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Wer hat Angst vor dem gelben Mann?

Ist denn alles schlecht und unerhört oder was?

Nehmen wir ein paar ausgewählte Dekrete, die Donald Trump bereits am ersten Tag seiner Amtszeit unterzeichnet hat:

  • eine 90-tägige Pause in Entwicklungshilfe, um deren Sinn zu bewerten.
  • Offiziell soll es nur zwei Geschlechter geben: männlich und weiblich
  • Ausstieg aus der Weltgesundheitsorganisation
  • Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens
  • Nationaler Energienotstand
  • Überprüfung, ob sich China an das bilaterale Handelsabkommen hält
  • Kartelle von Drogenhändlern, Waffenschmugglern und Menschenhändlern sind ausländische Terrororganisationen
  • Abschiebung von Migranten ohne Bleiberecht, nationaler Notstand an der Südgrenze

Ist doch alles nicht nur blöd. Oder doch?

«Unberechenbar … verurteilter Straftäter … Beleidiger in Chief … nichts für alternde Männer … auf Kollisionskurs … am Ende als Sieger dastehen … katastrophale Auswirkungen … furchtbar … sprunghaft … Familienclan … Pate … gefährlich … gefährlicher … der gefährlichste Mann der Welt». Usw.

Kann man alles über Trump sagen, und einiges stimmt sogar. Aber ist das eine adäquate Reaktion auf seine ersten Handlungen im Amt? Statt Charakterstudien am untauglichen Objekt zu betreiben, wo liest man, was Trump in seiner zweiten Präsidentschaft genau vorhat? So weit er das selber weiss.

Wo liest man, dass die USA seit ihrer Gründung immer ein Staat mit viel Licht und viel Schatten waren? Am Anfang stand die fast vollständige Ausrottung der Indianer. Wohl noch niemals so brutal und wahrhaftig dargestellt wie in der Netflix-Serie «American Primeval». Nur für Hartgesottene geeignet.

Die meisten US-Präsidenten waren der Auffassung, dass die USA nicht nur «God owns Country» sei, sondern dass sie selbst im Auftrag und mit dem Segen einer höheren Macht handeln. Nicht nur Trump.

Sobald die Gringos zur Wirtschaft- und Militärmacht wurden, waren sie ein imperialistischer Staat. Die Philippinen, Kuba, ganz Lateinamerika ist unser Hinterhof, wir putschen sie weg oder töten uns unliebsame Regierungen. Wir begehen in Vietnam Kriegsverbrechen ohne Zahl und übernehmen dafür bis heute keine Verantwortung. Wir verwandeln Länder wie den Irak, Syrien oder Libyen in Schlachtfelder, erfinden eine Achse des Bösen und Massenvernichtungswaffen.

Wir unterhalten über 1000 Militärbasen überall auf der Welt, unser Rüstungsbudget ist so gross wie das der nächsten zehn Staaten der Welt zusammen. Wir haben die besten und grössten Geheimdienste um die NSA, CIA und andere Banden herum. Wir haben kulturimperialistisch Westeuropa eingenommen und mit unseren Werten und Unwerten durchtränkt.

Wir waren und sind der festen Überzeugung, dass am American Way of Life die Welt genesen muss. Wir sind überzeugt, dass unsere Auffassung von Freedom and Democracy die einzig richtige ist, die die Welt ins Paradies führt. Deren Ablehnung fatal falsch ist. Wir haben kein Problem damit, grosse Heuchler zu sein. Wir verurteilen Folter aufs entschiedenste und betreiben einen rechtsfreien Raum auf unserer Militärbasis Guantánamo auf Kuba. Wir scheissen drauf, dass die kubanische Regierung seit 1959 deren Rückgabe fordert.

Wir lassen Gefangene nach Polen oder Ägypten ausfliegen, damit sie dort gefoltert werden können. Wenn wir das nicht selbst tun wie in Abu Ghuraib. Wir verwenden unsere Weltwährung Dollar dafür, andere Staaten und weltweit Banken zu erpressen. Wir sind gegen Geldwäsche, Schwarzgelder und schmutziges Geld. Aber wir schliessen uns nicht dem Automatischen Informationsaustausch (AIA) an, sondern haben eine Datenkrake namens Fatca installiert, die alle Finanzdienstleister auf der Welt verpflichtet, uns Zugang zu allen Informationen zu verschaffen.

