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Uups. Sie haben es schon wieder getan

Was Sascha Britsko recht ist, kann Anita Blumer nicht unrecht sein.

Blumer sei «Director, Screenwriter, Editor, Producer», schreibt sie. Und sie schreibt. Das alleine wäre noch nicht schlimm. Aber das ständig neue Tiefen auslotende «Magazin» publiziert es.

Und die Homepage des Tagi präsentiert es unter «Ihre Magazin-Sommerlektüre». Der Sie sich hingeben können, wenn Sie Lust auf eingeschlafene Füsse in ungewaschenen Socken haben. Denn das Stück ist vom 10. Juni, aber immerhin 2026.

So wie oben sah es im Original aus; die Qualitätsredaktion des Tagi will natürlich noch etwas dafür tun, damit der Leser hinter der Bezahlschranke das Gefühl hat, er bekomme etwas für sein Geld. Aber das täuscht.

Da war der Originaltitel doch besser. Aber das ist auch schon das Einzige, was hier positiv erwähnt werden kann. Denn es geht mal wieder im wahrsten Sinne des Wortes um den Bauchnabel der Schreiberin. Sie braucht sagenhaft langweilige 17’300 A, um nochmal eines der banalsten Probleme des Zusammenlebens in einer Wohnsiedlung in Zürich zu beschreiben.

Die Autorin hat drei Kinder und einen Partner. Die Kinder machen Lärm, drunter wohnt ein freundliches, aber ruhebedürftiges Ehepaar, das immer wieder höflich darum bittet, ob es nicht ein wenig leiser ginge.

Das würden Marxisten einen antagonistischen Widerspruch nennen. Das gilt sowohl für Klassen- wie für Nachbarschaftsverhältnisse. Da kann man nix machen. Oder es gilt flüchten oder standhalten. Beide Seiten ertragen’s, einer der Beteiligten sucht sich eine neue Wohnung – oder man lässt es eskalieren mit Geschimpfe, Beschwerde bei der Verwaltung, Polizei und Rechtsanwalt.

So ist das, so war das, so wird das immer sein. Aber Blumer muss ja 17’300 A basteln, begleitet von ausgesucht hässlichen Illustrationen im Stil von Marco Arrigoni. Offenbar wurde die Devise ausgegeben: keiner darf besser zeichnen als er. Und er kann nicht zeichnen. Aber ZACKBUM kennt seine Grenzen, hopeless.

Blumer hingegen dekliniert das ganze Programm durch. Die «Mediatorin». Der «Professor für Sozialpsychologie». Der «Siedlungscoach». Die gut abgehangene Anekdote von Watzlawick über das gescheiterte Ausleihen eines Hammers beim Nachbarn. Und so weiter.

Immer hineingeschnitten das Treten am Ort des Nachbarschaftsproblems. Hineingesteigert in etwas Existenzialismus: «Kann ich an einem Ort leben, an dem jedes Geräusch, das ich mache, registriert und bewertet wird?» Einfache Antwort: ja oder nein, eins von beidem wird’s sein.

Als wäre das nicht genug Bauchnabelbetrachtung, lässt Blumer den Leser ungefragt noch an ihren Erkenntnisprozessen teilhaben: «Eigentlich hält dieser Konflikt eine wertvolle Lektion für mich bereit: Menschen dürfen sich über mich aufregen.» Das ist gut zu wissen, denn ZACKBUM regt sich über solche Texte auf.

Allerdings verblüfft uns doch diese Anekdote der Mediatorin, sie «erzählt von einem Fall, bei dem sich ganz am Ende der Mediation herausstellte, dass der Mann, der in einem Wutanfall den Baum des Nachbarn fällte, kurz davor seine Tochter verloren hatte».

Wahnsinn.

Ach, und gibt’s nun Lösungsvorschläge für ein Problem, das keine Lösung hat? Nein: «An diesem Sonntagvormittag finden wir keine Lösung für unser Problem, doch es hilft, dass wir Verständnis füreinander haben. Wir beschliessen, uns regelmässig auszutauschen. Wir wollen uns von den Beschwerden weniger stressen lassen und sie wollen eher hochkommen, statt Textnachrichten zu schreiben.»

Und ZACKBUM wünschte, dass all diese Egoshooter, diese unerträglichen Präsentatoren ihres ärmlichen Inneren und ihres banalen Lebens das beherzigen würden, was berühmte Kollegen gesagt haben:

«Die Rolle des Journalisten ist nicht, über sich selbst zu berichten, sondern über ein Ereignis, eine Person, einen Anlass.»

Werner D’Inka, langjähriger Herausgeber der FAZ.

«Es geht nicht um uns. Es geht um die Welt, um Berichte über die Welt.»

Jill Abramson, ehemalige Chefredaktorin der New York Times.

«Der Reporter ist die unwichtigste Person in der Story.»

Pulitzer-Preisträger David Halberstam.

Oder Gustave Flaubert:

«Der Künstler soll in seinem Werk sein wie Gott in der Schöpfung: überall gegenwärtig, aber nirgends sichtbar.»

Bloss: Wer kennt die noch? Flaubert? Ist das nicht der falsch geschriebene Erfinder des Flobert-Gewehrs? Und schiesst das nicht mit Luftdruck, so wie diese Artikel? Nein, zweimal falsch.

Zudem gilt noch etwas. Man kann sogar einen Bahnhofwartesaal beschreiben, und der Leser ist fasziniert und hingerissen. Dafür muss man aber Jospeh Roth oder Kurt Tucholsky heissen. Wer das war, erklärt gerne Nora Zukker.

 

Täglich kläglich

Was kriegt man beim «Tages-Anzeiger» für Fr. 4.60?

Man bekommt 30 Seiten bedrucktes Papier. Schweifen wir kurz in die Vergangenheit. Im Jahr 2000 waren es noch 60 bis 80 Seiten, für Fr. 2.20. 2010 immerhin noch 50 – 70 Seiten für 3 Franken. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Rubrikenmärkte (Stellen, Immobilien, Autos) Bestandteil der Print-Ausgabe waren.

Oder das Elend in anderen Worten: Die verkaufte Auflage sank seit 2000 um Zweidrittel, der durchschnittliche Umfang halbierte sich fast, während sich der Einzelverkaufspreis verdoppelte. Kein anderes Produkt am Markt hat einen ähnlichen Wahnsinn veranstaltet. Wer das als Manager zu verantworten hat, sollte vor Scham rot anlaufen und sich peinlich berührt Asche aufs Haupt streuen. Nicht wahr, Herr Pietro Supino.

