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Rechnen mit «Blick»

Eine richtige Zahl sei falsch. Wie geht das?

US-Präsident Donald Trump hat vor der UNO gross ausgeholt und sich selbst über den grünen Klee gelobt. Das meiste, was er dafür als Begründung anführte, ist blühender Blödsinn.

Doch dann erwähnt er eine Zahl, zu der «Blick»-Redaktor Daniel Macher zunächst nur einfällt: «Diese Zahl ist korrekt, sie liegt genau genommen bei 72,5 Prozent». Hätte er hier aufgehört, wäre es zwar kein Artikel geworden, aber dafür hätte er sich viel Peinlichkeit erspart.

Leider fährt er fort: «doch sie allein erzählt nur einen Teil der Geschichte».

Dabei wäre Macher doch im Prinzip qualifiziert: «Daniel hat ein Magisterstudium in Geschichte und Amerikanistik absolviert und sein journalistisches Handwerk in Hamburg gelernt.» Aber vielleicht war er dort beim «Spiegel», wo man leider nicht mehr wirklich echtes Handwerk lernt, sondern Haltungsjournalismus oder Relotius-Journalismus.

So nimmt auch hier das Unheil seinen Lauf, wenn er den anderen Teil erzählen will: «Eine tiefergehende Analyse zeigt, dass Trumps populistische These, Migration würde die Kriminalität in die Schweiz bringen, einer genaueren Betrachtung nicht standhält.»

Populistisch ist immer gut, aber die «genauere Betrachtung» von Macher ergibt eigentlich nur, dass 72,5 Prozent aller Gefängnisinsassen in der Schweiz – sagen wir es nicht-populistisch korrekt – einen starken Migrationshintergrund haben. Wie Trump völlig richtig sagte.

Doch Macher will uns helfen zu kapieren, dass das zwar so ist, aber eben doch nicht wirklich: «Um die Zahlen richtig zu verstehen, muss man zwischen den verschiedenen Gruppen von Ausländern in den Gefängnissen unterscheiden.»

Wie das? Es gebe eben Ausländer und Ausländer. Nämlich solche mit festem Wohnsitz, Asylanten und vor allem solche ohne festen Wohnsitz. Leider ändert auch das nichts daran, dass 72,5 Prozent, aber das sagten wir wohl schon.

Macher stürmt ungehemmt zum Ziel: es gebe «keinen direkten Zusammenhang zwischen den Migrationsbewegungen und der Kriminalitätsrate. Populistische Thesen wie die von Trump halten einer genauen Überprüfung nicht stand.»

Man mag nun einwenden, dass Trump wirklich nicht unbedingt eine verlässliche Quelle ist. Wie wäre es dann mit Dr. Frank Urbaniok, 23 Jahre lang Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich und ein ausgewiesener Kenner des Strafvollzugs?

Der hat zum grossen Ärger von Populisten wie Macher vor Kurzem ein Buch veröffentlicht. Mit dem Titel «Schattenseiten der Migration: Zahlen, Fakten, Lösungen».

Die mit ganzen Zahlengebirgen belegten zentralen Erkenntnisse des Fachmanns:

Ausländer bzw. Personen mit «nicht-einheimischer Herkunft» sind in der Kriminalstatistik überproportional vertreten – insbesondere in Bereichen wie Gewalt- und Sexualdelikten.

Hinter dieser Überrepräsentation stehen oft kulturspezifische Prägungen — also Einstellungen, Werte, Rollenbilder, Normen, Gewaltverständnisse, die in Herkunftsgesellschaften stärker verankert sind und sich auf das Verhalten auswirken könnten.

Diese Prägungen können auch dann fortwirken, wenn Menschen formal integriert sind.

Das ist halt blöd gelaufen für Macher, wenn er populistisch dem Populisten Trump eine reinwürgen will. Aber leider dafür das aktuelle Fachbuch der Schweizer Koryphäe zu diesem Thema entweder nicht kennt – oder ignoriert.

Nach der guten alten Journalistenregel: ich lasse mir doch von ein paar blöden Wahrheiten meine schöne Story nicht kaputtmachen.

Fargahis Schulmeisterei

Auf Stammtischniveau politisieren immer nur die Anderen.

