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Tell tot?

Das Befürworterkomitee «Die Meinungsfreiheit» weibelt. Ohne Tell?

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Leser von ZACKBUM wissen: Es gibt ein Abstimmungsplakat, das so bescheuert ist, dass es eigentlich verboten gehört:

Das wurde von geschäftsführenden Cracks der beiden Werbeagenturen Farner und Rod nichtsahnenden Medienhäusern aufs Auge gedrückt. Leider ist es so: wer sich das aufschwatzen lässt, ohne sofort Schadenersatz und Schmerzensgeld zu fordern, ist so unterbelichtet, dass jegliche Staatssubvention rausgeschmissenes Geld wäre.

Das Werbeverbrechen wird daher auch sehr zurückhaltend, um es höflich auszudrücken, sehr zurückhaltend plakatiert.

Nun gibt der «Verband Schweizer Medien» auch mit einem «Sondernewsletter» nochmals Gas. Denn nicht nur dank diesem abverheiten Werbegag sind die grossen Medienclans mit ihrer Medienmacht schwer in die Bredouille geraten. Eine als sicher im Sack geglaubte Abstimmung wird immer mehr zum nervenzerfetzenden Thriller und es ist durchaus möglich, dass ein paar Komiteemitglieder mit Pfupf das Unmögliche schaffen könnten: das Medienpaket versenken.

Dann wäre immerhin eine Steuermilliarde futsch, und wie Clanchef Peter Wanner kürzlich jammerte: dann würde CH Media in vier, fünf Jahren rote Zahlen schreiben.

Echt jetzt? Der Besitzer einer grossen Bude kündigt weinerlich an, dass man dann mal in die roten Zahlen rutschen werde? Das sei nur zu verhindern, wenn man Staatsknete reingeschoben kriegt, noch mehr als jetzt schon.

Völlig falsche Einstellung

Was ist denn das für eine Einstellung? Unternehmerisch tätig werden, um das abzuwenden? Das unfähige Management feuern und viel Geld sparen? Das Millionengrab «watson» zuschaufeln? Endlich mal den Ansatz einer Idee haben, wie man im Internet Geld verdienen könnte?

Ach was, wieso denn, Kohle kommt. Oder auch nicht. Aber das sollte Wilhelm Tell höchstpersönlich verhindern. Wir wollen nicht wissen, was dieses Schwachsinns-Plakat gekostet hat.

Aber, Wunder über Wunder, der VSM verschickt seinen «Sondernewsletter» zur Abstimmung. Sauber aufgebaut; Intro, Grafiken, Testimonials. Kein visuelles oder inhaltliches Glanzstück, aber solide.

Am Schluss kommt dann noch dieser hier:

So weit, so gut. Der Hinweis aufs «Komitee Die Meinungsfreiheit» geht in Ordnung. Obwohl der Name ebenfalls bescheuert ist. Die grossen Medienclans, die in den letzten Jahren ständig Kopfblätter aufgekauft haben und aus zwei Küchen insgesamt 36 Tageszeitungen mit der gleichen Sauce abfüllen, die sind die Totengräber der Meinungsfreiheit. Wenn schon.

Zum Fremdschämen. Und dann noch Hansi Voigt

Aber item, blöder Name, unglücklich kämpfendes Komitee, desaströse Kommunikation. Zum Fremdschämen. Seit sich auch noch Hansi Voigt auf die Seite der Befürworter geschlagen hat, kann man getrost Wetten über den Ausgang der Abstimmung abschliessen. Denn wer den im Lager seiner Gegner erspäht, weiss: ich gewinne.

Aber es gibt eine gute Nachricht: dieser NL wäre eine prima Gelegenheit gewesen, das Tell-Plakat weiter unter die Leute zu bringen. Nur: ist nicht. Kein Tell. Keine Mauer, die mit der Ausgabe der NZZ vom 1. August 1291 niedergehauen wird. Nichts. Tell ist tot.

Auch in der extra gebastelten und 8 Seiten umfassenden «Abstimmungszeitung» ist eigentlich alles enthalten, was auch im Newsletter verbraten wurde. Was auch etwas schlapp ist. Aber auch hier kein Tell. Absurd, aber wahr: Da gibt es ein Komitee. Da gibt es ein breites Bündnis vieler Medienhäuser. Und Organisationen. Allesamt Medienprofis.

Die eigentlich wüssten, wie man eine Kampagne führt, die Volksseele richtig massiert, wie wichtig es ist, mit klarer Symbolik und Aussage in die Abstimmung zu ziehen. Also liess man ein Plakat entwerfen, drucken und gab auch dafür einen Haufen Geld aus. Um es stolz zu präsentieren – und anschliessend in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Es braucht schon die geballte Fachkompetenz von grossen Medienhäusern, denen es immerhin um einen hübschen Anteil an einer Milliarde geht, um dermassen kläglich zu versagen.

Was muss denn noch alles passieren, damit die Clanchefs – Coninx-Supino, Ringier-Walder, Wanner-Wanner und Lebrument-Lebrument – einsehen, dass sie einen Haufen Geld sparen können, wenn sie den Overhead, die Teppichetage, das Verlagsmanagement mehr oder minder ersatzlos einsparen.

Denn eines ist sicher: schlimmer kann’s nicht mehr werden; diese Kampagne für das Medienpaket wird noch in Jahren Lachtränen verursachen. Schenkelklopfer und unkontrollierbare Kicheranfälle.

Ist’s die NZZ vom 1. August 1291?

Jodeln für die Clans

Die Freiheitsjodler der grossen Medienkonzerne singen das hohe Lied auf das Medienpaket.

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Meinungsvielfalt, das ist eines der Argumente, die von den Befürwortern des Medienpakets verwendet werden. Denn am 13. Februar wird darüber abgestimmt, ob die Schweizer Presselandschaft mit zusätzlich einer Milliarde Steuergelder gedüngt werden soll – oder nicht.

Überraschungsfrei sind die grossen Medienclans – Coninx-Supino (Tamedia), Wanner-Wanner (CH Media) und Ringier-Walder (Axel Springer Ringier) dafür. Das sei nötig, um die Medienvielfalt zu schützen und zu unterstützen.

Das ist der schöne Schein. Die Wahrheit dahinter ist: der Konzern Tamedia besitzt heute 15 Tageszeitungen. Vor 20 Jahren war es nur der «Tages-Anzeiger» plus ein wenig Anteil an «Luzerner» und «Berner Zeitung».

