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Wau! Der neue nau-Skandal

Ist eigentlich keiner, ätsch. Aber ein schönes Lehrstück über die Toleranz der Linken.

Im Medienkuchen weiss man: Wenn man etwas für rote Köpfe, Reaktionen und Gebrüll sorgen will, kann man einen von zwei professionellen Krachmachern das Wort erteilen. Der eine ist die Allzweckwaffe für alle Fragen des Antisemitismus, leider schon selbst wegen Verstoss gegen die Antirassismus-Strafnorm verurteilt.

Der andere ist Réda el Arbi. Toller Name, verständlich, dass er den Namen seiner alleinerziehenden Mutter weglässt, denn Stocker ist natürlich stocklahm dagegen. Über Jahre hinweg pflegt el Arbi seinen Ruf als Hau-Drauf für linke Angelegenheiten.

Nachdem er wegen übertriebener Härte andernorts gespült wurde, bekam er ein warmes Plätzchen bei nau.ch. Das Portal will, wie «20 Minuten» auch, sich politisch völlig neutral verhalten und weitgehend von Meinungsjournalismus absehen. Aber so eine Meinungskolumne eines bekannten Rabatzmachers, wieso nicht. Also griff el Arbi wie immer in die Vollen, schimpfte gegen «rechte und reaktionäre Kräfte», auch gegen «liberale Schwätzer», über «Ueli, der zähe Knecht und die Berset-Diktatur», prügelte auf Andreas Glarner (SVP) ein und schliesslich über die «lustigen Rattenfänger von «Mass-voll». Das sei, allerdings nur «oberflächlich betrachtet», ein Haufen von «Corona-Spinnern». Aber el Arbi geht näher und sieht «eine antidemokratische, in Verschwörungstheorien verfangene Rattenfängerbande».

El Arbi sieht in Abgründe

Den el Arbi in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Zudem ballen sich dahinter «jede Menge Staatsfeinde, Libertäre, Rechtsnationale». Und «Rattenfänger», oder sagte das el Arbi schon? Da war der um humanistische Brüderlichkeit, freie Meinungsäusserung und respektvollen Umgang bedachte Softie el Arbi gerade so schön im Schuss, als ihm die Redaktion von nau.ch leider aus rechtlichen Erwägungen die Reissleine ziehen musste.

Denn, so ist das heute: natürlich überschritt el Arbi mit seinem Gewäffel diverse Grenzen des Anstands, aber auch der Strafgesetzgebung. Gleichzeitig kam nau.ch in den Ruf, ein verkappt linksradikales Medium zu sein. Also Gegensteuer; wie es sich wohl auf einem Plattform-Medium gehört, gab nau.ch genau diesen «Rattenfängern» Gelegenheit zur Replik. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um eine Vereinigung von rund 16 jungen Menschen, die offen hinter Mass-voll stehen und Forderungen aufstellen.

Mit denen muss man keinesfalls einverstanden sein, aber weder diese Webseite, noch eines der Mitglieder wurde bislang strafrechtlich auffällig. Also bewegt sich eigentlich alles im Bereich der demokratisch erlaubten freien Meinungsäusserung.

Von linkem Fäusteln zu rechtem Fäusteln

Aber die hört nicht nur für El Arbi dort auf, wo sie nicht mit seiner Meinung übereinstimmt. Nau.ch durfte feststellen, dass es sich nach dieser naheliegenden Replik der Co-Präsidentin von Mass-voll.ch, Carla Wicki, schwups von linksradikal zu rechtsradikal, ja angebräunt verwandelt hatte. Während vorher vermutet wurde, dass Chefredaktor Micha Zbinden sein wahres, linksradikales Gesicht zeige, liess er nun die Maske fallen, und dahinter erschien eine braune Fratze.

Aber damit nicht genug. Beschimpfen und toben ist eine Sache, aber man ist ja auch ingeniös in seiner Gegenwehr gegen angebliche Rattenfänger. Also wurde das als Leser-Blattbindung veranstaltete «Leser-Voting» mit einigem Aufwand manipuliert. Nachweisbar. Damit ergab sich auf die Frage, wie der Gastbeitrag von «Mass-Voll» gefalle, ein Verdikt von 8 Prozent «sehr gut» gegen 92 «nicht wirklich gut …».