Wir betreiben die grössten Geldwaschmaschinen und anonyme Aufbewahrungsbunker für Gelder jeglicher Herkunft auf der ganzen Welt.

Und selbst unser Friedensnobelpreisträger Obama autorisierte wöchentlich eine Kill List, die Ermordung von allen, die des Terrorismus verdächtigt werden. Überall auf der Welt, denn wer kann uns zur Rechenschaft ziehen? Wenn mal eine ganze Hochzeitsgesellschaft dran glauben muss: sorry, shit happens. Wir anerkennen nicht die Jurisdiktion des Internationalen Strafgerichtshofs für Menschenrechte. Wir sind ganz einverstanden damit, dass der Putin anklagt, obwohl auch Russland ihn nicht anerkennt. Wir halten es für eine Riesensauerei, wenn auch Netanyahu angeklagt wird.

Wir sind das letzte Mal 1989 in Panama einmarschiert und haben das Operation «Just Cause» genannt, gerechte Sache. Weil wir immer nur und ausschliesslich gerechte Sachen vertreten, per Definition. Und wer das anders sieht, muss sich warm anziehen.

Wir halten bis heute den Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger in hohen Ehren, obwohl das ein Kriegsverbrecher und skrupelloser Machtmensch war. Oder kurz: alles, was wir tun, ist richtig und erlaubt. Alles, was uns nicht in den Kram passt, ist falsch und verboten.

In dieser Tradition ist Trump nun doch keine Ausnahme, sondern einfach ein etwas unverblümterer Exponent als seine Vorgänger.

Wieso liest man eine solche Einschätzung nirgends? Wieso sind solche Aspekte nicht Bestandteil der öffentlichen Debatte? Wieso muss stattdessen bis zum Erbrechen wiederholt werden, was für ein charakterlich defekter Mensch Trump ist?

 

 

Kein Byte bewegt sich mehr

Wer meint, Kriege werden in erster Linie mit Panzern und Flugzeugen gewonnen, lebt im letzten Jahrhundert.

Immer wieder gibt es Kriegsgurgeln und Dumpfbacken, die Kriegerlis mit Panzern, Flugzeugen, Artillerie und Infanterie spielen. Natürlich ist das alles nicht unnütz, um einen Krieg zu führen und zu gewinnen. Aber gleichzeitig ist das dermassen old school, dass man nur hoffen kann, dass niemand auf all diese Schwätzer von Häsler abwärts (kaum möglich) und aufwärts (eher möglich) hört.

Wie’s wirklich abgehen kann, beweisen nicht nur Hackerkolonnen aus Nordkorea, China oder Russland. Die Beeinflussung der asozialen Medien mit Fake-Profilen und Fake-News ist nur eine Spielart der Cyberwars, die wohl neben der Atombombe den Ausgang eines Krieges wesentlich bestimmen.

Das Augenmerk darauf hat aktuell eine doppelte Panne gelenkt. Die Firma CrowdstrikeAngriffe stoppen. Den Geschäftsbetrieb absichern.») hat gerade mal kurz weltweit den Geschäftsbetrieb gestoppt und selbst damit einen Angriff unternommen. Natürlich unbeabsichtigt.

Die Crowdstrike Holdings mit Sitz in Texas wurden ihrem Namen (Massenstreik) durchaus gerecht. 2011 gegründet, wuchs das IT-Sicherheitsunternehmen schnell auf einen Jahresumsatz von 2,25 Milliarden US-$ an und beschäftigt weltweit über 7000 Mitarbeiter. Sein Produkt «Falcon» soll Windows-Rechner beschützen und ist flächendeckend im Einsatz.

Deshalb kam es zu flächendeckenden Ausfällen. Fluggesellschaften, Flughäfen, Krankenhäuser, Banken, Eisenbahnen, das englische Rezeptsystem, an den merkwürdigsten Stellen lief plötzlich nichts mehr. Kleines Problem beim Aufspielen eines Updates, aber wir haben’s wieder im Griff, behauptet das Unternehmen nach kurzer Zeit. Obwohl das Unternehmen sprunghaft wuchs, machte es in den letzten sechs Jahren ständig Verluste, kumuliert fast eine Milliarde Dollar.

