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Die Wiederholung der Wiederholung

Anmerkungen zum israelischen Überfall auf den Libanon.

Man kann es wie Alex Baur sehen: «Der Iran und seine Vasallen hätten es in der Hand, das Blutvergiessen sofort zu beenden. Sie allein tragen die Verantwortung für das Elend.» (Siehe auch seine Replik in der heutigen Ausgabe von ZACKBUM)

Da aber der Libanon (genauso wenig wie Gaza) nicht zum Iran gehört, sondern eigentlich ein souveräner Staat ist, dürfte dieser fromme Wunsch wohl unerfüllt bleiben.

Auch an der Bezeichnung Überfall wird es Kritik geben. Wenn Russland behauptet, zwecks Selbstschutz müsse es eine militärische Spezialoperation zum Ausmerzen von Nazismus in der Ukraine ausführen, dann ist das selbstverständlich ein Überfall, eine Invasion. Wenn Israel behauptet, es müsse zwecks Selbstverteidigung militärische Schläge gegen den Libanon ausführen, zum Ausmerzen der Hisbollah, dann ist das was?

Die jüngere Geschichte zwischen Israel und dem Libanon wird in kaum einem der Kommentare, Analysen und Berichten über die jüngsten Kampfhandlungen erwähnt. Entweder aus der üblichen historischen Unkenntnis der Journalisten – oder ganz bewusst, weil das kein Ruhmesblatt für Israel ist.

Aus dem Kurzzeitgedächtnis der meisten scheint herausgefallen zu sein, dass es 1982 die Operation «Frieden für Galiläa» gab. Das war ein israelischer Angriffskrieg gegen den Libanon, eine militärische Offensive, die zur Besetzung grösserer Teile des Libanons inklusive der Hauptstadt Beirut durch israelische Truppen führte.

Schon damals war einer der Auslöser der Beschuss des Nordens Israels mit mehr als 100 Raketen, die vom Süden des Libanon abgefeuert wurden. Als israelische Truppen am 6. Juni 1982 die entmilitarisierte Zone durchquerten, verabschiedete damals der UNO-Sicherheitsrat (ohne dass die USA ihr Veto eingelegt hätten) die Resolution 509, die den sofortigen Rückzug der Truppen forderte – sie wurde von Israel ignoriert.

Diese Invasion führte zum Exodus der PLO aus dem Libanon, die in Tunis ihr neues Hauptquartier einrichtete. Am 16. September kam es zu einem zweitätigen Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Begangen von der maronitischen Phalange-Miliz, toleriert von den israelischen Truppen, die bei der Besetzung Beiruts diese Flüchtlingslager eingeschlossen hatten. Die Schätzungen über die Zahl der Toten gehen weit auseinander, von mindestens 300 bis über 3000.

Massaker in Schatila, 1982. 

Massaker beim Supernova Festival, 2023.

Angesichts solcher Gräueltaten mussten der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon, der Stabschef Rafael Elian und später auch der Premierminister Begin zurücktreten. Erst 2000 zogen sich die israelischen Truppen aus dem Libanon zurück. Durch den erzwungenen Abzug der PLO erstarkte die Hisbollah.

Im Jahr 2006 begann das, was Israel als zweiten Libanonkrieg bezeichnet. Auch hier waren der Invasion gegenseitige Provokationen der Hezbollah und Israels vorangegangen. Israelische Attentate, Raketenangriffe auf israelische Militärbasen, israelische Luftangriffe auf ein palästinensisches Flüchtlingslager im Libanon.

Nachdem Hamas-Terroristen auf israelischem Gebiet einen Soldaten gefangen genommen und dabei zwei weitere getötet hatten, begann einerseits die «Operation Sommerregen»; israelische Bodentruppen drangen in den Gazastreifen ein und besetzten ihn teilweise. Die Hamas reagierte mit Raketenangriffen auf Israel.