CH Media – nach der Fusion mit den NZZ-Regionalzeitungen – beschallt sogar mit insgesamt 21 Tageszeitungen die Schweizer Leser. Von Vielfalt kann da keine Rede mehr sein. Denn alle diese Zeitungen werden von zwei Zentralredaktionen bespielt. Also die gleiche Einheitssauce ergiesst sich in alle Kopfblätter.

 

Die halten sich dann jeweils noch eine Lokalredaktion und einen Chefredaktor, weil das halt so Brauch ist. Zu sagen hat der nix, und die Lokalredaktion arbeitet motiviert unter dem Damoklesschwert, dass nach der Sparrunde vor der Sparrunde ist.

3,3 Milliarden Gewinn, dafür eine Milliarde obendrauf?

Wie der Ktipp vorrechnet, haben die drei grossen Medienclans von 2011 bis 2020 einen Betriebsgewinn von netten 3,3 Milliarden Franken eingefahren (vor Steuern und Abschreibungen).

Ihr Problem ist also nicht, dass sich mit dem Modell Grossverlag kein Geld mehr verdienen liesse. Ihr Problem ist vielmehr, dass ein unfähiges Management verpasst hat, sich den neuen Herausforderungen des Internets zu stellen.

Rund 90 Prozent des Online-Werbekuchens werden in der Schweiz von Google, Facebook und Amazon abgefrühstückt. Für die Grossverlage bleiben nur kleine Krumen übrig. Selten hat eine Branche dermassen in einem Wandel der Technologie versagt. Selbst die Hersteller von Dampflokomotiven oder Pferdekutschen sind innovativer mit dem Aufkommen von Elektroloks und Autos umgegangen.

Alte digitale Herausforderungen

Gleichzeitig beherrschen die drei grossen Medienclans rund 80 Prozent des Pressemarkts in der Schweiz. Eine Monopolstellung haben und nicht mal die richtig ausnützen können – mehr Versagen ist nicht denkbar.

Die beiden Hauptargumente, um mehr Staatsbatzeli zu kassieren, sind Medienvielfalt und Hilfe bei der technologischen Bewältigung der neuen digitalen Herausforderungen.

Was drakonische Einsparungen, das Zusammenlegen von Redaktionen, das Ausschütten einer Einheitssauce aus Zentralredaktionen mit Medienvielfalt zu tun haben soll, ist völlig unerfindlich.

Wie man 25 Jahre lang das Internet verschnarchen kann, mit offenem, Mund dabei zuschauen, wie grosse US-Konzerne sich den Werbekuchen untereinander aufteilen, ist blamabel.

Nach dieser Vollklatsche staatliche Unterstützung erbetteln, um diesem angeblichen Innovationsdruck gewachsen zu sein, das ist schon nassforsch.

Jämmerliches Niveau

Auf welchem Niveau sich die Abstimmungskampagne der Verlegerclans abspielt, zeigt schon die die Webseite «Die Meinungsfreiheit» mit ihrem Begriff und Slogan «Demokratie braucht starke Medien».

Als ob es darum ginge, dass bei einer Ablehnung der Zusatzsubvention die Meinungsfreiheit gefährdet wäre. Als ob die Schweizer Demokratie starke, staatsunabhängige, pluralistische Medien hätte.

Noch lächerlicher machen sich die Befürworter mit ihrer Plakatkampagne mit einem Wilhelm Tell, der mit einer Zeitung (!) eine Mauer niederhaut, auf der «Fake News» steht. Dabei ist dieses Sujet selbst von A bis Z Fake News.

Wie ein durchgesickertes internes Strategiepapier der an dieser Schwachsinnskampagne beteiligten Werbeagenturen Farner und Rod belegt, geht es überhaupt nicht um den Kampf gegen Fake News: «In politischen Debatten sind nicht Fakten, sondern der gedankliche und emo­tionale Deutungsrahmen entschei­dend.»

Das ist zwar seit Gustave Le Bons «Psychologie der Massen» bekannt. Aber dennoch entlarvend als Kontrast zu den staatstragenden Aussagen der Sprachrohre der Verlegerclans.

Schein und Wirklichkeit

So sagt Tamedia-Boss Pietro Supino, ohne rot zu werden: «Der wichtigste Beitrag, den wir als Branche leisten können, ist die verlässliche Information der Bevölkerung über Fakten und Meinungen.»

Peter Wanner vom Wanner-Clan (CH Media) assistiert: «Eine Demokratie braucht Medien, die sich der Wahrheitsfindung verpflichtet fühlen

Das stimmt beides. Nur liefern diese Konzerne, von Ringier ganz zu schweigen, weder verlässliche Informationen, noch fühlen sie sich der Wahrheitsfindung verpflichtet. Sie wollen vielmehr die Regierungen unterstützen, wie Ringier-CEO Marc Walder unverblümt zu Protokoll gab.

Oder sie verlieren sich in absurden Kampagnen über das welterschütternde Problem, ob ein Tennisspieler in Australien Tennis spielen darf. Zum Skelett abgemagerte Redaktionen sind kaum mehr zu Hintergrundrecherche, zu Einordnung, Analyse und Schaffung eines Mehrwerts für den Leser in der Lage.

Kompensationsgesten

Ihren Bedeutungsverlust kompensieren sie mit meinungsstarken, aber haftungsfreien Kommentaren, Forderungen und Rechthabereien. Ihre zunehmende Unwichtigkeit im öffentlichen Diskurs kompensieren sie mit Ausflügen in die Betrachtung des eigenen Bauchnabels, der Beschreibung von erfundenen oder geklauten Leiden. Mit absurden Verkrampfungen über Gendersprache, Inklusion, Exklusion, Diskriminierung und anderen Themen, die den meisten Lesern völlig gleichgültig sind.

Die Medien sind selbstverschuldet in diese Krise geraten. Sie verstärken sie selbst durch die Unfähigkeit von Management und überlebenden Redaktionen.

Im Kapitalismus ist es ganz einfach: wenn es Nachfrage gibt, gibt es auch Angebot. Wenn es Bedarf an qualitativ hochstehender Information gibt, wird es Angebote geben. Wenn grosse Medienclans lieber in Kunstsammlungen, Yachten und Fahrzeugpark investierten, als Geld für Zukunftstechnologien auszugeben, dann sind ihre Firmen halt zum Untergang verurteilt.

