!), von «Britannia rules» geschrumpft, verzwergt. Nicht mal auf der eigenen Insel vertragen sich die Volksstämme. Selbst britisch gilt nicht mehr überall. Oder wie antwortete mir vor Jahren mal ein guter Freund, den ich als Briten bezeichnete: «Sorry, I’m English

Das Versnobte, die Haltung, die in jeder Lebenslage zu bewahren ist. Ein Engländer in der Hölle würde wohl sagen: «It’s rather unpleasant hot here, isn’t it.» Oder mitten im Urwald Afrikas begegnet ein Engländer dem einzigen anderen in mehreren tausend Kilometern Umgebung, nach dem er gesucht hat, und zur Begrüssung sagt er höflich: «Mr. Livingstone, I presume.»

Die Engländer, wagen wir, alle Inselbewohner immer noch Briten zu nennen, mögen «very peculiar» sein. Auch ihre Kolonialherrschaft war nicht von glühender Nächstenliebe geprägt. Aber ihre Kolonien, im Gegensatz zu den spanischen, portugiesischen oder holländischen, prosperierten im Allgemeinen auch nach der Unabhängigkeit. Der Begriff des «Fair Play» ist halt ihrer Mentalität eigen. Man kann ihnen sogar verzeihen, dass Cricket wohl mit Abstand der langweiligste, unverständlichste und absurdeste Mannschaftssport ist, der je erfunden wurde.

Englische Inneneinrichtung, die Gärten, der mit der Nagelschere gepflegte Rasen, der «High Tea», die Savile Row, der MI 6, der Zerfall, unerreicht dargestellt von John Le Carré, einem der (vielen) englischen Ausnahmekönner. Selbst Bushs* Pudel Tony Blair, selbst einen Irrwisch wie Boris Johnson hat die Insel überstanden, ohne unterzugehen.

Und all das – und noch viel mehr – hat eine Frau verkörpert, die niemals, kein einziges Mal in ihrem langen Leben und ihrer unerreicht langen Regentschaft die Haltung oder die Fassung verlor. Wer’s noch nicht gesehen hatte, sollte sich im Eingedenken «The Crown» auf Netflix reinziehen. Selten war das Innenleben einer letztlich normalen Familie so spannend aufbereitet.

Natürlich gab es immer wieder Versuche, den alten Zopf der Monarchie abzuschneiden. Geldverschwendung, all die peinlichen Details, die aus dem Eheleben der missratenen Söhne an die Öffentlichkeit drangen. Scheidungen und das Waschen dreckiger Wäsche, eine Diana, die der ganzen königlichen Familie in der Sonne stand – und dann wurde die Queen sogar noch gezwungen, Anteilnahme an deren Tod zu heucheln.

Blumenmeer vor dem Buckingham. Diesmal für die Queen.

Aber auch diese Aufgabe hat sie mit Bravour gemeistert. Während sie selber im Alter leicht schrumpfte, schrumpfte vor ihr jeder Mächtige, jedes aufgeblasene Ego zum Zwergenmass. Der Einzige (und der Letzte), von dem sie gelegentlich Ratschläge entgegennahm, war Winston Churchill, und das war kein schlechter Lehrmeister.

Mit Würde trug sie die unmöglichsten Hüte, die merkwürdigsten  Kleiderfarben, um aber auch immer wieder in vollem Strahlenkranz mit funkelnder Krone und glitzernden Juwelen und Diamanten aufzutreten. Sie gab artig die behandschuhte Hand, auch Helen Mirren, die sie in einem nicht nur schmeichelhaften Filmporträt spielte.

Queen Elizabeth wahrte immer etwas, was heutzutage so selten geworden ist: Würde. Haltung. Anstand. Abstand. Höflichkeit. Eben nicht: im Prinzip ja, aber es darf doch Ausnahmen geben. Sondern immer. Stoisch und mit der Zeit gehend machte sie aus der Royal Family ein Business, eine Company, die Unterhaltungswert bot und somit die Unsummen legitimierte, die sie den Steuerzahler kostet.