Als auch die Hetzbollah zwei israelische Soldaten auf israelischen Gebiet gefangennahm, begann die Operation «Gerechter Lohn». Am 12. Juli 2006 startete Israel eine grossangelegte Offensive gegen die Hisbollah im Libanon. Die israelische Luftwaffe bombardierte Strassen, Brücken und den Beiruter Flughafen und erzwang dessen Schliessung.

Am 23. Juli überquerten wieder israelische Truppen die Grenze zum Libanon. Die israelische Luftwaffe flog dabei über 15’000 Einsätze und die israelische Marine nahm rund 2500 Ziele entlang der Küste unter Feuer.

Die Hisbollah reagierte mit Raketenbeschuss gegen israelische Ziele, darunter Haifa, Nazaret und Tiberias.

Wikipedia schreibt: «Die zunehmende Zahl an Opfern unter den Zivilisten führte zu einer wachsenden Kritik an der israelischen Kriegsführung und einer Erhöhung des diplomatischen Druck auf Israel, insbesondere nach dem Tod der UNO-Beobachter in Chiyam. Hierzu trug auch das große Medienecho bei, das insbesondere der Luftangriff auf Kana, der Beschuss eines Flüchtlingskonvois bei Mardsch Uyun und der Angriff auf eine Gruppe syrischer Landarbeiter bei al-Qaa mit 23 Opfern hervorgerufen hatte

Im Oktober 2006 hatten sich die israelischen Truppen weitgehend aus dem Libanon zurückgezogen. Alleine dieser Krieg kostet Israel schätzungsweise 4 Milliarden Dollar, diesmal trat nur der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte zurück.

Bis heute ist die libanesische Regierung nicht Herr über das ganze Land; im Süden herrscht unangefochten die Hisbollah, Syrien und der Iran mischten und mischen sich ein, die 15’000 UNIFIL-Soldaten, die die entmilitarisierte Zone im Süden Libanons überwachen sollen, tun das nur unvollständig; aktuell werden sie von Israel zum Abzug aufgefordert.

Vor diesem Hintergrund ist – wie immer im Nahen Osten – die Forderung nach sogenannten einfachen Lösungen völlig unsinnig. Die Invasion Israels im Jahr 1982 wirkt bis heute nach, auch der zweite Überfall im Jahr 2006. Wie im Gazastreifen die Hamas stärkte Israel damit im Libanon die Hisbollah, die nun bekämpft wird – mit den üblichen Kollateralschäden bei der Zivilbevölkerung. Auch diesmal bombardiert Israel auch Wohnviertel in Beirut und anderswo.

Huhn oder Ei, wer hat angefangen, wer ist schuld? Im Nahen Osten eine Frage ohne Antwort. Nur ideologische Brillenträger haben eine einfache Antwort. Es ist eine atavistische Wiederholung der Wiederholung.

Als gesichert kann höchstens gelten, dass bislang keine der militärischen Interventionen Israels im Libanon das gewünschte Ziel erreicht hat – die Vernichtung der Hisbollah und die Befriedung der Nordgrenze. Woher da jemand die Hoffnung nimmt, dass es diesmal gelingen könnte?

Die ökonomischen Folgen dieser Kriege für Israel (von den desaströsen Zerstörungen im Gazastreifen und im Libanon ganz zu schweigen) sind katastrophal, es handelt sich um Multimilliarden. Wie lange der Staat noch in der Lage ist, diese Kosten zu stemmen, steht in den Sternen. Zu den horrenden Kosten dieser militärischen Interventionen kommen noch die Basiskosten der Aufrechterhaltung einer militärischen Abschreckung.

Wer das für eine nachhaltige, lösungsorientierte Politik hält, sollte sich untersuchen lassen.

 

Eine Frage der Beredsamkeit

Tomer Persico zieht in der NZZ vom Leder.