Gleichzeitig wackelte die Microsoftplattform Azure, wodurch zahlreiche Apps und Dienstleistungen von Microschrott 365 nicht mehr erreichbar waren. Es handelt sich in beiden Fällen wohlgemerkt nicht um einen Cyberangriff, sondern um die übliche Unfähigkeit grosser IT-Buden.

Das ist alles nicht dramatisch schlimm, es gab keine Toten oder Verletzten. Aber es zeigt, dass bereits eine Bude, deren Name bislang nur Insidern bekannt war, weltweit ein Riesenchaos verursachen kann. Die Auswirkungen belegen, wie effizient ein Cybwarangriff, an der richtige Stelle ausgeführt, sein wird.

Investitionen in IT-Sicherheit und in IT überhaupt sind eben nicht sexy. Viele Banken weltweit arbeiten bis heute mit zusammengepatchten Systemen, bei denen immer ein neuer Layer auf teilweise bis in die digitale Steinzeit zurückreichende Programme gepfropft wurde. Es ist ein offenes Geheimnis, dass längst pensionierte IT-Spezialisten sich eine goldene Nase verdienen, weil sie die einzigen sind, die noch eine Ahnung haben, wie ein Uraltprogramm wie Cobol funktioniert – und vor allem, wie man das reparieren kann, wenn es spinnt.

Die aktuelle Panne war wohlgemerkt ohne bösartige Absicht entstanden. Wenn man sich vorstellt, was ein bösartiger Angriff auf das weltweite Finanzsystem, auf die Steuerung von AKW, auf die gesamte IT eines Krankenhauses, auf die Telekommunikation bewirken könnte, wird einem speiübel.

Investitionen in IT-Sicherheit kosten und sind für Dumpfbacken nicht so sichtbar wie eine Panzerkolonne oder eine Flugzeugstaffel. Immer wieder gelingt es White Hats wie dem Hamburger Chaos Computer Club, gravierende Sicherheitslücken ausfindig zu machen – und die Verantwortlichen darüber zu informieren. Getan wird dann jeweils das Nötigste, begleitet von starken Worten.

Nun könnte man sich fragen, wieso solche Cyberkriegsführung nicht häufiger angewendet wird, beispielsweise im Ukrainekrieg. Die Erklärung ist ganz einfach. Es ist der gleiche Grund, wieso nach anfänglicher Euphorie Giftgas oder biologische Kriegsführung nicht oder nur sehr sporadisch angewendet wird: aus Angst vor Vergeltung.

Denn weltweit ist zivile Infrastruktur mangelhaft hinter effizienten Firewalls versteckt. Crowdstrike hat mal wieder das lustige Phänomen bewirkt, dass es selbst die Gefahr darstellt, vor der der IT-Dienstleister eigentlich schützen will. Abgesehen davon, dass sein Sitz in Austin Texas schwere Bedenken auslösen sollte, was mit von ihm erlangten Einblicken in die IT-Strukturen von Konkurrenten von US-Firmen so alles passiert.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der mächtigste Auslandgeheimdienst der Welt, die amerikanische NSA (ca. 40’000 Mitarbeiter, Jahresbudget mindestens 11 Milliarden Dollar) gerne mal aushilft, um US-Firmen den Inhalt von Konkurrenzofferten zugänglich zu machen.

Bevor es zu einem Atomschlag käme, spielt hier die militärische Musik, können ungeahnte Verheerungen angerichtet werden, kann eine hochtechnologisierte Zivilgesellschaft ins Chaos gestürzt werden. Aber Lerneffekt bei Panzergenärlen und Sandkastenmilitärs und Schreibtischkriegern: null. Null Byte bewegen sich.

Alles ist entweder gut oder böse!

Teil 2: Von guten und bösen Kriegsverbrechern

Von Felix Abt

Hier geht es zu Teil 1

Präsident Biden bezeichnete Putin als einen bösen Kriegsverbrecher. Westliche Politiker aller Couleurs und die Medien, die sich auch im Krieg befinden, sind mit ihm natürlich einverstanden. Die U.S. Regierung möchte den Kriminellen am liebsten vor ein Kriegverbrechertribunal stellen. Putin hat wirklich Pech: er hat einen schlechten, russischen anstatt einen guten, amerikanischen Pass, der ihn vor allem Übel schützen würde.

