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Die Welt der «Weltwoche»

Welches Weltbild vermittelt das Blatt? Eines. Seines.

Als Opener ergreift ein gewisser R.K. das Wort und konstatiert: «Die Schweiz verwildert». Wie das? Nun R.K. sticht es in die Nase: «Es riecht nach Willkür und Diktatur in den Berner Wandelgängen.»

Ein wenig Bildungsbürgertum lässt R.K. auch noch auf den Leser regnen, indem er ein Zitat von Napoleon kreativ abwandelt: «Der Weg ist kurz vom moralisch Erhabenen zum politisch Lächerlichen.» Wie verwildert die Schweiz, wer riecht nach Willkür und Diktatur? Nebensächlich, der politische Gegner natürlich. Aber am Schluss entlässt uns der Chefredaktor, Herausgeber, Verleger und Besitzer mit einem Hoffnungsstrahl: «Je grösser der Unsinn, desto kräftiger meldet sich die Vernunft zurück.» Also ER.

Da sind wir beruhigt und denken: «much ado about nothing

Als Nächster wittert Kurt Pelda Unheil: «Terrorist unterrichtet Schweizer Kinder». Das ist natürlich ein starkes Stück, auch wenn man der Wahrheit zuliebe sagen muss, dass dieser Titel den Gedanken der Resozialisierung nach einer verbüssten Strafe nicht gerade unterstützt.

Der Bundeshaus-Redaktor Hubert Mooser nimmt sich als Nächstes die üblichen Verdächtigen vor: Gerhard Pfister, Thierry Burkart plus natürlich Fabian Molina. Der fragt sich inzwischen sicher, was er denn falsch gemacht hat, wenn er einmal nicht in der WeWo drankommt. Auch hier muss vor Verwilderung gewarnt werden, das übernimmt der neutrale Banker Thomas Matter: «Man ist offensichtlich gewillt, den Rechtsstaat auszuhebeln und den Banken den Todesstoss zu versetzen.»

Da möchte man im  Sinne von R.K. rufen: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Ist zwar nicht von Napoleon, aber auch gut.

Erfrischung mit einer Uralt-Story

So kann’s nicht weitergehen, also darf Bond-Fan Peter Wälty ein taufrisches und ungemein aktuelles Thema als Coverstory abhandeln: Ursula Andress, Honey Ryder, «Dr. No». Ganz alte Leser erinnern sich an das erste Bond-Abenteuer von 1962. Ist nun 60 Jahre her; eine runde Jahreszahl, mehr Anlass braucht’s nicht, um Andress sozusagen fast port mortem zur «Ikone der Frauenbewegung» umzuschreiben. Was zwar ihrer Rolle im Film diametral widerspricht, aber he, dieses Bikini, diese Figur, dieses Gesicht.

Zurück zu ernsten Themen. Thomas Fasbender «ordnet Putins Rede an der Moskauer Militärparade ein». Das ist der gleiche Autor, der den Gewaltsflop einer Titelgeschichte über den unverstandenen Putin verbrach, als der gerade in die Ukraine einmarschieren liess. Das ist ungefähr so sinnvoll wie einen Priester Vaterfreuden einordnen zu lassen.

Dann versucht sich Hansrudolf Kamer, ehemaliger Auslandchef der NZZ, der gerne dort Chefredaktor geworden wäre, im Abklingbecken für pensionierte Weltendeuter an der Frage: «Ukraine: was will Amerika?» Darauf antwortet er im besten NZZ-Stil: einerseits, andererseits, aber dann doch wieder nicht, falls, wobei.

Klare Kante lassen dann Christoph Mörgeli und Beat Gygi nicht vermissen: «Grüner Alptraum. Der «Klimaplan» der Schweizer Umweltschützer ist linksextrem und diktatorisch. Eine Umsetzung wäre eine Katastrophe für Wohlstand, Markt und Gesellschaft.»

Schreckensbleich donnern die Autoren: «Die Grüne Partei verachtet alles, was mit wirtschaftlich-schöpferischem Antrieb zu tun hat und will vor allem Genügsamkeit.» Also vielleicht das, was zwei festangestellte Redaktoren mit Pensionskasse, Ferienanspruch und freier Themenwahl innerhalb des Rahmens, der von R.K. vorgegeben wird, auch nicht wirklich ausleben.