Zugegeben, im Vergleich ist das, was Joelle Weil auf CH Media kommentiert, intellektuelle Wassersuppe. Persico ist ein wortmächtiger Intellektueller, der an israelischen Universitäten arbeitet und forscht.

Er holt weit, weit aus, um sein Urteil auf die aktuelle «weltrevolutionäre Linke» (wer das wohl ist?) herabsausen zu lassen. Daher beginnt er im Jahre 1978, als der französische Strukturalist Michel Foucault Teheran kurz vor dem Sturz des Schahs besuchte.

Persico reiht ihn ein bei den Kritikern der westlichen Moderne; Foucault schrieb damals: «Die Modernisierung als politisches Projekt und als Prinzip der gesellschaftlichen Transformation gehört in Iran der Vergangenheit anDaran anknüpfend zerpflückt Persico die Verteidigung des Angriffs vom 7.Oktober durch die «Foucault-Adeptin» Judith Butler als angeblichen «bewaffneten Widerstand».

Weiter geht’s im wilden Ritt, «die Vernarrtheit der westlichen radikalen Linken in den islamistischen Terrorismus erscheint als eine Konstante, die bis zur Unterstützung der PLO durch die Sowjetunion nach dem Sechs-Tage- Krieg von 1967 zurückreicht». Dass die PLO damals «islamistischen Terrorismus» betrieb, wäre allerdings neu; die Hamas ermordete neulich deren Exponenten im Gazastreifen, weil sie ihr nicht islamistisch genug waren.

Geht es gegen französische Philosophen, darf natürlich Jean Baudrillard nicht fehlen, der – wie Foucault – neben Bedenkenswertem und Grossartigem auch viel Dunkeldummes gesagt hat. Aus diesen Steinbrüchen grosser Denker kann sich jeder bedienen, der sie wie Perisco denunzieren und nicht verständig kritisieren will.

Wer dann auch noch Sartres Vorwort zu Franz Fanons fulminanter Abrechnung «Die Verdammten dieser Erde» zitiert, beweist damit endgültig: hier geht es nicht um verstehen, sondern um verdammen.

Da darf im wilden Ritt dann die Romantik nicht fehlen, Max Weber natürlich, Émile Durkheim und schliesslich sogar der Faschismus und der Marxismus, die sich alle gegen den «Okzidentalismus», die westliche Moderne auflehnten.

Dabei schreckt Persico auch vor Absurdem nicht zurück: «Und strebten nicht auch dominante Teile der marxistischen Bewegung, in Wirklichkeit eine Rückkehr zur vormodernen Stammesgemeinschaft anKleiner Spoiler: weder dominante noch andere Teile wollten einen solchen Unsinn.

Nachdem er weit, sehr weit ausgeholt hat, und dabei fast auf den Rücken gefallen wäre, kommt Persico endlich zu seiner Kernthese:

«Als offensichtlichste Manifestation des «Westens» inmitten des «Ostens», als das, was als vermeintlich letztes Überbleibsel kolonialer Herrschaft und des Imperialismus (wie klein auch immer) erscheint, fungiert Israel als Blitzableiter für das toxische Abendland.»

Dann macht er einen demagogisch geschickten Zwischenschritt: «Natürlich ist ein beträchtlicher Teil der Kritik an Israel nicht unbegründet. Israel unterdrückt ein anderes Volk militärisch und zeigt tragischerweise keine Bereitschaft, diese Unterdrückung zu beenden.»

Der ist aber nur die Einleitung zum Folgenden: «Aber die Verquickung von Postkolonialismus, Postnationalismus und Antirassismus, wie sie sich in der Feier des «Widerstands» der Hamas im Gazastreifen manifestiert, signalisiert Tieferes als eine begründbare Ablehnung der Einschnürung durch die israelische Armee.»

Nun greift Persico tief in die Trickkiste gelehrter Fremdwörter: Es gälte, Israel als «Emanation der Moderne zu überwinden», denn der Staat sei ein «Metonym für das gesamte zivilisatorische Feld, das von der Aufklärung bis zum industriell-militärischen Komplex reicht».