Sie war unberührbar, im besten Sinne. Als ihr die US-Präsidentengattin Michele Obama bei einem Empfang burschikos den Arm auf die Schulter legte, überging sie auch diesen Fauxpas mit unnahbarer Nonchalance.

15 Premierminister kamen und gingen während ihrer Regentschaft, und wie einer von ihnen mal offen gestand: Wenn man zur wöchentlichen Unterredung von ihr empfangen wurde, erzählte David Cameron, stellte sie kluge Fragen. «Und besser, man hatte auch kluge Antworten», fügte er hinzu. Denn sie war eine Königin ohne Macht. Aber dennoch mächtig, einfach weil sie Elizabeth II. war. Sie durfte sich nicht in die Politik einmischen, und jeweils als «Queen’s Speech» die jeweilige Regierungserklärung verlesen. Dennoch wäre es niemandem in den Sinn gekommen, ihr einen Text zu schreiben, mit dem sie sich nicht wohl gefühlt hätte. Denn sie strahlte auch etwas aus, das weitgehend verloren gegangen ist, die fraglose Haltung: Das tut man. Das tut man nicht. Wer da fragen muss: warum?, der hat’s nicht verstanden und dem kann’s auch nicht erklärt werden.

Ein einziges Mal zeigte sie auf ihre Art, was geschicktes königliches Lobbying ist. Zuzeiten der Apartheid in Südafrika, die von der damaligen Premierministerin Thatcher aus machtpolitischen Gründen nicht sanktioniert wurde, schaffte sie es, im Commonwealth eine Abstimmung durchzuführen und zu gewinnen, die die Apartheid in scharfen Worten verurteilte.

Das war erfolgreiche Machtpolitik mit beschränktesten Mitteln. Aber ansonsten war sie wohl, wenn das gesagt werden darf, ein eher einfaches Gemüt. Ihre Hunde, ihre Pferde, die Spaziergänge auf dem Land, der Abend vor dem knisternden Kaminfeuer, dazu ein Tee, und immer den kleinen Finger dabei abgespreizt – das war auch die Queen.

Eine Würdigung wäre nicht vollständig ohne die Erwähnung ihres Gatten. Prinz Philip starb 2021, zwei Monate vor seinem 100. Geburtstag. In zunehmendem Alter wurde er recht knorrig und sonderlich. Aber er verbrachte treubrav sein ganzen Leben als Nummer zwei. Immer einen Schritt hinter der Queen, immer der Mann von. Auch er war ein Ausbund von Haltung, verkniff sich jedes öffentliche Wort über das nicht sehr royale Verhalten seiner Sprösslinge und der übrigen königlichen Familie. Aber er muss ihr eine unverzichtbare Stütze gewesen sein, wie sie ein einziges Mal bei der Feier der Goldenen Hochzeit bei einer Tischrede durchblicken liess. Was er mit einem ganz, ganz leichten Schmunzeln verdankte. Denn stärkere Gefühlsausbrüche, das erlaubt man sich nicht.

Die erlaubte auch sie sich nicht, als er vor ihr starb. Sie gestattete der Weltöffentlichkeit nur das Bild einer einsamen Queen in der Kirche, ganz alleine an ihrem Platz.

Zu allem zu war die Queen ein Ausbund von Pflichtbewusstsein. Niemand kann die Bänder zählen, die sie in ihrer langen Regentschaft durchschnitten hat. Die Empfänge zu ihren Ehren, die sie durchlitten hat. Die unbeholfenen Honneurs, die viel zu langen und furchtbar langweiligen Reden, die sie sich anhören musste. Der ewige Pomp der Staatsempfänge, bei denen sie sich stoisch bemühte, ein gepflegtes Tischgespräch am Laufen zu halten, wer auch immer der Gast war.

