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Sag Ja zu Nein

Oder nein zu ja. Oder so. Oder Raphaela Birrer. Leserverarsche, Part IV und Schluss.

Es ist die Frage, ob es subversive Absicht ist, dass der Leitartikel der Oberchefredaktorin Birrer unter der Rubrik «Karikatur der Woche» erscheint.

Auf jeden Fall vollbringt sie das intellektuelle Wunder, etwas Unmögliches zu fordern. Nämlich ein vorsichtiges «Ja, aber» zu den EU-Verträgen.

Zunächst darf man sie an Matthäus 5,37 erinnern: «Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel.» Sagt immerhin Jesus.

Aber zurück ins irdische Jammertal, wo vom Tagi-Leser mal wieder Fremdschämen abgefordert wird. «Wegducken geht jetzt nicht mehr – mit dem Ende der Vernehmlassung zu den EU-Verträgen endet auch die Zeit des Lavierens.» Dabei fängt sie im Gegenteil jetzt erst richtig an.

Während «nur» die SVP dagegen sei, seien alle anderen grossen Parteien dafür. «Damit zeigen sie Realitätssinn», behauptet Birrer. Der gehe der SVP ab, impliziert sie.

Dann benützt sie ein Wort, dass schon von Ex-Bundeskanzlerin Merkel zu Schanden geritten wurde: «Die neuen Verträge sind insofern alternativlos». Sind sie natürlich nicht, denn selbstverständlich gibt es immer Handlungsalternativen.

Dann begibt sich Birrer ins weite Reich des Wünschens und Wollens: «Trotz dieser beachtlichen Erfolge bleiben erhebliche Mängel, die es jetzt in der Schweiz zu lösen gilt.» Welche Mängel sollen denn in der Schweiz gelöst werden, wenn es dazu das Einverständnis des Verhandlungspartners EU bräuchte?

Einen gravierenden Mangel sieht auch Birrer in der «zwingenden Rechtsübernahme», deren Ausbleiben mit «Sanktionen» beantwortet werden kann. Was tun?

«Deshalb ist es unerlässlich, dass die Schweiz sich wirkungsstark bereits in den EU-Gesetzgebungsprozess einbringt. In welcher Form dies geschehen soll, ist zum heutigen Zeitpunkt allerdings unklar.»

Die Schweiz soll sich «wirkungsstark» im Bürokratiemonster Brüssel, im dysfunktionalen EU-Parlament, in der jeglicher demokratischer Legitimation ermangelnden EU-Kommission einbringen? Deren Präsidentin an zwei Kandidaten vorbei von Mutti Merkel auf die Position gehievt wurde? Das ist mehr als «unklar», wie das gehen sollte.

Dann wagt sich Birrer aber doch ziemlich kühn in den Gegenwind aller EU-Anhänger: «Ein doppeltes Mehr aus Volk und Ständen an der Urne ist vor diesem Hintergrund zwingend.» Was sie dann wohl sagt, wenn das abgewürgt werden sollte?

Und am Schluss noch etwas Pfeifen im Wald: «Es ist der Schweiz zuzutrauen, dass sie mit ihrem präzisen demokratischen Räderwerk in den strittigen Fragen Lösungen findet – und das Paket damit mehrheitsfähig macht.»

Der Schweiz wäre es vielleicht zuzutrauen – wenn sie mit der Schweiz verhandeln würde. Aber im alles andere als präzisen und alles andere als demokratischen Räderwerk der EU?

Und letztlich, so ist das auch bei 2000-seitigen Vertragswerken, die angeblich ausverhandelt auf dem Tisch liegen: entweder sagt man Ja – oder man sagt Nein.

Das ist genauso wie bei intimen Begegnungen. Da ist ein Nein ein Nein. Und nur ein klares Ja ein Ja. Ein «Ja, aber» würde doch einwandfrei als Nein gewertet werden. Oder sieht das Frau Birrer anders?

 

Man prügelt nicht den Köppel zum Scherz

Denn dann gibt es eine Coverstory in der WeWo.

Roger Köppel ist in einem Alter (57), in dem man sich langsam Gedanken um Werte, Sinn, Liebe und Vergänglichkeit macht. Solange man die dem lieben Tagebuch anvertraut, ist das auch völlig okay. Leider ist Köppels Tagebuch öffentlich, also sorgte er mit einer Seite Liebesgedöns für Fremdschämen und musste hier unter die kalte Dusche gestellt werden.

