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Hier schreibt der Chef

Geronnener Angstschweiss: Pietro Supino zittert ein «Editorial» hin.

Es war einmal die Trennung zwischen Verlag und Redaktion. Niemals würde der Verleger, Blabla. Redaktionelle Unabhängigkeit, Blüblü. Strikte Trennung, Redaktionsstatut, Blöblö.

Leider gehen die Umlaute aus. Was zu Zeiten von Tettamanti oder Blocher in der «Basler Zeitung» undenkbar war: seit sie zum Tamedia-Imperium gehört, erscheint auch hier – wie in den übrigen Kopfblättern ohne Kopf ein «Editorial». Darunter versteht man gemeinhin einen Leitartikel des Chefredaktors, allenfalls noch des Herausgebers eines Organs.

Hier heisst der Autor Pietro Supino. Vorgestellt wird er als «Verleger und Präsident des Verbands Schweizer Medien». Nebenbei ist er noch Verwaltungsratspräsident der Tx Group. Noch mehr nebenbei ist er der Statthalter und Vertreter seines Coninx-Clans, dem Besitzer der Tx Group. Damit auch dem Besitzer von Tamedia. Damit auch Besitzer von «Tages-Anzeiger», «Basler Zeitung», «Berner Zeitung» und, und, und.

Nun ist Supino überraschungsfrei ein Befürworter des Medienpakets, mit dem auch seinem Medien-Clan viele Millionen Steuergelder ins Portemonnaie regnen sollen. Insgesamt eine Milliarde, das ist auch für Milliardäre kein Pappenstiel.

Nun ist es aber so, dass viel Geld haben und den Tageszeitungsmarkt im Duopol beherrschen, nicht unbedingt mit Wirkungsmacht einhergeht. Vor allem, wenn man sich so bescheuert in der Kampagne für das Medienpaket anstellt. Also zeigen Umfragen, dass das Lager der Neinstimmen ständig Zulauf erhält und auf 57 Prozent angeschwollen ist.

Da spürt man geronnenen Angstschweiss bei Supino: «Die Abstimmung vom 13. Februar ist für die Schweizer Medienlandschaft von existenzieller Bedeutung.» Das anschliessende Geseier ist die Wiederholung des Ewiggleichen, Untauglichen. Nur ein Lachschlager sei herausgehoben: «Unabhängiger Journalismus ist eine Voraussetzung für ein freiheitliches demokratisches Gemeinwesen.»

Schreibt der Besitzer in seinem von ihm abhängigen Medium. Immerhin verzichtet er auf den Begriff Pluralismus. Diesen Lachschlager bietet die unsägliche Tell-Werbekampagne:

Abgesehen davon, dass der arme Willi sich damals weder eine, noch zwei Tageszeitungen ins Ohr steckte (oder waren das damals Hörausgaben, weil Willi vielleicht nicht lesen konnte?): unterschiedliche Meinungen in den 12 Kopfblättern von Tamedia, abgefüllt mit der gleichen Einheitssauce aus Zürich und München? Echt jetzt? Nach dem Editorial des Chefs kommt dann eins mit der Gegenmeinung? Für wie blöd wollen die denn ihre schwindende Leserschaft verkaufen?

 

 

Jodeln für die Clans

Die Freiheitsjodler der grossen Medienkonzerne singen das hohe Lied auf das Medienpaket.

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Meinungsvielfalt, das ist eines der Argumente, die von den Befürwortern des Medienpakets verwendet werden. Denn am 13. Februar wird darüber abgestimmt, ob die Schweizer Presselandschaft mit zusätzlich einer Milliarde Steuergelder gedüngt werden soll – oder nicht.

Überraschungsfrei sind die grossen Medienclans – Coninx-Supino (Tamedia), Wanner-Wanner (CH Media) und Ringier-Walder (Axel Springer Ringier) dafür. Das sei nötig, um die Medienvielfalt zu schützen und zu unterstützen.

Das ist der schöne Schein. Die Wahrheit dahinter ist: der Konzern Tamedia besitzt heute 15 Tageszeitungen. Vor 20 Jahren war es nur der «Tages-Anzeiger» plus ein wenig Anteil an «Luzerner» und «Berner Zeitung».

CH Media – nach der Fusion mit den NZZ-Regionalzeitungen – beschallt sogar mit insgesamt 21 Tageszeitungen die Schweizer Leser. Von Vielfalt kann da keine Rede mehr sein. Denn alle diese Zeitungen werden von zwei Zentralredaktionen bespielt. Also die gleiche Einheitssauce ergiesst sich in alle Kopfblätter.

 

Die halten sich dann jeweils noch eine Lokalredaktion und einen Chefredaktor, weil das halt so Brauch ist. Zu sagen hat der nix, und die Lokalredaktion arbeitet motiviert unter dem Damoklesschwert, dass nach der Sparrunde vor der Sparrunde ist.

3,3 Milliarden Gewinn, dafür eine Milliarde obendrauf?

Wie der Ktipp vorrechnet, haben die drei grossen Medienclans von 2011 bis 2020 einen Betriebsgewinn von netten 3,3 Milliarden Franken eingefahren (vor Steuern und Abschreibungen).

Ihr Problem ist also nicht, dass sich mit dem Modell Grossverlag kein Geld mehr verdienen liesse. Ihr Problem ist vielmehr, dass ein unfähiges Management verpasst hat, sich den neuen Herausforderungen des Internets zu stellen.

Rund 90 Prozent des Online-Werbekuchens werden in der Schweiz von Google, Facebook und Amazon abgefrühstückt. Für die Grossverlage bleiben nur kleine Krumen übrig. Selten hat eine Branche dermassen in einem Wandel der Technologie versagt. Selbst die Hersteller von Dampflokomotiven oder Pferdekutschen sind innovativer mit dem Aufkommen von Elektroloks und Autos umgegangen.

Alte digitale Herausforderungen

Gleichzeitig beherrschen die drei grossen Medienclans rund 80 Prozent des Pressemarkts in der Schweiz. Eine Monopolstellung haben und nicht mal die richtig ausnützen können – mehr Versagen ist nicht denkbar.

Die beiden Hauptargumente, um mehr Staatsbatzeli zu kassieren, sind Medienvielfalt und Hilfe bei der technologischen Bewältigung der neuen digitalen Herausforderungen.

Was drakonische Einsparungen, das Zusammenlegen von Redaktionen, das Ausschütten einer Einheitssauce aus Zentralredaktionen mit Medienvielfalt zu tun haben soll, ist völlig unerfindlich.

Wie man 25 Jahre lang das Internet verschnarchen kann, mit offenem, Mund dabei zuschauen, wie grosse US-Konzerne sich den Werbekuchen untereinander aufteilen, ist blamabel.

Nach dieser Vollklatsche staatliche Unterstützung erbetteln, um diesem angeblichen Innovationsdruck gewachsen zu sein, das ist schon nassforsch.

Jämmerliches Niveau

Auf welchem Niveau sich die Abstimmungskampagne der Verlegerclans abspielt, zeigt schon die die Webseite «Die Meinungsfreiheit» mit ihrem Begriff und Slogan «Demokratie braucht starke Medien».