Aber zurück zum aktuellen Elend. So sieht das verlockende Angebot auf der Front aus:

«Die Hitze wird zum Stromproblem», will der grüne Tagi seine Leser ängstigen. Dazu ist ein Foto des Grimselsees gestellt, der sei «wegen der Trockenheit weniger gefüllt». Hier handelt es sich um eine Tautologie. Die Aussage ist so sinnentleert wie: Der Grimselsee ist wegen der Schneeschmelze mehr gefüllt.

Als Textaufmacher meldet sich Isabel Strassheim zu Wort: «Wer wenig verdient, leidet häufiger an Krankheiten». Sie schreibt dafür eine «Analyse der Krankenkasse Helsana» ab. Das ist die Strassheim, die für einen der peinlichsten Flops des Tagi in der jüngeren Geschichte verantwortlich ist. Sie gehörte übrigens auch zu den Unterzeichnern des Protestbriefs von erregten Tamedia-Frauen, die sich über eine angeblich sexistische und demotivierende Arbeitsumgebung beschwerten. Kein einziger der anonymen Vorwürfe konnte anschliessend verifiziert werden.

Nicht zu vergessen die Lockangebote «Kultkellnerin», «Käse mit Salmonellen» oder «Gewaltiger Kurssturz bei Elon Musks Spacex». Riecht alles nach eingeschlafenen Füssen in ungewaschenen Socken.

Auf Seite zwei dann die grosse Recherche. Also zumindest ein grosses und aussagekräftiges Bild:

Allerdings: Der Autor Jens Flottau hat seinen Schreibtisch in München bei der «Süddeutschen Zeitung». Aber immerhin, daneben eine Spalte: «Bund will höhere Mindestfranchise». Selbstgebastelt. Fast: «Mit Material der SDA».

Dann der Brüller: «Verdorbener Käse: Wie eine Salmonellenwarnung des Bundes tagelang verzögert wurde». Heisser Scheiss – oder Uraltstory von Ostern dieses Jahres.

Dann ein kleiner Scherz zur Erheiterung des Lesers (und mangels Inseraten):

«Mehr lesen» bei geschrumpften Umfängen. «Mehr wissen» bei zum Skelett abgemagerten Redaktionen. «Mehr verstehen» bei ständigen besserwisserischen Belehrungen. Super-Kampagne.

«International» wird von der Unke Hubert Wetzel, im Solde der SZ, bestritten. Für deutsche Leser mag ein Porträt über die Aussenbeauftragte der EU durchaus von gewissem Interesse sein. Aber für Eidgenossen? Die interessiert hingegen sicher brennend, was der Deutschland-Korrespondent Simon Widmer aus Berlin zu vermelden hat, der schwitzend gegen das Sommerloch anschreibt: «Kein Deutsch, kein Zutritt ins Freibad» von Halle. Da kann man natürlich Diskriminierung vermuten – oder einfach das Walten des gesunden Menschenverstands, dass wer die Warnhinweise nicht lesen oder verstehen kann, gefährdet ist.

Dann ist wieder die SZ dran, Urunke Peter Burghardt aus Washington arbeitet sich an seinem zweitliebsten Feind ab: « J.D. Vance – der Konvertit, der den Papst belehrt». Weiter mit SZ-Autoren: «Zum Teil kennen nicht einmal die Partner sexuelle Fantasien. Aber Open AI schon». Sex sells, sagt sich auch der Tagi.

Wir kommen zum Thema Inzucht. In den «Buchtipps im Juni» lobt Tamedia-Redaktorin Nora Zukker ein Werk des ewigen Tamedia-Kolumnisten Max Küng über den grünen Klee («herrliche Beziehungssatire»). Ob er sie auch im Auftrag eines Möbelhauses geschrieben hat, ist hingegen nicht bekannt. Alexandra Kedves, wir ersparen uns frauenfeindliche Bemerkungen, legt dem multilingualen Leser tatsächlich ein Frauenbuch auf Englisch ans Herz. Gibt ja nicht genug Neuerscheinungen auf Deutsch. Au weia.

Lokales, auch hier zwei Aufreger: «Wer trägt die Schuld am Tod des Teenagers?» und «Restaurant Belvoirpark schliesst schon wieder – zwei Jahre früher als geplant». Übrigens trägt niemand eine Schuld, und das Restaurant ist bereits seit Mai geschlossen. Schnarch.

Wollen wir noch die Meldung erwähnen: «Lamborghini geht in Flammen auf»? Oder lieber nicht.

ZACKBUM fasst zusammen. Was bekommt der Konsument für Fr. 4.60? Fremdleistungen, Deutsches, Langweiliges und Verschnarchtes. Was bekommt er also? Ein klägliches Nachtschattengewächs im Vergleich zum früheren, dickeren und nur mit Eigenmitteln (abgesehen von SDA und so) hergestellten Tagi.

Weniger, schlechter, dafür teurer. Wer das für ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell hält, ist mit dem Klammerbeutel gepudert.

Das Tamedia-Imperium zuckt zurück

Frau ist beleidigt, nimmt übel und klagt.

Nora Zukker ist «Journalistin und Moderatorin». Journalieren tut sie im Ressort «Leben» des Kopfblattsalats von Tamedia, «mehr privat» präsentiert sie sich auf Instagram:

 

Eher apokryph ist hingegen dieser Eintrag:

Seit sie sich zusammen mit Simone MeierJuden canceln») auf dem Friedhof Sihlfeld mit «einer Flasche Rosé-Champagner» die Kante gab, hat ZACKBUM ihr Schaffen als Literaturirgendwas des «Tages-Anzeigers» kritisch begleitet. Das verträgt nicht jede. Also forderte der Konzernjurist von Tamedia das letzte medienkritische Organ auf, einen Artikel vom 21. Oktober 2025, in dem Zukker eine gewisse Rolle spielt, zu löschen. Um des lieben Friedens willen kamen wir dieser Aufforderung nach.

Nichtsdestotrotz zerrte Tamedia den Herausgeber, Redaktor, Faktenchecker und Publizisten René Zeyer zuerst vor den Friedensrichter. Denn man wollte zudem noch eine Zahlung von 500 Franken und die Veröffentlichung eines Urteilsdispositivs, dass sich ZACKBUM einer «schweren Persönlichkeitsverletzung» schuldig gemacht habe. Weil Zukker mit kritischen Bezeichnungen verletzt worden sei.

Nachdem ZACKBUM der klaren Auffassung ist, dass mit der Löschung des Artikels genug Sühne getan ist, ereilte uns am 22. Juni 2026 eine Klage in gleicher Sache. Ganze 18 Seiten verbrät der Konzernanwalt darauf, umständlich und umfangreich zu behaupten, ZACKBUM habe «seit Jahren diffamierende Kommentare über Zukker veröffentlicht». Schlimmer gar: es habe sogar «äusserst diffamierende, hämische und frauenfeindliche Sprüche» gesetzt, dazu als «running gag», dass sie eine «unfähige Kulturredaktorin» sei.