Deswegen geht nicht die Demokratie zu Grunde. Dieses Argument hatten die Hersteller von Dampflokomotiven oder Pferdekutschen oder Textilien oder Stahlprodukten in der Schweiz nicht. Sie kreischten und jammerten auch, gingen dann unter. Weder sie noch ihre Produkte fehlen uns.

Wer ragt schon aus dem Einheitsbrei heraus

Niemand sollte den Medienclans und ihren Produkten eine Träne nachweinen. Entweder, sie schaffen den Turnaround aus eigener Kraft, oder sie sind obsolet geworden. Aber bevor sie eine weitere Milliarde Staatshilfe bekämen, sollten sie vielleicht zuerst ihre Yachten, Kunstsammlungen und den Fahrzeugpark verkaufen. Oder in den eigenen Sack greifen und etwas von den 3,3 Milliarden Franken Profit reinvestieren.

Oder mindestens die Redaktionen nicht weiter zu Tode sparen, mit der verlogenen Behauptung, dass das Kompetenz, Content und Informationsmehrwert sowie Meinungspluralismus stärke.

Die eigenen Leser, das Publikum, die Stimmbürger für dumm verkaufen, das war noch nie eine gute Idee.

Medienclowns: Es darf gelacht werden

Die Abstimmung über das Milliardengeschenk provoziert Lachsalven.

Zuvorderst, unschlagbar, da kann es nur einen geben: unser ewiger Liebling Hansi Voigt. Dessen neuste Bruchlandung, bajour.ch, hat schon über 2 Millionen verröstet. Unbrauchbares Angebot, keine Nachfrage, lachhafte Einnahmen, grosse Payroll.

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Da kann es nur eins geben: Stecker raus. Aber nein: die reiche Pharma-Erbin, eine Milliardärin, schüttet schlechtem Geld noch gutes hinterher: drei weitere Millionen.

Voigt lässt sich also von einer Milliardärin aushalten, der Schlingel. Das hindert ihn aber nicht daran, zu twittern:

«Medien sind kein Milliardärsspielzeug.»

Sagt der Toy Boy. Und setzt hoffnungsvoll hinzu: «Bis jetzt sind unabhängige Online-Medien wie bajour, … Republik nicht förderbar. Das ändert sich mit dem neuen Gesetz. Sie würden sogar überproportional profitieren.»

Bislang profitieren «bajour» und «Republik» ja bloss von Multimillionären, die sich gerne Spielzeuge halten …

Kurzzeitig gab es Anlass für Hoffnung. Die grosse Corona-Kreische Marc Brupbacher (auch solche Figuren würden mit dem Mediengesetz finanziert werden) verfiel in tiefes Schweigen und behauptete dann: «Vielen Dank für die (besorgten) Nachfragen. Es gibt mich noch! Ich mag den fortwährenden Kreis der Idiotie nur nicht mehr kommentieren. Es ist für den Moment alles gesagt.»

Aber leider ist er wieder voll auf Droge, äh, auf Twitter. Ein Fall für: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Wie sagt doch sein oberster Boss, der Präsident von Tx (der Mutterkonzern von Tamedia) und vom Verlegerverband: «Der wichtigste Beitrag, den wir als Branche leisten können, ist die verlässliche Information der Bevölkerung über Fakten und Meinungen.» Das kriegt Pietro Supino über die Lippen, ohne dabei rot zu werden.

Wir wischen uns die Lachtränen aus den Augen und hören uns seinen Kollegen Peter Wanner vom Wanner-Clan an, den Besitzern von CH Media: «Eine Demokratie braucht Medien, die sich der Wahrheitsfindung verpflichtet fühlen

Während sich CH Media mehr dem Einkommen der Wanners verpflichtet fühlt …

Was für ein Eiertanz. Wird das Subventionsgesetz angenommen, bekommen die Verleger zusätzlich Hunderte von Millionen Franken Steuergelder. Wird es abgelehnt, bekommen sie keine Kohle.

Und unter dieser Voraussetzung wollen diese Medien verlässlich informieren, verpflichtet nur der Wahrheitsfindung. Da fehlt doch noch Ringier-CEO Marc Walder als Vertreter des dritten Clans: ohne in irgend einer Form den Redaktionen Weisungen zu erteilen.

Alle Leser haben schon Seitenstechen vor Lachen? Gut, wir lassen Gnade walten. Denn eigentlich ist es gar nicht lustig

 

 

Vermisst!

Wo ist Pascal Hollenstein, die redaktionelle Leiter nach unten?

Gerne machte er den Lautsprecher und Boten für Jolanda Spiess-Hegglin. Dabei hielt er sich nicht mal an gerichtliche Sperrfristen, um der Erste zu sein. Kein Anlass zu niedrig, um seiner Vorbildfunktion bei CH Media nachzuleben: schaut, Mitarbeiter, so sollte man das nicht machen.

ZACKBUM musste sich schon mehrfach mit dieser Schande des Journalismus befassen. Der auch sonst gerne auf allen Gebieten dilettiert. Als staatstragender Kommentator, als aufrechter Genderspezialist.

Aber als es seiner Schutzbefohlenen Spiess-Hegglin dreckig ging, ihr wegen unangemessenem Verhalten und Nichterfüllen von Auflagen Staatssubventionen gestrichen wurden: wo war Pascal Hollenstein? Man hörte kein Wort von ihm. Kein Wort des Bedauerns, der Verteidigung. Wegducken, tiefes Schweigen.

Noch Anfang Oktober hatte sich Hollenstein zum gewichtigen Thema «Gendergerechte Sprache: so macht es CH Media» geäussert. Und eine Lanze für korrekten Umgang mit Leserinnen gebrochen:

«Der generische Maskulin ist zwar praktisch, denn er ist kurz. Aber er taugt nicht mehr zur Beschreibung einer Welt, in der Frauen einen gleichberechtigten Platz einnehmen sollten. Er ist oft unpräzise. Und vor allem: Er stösst viele Leserinnen unnötig vor den Kopf.»

Einleitend definierte Hollenstein, wie die journalistische Sprache zu sein habe: «Präzise, verständlich und elegant sollten die Formulierungen sein.» Das wäre das Ziel, die Verwendung der richtigen Formulierung «das generische Maskulinum» wäre ein Schritt in diese Richtung.

Was macht Hollenstein den lieben, langen Tag?