Wenn gute amerikanische Soldaten unschuldige Familien in die Luft sprengen, Spitäler bombardieren oder ein neues My Lai Massaker verursachen, werden sie nie vor ein Gericht wegen Kriegsverbrechen gestellt. Nur Amerikas böse Feinde, wie z.B. Putin, sollen für Verbrechen bestraft werden.

Ein im Westen gefeierter Held (“Winston Churchill unserer Zeit”), der gerade gegen einen Invasoren kämpft, nimmt die Solidaritätsbekundung des früheren amerikanischen Präsidenten George W. Bush, einem berüchtigen Invasoren, gerne entgegen. Im Unterschied zu Putin ist Bush, der Millionen unschuldige Menschen auf dem Gewissen hat, ein guter Kriegsverbrecher.  (Twitter screen shot Felix Abt)

Gute und böse Oligarchen

Alle wissen es: russische Oligarchen sind böse, so böse, dass ihretwegen in westlichen Ländern der Rechtsstaat über den Haufen geworfen werden musste: Die ehemals hehren Prinzipien der Eigentumsgarantie, Unschuldsvermutung und Beweisführung vor Gericht gegen Angeschuldigte gelten nicht für russische Oligarchen. Der einzige sichere Beweis für ihre Verbrechen, den westliche Behörden gegen sie haben, ist die Tatsache, dass sie den gleichen Pass haben oder hatten wie der kriegsführende russische Präsident. Vielleicht gibt es auch noch Bildmaterial, das sie auf einem Foto mit Wladimir dem Schrecklichen zeigt. Das genügt, um ihre Yachten, Flugzeuge, Villen und Geld zu beschlagnahmen. “Beschlagnahmen” ist ausserdem eine gut gelungene Umschreibung von “stehlen”.

Das Recht wurde ersetzt durch eine einfache Verlautbarung des amerikanischen Führers. In seiner viel beklatschten Rede zur Lage der Nation vor dem US-Kongress am 1. März 2022 wandte sich Präsident Biden direkt an die russischen Oligarchen: «Wir werden uns mit unseren europäischen Verbündeten zusammentun, um Ihre Yachten, Ihre Luxuswohnungen und Ihre Privatjets zu finden und zu beschlagnahmen. Wir holen uns Ihre unrechtmäßigen Gewinne.»

Glücklicherweise gibt es neben den bösen russischen Oligarchen auch noch die guten, die vom Rechtsstaat beschützt werden. Dazu gehoeren beispielsweise die ukrainischen Oligarchen, welche politisch mächtiger in ihrem Land sind als die russischen in Russland. Mit massiver Hilfe des umstrittensten Oligarchen der Ukraine schaffte es beispielsweise Volodomyr Selensky, Präsident seines Landes zu werden.

Alle Oligarchen begannen fast bei Null und wurden reich durch Verbindungen zur hochkorrupten, aber demokratisch gewählten Regierung der Ukraine während des Übergangs von der staatlichen zur marktbasierten Wirtschaft. Das war in Russland nicht viel anders: Als unter dem russischen Präsident Boris Jelzin staatliche Ressourcen im grossen Stil an Private verscherbelt wurden, standen seine Kumpane in der ersten Reihe, und haben sich in Windeseile zu Neureichen und Oligarchen gemausert.

Der damalige russische Präsident war ein guter Präsident, weil er Tür und Tor auch für die Konzerne amerikanischer Oligarchen öffnete; amerikanische und russische Oligarchen wurden ausserdem gute Geschäftspartner in Russland. Wladimir Putin, der Nachfolger von Präsident Jelzin, erfrechte sich aber, den Spielraum russischer und amerikanischer Oligarchen einzuschränken. Deshalb betrachtete ihn Washington als Bösen, und begann auf die Schwächung Russlands und einen Regimewechsel in Moskau hinzuarbeiten. Ironischerweise wurden dabei vom Westen sogar die früheren Spiessgesellen des guten Präsidenten Jelzins zu “Putins Oligarchen” umfunktioniert. Dieses Manöver diente Russlands Feinden, die sich im Wirtschaftskrieg gegen Russland befinden, als Rechtfertigung, russischen Oligarchen im neuen Wilden Westen das Eigentum und die Aufenthaltsbewilligungen wegzunehmen, die Bewegungsfreiheit einzuschränken und die Möglichkeit, legale Geschaefte zu tätigen, zu vereiteln.