Als ob es darum ginge, dass bei einer Ablehnung der Zusatzsubvention die Meinungsfreiheit gefährdet wäre. Als ob die Schweizer Demokratie starke, staatsunabhängige, pluralistische Medien hätte.

Noch lächerlicher machen sich die Befürworter mit ihrer Plakatkampagne mit einem Wilhelm Tell, der mit einer Zeitung (!) eine Mauer niederhaut, auf der «Fake News» steht. Dabei ist dieses Sujet selbst von A bis Z Fake News.

Wie ein durchgesickertes internes Strategiepapier der an dieser Schwachsinnskampagne beteiligten Werbeagenturen Farner und Rod belegt, geht es überhaupt nicht um den Kampf gegen Fake News: «In politischen Debatten sind nicht Fakten, sondern der gedankliche und emo­tionale Deutungsrahmen entschei­dend.»

Das ist zwar seit Gustave Le Bons «Psychologie der Massen» bekannt. Aber dennoch entlarvend als Kontrast zu den staatstragenden Aussagen der Sprachrohre der Verlegerclans.

Schein und Wirklichkeit

So sagt Tamedia-Boss Pietro Supino, ohne rot zu werden: «Der wichtigste Beitrag, den wir als Branche leisten können, ist die verlässliche Information der Bevölkerung über Fakten und Meinungen.»

Peter Wanner vom Wanner-Clan (CH Media) assistiert: «Eine Demokratie braucht Medien, die sich der Wahrheitsfindung verpflichtet fühlen

Das stimmt beides. Nur liefern diese Konzerne, von Ringier ganz zu schweigen, weder verlässliche Informationen, noch fühlen sie sich der Wahrheitsfindung verpflichtet. Sie wollen vielmehr die Regierungen unterstützen, wie Ringier-CEO Marc Walder unverblümt zu Protokoll gab.

Oder sie verlieren sich in absurden Kampagnen über das welterschütternde Problem, ob ein Tennisspieler in Australien Tennis spielen darf. Zum Skelett abgemagerte Redaktionen sind kaum mehr zu Hintergrundrecherche, zu Einordnung, Analyse und Schaffung eines Mehrwerts für den Leser in der Lage.

Kompensationsgesten

Ihren Bedeutungsverlust kompensieren sie mit meinungsstarken, aber haftungsfreien Kommentaren, Forderungen und Rechthabereien. Ihre zunehmende Unwichtigkeit im öffentlichen Diskurs kompensieren sie mit Ausflügen in die Betrachtung des eigenen Bauchnabels, der Beschreibung von erfundenen oder geklauten Leiden. Mit absurden Verkrampfungen über Gendersprache, Inklusion, Exklusion, Diskriminierung und anderen Themen, die den meisten Lesern völlig gleichgültig sind.

Die Medien sind selbstverschuldet in diese Krise geraten. Sie verstärken sie selbst durch die Unfähigkeit von Management und überlebenden Redaktionen.

Im Kapitalismus ist es ganz einfach: wenn es Nachfrage gibt, gibt es auch Angebot. Wenn es Bedarf an qualitativ hochstehender Information gibt, wird es Angebote geben. Wenn grosse Medienclans lieber in Kunstsammlungen, Yachten und Fahrzeugpark investierten, als Geld für Zukunftstechnologien auszugeben, dann sind ihre Firmen halt zum Untergang verurteilt.

Deswegen geht nicht die Demokratie zu Grunde. Dieses Argument hatten die Hersteller von Dampflokomotiven oder Pferdekutschen oder Textilien oder Stahlprodukten in der Schweiz nicht. Sie kreischten und jammerten auch, gingen dann unter. Weder sie noch ihre Produkte fehlen uns.

Wer ragt schon aus dem Einheitsbrei heraus

Niemand sollte den Medienclans und ihren Produkten eine Träne nachweinen. Entweder, sie schaffen den Turnaround aus eigener Kraft, oder sie sind obsolet geworden. Aber bevor sie eine weitere Milliarde Staatshilfe bekämen, sollten sie vielleicht zuerst ihre Yachten, Kunstsammlungen und den Fahrzeugpark verkaufen. Oder in den eigenen Sack greifen und etwas von den 3,3 Milliarden Franken Profit reinvestieren.

Oder mindestens die Redaktionen nicht weiter zu Tode sparen, mit der verlogenen Behauptung, dass das Kompetenz, Content und Informationsmehrwert sowie Meinungspluralismus stärke.

Die eigenen Leser, das Publikum, die Stimmbürger für dumm verkaufen, das war noch nie eine gute Idee.

Medienclowns: Es darf gelacht werden

Die Abstimmung über das Milliardengeschenk provoziert Lachsalven.

Zuvorderst, unschlagbar, da kann es nur einen geben: unser ewiger Liebling Hansi Voigt. Dessen neuste Bruchlandung, bajour.ch, hat schon über 2 Millionen verröstet. Unbrauchbares Angebot, keine Nachfrage, lachhafte Einnahmen, grosse Payroll.

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Da kann es nur eins geben: Stecker raus. Aber nein: die reiche Pharma-Erbin, eine Milliardärin, schüttet schlechtem Geld noch gutes hinterher: drei weitere Millionen.

Voigt lässt sich also von einer Milliardärin aushalten, der Schlingel. Das hindert ihn aber nicht daran, zu twittern:

«Medien sind kein Milliardärsspielzeug.»

Sagt der Toy Boy. Und setzt hoffnungsvoll hinzu: «Bis jetzt sind unabhängige Online-Medien wie bajour, … Republik nicht förderbar. Das ändert sich mit dem neuen Gesetz. Sie würden sogar überproportional profitieren.»

Bislang profitieren «bajour» und «Republik» ja bloss von Multimillionären, die sich gerne Spielzeuge halten …

Kurzzeitig gab es Anlass für Hoffnung. Die grosse Corona-Kreische Marc Brupbacher (auch solche Figuren würden mit dem Mediengesetz finanziert werden) verfiel in tiefes Schweigen und behauptete dann: «Vielen Dank für die (besorgten) Nachfragen. Es gibt mich noch! Ich mag den fortwährenden Kreis der Idiotie nur nicht mehr kommentieren. Es ist für den Moment alles gesagt.»

Aber leider ist er wieder voll auf Droge, äh, auf Twitter. Ein Fall für: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Wie sagt doch sein oberster Boss, der Präsident von Tx (der Mutterkonzern von Tamedia) und vom Verlegerverband: «Der wichtigste Beitrag, den wir als Branche leisten können, ist die verlässliche Information der Bevölkerung über Fakten und Meinungen.» Das kriegt Pietro Supino über die Lippen, ohne dabei rot zu werden.

Wir wischen uns die Lachtränen aus den Augen und hören uns seinen Kollegen Peter Wanner vom Wanner-Clan an, den Besitzern von CH Media: «Eine Demokratie braucht Medien, die sich der Wahrheitsfindung verpflichtet fühlen

Während sich CH Media mehr dem Einkommen der Wanners verpflichtet fühlt …

Was für ein Eiertanz. Wird das Subventionsgesetz angenommen, bekommen die Verleger zusätzlich Hunderte von Millionen Franken Steuergelder. Wird es abgelehnt, bekommen sie keine Kohle.

