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Auch Nachruf will gelernt sein

Donald Sutherland ist gestorben.  Ein ganz Grosser wird von Zwergen betrauert.

David Steinitz hat schon am Biopic über Leonard Bernstein rumgemeckertverschwitztes Dirigentengezappel»). Denn der Autor der «Süddeutschen Zeitung» hält sich für ein ganz grosses Licht bei Filmthemen.

Nun verbirgt Tamedia den Nachruf von Steinitz auf Sutherland hinter der Bezahlschranke. Für die armen Leser, die ihn nicht in der SZ genossen haben. Damit da kein Wiedererkennungswert entsteht, hat Tamedia den ursprünglichen Titel «Niemandes Nachbar» zu «Er spielte wie ein Berserker» verhunzt.

Aber unabhängig vom Titel, Steinitz spult die übliche Aufzählung von Rollen und Anekdoten runter. Dabei erwähnt er offenbar nach dem Zufallsprinzip grosse Rollen («Wenn die Gondeln Trauer tragen») und nebensächliche («Die Körperfresser kommen») und unwichtige («Outbreak», «Die Jury»).

Dafür sind Filme wie «Klute», «1900» und vor allem Fellinis «Casanova», seine wohl bedeutendste Rolle, dem Filmkenner keine Erwähnung wert. Dass Sutherland im Herbst seiner Karriere noch sich selbst in der «Tribute von Panem»-Reihe persiflierte und massig Kohle reinschob, nun ja.

Eher launig kann man auch den Nachruf von SRF bezeichnen: «Donald Sutherland war ein langer Mann mit einem langen Gesicht und einer langen Karriere.»

Immerhin ein gewisses Niveau erreicht Tobias Sedlmaier in CH Media:

«Oft spielte Sutherland düstere, komplexe und intensive Figuren, umweht von Tragik oder existenzieller Rätselhaftigkeit. Figuren, die zugleich irdisch waren und doch ein bisschen fernab über dieser Welt zu schweben schienen, als ob sie mehr ahnen würden vom Leben

Ziemlich lustlos geht hingegen Laszlo Schneider beim «Blick» zur Sache: «Die Filmwelt trauert um einen ihrer grössten Stars: Wie sein Sohn Kiefer Sutherland (54) auf X mitteilt, ist der kanadische Schauspieler Donald Sutherland am heutigen Donnerstag im Alter von 88 Jahren gestorben

Bluewin.ch übernimmt, wie so viele andere, schlichtweg ein Potpourri aus SDA und DPA, wozu sich selber etwas einfallen lassen.

Mit Nachrufen ist es so eine Sache. Früher war die Pflege des Nachruf-Archivs – neben der Betreuung der Leserbriefe – der Vorruhestandsjob für ausgebrannte Journalisten. Bei besonders wichtigen (oder alten) Persönlichkeiten musste darauf geachtet werden, dass die Bio up to date ist, im Fall der Fälle der Nachruf mit ein, zwei Handbewegungen ins Netz gestellt werden kann.

Heutzutage ist das mehr eine Aufgabe für einen Volontär, der zudem keine grosse Ahnung vom Nachgerufenen haben muss; alles richtig aus dem Netz kopieren können, das reicht.

Gewichtung, Einordnung, Mehrwert, es ist immer das gleiche Problem. Wer sich über Leben und Wirken von Sutherland informieren will, findet ein Meer von Darstellungen gratis im Internet. Wem Sutherland als ein Schauspieler ein Begriff ist, sucht Ergänzendes. Wer ihn erst in der «Tribute von Panem»-Reihe kennenlernte, ist für eine Erweiterung seines Horizonts dankbar.

Wer etwas für einen Text bezahlt, möchte schon gerne eine Qualität, einen Inhalt, der sich merklich von den Gratisangeboten unterscheidet.

Bekommt er das nicht geliefert, fragt sich der Konsument wieder einmal zu recht, wieso er für einen Egotrip eines Autors, für nicht unterhaltendes Gestammel, für unvollständige Bemerkungen etwas bezahlen soll.

Die Antwort ist ganz klar: soll er nicht. Muss er nicht. Tut er nicht.

 

Schafft endlich diese Kultur ab!

Der Tagi macht aus Leserverarschung eine Kunst.

Das Qualitätsmedium wiederholt sich, ZACKBUM wiederholt sich.

Da stirbt einer der ganz grossen Maler der Gegenwart. Fernando Botero war nicht nur in seinem Heimatland Kolumbien ein Star, sondern weltweit anerkannt. Mit seinen voluminösen Figuren, aber auch mit seinem Schalk hatte er ein unverwechselbares Oeuvre geschaffen.

Da er über 90 war, hatte jede anständige Kulturredaktion bereits einen Nachruf in der Schublade. Ausser natürlich das kultur- und niveaulose Blatt aus der Werdstrasse in Zürich. Dort kümmern sich die Kulturredaktoren lieber um die eigene Befindlichkeit oder um den neusten Sexismus-Skandal oder um korrektes Gendern. Also um Themen, die die Leserschaft zum Gähnen bringen und in Scharen vertreiben.

