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Ach, herrje

Nora Zukker rezensiert ein Buch. Volle Deckung!

Der neuste Lewinsky ist glücklicherweise noch nicht ganz ausgelesen und verschafft dringend nötige Labsal. Und gibt die nötige Stärke, die es braucht, wenn wir im Bruchpilotenblatt «Tages-Anzeiger» herumschmökern. Zuerst dachten wir, das hier sei der Gipfel der Dummheit:

Isabelle Jacobi sei immerhin «Chefredaktorin von «Der Bund» und Mitglied der Chefredaktion Bund/BZ». Zudem spreche sie mit «klugen Köpfen unterschiedlicher Couleur». Schon da hat man ein paar Fragen. Wozu braucht der «Bund» eine Chefredaktorin? Und wieso ist sie dann auch noch in der Chefredaktion Bund/BZ? Und wozu braucht die, aber lassen wir das. Dann die verschiedenfarbigen Köpfe. Soll das heissen, sie spricht auch mit Schwarzen oder Rothäuten oder Asiaten?

Aber gut, wer so einen Titel setzt, bei dem hat das Kluge dieser Köpfe garantiert nicht abgefärbt. Aber das ist noch nicht die Höchstleistung von Tamedia. Sondern die:

Das Gipfeltreffen Zukker/Meier. Aber immerhin, diesmal betüteln sich die beiden nicht auf einem Friedhof. Sondern anscheinend nüchtern versucht Zukker, das neuste Machwerk von «Juden canceln»-Simone Meier zu besprechen.

Dabei setzt Zukker einen Anfang ab, von dem sie dann selbst schreibt: «Klar, da sagen Sie jetzt: Nein danke, das muss ich nicht lesen.» Ein weiser Ratschlag, den ZACKBUM aber (leider) in den Wind geschlagen hat. Seither ist unserem Sprachgefühl sterbenselend, müssen wir viele Körpertreffer verarzten, die uns die Lektüre zugefügt hat.

Der Leser halte seine Erste-Hilfe-Apotheke parat und stürze sich ins Gemetzel:

«Randbemerkung: Je mehr die Autorin ihre Figuren leiden lässt, umso leichtfüssiger liest es sich. Schön! … Das berühmteste Ohr der Geschichte wird in «Die Entflammten» bereits auf Seite 42 abgeschnitten … Jo heiratet einen Mann und bekommt zwei dafür … Während Jo noch einmal heiratet, ihr der zweite Mann ebenfalls davonstirbt, ein loser Liebhaber die Lücke füllt, kümmert sie sich darum … Jo, die im Alter – «ihre blossen Arme gleichen welken Blumenstielen» – weniger von Männern wissen will … Es macht übrigens nicht glücklich, die Fiktion arg faktenzuchecken. Aber das Personal und deren Lebensdaten stimmen mit der Wirklichkeit überein … Jo erscheint Gina öfter, die Leben der Frauen zwischen Kunst und Familie verschwimmen zunehmend ins Luzide … «Meine Seele weinte so sehr, dass ihre Tränen fruchtbares Ackerland wegschwemmten, Bäume entwurzelten und eine überflutete Welt zurückliessen», das ist melodramatisch, aber nicht bemüht altertümlich …»

Atmet noch jemand hier? Nun, dann nehmt das: «Der gewisse meiersche Schalk, den man in den vorherigen Büchern, aber auch in ihren journalistischen Texten antrifft, funktioniert auch in dieser Geschichte um 1900. «Der Sarg und ich setzten uns in den Zug nach Paris, nicht nebeneinander natürlich», man stellt es sich trotzdem vor und muss lachen.» Der Sarg setzt sich in den Zug? Darüber muss man lachen? Nicht über die sprachliche Unfähigkeit von Meier?

Aber wer all das vertragen hat, muss sich spätestens hier mit Grausen abwenden; wir verabschieden uns zuvor von den ganz, ganz unerschrockenen ZACKBUM-Lesern (und hoffen, sie morgen erholt wieder begrüssen zu dürfen). Aber zunächst dieser Versuch, widerwärtig und abstossend zu steigern:

«Ihr gegenüber eine Frau, die auf der abgestorbenen Zunge kaut, die Augenlider vom Eiter aufgelöst. Und dann «greift Ninette mit den Fingern in ihren Schädel hinein und streckt Jo einen Klumpen ihres Gehirns entgegen, das unter der Krankheit zu einer sülzeartigen Masse geworden ist, erst verflüssigt, dann wieder eingedickt» und schlürft genüsslich das eigene Hirn. Das ist so gruselig wie medizinhistorisch und sozialgeschichtlich interessant.»

Man reiche zunächst das Riechsalz, anschliessend den Kotzbeutel.

Kultur im Keller

Tamedia hat nachgelegt. Eine Würdigung von Jon Fosse …

Manchmal nutzt es doch, wenn ZACKBUM meckert. Inzwischen hat das Heim der hochstehenden Qualitätsmedien in Sachen Literaturnobelpreis nachgelegt. Statt der nicht gezeichneten Klebaktion wird nun Mensch und Werk angehimmelt.

Wunderbar. Ist die Leiterin (was leitet sie eigentlich?) der Literaturredaktion (was für eine Redaktion?) Nora Zukker aufgewacht, backt nicht mehr Kuchen, sondern tut ihre Pflicht?

Das wäre zu viel verlangt. Ein Felix Stephan greift für Tamedia in die Tasten. Stephan who? Na, der Autor der «Süddeutschen Zeitung» natürlich.