Zusammen mit einigen Leidens- und Altersgenossen. Da Köppel immer gerne wider den Stachel löckt, konnte er sich diesen Satz nicht verkneifen: «Jede grosse Liebe beginnt mit einem Nein der Frau. Und nur der Mann, der die Kraft hat, durch den Todesstreifen seiner Verneinung zu marschieren, qualifiziert sich für das Glück, das die ersehnte Frau für ihn verkörpert.»

Mitten in der «Nur ja heisst ja» oder «nein ist nein»-Debatte darüber, was konsensualer Sex ist und was Vergewaltigung, wusste er natürlich genau, dass er damit einen Aufschrei in feministischen Kreisen und im Haltungsjournalismus provoziert.

Der dröhnte ihm dann offenbar doch so in den Ohren, dass er sich sagte: na warte. Und so sieht dann das Na-warte aus:

Für nicht so ganz bildungsbürgerlich Sattelfeste erklärt die WeWo im «Intern», was es mit diesem Gemälde über «Dante und Beatrice» so auf sich hat. Es ist bezeichnend für das verbiesterte Niveau der Debatte, dass seine bewusste Provokation mit dem Nein Geheule und Gebrüll auslöste, dabei aber kaum jemand sich über das gestelzte Geschwurbel in seinem Text lustig machte:

«… sich uneingeschränkt hingebend, eintaucht in einen warmen Ozean des Vertrauens, der totalen Innigkeit, wo die Grenzen zwischen Ich und Du verschwimmen, …, zweisam vereint, auch in der körperlichen Verfliessung, … dem Materiellen, Fleischlichen entrückten Glückseligkeit …»

Weil aber Köppel (meistens) cleverer als seine Gegner ist, benützt er nun die beste Waffe gegen fanatischen Kampffeminismus. Denn unabhängig vom Thema einigt Extremisten, Fanatiker und Gläubige eine Eigenschaft: sie sind völlig humorlos und spassfrei.

Also lässt Köppel die britische Bestseller-Autorin Kathy Lette einen humorvollen, witzigen, schalkhaften, spielerischen Essay schreiben:

Die Autorin, wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für Gleichberechtigung und Menschenrechte mit einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, kann leider nicht als Verräterin am eigenen Geschlecht denunziert werden, die dumme Männerfantasien bedient. Zudem beherrscht sie eine Kunst, die im deutschen Sprachraum selten, in der Schweiz nicht einmal in Spurenelementen vorhanden ist: das wie ein gepflegtes Salongespräch dahinplaudernde Essay, das nicht belehrt, nicht fuchtelt, sondern amüsant-intelligent unterhält.

Man kann sich dem Charme der Autorin schlecht entziehen:

«Also, was wollen Frauen? Nichts Besonderes: gute Brustmuskulatur, Doktortitel, Knackarsch, eine nichtsexistische Einstellung, gebräunte Haut, belesener Penis, die Fähigkeit, etwas mit mangetout zu machen, Krokodile im Ringkampf zu bezwingen, an einer echten Beziehung interessiert zu sein, aber auch an Sex, der einer Frau das Knochenmark schmelzen lässt – das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt von einem Milliardär.
Nein, eine Frau möchte einen Mann, der perfekt genug ist, um zu verstehen, warum sie es nicht ist. Sie möchte einen Mann, der wortgewandt ist. Oft hat sie das Gefühl, ihr Dünndarm sei mitteilungsfreudiger als ihr Lebenspartner. Wortspiele sind das beste Vorspiel. Nichts erregt eine Frau mehr als ein Mann mit einem pulsierenden Riesending – dem zwischen seinen Ohren.»

Es ist sozusagen ein Aufruf zur Entbiesterung und Entkrampfung der Debatte. In der Hoffnung publiziert, dass es uns in der Schweiz erspart bleibt, wie in Schweden vor dem Geschlechtsakt beiderseitig eine Einverständniserklärung unterzeichnen zu müssen.

Denn neben allem Spass und aller Tollerei gilt: wenn sich Kirche oder Staat zu sehr in intim Zwischenmenschliches einmischen, kommt das nie gut. Wenn Fanatikerinnen das fordern, muss ihnen mit allen (erlaubten) Mitteln entgegengetreten werden.