Stirbt nun Botero, reicht es gerade dazu, eine Tickermeldung der AFP zu übernehmen, zurechgeschnipselt von einem Autorenkürzel «nlu», das aber zu niemandem aus dem «Team Kultur» passt. Und weil das Team einfach wurstig und schlampig arbeitet, kommt die Meldung auch noch im «News-Ticker Kultur». Wiederholung? Na und. Dass es eine Panne beim «Kraftwerk»-Konzert gab, ist ja auch eine alte Kamelle, ziert aber dennoch den «Kultur-Ticker». Dann diesmal als Platzhalter (ist schon blöd, dass man sich immer vier Stoffe aus den Fingern saugen muss) eine «Widmerzeile».

Aber halt, da ist doch noch eine Rezension einer Biografie über Elon Musk. Immerhin. Schon, aber hier ist der Autor vollständig angegeben. Es handelt sich um Adrian Kreye. Genau, der Mitarbeiter der «Süddeutschen Zeitung» in München, von der das Qualitätsblatt der Schweiz grössere Teile der Inhalte übernimmt, um sie dann dem fluchenden Leser teuer zu verkaufen.

Wir beenden diese Serie über ein Trauerspiel im allgemeinen Niedergang und bitten einfach inständig: lieber Tagi, liebe Redaktionsleiterin, liebe Ressortleiterin, haben sie Erbarmen mit dem Leser. Sie müssen sowieso noch ein paar Millionen einsparen bis Ende Jahr. Eine ersatzlose Streichung  des «Team Kultur» – wir garantieren das –, würde niemandem auffallen. Im Gegenteil. Der Leser wäre beglückt und erfrischt, dass ihm dieses Elend, diese Bankrotterklärung des Kulturjournalismus, erspart bliebe.

Weg nach unten

Obwohl nicht schwindelfrei, blicken wir in den Abgrund «Tages-Anzeiger».

Eigentlich ist es eine rührende Idee. Nachrufe veröffentlichen auf x-beliebige Personen. Das ist eine gute Idee für einen Dorfanzeiger, der damit die Leser-Blatt-Bindung verstärkt und sich in seiner überschaubaren Umgebung gut platziert.

Ist es auch eine gute Idee für eine sogenannte «Qualitätszeitung», die wegen schrumpfenden Umfängen eigentlich um jeden Zentimeter redaktionellen Raum kämpfen sollte? Obwohl sie schon genug Platz von der «Süddeutschen Zeitung» aus München füllen lässt.

Nun aber die Serie «Nachrufe». Nichts gegen die hier porträtierte Person, die allerdings schon vor einem Jahr mit Exit aus dem Leben schied, wie man dem Schulaufsatz von Artikel entnehmen kann. Aber ist das ein Angebot, mit dem man den zahlenden Leser bei der Stange hält? Sicher nicht, muss man sagen.

Aber hier geht es sicher zur Sache:

Das ist ein Interview mit dem Ökonom Aymo Brunetti. Der Professor war Präsident der Expertenkommission, die zuhanden des Bundesrats Lösungsvorschläge bezüglich der «too big to fail»-Problematik erarbeiten sollte. Nach der grossen Finanz- und Bankenkrise von 2008.

Die Vorschläge waren so überzeugend, dass sie bei der CS-Krise nicht mal aus der Schublade genommen wurden. Offensichtlich völlig untauglich. Das wäre nun tatsächlich die Gelegenheit für ein munteres, angriffiges Interview gewesen. Aber auch Brunetti weiss, wieso er ausgerechnet dem Tagi Red und Antwort steht.

Weil auch bei ihm von Beatrice Bösiger die inzwischen gewohnte Tagi-Nummer angewendet wird: was wollten Sie Bitteschön immer schon mal sagen?

Da darf Brunetti zunächst markig verkünden: «Eine Bank muss in Konkurs gehen können. Die staatliche Rettung einer Bank widerspricht jeglichen marktwirtschaftlichen Regeln und ist total unfair.»

Dann wagt sich Bösiger an die Frage, wieso denn das von ihm ausgearbeitete Vorgehen nicht mal abgestaubt wurde, sondern im Papierkorb, Pardon, in der Aktenablage blieb: «Wir wissen nicht, ob und wie es funktioniert, weil die Bank eben nicht gemäss diesen Regeln abgewickelt wurde.»

Das ist ein «Schlange beisst sich in den Schwanz und frisst sich auf»-Argument. Die Frage ist doch genau, warum diese Regeln nicht angewendet wurden. Wohl doch deswegen, weil sie völlig untauglich waren und sind. Also hat der Herr Professor Pfusch abgeliefert.

Aber das wären ja harte Fragen gewesen, wir verliessen den Komfortbereich des Tagi. Da darf Brunelli noch zudem sagen: «Für mich ist noch nicht bewiesen, dass man die Credit Suisse nicht hätte in Konkurs gehen lassen können.»