Der geneigte Leser kann mit der Suchfunktion nachprüfen, ob das so ist. Allerdings ist es völlig unerheblich, denn all diese schlimmen Dinge sind gar nicht eingeklagt, sie seien nur «als Kontext» zum einzig beklagten Artikel zu verstehen, der aber – wie die Kläger selbst einräumen – am 14. November 2025 gelöscht wurde.

Der juristische Laie versucht zu verstehen: in einem umfangreichen Dossier, das der Klage beiliegt, werden alle jemals auf ZACKBUM über Zukker erschienenen Artikel dokumentiert. Sie sind aber nicht eingeklagt. Der einzige Artikel, der eingeklagt wird, existiert seit mehr als sieben (!) Monaten nicht mehr.

Neben der Genugtuungssumme verlangt die «Streitgenossenschaft» Tamedia/Zukker, dass ZACKBUM «sämtliche Verfahrenskosten» übernehmen solle. Also der übliche Versuch, einen unbequemen Kritiker mit der finanziellen Keule eins überzubraten, auf dass er die Schnauze halte.

Bis es hier zu einem Prozess oder allenfalls zu einem rechtsgültigen Urteil kommt, wird das Jahr 2026 ins Land gegangen sein. Tamedia lässt seinen Konzernanwalt diverse Stunden auf diesen juristischen Slapstick verbraten, ZACKBUM muss seinerseits die Dienste eines Anwalts in Anspruch nehmen, weil wir uns diesen Maulkorb nicht umbinden lassen wollen.

Ist es noch Zwängerei oder schon Rechtsmissbrauch, viele Monate, nachdem der inkriminierte Artikel gelöscht wurde, ihn dennoch einzuklagen? Heilt das die angeblich schwer verletzte Persönlichkeit von Zukker? Oder bleibt sie schwer verwundet zurück, sollte das Gericht gegen sie entscheiden?

Anders gefragt: ist nicht viel von Literatur verstehen, nicht schon ausreichend? Muss sich dazu auch noch tiefe Humorlosigkeit und eine beleidigte Leberwürstin gesellen?

Der weibliche Bärfuss

Au weia, ist das vielleicht sexistisch gegen Katja Brunner.

Aber der gequälte Kopfblattsalat-Leser von Tamedias Gnaden fragt sich mal wieder: muss denn das sein? Und Hand aufs Herz; binär, nonbinär, mit Sternchen oder ohne: ist dieser Gesichtsausdruck nicht typenähnlich mit dem ewig grimmigen Gesicht des Sprachverhunzers Lukas Bärfuss? Und muss man nicht zu verbaler Notwehr greifen, wenn man dem ausgesetzt wird?

Bei Geburt getrennt? Bildzitate «Tages-Anzeiger».

Damit haben die Ähnlichkeiten noch kein Ende gefunden. Nora Zukker dient als Souffleuse und Stichwortgeberin und verhunzt das, was man früher mal Interview nannte. Stattdessen gibt es hier kübelweise Geschwurbeltes, Aufgeblasenes, Soziologengequatsche, Gedöns und die immer gleiche Leier.

Auch die ZACKBUM-Leser sollen an der Qual teilhaben:

«In meinem Text wird Gewalt als «hauswirtschaftliches Problem» verharmlost, das die Betroffene gefälligst diskret selbst zu lösen hat. Die patriarchale Struktur wird nicht frontal durchbrochen, sondern radikal überbejaht, bis sie sich selbst entlarvt. Mich interessieren Formen der systemkritischen Intervention, wie man es aus tendenziell repressiven Systemen kennt.»

Nix verstan? Macht nix, das ist je nach Blickwinkel ein Anzeichen geistiger Gesundheit oder üblem, männlichem Chauvinismus. Aber nicht nur die Antworten rollen einem die Socken hoch, auch die Fragen:

«Sie zeigen, wie sich Täterstrukturen durch Sprache immunisieren. Machtmissbrauch tarnt sich also im Gewand von Fürsorge oder vermeintlicher «Normalität»

Nein, das ist allenfalls eine Immunisierung des Lesers durch Sprachfolter.

Das sind weitere Instrumente, die gnadenlos zum Einsatz kommen:

«Sprache ist tief normierend und erzieherisch. Solche «Dressuren» möchte ich in «Die Kunst der Wunde» sprachskeptisch verhandeln … Im Spätkapitalismus sind wir darauf getrimmt, Schmerz wegzumoderieren oder ihn zu kapitalisieren … Daher neigt unsere Gesellschaft auch dazu, strukturelle Gewalt gegen Frauen sofort ins Private zu verdrängen … Aber für marginalisierte oder verletzte Körper ist der Staat eine Instanz, die Wunden verwaltet, versteckt oder im schlimmsten Fall sogar wirtschaftlich ausnutzt

Ist ja gut, der Schmerz, den dieses Gestammel auslöst, lässt sich nicht wegmoderieren. Hier geht es mehr um die Nicht-Kunst, verbal Wunden zu schlagen. Und niemals, einfach nie darf die Binse «strukturelle Gewalt» fehlen. Bevor ZACKBUM wegen Folter eingeklagt wird, hören wir schon auf. Nur noch ein kleiner Blick in die Schreibwerkstatt der Autorin:

«Eigentlich raufe ich mich fortwährend mit der Sprache. Mit diesem Buch möchte ich vor allem Beschönigungen kenntlich machen und sie biegen, manchmal brechen, wenn sie sich als sehr unbeugsam erweisen.» Sie lässt noch tiefer blicken: «Ich liebe es, wenn ich im Theater in Bratislava sitze und kein einziges Wort verstehe. Ich versuche dann, den kulturellen Transfer nachzuvollziehen.»

Hier wird nichts beschönigt, alles gebrochen.Das Empfinden der Autorin in Bratislava kann der Leser, Pardon, der/die/das LeserIn** (womit weitere 162 Gender inkludiert sind), voll nachempfinden. Er/sie/es, nein, besser, die Lesenden verstehen auch kein Wort.

Aber, eine letzte erschütternde Erfahrung der Autorin müssen wir, tut uns Leid, dem ZACKBUM-Leser noch mitgeben. Als Zukker das Stichwort Austausch «mit Theaterschaffenden in Mexiko über Erscheinungsformen patriarchalischer Gewalt» liefert, steuert Brunner diese Anekdote bei: «Ich werde nie vergessen, wie eine Theatermacherin sagte: «Immer wenn ich das Haus verlasse, richte ich unsere Wohnung so ordentlich her, dass meine Kinder einige Tage durchkommen, falls ich nicht zurückkomme.» Wenn das, was ich schreibe, eine solidarische Verständigung mit ermöglicht, ist das für mich der Kern meiner Arbeit.»