Auch er kämpft etwas unglücklich mit den Worten und beginnt merkwürdig: «In Jon Fosses siebenteiliger, aus einem einzigen Satz bestehender Romanreihe «Der andere Name» gibt es eine Szene …» Aber dann schwingt sich Stephan in den Olymp des Geschwurbels auf. Da muss nun der Leser durch:

« … den Bereich der monastischen Innerlichkeit, das transzendente Zwiegespräch mit dem Allumfassenden verlassen … Mit dieser Szene, einer kunsttheoretischen Mise-en-abyme, ist auch die Ästhetik des norwegischen Romanschriftstellers … Die Versuchung ist gross, die Heptalogie «Der andere Name» autobiografisch zu lesen … Neben Jacques Derrida ist Fosse vor allem von dem mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart beeinflusst … Diese Selbstverdopplung und die Erfahrung, in zwei Dimensionen gleichzeitig präsent zu sein, ist in seiner Heptalogie konstitutiv … Gilles Deleuze und Félix Guattari haben in ihrem berühmten Aufsatz über Kafka den «kleinen Literaturen» eine revolutionäre Kraft zugeschrieben …»

Etwa verstanden? ZACKBUM musste auch Heptalogie nachschlagen, das ist ein banaler Siebenteiler. «Miss-en-abyme» muss man nicht kennen, man kann auch schlicht Bild-im-Bild sagen, aber das hört sich natürlich nicht so geschwollen an. Dann noch etwas abgelegene französische Philosophen wie Derrida oder Deleuze, wobei ZACKBUM sich wundert, dass Foucault und Althusser fehlen.

Zuerst liebloses Geschwätz, dann selbstverliebtes Geschwafel. Und wo ist Zukker? Wo bleibt die «Literaturredaktion» von Tamedia? Die ist wohl dorthin verschwunden, wo sich das «Kultur-Team» schon seit Monaten aufhält: im Abyme, im Abgrund.

Bis zu 759 Franken im Jahr für Schrott, für copy/paste aus der «Süddeutschen», für selbstverliebte Nabelschau von Kommentatoren, die keiner liest oder die gar nicht mehr schreiben? Für ein Organ, in dem «Persönlichkeitsschutz» jede Auskunft über die Befindlichkeit von gross angekündigten neuen Kolumnisten verbietet? Für ein Blatt, das unter weiblicher Leitung immer mehr vor die Hunde geht?

Das von einem inkompetenten Big Boss zum Skelett runtergespart wird, während sich der Coninx-Clan eine Sonderdividende gönnt? Wo Corona-Kreischen, SVP-Basher, Genderstern-Heros mit  ihren Hobbys die Leser quälen dürfen? Wo Digital-Chefs lauwarme Luft ausstossen? Wo «Digital Storytelling» gepflegt werden soll, davon aber nix zu sehen ist? Wo die verbleibenden Redakteure so zusammengepfercht werden, dass der Tierschutz schon längst auf der Matte stünde, wenn es sich um Nutzvieh handelte?

Da bleibt nur noch die Flucht in den «Bereich der monastischen Innerlichkeit», was immer das sein mag.

Wo ist Zukker?

Schon wieder eine Frage des Persönlichkeitsschutzes?

Einmal im Jahr greift so ziemlich jeder Literaturchef jedes Mediums in die Tasten. Nämlich dann, wenn der Literaturnobelpreis vergeben wird.

Dieses Jahr trifft es den nicht wirklich überragend bekannten Jon Fosse aus Norwegen. Nun gut, es gab schon Schlimmeres. Oder wer kennt schon Annie Ernaux, Abdulrazak Gurnah oder Mo Yan? Und wer hat schon verstanden, wieso Bob Dylan den Preis bekam – und nicht mal persönlich abholte?

Wie auch immer, Fosse ist nun nicht so abgelegen, dass der Literaturchef zuerst mal googeln müsste, bevor er zu einer Lobpreisung (oder Kritik) ansetzt. Das gilt auch für Literaturchefinnen.

Nun ist es aber so, dass der Bildungsrucksack von Nora Zukker von Tamedia nicht gerade randvoll gefüllt ist. Sie umgibt sich lieber mit Schwachmaten oder Tieffliegerinnen wie Simone MeierJuden canceln»). Oder findet Kim toll.

Nun ist es aber so, dass der Artikel im Reiche der Qualitätsmedien aus dem Hause Tamedia nicht mal gezeichnet ist, der eher lustlos den neuen Nobelpreisträger vermeldet, auf vergangene zurückblickt und überhaupt zusammenkehrt, was man nicht unbedingt wissen will. Zu vermuten steht, dass er aus Tickermeldungen zusammengeklebt wurde.

Drangeklebt ist noch eine etwas aufdringliche persönliche Betrachtung von Alexandra Kedves: «Als ich Fosse damals zur Offenheit der Besetzung in dem formal radikal verdichteten Zweistimmenstück befragte, lächelte er kurz und sagte …»

Formal radikal verdichtet, hm, kann der Kenner abschmecken, riecht allerdings etwas nach verhoben, verkrampft, verschweisselt, pseudo. Aber immerhin, Kedves kennt den Genobelten, wunderbar. Und hat sogar mal ein Stück von ihm gesehen, noch wunderbarer.

Aber: wo ist Zukker? Schliesslich fragt sie auf ihrer Webseite: «Sie suchen eine Kulturvermittlerin, Moderatorin, Journalistin?» Und führt unter «Referenzen» an: «Tamedia: Nora Zukker übernimmt die Leitung der Literaturredaktion». Genau das suchen wir gerade, finden aber nichts.

Gut, sie fragt auch noch, ob man ihr «einfach so was Nettes schreiben» wolle. Ja, will ZACKBUM: Nora, wo sind Sie? Wurden Sie ein Opfer von Sparmassnahmen? Wurden Sie doch von einem schweren Buch erschlagen, das Sie im Bett lesen wollten? Ging das Internet nicht, also konnten Sie nicht nachschlagen, wer Fosse eigentlich ist und was der geschrieben hat?