Also, die von ihm entwickelten Rezepte sind untauglich. Die Nationalbank hätte – wie andere kompetente Koryphäen wie beispielsweise Ossi Grübel fordern – problemlos die Liquidität zur Verfügung stellen können, die unfähigen Manager auswechseln und anschliessend die CS, wahrscheinlich sogar mit Gewinn an die Börse bringen. Auch dem widerspricht Brunetti: «Es ist nicht die Aufgabe der Nationalbank, ins Risiko zu gehen und eine Bank vor dem Konkurs zu retten.»

Genau das hat aber die SNB gemacht, nur hat sie gleichzeitig damit der UBS ein Riesengeschenk gemacht. Auch bei dieser Antwort hätten sich eigentlich zwei Fragen anschliessen müssen. Aber stattdessen lässt Bösiger den Professor weiter klugscheissen: «Die Bilanz der UBS ist nach der Übernahme der Credit Suisse gemessen an der Wirtschaftsleistung viel zu gross für die Schweiz.»

Während der Finanzkrise eins war die Bilanz der UBS noch viel grösser, das hat Brunetti damals aber nicht zu dieser Einsicht gebracht. Wenn schon, war die Bilanz der UBS auch schon vor diesem Geschenkverkauf zu gross für die Schweiz, was Brunetti aber nicht hörbar störte.

Selbst der Laie als Leser kommt auf diese oder jene Frage, die man Brunetti hätte stellen sollen, müssen. Aber eben, heutzutage kann man sich seine Interviewpartner aussuchen. Will man ungestört von kritischen Fragen Öffentlichkeit erreichen, sozusagen präventiv verhindern, dass die Frage aufkommt, was denn eigentlich der Versager, der die «too big to fail»-Regeln entwickelte, dazu sage, dass sie so untauglich sind, dass sie nicht mal beim nächsten Fall angewendet werden.

Das wäre andernorts Gelegenheit für einen Schwitzkasten gewesen. Aus dem sich Brunetti vielleicht mit guter Rhetorik hätte befreien können. Das wäre auf jeden Fall für die Leser interessant geworden. Aber eben, wir sind hier beim Genderstern-Tagi, wo das Wort «Qualität» zwar in den Mund genommen wird – und erst noch weiblich ist –, aber dann sofort ausgespuckt, wenn keiner hinguckt.

Aber nicht nur bei dieser nicht abreissenden Reihe von Weichspüler- und Federstreichel-Interviews tritt es dann doch offen zu Tage: weniger Genderwahnsinn, mehr journalistischer Einsatz, mehr Sichtbarkeit für handwerklich niveauvolle Leistungen, das wäre doch was. Das wird aber nix.

Das hat man halt davon, wenn das Geschlecht als Beförderungskriterium (40 Prozent Frauenanteil auf allen Hierarchiestufen) wichtiger wird als die Qualifikation, die Kompetenz. Damit ist dann niemandem gedient, nicht mal den so beförderten Quotenfrauen. Die Qualität leidet, der Leser leidet, die Mitarbeiter leiden, die Einnahmen leiden. Unterwegs nach unten, aus eigener Schuld und Unfähigkeit.

Lest Enzensberger!

Diese Lücke ist nicht zu schliessen.

Es war verdächtig ruhig um ihn geworden, das liess schon Ungutes ahnen. Denn einen wacheren Geist hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht besessen.

Ein Sprachgenie, vielsprachig, ein Dichter und Denker, ein Essayist, ein Impulsgeber, ein eleganter Schreiber, Inspiration, unerreicht in seiner Vielfältigkeit.

Jetzt ist Hans Magnus Enzensberger mit 93 Jahren gestorben. Wie soll man diesen Literaturkontinent vermessen? Das von ihm gegründete «Kursbuch» war Orientierungshilfe über Jahrzehnte hinweg. Die «Andere Bibliothek» eine Sammlung von inspirierenden und schlichtweg gut und geschmackvoll gestalteten Büchern.

Seine eigenen Werke sind in ihrer Vielfalt unerreicht. Das Museum der modernen Poesie, der Landsberger Poesieautomat, Der Untergang der Titanic, Ach, Europa!, Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums, Schreckens Männer – Versuch über die radikalen Verlierer, Sanftes Monster Brüssel, Hammerstein oder der Eigensinn, seine Übersetzungen, Das Verhör von Habana. Und für Enzensberger-Anfänger: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen.

Geniestreiche eines Genies, alles zusammen. Welch einen Humor hatte der Mann, sein belustigtes Kichern bleibt einem im Ohr, die wachen Augen, der messerscharfe Verstand.

Was man auch immer von ihm liest, man ist intelligent unterhalten, badet in herausragender Beherrschung der Sprache, der Sprachen, wird immer auf geraden oder verschlungenen Wegen zu Einsichten und Erkenntnissen geführt. Wenn es jemanden gibt, der den Zeitgeist immer schneller als andere aufnahm, wiedergab, verarbeitete, nie stehenblieb, dann war er das.

Öffentliche Auftritte, gar Talkshows oder prätentiöses Gehabe als Dichter waren ihm völlig fremd. Alleine die Beschreibung, wie er in seiner Münchner Wohnung einen Tisch voller Inspirationsquellen in Form von Zeitschriften hielt, denen er sich schnuppernd und geschmäcklerisch näherte, der Mann hatte ein Niveau, einen Kenntnisstand und eine Fähigkeit, mit wenigen sprachlichen Handgriffen ein Thema zu durchdringen, unglaublich.