Von Thomas Baumann
Am Samstag beglückte uns der Tagesanzeiger wieder einmal mit einem Leitartikel. Titel: «Die Volksschule darf nicht zur Kampfzone werden».
Was dieser Titel wohl bedeutet? Dass die Schule dem Lernen und nicht als Kampfarena dienen soll, ist ja eigentlich klar.
Im Lead fordert die Autorin, es brauche «konstruktive Lösungen anstatt plumper Forderungen aus der Politik».
Die «vielen Herausforderungen» führten dazu, «dass die Schweizer Volksschule zur Kampfzone der politischen Auseinandersetzung geworden» sei. FDP-Präsident Thierry Burkart hätte die integrative Schule für gescheitert erklärt, gleich wie die SVP. Selbst die Mitte-Partei fordere, das Konzept der integrativen Schule zu hinterfragen.
Die FDP fordere in einem Bildungspapier auch den Abbau von Frühfranzösisch und Frühenglisch, schreibt die TA-Redaktorin weiter.
Dass sich die Politik mit der Volksschule befasse, sei ja zu begrüssen. Jedoch: «Die Grenze ist dort zu ziehen, wo legitime Forderungen in Populismus umschlagen», belehrt uns TA-Redaktorin Nina Fargahi.
Populismus ist für sie zum Beispiel die Aussage von Marcel Dettling (SVP), dass die Schüler statt «richtigem Unterricht» Filme über Transsexualität schauen würden: «Provokationen à la Dettling tragen nur wenig — oder gar nichts — zur Verbesserung der Bildung unseres Nachwuchses bei.»
Trägt die Forderung von Dettling nun wenig oder gar nichts zur Verbesserung bei? Das ist durchaus ein Unterschied. Es ist natürlich klar, was die Redaktorin insgeheim meint: nämlich «nichts».
Aber sie getraut es sich nicht, das auszusprechen. Die Gründe dafür? Die Angst, dass sie falsch liegen könnte, Feigheit? Das Resultat: Die Aussage ist unbestimmt, unklar, unpräzise. Weil die Redaktorin Angst hat, etwas Falsches zu sagen, sagt sie gar nichts.
Viel lieber will sie ja Lösungen vorschlagen, «tragfähige Lösungen statt Stammtisch-Forderungen». Diese sehen zum Beispiel so aus:
«Vor allem braucht es mehr finanzielle Mittel und personelle Ressourcen, um den Schulbetrieb zu entlasten.»
Populismus oder plumpe Forderung? ‹I wo, ich doch nicht!› Und natürlich braucht die TA-Redaktorin für ihre Forderung auch nicht selber zu bezahlen. Darin ähnelt sie allen anderen Linken, die mit finanziellen Forderungen um sich werfen.
Was das Konzept der integrativen Schule betrifft: «Eine inklusive Gesellschaft braucht eine inklusive Schule», belehrt uns die TA-Redaktorin. Begründung? Fehlanzeige! Hat hier gerade jemand «Populismus!» gerufen?
Und wir lernen den tieferen Sinn des Titels kennen: Populisten sind immer nur die Anderen. Wehe, sie wagen es, mit anderen als den eigenen Forderungen anzutreten: Damit machen sie die Volksschule zur Kampfzone, diese Übeltäter!
Nicht gerade subtil, wie hier dem politischen Gegner die Legitimation abgesprochen wird.

Wumms: Alex Baur

Der Pensionär als Zeusler.

Man kann Alex Baur sicher nicht vorwerfen, dass er Lateinamerika nicht kennen würde. Im Gegenteil, kaum einer kennt es besser als er. Aus jahrelangen Aufenthalten in Peru, aus Reisen kreuz und quer. Das kommt nun erschwerend hinzu, wenn er behauptet:

«Der Strassenprotest gegen den knappen Wahlsieg von Lula ist legitim. Die Wiederwahl des Linkspopulisten war nicht ganz sauber.»

Brasiliens Demokratie ist ein Witz. Die Mehrheit der Parlamentsabgeordneten ist vorbestraft, korrupt sind wohl alle. Es stellen sich Witzfiguren, selbsterklärte Analphabeten und Beknackte zur Wahl – und werden nicht allzu selten auch gewählt.

Diesmal hatten die Brasilianer mal wieder die Wahl zwischen Skylla und Charybdis. Zwischen dem gescheiterten Rechtspopulisten Bolsonaro und dem korrupten und ebenfalls gescheiterten Linkspopulisten Lula.

Im Wahlkampf wurde von beiden Seiten mit Haken und Ösen, Lügen, Verleumdungen und allen juristischen Tricks gekämpft, Wahlwillige der anderen Seite kujoniert, billige Versprechungen wie auf dem Jahrmarkt gemacht.

Aber das Wahlprozedere anzuzweifeln, wo in ganz Lateinamerika Wahlen nur mehr oder minder mit zivilisierten Vorstellungen von diesem Vorgang zu tun haben, das ist ungut. Das ist besonders ungut, wenn nicht der Kandidat gewinnt, den Baur offensichtlich und ausweislich seiner Berichterstattung vor den Wahlen lieber als Sieger gesehen hätte.

Das Wörtchen «legitim» ist immer die Zuflucht von Populisten jeder Art, auch von Publizisten. Denn es gibt legal oder illegal, nichts dazwischen. Legitim heisst, es ist illegal, aber mir gefällt’s.

Politische Präferenzen haben und die auch ausdrücken, wieso nicht. Aber den Wahlvorgang schelten, das öffnet Tür und Tor für Zweifel an demokratischen Prozessen überhaupt. Was sich da in die Kommentarspalte der «Weltwoche» ergiesst, ist übel und übelriechend.

Ein paar Mütterchen: «Ich zweifle mittlerweile sogar in der Schweiz an den Wahlen. – Wahl und Abstimmungsmanipulation ist in der Schweiz möglich. – Und in 5 Tagen geht der nächste Wahlbetrug über die Bühne… in den USA. – Da soll jemand noch sagen, es geben keinen Deep-State Staatsapprat der als Würgegriff für linke Politik agiert. – Alles was wir jetzt sehen bei Wahlen in Westen ist NUR eine Illusion, Lügen und Manipulation.»

Wer solche Geister ruft, ist ein Brandstifter, ein verantwortungsloser Geselle, dem jede Polemik recht ist, der ohne Weiteres am Stützpfeiler freie Wahlen sägt, wenn ihm das Resultat nicht passt.

Dabei war’s in Brasilien doch ganz einfach. Es war eine Schlammschlacht, die TV-Debatten waren Slapstick vom Gröbsten, und einer der beiden Catcher hat gewonnen. Hätte auch der andere sein können. Zu bedauern sind die Brasilianer auf jeden Fall.