Das US-Pentagon (Verteidigungsministerium) ist die grösste und mächtigste Organisation der Welt, sowohl jetzt als auch in der Geschichte. Es ist auch der grösste Arbeitgeber der Welt mit 3,2 Millionen Männern und Frauen auf seinen Gehaltslisten; und da diese immer noch nicht ausreichen, heuert es zusätzlich eine grosse Anzahl von Söldnern, “private Auftragnehmer” genannt, für seine Kriege an. Darüber hinaus macht Amerikas massive private Kriegsindustrie 20 % aller Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie (Halliburton, Lockheed Martin, Carlyle Group und viele mehr) der USA aus und sorgt für eine Vielzahl weiterer Arbeitsplätze in sich auch im Besitz von amerikanischen Oligarchen befindenden, hochkarätigen Technologieunternehmen wie Amazon, Facebook, Google, Microsoft und Palantir, die vom US-Militär Aufträge in Milliardenhöhe erhalten. Amerikanische Oligarchen, die an amerikanischen Kriegen kräftig verdienen und Blut an ihren Händen haben, sind aber gute Oligarchen, weil sie die Kriege von Amerika, dem Land Gottes (“God’s own country”) unterstützen und davon profitieren.

Das amerikanische “Center for Responsive Politics” berichtet, dass «in den vergangenen zwei Jahrzehnten das umfangreiche Netzwerk von Lobbyisten und Spendern der Rüstungsindustrie 285 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden und 2,5 Milliarden Dollar an Lobbying-Ausgaben zur Beeinflussung der Verteidigungspolitik eingesetzt hat».

Ein seltener und schockierender Moment der Ehrlichkeit von Senator Joe Biden, der hier zugibt, dass «das System korrupt ist»: «Ich denke nicht, dass Sie annehmen sollten, dass ich nicht korrupt bin. Man braucht eine Menge Geld, um in ein Amt zu kommen. Und die Leute mit diesem Geld wollen immer etwas.»

 Anders als die mächtige Kriegsindustrie haben die unzähligen Obdachlosen keine Lobby in Washington. Es ist deshalb nicht überraschend, dass während die USA vor kurzem weitere 3,3 Mrd. USD für tödliche Hilfe (“lethal help”) an die Ukraine überwiesen haben, unzählige Amerikaner, darunter vielerorts ein Viertel der Schüler, gezwungen sind, wie, entschuldigen Sie den Ausdruck, Strassenköter irgendwie zu überleben, anstatt als würdige Bürger in den USA – der reichsten Nation der Welt – sich des Lebens erfreuen zu dürfen.

(Twitter screen shot Felix Abt)

Eine politikwissenschaftliche Studie der renommierten amerikanischen Princeton-Universität aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass das Handeln der Regierung fast immer den Wünschen der wohlhabenden und mächtigen US-Eliten entspricht. «Unser zentrales Ergebnis war folgendes: Wirtschaftseliten und Interessengruppen können die Politik der US-Regierung beeinflussen – aber Amerikaner, denen es weniger gut geht, haben im Wesentlichen keinen Einfluss auf das, was ihre Regierung tut», schreiben die Koautoren Martin Gilens und Benjamin Page. Soviel zur vorbildlichen Demokratie Amerikas.

Jeff Bezos ist einer der reichsten Oligarchen Amerikas und der Welt. Er baute sein Amazon-Imperium auf seiner Fähigkeit auf, Produkte online zu verkaufen ohne Umsatzsteuern zu bezahlen, im Unterschied zu seinen Konkurrenten, die Läden betrieben. Er bezahlte auch niedrige Löhne, und fast keine Steuern, im Unterschied zu seinen Angestellten sowie vieler, von ihm aus dem Wettbewerb gedrängten Ladenbesitzer.