Und unter dieser Voraussetzung wollen diese Medien verlässlich informieren, verpflichtet nur der Wahrheitsfindung. Da fehlt doch noch Ringier-CEO Marc Walder als Vertreter des dritten Clans: ohne in irgend einer Form den Redaktionen Weisungen zu erteilen.

Alle Leser haben schon Seitenstechen vor Lachen? Gut, wir lassen Gnade walten. Denn eigentlich ist es gar nicht lustig

 

 

Kühne Konstruktion

Die Wächtermedien hängen in den Seilen. Brauchen Staatsinfusion. Wieso eigentlich?

Die Beherrscher des Tageszeitungsmarkts in der Schweiz führen ein marktwirtschaftliches Wunderwerk vor. Sie verlangen für entschieden weniger Content gleich viel Geld von ihren Kunden. Das ist so, wie wenn ein Detailhändler für einen halben Liter Milch gleichviel wie für früher einen ganzen verlangte. Sorry, aber diese Milch schmeckt viel konzentrierter.

Geschrumpfte Umfänge, gefeuerte Journalisten, zusammengestrichene Budgets, zusammengelegte Redaktionen: eine Agonie, ein Trauerspiel.

Erschwerend kommt hinzu, dass die (noch) überlebenden Mitarbeiter ihren Bedeutungsverlust mit lautstarker Kommentierung der Weltläufe kompensieren. Plus liebedienerische Übernahme der offiziellen Positionen in der Bekämpfung der Pandemie.

Damit ist das Elend noch nicht ausreichend beschrieben. Denn inzwischen sind Tamedia, CH Media und Ringier von Medienhäusern zu Gemischtwarenhändlern denaturiert. Verkaufsplattformen, Eventveranstalter, Betreiber von TV- und Radiostationen, Anbieter von Handelsplattformen, Internetaktivitäten allgemeiner Art, usw.

Ein moderner Medienkonzern.

Nur die NZZ setzt tapfer auf ihr Kerngeschäft: journalistischer Inhalt, möglichst hochstehend.

Wie jammern, ohne zu leiden?

Nun stecken die drei Grossverlage etwas in der Bredouille, wie sie denn eigentlich nachvollziehbar um weitere Staatsknete jammern können. Durch die gegenseitige Abhängigkeit unterstützt, ist es ihnen gelungen, ein zusätzliches Hilfspaket von einer satten Milliarde Steuergelder durchs Parlament zu bugsieren.

Dagegen wurde aber, dumm gelaufen, das Referendum ergriffen. Nach anfänglich überheblichem Ignorieren nehmen die Verlage nun Anlauf, Stimmung für ihr Anliegen zu machen: wir brauchen die Kohle, um weiterhin unsere Wächterfunktion in der Demokratie ausüben zu können. Denn Medien sind ja keine Joghurts; sie haben staatstragende Aufgaben, wird getrötet.

Das sei dahingestellt. Aber wieso sollte eigentlich der Steuerzahler eine ganze Milliarde locker machen, wo sich die grossen Medienhäuser in den letzten zehn Jahren im Milliardenbereich dumm und krumm verdient haben? Wo sie doch auch in der fürchterlichen und angeblich existenzbedrohenden Pandemie fröhlich Gewinne einfuhren?

Wo doch alleine durch die Ankündigung der Fusion der Handelsplattformen von Tamedia und Ringier der Aktienkurs zur Freude des Coninx-Clans durch die Decke schoss und alleine das neue Konglomerat locker einen Wert von über 3 Milliarden Franken hat?

Besonders bei diesen Plattformen ist es klar, dass ihr Erfolg im Print begann. Der «Stellenanzeiger» von Tamedia war legendär dick. Ebenso die Immobilien-, Auto- und sonstigen Anzeigenplantagen. Da musste kaum gewässert oder gedüngt werden, nur die Banknoten von den in den Himmel spriessenden Bäumen gepflückt.

Die Zauberformel gefunden?

Das marschierte alles ins Internet ab. Schliesslich krallte sich Tamedia den einzigen erfolgreichen Versuch eines Gratisblatts. Man hatte sogar als Drohkulisse die Lancierung eines eigenen Konkurrenzprodukts vorangetrieben, bis die Mannschaft kurz vor der ersten Publikation erfuhr, dass der Stecker rausgezogen wurde. Ziel erreicht, «20 Minuten» gehörte nun Tamedia.

Seither ist das Pendlerblatt weiterhin erfolgreich und profitabel. Kann aber bei den Subventionen nicht berücksichtigt werden. Das alles ist also etwas kompliziert. Jedoch nicht für Pietro Supino. Der hat nicht nur für Beschäftigung bei den Herstellern von Aussenbeschriftungen gesorgt. Sondern den Tamedia-Konzern so umgebaut, dass das mit der Steuermilliarde klappen sollte.

Kühne Konstruktionen.

Unabhängige Profitcenter ohne Quersubventionen, heisst die Zauberformel. Ringier sieht das übrigens ähnlich. Dass dem Profitcenter Tamedia die Einnahmen der Anzeiger fehlen, die mit den Printausgaben überhaupt erst gross wurden? Schon, na und?

Dass «20 Minuten» immer noch nett Kohle verdient, so what? Gehört nicht zu Tamedia, sondern ist ein eigenes Profitcenter. Und obwohl redaktionell und auch sonst durchaus Synergien genützt werden, für Tamedias Zentralredaktion und die am Hungertuch nagenden Ruinen der Redaktionen der Kopfblätter heisst es: Finger ab de Röschti.

Etwas sauberer aufgestellt ist das Wanner-Imperium. Der Geldschlucker «watson» wurde nicht in das Joint Venture mit der NZZ aufgenommen. Wahrscheinlich, weil die NZZ das nicht geduldet hätte.

Nicht nur Papier kann man aus Holz machen.

Keine Konzessionen, keine Finanzspritzen aus eigenem Sack

Ringier macht bei der «Blick»-Familie oder bei den überlebenden Medienprodukten auch keine grossen Konzessionen, was Finanzspritzen aus einkommensstärkeren Konzernbereichen betrifft. Selbst beim Lieblingsprojekt «Interview by Ringier» zählt man mehr auf «eine Partnerschaft mit Credit Suisse (Schweiz), IWC Schaffhausen und Volvo Car Switzerland» als auf völlige Unabhängigkeit.

Das alles macht die kühne Behauptung: wir brauchen Steuerkohle, sonst geht der Ofen aus, recht zweifelhaft. Nach einem Fehlstart darf man gespannt sein, was da den versammelten Schreibkräften und Schönschreibern und Konzernjournalisten so alles einfällt, um die Position ihrer Verlage zu verteidigen: Wir verdienen zwar super, aber jammern kann man immer.

Auch so kann ein Mediacenter aussehen. In Peking.