Solidarische Verständigung? Nein, hier ist keine Verständigung möglich. Nur der Seufzer aus tiefster Seele: hört ein solcher pseudo-femininistischer Schwulst denn nie auf? Und warum ist es frau nie möglich, ein anständig-kritisches Interview mit frau zu führen?

 

 

Wie 15 Minuten zur Ewigkeit werden

Nora Zukker von Tamedia ist noch im Amt. Manche mögen das bedauern.

Die ehemalige Literaturchefin (jetzt ist sie nur noch «Literaturredaktorin») lässt die Verfasser von Werken weitgehend in Ruhe. Die Literatur dankt es ihr.

Nun hatte Zukker Gelegenheit, 15 Minuten mit Otto Waalkes zu verbringen (ja, den gibt es auch noch, und er malt). Sie melkt aus dieser Begegnung einen ellenlangen Text. Wie man das macht? Na klar, man beginnt mit einem Gespräch mit dem Taxifahrer (immerhin muss sie trotz Sparmassnahmen keinen ÖV verwenden).

Dann braucht es eine  Ortsbeschreibung: «Man betritt das Haus und ist sofort in der Ottifanten-Mania. Auf der Toilette gibt es Ottifanten-Taschentücher, vor fast jeder Tür eine Ottifanten-Fussmatte, alle Gläser, Tassen und Teller: Ottifanten-Geschirr.»

Die Einordnung darf nicht fehlen:

«Loriot, Helge Schneider und Otto haben die deutsche Komik zu einem guten Ort gemacht

Dabei vergisst Zukker ungefähr ein Dutzend andere, von Harald Schmidt abwärts. Aber fundierte Kenntnisse waren noch nie ein Kriterium, um bei Tamedia was zu werden.

Dann ein offenes Wort, womit sie sich zufrieden gibt: «15 Minuten bekommt, wer sich angemeldet hat, vielen Journalistenkollegen war das zu wenig.» Aber he, ist doch genug, wenn man mal auf Spesen aus dem Glashaus an der Werdstrasse raus darf.

Dafür kann sie die Kunst, aus 15 Minuten für den Leser eine gefühlte Ewigkeit zu machen.

Sie mäandert zum Gespräch mit dem Künstler: «In wenigen Wochen wird er 77, also müssen wir ihn ansprechen: The Ottifant in the room (nur einmal, versprochen!) – das Alter. Das ist ja so eine Sache mit den berühmten Männern, die in aller Öffentlichkeit älter werden und manchmal lustige Dinge tun, um nicht vergessen zu gehen. Aber Otto sieht einfach immer noch aus wie Otto, das fliehende Haar, die wachen Augen, er spricht schnell und präzise und hat sich das Kindliche bewahrt, einer seiner grössten Schätze vielleicht.»

Routiniert spult Otto ein Best-of seiner Interviewantworten ab, schliesslich hat er sein neustes Werk zu verkaufen. Er malt berühmte Gemälde nach, eine Hammeridee. Aber herrje: «Gleich sind die 15 Minuten vorbei, letzte Frage: An welches Kunstwerk haben Sie sich bis jetzt noch nicht herangetraut, Otto? «Ich möchte irgendwann ‹Die Nachtwache› von Rembrandt malen, aber es sind so viele Leute auf dem Bild.»»

Heissasa, es gab noch einen Nachschlag: «Nach dem Interview sitzen wir zusammen am Tisch, essen Fruchtsalat von Ottifanten-Tellerchen und trinken Kaffee aus Ottifanten-Tässchen. «In der Schweiz gab es noch nie eine Otto-Ausstellung. Haben Sie dort gute Kontakte?», fragt er.»

Cleveres Kerlchen, das muss man ihm lassen. Auch clever von Zukker, dieses 15-minütige Interview (plus Fruchtsalat) zur Selbstvermarktung Ottos zu benützen, um sich einen netten Ausflug zu gönnen.Das sei ihr gegönnt.

Daher ersparen wir ihr die Frage, so als Kulturredaktorin, was sie eigentlich von «Permafrost» von Viktor Remizov hält. Gerade auf Deutsch erschienen und auf der Flughöhe von Wassili GrossmanLeben und Schicksal»), der wiederum in der Liga Tolstoi schrieb.

Aber he, das Werk hat 1253 Seiten, der Schinken könnte einem beim Lesen auf den Kopf fallen, was für Zukker durchaus ein literarisches Kriterium ist. Und dann müsste man ihr erklären, wer Grossman und wer Tolstoi war, die haben auch gewaltige Schinken geschrieben.

Also dann doch lieber Otto Waalkes, dem man wohl nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als begabten Volkskomiker bezeichnet, der aufs Alter die Malerei entdeckt hat. Die wiederum, Kultur ist halt komplex, hat eigentlich wenig mit Literatur zu tun.

Womit sich der Kreis zur Literaturredaktorin Zukker schliesst: sie auch nicht.

Das passende Tamedia-Thema

Nora Zukker hat Humor. Galgenhumor. Den braucht’s auch bei Tamedia.

Eigentlich soll Zukker angeblich die Literaturchefin von Tamedia sein. Davon merkt man aber wenig, was der Literatur durchaus nicht schadet. Stattdessen kümmert sie sich in der Adventszeit um solche Themen:

«Ein Tag mit einer Bestatterin». Gehört zu den Betroffenheitspornos des Journalismus. So in der Liga «Weihnachten auf einer Polizei- oder Notfallstation» Oder «Eine Nacht mit Obdachlosen unter der Brücke».  Irgendwie hat Tamedia dann auch noch Pech mit dem eingeklinkten aufdringlichen Inserat:

Das macht den Kunden sicherlich froh …

Was hat denn die Bestatterin (Achtung, politisch korrekter Ausgleich nach dem «Bestatter»!) so zu erzählen: «Die Särge sind bei uns auch in gekühlten Räumen und nicht im ‹Kühlraum›, da denkt man direkt an den Schlachthof.» Wow, da sind wir aber gleich beruhigt und sehen dem Tod gelassener entgegen. Was plaudert sie denn sonst so aus dem Nähkästchen? Nun, auch Tote können noch tropfen, aber: «Wenn noch etwas aus der Nase rinnt, gibt es eine spezielle Watte, genannt «Engelshaar», die dagegen hilft.» Ob das die gleiche ist, die in der Dubai-Schoggi verwendet wird? Man darf ja wohl noch fragen.

