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Die Verlegerclans schiessen zurück

Das Komitee «Die Meinungsfreiheit» ist auf der Welt. Eine Sturzgeburt.

Der Name ist etwas grossmäulig: «Die-Meinungsfreiheit.ch» nennt sich das «das breit, und parteiübergreifend abgestützte Komitee».  Herr Duden ist noch nicht an Bord, aber das kann noch kommen.

Was soll uns dieser Namen eigentlich sagen? Ist die Meinungsfreiheit in der Schweiz in Gefahr? Muss sie gerettet, beschützt werden? Echt? Vor wem denn? Die lustige Antwort darauf gibt’s am Schluss.

Wenn man aus dem Tiefschlaf von null auf hundert kommen will, sieht’s dann so aus:

Fotorecherche ungenügend. Dumm gelaufen.

Macht ja nix. Wer steckt denn dahinter? Leider führt der Menüpunkt «Über uns» hierher:

«Über uns» gibts nichts zu sagen.

Macht ja auch nix, auf die Inhalte kommt es schliesslich an. Das Komitee setzt sich für ein Ja bei der kommenden Abstimmung über das im Parlament verabschiedete Mediengesetz ein. Dagegen wurde erfolgreich das Referendum ergriffen.

Nach einer schreckensbleichen Pause werden nun erste Argumente ausgerollt, wieso es gut und richtig sein soll, die Verlegerclans der Schweiz mit einer runden Milliarde Steuergeldern zu unterstützen.

Schauen wir mal. Was ist Dichtung, was Wahrheit?

Wie ist die Lage? «Der Werbemarkt wird durch die globalen Internetgiganten unter Druck gesetzt und die Erträge für die lokalen Medien sinken seit Jahren ungebremst.»

Das ist richtig, allerdings fehlt zur vollständigen Beschreibung, dass das daran liegt, dass die grossen Schweizer Verlage die Verlagerung ins Internet jahrelang schlichtweg verschnarcht hatten und bis heute keine sinnvolle Strategie entwickelten, um aus dieser Todesspirale herauszufinden.

«Die privaten Schweizer Medien haben ihr umfassendes journalistisches Angebot auf allen Kanälen ausgebaut und leisten so einen unverzichtbaren Beitrag zur medialen Grundversorgung in der Schweiz.»

Das ist falsch. Die Medienclans haben ihr Angebot auf allen Kanälen abgebaut, massenhaft Journalisten entlassen, Redaktionen zusammengelegt und verbreiten aus zwei zentralen Newsrooms die gleiche Sauce über die ganze Deutschschweiz.

«Die Schweizer Medien sind der Dorfplatz der direkten Demokratie.»

Das ist falsch. Geradezu nassforsch falsch. Das ist, wie wenn ein Detailhandelsriese ein zentrales Shoppingcenter eröffnet und darin mit Pappe und Plastik Dorfmärkte zusammenleimt.

«Während Schweizer Medien unter Druck stehen, sind Internetgiganten wie Facebook, Google oder TikTok massiv auf dem Vormarsch. Die Werbegelder, die im Schweizer Markt verloren gehen, fliessen hauptsächlich zu diesen Plattformen.»

Das ist richtig. Aber warum ist das so? Warum fliessen 90 Prozent der Erlöse aus dem Online-Marketing zu diesen Giganten? Weil die Schweizer Medienmanager mehr als zwanzig Jahre lang mit offenem Mund zugeschaut haben und «das ist irgendwie nicht gut» murmelten. Aber solange üppige Gehälter, Dividenden und Gewinne sprudelten, war das kein Anlass zu tiefer Besorgnis.

Die Internetgiganten (oben), die Schweizer Medienhäuser (unten).

Es gibt allerdings einen Punkt, den das Komitee wohlweisslich weiträumig umfährt. Totschweigt. Gar nicht erst ignoriert. Die Schweizer Anbieter, die eigene Handelsplattformen im Internet unterhalten, haben gerade Elefantenhochzeit gefeiert. Also eher eine Mäuseheirat zwischen Tamedia, Ringier und Mobiliar, die wiederum an Ringier beteiligt ist. Sie legen ihre Handelsplattformen zusammen. Endlich. Damit sausten die Unternehmenswerte nach oben.

Nur leere Worte von Vierter Gewalt und so

Warum wird das nicht erwähnt? Weil die Verlegerclans die Herstellung von News, die vollmundigen Selbstbeweihräucherungen als Vierte Gewalt, als Wächter und Kontrolleure nur noch aus Imagegründen blubbern. In Wirklichkeit verdienen sie die Kohle schon längst mit Marktplätzen, Wertschöpfungsketten und Beigemüse.

«Demokratie braucht starke Medien», so lautet der Slogan des Komitees. Super Satz.

Bloss: das sagen die gleichen Verlegerclans, die den Journalismus in der Schweiz zum Skelett runtergespart haben, auf Rumpfredaktionen runtergehobelt? Das sagen die im Geld schwimmenden Verlegerclans (die Besitzerfamilien sind Milliardäre oder zumindest Multimillionäre)? Das sagen die ohne rot zu werden, nachdem seit Jahren nach der Sparrunde vor der Sparrunde ist?

Das sagen sie ohne mit der Wimper zu zucken, während sie gleichzeitig jede «Quersubvention» durch im Print gegründete und aufgebaute Plattformen, die ins Internet abgezwitschert sind, an ihre Printmütter unterbinden?

Jeder für sich und der Clan gegen alle, das ist ihr Prinzip. Kaum verhüllt hinter solch wohltönenden Wortblasen.

Am besten Neustart, sonst wird das nix

Da müssen Kommunikationsspezialisten, Mietmäuler (sogenannte Testimonials) und Helfershelfer den Finger aus einem nicht dafür vorgesehenen Körperteil nehmen. Denn so wird das nix.

Dass schon über 70 Politiker das Komitee unterstützen, ist schliesslich auch keine Auszeichnung. Logisch machen die das, die brauchen die Medien im Kampf um die Lufthoheit über die veröffentlichte Meinung. Politiker sind graue Mäuse, sind kaum bemerkbar, wenn sie nicht immer wieder Auftritte in den Medien haben.

Denn nur dann nimmt man Kenntnis davon, dass gefordert, verurteilt, beantragt, kritisiert wird.

Also, liebes Komitee: das geht noch besser. Viel Geld ist nicht alles. Viel Brain ist wichtiger. Denn:

die grösste Gefahr für die Meinungsfreiheit, für den Meinungspluralismus sind doch die grossen Verlegerclans,

die von Basel bis Zürich, von Aarau bis St. Gallen mit Kopfblättern die gleiche Sauce über alles schütten.

In der Bundeshauptstadt Bern gab es immerhin noch zwei Tageszeitungen. Niemals werde da an eine Zusammenlegung gedacht, tönte Tamedia. Bis zur Zusammenlegung.

Noch ein paar kostenlose Ratschläge: Impressum? Verantwortlicher? Datenschutzhinweise? Anfängerfehler. Amateure, Dilettanten am Gerät.

Liebes Komitee, liebe Verlegerclans: der Medienkonsument ist vielleicht nicht der Hellste. Aber so blöd ist er auch nicht, dass man ihm ein X für ein U vormachen kann. Also tief durchatmen, dieses jämmerliche Komitee spülen, nochmal ansetzen. Es soll doch ein echter Kampf werden, kein K.o. schon in der ersten Runde.