Er gehört zu den wenigen Schriftstellern, die einen ernsthaft daran zweifeln lassen, ob man selbst etwas einigermassen Brauchbares zuwege bringt. Welch ein wacher Geist. Ganz am Anfang meines Schreibens wurde ich nach München eingeladen; Enzensberger hatte gerade «Transatlantik» gegründet, der Versuch, einen deutschen «New Yorker» zu etablieren. Mein Stück war angenommen worden, welche Ehre, ich durfte tatsächlich den von mir schon damals bewunderten HME kennenlernen, er hatte sich extra das Frühstück freigehalten.

Man sprach über dies und das, gerade war die «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss erschienen, eine dreibändige Bibel für alle intellektuellen Linken. Enzensberger hielt nicht sonderlich viel davon, es knacke etwas in den Gelenken, das sei zu fäustelnd, zu sehr Gesinnung.

Eines meiner Idole kritisiert das andere, es wurde schnell schwierig, man verhakte sich etwas. Schliesslich meinte Enzensberger, dass leider der gute erste Eindruck durch mein Stück getäuscht habe, mit einer weiteren Zusammenarbeit werde das wohl nichts.

Die Begründung: «Sie haben viel zu viele Antworten und viel zu wenig Fragen.» Ich war so was von sauer und enttäuscht, wie konnte mir mein Idol nur so etwas vorwerfen, wo ich doch sicher war, die meisten Antworten für so ziemlich alle Probleme der Welt zu haben.

Dieser Satz hat mich ein Leben lang begleitet, er wurde immer wahrer, er wirkte segensreich, er half, ideologische Verhärtungen zu lösen, den Zusammenbruch des kommunistischen Lagers zu verarbeiten. Dabei war es nur ein einziger, schnell dahingeworfener Satz von jemandem, der genügend Sätze niedergeschrieben hat, von denen jeder einzelne es wert ist, nochmals gelesen und genossen zu werden.

In seinen Essays kann man erleben, wie sich jemand tänzelnd, vermeintlich federleicht auch den schwersten Themen nähert, vielleicht unerreicht in den «Aussichten auf den Bürgerkrieg», aber es gäbe so viele Beispiele. Dann der Dichter, der Nachdichter, der Übersetzer Enzensberger, welches Monument, das Museum der modernen Poesie; das gehört in jeden Haushalt, der nicht als völlig literaturfern gelten möchte.

Was bleibt, ist wieder einmal die bittere Feststellung, dass die Zahl der Zwerge durchaus zunimmt. Die Zahl der Riesen aber schmerzlich ab. Ein herausragender Denker und Dichter und Essayist deutscher Zunge; da wird das Aufzählen schwer und schwerer, will man Lebende erwähnen. Wer oder was heutzutage Literaturpreise gewinnt oder sich als Essayist lächerlich machen darf, das ist wirklich bedrückend, wenn man sich von einem ganz, ganz Grossen verabschieden muss.

Immerhin, seine Spuren hat er hinterlassen, seine Bücher sind alle noch da. Was den Überlebenden bleibt: lest Enzensbeger. Seine Werke spenden etwas, was so selten geworden ist: intellektuelle Unterhaltung, intelligenten Spass. Sie nötigen Bewunderung ab, ohne goetheanisch abgehoben daherzukommen. HME hat sich immer erfolgreich bemüht, so verständlich wie möglich zu schreiben. Alles als kinderleicht erscheinen zu lassen, was so verdammt schwer zu machen ist.

Ausser man ist ein Genie wie er. Hoffentlich sitzt er nun mit Diderot, Molière, Neruda, Durutti, Büchner, Lichtenberg und vielen anderen angenehmen Zeitgenossen am Teetisch. Man kennt sich, man versteht sich, man unterhält sich, immer wieder brandet Lachen auf.

Das wünscht man ihm von Herzen.

Die Eule der Minerva

Zum überraschenden Tod der Schriftstellerin Hilary Mantel.

Dieses Stück ist bereits in der «Weltwoche» erschienen. Es behält seinen Wert als Hommage und Würdigung einer ganz aussergewöhnlichen Frau.

Wer in die Geschichte blickt, schaut immer auch in sich selbst hinein. Weil da häufig nicht viel ist, entstehen dann historische Romane, die mit Mantel und Degen die innere Leere überdecken. Hilary Mantel aber hebt sie auf ein neues literarisches und intellektuelles Niveau. Mit messerscharfen Dialogen, historisch fundiert und souverän führt sie den Leser durch das Leben von Thomas Cromwell (1485 – 1540), dem genialen Berater des englischen Monster-Königs Heinrich VIII. Selten bedauert man mehr, dass «Wölfe» schon nach 768 Seiten, «Falken» gar nach 480 zu Ende ist. Warum?