Wir trauen uns nun nicht, die Medienstelle von Tamedia zu fragen. Nein. Denn wir befürchten, dass man uns aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes auch über Ihren Verbleib keine Auskunft erteilen wird. Was uns natürlich zur Frage führt: oder hüllen Sie sich zusammen mit Kim, dem Könner, in einem Schutzraum in Watte ein? Trösten Sie ihn nach einem neuerlichen Eier-Attentat?

Wir wissen es nicht. Wir werden es vielleicht auch nie erfahren. So rätselhaft kann eben Literatur sein. Schliesslich titelt in Ihrer Abwesenheit der Tagi, Fosse gebe «dem Unsagbaren eine Stimme». Was immer das bedeuten mag – ausser, dass es eine unsägliche Flachheit ist. Aber, wer weiss, vielleicht versagt Ihre Stimme vor dem Unsagbaren? Oder verstimmt Sie das Sagbare? Sagen, stimmen, schweigen, kritzelte so etwas Ähnliches nicht Kurt Tucholsky in sein Tagebuch? Wer das war? Ach, lassen wir das alles am besten.

 

Vermisst: die Kultur bei Tamedia

Sag mir, wo ist sie gebliehiben?

Immerhin 7 Fachkräfte umfasst das «Team Kultur» im Abfall-, Pardon, Sammelgefäss «Leben». Da gibt es auch das «Team Gesellschaft», dem auch wieder der eigentlich gefeuerte Jean-Martin Büttner angehört. Offenbar hat er sich die Rückkehr durch unerschrockene Peino-Artikel erschrieben.

Darüber thronen zwei Co-Leiter, ein «Content-Manager», ein Autor und eine Lisa Füllemann einfach so. Nochmals darüber gibt es die «Chefredaktion Tages-Anzeiger» (4 Nasen) und die «Redaktionelle Steuerung» (13 Nasen), wobei es teilweise zu Funktionsüberschneidungen kommt. So ist Kerstin Hasse hier in der «Tagesleitung», gleichzeitig aber auch in der Chefredaktion. An beiden Orten bleibt sie, nun, eher unauffällig

Aber was schafft denn diese geballte Kompetenz mit gewaltiger Führungscrew in Sachen Kultur; nicht ganz unwichtig für ein sogenanntes Qualitätsmedium mit unzähligen Kopfblättern? Nehmen wir die «Literaturchefin» Nora Zukker. Deren Ausstoss im letzten Monat bestand aus vier Wortmeldungen. Vielleicht will sie sich damit für eine Mitarbeit bei der «Republik» bewerben. Und bei genauerer Betrachtung waren das ein Sammel-Buchtipp (darunter Kim de l’Horizon, Claudia Schumacher und Martin Suter, also untere Etage) mitsamt launigen Bemerkungen (Rezept für selbstgemachte Glace) und dem Ratschlag, nicht «1000 Seiten Hardcover auf dem Rücken liegend» zu lesen.

Der Rest waren Interviews, die billigste Art von Journalismus, ohne Aufwand, ohne nix. Oder nehmen wir Alexandra Kedves (Ladies first). Sie schaffte in einem Monat ein Interview mit einer «legendären Feministin», etwas zum Theater Spektakel in Zürich und ein Sprachquiz.

Ebenfalls auf drei Werke brachte es Christoph Heim. Caspar David Friedrich in Winterthur, Käthe Kollwitz in Zürich und Fotografien aus Südafrika. Ein abendfüllendes Programm. Richtig im Schreibstau steckte Martin Ebel, ein einziges Werk in einem Monat.

Kein Wunder, muss man auf der Homepage weit, sehr weit nach unten scrollen, bis nach den Blogs endlich die Kultur kommt. Und was für eine:

Das ist durchaus repräsentativ. Der ewig laufende «News-Ticker Kultur», das Abfall-, Pardon, Sammelgefäss für alle Arten von Tickermeldungen. Die «besten Bücher des Monats» August verweilen hier bis zum allerletzten Tag des Monats. Dann noch «Unsere Streaming-Tipps im August» und schliesslich noch der lustige Leserwettbewerb «Stimmen Sie ab».

Mit Verlaub, das ist kein Kulturteil, das ist Leserverarsche. Immerhin traut sich Tamedia schon lange nicht mehr, das Ganze «Feuilleton» zu nennen. Das hier ist aber einfach erbärmlich. Hier gibt es gewaltiges Sparpotenzial nicht nur bei Andreas Tobler, der eigentlich nie in Kulturellem unterwegs ist, sondern die Bührle-Sammlung, die Band Rammstein und die ganze Welt mit seinen Ratschlägen, Forderungen und unqualifizierten Kommentaren belästigt.

7 Fachkräfte, die kosten im Monat mit allem Drum und Dran und Spesen und überhaupt so um die 100’000 Franken. Um auch hier fast alles von der «Süddeutschen Zeitung» zu übernehmen, bräuchte es eigentlich höchstens eine Fachkraft, die ß in ss verwandelt, ein paar Germanismen durch Helvetizismen ersetzt und gelegentlich mal ein Interview macht.

Der Qualität täte das keinen Abbruch, im Gegenteil. Umso schneller Nicht-Literaten, Möchtegerns, Eintagsfliegen und kampffeministische Autoren wieder verschwinden, desto grösser die Chance, dass bei Tamedia wieder so etwas wie ein Kulturteil wahrgenommen wird.

 

Kennen Sie Jule?

Jule Stinkesocke? Nein? Müssten Sie auch nicht.