Bezos profitiert auch massiv vom gigantischen militärisch-industriellen Komplex, von dem er Milliardenaufträge erhält. Ausserdem unterstützt er die Spionageorganisationen: Kürzlich erhielt er einen Auftrag von 10 Milliarden US$, um ein grosses Cloud-Projekt zu realisieren. Sein Auftraggeber ist NSA, die amerikanische Regierungsorganisation, welche nicht nur französische Präsidenten und deutsche Bundeskanzler, sondern auch Sie und mich, aushorcht. NSA braucht riesige Cloud-Speicherkapazitäten, um die Weltbevölkerung im Auftrag der amerikanischen Regierung wirksam überwachen zu können, und diese werden nun vom guten Oligarchen Bezos für sie entwickelt.

Besuch von Amazon-Chef Jeff Bezos bei Verteidigungsminister Ash Carter, einem Grosskunden, im Pentagon am 5. Mai 2016. (Bild: Department of Defense/Senior Master Sgt. Adrian Cadiz)

Natürlich gibt es kaum einen amerikanischen Oligarchen, der nicht von der U.S. Regierung profitierte. So hat beispielsweise Elon Musk Milliarden an Subventionen und Verträgen für seine Automobil- und Raumfahrtprojekte erhalten. Oder Bill Gates hatte einen Regierungsvertrag und einige aggressive Patentstrategien in seinen eigenen oligarchischen Status umgemünzt.

Twitter warnt systematisch vor Twitter-Konten, welche für das böse Russland, das böse China und andere echte oder vermeintliche Feinde Amerikas Propaganda verbreiten und löscht auch viele. Westliche Propaganda wird selbstverstaendlich geduldet. Twitter, selbst im Besitz eines Oligarchen, weist auch nie auf die Natur der wichtigsten und am meisten meinungsbildenden amerikanischen Twitterer hin. (Tweet von einem Twitter-Kritiker auf Twitter. Screenshot von Felix Abt)

Die antirussische CancelCulture des Westens verbietet nicht nur berühmte russische Schriftsteller, Musiker und andere Künstler, die lange vor der Geburt Putins gelebt hatten, sondern auch zwei Jahrhunderte alte russische Bäume!

Was und wer gut ist und was und wer schlecht ist, wurde schon lange bestimmt: in Washington!

Interessanterweise, der Autor dieses sieben Jahre vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erschienenen Buches, hat die kriegerische Entwicklung fast prophetisch vorausgesehen. Anstatt die NATO nach der Auflösung ihres sowjetischen Gegenstücks aufzulösen, wollten der frühere U.S. Sicherheitsberater Brzezinski und andere sehr einflussreiche US-Falken die NATO nutzen, um die weltweite Vorherrschaft der USA auszuweiten und die Waffenkäufe und -verkäufe nicht nur aufrechtzuhalten, sondern zu beschleunigen. So verkündete Brzezinki, dass «eine erweiterte NATO sowohl den kurzfristigen als auch den längerfristigen Zielen der US-Politik gut dienen wird.» Bezeichnenderweise “bestimmte” er die Ukraine als das zentrale Land, um Russland zu besiegen. Es scheint, dass genau dieser Plan jetzt tatkräftig umgesetzt wird.

Als Komiker zu der Zeit, als Obama Präsident der USA war, hallte Volodimyr Selensky diese bittere Wahrheit wider: «Heute hat unser Präsident – der wichtigste, Barak Obama – versprochen, dass wir der NATO als amerikanischer Handlanger beitreten werden. Bitte schickt Exemplare von ‚Mein Kampf‘, es ist hier ausverkauft.» Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet er als heutiger Präsident der Ukraine die Rolle als Handlanger Amerikas zu spielen hat.

Handelt es sich hier um einen bösen Papst mit politisch sehr unkorrekten Überzeugungen, der zur legitimen Zielscheibe eines Attentates oder Umsturzversuches des CIA werden könnte?