Wer in die Geschichte blickt, will etwas Gegenwärtiges darin gespiegelt sehen. Die Zeit von Heinrich VIII hatte «Sex, Melodrama, Verrat, Verführung und gewaltsamen Tod. Was will man mehr», sagt Mantel. Aber wenn sie nur das beschreiben würde, wäre es lediglich in die Vergangenheit transponierte Gegenwart. Mantel führt uns jedoch in die Dunkelkammern der Macht am Hofe, in die schwarzen Seelen der Menschen hinein, wo nur wenig Licht und viel Düsternis ist. Wo sich ein Emporkömmling wie Cromwell, Sohn eines Schmieds, nur mit meisterhafter Verwendung von Charme, Bestechung und Einschüchterung ins Zentrum der Macht arbeiten kann. Mit Worten und dem Warten auf den rechten Moment. Was ihm am Schluss dennoch den Kopf kostet.

Lange blieb Mantel die gebührende Anerkennung verwehrt, denn «Wölfe» war bereits ihr zwölfter Roman. «Erst wartet man 20 Jahre auf einen Booker-Preis, und dann werden es gleich zwei», kommentierte sie die neuerliche Verleihung dieser angesehenen Auszeichnung im Jahre 2012. Bei der ersten, 2009, hatte sie fröhlich angekündigt, dass sie das Preisgeld für «sex and drugs and rock’n’roll» ausgeben werde.

Die damals 57-jährige englische Autorin weiss, was Ironie bedeutet. Denn seit vielen Jahren leidet sie unter Endometriose, einer chronischen und sehr schmerzhaften Erkrankung der Gebärmutter, die häufig und auch bei ihr falsch oder gar nicht diagnostiziert wird. Mantel wurde in ihrer Jugend hospitalisiert und gegen Depressionen behandelt. Erst Jahre später stellte sie sich selbst die richtige Diagnose, kämpft aber bis heute gegen die Folgewirkungen dieser auch mit Operationen nicht völlig therapierbaren Erkrankung. Solches Leid muss man wohl erlebt haben, wenn man so federleicht und tonnenschwer den Tod von Cromwells Frau beschreiben kann: «Als er am nächsten Morgen aufwacht, schläft Liz noch. Die Laken sind feucht. Er küsst ihren Haaransatz. Sie schmeckt salzig.» Cromwell geht nach unten, glaubt seine Frau zu sehen, die ihm folgt. «Aber sie ist nicht da. Er hat sich geirrt

Die Schriftstellerin weiss, was durchhalten bedeutet. Bereits 1985 veröffentlichte sie ihr erstes Werk, das genauso wie ihre folgenden Bücher weitgehend unbeachtet blieb. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaft arbeitete Mantel als Verkäuferin, Altenpflegerin, als Sozialarbeiterin in Afrika und begleitete ihren Mann, ein Geologe, für einige Jahre nach Saudi-Arabien. Sie beobachtete, analysierte, schrieb. Zuerst über die Gegenwart, dann über das Vergangene.

Wer in die Geschichte blickt, weiss, wie sie ausgegangen ist. «Aber wir wissen nicht, wie es gemanagt wurde», sagt Mantel. 1992 erschien ihr Roman «A Place of Greater Safety». Erst seit letztem Jahr liegt dieses 1100 Seiten umfassende Meisterwerk über die Französische Revolution unter dem Titel «Brüder» auf Deutsch vor. Georges Danton, Maximilien Robespierre und Camille Desmoulins begleitet sie auf deren Weg in den ersten Versuch der Neuzeit, in Europa ein Unrechtsregime nicht nur zu stürzen, sondern eine bessere, menschlichere Gesellschaft zu errichten. Eben «Liberté, Fraternité, Egalité».

Nun gibt es kaum ein historisches Ereignis, das so umfangreich und ausführlich beschrieben wurde. Von Historikern wie Albert Soboul, im Vorfeld von Schriftstellern wie Lion Feuchtwanger in seinem Roman «Die Füchse im Weinberg». Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Wir streiten uns bis heute über die richtige Interpretation dieser ersten modernen Revolution. Wie auch über alle, die ihr folgten. Wir kennen ihr Personal, Louis XVI, Marie-Antoinette, Jean-Paul Marat, Jacques-René Hébert, Antoine de Saint-Just, Lafayette, Napoleon. Ihre Begriffe, Sansculotten, die Jakobinermütze, die Trikolore, der Sturm auf die Bastille, die Guillotine. Selbst unsere politische Einteilung nach links und rechts stammt aus dieser Zeit.

Wer in die Geschichte blickt, muss etwas Neues herausbefördern, wenn er mit einem gewaltigen Roman den Leser begeistern will. «Gesetze schreiben bedeutet, die Kraft auszuprobieren, mit der Worte auf die Wirklichkeit einwirken», lässt Mantel Cromwell sinnieren. Genau das ist das Neue im Blickwinkel von «Brüder». Riss nicht Desmoulins mit einer Rede, einer Eingebung des Moments, die Pariser Bevölkerung zum Sturm auf die Bastille hin? Konnte nicht der wortgewaltige Anwalt Danton nur mit der Kraft des Sprechens bedeutende politische Entscheidungen dem Volk verständlich machen? Hatte Robespierre, schmächtig, kein guter Rhetoriker, mehr als die messerscharfe Präzisionslogik seiner Ausführungen, um im Nationalkonvent Minderheiten in Mehrheiten zu verwandeln, schon gefasste Beschlüsse umzustürzen?