Es gibt Menschen, die stehen über den Dingen. Der Autor ist alles andere als ein Monarchist und hält diese Veranstaltungen, wo sie noch existieren, für völlig überflüssigen Firlefanz. Mit einer Ausnahme. Denn es ist auch offenkundig, dass es keinem anderen Königshaus auf der Welt gelungen ist, diese einmalige Stellung zu imitieren, die sich die Queen erarbeitet hat.

Es gibt Menschen, die sind einfach da. Die gab es schon, als man auf die Welt kam. Die gab es, als man heranwuchs. Die gab es, als man selber älter wurde. Die gab es, als man langsam so alt wurde, wie man es sich gar nicht hätte vorstellen können. Es gibt Menschen, die geben Halt in haltlosen Zeiten. Nicht deswegen, was sie sind. Sondern einfach, weil sie da sind.

Weil ihre Haltung, ihre Würde unerreicht ist. Zwei Tage vor ihrem Tod empfing die Queen noch die neue Premierministerin. So fragil, gestützt auf einen Stock. Aber von Kopf bis Fuss eine Königin. Nicht nach Titel, sondern nach Sein. Das ist selten und in diesen Zeiten unerreicht.

«God save the Queen! Long live the King.» Es steht zu befürchten, dass der ewig Wartende, der ständig seine Manschetten zupfende, der wohl lieber gärtnernde als repräsentierende Charles in den langen Jahrzehnten seiner Vorbereitung auf die Königswürde wohl nur gelernt hat, dass er seiner Mutter nicht das Wasser reichen kann. Der Arme wird wohl am schmerzlichsten spüren, wie unersetzlich diese ewige Königin ist.

Ein wahrhaft schweres Erbe.

Queen Elizabeth II. hat sich so in unser kollektives Bewusstsein eingeprägt, dass sie gar nicht fort ist. Ihr «oh, really», ihr Ausdruck äussersten Missgefallens und Unbehagens «we are not amused» wird uns weiter begleiten. Auch ihre Anmut, Würde und exemplarische Pflichterfüllung. Sie verdient es, dass man zu ihr aufschaut. Im Leben wie im Tod.

*Korrigiert nach Leserhinweis.

 

Die britischen Medien

Durchaus geschmackvoll, was als Nachrufe auf die Queen erschienen ist. Ein Fotoalbum.*

Gepflegtes Schwarzweiss bei der «Times».

Opulente Farbenpracht beim «Guardian».

Suche nach Zeitlosigkeit bei FT.

SW und überlebensgross beim «Daily Telegraph».

Effekthascherisch bei der «Daily Mail».

Dezent der «Daily Mirror».

Nostalgisch «Metro».

*Blau war die Lieblingsfarbe der Queen.

PS: Morgen erscheint auch auf ZACKBUM ein Nachruf.

Es darf gelacht werden: Der Sonntag war zäh

Man spürt das Aufatmen, dass wenigstens die Beerdigung von Prinz Philipp Platz füllt.

 

Bilderblatt SoBli

«Sonntags

Blick |»

hat’s nicht leicht. Logo, so nennt das der Designer, Pardon, verkackt, Cover langweilig aufgeräumt, kein Wunder, dass die Titelgeschichte streng nach Mundgeruch unter der Maske riecht:

Wie verzweifelt muss man sein, um das zur Titelstory zu machen?

Auch der SoBli, wir machen doch eine Fotoromanza draus, muss natürlich noch etwas zu Tschanun sagen. Der kann sich ja nicht mehr wehren:

Dafür hätte er natürlich nochmal in den Knast gemusst.

Prinz Philipp, Beerdigung, Trauer, Königshaus, kriegen die beiden Enkelkinder Krach, bricht die Queen zusammen?

 

Allein, aber ungebrochen: die Queen.

Da hätte man was draus machen können. Aber «Die gebrochene Queen»? Sieht so diese tapfere, zähe, niemals die Contenance verlierende Dame aus? Und dann schlechtes Geschwurbel: «Niemand hält ihr die Hand, niemand tröstet sie.» Der Queen die Hand halten? In der Öffentlichkeit? Sie gar trösten? Ach, Helmut-Maria Glogger, wie du fehlst.