Während der Leser noch weiter jeden Schrecken vor dem Tod verlieren soll, kommt schon wieder so ein blödes Inserat in die Quere:

Slapstick, Realsatire oder pietätlos, was darf’s denn sein?

Was ist denn so das Schlimmste für eine Bestatterin, stellt Zukker dann die Allerweltsfrage. Und bekommt die Antwort, die Bestatter überall auf der Welt geben, es sei «der Geruch der Verwesung. Seit sie ihn einmal gerochen habe, werde sie ihn nie mehr los. Ein bestialischer Geruch, der immerhin nicht schlimmer werde, wenn man ihn immer wieder rieche. «Ich merke auch, wenn irgendwo ein toter Igel liegt», Verwesung sei Verwesung

Asche zu Asche, Mensch zu Igel, kann man da nur sagen.

Dann die Arbeit an einer Leiche, da muss Zukker, da muss der Leser durch: die Bestatterin «faltet die Hände, der eine Arm rutscht immer wieder zur Seite, es ist eine komische Szene, auch weil ich das Gefühl habe, dass ich nur flüstern darf, um die Verstorbene nicht zu stören». Das ist aber noch harmlos, denn Zukker kann sich natürlich in der schonungslosen Beschreibung noch steigern, nun muss der Leser ganz stark sein und die Nase zuhalten:

«Es sei eine einzige braune Sauce gewesen, man habe noch die Haare erkennen können, die Beine und den Oberkörper. Abgesehen von den Zähnen, sei der Rest des Gesichts zerfressen gewesen. Von Maden? «Ja, es reicht ein gekipptes Fenster, durch das eine Fliege in die Wohnung gelangt und in einer Körperöffnung Eier legt», sagt sie.»

Der Leser putzt sich die Nase, schüttelt sich kurz und hat ein paar Fragen. Was soll das? Was soll das in der Adventszeit? Hat eine Literaturredaktorin nichts Besseres zu tun? Wieso soll die Beschreibung von verwesenden Leichen den Umgang mit dem Tod den Schrecken nehmen?

Oder aber, soll das eine Allegorie auf den Zustand von Tamedia sein? Soll das die Stimmung auf der Redaktion paraphrasieren, wo zwar nicht Särge, aber Mitarbeiter hinausgetragen werden? Liegt auch im Glashaus schon ein leichter Verwesungsgeruch in der Luft? Herrscht etwa Grabesstille, wenn Raphaela Birrer, Simon Bärtschi oder Jessica Peppel-Schulz durch das Grossraumbüro huschen, wo die Redaktoren so eng zusammengequetscht sind, dass sich der Tierschutz melden würde, handelte es sich um Hühner oder Schweine?

Ist es das, was Tamedia unter einem werbefreundlichen Umfeld versteht?

Man weiss es nicht. Man versteht es nicht. Man will es auch gar nicht wissen oder gar verstehen. Ist der ganze Text eine Allegorie oder enthält er nur Metaphern über den Zustand von Tamedia? Gut, dafür müsste die Tamedia-Redaktion den Unterschied kennen. Ein kleiner Scherz, um die Stimmung bei diesem schriftlichen Leichenbegängnis zu heben. Und das ist eine Metapher.

Ach, du liebe NZZ

Immer wieder Glanzlichter in diesem Schattental namens Journalismus.

Wir gestehen: ZACKBUM mag Botho Strauss nicht wirklich. Sein «Anschwellender Bocksgesang» hatte zwar einen tollen Titel, aber der Inhalt war zu sehr Blut-und-Boden-Geschwurbel. Auch sein dichterisches Werk erscheint uns zerquält, gewunden, ohne rechten Lustgewinn zu lesen.

Aber dann schreibt Roman Bucheli eine Würdigung zum 80. Geburtstag von Strauss (der im Übrigen in der «Kulturredaktion» des Qualitätskonzerns Tamedia völlig unbekannt sein dürfte), die einen sogar fast dazu verleitet, doch wieder Strauss zu lesen. So gut ist die.

Bucheli schwingt sich beschwingt in Strauss hinein und kommt mit ziemlich luziden Erkenntnissen wieder heraus:

«Das Ganze nämlich, eine in sich geschlossene und sich selbst genügende Welt, wie sie der Roman vorstellt, ist Botho Strauss längst suspekt geworden. Er sieht, wenn er in die Welt schaut, zwar auch das Zusammenhängende. Vor allem aber sieht er Bruchstücke. Überreste eines vormals Ganzen, die sich nicht mehr zueinanderfügen. Doch im Fragment schlummert eine Erinnerung an das Ganze, so bleibt dieses gegenwärtig, selbst im Zustand der Zerstörung.»

Zu eben diesem runden Wiegenfest ist eine neue Sammlung von, nun ja, Bruchstücken von Strauss erschienen: «Das Schattengetuschel». 230 Seiten für leicht unverschämte Fr. 38.90, die Versuchung ist da, es dennoch zu kaufen und vielleicht sogar zu lesen.

Denn Bucheli macht einem schon etwas den Mund wässrig:

«Botho Strauss hat nie verhehlt, dass er die Gegenwart als eine Verfallsgeschichte betrachtet. Der Mensch ist ein spätes Wesen in der Evolution und zugleich eines der unvollkommensten. Über viele Jahre und viele Theaterstücke hinweg hat Botho Strauss diese rätselhaft unbeholfenen Figuren auf die Bühne gebracht. Heute, da dieser melancholische Rebell achtzig Jahre alt wird, bündelt er seine Beobachtungen im Bestiarium der Menschenwesen zu ungeschliffenen Bruchstücken von herber Schönheit. Doch die Schärfe der Gedanken hat nichts an Brisanz eingebüsst.»

Was soll man dazu mehr sagen als: so soll ein Feuilleton sein. Aber dafür hat Tamedia ja Nora Zukker, die mit einer zweitklassigen Schriftstellerindarstellerin im Friedhof Prosecco schlürft.

Die NZZ hat zudem noch Guido Kalberer, der durchaus auf Flughöhe Peter Sloterdijk ist. Der Mann ist nun in der Lage, aus dem Stand anhand des Einschlagens eines Nagels in die Wand ein kulturhistorisches Essay zu verfassen, dass Bögen von den alten Griechen über die Aufklärer, die Strukturalisten, die Poststrukturalisten plus Prisen von Habermas, Derrida und Althusser spannt.

Sloterdijk war im Frühling zu Vorlesungen ans Collège de France eingeladen. Das ist eine grosse Ehre, von einer grossen Institution ausgesprochen, die ihre Geschichte bis 1530 zurückverfolgen kann. Sein Wahlspruch lautet «docet omnia», es lehrt alles.

