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Mein Geld, dein Geld

Ist Russland bald pleite? Oder nicht? Die Medien machen Ramschverkauf.

Das Schöne an der sogenannte freien Presse ist: sie ist weitgehend frei von Kenntnissen. Selbst banale wirtschaftliche Fragen werden so oder so beantwortet.

Nehmen wir die nun nicht allzu schwierige Frage, ob Russland in eine Staatspleite schlittert oder nicht. Sollte man eigentlich beantworten können. Kann man. «Die Welt» ist sich sicher: «Moskaus Pleite steht unmittelbar bevor». Zwar im vorsichtigen Journalisten-Konjunktiv, aber dennoch mit klarer Zeitangabe: «Schon Anfang Mai könnte das nach Fläche größte Land der Welt als international zahlungsunfähig dastehen

Klare Prognose der «Welt»: nicht bald, sondern jetzt.

Da der Journalist weiss, dass seinem Sachverstand der Leser nicht unbedingt traut, zitiert er einen Fachmann: ««Investoren bekommen nicht ihr Geld. Ein Default ist ein Default», kommentiert Timothy Ash, Schwellenländerstratege bei Bluebay Asset Management

Nicht gegen diesen Schwellenländerstrategen, aber worin besteht genau dessen Qualifikation?

Der Verfasser des Artikels will dann doch auf Nummer sicher gehen und endet, im klaren Widerspruch zur Headline: «Beobachter weisen allerdings darauf hin, dass die Wertentwicklung des Rubels nicht zu einem Bankrott des Landes passen will. Die russische Währung notiert in Dollar und Euro jetzt wieder so hoch wie Ausbruch des Kriegs.» Kann man also so oder so sehen.

Wenn’s in der SZ steht, steht’s auch in Tamedia

Was die «Welt» weiss, echot natürlich auch die «Süddeutsche Zeitung»: «Staatspleite Russlands wird immer wahrscheinlicher.» Und das bedeutet, wir ahnen es, genau, dass das wirtschaftliche Kompetenzzentrum Tamedia hinter seiner Bezahlschranke weiss: «Staatspleite Russlands wird immer wahrscheinlicher». Hm, kongenial zum gleichen Resultat wie die SZ gekommen? Nein, Artikel per copy/paste übernommen und gegen Entgelt in der Schweiz angeboten.

Das Original in der «Süddeutschen».

Die Originalkopie von Tamedia. Man beachte die neu formulierte Headline …

Wenn es den Begriff journalistische Pleite gäbe, hier wäre er angebracht. Fröhlich gegen den Strom schwimmt wie meist die «Weltwoche». Hier weiss ein Peter Hänseler: «Es wird wohl einige Augenblicke dauern, aber alles Zwängen und Drohen des Westens wird nichts nützen. Russland wird seine Rohstoffe in Zukunft in Rubel verkaufen, was den Rubel stärken wird.» Er sieht die Zukunft ganz anders, nämlich rosig für den Rubel:

«Die erlassenen Sanktionen tun Russland zwar kurzfristig weh, die Konsequenzen für den Westen haben jedoch das Potenzial, die gesamte westliche Wirtschaftsordnung aus den Angeln zu heben und somit die Vorherrschaft des Westens zu beenden und durch ein System abzulösen, das ohne exorbitante Privilegien auskommt.»

Kann man so, so oder soso lala sehen

Dazu muss man wissen, dass laut WeWo Hänseler ein «Schweizer Anwalt und Unternehmer» sei, der seit 25 Jahren in Russland tätig sei und seit einem Jahr in Moskau lebe. «Er ist dort nicht erwerbstätig und pflegt keinerlei Kontakte zu Politik oder Grossfinanz.»

Nicht der Rubel, der Dollar ist am Ende. Meint der WeWo-Autor.

Lassen wir das einmal so stehen; man kann natürlich auch in Moskau dem süssen Nichtstun nachgehen und in der WeWo einen Artikel nach dem anderen absondern. Von dort weiss er Erstaunliches von seinen Gesprächen in seinem Bekanntenkreis zu berichten: «Einig sei man sich in der Einschätzung, dass der sogenannte Euromaidan 2014 ein amerikanischer Coup gewesen sei.» Daher kritisiere man auch in Moskau Putin: «Meine Gesprächspartner finden, Putin hätte bereits 2014 in der Ukraine eingreifen sollen.»

Immerhin, das Leben in der russischen Hauptstadt ist angenehm: «Gab es vor einem Vierteljahrhundert ein paar wenige und völlig überteuerte Restaurants in dieser Stadt, sind es heute über 20 000. Für jeden Geschmack, jede Küche und jedes Budget gibt es eine riesige Auswahl.» Aber nicht nur Gourmetfreuden hält Moskau bereit: «Die russische Seele ist so warm, dass der sibirische Winter keine Chance hat.»

Die russische Sääle lääbt

Ach, wussten wir es doch immer schon. Raue Schale, weicher Kern, ab der zweiten Flasche Wodka wird der Russe sentimental und umarmt jeden Fremden mit Tränen in den Augen: Druzhba (Freundschaft), Nasdrovje (Prosit), drug (Freund).