«Alles nur geklaut?» So titelt die «Süddeutsche Zeitung» einen Bericht über eine Bloggerin, die über ihr Leben als querschnittsgelähmte Ärztin in Hamburg berichtet. Oder auch nicht, denn es gibt viele Indizien, dass das ein Fake ist:

Gleich zwei Autorinnen der SZ mäandern sich durch diese sehr deutsche Geschichte. Denn der Blog erregte im Norden Aufmerksamkeit, wurde schon 2012 zum «besten deutschsprachigen Blog» gewählt, in einer Abstimmung der «Deutschen Welle».

Nun scheint aber das Profilbild von einer australischen Pornodarstellerin zu stammen und die querschnittsgelähmte Ärztin gar nicht zu existieren. Auf jeden Fall sind Blog und Twitter-Account offline. Das ist natürlich für Deutsche in Deutschland, vor allem für Hamburger in Hamburg, eine Story. Falls die Leser nicht wegschnarchen bei der «Republik»-Länge des Artikels von über 11’000 Anschlägen.

Nun ist diese Story schon für München etwas sehr weit im Norden angesiedelt. Na und, sagt sich da der Qualitätskonzern Tamedia mit seinen Qualitätstiteln:

Anderer, schlechterer Titel, anderer, schlechterer Lead, der Rest ist nur geklaut. Also übernommen, wie man das vornehmer ausdrückt, wenn man dafür bezahlt, Artikel von der SZ zu übernehmen, die nicht das Geringste mit der Schweiz oder Schweizer Lesern zu tun haben. Sei das ein ehemaliger Münchner Oberbürgermeister, der über sein Verhältnis zu Katzen schreibt, sei das eine Unternehmerwitwe aus Nördlingen – oder sei das ein Fake-Profil einer norddeutschen Bloggerin.

Der Gipfel ist aber, dass Tamedia die Geschichte seinen Lesern nur hinter der Bezahlschranke serviert. Auch bei der SZ kommt man nicht gratis an ihn ran, aber mit einem «Probeabo Basis» für schlappe € 1.99 kann man ihn und alle weiteren Artikel der SZ vier Wochen lang lesen.

Bei Tamedia, also bei «Tages-Anzeiger», also für den «Tages-Anzeiger» kostet das «Basic Monatsabo» stolze 15 Franken. Allerdings ist bei Neuabschluss der erste Monat gratis. Eine weise Entscheidung, denn wer will ernsthaft für solchen Schrott etwas bezahlen? Für einen Stinkesockenartikel?

Apropos, eine Momentaufnahme der Homepage vom Tagi am 12. April 2023, nachmittags. Aufmacher oben links: «Wie Panzer an die Front kommen», hinter Aboschranke. Übernommen von der SZ. Daneben «Kommentar zu US-Geheimdienst-Leak», übernommen von der SZ. «Italien verschwindet», übernommen von der SZ. «Promo für neuen Roman», NICHT von der SZ übernommen. Aber von Nora Zukker.

«Deutschland will Besitz und Anbau von Cannabis erlauben», NICHT von der SZ übernommen. Dafür von der SDA. «Myanmars Militär mit tödlicher Attacke», SDA. «Nach Trump-Anklage», NEIN, nicht SZ, auch nicht SDA. Sondern AFP.

«Wo sind die Milliarden der russischen Zentralbank?», wieder SZ. «Peking fürchtet sich vor künstlicher Intelligenz», AFP.  Und so weiter, und so fort.

Preisfrage: Will die Tx Group, Pardon, Tamedia, Pardon, «Tages-Anzeiger» mit angeflanschten Kopfblättern, will der Konzern mit diesem Angebot Leser gewinnen oder verjagen? Leser dazu animieren, Geld in die Hand zu nehmen oder Leser dazu motivieren, das Abo zu kündigen? Nur so als Hinweis zuhanden von Pietro Supino. Oder vielleicht möchte Raphaela Birrer darüber nachdenken. Das wäre aber sinnlos.

Sprachverbrechen

Nora Zukker rezensiert ein Buch. Hilfe.

«Ein Wurf von einem Buch», behauptet die Literaturchefin von Tamedia. Aber eigentlich sollte man aufhören, über diesen Wurf zu lesen, wenn man zu diesem Satz kommt: «Aber die Unterhose schlägt Alarm

Hä? Will man sich das vorstellen? Will man nicht. Oder wie die Autorin Sarah Elena Müller formuliert: «Man wird nie dazu gedrängt, etwas realisieren zu müssen.» Hä?

Es gehe anscheinend um Kindsmissbrauch. «Spät, zu spät, als ihn die Mutter der inzwischen jungen Frau fragt, was er mit ihrer Tochter über die letzten zehn Jahre gemacht habe, sagt Ege nur: «Je nachdem. Je nach Lust und Laune.» Aber: «Tempi passati.» Damit schliesst er jeden Gedanken», stolpert Zukker durch eine Art Inhaltsangabe.

Falls der Leser das einigermassen verstehen sollte, weiss Zukker sofort wieder Abhilfe: «Während eines Lehrauftrags in Berlin hatte ihm eine Studentin einen Sohn abgenötigt.» Abgenötigt? Hä? Und was macht denn nun dieser Sohn, wo es doch scheint’s um den Missbrauch eines Mädchens aus der Nachbarschaft geht?

Aber weiter im Geholper: «Was Ege tut, ist sein Lebenswerk. Auch wenn die Videos nie jemand anschaut, muss er seine Kunst mit Kinderkörpern vollenden.» Hä?