Nachdem sich Oskar Lafontaine mit Karacho von der mitgegründeten Partei «Die Linke» losgesagt und sie damit in die Bedeutungslosigkeit zurückgestossen hat, verfügt er über Freizeit. Da hat’s dann Platz für regelmässige Beiträge in der WeWo, zu seinem Lieblingsfeind Joe Biden. Der ist allerdings mit 79 ein Jahr älter als der Saarländer und immerhin Präsident der USA, während sich Lafontaine in seiner Politkarriere konsequent von oben nach unten vorgearbeitet hat.

Wackelkontakt mit der Realität

Dann verlässt die WeWo mit einem Bericht von Tom Kummer den Bereich der Ernsthaftigkeit, auch wenn sie mit dem Obertitel «Basierend auf wahren Begebenheiten» sozusagen in der Packungsbeilage darauf hinweist, dass die Begebenheiten weder wahr, noch eine Basis sein müssen, sondern auch der Fantasie des Fake-Autors entsprungen sein könnten. Nichts gegen Resozialisierung, aber gibt es nicht genügend reale Storys in der Welt?

Eine Lobhudelei auf den Faschismus-Freund Le Corbusier, das «Genie des vereinfachten Stils», nimmt auch nur sehr partiell Kontakt mit der Realität auf.

Aber anschliessend betreten wir mit «Literatur und Kunst» die Hallen des erhabenen Feuilletons. Natürlich ist hier der Autor Partei, weil er dort ab und an publiziert. Daher verkneifen wir uns sowohl Lob wie Tadel (wobei es nix zu tadeln gäbe, wie wir in aller Objektivität feststellen müssen).

Gegen hinten wird’s dann etwas dünn

Mit «Leben heute» plämpelt das Blatt dann so langsam aus. Alles erlaubt, nur braucht’s im begrenzten Raum der guten Laune, die R.K. unermüdlich verströmen will, wirklich Promiklatsch mit André Häfliger? Premiere des Zirkus Knie; gibt es ein Thema, das noch verstaubter, verschnarchter ist? Ein Stelldichein gut gelagerter B- und C-Promis? Oder wer hat denn schon mal von «Schoscho Rufener» samt «Ehefrau Nadine Borter» gehört? Und muss man nicht sagen: wer sich in dieser Gesellschaft blicken lässt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren?

Aber, wir kommen zum Fazit. Vorangestellt sei, dass R.K. der einzige uns bekannte Chefredaktor ist, der sich in seinem eigenen Blatt von mir kritisieren lässt. Wenn nun also ein Lob kommt, dann hat das nichts mit Bewahrung eines Publikationsplatzes zu tun.

Die WeWo ist, trotz angeblich unbändig guter Laune des Chefs, häufig kreischig, alarmistisch, läutet unablässig Totenglöcklein, befürchtet Schlimmes und Schlimmstes, warnt, mahnt, lebt weiterhin den Reflex aus: gegen den Strom. Wenn alle dafür sind, sind wir dagegen. Und umgekehrt. Worum geht’s? Keine grosse Ahnung, aber gewaltig starke Meinung.

Positiv hingegen ist, dass kein anderes Organ in der Schweiz auf dermassen knappem Raum so viel Anregung enthält. Durchaus auch Aufregung. Jedes Mal, wenn man gähnt und denkt: oh je, wenn der Name Molina auftaucht, kann man gleich weiterblättern, überrascht einen die Zeitschrift mit einem schön quer in der Landschaft stehenden und originellen Ansatz.

Die Feinde haben’s leicht

R.K. macht es seinen Feinden, und die sind zahlreich, manchmal zu leicht, indem er so vorhersehbar ist, dass man eine Replik eigentlich schon schreiben kann, bevor er zum Griffel greift. Und bei aller Kritikfähigkeit bräuchte es schon ein Flächenbombardement mit russischen Überschallwaffen, um ihn aus einer einmal bezogenen Position wieder rauszukriegen.

Die WeWo ist weiterhin, und ergänzt durch ein einsam grosses Feuilleton, ein bunter Strauss. Manche Blumen sind verwelkt, andere stinken. Aber wieder andere duften, verschönern und bereichern. Dagegen ist das meiste andere, was in Schweizer Medien erscheint, vor allem in denen der grossen Medienclans, welkes Gemüse, Brei, selbst gequirlte oder gleich per copy/paste übernommene dünne Suppe.