Auch das nahm nau.ch natürlich vom Netz. Hat sich’s damit? Aber nein, es gibt ja noch Christian Beck von persoenlich.com. Seine eigentliche Berufung scheint Dichter zu sein, aber wer das hier liest, versteht, wieso er es lieber als Online-Redaktor probiert:

«Ist dieses Virus einst besiegt,

dann sicher nicht wegen ein paar Idioten.

Tatsächlich macht sich sehr beliebt,

wer sich hält an des Bundesrats Geboten.»

Sorry, Lesern mit schmerzempfindlichen Zähnen hat’s gerade eine gewischt. Sein journalistisches Schaffen ist aber auch nicht viel schmerzfreier. Zunächst twittert Adlerauge Beck: «Eigenartigerweise ist diese Umfrage auf nau nun gelöscht. Existiert da ein direkter Draht zwischen der Redaktion und #Massvoll?»

Existiert bei Beck ein direkter Draht zu irgendwas?

Dumme Fragen darf jeder stellen, auch das gehört zur Meinungsfreiheit. Schliesslich geht nichts über einen Bericht, bei dem die These schon vorher steht. Also senkt Beck das Niveau von persoenlich.com mit dem Beitrag: «Newsportal löscht manipuliertes Voting». Das könnte man so stehenlassen, wenn Beck dann nicht im Text denunziatorisch weiterfahren würde, schon im Lead: «Ein Gastbeitrag von Massnahmenkritikern ist schlecht bewertet worden. Nau entfernte daraufhin die Umfrage.» Sieht Beck in diesen beiden Aussagen keinen Widerspruch? Ein knappes «Nein» genügt ihm als Antwort.

Dazu passt die Erwähnung, dass der Text von El Arbi «damals ohne Begründung» gelöscht worden sei. Unverschämt, dass die Redaktion von nau.ch nicht sofort alle Fragen von Beck beantwortet. Micha Zbinden, Chefredaktor von nau.ch, will sich zur ganzen Miniaffäre nicht mehr äussern.

Wieso sich Beck allerdings über Löschungen erregt, wird noch unverständlicher, wenn man weiss, dass er das selbst auch tut. Denn inzwischen ist sein Tweet ebenfalls gelöscht. Ohne öffentliche Begründung. Sieht er wenigstens da einen Widerspruch? «Das ist nicht vergleichbar. Hat man sich als privater User auf Twitter im Ton vergriffen, darf man auch Einsicht zeigen. Ein Medium hingegen sollte eine Löschung oder gravierende Änderung eines Artikels transparent machen.»

Ach was. So wie das Beck auch bei Tamedia forderte, als die möglichst geräuschlos den Verleumdungsartikel über ihren Konkurrenten Hanspeter Lebrument löschen wollte? So wie das Tamedia sowieso gerne und schnell macht, wenn eine Anwaltskanzlei zum Stehsatz eines Drohbriefs greift? Aber gut, Beck gesteht ein, sich im Ton vergriffen zu haben. Hat er nicht, er hat einfach eine frei erfundene, bösartige Unterstellung in Frageform gekleidet. Aber lassen wir’s gut sein.

 

Hilfe, mein Papagei onaniert V

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

 

Gestörter «Blick»

Leser-Blattbindung, bei diesem Begriff kriegen Medienmanager sofort glänzende Augen. Wettbewerbe, Ratgeber, die Kaffeemaschine zum Abo, die «Sonderaktion nur für «Blick»-Leser», das alles war gestern.

Heute ist «Community». Auch wenn ältere Leser das vielleicht mit Kommune übersetzen und sich schaudernd abwenden, das ist auf jeden Fall Leser-Blattbindung. He, ihr seid Teil von etwas Grösserem, und wer will das in der heutigen Vereinzelung nicht sein?

Also gibt es die «Blick»-Community. Die darf Vorschläge für Artikel machen, während die Kindersoldaten im Newsroom brav stehend applaudieren. Also gut, nicht alle stehen und nicht alle machen ein freundliches Gesicht dazu:

Verzweifelter Newsroom der «Blick»-Familie. (Screenshot blick.ch)

Immerhin, ganze drei (in Zahlen 3) wurden schon umgesetzt, darunter ein Thema, das jedem auf den Nägeln brennt: «Mit diesen Tricks gewinnst du jedes Tischfussball-Turnier». Aber nun wird’s ernst, nun wird ein relevantes Thema angepackt:

Als ob es den Tagi-Protest nicht gäbe: Muss es denn eine Frau sein?