Einem solchen Schwurbler vertraut die WeWo ihre Berichterstattung über die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen an. Man muss leider sagen, dass Roger Köppel in dieser Angelegenheit ein unglückliches Händchen hat. Wie schon damals bei der UBS, deren Krise er für beendet erklären liess – am gleichen Tag, als die Bank um Staatshilfe betteln musste –, liess er eine andere Koryphäe am Tag des Überfalls auf die Ukraine sülzen, dass Putin nun wirklich im Westen ganz furchtbar missverstanden werde.

Denn der Totalversager Putin verkörpere «Tradition, Familie, Patriotismus, Krieg, Religion, Männlichkeit, Militär, Machtpolitik und nationale Interessen», wusste Köppel damals.

Damit ist die Frage auch nicht beantwortet, ob Russland nun pleite geht oder der Rubel die neue Leitwährung wird? Richtig, doch dazu braucht es einen gesonderten Artikel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nord Stream 2: Zuger Zombie

Die Massenentlassung, die keine ist. Oder ein Konkurs, der keiner ist.

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Bundesrat Parmelin gab bekannt, dass die Firma Nord Stream 2 im Gefolge der Sistierung der Inbetriebnahme der neuen Erdgaspipeline 140 Mitarbeiter entlassen habe. Die fertig gebaute Pipeline Nord Stream 2 wurde vom deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz nach längerem Zögern auf Eis gelegt.

Das wiederum wäre eine Massenentlassung mit allen arbeitsrechtlichen Konsequenzen, einem Sozialplan und so weiter. In «Blick TV» korrigierte daraufhin die Zuger Volkswirtschaftsdirektorin Silvia Thalmann-Gut (Mitte) den Bundesrat: es handle sich um keine Massenentlassung, «das ist es nur, wenn das Unternehmen weiter besteht. In diesem Fall handelt es sich allerdings um einen Konkurs.»

Nur: Das Konkursamt von Zug weiss nichts davon, verweist ans Kantonsgericht. Das sagt, dass es nichts sagt. Anfrage bei der Volkswirtschaftsdirektion. Die Firma habe «massive Zahlungsschwierigkeiten», wegen den Sanktionen seien alle Konten gesperrt. Daher seien 106 Mitarbeiter gekündigt worden.

Es handle sich aber dabei um keine Massenentlassung. Ein Konkurs sei auch nicht offiziell angemeldet worden. Ist eine Firma pleite, braucht es keinen Sozialplan und müssen keine Vorschriften einer Massenentlassung beachtet werden. Man muss da von einem Zuger Sonderweg in den rechtsfreien Raum sprechen.

Ist eine Firma nicht Konkurs, dann muss sie entsprechende Gesuche stellen und sich um einen Sozialplan bemühen. Oder aber, es ist eine Firma in Zug. Die darf dann sozusagen in einer Zwischenzone als Untote weiterleben. Diesen Zustand nennen wir den Zuger Zombie.

 

 

Ein Bruchpilot namens Rasch

So sieht das Ende aus; nicht einmal ein Abschied in Würde.

CNN Money Switzerland ist kaputt. Die Hintergründe.

Als ich mich kurz nach dem Start bei CNN Money Switzerland umschaute, herrschte die übliche, lustvolle, motivierte und mit viel Herzblut angereicherte Atmosphäre eines typischen Start-up.

Urs Gredig als Chefredaktor verbreitete gute Laune, was auch seinem Gemüt entspricht. Mit Martina Fuchs hatte sich der Sender eine Schweizer Anchorwoman geholt, die hierzulande gerade Furore machte; als vormalig einzige ausländische Moderatorin im chinesischen Staats-TV.

Eher ranziger Stimmung war schon damals der CEO Christophe Rasch. Besonders, wenn man ihn darauf ansprach, wie denn der Sender eine für Werbekunden interessante Reichweite bekommen könne. «Ich pumpe doch nicht meine Zahlen auf, indem ich nackte Frauen auf die Webseite stelle», fetzte er zurück.

Schwarze Zahlen nach einem Jahr

Offensichtlich meinte er, seine bisherigen Erfahrungen im Bereich elektronische Medien würden es ihm ermöglichen, Wunder zu vollbringen: «Wir glauben, dass wir im ersten Jahr Break-even erreichen können», tönte Rasch kurz nach dem Start.

Das sei eben ein Multichannel-Projekt, nicht einfach ein TV-Kanal, wer nicht sehe, dass so ein Sender gewaltiges Potenzial habe, verstehe halt nichts vom Geschäft. Seinem offensichtlich gut entwickelten Selbstbewusstsein tat es auch keinen Abbruch, als auch nach einem Jahr die Einschaltquote unterirdisch blieb, kaum jemand von der Existenz von CNN Money Switzerland wusste, und Break-even natürlich in weiter Ferne lag.

Nach zwei Jahren zogen sich dann Martina Fuchs und Urs Gredig zurück. Geräuschlos, ohne das übliche Absingen schmutziger Lieder. Wer den Eindruck bekommen könnte, dass es mit dem Sender langsam Richtung Absturz gehe, dem stellte Rasch ein neues TV-Studio in der Westschweiz und die Verpflichtung von Patrizia Laeri als neue Chefredaktorin entgegen.