Die WeWo ist dann die Worcestershiresauce des Schweizer Journalismus. Der verblichene VEB Exzellent Dresden bot sie als Worcestersauce pikant und als Worcestershiresauce «lieblich würzig» an. Diesem Vorbild eifert Köppels Magazin erfolgreich nach.

Viel Nebel, wenig Spalten

Auch bad news sind wenigstens News. Das scheint das Prinzip des «Nebelspalter» zu sein.

Beim Start hörte sich alles noch sehr optimistisch an: Zum Beginn am 18. März 2021 spuckte der designierte Chefredaktor und Initiant des Projekts «neuer Nebelspalter» noch grosse Töne. Markus Somm diagnostizierte «eine Art Seuche der Denkfaulheit» bei den Kollegen in den Medienhäusern. Dagegen trumpfe der neue «Nebelspalter» mit eigenen Werten auf: «Da ist Leidenschaft, da steckt Geistesarbeit dahinter, da sind aber auch Sorgfalt und intellektuelle Redlichkeit.»

Auffallen wolle man mit Recherchen, vertieften Analysen, die Grundhaltung sei klar:

«Wir sind liberal, dass es kracht

Viel verbale Kraftmeierei, die sich als Pfeifen im Nebel erwies. Krachliberal, aber null Transparenz. Zum Start wurde der neue Online-«Nebelspalter» wie erwartet von der Konkurrenz mit Häme überschüttet.

Nichts geändert am vernichtenden Urteil

Andreas Tobler, die Allzweckwaffe des Hauses Tamedia, kanzelt Somm als «bekennenden Liberalen und Libertären» ab. Faktenfreien Unsinn plaudern, das ist Toblers Markenzeichen. Ganz ander war die erste Kritik von Christian Mensch: «Es ist ein Feuerwerk der Ideenlosigkeit, mit der das alt-neue Medium seine Plattform freigeschaltet hat. Eine Boygroup von Journalisten, die er in seiner Zeit als Chefredaktor der «Basler Zeitung» um sich geschart hat, verfasste eine Reihe von meinungsstarken, rechercheschwachen und damit überraschungsfreien Beiträgen in jenen Themenfeldern, in denen sie sich heimisch fühlen.»

Leider hat sich an der Richtigkeit dieses vernichtenden Urteil bis heute nichts geändert. So ist es, muss man sagen. Fast der gesamte Inhalt bleibt hinter einer Bezahlschranke verborgen. Über die Anzahl Abonnenten oder Leser wird keine Auskunft erteilt. Es steht zu vermuten, dass sie unterirdisch klein ist.

So gut wie nie wurde eine «Recherche» oder ein «Primeur» des «Nebelspalters» in die öffentliche Wahrnehmung gehoben – weil es trotz Ankündigung nichts gab. Nur meinungslastige, meinungsschwangere Gesinnungsstücke von einer vorhersehbaren Langeweile. Dazu geschwätzige Videos, die als einzige ohne Bezahlung konsumiert werden können. Obwohl man sich versucht fühlt, dafür Schmerzensgeld zu fordern.

Viele Fragen, keine Antworten, null Transparenz

Nebulös bleiben auch die geschäftlichen Hinter- sowie Vordergründe. ZACKBUM stellte dem Geschäftsführer des «Nebelspalters» Ende März ein paar konkrete Fragen:

  1. Deep Impact ist der Technologie-Partner der neuen Webseite des «Nebelspalter». Sehe ich das richtig, dass das für den «Nebelspalter» verwendete CMS Spectra Editor eine Eigenentwicklung von Ihnen ist?
  2. Sie sind CEO und Gründer von «Deep Impact». Gleichzeitig sind Sie interimistischer Geschäftsführer des «Nebelspalter», dazu noch für den «Verkauf» zuständig und auch Ansprechpartner für Werbewillige. Wie bewältigen Sie diese Ämterkumulation?
  3. Können Sie eine Hausnummer angeben, welches Preisschild an der Erstellung der Webseite bis zum going online hing? Und wie es mit den jährlichen Unterhaltskosten steht?

Die Antwort war eher ernüchternd: «Herrlichen Dank für Ihre «Journalistischen» Fragen. Ich habe dazu keinen Kommentar abzugeben.»

Dazu muss man wissen, dass dieser Christian Fehrlin sozusagen die dritte Wahl ist. Ursprünglich war ein Crack des Verlagswesens als Geschäftsführer vorgesehen. Der hatte aber schnell die Schnauze voll und seilte sich ab, obwohl er von Somm bekniet worden war, doch wenigstens in der Anfangsphase an Bord zu bleiben.