 

«Houptsach Houptstadt»

In Bern spriessen Medienprojekte. Langsam, dafür unstetig.

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Tamedia hatte tabula rasa gemacht. «Berner Zeitung» und «Der Bund», zwei traditionelle Blätter, aber im gleichen Verlag? Der von einem Medienmanager geführt wird, der Qualität, Vertrauen und wichtige Kontrollfunktion in der Demokratie in jedes Mikrophon spricht, das man ihm hinhält.

In seiner täglichen Arbeit geht es Pietro Supino darum, die Tx Group so profitabel wie möglich aufzustellen. Seitdem die grossen Anzeiger für Stellen, Autos oder Immobilien ins Internet abgeschwirrt sind, ist da nicht mehr viel Profit zu machen.

Quersubvention ist nicht, sagt Supino, jeder für sich und der Coninx-Clan gegen alle. Also muss gespart werden, dass es quietscht. Also ist das dumme Geschwätz von gestern älter als die Tageszeitung von vorgestern. Also werden BZ und «Bund» keinesfalls zusammengelegt. Bis sie dann zusammengelegt wurden.

Es brauchte ziemlich genau ein Jahr, he, wir sind in Bern, bis sich ein neues, kleines Kollektiv entschloss, dagegen etwas zu unternehmen. Das Projekt «Hauptstadt» war geboren. Gab’s schon mal, bis es schnell ins Grab sank? Na und. Bern ist gar keine Hauptstadt? Na und. Was soll denn genau drin stehen, in der «Hauptstadt»?

Läuft. Oder läuft nicht.

«Die «Hauptstadt» berichtet über die Stadt und die Agglomeration Bern mit ihren 400’000 Einwohner*innen. Neben einem Newsletter, der den Leser*innen das Sortieren der lokalen Nachrichten erleichtert, sind Recherchen, Reportagen und Kolumnen die publizistischen Kernelemente.»

Nun ja, wirklich konkret ist das auch nicht, aber egal. Zuerst muss mal gespendet werden, denn ohne Geld geht nix. Also das Übliche, Crowdfunding, «werde Hauptstädter*in». Intelligent: wenn man die Latte ganz, ganz niedrig legt, dann hopst man problemlos drüber und kann «Triumph» krähen.

Ist jeder 400. Berner bereit, etwas zu zahlen?

Der «Markttest» bestand darin, dass satte 1000 «Einwohner*innen», also jeder 400., dazu bereit ist, 120 Franken Jahreabo zu löhnen. Für etwas, was es noch nicht gibt und von dem man auch nicht weiss, ob es das erste Jahr überlebt. Das wurde natürlich geschafft, nun fehlt noch eine knappe Woche, und die «Hauptstadt» kratzt an der Marke 3000. Mit Fernrohr oder unter der Lupe ist das schon was.

Die «Hauptstadt» will dabei Vorbildern nacheifern wie «Bajour» in Basel oder «tsüri.ch» in Zürich. Also einem gesponserten Verlierer und einem Blatt mit etwas merkwürdigem Geschäftsgebaren. Und natürlich steht immer das Wort «Republik» im Raum. Ein Insider-Magazin für seine Ingroup, mit ellenlangen Texten maximal leserunfreundlich, aber von Millionären unterhalten, obwohl es sich mit Abscheu über Millionäre wie Blocher in den Medien äussert. Aber es gibt eben solche und solche.

Was ist mit den anderen Berner Alternativmedien?

Das ist nun alles Geschmacksache, nicht wirklich Optimismus weckend. Eher schräg ist allerdings, dass es in Bern schon einige Jährchen nicht nur ein, sondern gleich zwei Alternativmedien gibt. Da wäre mal das «Megafon», wo sich die früheren Taliban der Reitschule zwar immer noch Geschmacklosigkeiten wie eine Kopf-ab-Karikatur leisten, auch gerne ab und an Fake-News verbreiten, aber es auch ab und an in die Mainstream-Medien schaffen, wenn ihnen etwas auffällt, was alle anderen übersehen und verschnarcht haben. So wie letzthin ein Slogan der Verschwörungssekte QAnon auf der «Walliserkanne». «Megafon» erscheint in der 472. Ausgabe.

Will nicht gefallen. Aber auffallen.

Dann gibt es seit 2012 das «Journal B». Das berichtet über Alltag, Politik und Kultur. Sozusagen als normales Ergänzungsangebot, mit Festangestellten, ohne Bezahlschranke. Das «Megafon» twittert gratis, will aber für seine Printausgabe Kohle. Die «Hauptstadt» will eine konsequente Bezahlschranke hochziehen.

Will gefallen. Und auffallen.

Bei «Journal B» finanziert ein Trägerverein die Existenz, der Solgan lautet: «Sagt, was Bern bewegt». Die «Hauptstadt» kurvt darum herum, aber im Nahkontakt: «Wissen, was läuft. Wissen, was nicht läuft.» Das «Megafon» betont seine Wurzeln: «Die Zeitschrift aus der Reitschule, Bern».

Gar nicht erst ignorieren, sagt sich die «Hauptstadt»

Wir kommen zum Wunder von Bern: Als Newcomer wäre es vielleicht geboten, dass sich die «Hauptstadt» im Marktumfeld positioniert. Die «TagesWoche» selig in Basel positionierte sich in erster Linie als Gegen-BaZ. Und ging damit fürchterlich baden. Die «Hauptstadt» definiert sich in erster Linie als Reaktion auf die Tamedia-Fusion. Aber wo sieht sie ihren Platz zwischen dem «Megafon» und «Journal B»?

Naheliegende Frage, erstaunliche Antwort: keine Antwort. Die beiden Berner Produkte werden mit keinem Wort erwähnt. «Bajour» ja, «Journal B» nein. Podiumsdiskussionen mit der Chefredaktorin von «bajour» ja, Debatten mit dem «Megafon-Kollektiv» oder einem Vertreter von «Journal B»? Nein.

Das wirkt dann schon, abgesehen von der wirklich mageren Resonanz von nicht einmal 3000 Abonnenten, leicht autistisch. Autismus beinhaltet zwar häufig Inselbegabungen. Aber gerade beim Thema Sozialkompetenz sind Autisten schwer gestört. Das ist nun wirklich kein gutes Zeichen für die «Hauptstadt». Vielleicht animiert sie dann mal das «Megafon» zu einer neuen Karikatur, wo jemandem das Haupt abgeschlagen wird

Oh Herr, lass Hirn …

… vom Himmel regnen. Oder schenke der Schweiz Wirtschaftsjournalisten.

Klaus Stöhlker ist entschuldigt. Er hat von wenig eine Ahnung, aber zu vielem eine Meinung. So schreibt er zum Zusammenschluss der Marktplätze von Ringier, TX Group und Mobiliar: «Gesichert ist jetzt schon, dass damit die Medienprodukte von Ringier und TX (Tages-Anzeiger ff.) demnächst teurer werden. Die beiden Verlegerfamilien ziehen sich aus der Querfinanzierung der Redaktionen zurück.»