Eher befremdliche Investoren

Unwirsch reagierte Rasch auch immer bei Nachfragen bezüglich seinen Investoren. Da wird’s ein Momentchen kompliziert. Am Anfang war der ehemalige Rothschild-Banker Julien Pitton als VR-Präsident an Bord der AG. Als Berater einer asiatischen Holding brachte er die Brüder Sikder aus Bangladesh dazu, in dieses Start-up zu investieren. Weiter an Bord ist der Wirtschaftsanwalt Christophe Wilhelm, mit dem Rasch über seine PR-Agentur Media Go verbunden ist.

Weiter im VR sitzt Sameer Ahmed, ebenfalls ein Geschäftsmann aus Bangla Desh, Gründer und CEO von RSA Capital. Die Firma verfügt über eine nett gestaltete Webseite, aber ihre E-Mail-Adresse ist ungültig, und Antworten tut sie auch nicht, wenn man sie auf anderen Wegen zu erreichen versucht.

Wilhelm taucht inzwischen im Organigramm im Handelsregister nicht mehr auf. Wie sich die Investoren aus Bangla Desh und Rasch das Aktienkapital von ausgewiesenen 133’500 Franken aufgeteilt haben, ist nicht bekannt, ebenso wenig Umsatz oder allenfalls Gewinn. Es ist allerdings offensichtlich, dass die Geschäftsleute aus Bangla Desh mehrfach Geld nachschossen, um die laufenden Kosten und die Expansionspläne von Rasch zu finanzieren.

Die wichtigsten Investoren auf der Flucht?

Laut lokalen Presseberichten ist es aber so, dass die Gebrüder Sikder schon im Mai ihr Land überstürzt verlassen haben und mit einem firmeneigenen Jet nach Thailand flüchteten. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten mehrere Bankmanager mit dem Tode bedroht, weil die sich geweigert haben sollen, eine Immobilie der Sikders weit oberhalb des Marktwerts zu beleihen.

Seither melden sich die Gebrüder gelegentlich aus dem Exil, worauf die Justizbehörden von Bangla Desh sehr unwirsch reagieren. Das alles hinderte Rasch dem Vernehmen nach nicht daran, mit seiner Lebensgefährtin, einer Schwester des Pictet-Bankers Boris Collardi, standesgemäss luxuriöse Sommerferien zu verbringen. Zur Verbitterung der Angestellten, die seit Anfang Juli auf ihre Gehälter warten, habe Rasch Fotos davon in seinen Facebook-Account gestellt. Sie sind inzwischen gelöscht.

Boris Collardi, der als Wunderknabe von Bär zur diskreten Privatbank Pictet als Teilhaber wechselte, ist inzwischen auch in eher stürmischen Gewässern. Während er sein neues Büro in den ehemaligen Räumen der verblichenen Bank Leu an der Bahnhofstrasse Zürich bezog, rümpfte die Bankenaufsicht öffentlich hörbar die Nase über schwere Mängel in der Bekämpfung von Geldwäscherei bei der Bank Bär – genau in den Jahren, in denen Collardi dort als CEO Neugeld wie Heu hereinschaufelte.

Schnell schrumpfte Rasch auf Normalgrösse

Also rundum gewittert es, und Rasch schrumpfte atemberaubend schnell von einem visionären Geschäftsmann zu einem Versager, der nun natürlich der Pandemie und den düsteren Zukunftsaussichten im Medienmarkt die Schuld an dem Ende von CNN Money gibt.

Deshalb habe er auch bei der Krisensitzung von letztem Sonntag für das Aus gestimmt, gibt er knapp bekannt. Der Ball liege nun beim Konkursrichter, der Sender stelle demnächst seinen Betrieb ein. Das hat er bereits, aber auch das muss der Aufmerksamkeit von Rasch entgangen sein.

In mehr als zweieinhalb Jahren ist es ihm, trotz zusätzlicher Finanzspritzen, weder gelungen, seinen Sender auf die Landkarte zu heben, noch Einkünfte zu generieren, die den satten Kosten von zwei hochprofessionellen Studios und 27 Mitarbeitern auch nur im entfernten auf Augenhöhe begegnen.

Mal wieder Millionen verröstet

Eine Burn-rate von einer runden Million Franken pro Monat wies Rasch damals als «viel zu hoch» zurück, aber die richtige Zahl wollte er nicht nennen. Wer sich im Business etwas auskennt, hält eine Million für Sendungen auf diesem Niveau für durchaus realistisch.

Nun müssen sich die Mitarbeiter, ausgerechnet in dieser Situation, neue Arbeitgeber suchen. Und sich eine Antwort auf die Frage überlegen, was sie eigentlich die letzten zweieinhalb Jahre gemacht haben. Rasch könnte das problemlos tun: Er hat sinnlos und viel zu lange sehr viel Geld verbrannt. Dass es so nicht funktionieren kann, war schon lange vor der Pandemie sonnenklar.

 

Siehe auch hier.