Wahn und Wirklichkeit
Die neue Tamedia-Werbekampagne bringt Heiterkeit in den Alltag.
Zwischen Selbstvermarktung, Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit sollte kein allzu grosser Spalt klaffen.
Ein Sparmobil kann sich nicht als Rolls-Royce verkaufen. Billig-Discounter sind keine Gourmet-Tempel. Die Deutsche Bahn ist nicht Pünktlichkeits-Weltmeister.
Gebeutelt von ständigen Sparmassnahmen, Zusammenlegungen und Entlassungen kam bislang nur die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi auf die Idee, das als Qualitätssteigerung und Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus des Hauses Tamedia zu verkaufen.
Während sich die Leserschaft zunehmend gähnend abwendet, wenn sie mit eingekauften Stücken von der «Süddeutschen Zeitung» aus München, der unermüdlichen Nabelschau der verbliebenen Redaktoren und ständigen Besserwissereien, Ratschlägen und Handlungsanleitungen berieselt wird.
Hier fehlt die Trennschärfe zwischen Wahn, Wille und Wirklichkeit immer mehr. Selbst die krachende Niederlage der Erbschaftssteuer-Initiative wird wortreich bedauert und betrauert und behauptet:
«Eine Erbschaftssteuer würde die Wirtschaft ankurbeln und die Welt gerechter machen.»
Aber die Welt bleibt leider, trotz allen Bemühungen der Gesinnungsblasen-Schreiber von Tamedia, die nichts anderes machen als ständig neue Blasen aufzublasen, ungerecht.
Obwohl der gesamte Kopfsalat von Tamedia weitgehend mit der gleichen Einheitssauce abgefüllt wird. Basel, Bern, Zürich, Hauptsache München.
Nun wurde aber eine neue Werbekampagne lanciert, bei der man sich fragen muss, welche Substanzen bei ihrer Kreation inhaliert, geschnupft, geschluckt wurden:

ZACKBUM wischt sich die Lachtränen aus den Augen und fragt: «Vielstimmig statt eintönig»? Wie soll das gehen, wenn vielstimmig Eintöniges intoniert wird. Wie wäre es stattdessen mit «Einfältig und eintönig?» Wie wäre es, eine Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen: Verkaufte Auflage minus 62 Prozent seit 2008.
Und wenn Nicken von oben verordnet wird, dann nicken doch alle bei Tamedia mit. Wenn dem Big Boss Pietro Supino ein Artikel, ein Autor nicht passt: weg damit. Wenn er die strikte Trennung zwischen Verlag und Redaktion in die Tonne tritt und zu ellenlangen Kommentaren ausholt: nick, nick, nick.

Ach ja? Das hätte zur Voraussetzung, dass verschiedene Meinungen existieren würden. Ist aber nicht so, nicht nur ZACKBUM-Redaktor René Zeyer hat bei Tamedia Schreibverbot. Chefredaktorin Mimose goutiert seine kritische Meinung nicht. Kein Brückenschlag möglich.
Aber, das muss man der Kampagne lassen, hier schimmert eine Spur von Selbstkritik durch:

Das hindert aber die in ihren Verrichtungsboxen im Newsroom werkelnden Journalisten nicht daran, zwar nicht Bescheid zu wissen, aber allen Bescheid zu stossen, wie man die Welt sehen sollte. Informiert sind sie mittels Google, KI und Newsagenturen. Denn wer mehrere Artikel pro Tag raushauen muss, kann sich ja nicht en détail schlau machen.
Diese Werbekampagne erinnert einen an den alten Ausdruck «lügen wie gedruckt». Der entstand mit dem Aufkommen der Massenmedien als Druckerzeugnis. Seit Erfindung des Internets ist das auch digital möglich.
Als die Agentur Fraser diese Gaga-Kampagne einem auserlesenen Zirkel von einkommensschweren, aber meinungsschwachen Tamedia-Managern vorstellte, hätten die versammelten Koryphäen für die Tausenden von Franken, die ihre wertvolle Anwesenheit kostete, doch sagen müssen: Knick in der Fichte, Wand draussen, einen an der Waffel, komplett Banane, Sprung in der Schüssel, im Oberstübchen zieht’s, alle Schrauben locker, ins Hirn geniesst oder was.
Stattdessen haben sie diese Leserverarschung abgenickt.
Einen drauf setzt wie immer die Leiter nach unten. Der behauptet doch in einem Interview: «Schlankere Strukturen bedeuten nicht weniger Stimmen». Bärtschi lebt offenbar in einer Parallelwelt, wo alle Regeln der Logik aufgehoben sind. Obwohl Tamedia Dutzende von Mitarbeitern entsorgt hat, bedeute das für ihn nicht, dass es weniger Stimmen gäbe.
Wenn also der Männerchor Werdstrasse statt 50 Sänger nur noch 20 umfasst, würde Bärtschi sagen: ist verschlankt, singt aber vielstimmig wie vorher. Der Mann hat Nerven und ist völlig schmerzfrei.
Aber sehen wir es positiv: es gibt so wenig zu lachen heutzutage.