Gesichert ist damit schon: eine Holdingstruktur oder das Wort Profitcenter, böhmische Dörfer für den Alt-Kommunikator. Oder auf Deutsch: falsch, genau diese Querfinanzierung wird schon lange verweigert, was das zunehmende Elend der Newsplattformen wie «Tages-Anzeiger» verursacht, denen die gleiche Profitabilität wie von Handelsplattformen abverlangt wird.

Die können aber nicht skalieren (erklären wir ein andermal), auch strukturell kaum sparen, nur rausschmeissen und behaupten, das habe null Einfluss auf Quantität und Qualität des Gebotenen.

Wie Stöhlker sich auch mokiert: «Als Teil von TX Group verzichtet «Finanz und Wirtschaft» auf eine Einordnung der Transaktion und der Halbjahresresultate sowie auf eine Bewertung der Aktie.» Schlussfolgerung: «Es ist immerhin klargestellt, dass die Unabhängigkeit der Berichterstattung in beiden Verlagshäusern nicht mehr gesichert ist.»

So fabuliert er auf «Inside Paradeplatz», wo auch der ZACKBUM-Autor präsent ist.

Homer Simpson ist überall.

Dass ausgerechnet ein alter Fuchs wie Stöhlker auf naiv macht und erstaunt sein will, dass weder bei Tamedia noch bei Ringier Artikel erscheinen wie: «Unsere Verlegerclans sind geldgierige Säcke» – oder bei CH Media «Wanners sollten in ihrem Schloss eingemauert werden».

Überall männliche Primadonnen

Auch Eric Gujer reagiert dem Vernehmen nach sehr angepisst, Pardon, angefasst, wenn die Feriengestaltung seiner Majestät durch den Kakao gezogen wird. Nur Roger Köppel ist da die strahlende Ausnahme: der lädt sogar dazu ein, dass man ihn in seinem eigenen Blatt beschimpft. Argumentativ natürlich.

Aber in der fehlenden Unabhängigkeit der Redaktionen von zwei Grosskonzernen in der Schweiz liegt gar nicht das Problem. Es gibt ja noch CH Media und die NZZ  – und die «Weltwoche». Dort waltet der Medienkritiker Kurt W. Zimmermann schon seit Jahren seines Amtes.

Dabei hofft er auf die Gnade des Vergessens, was seine eigene Schneise der Zerstörung betrifft, die er bei von ihm verantworteten Ausflügen in elektronische und digitale Medien hinterliess, Stichwort TV 3.

Aber es gilt ja Verjährung und Resozialisierung, immer wieder mischt er mit knackigen Betrachtungen die lethargische Branche auf. Allerdings ist Ökonomie bis heute nicht seine starke Seite. Denn er behauptet, der Zusammenschluss der Marktplätze sei so ziemlich das grösste Ding in der Schweizer Medienlandschaft seit Gründung der NZZ. In seinen Worten:

«Die zwei Verlagshäuser haben ein gemeinsames Unternehmen gegründet, das heute schon drei Milliarden Franken wert ist. In ein paar Jahren werden es sechs Milliarden sein. Dann werden Ringier und TX Group so gewaltig Kasse machen, wie noch nie jemand Kasse machte in unserer Medienbranche.»

Hört sich nach einer Wahnsinnsanalyse an, der Knaller, der Brüller, der Aufdecker. Leider: völliger Quark. Beide Zahlen sind Humbug. Zurzeit ist der Zusammenschluss nämlich schlichtweg null wert. Weil er erst angekündigt ist, gar noch nicht existiert. Auf die 3 Milliarden kommt Zimmi, indem er den Einkaufspreis des US-Finanzinvestors hochrechnet. Der soll 300 Millionen für seine 10 Prozent bezahlen.

Wirtschaftskunde, schwere Sache

Allerdings hat er sich nebenbei auch 25 Prozent der Stimmrechte gegriffen, umsonst? Bedeutet das, dass das Joint Venture nun 3 Milliarden wert ist? Natürlich nicht, es bedeutet, dass General Atlantic annimmt, hofft, vermutet, no risk, no fun, dass es mal 3 Milliarden wert sein könnte. Oder glaubt jemand im Ernst, ausser vielleicht Zimmermann, dass General seinen Anteil zurzeit für 300 Millionen verkaufen könnte?

Wo kein Markt ist, ist auch kein Preis, aber wenn Zimmi das jemals gewusst hätte, hätte er nicht so viel fremdes Geld verröstet.

Aber wenn schon grosse Zahlen, dann richtig. Es sei ja ein Börsengang geplant, dabei gelte: «Ziel ist es, den Unternehmenswert in den nächsten drei bis vier Jahren zu verdoppeln.»

Werden also sagenhafte 6 Milliarden beim IPO erlöst, «ernten TX Group, Ringier und die Mobiliar dann jeweils rund 1,8 Milliarden Franken. Der Equity-Investor von General Atlantic geht mit 600 Millionen davon».

Solch blühender Blödsinn stand das letzte Mal in Anlageprospekten für Derivategebastel, bis die Blase platzte. Denn was Zimmi leider nicht einplant: dieser Zusammenschluss ist nicht aus Profitgier und wegen der tollen Zukunftsaussichten erfolgt. Sondern aus Not und Verzweiflung als letzte Gegenwehr. Bevor die grossen Player, die bereits über 90 Prozent des Online-Marketingkuchens in der Schweiz abfrühstücken, auch noch mit ihren eigenen Handelsplattformen die Schweizer Zwerge plattmachen.

Ein letztes Aufbäumen aus Verzweiflung

Ob das gelingen wird, dieser Zwergenaufstand gegen Amazon, Google, Facebook & Co., ist sehr zweifelhaft. Gegen diese kühnen Zukunftsträume von Zimmi ist das Managergeblubbel von Pietro Supino im Interview mit persoenlich.com geradezu eng der Wirklichkeit verhaftet:

«Wir stärken unsere Marktplätze, indem wir die Relevanz für ihre Nutzerinnen und Nutzer und die Effizienz für die Anbieter erhöhen. Das wird uns erlauben, die Produktentwicklung und die Attraktivität als Arbeitgeberin auszubauen. So können wir eine digitale Perspektive für den Standort Schweiz aufzeigen und im internationalen Wettbewerb bestehen.»

Ist Schönsprech für: nachdem wir immer alles verschnarcht haben, pumpen wir uns gemeinsam auf.

Zuvor hatten sich bereits Tamedia, Ringier, CH Media und die NZZ zum Thema blamiert. Nur gut, dass keiner dieser Windmacher unternehmerische Verantwortung trägt.

Öhm, Supino trägt aber …

 

«Nach Redaktionsschluss»

Die Medien werden bekanntlich immer besser. Mit weniger Leistung. Mit mehr Staatsknete. Oder doch nicht?

Ausser Sandro Benini vom «Tages-Anzeiger» finden ziemlich viele Schweizer recht sensationell, was der Fussball-Nati gegen Frankreich gelungen ist. Der Sieg hatte aber einen schweren Nachteil: er erfolgte erst spät. Sehr spät. Zu spät:

«Achtelfinal gegen Frankreich. Steht die Schweiz erstmals seit 1954 im Viertelfinal einer Endrunde? Oder waren die Franzosen zu stark? Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war der Match noch im Gang. Alles zur Partie finden Sie auf unserer Website.»