Der Leser hangelt sich verzweifelt zum nächsten Hä: «Wenn der Täter aber erbärmlich wirke, sei das eine implizite Form der Vergeltung, dass ihm dasselbe geschehe wie den Opfern: dem eigenen Erinnern nicht mehr zu trauen.» Eben, hä?

Dann endet Zukker mit einer echten Drohung: «Sarah Elena Müller leuchtet den toten Winkel aus. Dort, wo man vermeintlich nicht hinsehen kann. «Es wird ständig exzessiv ausgewichen», sagt die Autorin über alle Figuren im Roman. Diesem Debüt darf hingegen nicht ausgewichen werden. «Bild ohne Mädchen» gehört auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2023

Nun ja, das Schlimmste muss befürchtet werden, wenn man an den aktuellen Buchpreisträger denkt. Da will man vermeintlich gar nicht hinsehen. Wobei man sich gleichzeitig fragt, wie das funktionieren soll. Oder einfach: hä?

Mal wieder im Ernst, lieber Tagi: es gäbe doch durchaus so viele interessante, gut geschrieben Bücher zu rezensieren. Auf eine Art und Weise, dass der Leser sowohl das Buch wie die Rezension versteht. Ist das wirklich zu viel verlangt?

Treffen zweier Taucher

Nora Zukker und Lukas Bärfuss. Gibt es eine Steigerung des literarischen Grauens?

Schwurbel Time. Der Literaten-Imitator Lukas Bärfuss, nur echt mit grimmigem Blick, hat ein Büchlein geschrieben. 96 Seiten für satte 27 Franken. Schon das ist eine Frechheit.

Der Inhalt dreht sich unter anderem um Müll und ist Müll. Ungeordnetes Flachdenken mit Attitüde. Aber für das Feuilleton ist der Büchner-Preisträger immer wieder neu Anlass für Wallungen. So wallt die «Süddeutsche Zeitung»:

«Über solche Widersprüche hinweg spannt Bärfuss seinen essayistischen Bogen von der Genesis bis zur Gegenwart, um dann aus seinen Befunden konkrete Handlungsvorschläge abzuleiten, die der Verantwortung für das Erbe künftiger Generationen Rechnung tragen.»

Nix verstanden? Macht nix, das ist ein gutes Zeichen geistiger Gesundheit. Kann man das Geschwiemel und Geschwurbel noch steigern? Schwierig, aber nicht unmöglich. Tamedia wirft dazu seine Literaturchefin in die Schlacht. Nora Zukker gelingt es mühelos, die SZ im Tieftauchen in flachem Geplätscher zu unterbieten.

Wir betrachten nun zwei Leserverarscher beim vergeblichen Ausloten der Tiefen und Untiefen des Flachsinns.

«Wir vererben vor allem Abfall», lässt sich der literarische Zwergriese im Titel vernehmen. Eine schöne Selbsterkenntnis, aber natürlich versteht Bärfuss das als Gesellschaftskritik. Denn dafür erklärt er sich ungefragt zuständig. Er ist der Mahner und Warner mit den kritisch zusammengekniffenen Augen.

Er verkörpert das, was bei Salonlinken sonst auf dem gepützelten Glastisch vor dem Sofa liegt. Bibliophile Bände mit voluminösem Nichts drin, Gedankenabfall, Ornamente als Verbrechen, aber wer Alfred Loos war, das weiss hier keiner.

Zurück zum Interview, wo es auf dumme Fragen dümmliche Antworten setzt. Zum Beispiel:

«Ihr neues Buch heisst zwar «Vaters Kiste», er spielt aber nur am Rande eine Rolle. Warum? – Weil ich nichts über ihn weiss.»

Immerhin, man kann diese Einleitung auch so verstehen: lieber Leser, sei gewarnt. Wenn dich das nicht abschreckt und du weiterliest, dann lass jede Hoffnung fahren. Aber das wäre ja Dante, also zurück in die flachen Gewässer.

Wobei, Bärfuss beschäftigt sich schon mit fundamentalen Fragen, spannt eben einen Bogen, wie die SZ weiss und ihm Zukker entlockt: «Die Familie ist wahlweise eine soziale, biologische Gruppe, deren Rollen unterschiedlich definiert werden.» Der Schriftsteller ist wahlweise ein überflüssiger, durchaus biologischer Teilnehmer an einer Gruppe, dessen Rollen unterschiedlich definiert werden. Nix verstehen? Macht nix.

Aber Zukker hätte da noch eine Frage: «Ihre radikale Forderung lautet, dass wir das ererbte Privatvermögen in Gemeingut überführen. Warum? – Ist es nicht seltsam, dass wir zwar das Privateigentum kennen, aber nicht den Privatmüll

Ist es nicht seltsam, dass wir nicht nur den Privatmüll kennen, sondern ihn auch kostenpflichtig entsorgen müssen? Allerdings kann das nicht jeder in Form eines gebogenen Essays oder geschwurbelten Interviews tun.

Bärfuss ist mit dem Stochern in Müll noch nicht am Ende seiner Weisheit angelangt: «Abfall ist ein klassischer Fall von herrenlosem Gut und stellt das Gesetz immer wieder vor Schwierigkeiten

Bevor hier das Gesetz kapituliert, eilt ihm der Dichter zu Hilfe: «Die Lösung, den Müll einfach an die Strasse zu stellen oder als CO2 in der Atmosphäre zu entsorgen, müssen wir hinterfragen.»