Dann fiel Hollenstein noch bei einer Podiumsdiuskussion zum Mediengesetz, also zur umstrittenen Ausschüttung von einer Milliarde Steuerfranken an Medienclans, mit solchen Plattitüden auf: «Medien wird es immer geben, auch Journalisten und unabhängigen Journalismus.»

Aber sonst? Wo ist die «Leiter Publizistik» bei CH Media? Der zweitwichtigste Mann nach Clan-Chef Peter Wanner? Unter dessen Leitung Oberchefredaktor Patrik Müller arbeitet? Der Mann verdient doch ein Heidengeld, in dieser Position. Was tut er eigentlich in den letzten Monaten dafür?

Nicht, dass der Qualitätsjournalismus ohne ihn ärmer geworden wäre. Es mag sogar Leser geben, die es als Erleichterung empfinden, dass er verstummt ist. Die Sendepause gibt. Uns mit neuen Erkenntnissen von und über die hässige Chefin einer Organisation gegen Hass und Hetze verschont.

Oder leidet er unter Schreibstau? Ein Mann ohne Mission? Burn-out gar? Spielt Corona eine Rolle? Müssen wir uns Sorgen machen?

In den USA werden Milchtüten dafür verwendet, Fotos von vermissten Personen unter die Leute zu bringen. Vielleicht wäre es an der Zeit, diesen Brauch auch in der Schweiz einzuführen.

Schliesslich hatte sich Hollenstein mit viel Mühe und Schweiss einen festen Platz im Personal von ZACKBUM erobert. Und wir kümmern uns um unsere Leute.

 

Drei Meldungen, eine Geschichte

Peter Wanner schreibt einen Brief, Jean-Martin Büttner muss gehen. SRF baut ab und um.

Er ist wohl das, was man ein Urgestein nennt. Noch länger als Rainer Stadler bei der NZZ harrte Jean-Martin Büttner beim Tagi, bei T, bei TX, bei Tamedia aus. 37 Jahre verbrachte er dort, sein ganzes Berufsleben.

Er ist Jahrgang 1959, fing 1983, nach Abschluss seines Studiums, beim Tagi an. Das heisst, dass er ein paar Jahre zu früh gefeuert wurde, um problemlos ins Rentnerdasein zu rutschen. Aber solche Kleinigkeiten spielen heutzutage keine Rolle mehr.

Wanner hat einen Brief mit Beilage geschrieben

Wie persoenlich.com exklusiv vermeldet, hat Hausherr Wanner allen Journalisten bei CH Media einen Brief geschrieben. Weihnachtsgrüsse, schwierige Bedingungen, «schätzen Ihren Einsatz sehr», Blabla.

Da dem Schreiben kein Zehnernötli beilag, obwohl sich ja auch dieser Verlag das traditionelle Weihnachtsessen sparen kann (der Zunft geschuldet mehr ein Weihnachtstrinken; welche fabulöse Alkoholrechnungen enthemmte Journalisten verursachen können, sagenhaft), schauten sich die Betroffenen eine Beilage genauer an.

«Leitlinien für den Lokaljournalismus», so der Titel des E-Mail-Anhangs. Interessant. Wird hier erklärt, wieso die Leitlinie daraus besteht, Aussenstationen zuzuklappen, Lokaljournalisten rauszuschmeissen oder zu Regional-, wenn nicht Kantonaljournalisten zu machen?

Leitlinien im luftleeren Fantasieraum

Das ist zwar die bittere Realität, aber davon will sich ein publizistischer Ausschuss doch nicht seine Illusionen nehmen lassen. Der Lokaljournalist müsse «den Stallgeruch spüren», vor allem «nahe dran bleiben», nicht zuletzt: «Man muss ihn mögen, damit er an Informationen herankommt.» So stellt sich das ein Club von überwiegend älteren Herren vor, die noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr so etwas wie Lokaljournalismus gemacht haben.

Schliesslich sitzt der «Kommunikationsberater» Peter Hartmeier* dem «Publizistischen Ausschuss» von CH Media vor, unterstützt von Koryphäen wie Esther Girsberger oder Peter Wanner himself. Natürlich darf auch die publizistische Leiter nach unten nicht fehlen, Pascal Hollenstein.

Man ahnt es, da kann ja nichts Gutes herauskommen. Nachdem man das den älteren Herren erklärt hat, sind sie nun überzeugt: «Mobile first». Irgendwie. Denn dank des Internets wisse man jetzt, «welche Titel und Artikel besonders gut klicken.» Da hat’s auch beim publizistischen Ausschuss (nomen est omen) spät, aber immerhin klick gemacht. Denn wenn man schon beim digitalen «Change» ganz vorne dabei ist, weiss man auch: «Der moderne Journalist ist ein Video-Journalist.» Denn auch das klickt ungemein.

Neuigkeiten von der Fernbedienung

Wunderbar, man hat sich sagen lassen, dass man nicht mehr nur mit der Fernbedienung, sondern auch mit – wie heisst das Zeugs schon wieder – Streamen bewegte Bilder anschauen kann. Multichannel, you know, Text ist so was von gestern, heute ist Bild und Ton und Text und Illu und Link, und Blog, und Social Media, und, und, und.

Wie macht das der moderne Journalist? Na, piece of cake, wie da der Digital Native sagt: «Mit Video‐ und Audio‐Schnipseln und Fotos bastelt der Journalist eine multimediale Story.» Manchmal gelingen selbst Pfeifen Sätze, die jeden weiteren Kommentar erübrigen. Ausser, dass noch nicht klar ist, ob das der Video-Journalist mit eigenen Mitteln und Selbststudium basteln soll oder nicht.

Bei SRF gibt es keine Bastelstunde

Entschieden weiter mit Video- und Audioschnipseln und überhaupt im Netz ist SRF. Als die Direktorin Nathalie Wappler im Livestream (nimm das, publizistischer Ausschuss) ihre Untergebenen darüber informierte, dass es ihr wirklich ernst ist mit dem digitalen Umbau, meinte man gigabyte-mässig immer noch Unglauben und «lassen uns doch nicht die Festtage völlig versauen» zu spüren.

Denn Wappler kündigte konkret an, dass im Januar die ersten 66 Vollstellen gekündigt werden. Sozialplan vorhanden. Insgesamt verabschiedet sich SRF in den nächsten zwei Jahren von 211 Stellenbesitzern. Das ist bei rund 3000 Angestellten nicht mal 10 Prozent, aber dennoch ist das üppig bezahlte Personal erschüttert, gerüttelt, gerührt und angefasst.