Denn so spät steht doch bei der «Basler Zeitung» kein Redaktor mehr in seiner Verrichtungsbox. Das würde ja Überstunden bedeuten, und vielleicht kostet es auch noch extra, die Druckmaschinen ein Bitzeli später zu starten. Das alles wegen des Einzugs der Fussball-Nati in die Viertelfinals nach einem Penalty-Krimi? Ach was.

Andere, sogar kleinere Blätter schafften es hingegen:

Das Langenthaler Tagblatt kann’s.

Sogar das «St. Galler Tagblatt», erst noch mit einem launigen Titel.

Auch das Mutterblatt dieses Mediendesasters konnte es vermelden:

In der Hektik die falsche Titelschrift erwischt, aber immerhin.

Nicht-Fussballfans können ihre Enttäuschung darüber beherrschen, dass es nicht mal alle Printmedien in der Schweiz schafften, einen späten Sieg noch mitzunehmen. Echte Fans verfolgten natürlich den Match live, und solche, die das nicht konnten, hielten sich im Internet auf dem Laufenden.

Was soll’s? Das soll’s: Es waren diese kleinen Extraleistungen, die dem Leser das Gefühl gaben: die reissen sich beide Beine aus für mich, die geben Gutzi, die gehen mit, die wollen mir eine Extra-Freude machen.

Auch die Bündner können, was die Basler nicht schaffen.

Natürlich wollten das einige – nicht alle – Journalisten heute noch, Ehrensache, dass man so ein Sportereignis mitnimmt. Aber: inzwischen haben die Erbsenzähler vollständig die Macht übernommen. Eiskalte Rechner wie Pietro Supino, von Kenntnissen völlig unbelastete Söhne wie Florian Wanner, «ich kann Resilienz»-Schwurbler wie Ladina Heimgartner.

Wenn Würstchen die Macht übernehmen, wird der Senf rationiert

Dass ihre Erfolgsbilanz sehr überschaubar ist, ist das eine. Dass ihr Einkommen umgekehrt proportional zu ihren Fähigkeiten in die Stratosphäre abgeschwirrt ist, das andere. Dass sie null Ideen haben, wie ihre Medienhäuser aus eigener Kraft aus dem selbstverschuldeten Schlamassel rauskommen könnten, ist das dritte.

Dass sie gleichzeitig behaupten, unverzichtbare vierte Gewalt zu sein und dem Staat mitsamt seinen Behörden kritisch auf die Finger zu klopfen, aber handkehrum mit übelster Lobbyarbeit im Parlament durchdrückten, dass der Steuerzahler sie mit ein paar Milliarden in den nächsten Jahren für ihr Versagen belohnen soll, ist das vierte.

Das ist so absurd, wie wenn die Corporate Communication einer Grossbank sagen würde: Wir sind zwar finanziell von unserem Brötchengeber abhängig, aber wir werden trotzdem kritisch seine Geschäftspolitik begleiten.

Solchen Stuss kann nur jemand erzählen, der seine Konsumenten, seine Leser wirklich für brunzblöd hält. Das kann nur jemand behaupten, der jede Sparmassnahme, jede neue Abmagerungskur für die Skelette, die früher einmal unabhängige Redaktionen waren, als Verbesserung des Angebots verkaufen will. Das würde sich nicht einmal der schmierigste Teppichhändler auf dem Basar trauen; immer kleinere und miesere Teppiche für gleich viel Geld anbieten.

Absurd, realitätsfern, ohne Steuergelder zum selbstverschuldeten Untergang verurteilt

Das kann nur jemand verzapfen, der bei seinen Regionalzeitungen das Regionale vernachlässigt, auch das Kantonale; so tut, als ob in Basel, Zürich, St. Gallen, Luzern, Aarau oder Bern politische Entscheidungen gleich aufgenommen würden. Und deshalb, wie Wirtschaft, Politik, Kultur – und Sport – von einer Zentralredaktion zugesosst werden kann. Wobei immer grössere Brocken aus «Kooperationen», zum Beispiel mit der «Süddeutschen Zeitung», übernommen werden.

Also immer weniger Angebot für gleich viel Kohle, für immer weniger zahlendes Publikum, dessen gelichtete Reihen mit Säcken voller Steuergeld nachgefüllt werden sollen. Damit’s wieder besser wird? Ja wie denn? Werden die einfallslosen, nur auf Gewinn bedachten Manager als Vertreter der Besitzerclans so schlauer? Fallen ihnen plötzlich Lösungen ein, auf die sie in den letzten 20 Jahren nicht kamen?

Absurd. Deshalb ist das Berichts-Desaster über den Einzug der Schweiz ins Viertelfinal auch für Nicht-Fussballfans ein weiteres Fanal. Soll dieses Rundum-Versagen wirklich mit Milliarden versüsst werden? Mit Milliarden für Multimillionäre? Für Kunstsammler, Aston-Martin-Fahrer, Yacht-Besitzer, denen ihre Aufgabe als vierte Gewalt so was von egal ist? Ausser, sie können damit hausieren gehen?

Hier spricht der Chäf

Tamedia: hier zählt die Meinung. Zuerst die von Pietro Supino. Von wem denn sonst?

Leichter Bauchansatz. Ansonsten locker im Auftritt; Newsroom, Jackett am Finger über den Rücken gehängt. Leicht zerknitterte Hose, blassblaues Hemd, immerhin Manschettenknöpfe. Keine Krawatte, kein sichtbares Monogramm zum Signalisieren: massgeschneidert.

Das ist mal ein Chef als Kumpel, der Mund zum Ansatz eines Lächelns leicht geöffnet. In dieser Haltung entscheidet Pietro Supino sicherlich auch jeweils über die nächste Entlassungswelle. Und beauftragt Corporate Communication, mal wieder das faule Ei, das er gelegt hat, golden anzumalen und mit Schleifchen zu dekorieren («schmerzlich, aber für die mittelfristige, Synergien, noch mehr als zuvor, Qualität, Vertrauen, Blüblü»).

Nun geht’s aber mal wieder um alles, also um: «Die Politik ist gefordert, die Pressefreiheit zu bewahren», behauptet der Verleger, VR-Präsident der TX Group, Oberboss von Tamedia und das Mitglied des Coninx-Clans. Gerade rumpelt der Beschluss, Schweizer Medien noch mehr Steuergelder reinzuschaufeln, durch die beiden Parlamentskammern. Höchste Zeit, findet Supino, in diesem Umfeld noch seinen Senf zu geben; bzw. geben zu lassen. Also griffen die Sprachkünstler in die Harfe und lassen engelsgleiche Töne sprudeln:

«Freie und unabhängig Medien sind für eine Demokratie unerlässlich, vor allem für eine direkte Demokratie, wie wir sie in der Schweiz pflegen.»