Für weniger Gebildete: Emanation ist schlichtweg Ausstrahlung, ein Metonym ist ein Wort, das für etwas anderes steht. Beispielsweise Bern für die Landesregierung. Aber das ist nur die Einleitung für einen Aufschwung ins lyrisch Bösartige:

«Israels Jüdischsein lässt seine Existenz zu einem doppelten Schlag ins Gesicht seiner Verächter werden. Als Stammvater des Christentums erscheint ihnen das Judentum als der archaischste Kern des Westens, als Ur-Punkt des Ur-Westens. Israel wird auf diese Weise zu einem Totem, das die bösen Geister der gesamten westlichen Geschichte vereint.»

Nun wird es so absurd, dass vollständig zitiert werden muss:

«Israel für seinen angeblichen rassistischen Kolonialismus büssen zu lassen, erscheint nicht nur als ein notwendiger Schritt auf dem langen Marsch zur Gerechtigkeit, sondern schafft für viele Reinigung und Absolution. Die Auslöschung Israels als westliche Inkarnation befreit den Westen selbst von seiner vergangenen Schuld. Der Wunsch, Israel zu vernichten, folgt dem Wunsch nach Therapie und Heilung. Die Verfehlungen aller Vorväter, dieser imperialistischen, kolonialistischen, sklavenhalterischen Europäer, werden endlich gesühnt. Der jüdische Staat soll in einem neuen Holocaust geopfert werden, um die Ursünden des Westens zu tilgen.»

What a bullshit, kann man zwischendurch kurz sagen. Es folgt die Schlussfolgerung. Hinter dem Kampf gegen «weisse Vorherrschaft», gegen «Imperialismus» stehe in Wirklichkeit: «Es ist die Ablehnung einer ganzen zivilisatorischen Kultur, der Moderne.Wir scheinen uns selbst einfach nicht verzeihen zu können, dass wir modern geworden sind.»

Auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen: what a bullshit. Eigentlich sollten wir den Eurozentrismus, dass nur wir aufgeklärten und modernen Menschen die «zivilisatorische Kultur» verkörpern, gar «die Moderne», längst überwunden haben.

Schliesslich wissen wir darum, welche Verheerungen, welche unsäglichen Verbrechen diese Kultur nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt begangen hat. Kolonialismus, Auslöschung ganzer Kulturen, Sklaverei, Vernichtung durch Zwangsarbeit, abgesegnet durch die katholische Kirche – ist es da ein Wunder, dass bis heute grössere Teile der Welt diese angebliche Moderne aus tiefstem Herzen ablehnen, ja hassen?

Welche Arroganz, sich als einziger Vertreter der «Moderne» aufschwingen zu wollen, mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen, die längst vor «unserer» Zivilisation hochzivilisiert waren (wie Persien und China), sich aber nun teilweise ins religiöse Mittelalter verlaufen haben. Was man gerade im Fall des Irans als Gegenbewegung gegen diese angebliche Moderne verstehen kann, die vom westlich-korrupt-brutalen Schah verkörpert wurde.

Und die Vorwürfe gegen Israel kann man auch eine Nummer kleiner erklären: wer so vorgeht wie im Gazastreifen oder in der Westbank, der muss sich nicht wundern, dass er selbst von Verbündeten, Alliierten und Freunden scharf kritisiert wird. Nicht als Echo auf die Kritik am eurozentristischen Aufoktroyieren «unserer» Werte und Vorstellungen.

Dass es in der «weltrevolutionären Linken», was immer das sein mag, auch Verpeilte gibt, so wie in israelischen orthodoxen Kreisen, so wie in der Hamas, ist bedauerlich, aber kein Grund, sie so demagogisch fertigmachen zu wollen. Das ist Wulst, reines Wollen. Keine Kunst, denn die kommt von können.