Gleichzeitig aber werden in einem ersten Akt 89 neue Stellen geschaffen. Was bedeutet, dass offenbar viele des Bastelns von Videos und Audios mächtige Mitarbeiter nicht in der Lage sind, ins Modern-Digitale umzusteigen. Eine Zeitenwende wie damals, als man den letzten Printjournalisten ihre Schreibmaschine wegnehmen musste und sie darauf aufmerksam machen, dass faxen nicht mehr die beste Übertragungsmethode ist.

Drei Meldungen, drei Erkenntnisse, eine Frage

Was sagen uns diese drei Ereignisse? Sie verschaffen drei Erkenntnisse. Texte von Büttner wären garantiert nicht besser geworden, wenn er sie mit Video- und Audioschnipseln verunstaltet hätte. Schlichtweg schon deshalb, weil ein guter Schreiber kaum auch ein guter Fotograf, Radio-Reporter oder gar VJ ist.

Was CH Media hier als Blick in die Zukunft vergeigt, ist das typische Resultat eines abgehobenen Altherrenvereins, der selbst vom Millionengrab watson.ch nicht gelernt hat, dass Internet nicht einfach Flimmern statt Drucken bedeutet. Und dass ein Lokaljournalist mit Kamera normalerweise schlechter ist als ohne. Insofern es ihn überhaupt noch gibt.

SRF hingegen, gebadet in genügend Zwangsabgaben, kann es sich leisten, bei der digitalen Transformation Nägel mit Köpfen zu machen. Zuerst ein wohlüberlegter Plan, dann die Strategie zur Umsetzung, dann die personellen Konsequenzen. Muss auch nicht unbedingt funktionieren. Aber im Vergleich zu Tamedia oder CH Media liegen Welten dazwischen.

Zwei Grosskonzerne ohne Konzept, ausser nach Staatshilfe zu krähen. Und ein mehr oder minder Staats-TV, dass verblüffenderweise nicht der Letzte im Umzug ist, wenn es um Paradigmenwechsel geht, sondern den Umzug anführt. Wie absurd ist das denn?

 

*Da sieht man, wie schnell ich abschalte, wenn sein Name erscheint. So heisst er richtig, nicht Hartmann. Schon wieder. Ich schreibe hundert Mal an die Wandtafel: Ich muss meinen Namens-Check verbessern. Aber immerhin, Dürrenmatt habe ich im ersten Anlauf richtig geschrieben.

 

Anna Wanna Supergirl

Ein Kommentar ist schwieriger als gedacht.

Anna Wanner ist 35 Jahre alt und Co-Leiterin des Inlandressorts bei CH Media und AZ-Verwaltungsrätin. Und sie ist Tochter von Peter Wanner, Sohn des Otto Wanner junior, Sohn des Otto Wanner senior. Anna ist also Wanna.

Am Donnerstag schrieb Anna Wanner einen Kommentar auf der Front rechts. Früher war dieser Platz für alte, missmutige Männer reserviert, die der geneigten Leserschaft den Takt vorgaben. Der Pfarrer predigte von der Kanzel, der Chefredaktor von der Schreibmaschine.

Ein Kommentar, für die jüngeren Leserinnen und Leser, war früher eine Ansage. In ungewissen Zeiten wie diesen wäre das eine gute Gelegenheit, die Verwirrten, die Ängstlichen und die Jammernden zu beruhigen. Das tut man am besten mit dem Punkt (.) oder Ausrufezeichen (!).

Von Fragezeichen (?) wird in Kommentaren abgeraten. Man will ja etwas sagen, nicht fragen. Anna Wanner hat sich am Donnerstag an einen Kommentar zur bundesrätlichen Corona-Strategie gewagt. Gutes Thema. Entweder lobt man den Bundesrat, weil er die Wirtschaft schützen will, oder man geisselt ihn, weil er die Gesundheitsproblematik unterschätzt.

Für etwas muss man sich entscheiden, auch wenn man die Urenkelin von Otto Wanner senior ist. Bei Anna Wanner weiss man nicht, was sie uns eigentlich sagen möchte:

«Das Vorgehen (des Bundesrats) birgt das Risiko, dass sich die Situation weiter verschärft. (…) Richtig ist das Vorgehen aber auch, weil noch unklar ist, (…) Sollten wir noch Freunde und Famille treffen? Und können wir ohne Bedenken auswärts essen? Die Freiheit ist längst eingeschränkt. Halten wir das weiterhin aus? Oder müssen doch strengere Regeln her?»

Was soll der Quatsch? Bin ich schön? Bin ich satt? Bin ich hungrig? Bin ich ratlos? Bin ich am falschen Platz?

Wie lange duldet Verleger Wanner das noch?

Sein publizistischer Leiter ist schwer neben der Spur.

«Es gehört zu einem der wichtigsten Gebote des Journalismus, dass sich Medienschaffende von ihren Quellen nicht instrumentalisieren lassen dürfen, weil sie ansonsten Gefahr laufen, manipuliert zu werden.»

Das schreibt die Anwältin von Jolanda Spiess-Hegglin in ihrem 63-seitigen Wälzer, mit dem sie die Forderung nach Gewinnherausgabe begründet. Dieser Aussage kann man nur zustimmen. Allerdings: Pascal Hollenstein sieht das offenbar anders.

Seit er sich selbst bei Spiess-Hegglin für allfällige Fehlleistungen entschuldigte, lässt er sich als Sprachrohr missbrauchen. So ignorierte er sogar eine gerichtlich angeordnete Sperrfrist, um als Erster die Kommentare von Spiess-Hegglin zum jüngsten Urteil in ihrem Feldzug gegen Ringier publizieren zu können.

Nun geht’s ums Geld

Inzwischen ist bekannt geworden, dass Spiess-Hegglin schon vor dem Urteil des Zuger Obergerichts eine weitere Klage gegen Ringier eingereicht hatte. Diesmal geht es um Gewinnherausgabe. Hier ist die Reaktion von Spiess-Hegglin und Hollenstein auf meine diesbezügliche Anfrage am Donnerstag sehr befremdlich.

Wie es sich im seriösen Journalismus gehört, wurde ihnen genügend Zeit für Antworten eingeräumt. Aber von meinen Fragen aufgeschreckt, veröffentlichte Hollenstein noch am Donnerstagabend einen Artikel, der offenbar bereits abschussfertig vorlag.