Ginge es in «Brüder» nur um Redeschlachten, würden hier bloss Sprechpuppen auftreten. Aber Mantel verwandelt die historischen Figuren in Menschen aus Fleisch und Blut, die nicht nur in Dialogen in einer Intensität die Klingen kreuzen, wie es zuvor lediglich in Büchners Geniestreich «Dantons Tod» auf der Theaterbühne stattfand. Sondern die leben, lieben, leiden, zweifeln. Sich bereichern wie Danton, Frauenhelden sind wie Desmoulins, lebensunfähig wie Robespierre, der «Unbestechliche».

Wenn das alles wäre, hätte Mantel ein überbordendes Sittengemälde verfasst, eine aus einem Meer von historischen Fakten, Zitaten, Ereignissen kondensierte Erzählung. Aber sie will natürlich mehr, in ihrer Einleitung gibt sie einen Hinweis darauf: «Man mag sich beim Lesen fragen, wie Fakt und Fiktion auseinanderzuhalten sind. Als grober Anhaltspunkt mag dienen: Was besonders unwahrscheinlich klingt, ist vermutlich wahr.» Wobei sie ausdrücklich «keinen Anspruch auf Objektivität» erhebt.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt, will daraus lernen. Gibt es Muster? Ist die Geschichte ein ewig drehendes Rad wie bei Shakespeare? Ist sie schicksalhaft vorbestimmt wie in der griechischen Tragödie? Oder gibt es Fortschritt, steht die nächste Generation auf den Schultern der vorangehenden, wie das die Aufklärung formulierte, durch deren Erkenntnisse die Französische Revolution erst möglich wurde? Wie kann man sie beeinflussen, dominieren sie Klassenkämpfe, welche Rolle spielen die Massen, der Einzelne? Wird die Geschichte von den Siegern geschrieben, während die Unterdrückten ihre andere Sicht der Geschichte finden müssen, wie das Peter Weiss in seiner «Ästhetik des Widerstands» darzustellen versuchte?

So viele Fragen, so wenig Antworten. Und da setzt Hilary Mantel wie die Eule der Minerva zu ihren Ausflügen in die Geschichte an. Die Eule beginne ihren Flug erst «mit der einbrechenden Dämmerung», schrieb Georg Friedrich Hegel. Er meinte damit, dass selbst die Philosophie erst Erklärungen liefern kann, wenn die zu deutenden Geschehnisse bereits Geschichte, also längst vergangen sind. Mit ewig gültigen Erkenntnissen hält sich Mantel aber wohlweislich zurück. Sie schlüpft mit begeisternder Besessenheit in ihre handelnden Figuren hinein. «Veranschaulichung und Erklärung» sind die beiden Antipoden, zwischen denen sie sich bewegt.

Mehr noch als in den wahrlich finsteren Zeiten, in denen Cromwell lebte, faszinieren uns bis heute Veranschaulichung und Erklärung in der Französischen Revolution. Vor allem natürlich die Frage, wie es möglich war, dass der erste moderne Versuch, nicht nur eine Monarchie und Adelsherrschaft hinwegzufegen, sondern darauf eine auf Menschenrechte für alle, Vernunft und Freiheit aufgebaute Gesellschaft zu errichten, in einer Schreckensherrschaft, in der Terreur vorläufig endete. Wie der als Autor der französischen Erklärung der Menschenrechte angesehene Saint-Just sich in einen Todesengel verwandelte, der zusammen mit Robespierre auf dem Schafott endete. Nachdem Robespierre, beeinflusst von Saint-Just,  seine «Brüder» Danton und Desmoulins darauf geopfert hatte. Nachdem sich das Streben nach dem Guten und Gerechten in ein Gemetzel verwandelt hatte.

Dass sich die ehemals Herrschenden zur Wehr setzen, begleitet jede Revolution. In Frankreich verbündete sich der Adel mit den europäischen Monarchien zum bewaffneten Widerstand, in Russland Adel und Grossgrundbesitzer mit den imperialistischen Staaten. Natürlich tobt bis heute ein ideologischer Kampf darum, ob die Terreur Revolutionen immanent ist – oder eine durch den äusseren Druck bewirkte Deformation.

Viel Veranschaulichung liefert Mantel im Aufeinanderprallen ihrer drei Protagonisten. Wie sie von Betrachtern zu Handelnden werden, mitgerissen von den Ereignissen und selbst mitreissend. Worte werden zur Guillotine, ein falsches Wort führt aufs Schafott. Schlimmer noch: «Es gibt Phasen in der Revolution, in denen alleine schon am Leben zu sein ein Verbrechen darstellt, und die Menschen müssen ihre Köpfe herzugeben wissen, wenn das Volk sie fordert», sagt Robespierre zu Desmoulins. Denn schnell ging es nicht mehr um eine bessere Welt, sondern um die beste aller Welten; Robespierre «hatte eine Republik der Gerechtigkeit, der Gemeinschaft, der Selbstaufopferung im Sinn, er sah ein freies Volk vor sich».