Zustimmend eine andere Grösse zu zitieren, das kommt auch immer gut: «Medien sind Weltbilderzeuger, wie es der Präsident der Eidgenössischen Medienkommission Otfried Jarren auf den Punkt bringt. Man könnte auch sagen Marktplätze, die zwischen Bürgern, Politik, Wirtschaft und Kultur vermitteln.»

Fast. Ehrlicher wäre gewesen: Man könnte auch sagen Marktplätze, die das Privatvermögen des Coninx-Clans mehren.

Weiter auf der Schleimspur: «… besondere Verantwortung verbunden … strengen Massstab an unsere Arbeit ansetzen … Erfüllung unseres medienethischen Anspruchs … unsere Glaubwürdigkeit ist unser grösstes Kapital.»

Wenn Tartuffe spricht …

Man leidet mit den armen Schweinen, die so was formulieren müssen und sich dann nicht mal den Finger in den Hals stecken müssen, um sich zu entleeren. So lässt also der nur an der Mehrung des Profits seines Clans interessierte Supino schwurbeln. Will er also der Verabschiedung weitere Millionenfüllhörner, die sich über die Schweizer Medien ergiessen werden, noch den letzten Schub geben? Aber nein, er weiss, dass da die Lobbyarbeit und die Abhängigkeit der Politik vom Transmissionsriemen Medien wie geschmiert funktioniert.

Nein, er will auf zwei weitere Themen hinweisen. Mit der vermeintlich harmlosen Streichung des Wörtchens «besonders» soll die Hürde für das präventive Verbot von Publikationen niedrigergelegt werden. Und der Ständerat will nichts daran ändern, dass das Öffentlichkeitsgesetz zwar den Zugang zu Behördenakten erleichtert, die aber mit prohibitiven Gebühren für das Erstellen eines verlangten Dossiers die journalistische Arbeit bewusst torpedieren.

Beides muss geändert, bzw. verhindert werden. In dieser Ansicht kann man Supino nur mit vollem Herzen, beiden Händen und aller Stimmkraft zustimmen. Dass für ihn aber journalistische Arbeit letztlich eine quantité negligable ist, zweitrangig, wenn es um klare Profitziele, um eine Segmentierung des Konzerns geht, wo jede Einheit unabhängig von der anderen das Vermögen der Familie Coninx mehren soll, das ist die andere, hässliche Seite der Medaille.

Dem alten Schlachtross Tagi sind Stellen-, Immobilien- und Fahrzeuganzeigen ins Internet abgeschwirrt und es wäre mehr als naheliegend, die dort erzielten Gewinne wernigstens teilweise in den Tagi zu stecken? Keine Quersubventionierung, dekretiert Supino, wenn der Tagi nicht rentiert, dann wird halt solange abgespitzt, bis sich das ändert.

Das grosse Vorbild. Nora Zukker, das war …

«Verantwortung, medienethischer Anspruch»? «Glaubwürdigkeit als grösstes Kapital»? Nein, Yacht, Auto, Villa, Kunstsammlung. Wer einen solchen Tartuffe als Chef hat, muss sich um seine Glaubwürdigkeit keine Gedanken machen. Sie ist nicht erkennbar.

 

Journis, hört die Signale!

In Bern geht das grosse Rausschmeissen weiter. Tamedia schafft durch Synergien höhere Qualität. Die Journalisten jammern.

Dort haben die Mitarbeiter von Tamedia zurzeit grösser Probleme, als sich mit der Frage zu beschäftigen, wie das Gendersternchen richtig verwendet wird und ob das Verhalten Mitarbeiterinnen gegenüber anständig, respektvoll und nicht diskriminierend ist.

Denn wie man das allen gegenüber fehlen lässt, hat Pietro Supino wieder mal gezeigt. Er liess aus dem Stehsatz zerren: «hohe journalistische Kompetenz», «schlagkräftige Redaktion», ««Berner Zeitung» und «Der Bund» bleiben zwei Titel mit unterschiedlicher Positionierung». Dazu noch «Herausforderungen, Transformation», Blabla.

War nicht gelogen: Es gab keine Debatte …

Ach ja, und «voraussichtlich 20 Vollzeitstellen» koste «diese Zusammenführung». Wunderbar formuliert, genauso wahrheitsgetreu wie die Schwüre vorher, dass das «Berner Modell» super sei, Respekt vor der Tradition, niemals und immer und Blüblü.

Schreibknechte, gebt Gas …

Aber da hält es die Geschäftsleitung von Tamedia so wie viele ihrer Journalisten: Ist doch völlig egal, was für einen Unsinn wir früher mal geschrieben oder gesagt haben. Und aufgepasst: wer meckert, fliegt als nächster, wer alte oder junge Schutzengel hat, kann bleiben. Also nichts Neues im Reich von Coninx-Supino. Früher hiess es mal: Galeerensklaven, rudert schneller, der Kapitän will Wasserski fahren. Heute heisst es:

Schreibknechte, gebt Gas, der Kapitän will sich eine neue Yacht kaufen.

Soweit, so normal für einen Medienkonzern, dem zwar auf Geschäftsleitungsebene nichts und wieder nichts eingefallen ist, wie man alte Modelle an neue Technologien anpasst. Wobei neu, das Internet gibt’s auch nicht erst seit gestern. Aber an der Profitrate gibt’s nichts zu rütteln. Und zwar in jedem einzelnen Profitcenter. Und wenn das nicht anders zu schaffen ist, dann wird halt gefeuert, what else?

Zwei Zeitungen, eine Redaktion. Geht doch.

Ach, die erbettelten Zusatzsubventionen? Was soll denn damit sein, die sind doch zu Bern beschlossen worden; schliesslich musste Tamedia deshalb noch unnütze Mitesser monatelang weiter durchfüttern.

Das macht die Geschäftsleitung, was machen die Journalisten? Auch nichts Neues, sie basteln ein «Manifest». Immerhin, früher wäre das als Flugblatt verteilt worden, heute kriegt es eine Webseite spendiert.

Stehsatz hüben und drüben

Aber auch hier, leider, herrscht der Stehsatz:

«Wir, die Belegschaft von Bund und BZ, wehren uns gegen die Fusion der beiden Zeitungen und den damit verbundenen Stellenabbau.»

Deshalb, kleiner geht’s nicht, wendet man sich «An die Berner Öffentlichkeit».

Die möchte man gerne darüber informieren, was denn die Angestellten von dieser Entscheidung und ihrer Begründung halten: nichts. Könnte man so kurz fassen, muss man aber nicht:

«Dieses Manifest tritt dieser einseitigen Darstellung entgegen. Es fasst Stimmung und Aussagen zusammen, die an einer Betriebsversammlung der Belegschaft am Tag nach der Fusionsankündigung geäussert wurden. Damit drücken die Redaktionen von Bund und BZ ihre Innenwahrnehmung der bevorstehenden Veränderungen aus, die sich deutlich von der offiziellen Message unterscheidet. Wir verstehen das als Beitrag zu einem differenzierten, ausgewogenen Bild der Entwicklung auf dem Medienplatz Bern, auf das die Öffentlichkeit angewiesen ist, um zu verstehen, was passiert.»