Ein Leser hatte behauptet: «In der heutigen Welt bestimmen Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus und Borderline alles Tun.» Weil «Blick»-Leser nicht unbedingt per du mit Fremdwörtern sind, wollen sie darüber Aufklärung, habe eine Abstimmung der Community ergeben.

Wunderbar, die Redaktion macht sich sogleich ans Werk. Recherchieren, rumtelefonieren, Fachleute, Organisationen, Begriffserklärungen, wichtige Fragen beantworten wie: mehr Männer als Frauen? In welchem Alter? Wo ist die Grenze zwischen Boderline und Narzissmus? Was ist aus der guten alten Neurose geworden?

Ja, so wäre das früher gewesen. Heute ist es so:

1000 Buchstaben für Deine Erzählung. Hau rein!

«Hier wollen wir das Schweigen brechen», heisst es lupfig im Text. Hier wollen wir uns möglichst viel Arbeit sparen, wäre die richtige Übersetzung.

«nau.ch» als Telenovela erzählt

Neben den verfilmten Herz-Schmerz-Geschichten gibt es auch – für des Lesens Mächtige, das entsprechende Heftchenangebot. Schauen wir mal, ob «nau.ch» den Telenovela-Test besteht.

Wir fragen uns hingegen, ob nau.ch wirklich eine teure Umfrage braucht, um auf diese billige Erkenntnis zu kommen.

Wir finden, dass hier die Antwort ein klares Nein sein muss. Welcher Seestern kann schon behaupten, so tief in ein Dekolleté geblickt zu haben? Oh, Seesterne haben keine Augen. Aber vielleicht ist das Dekolleté auch nicht ganz echt. Pfui, für diesen Machospruch streicheln wir jetzt einen Igel.

Auch nau.ch beweist: Journalisten spiegeln welterschütternde Ereignisse am liebsten an sich selbst. Vor allem, wenn eine Begegnung mit zwei wichtigen Politikern das Gefühl auslöst, vom Mantel der Geschichte umweht zu werden.

Aber: Es ist nicht so, dass Nau.ch sich nur Themen von überragender Bedeutung widmet. Was passiert, wenn eine Redaktion leicht durchdreht, kann man hier sehen.

«Republik» als Telenovela

Manche könnten meinen, dass zwischen «nau.ch» und der «Republik» Welten liegen. Vor allem, was die intellektuelle Flughöhe betrifft. Schlechte Nachrichten für das Randgruppenpublikum der «Republik»: das täuscht.

Wir sind keine Corona-Skeptiker, aber diesen Ansatz haben wir nicht verstanden. Vielleicht ist die Flughöhe doch in so dünner Luft, dass wir in Schnappatmung geraten. Oder aber, das ist dem Autor passiert, der seine eigene Fähigkeit zum Klugschwätzen etwas überschätzt.

Wenn das Wort Klugschwätzen fällt, ist die schreibende Locke nicht weit. Zwei Sätze, ein Flachsinn. Es gibt ein Corona-Spektakel? Das sei nicht sehr erhebend? Für wen? So wenig Wörter, so viele Fragezeichen. Nun zeichne sich aber eine andere Zukunft ab. Anders als was? Wird das Corona-Spektakel in Zukunft erhebend? Oder hört die Schweizer Politik endlich auf die guten Ratschläge von Daniel Binswanger? Früher schon brauchte es Sachkundige, um die dunklen Prophezeiungen der Seher zu interpretieren und zu übersetzen. Wer erledigt das für Binswanger?

Aber genug der Kolumnen, hier geht’s zur Sache. Gleich sechs Schreib- und Zeichen-Riesen der «Republik» kümmern sich präventiv um den «Nebelspalter». Alle auch mit seherischen Gaben ausgerüstet, denn es gibt ihn noch gar nicht neu. Macht nix, während man noch beim Namen der Autorin «Martha Monster» die Augen nach oben rollt, erzittert man bei Constantin Seibt. Zu recht, dieser Hirnspalter hat 55’525 Anschläge. Die Lesezeit betrage locker ein halbes Stündchen. Wir geben zu: da ist uns unsere Lebenszeit zu wertvoll.