Desmoulins nannte sich selbst den «procureur de la lanterne», Danton duldete als Justizminister die Septembermassaker des Jahres 1792, zusammen mit Robespierre formte und lenkte er den Wohlfahrtsausschuss, das eigentliche Machtzentrum der Revolution, der Schreckensherrschaft. Alle drei sahen sich auf ihre Art als Exekutoren des Volkswillens. Als diejenigen, die zur Beförderung der guten Sache, zur Verteidigung der Revolution auch Schlechtes tun müssen. Gegen ihre eigenen Prinzipien verstossen, im Namen eines absoluten Prinzips. Wer sich ihnen in den Weg stellt, verrät die Revolution, schlimmer noch, die «Republik der Gerechtigkeit». Auch Namen wie Danton oder Desmoulins schützen vor diesem Verdacht nicht, nicht mal der Name Robespierre oder Saint-Just.

Wir wissen, wie es ausging, aber wir wissen nicht, wie es dazu kam, sagt Mantel. Wir wollen jedoch Ordnung in die Dinge bringen. Aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu begreifen und die Zukunft zu gestalten. Sonst wäre die Geschichte ja nur ein riesiger Ozean, in der wie Trümmerstücke einzelne Ereignisse zusammenhangslos herumschwimmen. Die Instrumente fürs Einordnen sollte uns die Geschichtswissenschaft liefern. Nur ist sie genauso wenig eine exakte Naturwissenschaft wie die sogenannte Finanzwissenschaft. Also bastelt sich letztlich jeder, manche mit kleinem Besteck, andere mit grosser Kelle, sein Geschichtsbild zusammen. Manche meinen, alle Antworten zu haben. Andere interessieren sich mehr für Fragen.

In diesen ewigen Zwiespalt – hole ich nur aus der Geschichte heraus, was ich vorher in sie hineingetragen habe, oder kann ich den Anspruch erheben, darzustellen, wie es war – stürzt sich Mantel mit einem originellen Ansatz: Sie schreibt, wie es sehr wohl gewesen sein könnte. Dass sie eine Geschichte schreibt – und nicht die Geschichte – macht ihre Romane über längst vergangene Geschehnisse, über längst zu Staub zerfallene Menschen zu einem Erlebnis. Liefert Erklärungen, aber keine Gesetzmässigkeiten, keine auf heute übertragbare Prinzipien. Man besucht mit Danton Robespierre in seiner kargen Kammer. Man steht vor Desmoulins und begreift, wäre der wackelige Stuhl, auf dem er während seiner Rede stand, umgefallen, hätte es vielleicht den Sturm auf die Bastille nicht gegeben. Man zittert an der Seite von Cromwell, während er sich am Hofe Heinrichs VIII seiner Haut erwehrt, ein Wolf unter Wölfen.

Ein Vierteljahrtausend später werden auch in der Französischen Revolution die Brüder zu Wölfen, wollen Brüderlichkeit durch Schrecklichkeit erschaffen. Aber Mantel hütet sich, mehr als Veranschaulichung und Erklärung zu liefern. Wohl deswegen bleiben auch die Figuren Saint-Just und Marat seltsam blass, obwohl sie die ideologischen Treiber der Geschehnisse waren. Immerhin plant sie, einen weiteren Roman über Marat zu schreiben, man darf gespannt sein.

Man legt nach der Lektüre «Brüder» aus der Hand und weiss, dass Mantel dieser Roman mit seinem fast unüberschaubaren Personal und seinen 1100 Seiten etwas zu lang geraten ist. Da hatte sie noch nicht völlig die meisterhafte Souveränität von «Wölfe» und «Falken» erreicht. Aber man bedauert gleichzeitig zutiefst, dass die Geschichte so endet, wie sie eben endete. Indem Danton das Schafott besteigt und dem Scharfrichter Sanson zuruft: «Zeigen Sie den Leuten meinen Kopf. Es ist die Mühe wert.» An dieses historische Ereignis schliesst Mantel noch die literarische Erfindung an, wie sich Robespierre in Vorahnung seines eigenen Todes an seine Mutter erinnert, die klöppelte, «unter ihren Fingern das luftige Muster, es fliegt davon, ins Nichts.» Und kontrastiert das mit einer historische Meldung aus der «Times» vom 8. April 1794, in der das Ende von Danton und Desmoulins kommentiert wird. Ersterer starb, weil es unausweichlich war, dass der «Geschicktere der beiden», also Robespierre, «einen Weg gefunden haben würde, seinen Rivalen zu beseitigen». Der «Times»-Journalist fährt fort: «Wir begreifen nicht, warum Camille Desmoulins, der von Robespierre so unverhohlen protegiert wurde, im Triumph dieses Diktators zermahlen wurde.»

