Uups. Sie haben es schon wieder getan
Was Sascha Britsko recht ist, kann Anita Blumer nicht unrecht sein.
Blumer sei «Director, Screenwriter, Editor, Producer», schreibt sie. Und sie schreibt. Das alleine wäre noch nicht schlimm. Aber das ständig neue Tiefen auslotende «Magazin» publiziert es.
Und die Homepage des Tagi präsentiert es unter «Ihre Magazin-Sommerlektüre». Der Sie sich hingeben können, wenn Sie Lust auf eingeschlafene Füsse in ungewaschenen Socken haben. Denn das Stück ist vom 10. Juni, aber immerhin 2026.
So wie oben sah es im Original aus; die Qualitätsredaktion des Tagi will natürlich noch etwas dafür tun, damit der Leser hinter der Bezahlschranke das Gefühl hat, er bekomme etwas für sein Geld. Aber das täuscht.

Da war der Originaltitel doch besser. Aber das ist auch schon das Einzige, was hier positiv erwähnt werden kann. Denn es geht mal wieder im wahrsten Sinne des Wortes um den Bauchnabel der Schreiberin. Sie braucht sagenhaft langweilige 17’300 A, um nochmal eines der banalsten Probleme des Zusammenlebens in einer Wohnsiedlung in Zürich zu beschreiben.
Die Autorin hat drei Kinder und einen Partner. Die Kinder machen Lärm, drunter wohnt ein freundliches, aber ruhebedürftiges Ehepaar, das immer wieder höflich darum bittet, ob es nicht ein wenig leiser ginge.
Das würden Marxisten einen antagonistischen Widerspruch nennen. Das gilt sowohl für Klassen- wie für Nachbarschaftsverhältnisse. Da kann man nix machen. Oder es gilt flüchten oder standhalten. Beide Seiten ertragen’s, einer der Beteiligten sucht sich eine neue Wohnung – oder man lässt es eskalieren mit Geschimpfe, Beschwerde bei der Verwaltung, Polizei und Rechtsanwalt.
So ist das, so war das, so wird das immer sein. Aber Blumer muss ja 17’300 A basteln, begleitet von ausgesucht hässlichen Illustrationen im Stil von Marco Arrigoni. Offenbar wurde die Devise ausgegeben: keiner darf besser zeichnen als er. Und er kann nicht zeichnen. Aber ZACKBUM kennt seine Grenzen, hopeless.
Blumer hingegen dekliniert das ganze Programm durch. Die «Mediatorin». Der «Professor für Sozialpsychologie». Der «Siedlungscoach». Die gut abgehangene Anekdote von Watzlawick über das gescheiterte Ausleihen eines Hammers beim Nachbarn. Und so weiter.
Immer hineingeschnitten das Treten am Ort des Nachbarschaftsproblems. Hineingesteigert in etwas Existenzialismus: «Kann ich an einem Ort leben, an dem jedes Geräusch, das ich mache, registriert und bewertet wird?» Einfache Antwort: ja oder nein, eins von beidem wird’s sein.
Als wäre das nicht genug Bauchnabelbetrachtung, lässt Blumer den Leser ungefragt noch an ihren Erkenntnisprozessen teilhaben: «Eigentlich hält dieser Konflikt eine wertvolle Lektion für mich bereit: Menschen dürfen sich über mich aufregen.» Das ist gut zu wissen, denn ZACKBUM regt sich über solche Texte auf.
Allerdings verblüfft uns doch diese Anekdote der Mediatorin, sie «erzählt von einem Fall, bei dem sich ganz am Ende der Mediation herausstellte, dass der Mann, der in einem Wutanfall den Baum des Nachbarn fällte, kurz davor seine Tochter verloren hatte».
Wahnsinn.
Ach, und gibt’s nun Lösungsvorschläge für ein Problem, das keine Lösung hat? Nein: «An diesem Sonntagvormittag finden wir keine Lösung für unser Problem, doch es hilft, dass wir Verständnis füreinander haben. Wir beschliessen, uns regelmässig auszutauschen. Wir wollen uns von den Beschwerden weniger stressen lassen und sie wollen eher hochkommen, statt Textnachrichten zu schreiben.»
Und ZACKBUM wünschte, dass all diese Egoshooter, diese unerträglichen Präsentatoren ihres ärmlichen Inneren und ihres banalen Lebens das beherzigen würden, was berühmte Kollegen gesagt haben:
«Die Rolle des Journalisten ist nicht, über sich selbst zu berichten, sondern über ein Ereignis, eine Person, einen Anlass.»
Werner D’Inka, langjähriger Herausgeber der FAZ.
«Es geht nicht um uns. Es geht um die Welt, um Berichte über die Welt.»
Jill Abramson, ehemalige Chefredaktorin der New York Times.
«Der Reporter ist die unwichtigste Person in der Story.»
Pulitzer-Preisträger David Halberstam.
Oder Gustave Flaubert:
«Der Künstler soll in seinem Werk sein wie Gott in der Schöpfung: überall gegenwärtig, aber nirgends sichtbar.»
Bloss: Wer kennt die noch? Flaubert? Ist das nicht der falsch geschriebene Erfinder des Flobert-Gewehrs? Und schiesst das nicht mit Luftdruck, so wie diese Artikel? Nein, zweimal falsch.
Zudem gilt noch etwas. Man kann sogar einen Bahnhofwartesaal beschreiben, und der Leser ist fasziniert und hingerissen. Dafür muss man aber Jospeh Roth oder Kurt Tucholsky heissen. Wer das war, erklärt gerne Nora Zukker.




