Ich hoffe, ich begrüsse noch mehr als drei nicht weggeschnarchte Leser. Denn so geht es noch ziemlich lang weiter. «drastische Verminderung, Leser werden für dumm verkauft, erkennen die schwierige ökonomische Situation, aber, Kommunikationsverhalten irritiert und befremdet, über die Zukunft im Dunklen

Forderungen in aller Öffentlichkeit

Der kleine Teil der Berner Öffentlichkeit, der bis hierher durchgehalten hat, wird dann mit sieben Forderungen aus dem Koma geholt. Die richten sich zwar an die Geschäftsleitung Tamedia und die Redaktionsleitung von Bund/BZ. Aber was erregten Frauen mit ihrem Protestschreiben recht ist, kann doch den tapferen Mannen und Frauen zu Bern nur billig sein.

Solche Forderungen verschickt man heute nicht mehr per Brief oder Mail an die Adressaten, sondern nimmt den Weg über die Öffentlichkeit. Logo, das sorgt sicher für mehr Verhandlungsbereitschaft.

Was für Forderungen? Kann man auf der Webseite nachlesen. Sind noch langweiliger als alles vorher. Weil sie sowieso nicht erfüllt werden. Ist auch eine gute Tradition im Hause Tamedia.

Ach, übrigens, sowohl syndicom wie impressum unterstützen diese Aktion. Also ich auch, allerdings ungefragt. Denn ich drücke aus alter Tradition weiterhin Geld für impressum ab. Gern geschehen.

Rappenspalter im Nebel

Links und rechts sind sich in einem einig: Geld ist der Treibstoff der Welt. Also her damit, oder: lost in the cloud.

Investition in Medien? In ein neues Projekt? Das ist eigentlich nur noch etwas für Multimillionäre. So nach der Yacht, dem Hotel und der Privatinsel.

Jeff Bezos kauft sich die «Washington Post». Macht Spass. Gleich drei Oeri-Schwestern sind Mäzeninnen. Beatrice Oeri* liebt es, Multimillionen in scheiternden Zeitungsprojekten zu verrösten. Die «TagesWoche» war wohl der teuerste Flop der jüngeren Schweizer Geschichte. Aber sie gibt nicht auf, aktuell verpulvert sie drei Millionen Franken in «bajour.ch».

Die Gebrüder Meili knattern Millionen in die «Republik». Milliardär Hansjörg Wyss hatte von Anfang an Pech. Sein Projekt «Vorteil Schweiz» müsste eigentlich umbenannt werden in: Vorteil für alle Pfeifen, die viel Geld für nix kriegten.

Andere Millionäre sind sehr knausrig. Die Familien Coninx, Ringier oder Wanner zum Beispiel. Griff in den eigenen Geldbeutel, ach was, Geldspeicher, wenn’s den Medien dreckig geht, die ihre Milliardenvermögen erwirtschafteten? I wo.

Auch hier betritt der «Nebelspalter» Neuland

Ein eigenes Finanzierungmodell hat sich der «Nebelspalter» ausgedacht. Finde 70 Wohlhabende, denen Ideologie und Positionierung 100’000 Franken wert ist. Gesagt, getan.

Lassen wir inhaltliche Fragen weg und schauen mal, was die «Republik» für Werbemöglichkeiten bietet. Ah, ausser Gesinnungstäterschaft keine. Der «Nebelspalter»? ein hübsches variantenreiches Angebot.

Nichts ist unmöglich, nichts ist neu.

Da hat sich der Online-Ableger fast mehr Mühe gegeben als bei den Startartikeln. Vom Advertorial (auf Wunsch inklusive Schreibhilfe), über Sponsoring, Tags, Unterbrecherwerbung in allen Kanälen zum «rundum-glücklich»-Paket «Generelle Packages», wie man im Managerdeutsch so sagt. Das kostet dann 30’000 Franken pro Jahr.

Ein «Themen-Owner» hingegen kann sich ein Thema als Sponsor krallen. Zum Beispiel «Satire». Damit wird er zwar nicht grosse Aufmerksamkeit erzielen, dafür kostet es auch nur 1500 im Monat oder – halb geschenkt – 15’000 Franken im Jahr.

Klare Prioritäten: «Inserieren» steht im obersten Navigationsbalken in der Mitte.

Hier sprechen Sie mit dem CEO persönlich

Ein weiterer, spezieller Service: bei Fragen, Wünschen oder Unklarheiten: nur Kontakt aufnehmen. Nicht etwa mit einem Marketing-Fuzzi oder so. Nein, hier schüttelt Ihnen noch der CEO als oberster Einwerber persönlich die Hand. Davon könnte sich zum Beispiel Pietro Supino wirklich eine Scheibe abschneiden. Der Klarsicht-CEO Christian Fehrlin entwickelt sich zum Multitasker.

Wollen Sie diesem sympathischen Mann ein Inserat abkaufen?

Als Gründer und CEO von Deep Impact zeichnet er für den Internet-Auftritt verantwortlich. Kein Meisterstück, aber das wäre ein anderes Thema. Als CEO schmeisst er wirtschaftlich den ganzen Laden und steckt hierarchisch irgendwo zwischen dem VR und dem Chefredaktor.

Und nun auch noch Inseratekeiler. Wahrscheinlich übernimmt er demnächst noch den Service der Kaffeemaschine, den Wareneinkauf und die Organisation der Take-away-Angebote für den Mittagstisch.

Wie lange er das tut, ist allerdings die Frage. Denn nicht nur bei der Frage, wie man den Relaunch am besten inszeniert, hat sich die Führungscrew des «Nebelspalter» nicht wirklich mit Ruhm bekleckert.

Marktwirtschaftlich vernünftige Preise?

Eigene Wege geht man auch bei der Preisgestaltung für Werbung. Durchgesetzt hat sich hier CPC (cost per clic), TKP (Tausenderkontaktpreis) oder – sehr selten – ein Festpreis. Denn schliesslich will der Werbetreibende (meistens) kein politisches Statement abgeben, sondern einen Return on Investment für seine Zahlung kriegen.

Obwohl natürlich jeder Werbeträger wie ein Wald von Affen angibt, wie qualifiziert, konsumfreudig und Anhänger von Spontankäufen seine User seien, dazu noch viele Opinion Leaders, Influencers, Leitfiguren sich darunter befänden, haben sich gewisse Benchmarks für alle Formen der Kostenberechnung einer Online-Werbung entwickelt.

Ohne hier in Details gehen zu wollen: Solange der «Nebelspalter» dank konsequenter Bezahlschranke nach der ersten Neugier noch jeden neuen User per Handschlag begrüssen kann, sind das Mondpreise.

Kein Marketing-Manager einer Firma würde es überleben, bei diesen Preisen den «Nebelspalter» in sein Werbebudget aufzunehmen. Abgesehen davon, dass die traditionell immer noch in der zweiten Jahreshälfte für das ganze Folgejahr festgelegt werden.

Tscha, dumm gelaufen bis jetzt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

* mehrere Adleraugen haben bemerkt, dass es natürlich Beatrice Oeri heissen müsste. Pardon.