Selbst Sloterdijk zeigte sich beeindruckt von dieser Einladung und wusste, dass er hier noch mehr brillieren muss als sonst schon. Kein Problem für den Mann: «Was ist Europa anderes als ein Klub aus Nachfolgern gedemütigter Imperien?» Was für ein Paukenschlag als Einleitung zu seinen Vorlesungen.

Natürlich kann Sloterdijk das unterfüttern: «Der Schriftsteller unter den deutschen Philosophen beschreibt die wechselvolle Geschichte Europas wie ein Theaterstück, das nach seiner Uraufführung im Römischen Reich zahlreiche Reinszenierungen erlebte: Der Traum antiker Grösse führte die Nationalstaaten zuerst zu ungeahnter Grösse, dann zumeist in die Tragödie. Der Untergang des Imperium Romanum wurde so vor wechselndem Bühnenbild mehrmals zur Aufführung gebracht», schreibt Kalberer.

Und tanzt mit Sloterdijk durch dessen Erkenntnisräume: Was Michel Foucault als «dire vrai sur soi-même» beschreibt, meint eine Offenlegung mit einer ausgeprägten Tendenz zur Selbstkritik: Bekenntnisse sind Geständnisse. Die «Selbstentblössungsliteratur», die in Europa heute weit verbreitet ist, wendet Sloterdijk in den letzten zwei Vorlesungen ins Politische: Der «autobiografische Kontinent» neige vor lauter Selbstbespiegelung und -befragung dazu, sich selbst zu marginalisieren und aus dem Spiel zu nehmen.»

Da bekommt Sloterdijk plötzlich eine schneidende Schärfe und seziert das, was in allen woken Gutmenschenumgebungen im Schwang ist, aber eigentlich zutiefst verächtlich. Dafür findet Sloterdijk die passenden Worte, die Kalberer genüsslich wiedergibt:

«Die ‹postkolonialen Studien›», schreibt Sloterdijk, «bilden die jüngste Metastase des von der religiösen Geständniskultur präformierten Geistes der europäischen Selbstkritik». Der «Amoklauf der Selbstbezichtigung», eine Folge des historisch gewachsenen Geständniszwanges, sei Wasser auf die Mühlen der Diktatoren. Für viele westliche Intellektuelle, insbesondere radikale Linke, die ins Lager des globalen Südens übergelaufen seien, sei «der Zivilisationsverrat das Gebot der Stunde».

Wunderbar und wahr. «Der Kontinent ohne Eigenschaften» heisst die Verschriftlichung dieser Vorlesungen, in Anspielung an den Mann ohne Eigenschaften von Musil (das war, aber lassen wir das). Knapp 300 Seiten, die man wohl lesen muss.

Man könnte der NZZ direkt böse sein, dass sie dermassen viele zusätzliche Werke auf den sowieso schon nicht kleinen Bücherturm legt, der der Beachtung harrt. Aber solange die NZZ noch so ein Feuilleton pflegt, seien ihr alle Häslers und sogar die NZZaS verziehen.

Ullsteins Schande

J.D. Vance ist der neue Gottseibeiuns der Journaille. Und eines deutschen Verlags.

«Wieso Trumps Vize jetzt zum Problem wird». Das will Christian Zaschke wissen. Er gehört zur Riege der US-Korrespondenten der «Süddeutschen Zeitung», deren Ergüsse ungefiltert die Schweizer Leser von Tamedia belästigen. Ihre Artikel sind nicht mal aktuell, wenn sie veröffentlicht werden. Interessant sowieso nie.

Auch was er meint und behauptet und woran er zweifelt und was er hofft, hat mit der Wirklichkeit in den USA kaum etwas zu tun. So ausserhalb von New York, Boston, San Francisco und Los Angeles. Also ist es völlig unerheblich.

Vance werden nun unbedachte Äusserungen um die Ohren geschlagen, die er tätigte, als er noch nicht der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten war und als er von Donald Trump keine besonders hohe Meinung hatte. Kann passieren, ist all diesen Korrespondenten auch nicht unbekannt, dass sie lieber nicht an ihre Fehlprognosen und Untergangsarien («so stirbt die Demokratie») erinnert werden möchten.

Das kann man Vance nun aufs Brot schmieren und der Hoffnung Ausdruck geben, dass das Trump «viele Stimmen kosten» könnte. Das Pfeifen im Wald wird immer schriller. Auch der «Blick» pfeift mit: «Warum Vance zum peinlichsten Vize.-Kandidaten wird». Noch peinlicher als Danpotatoe») Quayle?

Man könnte allerdings auch das Buch von Vance lesen. Denn er hat eins geschrieben, und im Gegensatz zu dem meisten Gebrabbel dieser Korrespondenten ist das Literatur, beschreibt schonungslos den eigenen Lebenslauf von Vance. Der stammt aus einer typischen White Trash-Familie; Mutter drogenabhängig, ständig wechselnde Begleiter, Chaos, Misshandlungen jeder Art.

Bis seine Grossmutter beschliesst, den Jungen zu sich zu nehmen. Was der nur knapp besser als das Verbleiben bei seiner Mutter empfindet. Bis er für die Schule einen Taschenrechner braucht, und der kostet für seine Verhältnisse ein Vermögen von 84 Dollar.

Vance versucht linkisch, einen zu klauen, wird dabei erwischt und von seiner Großmutter gerettet – die ihm den Taschenrechner schenkt. Auch das vermag Vance, der sich selbst gegen so viel Rohheit und Aggressionen und Gewaltausbrüche mit gleicher Münze wehrte, nicht wirklich zu begeistern. Aber dann bekommt er mit, dass seine Großmutter sich dafür das Essen vom Mund abspart.

Und benützt den Taschenrechner, bringt beste Noten nach Hause, geht auf die Uni, verliebt sich in einen Menschen, der bedingungslos zu ihm steht – und macht Karriere. Hollywood. Natürlich, und Hollywood hat’s auch verfilmt. Nicht viel schlechter als das Buch geworden, mit einer grossartigen Glenn Close als Grossmutter mit bewundernswertem Mut zur Hässlichkeit.

Den hat auch der Ullstein Verlag, allerdings anders. Die Gebrüder Ullstein drehen sich im Grab um. Denn wie hiess noch im Gründungsjahr 1903 das Credo: «In diesem Haus wurden alle Strömungen eingefangen, alle Stimmen gehört, registriert und wie von einem riesigen Resonanzboden verstärkt der Öffentlichkeit wieder zugeführt.»