Schon wieder liess er sich instrumentalisieren, um exklusiv und als Erster über die weitere Klage von Spiess-Hegglin zu berichten: «Jolanda Spiess-Hegglin fordert von Ringier Herausgabe des Gewinns.»

Beziehungskorruption vom Feinsten

«Wie jetzt bekannt wird», flunkert Hollenstein, habe sie «gegen Ringier bereits Mitte August eine weitere, umfassende Klage beim Zuger Kantonsgericht eingereicht.» Das «wird» nicht bekannt; er macht’s bekannt. Dann übernimmt er die Begründung seiner Quelle; es dürfe «sich schlicht nicht lohnen, auf dem Buckel von Medienopfern mit Klicks Geld zu verdienen», habe ihm Spiess-Hegglin anvertraut.

Das sieht Jeremias Schulthess, Geschäftsführer der medienkritischen Organisation Fairmedia, auch so: «Wenn die Klage erfolgreich ist, verbessert das Situation der Betroffenen von Medienberichten in der Zukunft massiv», zitiert ihn Hollenstein; in der Eile der vorgezogenen Publikation nicht ganz frei von Rumplern. Fairmedia twitterte bereits 2019 erwartungsfroh: «Hansi Voigt kommt auf weit mehr als eine Million Franken, die Ringier mit der publizistischen Ausbeutung von Spiess-Hegglin verdient habe.»

Beziehungskorruption vom Feinsten. Im Vorstand von Fairmedia sitzt Guy Krneta als Vizepräsident. Krneta machte von sich reden als Initiator der Aktion «Rettet Basel». Die Stadt sollte vor Christoph Blocher gerettet werden; genauer vor dessen Übernahme der «Basler Zeitung». Dagegen wurde mit den Millionen einer Pharma-Erbin das Projekt «TagesWoche» in Stellung gebracht.

Weitere Millionen sind abrufbereit

Der Zwitter zwischen Online-Magazin und Printausgabe verröchelte trotz vielen Millionen sang- und klanglos. Aber wo das Geld herkam, gibt es noch mehr. Jährlich eine Million Franken will die «Stiftung für Medienvielfalt» für ein Nachfolgeprojekt der gescheiterten «TagesWoche» aufwerfen. Da ist Krneta natürlich zur Stelle. Genauso wie Hansi Voigt, der mal wieder ein Konzept erstellte. Damit ist eigentlich nur eins sicher: Auch dieses Projekt wird die jährliche Million locker ausgeben – und irgendwann verröcheln.

Daher hat Voigt offenbar vorausschauend im Dienste von Spiess-Hegglin auf abenteuerliche Weise einen Gewinn von über einer Million Franken durch Artikel über sie bei Ringier herbeifantasiert. Was überraschungsfrei Fairmedia toll findet. Und was Hollenstein seinen Lesern serviert, ohne natürlich auf diese Verbandelungen aufmerksam zu machen.

Auch von Juristerei versteht Hollenstein wenig

Fairmedia will nun die verfolgende Unschuld Spiess-Hegglin «bei ihrem Kampf für Gerechtigkeit weiterhin tatkräftig unterstützen». Krneta, Voigt und Hollenstein: Da bekommt man fast Mitleid mit Spiess-Hegglin. Denn wie schreibt Ringier in seiner ersten Stellungnahme nach der Entschuldigung seines CEO: Es sei zu befürchten, dass «die Vorstellung der Klägerseite über den erzielten Gewinn und die ökonomische Realität des Mediengeschäfts enorm weit auseinander liegen.»

Nicht nur das, in seiner Eile, seinen Primeur so schnell wie möglich herauszuhauen, zeigt Hollenstein, dass er von Juristerei wenig versteht. «Im Juristendeutsch handelt es sich um eine sogenannte Stufenklage», schreibt er mit Kennermiene. Die erste Stufe habe Spiess-Hegglin mit der Verurteilung des Ringier-Verlags wegen Persönlichkeitsverletzung erklommen, «jetzt zündet sie die nächste».

Auf Journalistendeutsch ist das Quatsch. Unsinn. Hollenstein wäre gut beraten, sich von der Anwältin von Spiess-Hegglin mal einen Grundkurs «wie verstehe ich Juristendeutsch» geben zu lassen. Wenn man ins Jufeln gerät, weil man unbedingt die Nase bei der Publikation einer weiteren Stufenklage vorn haben will, passieren natürlich solche Flops.

Alle unterwegs im Neuland

Spiess-Hegglin betrete hier Neuland, schreibt Hollenstein bewundernd. Es ist allerdings zu befürchten, dass dieses Neuland nicht tragfähig ist; zumindest nicht in der Grössenordnung von Hunderttausenden von Franken, die sich offenbar das Opfer, ihre Anwältin, Fairmedia und wohl auch Hollenstein erträumen.

Allerdings, wenn Spiess-Hegglin mehrstufig auf Gewinnherausgabe klagt: Hollenstein hat sich bekanntlich auch schon für fehlerhafte Berichterstattung in seinen Blättern entschuldigt. Auf Juristendeutsch wäre das doch ein Schuldeingeständnis. Hansi Voigt, übernehmen Sie! Was CH Media, also die früheren Lokalzeitungen der NZZ, an Spiess-Hegglin verdient haben, das muss doch auch zurückgefordert werden.

Wenn wir schon dabei sind, weitere Einnahmequellen aufzutun: Hansi Voigt selbst hat sich ebenfalls schon entschuldigt. Für die Berichterstattung in «20Minuten». Da könnte er doch in eigener Sache sozusagen ausrechnen, welche Gewinnherausgabe Spiess-Hegglin zusteht. Schliesslich ist «20Minuten» mindestens so klickstark wie der «Blick». Auch hier kann Voigt locker auf eine weitere Million kommen.

Haltet den Dieb!

Schliesslich schimpft Voigt auf Twitter, in der Hoffnung auf das mangelhafte Kurzzeitgedächtnis der Journalisten: «Blick soll die Beute aus der illegalen «Journalismus»-Orgie herausrücken. Was bei jedem Kaufhausdieb selbstverständlich ist, wird dank Jolanda Spiess bald auch in der Medienbranche gelten.» Allerdings neigen Kaufhausdiebe auch dazu, «haltet den Dieb» zu rufen, um vom eigenen Diebstahl oder der eigenen Orgie abzulenken. Zum Lernen: An dieser «Orgie» war nichts illegal, lieber Herr Dummschwätzer.  Weder in «20 Minuten», noch im «Blick». Vielleicht erklärt Ihnen mal ein geduldiger Mensch, was der Unterschied zwischen einem Zivil- und einem Strafprozess ist.