Ausserdem: Für uns ist seriöser Journalismus, über etwas zu schreiben, das es schon gibt. Dann weiss man, worüber man schreibt. Aber das hat die «Republik» nicht nötig.

Mit diesem Höhenflug, nur knapp 9000 Anschläge, überrascht uns Olivia Kühni. Sie litt ja selber jahrelang, aber stumm unter diesen Zuständen bei Tamedia, von denen sie heute schaudernd sagt: «Diese Kultur ist toxisch, oft sexistisch, für viele Menschen darin soul crushing. Sie ist vor allem auch, und das ist die Ironie am Ganzen: geschäftsschädigend.»

Aber sie will, als ehemalige Wirtschaftsredaktorin (daher «soul crushing», you know), auch Optimismus versprühen: «Eigentlich birgt eine solche Disruption immer auch Chancen. Beispielsweise für den Versuch, Journalismus nicht mehr nur als wenig geschätztes Neben­produkt der Werbe­wirtschaft zu verstehen, sondern als Haupt­aufgabe – und die Leserinnen entsprechend als wichtigste, einzige Kunden.» Disruption? Das unbelegte Gewäffel einiger Journalistinnen, die sich damit einen Kündigungsschutz verschaffen wollen?

Das war ein Querschnitt durch das Schaffen der «Republik» (50 Nasen, Budget 6 Millionen) einer Woche. Der Gesamtoutput war zwar länger, aber nicht grösser als der von ZACKBUM.ch (Budget 0, Kosten für die Kunden 0).

Auch die NZZaS hat ein Frauenproblem

Aline Wanner legt neben Felix E. Müller das Niveau der Medienkritik im Hause NZZ tief und tiefer. Während es bei der Temperatur einen absoluten Nullpunkt gibt, sucht die NZZaS noch danach.

«Frauen vergraulen mit Tamedia»,

so hebt Wanner an. Muss man nicht verstehen, Mann fragt sich aber, ob sie nicht eher «Frauen kraulen mit Tamedia» meinte. Aber wer weiss schon, was Frauen wollen. Auf jeden Fall hätten zum Tag der Frau 78 solche einen «offenen und beklemmenden Brief an die Chefredaktion» geschrieben. Eigentlich war das ursprünglich ein interner Brief an Chefredaktionen und die GL, aber was soll’s.

Mit schnellen Trippelschritten nähert sich Wanner dem Höhepunkt: «Es folgen haarsträubende Beispiele, die vor allem eines belegen: ein Klima von Missgunst, Sexismus, Respektlosigkeit, Kleinlichkeit.» Uns haben die Beispiele keineswegs die Haare gesträubt, sie erschienen uns allerdings als Ausdruck von Kleinlichkeit, Missgunst und Respektlosigkeit. Aber den durch Anonymität allgemein als Täter denunzierten männlichen Mitarbeitern bei Tamedia gegenüber.

«Wer kann da seine Mitarbeiterinnen, von denen es ohnehin zu wenige hat (was ebenfalls ein unternehmerisches Problem ist), beschimpfen und vergraulen?» Mit dieser Frage löst sich Wanner völlig von der Realität, denn bislang haben die angeschriebenen Entscheidungsträger mit Betroffenheit, Zerknirschung, ja sogar mit pauschaler Entschuldigung reagiert. Also genau mit dem «Feingefühl», das Wanner von ihnen fordert.

Was auch Wanner besser anstünde als ihre Heuchelei. Oder darf es ihr egal sein, da Männer ja ausschliesslich Täter sind, dass in ihrem Organ gerade der Chefredaktor eher harsch und ruppig gefeuert wurde? Aber da geht Arbeitsplatzsicherung vor Entrüstung, wie schäbig.

Wie viel ergibt 244:40 ?

Redaktionskrankheit Dyskalkulie.

Wovor fürchten sich Journalisten am meisten? Vor Zahlenoperationen. Addition und Subtraktion beherrschen auch Lokaljournalisten. Was darüber geht, bereitet ihnen Fieberschübe.