Jahrzehnte vor dem Ukraine-Krieg haben führende amerikanische Politiker vor der NATO-Osterweiterung und der deshalb von Russland zu erwartenden heftigen Reaktion gewarnt. Dazu gehörte Robert McNamara, welcher als Verteidigungsminister während des Vietnamkrieges den traurigen Rekord erzielte, Vietnam zum am meist bombardierten Land der Menschheitsgeschichte zu machen. Mindestens drei Millionen Vietnamesen und 58,000 Amerikaner verloren dabei ihr Leben. Geteilter Ansicht war auch Henry Kissinger, der etwa das Pol Pot Regime in Kambodscha, eines der blutrünstigsten der Menschheitsgeschichte, unterstützte. Sie besudelten ihre Hände mit Blut für Ruhm und Ehre des amerikanischen Imperiums und sind sicher unverdächtige amerikanische Patrioten, die nicht als Verräter verdächtigt werden können, weil sie die NATO-Osterweiterung ablehnten.

(Twitter screen shot von Felix Abt)

Der heutige U.S. Präsident Joe Biden hat den russischen Einmarsch in der Ukraine als “unprovoziert” scharf verurteilt und deshalb massive Vergeltung angekündigt und losgetreten. Dabei  gehörte er zur gleichen Gruppe amerikanischer Politiker, welche vor der desaströsen amerikanischen Russland- und NATO-Erweiterungspolitik gewarnt hatten.

Bereits 1997 sagte Senator Joe Biden, ranghöchstes Mitglied des Ausschusses des Senats für Auslandsbeziehungen, voraus, dass eine Ausweitung der NATO bis zu den baltischen Staaten eine «energische und feindselige» russische Antwort provozieren würde. Anstatt diese Reaktion mit einer kostengünstigen und schmerzlosen Sicherheitsgarantie für Russland zu verhindern, hat er sie proaktiv herausgefordert!

Was soll ich da noch hinzufuegen, wenn der kriegstreiberische demokratische Joe Biden selbst von seinen republikanischen Rivalen als “der beste Mann, den Gott je geschaffen hat”, gerühmt wird?

 

 

 

 

Süss-saure Geheimnisse

Wem nützt der «Suisse Secrets»-Skandal?

30’000 Kunden der Credit Suisse sind enttarnt worden. Offensichtlich handelt es sich um echte Kontounterlagen, die vor einem Jahr der SZ von einer anonymen Quelle zugespielt wurden.

Angeblich flossen dafür keine Gelder, obwohl das in Deutschland schon lange üblich ist. Die Frage «cui bono» bleibt unbeantwortet, ist aber zentral wichtig bei der Beurteilung dieses Datenklaus.

Wer hat etwas davon, die bereits schwer angeschlagene Bank weiter zu schädigen? Wer hat etwas davon, damit dem ganzen Finanzplatz Schweiz einen weiteren Fleck auf die gar nicht weisse Weste zu klecksen?

Keine Firewall, kein Schutzsystem ist perfekt. Spätestens auf Ebene NSA (Datenkrake der USA) und ihren Pendants in Russland oder China, möglicherweise auch in Nordkorea und zwei, drei anderen Ländern, kann alles geknackt werden.

Nun handelt es sich beim Kundenstamm einer Schweizer Grossbank um das wohl am besten geschützte Datengebirge überhaupt, abgesehen von allfälligen militärischen Geheimnissen. Darin einzudringen, Irrtum vorbehalten, schafft nicht der Amateur-Hacker oder ein kleines Kollektiv von moralisch entrüsteten IT-Nerds.

Kundendaten einer Bank zu klauen ist nicht einfach

So ein Hack, der offenbar auch unbemerkt blieb, ist gehobenes Kunsthandwerk. Das unbemerkte Abfliessenlassen solcher Daten ist eine kitzlige Angelegenheit, die nicht innerhalb von 24 Stunden erledigt ist. Ganz zu Schweigen vom Aufwand, aus allen Kunden der CS eine solche Auswahl zusammenzustellen.

Natürlich kann man beim Herumwühlen, ein paar Namen von venezolanischen Verbrechern eingeben, oder auch nach den üblichen Verdächtigen weltweit suchen, Potentaten, Diktatoren, korrupte Staatsdiener. Aber obwohl es viele solcher Gestalten gib, sind 30’000 Kunden dann doch eine ziemliche Menge. Wie wurden die gefiltert?