Oder aber, das Beispiel von Carmen Epp macht Schule. Die entschuldigte sich im Juni 2019 nicht nur öffentlich, sondern kündigte an, dass sie das Honorar, das sie für Ihre Kolumne in der «Medienwoche» gekriegt habe, spende. Davon könnten sich doch Hollenstein, Voigt und alle Entschuldiger eine dicke Scheibe abschneiden! Wir sammeln gerne die Spendenbelege und veröffentlichen sie dann unzensiert.

Ich hätte da ein paar Fragen

CH Media, quo vadis?

Qualität, Qualität, Qualität. Vierte Gewalt, Service public, Verantwortung. Mehr als 300 Lokaljournalisten in Lohn und Brot. So hört es sich an, wenn der Verleger von CH Media in die Harfe greift.

Dissonant schneidet er Krise, Krise, Krise dagegen. Um schliesslich mit Pauken und Trompeten zum Finale aufzuschäumen. CH Media braucht Geld. Kohle. Staatsknete. Vornehmer ausgedrückt: Subventionen. So viel wie möglich. Eher dringend.

Denn sonst, das lässt Peter Wanner durchblicken, sind die von ihm verlegten Tageszeitungen gefährdet. Sonst haben sie Mühe, die digitale Transformation umzusetzen. Und wenn das passiert, dann gute Nacht am Sächsi. Dann sind nicht nur Arbeitsplätze gefährdet, sondern auch ein Service public, die Wächterfunktion von Qualitätsmedien.

Wer garantiert die Qualität?

Wenn wir von Qualitätsmedien sprechen, lassen wir «watson» gleich mal aussen vor. Dieses Millionengrab zur Verbreitung von lustigen Videos und Rangordnungen ist nicht mal Bestandteil von CH Media. Obwohl es behauptet, schon 99 der 100 wichtigsten Fragen der Menschheit beantwortet zu haben, wollen wir diesen Flop nicht gegen Verleger Peter Wanner verwenden.

Nun können wir dem Impressum der Zeitungen entnehmen, dass direkt unter dem Verleger der «Leiter Publizistik» thront. Noch vor den jeweiligen Chefredaktoren, noch vor Patrik Müller, dem Chefredaktor der Zentralredaktion für alle Blätter in Aarau.

Führen durch Vorbild?

Der publizistische Leiter Pascal Hollenstein ist also an wichtiger Stelle dafür verantwortlich, dass CH Media all diesen herausragenden Qualitätsmerkmalen nachlebt, sie in jeder Zeile aller Kopfblätter zum Ausdruck kommen.

Natürlich nicht nur dort, sondern in erster Linie bei Werken von Hollenstein selbst. Denn wenn sich ein publizistischer Leiter nicht an die Berufsregeln, an den Journalistenkodex halten würde, wie sollte er da Vorbild sein, das von allen anderen einfordern?

Das ginge ja gar nicht. Wer sich unanständig verhält, kann von anderen schlecht Anstand verlangen. Nun hat Hollenstein mehrfach gegen Berufsregeln verstossen. Dazu gehört, dass gerichtlich festgelegte Sperrfristen zu respektieren sind.

Besonders bei Urteilen, bei denen eine grössere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erwartet wird, stellt das Gericht mit einer Sperrfrist sicher, dass nicht die beteiligten Parteien vorprellen und versuchen, mit einem Präventivschlag die Lufthoheit über der öffentlichen Meinung zu erringen.

Sondern dass alle Medien – genau wie die Prozessparteien – gleichzeitig in Kenntnis des Urteils publizieren, analysieren, kommentieren können. Weil das eine Selbstverständlichkeit ist, sind solche Sperrfristen nicht mit Sanktionen bewehrt, falls jemand dagegen verstösst.

Pascal Hollenstein hat dagegen verstossen. 24 Stunden vor Ablauf der Sperrfrist stellte er einen Artikel online, in dem er einseitig die Position und Meinung einer der beiden Parteien wiedergab. Damit verstiess er gleich noch gegen eine zweite Regel: et audiatur et altera pars. Man höre auch die andere Seite.

Wie ein Vorprellen zur Lachnummer wird

Das war aber gar nicht möglich, weil sich die andere Seite selbstverständlich an die Sperrfrist hielt. Zur peinlichen Lachnummer wurde dieser vorzeitige Erguss dadurch, dass sich die eine Partei darüber beschwerte, dass die andere sich nicht bei ihr entschuldige. Was dann aber prompt geschah, als die Sperrfrist abgelaufen war.

Hat man seither ein Wort des Bedauerns, eine Entschuldigung vom fehlbaren Leiter Publizistik gehört? Empfiehlt er wenigstens seinen Redaktoren, nicht seinem schlechten Beispiel zu folgen? Nein, und warum nicht?

Ganz einfach: Wer an zweiter Stelle im Impressum steht, muss sich von niemandem unten drunter etwas sagen lassen. Höchstens vom Verleger oberhalb, aber der reisst lieber leere Sprüche über Qualitätsmedien und schweigt hier stille.

Ein ungeheuerlicher Satz

Simone Meier ist Mitglied der Redaktion von «watson», dazu Schriftstellerin und Kolumnistin in den Blättern von CH Media. Hier hat sie eine feste Kolumne und äussert sich auch sonst nach Lust und Laune zu Themen, von denen sie nichts versteht.

In einer recht wirren Attacke gegen die sogenannte Cancel Culture versteigt sie sich in einem Ausflug in die Geschichte zum ungeheuerlichen Satz: «Unter Hitler wurden Juden, Menschen mit einer Behinderung, Fahrende, Kommunisten und Homosexuelle gecancelt. Und so weiter.»

Es gibt bekanntlich Idioten, die leugnen, dass Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg mehr als 6 Millionen Juden in Form von industriellem Massenmord getötet hat. Soweit man ihrer habhaft wird, werden sie bestraft und der allgemeinen Ächtung preisgegeben.

Eigentlich noch schlimmer ist diese geschmacklose Verniedlichung, diese hirnlose Aufzählung einer Journalistin, die jeden Halt, jeden Anstand verloren hat, der jede Regung von Peinlichkeit oder Scham offensichtlich fremd ist.

Hört man Entschuldigungen?