Am Dienstag wurde bekannt, dass die UBS von 239 Filialen 44 schliessen will. Von der Grossbank gab es keine Medienmitteilung, die Informationen stammten von der NZZ und den CH Media.

Wenn wir über die Ängste von Journalisten reden, müssen wir auch über ihre Steckenpferde reden. Zu ihnen gehören Abschreiben und Nachschreiben.

Die wenigsten Journalisten haben am Dienstag die UBS-Medienstelle angerufen und nachgefragt, ob die kolportierten Zahlen stimmen oder nicht.

Eine Nachlese zeigt: Es gibt sie noch, die Medienvielfalt, leider auch bei Zahlen. Bei Nau waren es 40 von insgesamt 240 UBS-Standorten, die aufgehoben werden und bei der SDA 44 von 240. Beides ist falsch.

Am meisten Mühe zeigte der «Tagi». Nicht nur, dass er von 240 Standorten ausging, er schaffte sogar dieses Kunststück:

Wird jede fünfte Filiale geschlossen oder jede Sechste? Helfen wir doch den Armen: 240/44=5,455. Darum: Die Grossbank baut einen Fünftel ihres Filialnetzes ab.

Gern geschehen.

 

Dania Schiftan: Verwirrung um Doktortitel

Kurzes Vorspiel zum Doktor.

Wenn Journalisten eine Frage zu Orgasmus, Selbstbefriedigung und dergleichen haben, wenden sie sich in der Schweiz am besten an Dania Schiftan. Die Sextherapeutin wurde in Schweizer Medien 2020 mindestens 18 mal befragt. Sie hat damit einen grösseren Output als so manche Republik-Angestellten.

Auf nau.ch widmete sie sich vor ein paar Wochen einigen Mythen. Zum Beispiel Mythos 3: «Frauen kommen nur nach langem Vorspiel». Ein falscher Mythos. Laut Umfrage würden Frauen nur 20 Minuten benötigen, um zu kommen. Das geht ja noch.

Dania Schiftan ist «Dr. phil. in Clinical Sexology (USA)». Auf Infosperber wurde vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass sie in den Medien unter anderem als «Dr. phil.» auftrat. Der Artikel wirbelte viel Staub auf führte zu langem Schriftwechsel mit dem bekannten Medienanwalt Andreas Meili.

Dania Schiftan: kein Dr. phil.

Hauptsächlich ging es im Artikel darum: Schiftan erhielt nie einen «Dr. phil.». Was sie bekam, war ein sogenannter «Doctor of Philosophy in Clinical Sexology» der «American Academy of Clinical Sexology». An dieser Universität im sonnigen Florida dauert der Doktortitel nur 60 Semesterstunden. Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen, schrieb auf Anfrage von Infosperber: «Die American Academy of Clinical Sexology ist in den USA nicht akkreditiert.»

Ein richtiger Doktortitel benötigt ein längeres Vorspiel. Für die Promotion und die Doktorarbeit benötigt man in der Schweiz leider nicht 60 Semesterstunden, sondern mindestens drei Jahre.

Weil die Sexuni in Florida nicht mit Cambridge vergleichbar ist, muss Schiftan als «Dr. phil. in Clinical Sexology (USA)» auftreten. Ein sperriger Titel, der aber nötig ist. Patientinnen und Leserinnen müssen bei einem so heiklen Thema genau wissen, welchen akademischen Hintergrund eine Sextante oder Sexonkel aufweisen.

Juristische Schritte

Seit dem Erscheinen des Artikels trat Schiftan in zwei nachgewiesenen Fällen wieder als «Dr. phil» auf. Und zwar auf vitagate.ch und auf bildung-schweiz.ch. Auf beiden Links wurde der falsche Doktortitel mittlerweile behoben, nachdem ZACKBUM.ch Schiftan darauf aufmerksam machte.

Auf Anfrage von Zackbum informiert uns Schiftan, dass sie sich «juristische Schritte» gegen uns vorbehält. Inhaltlich gab sie zur Antwort, dass die publizierte Titelbezeichnung nicht von ihr stamme, sondern vom Textverfasser. Sie habe schon im September um eine Änderung ersucht. Sie sei dem aber nochmals nachgegangen.