Hinterfragen ist immer gut, wenn man nicht weiss, was vorne und hinten ist und nach unten noch etwas Luft. Aber eigentlich noch schlimmer als der Abfall ist etwas anderes: «Der sogenannte Markt ist ein Problem, ein anderes sind die Waren, die gehandelt werden

Also der Markt, der sogenannte, dient doch eigentlich dem Handeln von Waren, womit aber laut dem Flachdenker zwei Probleme aufeinanderprallen. Besonders problematisch ist für Bärfuss die Handelsware Öl, auf dem sogenannten Markt, da wagt er einen weiten Blick in die Zukunft: «Das Öl ist Segen und Fluch unserer Zeit. Wir leben in der Ölzeit. Sie wird nur kurz dauern.»

Nach diesem Ausflug in die Öl- und Essigzeit geht’s im wilden Ritt wieder zurück zur Familie, zum Erben. Auch da weiss Bärfuss mehr als andere: «Es gibt kein geistiges Erbe, das wir übernehmen müssen. Wir entscheiden selbst, in welche Tradition wir uns stellen

Sagen wir so: nur weil Bärfuss keine Ahnung von literarischem Erbe hat, nicht einmal die deutsche Sprache rumpelfrei beherrscht, muss das nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Nun kommt aber ein Bogen, bei dem es Ikarus nicht nur das Wachs, sondern sämtliche Federn verbrennen würde: «Befreiung ist zuerst Befreiung von der Herkunft. Befreiung bedeutet, über die eigene Zugehörigkeit zu entscheiden. Das Geburtsrecht anzunehmen oder auszuschlagen, seine Geburtspflicht zu verweigern. Nichts anderes bedeutet Mündigkeit. Ab 18 Jahren liegt es an ihnen, über ihre Herkunft zu entscheiden. Wenn Herkunft als unabänderlich gilt, wird es gefährlich.» Nichts verstehen? Macht nichts, dunkel und raunend muss das Dichterwort sein, damit das moderne Feuilleton ins Schwärmen gerät und die einzig sinnvolle Frage zu stellen vergisst: was soll dieses hohle Geschwätz?

Stattdessen fragt Zukker, wahrscheinlich, während sie die nächste Flasche Prosecco öffnet: «Inwiefern gefährlich?  – Weil es Menschen reduziert, die Möglichkeiten beschränkt, die Freiheit beschneidet und verhindert, dass Menschen für ihr Handeln Verantwortung übernehmen.» Nichts verstehen? Macht nichts, oder sagten wir das schon.

Zum Schluss muss noch Max Frisch dran glauben, der sich nicht mehr wehren kann und das wirklich nicht verdient hat: «Was ist eigentlich Ihre Mission? Sie werden gern als Nachfolger von Max Frisch verstanden. Lukas Bärfuss, der die Schweiz aufklärt.»

Da wird der grosse Mahner und Warner, der Beschimpfer der Schweiz, der Kritiker eines chemischen Industriellen, der schon während Corona die Gesellschaft aus Profitgier auseinanderfliegen sah, während sich die Toten auf den Strassen stapelten, ganz bescheiden: «Ich bin Schriftsteller, ich habe keine Mission. Frisch habe ich spät gelesen. In meiner literarischen Herkunft spielt er eine kleine Rolle

Eben, es gebe ja kein geistiges Erbe, das wir übernehmen müssten, behauptet Bärfuss. Dass dann aber Wüste im Oberstübchen staubt, das führt er zusammen mit Zukker exemplarisch beim gemeinsamen Sändele vor.

SonntagsZeitung am Abgrund

Die aktuelle Ausgabe hat gute Chancen, als schlechteste aller Zeiten in die Geschichte einzugehen.

Es fängt schwach an, um dann stark nachzulassen:

Das sind die Schlagzeilen, auf die die Schweiz am Sonntag gewartet hat. Rösti ist der chancenreichste Kandidat für die Nachfolge von Ueli Maurer? Ein Primeur. Ein Brüller. Der Oberhammer. Damit war die SoZ sicherlich an vielen Orten ausverkauft.

Weil sich damit aber die nächsten zwei Seiten doch nicht restlos füllen lassen, werden dennoch die weiteren Kandidaten einem «Check» unterzogen. Ganze drei SVPler zieht das Blatt aus dem Hut, deren Wahlchancen: «mittel» bis «eher tief». Deren Eignung als Bundesrat: «genügend bis gut», «knapp genügend», «ungenügend». Aber schön, hatte es neben einem aussagelosen Riesenfoto auf der Seite noch Platz für diese wertvollen Informationen.

Dann eine Story über die Fraumünster-Posträuber (gähn) und ihre möglichen Verbindungen zur Mafia (doppelgähn). Eine Chance für Anwalt Valentin Landmann (nur noch gähn), etwas zur Verteidigung seines Mandanten zu sagen (schnarch).

Nachdem die NZZ den Publikumsschwund im Zürcher Schauspielhaus thematisierte und dafür ein zuschauerfeindliches Woke-Theater mit Verballhornungen von klassischen Theaterstücken verantwortlich machte, reicht die SoZ noch Mobbing-Vorwürfe nach. Abgeschrieben aus «Theater heute», wo ein Festangestellter über ein namentlich nicht genanntes Theater abblästert. Na ja.

Ein weiterer Höhepunkt als Tiefpunkt folgt auf Seite 15. Aufmacher: die Explosion auf der Verbindungsbrücke zur Krim. Mangels neuer Erkenntnisse ein Gähn-Stück. Aber nicht nur das. Der Autor Sebastian Gierke verdient sein Brot bei der «Süddeutschen Zeitung». SoZ-Eigenleistung: null. Daneben eine Meldung über das AKW in Saporischschja. Von der Agentur AFP. Eigenleistung null. Darunter eine Meldung über den Stillstand bei der Deutschen Bahn. Von der Agentur SDA. Eigenleistung null. Und dafür Geld verlangen?