Genauso erging es auch dem ausgewiesen Online-Spezialisten Peter Wälty, der sich ebenfalls schon in der Startphase mit Somm überwarf. Daraus hat sich, wie CH Media vermeldete, inzwischen ein hässlicher Streit um viel Geld entwickelt. Denn Wälty fordert für seine Beteiligung an der Projektentwicklung rund 220’000 Franken – ein Termin beim Friedensrichter brachte darüber keine Einigung.

CH Media: «Für Wältys Rechtsanwalt Andreas Meili steht ausser Zweifel, dass seinem Mandanten der Betrag zustehe. Er habe umfangreiche Vorarbeiten für «Nebelspalter.ch» geleistet, die gut dokumentiert seien.» Von Somm war nur ein «kein Kommentar» erhältlich.

Verzweiflungsthemen? Büsi ziehen scheint’s immer.

Wie soll das finanziell funktionieren?

Ausser einer auf einen Schlag aufgeschalteten Reihe von «sponsored» Auto-Artikeln vom gleichen Autor erscheint der «Nebelspalter» seit Beginn absolut werbefrei, obwohl im Hauptmenü oben als zweiter Punkt «Inserieren» aufgeführt ist, wo man ein breites Angebot an allen möglichen Werbeformen findet. Ein Angebot ohne Nachfrage.

Das Impressum weist 15 festangestellte Mitarbeiter aus, dazu 21 «ständige Mitarbeiter und Kolumnisten». Ohne die Betriebskosten zu berücksichtigen, ergibt sich alleine daraus konservativ geschätzt ein Jahresbudget Saläre und Honorare von sicherlich über 2 Millionen Franken. Dem kaum Einnahmen gegenüberstehen, was bei dieser Burn rate absehbar macht, wann die eingesammelten rund 7 Millionen verröstet sind.

Verzweiflungsthemen? Sex zieht scheint’s immer.

Etwas verschlungen sind auch die Wege der Muttergesellschaft. Sie erblickte im Dezember 2020 als Klarsicht AG das Licht der Welt; praktischerweise parkiert bei der Deep Impact AG in Winterthur, die dem Hersteller des CMS und aktuellen Geschäftsführer Fehrlin gehört.

Mitte Januar wurde dann das Aktienkapital auf 1,875 Millionen heraufgesetzt. Ende Juni dieses Jahres wandelte sich die Klarsicht AG in die Nebelspalter AG um und verlegte ihren Sitz nach Zürich. Gleichzeitig stiess Sandro Rüegger als Verwaltungsrat dazu. Ein weiteres Signal, dass langsam Feuer im Dach ist. Der sich damit entwickelnde Nebel scheint auch das Impressum zu verhüllen, denn dort steht: «Der Nebelspalter wird von der Klarsicht AG, Zürich herausgegeben.»

Also genügend Gründe, dem CEO der Nebelspalter oder Klarsicht AG wieder ein paar Fragen stellen. Wie immer höflich und konkret:

  1. Peter Wälty erhebt für seine Mitarbeit am Projekt «Nebelspalter online» eine Forderung von über 200’000 Franken. Was sagen Sie dazu?
  2. Können Sie nach fast 4 Monaten erste Zahlen bekannt geben? Single Visitors, Abonnenten, wie oft wurden einzelne Artikel gekauft?
  3. Das von Ihrer Firma Deep Impact herstellte CMS als Insellösung, hat sich dieses Modell bewährt? Was hätte dagegen gesprochen, eines der vorhandenen CMS, ob als Lizenz oder als Open Source, zu verwenden?
  4. Was waren die Initialkosten für die Erstellung der Webseite bis going online?
  5. Abgesehen von einer Reihe von gleichzeitig und vom gleichen Autor verfassten gesponserten Artikeln erscheint der «Nebelspalter» weiterhin werbefrei. Wann wird sich das ändern?
  6. Potenziellen Werbekunden gegenüber müssen sie ja Ihre Mediadaten offenlegen. Wieso informieren Sie Ihr Publikum nicht?

Leider griff Fehrlin auch diesmal in den Stehsatz: «Leider habe ich keinen Kommentar dazu abzugeben.» Man kann erwachsene Menschen nicht daran hindern, sich öffentlich zum Deppen zu machen.