Ausgerechnet der Verlag, dessen jüdische Besitzer ihn zwangsweise an die Nazis verkaufen mussten, ausgerechnet der Verlag, der wie kein anderer unter Meinungsterror und Zensur gelitten hat, schmeisst den Autor J.D. Vance aus seinem Programm. Nachdem er sieben Jahre lang an der deutschen Übersetzung der «Hillbilly Elegie» satt verdient hat.

Der Autor vertrete inzwischen «eine aggressiv-demagogische, ausgrenzende Politik». Deshalb habe man ihn denunziatorisch ausgegrenzt. Nein, so formuliert es der Verlag nicht. Deshalb habe man die Lizenz nicht verlängert.

In der Tiefebene des deutschen Geists ist das eine unsägliche Verrohung der Sitten. Heinrich Heine kann froh sein, dass seine Werke im Suhrkamp Verlag erscheinen. Denn was würde Ullstein wohl davon halten, wenn er Hausautor wäre und geschrieben hat: «Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen

Sicher, die Bücher von Vance werden (noch) nicht verbrannt. Aber mindestens so erbärmlich wie diese Entscheidung ist das nur leise Gemurmel im deutschen Feuilleton. So ein Skandal müsste einen Aufschrei auslösen. Stattdessen da und dort leise Kritik. Bei Tamedia weiss die Literaturchefin Nora Zukker wahrscheinlich nicht einmal, dass es dieses Buch überhaupt gibt. Auf jeden Fall kein Wort dazu.

Den Vogel schiesst hier aber wieder einmal die «Süddeutsche Zeitung» ab. Ein Felix Stephan – angeblich «Kulturjournalist» und selber Schriftsteller – verdient es, dass sein Name auf ewig an einen Schandpfahl genagelt wird.

Unter dem Titel «Ist das schon Zensur?» schwurbelt er diese Zensur zurecht. Denn schliesslich, so sein grenzdebiles Argument, hätte Ullstein ja die Lizenz verlängern und dann nur eine kleine Auflage nachdrucken können: «So aber wurde die Lizenz für jeden Verlag frei verkäuflich, der sich ihrer erbarmen wollte.» Erbarmen?

Kein Verlag hätte sich aber «an der Meinungsfreiheit in Deutschland vergangen, wenn er das Buch eines Autors nicht veröffentlichen wollte, der sich im amerikanischen Wahlkampf zwar in aussichtsreicher Position befindet, inhaltlich aber in vielerlei Hinsicht rechts von der AfD». Wie bitte? Sollte man also auch Bücher von der AfD nahestehenden Autoren nicht mehr veröffentlichen? Einer demokratischen und gewählten Partei? Nur weil das einem geistigen Grossinquisitor wie Stephan nicht ins ideologische Raster passt?

Der «Fall» erinnere an den Historiker Rolf Peter Sieferle, dessen durchaus lesbares und provokantes Buch «Finis Germania» nicht von Suhrkamp veröffentlicht wurde. Eine politische Abrechnung mittels über Jahre verstreuter Aufsätze und ein literarisches Werk im Vergleich?

Vielleicht erinnert sich Flachdenker Stephan nicht daran, dass auch «Finis Germania» zum Bestseller wurde – und dann vom «Spiegel» kommentarlos aus seiner Bestsellerliste gestrichen. Schon diese unerträgliche Zensur wurde damals von wenigen Mutigen wie Denis Scheck als «journalistischer Skandal» bezeichnet. Für Stephan war das sicher voll in Ordnung. Er würde wohl auch Literaturwissenschafter Rüdiger Safranski am liebsten zensieren, der die damalige «fahrlässige und hysterische Debatte» auf eine «schlampige und fahrlässige Lektüre» zurückführte.

Die Geschichte wiederholt sich, jedes Mal mehr als Farce, wenn selbst Geisteszwerge wie Stephan im Feuilleton der SZ geifern dürfen.

Schon ist der Autor beim nächsten geistigen Salto mortale: dass das Haus Ullstein, «das bis zu seiner Arisierung 1937 einer der größten Verlage der Europas war, sich künftig von einem Autor möglichst fernhält, der nicht nur Donald Trumps Agenda vertritt, sondern auch zum Leo-Strauss-Lesekreis des rechten Milliardärs Peter Thiel gehört, ist insgesamt eher keine Sensation». Ullstein wurde von den Nazis enteignet, wer von Thiel gelesen wird, darf deshalb dort nicht mehr erscheinen? Mit einem Buch, bei dem kein einziger Buchstabe geändert wurde und das sieben Jahre lang verkauft wurde? Der Mann, mit Verlaub, hat ein paar Schrauben locker.

Aber Stephan legt noch eine Volte drauf, denn die Trauben sind viel zu sauer: «Literaturgeschichtlich muss an dieser Stelle vielleicht dazugesagt werden, dass die Erzählkonstellation von „Hillbilly-Elegie“ schon altmodisch war, als das Buch 2016 erschien.»

Ein Feuilleton, das solchen Stuss veröffentlicht – und niemand in der SZ widerspricht – hat abgewirtschaftet, seinen Ruf verspielt, kann weg.

 

Dunkle Worte

Nora Zukker rezensiert Martin Suter. Kann nicht gutgehen.

Martin Suter ist der genderkompatible, fluffige Gebrauchsliterat der Schweiz. Die Texte des PR-Genies flutschen so wie eine feuchte Seife in der Hand. Kantenlos, glatt, gepflegt, unangenehm parfümiert, langweilig.

Der Literaturhäuptling (wieso gibt es davon keine weibliche Form, verdammte Diskriminierung) ohne Indianer von Tamedia, Nora Zukker, ist sonst eher für Abseitiges und Unterirdisches wie Simone Meier zuständig.

Nun versucht sie sich also mal am Schweizer Erfolgsautor, der zwecks Promotion nicht davor zurückschreckt, Privatestes wie den Tod seiner Frau larmoyant auszubreiten, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt.

Aber zur Sache. Schon der Titel der Rezension ist so dunkel wie holprig, Wie kann man zwischen Oliven und einem Drink die Geduld verlieren? Wo bleibt die dann ab? Findet man sie dann hinter einer Olive wieder?

Aber das soll ja den Leser nur vorwarnen, dass es anschliessend noch holpriger, dunkler und unverständlicher wird:

«Allmen bietet ihm seine Hilfe bei der Suche nach dem verschwundenen Kunstwerk an – und hofft, nicht schon wieder seine Kreditwürdigkeit improvisieren zu müssen. Es könnte für den «Pleitendandy» eine Zeit ohne den Duft schwarzer Bohnen kommen, denn er gehört nun ein bisschen dazu, zum Kreis der illustren Kunstfreunde von Weynfeldt.»