«Endlich perfekt sehen auf nah und fern», verkündet ein redaktionell aufgemachter Artikel auf Seite 17. Nur: Das ist ein «Paid Post», ein «Commercial Publishing», zur Erlärung: «Commercial Publishing ist die Unit für Content Marketing». Für unsere reader, die des Englischen nicht so mächtig sind, you know: das ist ein bezahltes Inserat, das mit Hilfe von Tamedia möglichst ähnlich wie ein redaktioneller Artikel daherkommt.

Seite 17 beinhaltet eine echte Eigenleistung. Also die billigste Form des Journalismus: ein Interview. Mit «Christo Grotzev, Chefermittler von Bellincat». Nichts gegen dessen persönlichen Mut und seine investigativen Fähigkeiten. Aber kann er wirklich auch in die Zukunft schauen: «Wenn es so weitergeht, wird Putin innert eines Jahres stürzen». Wir merken mal den 9. Oktober 2023 vor …

Der Marianengraben im Pazifischen Ozean gilt mit knapp 12’000 Meter unter Meeresspiegel als tiefster Punkt der Erdoberfläche. Er wird neu konkurrenziert von Seite 20 der SoZ. «Keine Angst vor dem Älterwerden». Unter diesem Titel wird das Buch «Jetzt erst recht. Älterwerden für Anfängerinnen 2.0» rezensiert. Verfasserin ist die Tamedia-Redaktorin Silvia Aeschbacher. Lead: «Lebenshilfe. Sechs Jahre nach ihrem Bestseller «Älterwerden für Anfängerinnen» zeigt unsere Autorin in ihrem neuen Buch …»

Es ist inzwischen leider nicht unüblich, dass Bücher von Redaktoren im eigenen Blatt – überraschungsfrei wohlwollend – rezensiert werden. Hier allerdings wurde das in einer Art tiefergelegt, die den Marianengraben als seichte Pfütze erscheinen lässt. Denn die Rezensentin des Buchs von Aeschbacher ist – Aeschbacher selbst. Die schreibt dann über ihr Buch, also über sich selbst: «Ich selbst empfinde meinen Alltag nicht mehr wie früher ..

Sie schreibt aber nicht über Schamgrenzen, Peinlichkeiten, über Lächerlichkeit und den Versuch, jeden Anspruch auf ernsthafte Leserunterhaltung oder -belehrung aufzugeben. Da ihr selbst (und auch niemandem sonst in diesem Qualitätsmedium) auffällt, wie schräg, schreiend unkomisch als Leserverarschung das daherkommt, bleibt nur noch Fremdschämen. Redaktoren schreiben über sich selbst, ihren Bauchnabel, ihre Befindlichkeiten, ihre persönlichen Ergebnisse, ihre Haustiere, ihre Leseerlebnisse, ihre Filmeindrücke, ihre liebsten Kochrezepte und Lokale. Jetzt auch noch über ihre eigenen Bücher? Gut, wenn die Literaturchefin Nora Zukker heisst, ist das vielleicht besser so. Aber gut ist’s nicht.

Das alles ist so grottenschlecht, dass wir als kleinen Lichtblick «Die andere Sicht von Peter Schneider» zeigen müssen; immerhin lustig:

Als wäre das der SoZ auch unangenehm aufgefallen, will dieser Lichtblick von einem Gemäkel der sonst nicht schlechten Bettina Weber ergänzt: «Der Fluch der weissen Turnschuhe». Eher der Fluch: mir ist auch gar nichts eingefallen, aber ich bin dran. Nebendran führt Historiker Markus Somm seine historischen Kenntnisse spazieren, womit Schneider genügend eingenordet wäre.

ZACKBUM hat schon öfter bemängelt, dass einem auch inhaltlich immer dünnerem Textanteil immer grössere und meist aussagelose Fotos beigestellt werden. Aber das hier schlägt alles bislang Dagewesene:

Das Foto der Fairtrade-Chefin füllt Vierfünftel der Seite aus, daneben bleibt nur noch Platz für eine Textspalte. Wurde hier ein Artikel aufgeblasen, musste eine Doppelseite gefüllt werden? Jammert die SoZ nicht sonst über schrumpfende Umfänge? Ist auch das peinlich.

Schliesslich rezensiert im Gesellschaft-Bund Michèle Binswanger ihr eigenes Buch über die Zuger Spiess-Hegglin-Affäre. Wir erfahren endlich, was sich in der Captain’s Lounge wirklich abspielte, als die beiden Politiker in den dunklen Raum taumelten, um …

Nein, Scherz, sie rezensiert das neuste Buch von Richard David Precht. Der einstige Medienliebling wird in Deutschland in der Luft zerrissen, weil er zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer zunehmendes Blasendenken und Gesinnungsterror in den Mainstream-Medien kritisiert.

Immerhin mit der nötigen Distanz, die man hat, wenn man das Buch nicht selbst geschrieben hat …

Bis in kleine Details macht sich die SoZ lächerlich. So preist sie die «kniehohen Gummistiefel des dänischen It-Labels Ganni» an. Die Gummierten sorgten für trockene Füsse, allerdings auch für feuchte Augen, wenn man den Preis hört, den die SoZ wohlweislich verschweigt: 270 Franken für ein wenig Gummi. Will man’s aus Leder (und noch hässlicher), dann ist man mit 420 Franken dabei.

Wir wollen, wir müssen noch das TV-Programm lobend erwähnen. Ein Lichtblick in der SoZ von konzisem, genauem und informativem Journalismus.

 

Wer erträgt den Zweifel?

Zeichen und Wunder. Schwarzweiss kriegt Grautöne.