Erste Schlussfolgerung: Dahinter steckt Energie, Aufwand und Zeit. Normalerweise werden solch Datendiebstähle durchgeführt, um die bestohlene Firma zu erpressen. Sie muss die Daten zurückkaufen, sonst wird mit Veröffentlichung oder Weitergabe an die Konkurrenz gedroht.

In diesem Fall und bei diesem Ausmass und bei der offenbar sehr delikaten Auswahl wären Zahlungen in Multimillionenhöhe denkbar. Darauf sollen die Hacker menschenfreundlich verzichtet haben?

Alles Robin Hoods?

Wenn es stimmt, dass die SZ mitsamt ihren Helfershelfern ein Jahr zur Auswertung brauchte; in dieser ganzen Zeit ist es innerhalb der CS nicht aufgefallen, dass es zu einem Datendiebstahl kam? Was für ein Monitoring haben die denn, eines aus der Steinzeit?

Wenn das Hacken selbst und vor allem das Suchen in den ganzen Kundendatenbanken zeit- und geldaufwendig war, ist es dann wirklich glaibhaft, dass eine Ansammlung von «Robin Hoods» das Ergebnis seiner Anstrengungen einfach der SZ rüberschiebt? Garniert mit eher banal wirkender moralischer Begründung?

Es sind 30’000 Kunden. Wer auf der Liste ist, hat Pech gehabt, so er Dreck am Stecken haben sollte. Wie viele haben das nicht? Wer entscheidet, ob der Dreck ausreichend sei, den Kontobesitzer mit Namen an den medialen Pranger zu stellen? Warum werden auch die staatlichen Behörden nicht beliefert? Um die Beute selbst genügend ausschlachten zu können, mal wieder Ankläger, Richter und Terminator in einer Person spielen zu können.

Wer ist auf der Liste, wer nicht?

Schliesslich: Wer ist nicht auf der Liste, und warum? Konnte man sich vielleicht freikaufen? Beherbergt die CS genau 30’000 Kunden, denen man etwas vorwerfen kann? Kein einziger darüber hinaus? Kann man allen 30’000 Fehlverhalten vorhalten?

Wenn ja, wie viele Strafuntersuchungen wird es diesmal geben? Wie viele Verurteilungen? Hält sich der Schnitt, werden es ein paar Dutzend Untersuchungen und eine Handvoll Verurteilungen sein, am Schluss.

Schliesslich ist auch hier auffällig, dass es mit schöner Regelmässigkeit die Konkurrenten der grössten Schwarzgeldbunker, der grössten Geldwaschmaschinen der Welt erwischt. Nämlich der USA und von Grossbritannien. Obwohl fast die gesamte lateinamerikanische Drogenmafia ihren Geldhaushalt via US-Finanzdienstleister regelt, hat es noch nie einen solche Hack dort gegeben. Obwohl diverse Bundesstaaten der USA bis heute unversteuerte Gelder ohne die geringsten Fragen zu stellen empfangen, gab es noch nie ein Leak in Delaware.

Reiner Zufall? Wer an den Osterhasen plus Weihnachtsmann glaubt, mag das so sehen. Sind das alles Gründe, von einer Veröffentlichung abzusehen? Gute Frage. Es ist eindeutig Hehlerware, es ist eindeutig ein Diebstahl, es sind eindeutig Daten, die nicht nur in der Schweiz von Gesetzes wegen geschützt sind

Dass Tamedia sich fröhlich am Ausschlachten beteiligt, wenn es nach der Devise «weit weg, und wo kein Kläger ist …» gefahrlos möglich ist, hier aber feige zurücktritt, wo es strafrechtliche Konsequenzen haben könnte, ist schwach. Stattdessen zu fordern «Die Medien müssen recherchieren dürfen», hat etwas leicht Lächerliches.

Denn natürlich dürfen sie das, wie gerade der Schreiber des Kommentars, Tamedia-Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, aus eigener Erfahrung weiss. Allerdings ist die Verwendung von Hehlerware mit legalen Risiken verbunden. Das ist in einem Rechtsstaat so, zudem ist’s nicht Neues.

Ein Geschrei anzustimmen, dass Schweizer Gesetze Schweinebacken mit ihren Bankkonten schützen, ist daher völlig verfehlt.