Wie improvisiert man seine Kreditwürdigkeit? Und was ist eine Zeit ohne den Duft schwarzer Bohnen? Meint sie damit Frijoles (würde zu den Margaritas passen) oder schlichtweg Kaffee?

Aber weiter im Geholper: «… der Adelstitel Johann von Allmen führt irrtümlicherweise zum Adel, ist aber bäuerlicher Herkunft. Carlos (ein Bediensteter, Red.) kann auch nicht zu oft die Mansarde hochsteigen und ein Bündel Banknoten holen und sie dem Johann Friedrich leihen». Hä?

«Allmen ist nämlich gut darin, die Wirklichkeit auszublenden. Das hat er in seiner Kindheit gelernt, als er die Augen schloss und sein Vater mit einem Stück Holz das Kaninchen Mimi vom kleinen Johann erschlug. Aber dann muss er die Augen aufschlagen, als es hupt und eine Bahre mit grauem Deckel geholt wird. Karin Winter ist tot.» Hä?

Wer’s bis zum Schluss durchsteht, wird hiermit bestraft:

«Da sind keine schnellen Schnitte, keine Spannung, die einem den Atem nimmt, aber Suters Dialogtalent bleibt konkurrenzlos. Mit «Allmen und Herr Weynfeldt» gewährt uns Suter wieder Einblicke in die Welt der Reichen. Und irgendwann trinkt Weynfeldt dann doch noch den Martini zur Olive. Aus Gründen.»

Hä?

Eigentlich sollte eine Rezension dem Leser Gründe an die Hand geben, einen Martini zu trinken. Nein, ein Buch lesen zu wollen oder nicht.

Hier sind die Fragen, ob man das Buch trotz dieser Rezension lesen sollte. Oder sich sinnlos besaufen. Ob es noch schlechter oder eventuell besser ist. Im Zweifelsfall ist aber die beste Entscheidung: weder Suter noch Zukker lesen. Das Leben ist zu kurz für solche Abschweifungen.

Ach, herrje

Nora Zukker rezensiert ein Buch. Volle Deckung!

Der neuste Lewinsky ist glücklicherweise noch nicht ganz ausgelesen und verschafft dringend nötige Labsal. Und gibt die nötige Stärke, die es braucht, wenn wir im Bruchpilotenblatt «Tages-Anzeiger» herumschmökern. Zuerst dachten wir, das hier sei der Gipfel der Dummheit:

Isabelle Jacobi sei immerhin «Chefredaktorin von «Der Bund» und Mitglied der Chefredaktion Bund/BZ». Zudem spreche sie mit «klugen Köpfen unterschiedlicher Couleur». Schon da hat man ein paar Fragen. Wozu braucht der «Bund» eine Chefredaktorin? Und wieso ist sie dann auch noch in der Chefredaktion Bund/BZ? Und wozu braucht die, aber lassen wir das. Dann die verschiedenfarbigen Köpfe. Soll das heissen, sie spricht auch mit Schwarzen oder Rothäuten oder Asiaten?

Aber gut, wer so einen Titel setzt, bei dem hat das Kluge dieser Köpfe garantiert nicht abgefärbt. Aber das ist noch nicht die Höchstleistung von Tamedia. Sondern die:

Das Gipfeltreffen Zukker/Meier. Aber immerhin, diesmal betüteln sich die beiden nicht auf einem Friedhof. Sondern anscheinend nüchtern versucht Zukker, das neuste Machwerk von «Juden canceln»-Simone Meier zu besprechen.

Dabei setzt Zukker einen Anfang ab, von dem sie dann selbst schreibt: «Klar, da sagen Sie jetzt: Nein danke, das muss ich nicht lesen.» Ein weiser Ratschlag, den ZACKBUM aber (leider) in den Wind geschlagen hat. Seither ist unserem Sprachgefühl sterbenselend, müssen wir viele Körpertreffer verarzten, die uns die Lektüre zugefügt hat.

Der Leser halte seine Erste-Hilfe-Apotheke parat und stürze sich ins Gemetzel:

«Randbemerkung: Je mehr die Autorin ihre Figuren leiden lässt, umso leichtfüssiger liest es sich. Schön! … Das berühmteste Ohr der Geschichte wird in «Die Entflammten» bereits auf Seite 42 abgeschnitten … Jo heiratet einen Mann und bekommt zwei dafür … Während Jo noch einmal heiratet, ihr der zweite Mann ebenfalls davonstirbt, ein loser Liebhaber die Lücke füllt, kümmert sie sich darum … Jo, die im Alter – «ihre blossen Arme gleichen welken Blumenstielen» – weniger von Männern wissen will … Es macht übrigens nicht glücklich, die Fiktion arg faktenzuchecken. Aber das Personal und deren Lebensdaten stimmen mit der Wirklichkeit überein … Jo erscheint Gina öfter, die Leben der Frauen zwischen Kunst und Familie verschwimmen zunehmend ins Luzide … «Meine Seele weinte so sehr, dass ihre Tränen fruchtbares Ackerland wegschwemmten, Bäume entwurzelten und eine überflutete Welt zurückliessen», das ist melodramatisch, aber nicht bemüht altertümlich …»

Atmet noch jemand hier? Nun, dann nehmt das: «Der gewisse meiersche Schalk, den man in den vorherigen Büchern, aber auch in ihren journalistischen Texten antrifft, funktioniert auch in dieser Geschichte um 1900. «Der Sarg und ich setzten uns in den Zug nach Paris, nicht nebeneinander natürlich», man stellt es sich trotzdem vor und muss lachen.» Der Sarg setzt sich in den Zug? Darüber muss man lachen? Nicht über die sprachliche Unfähigkeit von Meier?

Aber wer all das vertragen hat, muss sich spätestens hier mit Grausen abwenden; wir verabschieden uns zuvor von den ganz, ganz unerschrockenen ZACKBUM-Lesern (und hoffen, sie morgen erholt wieder begrüssen zu dürfen). Aber zunächst dieser Versuch, widerwärtig und abstossend zu steigern:

«Ihr gegenüber eine Frau, die auf der abgestorbenen Zunge kaut, die Augenlider vom Eiter aufgelöst. Und dann «greift Ninette mit den Fingern in ihren Schädel hinein und streckt Jo einen Klumpen ihres Gehirns entgegen, das unter der Krankheit zu einer sülzeartigen Masse geworden ist, erst verflüssigt, dann wieder eingedickt» und schlürft genüsslich das eigene Hirn. Das ist so gruselig wie medizinhistorisch und sozialgeschichtlich interessant.»

Man reiche zunächst das Riechsalz, anschliessend den Kotzbeutel.