Richtig bunt und somit wirklichkeitsnah ist die Berichterstattung über den Ukrainekrieg noch nicht. Aber es gibt ein Heilmittel gegen Schwarzweiss, gegen das ewige Durch-die-Mühle-Drehen der gleichen Narrative. Die Autoren könnten noch wochenlang, aber das Publikum ermüdet langsam. Und wundert sich ab und an, wieso eine fast siegreiche ukrainische Armee immer mehr in die Defensive gerät.

So wie es sich wunderte, dass der Rubel nicht senkrecht in die Grube fuhr, sondern mit 40 Prozent Aufwertung gegenüber dem US-Dollar wieder Vorkriegsstände erreicht hat.

Also lässt auch der eine oder andere Journalist (ausser, er heisst Münger) etwas zu, was er sich ganz lange nicht traute: den Zweifel. Denn eine Fehleinschätzung aufgrund ungenügender Faktenlage oder wegen einer ideologischen Gesinnungsbrille, das ist das eine. Aber wenn der Spalt zwischen Rhetorik, Publizistik, veröffentlichter Meinung und Realität immer breiter wird, muss etwas geschehen.

Der erste Schritt zur Besserung besteht darin, nicht weiter wild Ratschläge zu geben, zu fordern, zu beschimpfen, der eigenen Regierung hinterherhöseln oder sie gar zu energischem Handeln zu drängen. Waffen her, möglichst schweres Gerät, so schaffen wir Putin, dröhnte es noch unlängst aus vielen Löchern, in die die Sonne der Erkenntnis nicht scheint.

Inzwischen beschleicht den einen oder anderen der Zweifel, ob das nicht einfach den Krieg verlängern könnte, noch mehr Opfer unter Soldaten und Zivilbevölkerung fordern würde, noch mehr Schäden an der Infrastruktur anrichte.

Das ist keine kleine Leistung für clevere Mitglieder der Journaille, und längst nicht alle haben die Zeitenwende in der öffentlichen Meinung mitgekriegt. Zeitvergessen wie japanische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg reiten sie immer noch auf der Rosinante im fiktiven Schreibtäter-Feldzug gegen Putin.

All denen, und eigentlich auch allen anderen, sei ein wunderbares Gedicht von Bertolt Brecht (Nora Zukker, googeln!) gewidmet, so an einem nachdenklichen Sonntag:

Der Zweifler

Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

Die vielen Zweifellosen erreicht man damit nicht. Auch die Haltungsverbogenen nicht. Ebenso wenig die Einfachen im Geiste. Alle, die sich ernsthaft mit Genderfragen beschäftigen, fallen auch weg. Bauchnabelbeschauer und Erforscher der eigenen Befindlichkeit ebenfalls. Dann die vielen, die aus Unsicherheit zu Rechthabern geworden sind. Opportunisten, Konzernjournalisten, die ihre Haltung häufiger als die Unterhose wechseln: auch keine Chance. Bei Karrieristen gehen Zweifel gar nicht. Die alle abgezählt, da bleiben in der Schweiz noch, hm, also durchaus noch, hm, wie viele Journalisten übrig? Braucht man beide Hände zum Abzählen?

Schlechte Nachrichten für Israel

Denken Journalisten auch mal über den Tellerrand hinaus?

Wer nicht vorhersagte, dass die Ukraine den Eurovision Song Contest gewinnen wird, lebt auf einer Insel – oder ist Journalist. Welche Entschuldigung der «Komiker» Karpi und die «Literaturchefin Tamedia» Nora Zukker wohl für ihre selten peinlichen Kommentare haben? Karpi: «Und so geht die Schweiz heute ins Bett: enttäuscht ungeliebt, alleine.» Zukker (unter dem Pseudonym Zukki): «Schweden ist schwanger.»

Aber zu Wichtigem. Nach der vollständigen Pressezensur verbietet die Ukraine nun auch alle politischen Bewegungen, die Kontakte mit Russland haben sollen. Der ukrainische Aussenminister bekräftigte: «Es gibt nichts Schlechtes an einem Waffenstillstand, wenn er der erste Schritt hin zu einer Lösung wäre, wo das ukrainische Staatsgebiet befreit wird. Wir werden uns aber nicht damit abfinden, dass es eine Teil-Abtrennung von Territorium gibt.» Verhandlungen, Waffenstillstand? Aber Putin will doch angeblich nicht, die Ukraine schon.

Noch spannender: Beim Treffen der G7 in Deutschland wurde erklärt, dass man niemals mit Gewalt verschobene Grenzen anerkennen werde. Natürlich ist damit die Ukraine gemeint.

Es wäre aber eine interessante journalistische Frage, ob das auch für das NATO-Mitglied Türkei gilt, das Teile Syriens annektiert hat. Oder gar für Israel, das zurzeit im Zusammenhang mit der Ermordung einer palästinensischen Journalistin im (kleinen) Kreuzfeuer der Kritik steht. Laut Videoaufnahmen und Zeugenaussagen hatten israelische Scharfschützen eine deutlich gekennzeichnete Gruppe von Journalisten unter Feuer genommen; es gab mehrere Verwundete und eine Tote.

Zudem hat Israel seine Landesgrenzen auch nicht ganz friedlich erweitert. Schliesslich könnte der über seine Nasenspitze hinausschauende Journalist mal die Frage in den Raum stellen, wieso der vom Westen unterstützte, verbrecherische, seit Jahren andauernde und schon über 300’000 Tote verschuldende Stellvertreterkrieg im Jemen kein Thema der G7 ist. Dabei kann Saudi-Arabien diesen schmutzigen Krieg nur führen, weil es für Multimilliarden mit westlichen Rüstungsgütern beliefert wird.

Aber das sind wohl alles Fragen, die sich an Redaktionskonferenzen niemand zu stellen traut. Arbeitsplatzsicherung geht vor.