Inhalt? Jemand fragt nach Inhalt? Aber bitte sehr:

Mit so was verdient er seit vielen Jahren sein Auskommen.

Ein kleiner Kalauer im Titel, aber dann reitet Frank A. Meyer eines seiner Steckenpferde zu Tode. Kein Rahmenabkommen, heul. Schweiz wird’s dreckig gehen, schluchz. «Miteinander statt Gegeneinander» in Europa, tagträumt Meyer. Und die Schweiz, das kleine Stachelschwein, will wieder ganz alleine sein. Wäre doch auch ein hübscher Titel gewesen.

Noch mehr Inhalt? Nun ja, das ist hier so eine Sache:

Der Peter Maffay der Literatur.

Noch wichtiger als der Büchnerpreis – seither rotiert der arme Büchner im Grab – ist bei modernen Gesinnungsdichtern – das Foto. Darin hat sich Lukas Bärfuss von Anfang an ausgezeichnet. Lächeln, Weinglas auf dem Kopf, Grimassen? Himmels willen, das wäre ja Friedrich Dürrenmatt, niemals.

Der Dichter muss so schauen wie Bärfuss. Grimmig, leidend, misstrauisch, kritisch. Aber wehrhaft, mit den Fäusten die Brecht-Lederjacke umklammert. Brecht? Ach, lassen wir das. Haare streng zurückgekämmt, graumeliert, das Leiden an der Welt hinterlässt Spuren. Dazu der sorgfältig unterhaltene Dreitagebart, Symbol für: kam nicht mal zum Rasieren, musste schreiben.

Kleider machen keine Schriftsteller

Was das alles mit dem Inhalt vom «Essay» zu tun hat? Nichts, aber im Essay gähnt ja auch das Nichts. Bärfuss fordert den Rücktritt der Bundesräte Berset und Cassis. Das zeugt von überparteilicher Strenge. Auch Didaktik ist dem Dichter nicht fremd. So raunt er verdichtet schon am Anfang: «Die Schweizer Regierung besteht aus sieben Bundesräten, und jeder dieser sieben Bundesräte steht am Kopf einer Behörde, deren Aufgabe …»

So mäandert er sich durch Staatskunde für Anfänger und Zurückgebliebene. Viel zu viele Worte später erklärt der Nationalschreiber noch, was die Schweiz zusammenhalte: der «nationale Finanzausgleich». Darauf ist noch niemand gekommen, das ist originell. Allerdings nur deshalb, weil es bescheuert ist und deshalb von niemandem behauptet wurde. Bis Bärfuss kam.

Weiter stolpert Bärfuss durch die deutsche Sprache, die wie immer bei ihm nicht unbeschädigt davonkommt: «Leider gibt es hin und wieder Herausforderungen, die sich nicht in die Marktlogik übersetzen und deshalb nicht mit Geld lösen lassen.» Unübersetzbare Herausforderungen, die sprechende Marktlogik, die deshalb nicht angenommen oder bestanden werden, sondern gelöst? Oder eben nicht?

Müsste auch Bärfuss zurücktreten?

Der Sprache ist es schon ganz übel, und auch mir wird’s schummerig. Wollen wir’s nochmal probieren: «Die helvetische Normalität kennt nur die Verteilung des Gewinns. Einen gemeinsamen Verlust zu tragen, das vermögen wir hingegen nicht.» Hm, also allgemeine Gewinnverteilung, das wüsste ich aber. Und das gemeinsame Tragen von Velusten? Keine Ahnung, wo Bärfuss seine Steuern zahlt; sollte das in der Schweiz der Fall sein, trägt sogar er mit.

Aber wieso sollen denn nun ausgerechnet Cassis und Berset zurücktreten? Nun, wenn man dem Dichter folgen will: «Berset wollte keine Lockerungen, und Cassis wollte gar nie wirklich fürs Rahmenabkommen kämpfen.» Aha.