Ihre Assistentin schreibt uns:

«Da sie oft in den Medien zitiert wird und ihr Name auch sonst oft verwendet wird, würde es den Rahmen sprengen, alle Nennungen zu überblicken und jedes Mal zu intervenieren, wenn ein Journalist oder sonstiger Verfasser diese Bezeichnung abkürzt, falsch schreibt oder die Titelbezeichnung gleich ganz weg lässt. Wenn es ihr zur Kenntnis gelangt, dass ihr Titel unkorrekt wiedergegeben wird, interveniert sie stets.»

Weil für uns Sex so spannend ist, interessierten wir uns ausserdem für die Doktorarbeit von Schiftan. Sie trägt den Titel: «Sexual Behavior in German Speaking Switzerland». Das wollten die Amis vermutlich schon immer von uns wissen. Während ihrer Zeit an der Uni in Bern schrieb Schiftan übrigens an der «Studie zum Sexualverhalten der deutschsprachigen Schweizer». Schiftan schickte uns ihre Doktorarbeit nicht zu, trotz entsprechender Bitte.

Nau wird zur Konkurrenz von Lokalzeitungen

Nau.ch will mit seinen Regio-News in 22 Regionen den Trend zum publizistischen Einheitsbrei stoppen.

Das Online-Portal Nau.ch hat in der Medienbranche nicht die beste Reputation. Doch jetzt baut man die Lokalberichterstattung massiv aus. Von Köniz und Lenzburg über Thal-Gäu und Dübendorf, der Zürcher Goldküste bis zu March-Höfe hat Nau.ch expandiert. Jeweils mit «gut verankerten Persönlichkeiten vor Ort, was wir mit unseren Lokaljournalisten abdecken», bestätigt CEO Yves Kilchenmann den Ausbaukurs auf Anfrage.

Amateursport, Lokalpolitiker, Vereinsnachrichten

«Unser Regio-Produkt befindet sich im Wachstum. Im Frühjahr konnten wir Köniz als eine der ersten Regionen im Raum Bern etablieren. Aktuell sind es 22 Regionen – Tendenz steigend», so Kilchenmann weiter. Ein Blick in solche Berichte zeigt, dass sie genau dort ansetzen, wo Mantelblätter mit zentralisierten Redaktionen immer weniger die Bevölkerung ansprechen. Vereinsnachrichten, Sportberichte von Amateurligen, Tribünentexte von Lokalpolitikern, auch mal ein lokaler Aufreger, für dessen Recherche man aus dem Grossraumbüro muss.

Es begann in der Marzilibahn

Doch der Reihe nach: Am Anfang stand bei Nau.ch die Werbung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Frühling 2008 wurde der erste Doppelbildschirm in der Berner Marzilibahn installiert. Die beiden Gründer der Firma Livesystems, Oliver Chuard und Yves Kilchenmann, hatten die simple Idee, Werbung auf Screens im öffentlichen Verkehr zu platzieren. In der Zeit vor dem grossen Handy-Boom mit permanentem Internetzugang offensichtlich eine Marktlücke. Im Sommer 2017 wurde dann die Online-Plattform Nau gegründet. Nach Angaben von Nau steht der Name als Abkürzung für: «Neu, aktuell, unterhaltsam». Doch die Akzeptanz in der Medienwelt war eher gering, im Gegensatz etwa zu Watson, der Republik oder den lokal agierenden tsüri.ch, das Lamm oder bajour.ch. Jene Plattformen sind sich oft zu schade, über lokale Themen zu berichten. Oder es fehlt am Gespür für sie. Stichwort Medienblase. Dazu kommt, dass Nau.ch mit seiner Werbe-Herkunft oft als zweitklassig wahrgenommen wird. Dazu kommen negative Medienberichte über die Firma. Praktikanten und Kurzarbeit.

Zackbum hat über die Expansion in die Regionen mit Yves Kilchenmann, CEO der Nau Media AG, gesprochen.

Herr Kilchenmann, warum haben Sie entschieden, die Regionalberichterstattung auszubauen?

Mit unseren Screens im öffentlichen Verkehr, an Tankstellen und an gut frequentierten öffentlichen Plätzen verzeichnet Livesystems ein stetiges Wachstum. Nicht nur urban, sondern auch in ländlichen Regionen. Via den Bildschirm können wir internationale und nationale Nachrichten verbreiten, regionale Berichterstattungen jedoch lokal ansteuern. So können wir gezielt auf die einzelnen Regionen eingehen und bieten den Zuschauern einen deutlichen Mehrwert. Regionale Berichterstattungen schwinden vermehrt – diesem Trend wollen wir mit den Regio-News von Nau entgegenhalten, damit die publizistische Vielfalt nicht verloren geht.