Hat man hier eine Entschuldigung vernommen? Hat wenigstens der Leiter Publizistik seines Amtes gewaltet und eingegriffen? I wo, da ist das Haus CH Media offensichtlich schmerzfrei. Entschuldigen, das sollen sich die anderen. Und wenn die es freiwillig tun, wird das knapp vermeldet, mehr nicht.

Aber Peter Wanner, eingeladen zu einer Stellungnahme, will diese Vorkommnisse «nicht kommentieren». Simone Meier, eingeladen zu einer Stellungnahme, beschimpft stattdessen lieber ZACKBUM.ch, und überhaupt seien ihr solche Fragen «zu low».

Sollte nicht der Verleger seinem publizistischen Leiter den Kopf waschen und ihn zum sofortigen Eingreifen auffordern? Sollte der Verleger nicht sein Befremden ausdrücken, dass das nicht schon längst geschah?

Alles Fragen ohne Antworten. Allerdings erhebt sich die Frage mit aller Macht: Wieso genau soll CH Media mit Steuerfranken subventioniert werden?

Wanners Wunschkonzert

Der Verleger von CH Media kritisiert geplante Medienförderung.

Peter Wanner hat das Wort ergriffen – und eine ganze Weile nicht losgelassen. Auf einer Zeitungsseite gibt er seine Meinung zur geplanten staatlichen Medienförderung bekannt. Er konstatiert eine Reihe von «Ungereimtheiten».

Insbesondere stört sich Wanner an der geplanten Unterstützung digitaler Medien. Der Entwurf wirke «überhastet und nicht zu Ende gedacht», beschwert sich Wanner. Denn es ist vorgesehen, nur digitale Bezahlmedien zu fördern. Damit werden «Reichweitenmedien» wie «20Minuten», «Blick», «Watson» und «Nau» aussen vor gelassen.

Eigenleistung und Service public

«Grossverlage wenden mehr auf und setzen auf eigen Journalisten», schreibt Wanner, damit würde auch CH Media einen «wichtigen Service public» erbringen. Das müsse auch bei der Unterstützung im Online-Bereich berücksichtigt werden. Es gebe zudem zwei «pure Onlineplayer», die es aus eigener Kraft geschafft hätten: «die «Republik» und «Watson», «zwei der aufsehenerregendsten Neugründungen im digitalen Bereich in den letzten Jahren».

Mit Verlaub: Die «Republik» muss alle Jahre wieder ihre Leserschaft um Millionen anbetteln, um sich ihren Wasserkopf und ihr Randgruppenprogramm leisten zu können. Und auf die Zukunft von «Watson» setzt das Joint Venture von AZ Medien und NZZ so sehr, dass dieses aufsehenerregende Millionengrab aus dieser Kooperation herausgehalten wurde.

Wer soll das bezahlen?

Was genau an der «Republik» oder an «Watson» Service public wäre, müsste dann erst noch begründet werden, bevor man Anspruch auf staatliche Unterstützung erhebt. Dass Wanner zudem bei seiner Aufzählung von Neugründungen «Die Ostschweiz» unerwähnt lässt, kann man wohl nur so erklären, dass die inzwischen dem «Tagblatt» von St. Gallen kräftig Konkurrenz macht.

Aber neben der Frage, wie Nachrichtenlieferanten zukünftig rentabel bleiben können, wie und mit welchen Mitteln ihnen mit Steuergeldern unter die Arme gegriffen werden soll, gibt es noch ein viel wichtigeres Thema: die Qualität des Gebotenen.

Der Fisch stinkt vom Kopf

Wanner ist stolz darauf, dass CH Media «rund 300 Lokaljournalisten» beschäftige. Bei dieser Anzahl fragt man sich natürlich, wieso die Beschwerden aus der Leserschaft, dass früher eigenständige Zeitungen einerseits mit Einheitssauce aus der Zentralredaktion in Aarau abgefüllt werden, andererseits die Lokalberichterstattung immer mehr vernachlässigen, immer lauter werden.

Aber Wagners grösstes Problem sind seine führenden Schreibkräfte. Seine Allzweckkolumnistin Simone Meier belästigt die Leser mit Unverständlichem und erlaubt sich die unglaubliche Geschmacklosigkeit, die Ermordung von 6 Millionen Juden durch Nazideutschland so zu beschreiben, dass sie halt «gecancelt» wurden.

Und sein publizistischer Leiter Pascal Hollenstein, bezeichnet Lokalausgaben als «alte Milchkühe» und Printausgaben als «Abfallprodukt», die man noch solange melken solle, bis die letzten Abonnenten der Printausgaben ausgestorben seien.

Publikumsbeschimpfung und Parteinahme

Diejenigen, die mit ihren Abonnenten auch das Gehalt von Hollenstein finanzieren, übel zu beschimpfen, ist sicher nicht die Vorbildfunktion, die ein publizistischer Leiter ausüben sollte. Sich zudem zum Sprachrohr einer Partei in einem langwierigen Rechtsstreit zu machen, noch viel weniger.

Nur Hollenstein kann das noch steigern; allerdings nach unten. Um seiner Funktion als Büttel einer Partei nachzukommen, hält er sich nicht einmal an eine gerichtlich angeordnete Sperrfrist. Damit will die Justiz vermeiden, dass einseitig und blitzschnell über Urteile berichtet wird. Durch das Ansetzen einer Sperrfrist und die allgemeine Veröffentlichung des Urteils zu diesem Zeitpunkt wird sichergestellt, dass alle Medien gleich lange Spiesse haben.

Primitivster Anstand fehlt

Dass man sich, auch wenn man als Partei natürlich schon vorher das Urteil kennt, daran hält, das verlangt der primitivste Anstand. Selbst die Boulevardzeitung «Blick», Partei in diesem Rechtsstreit, hält sich selbstverständlich daran. Die andere Partei, und ihr Megaphon Hollenstein, haben sich nicht daran gehalten. Sie wollten die Oberhoheit über die öffentliche Meinung mit einer Vorabmeldung erobern.

Wenn das ein übereifriger Jungjournalist machte – und nicht schon von seinem direkten Vorgesetzten zur Räson gerufen würde –, dann wäre das schon sehr peinlich. Wie soll man es bezeichnen, wenn das der publizistische Leiter des Medienkonzerns CH Media macht?

Anders gefragt: Wie kann Verleger Wanner ernsthaft auf die Qualität seiner Produkte hinweisen – bei diesem Personal?