Bärfuss will doch auch nicht der deutschen Sprache ständig ans Mieder gehen und schlecht formulierte Absurditäten furzen. Aber obwohl er es tut, fordert niemand ein Schreibverbot für ihn. Das ist zwar bedauerlich, muss aber ertragen werden.

 

CH Media ist überall daheim

Das zweite Kopfblattmonster bemüht sich um Lokalkolorit. Manchmal gar nicht schlecht, um für unsere Ostschweizer Leser mal aus dem «Tagblatt» zu zitieren:

«Mit dem Slogan «So schmöckt’s Dihei» versucht ein Werbespot, Gemüsebouillon mit Heimatgefühlen zu verknüpfen. Nur: Der Sprecher sagt auf eine Art Zürichdeutsch «bi öis z Schaffuuse», die Herstellerfirma gehört einem britischen Grosskonzern, und als Hintergrund präsentiert sich ein Schneeberg aus Oberbayern – wo sind wir nun eigentlich dihei?»

Nicht schlecht die Katastrophe beschrieben, wenn Grosskonzerne Grossagenturen mit Werbung beauftragen, aber unbedingt authentic, you know. Heidi snow mountains, perhaps chocolate, okay?

Immerhin, auf zwei Seiten hat CH Media eine Antwort auf die Frage gefunden, die am Wochenende alle Redaktionen umtrieb: okay, Beerdigung, was machen wir dazu? Also neben dem, was alle anderen auch machen? Beerdigung, Leichenzug, was ist das Faszinosum daran? Das kann eine fürchterlich langweilige Story werden. Aber nicht, wenn sie von Daniele Muscionico geschrieben wird.

Das Lesevergnügen vor dem Tod.

Der persönliche Einsteig sei ihr verziehen, denn er ist gut. Und wer relativ rasch Helmut Qualtinger zitiert, kann anschliessend sowieso kaum mehr etwas falsch machen. Denn Qualtinger war einfach herausragend genial, und seine Sentenzen funktionieren auch, wenn nicht er selbst sie vorträgt:

«In Wien musst’ erst sterben, damit sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang.»

Weiter vorne beisst sich die «Schweiz am Wochenende» an etwas fest, was Journalisten ungemein, 90 Prozent der Leser eher am Rande interessiert: Wie war das nun genau beim Westschweizer TV? Aufmacher auf Seite eins, Doppelseite dahinter, grosser Kommentar im Anschluss.

Erschwerend kommt noch hinzu: weil sich Journis so extrem für sich selbst interessieren, basteln sie sogar eine Doppelseite über ihre (kleine) Welt, wenn es eigentlich nichts Neues zu berichten gibt.

Die Berichterstattung ist gar nicht knapp.

Letztlich ist diese Riesenstory so aussagekräftig wie der Minikommentar und Artikel zu Kuba, wo ein Fernrohrbeobachter aus Mexiko seine Erkenntnisse rieseln lässt. Jetzt müsse ökonomisch etwas geschehen, aber das sei gar nicht so einfach. Das hätte man auch unter dem Schreibtisch in Aarau herausfinden können.

Aber, das muss man Patrik Müller lassen, ein Interview mit Bradley Birkenfeld, der den ersten, bereits tödlichen Schuss auf das Schweizer Bankgeheimnis abfeuerte, keine schlechte Idee. Er musste dafür in den Knast, bekam aber rund 100 Millionen Dollar «Finderlohn», weil er dazu beitrug, die Schweizer Banken abzumelken.

Macht was her: der neue Maybach.

Viel Neues hat auch er nicht zu sagen, aber er ist ein unterhaltsamer Ami, und wir freuen uns, dass es ihm gutgeht: «Demnächst wird mein neuer Mercedes-Maybach ausgeliefert. Ich habe mir auch einen Ferrari F8-Spider gegönnt.» Für Sozialneidige: So ein Maybach kostet von 200’000 Franken aufwärts.

Etwas zu barock in der Innenausstattung: so mag’s der Scheich.