Ein Beispiel ist die Goldküste, wo Kilian Marti sehr aktiv ist. Ist das die Strategie, ein Journalist pro Gebiet, im konkreten Fall Zollikon-Meilen?

Um regionalen Journalismus zu betreiben, benötigt es gut verankerte Persönlichkeiten vor Ort, was wir mit unseren Lokaljournalisten abdecken.

Wieviele Regionen bespielt Nau aktuell? Die Rede ist von 18?

Unser Regio-Produkt befindet sich im Wachstum. Im Frühjahr konnten wir Köniz als eine der ersten Regionen im Raum Bern etablieren. Aktuell sind es 22 Regionen – Tendenz steigend. Wir decken Regionen Bern über Solothurn bis hin zu Zürich und/oder Schwyz ab. Anbei ein kleiner Auszug: Köniz, Thal-Gäu, Lenzburg, Dübendorf und March-Höfe.

Nau wird durch diese Regionalisierung zur Konkurrenz für Regionalzeitungen wie der Zürcher Oberländer, der Marchanzeiger und die Zürichsee-Zeitung, einverstanden?

Über die letzten Jahre hinweg schwindet die Vielfalt der Regionalzeitungen. Die Nachfrage nach lokalen News zeigt aber ein anderes Bild. Es interessiert, was in der eigenen Gemeinde passiert, ob der Fussballverein am letzten Samstag das Auswärtsspiel gewonnen hat und wann der nächste Dorfmärit stattfindet (um nur einige Beispiele zu nennen). Die Regio-News von Nau.ch sind ein digitales Produkt und keine Zeitung.

Wie viel Geld nehmen Sie in die Hand für diese Expansion?

Dazu können wir keine Angaben machen.

Wie läuft es denn mit den Kurzmeldungen im ÖV? Ist das nicht langsam ein Auslaufmodell, weil alle auf ihre Handys starren?

Sowohl für den Werbemarkt wie auch für die Leser bieten die Screens im ÖV und im öffentlichen Raum ein einmaliges Kombi. Über die Screens von Livesystems erhalten Zuschauer die wichtigsten Nau.ch-News in Kurzform, für eine detaillierte Berichterstattung nutzen sie die (mobile) Website und/oder App. Mit den Screens erreichen wir täglich ein 2.4 Millionen-Publikum und sorgen so für eine hohe Visibilität, welche beeindruckende Werbeerinnerungen mit sich bringen.

Beispiel Zürich: Warum ist Nau.ch nicht an Tankstellen oder in Coop Prontos präsent?

Das digitale Out-of-Home Werbenetz von Livesystems befindet sich nach wie vor im Wachstum. Im Raum Zürich haben wir bereits heute über 40 Ausstrahlungsstandorte an Tankstellen (u.A. Tamoil und Migrol) und weitere über 20 Standorte mit den grossflächigen Werbestelen. Mit der Postfilialen-Vermarktung der Schweizerischen Post wächst das Netz insbesondere auch im Retail – nicht nur in Zürich, sondern schweizweit um ein Vielfaches. Die Coop Prontos werden von einem Marktbegleiter vermarket.

Wo expandieren Sie sonst noch?

Livesystems durfte im Frühjahr 2020 die Ausschreibung der Verkehrsbetriebe Zürich VBZ gewinnen. Der Eintritte in den Analog-Markt und die weitere Expansion im Metropolitanraum Zürich ist gelungen. Das digitale Out-of-Home Angebot in Zürich wird mit analogen Werbemöglichkeiten ideal abgerundet.

Noch zum Thema Thema Kurzarbeit und die Anschuldigungen der Republik, die ja dann von diversen Medien unbeleuchtet übernommen wurden. Ist da noch etwas geplant, zum Beispiel der Gang vor die Gerichte?

Der Republik-Artikel ist geschäftsschädigend. Das trifft auch auf die Weiterverbreitung von falschen Behauptungen zu.

Das Interview wurde schriftlich geführt.