Ist also das menschliche Streben nach dem Besseren nur vergebliche Mühe? Können auch unlautere Motive das Gute befördern? Muss auch das edelste Motiv, es besser zu wissen und die Massen deshalb zu ihrem Glück zwingen dürfen, in Diktatur und Massenmord führen? Der Leser lernt bei der Lektüre, dass es wohl besser ist, in der Geschichte und in seiner eigenen Gegenwart Betrachter zu bleiben, nicht zum Handelnden zu werden. Wenn man das Privileg lebt, nicht dazu gezwungen zu sein. Worte wirken, aber wer will schon ernsthaft Verantwortung für die Wirkung übernehmen? Ich für meinen Teil halte Diagnosen für bekömmlicher als Therapievorschläge. Das unterscheidet mich von vielen Wortführern und Weltverbesserern.

Man legt nach der Lektüre das Buch «Brüder» mit Bedauern aus der Hand, weil es noch viel länger sein sollte. Denn selten ist man näher am Begreifen der Geschichte und auch am Nichtbegreifen, wie wenn man Mantel liest. Sich selber sein im Anderssein, näher kann man als Leser diesem Satz von Hegel wohl nicht kommen.

Hilary Mantel:

  • Wölfe. 768 Seiten, 2010 auf Deutsch erschienen
  • Falken. 480 Seiten, 2013 auf Deutsch erschienen
  • Brüder. 1100 Seiten, 2012 auf Deutsch erschienen

Alle im DuMont Buchverlag.

Die britischen Medien

Durchaus geschmackvoll, was als Nachrufe auf die Queen erschienen ist. Ein Fotoalbum.*

Gepflegtes Schwarzweiss bei der «Times».

Opulente Farbenpracht beim «Guardian».

Suche nach Zeitlosigkeit bei FT.

SW und überlebensgross beim «Daily Telegraph».

Effekthascherisch bei der «Daily Mail».

Dezent der «Daily Mirror».

Nostalgisch «Metro».

*Blau war die Lieblingsfarbe der Queen.

PS: Morgen erscheint auch auf ZACKBUM ein Nachruf.

Der grosse Meister ist tot

John Le Carré war nicht einfach Thriller-Autor. Er war nach Graham Greene der grosse und zornige Humanist und Moralist einer aus den Fugen geratenen Welt.

David Cornwell, so sein bürgerlicher Name, hat das Genre des Spionageromans revolutioniert und geprägt. Jedes Mal, wenn ein neuer Roman von ihm angekündigt war, verspürte ich spontan Vorfreude. Das passiert mir bei sehr wenigen lebenden Autoren.

Nun ist er in seinem geliebten Cornwall gestorben. Mit 89 Jahren, das ist ein kleiner Trost; und dass er sagte, dass er beim Herannahen des Todes nur Dankbarkeit spüren würde, nach einem Leben wie seinem. Aber was interessiert das Medienschaffende? Ganz einfach: Wem es gelingt, nur einmal in seinem Leben auf einer oder zwei Seiten eine Situation, einen Dialog, einen lebenden Menschen so zu beschreiben wir er, der hat Applaus verdient.

Niemand konnte seine gebrochenen Helden so spielen wie Richard Burton

Mit «Der Spion, der aus der Kälte kam» erzielte er 1963 den internationalen Durchbruch. Es ist ein düsterer Roman, der nach dem Bau der Berliner Mauer spielt. West gegen Ost, und obwohl Le Carré den Spionagekrieg aus Sicht des englischen Secret Service beschreibt, ist die Hauptfigur dieses Romans kein James Bond. Im Hintergrund zieht George Smiley, Protagonist seiner ersten zwei Romane und seine bedeutendste Romanfigur, die Fäden.

Ein Spion wird als angeblicher Verräter in den Osten geschickt. Dort soll er den Spionagechef als getarnten englischen Agenten denunzieren, weil der mit gnadenloser Effizienz das ganze britische Spionagenetz in der DDR liquidieren liess.

Aber, auch ein Leitmotiv bei Le Carré, nichts ist so, wie es scheint. Beide Seiten tricksen und lügen, der desillusionierte Spion erfährt erst ganz am Schluss, dass sein Einsatz eigentlich geplant war, um den DDR-Antispionagechef zu schützen, der in Wirklichkeit tatsächlich ein britischer Agent war. Als er, zusammen mit seiner Geliebten, versucht, über die Mauer zu flüchten, wird sie erschossen. Statt in den Westen zu springen, wo Smiley ihn bereits erwartet, kehrt er um, um sich neben seiner Gefährtin auch erschiessen zu lassen.

Das wurde dann mit Richard Burton in der Hauptrolle kongenial verfilmt und setzte einen ganz neuen Ton in das Genre. Normalerweise kämpften hier strahlende westliche Helden gegen finstere und grausame kommunistische Überzeugungstäter, gerne aus der DDR, der UdSSR oder später auch aus China oder Nordkorea. Und gewannen natürlich, ohne dass der Massanzug Schaden nahm.

Le Carré schraubte sich immer weiter hinauf

In «Der Krieg im Spiegel», 1965, erreicht Le Carré endgültig seine einsame Flughöhe. George Smiley, der einzige Agentenführer, der Grips und Moral hat, kämpft einen aussichtslosen Kampf in der muffigen Bürokratie des englischen Geheimdienstes, der noch von alter Grösse träumt, aber schon längst von den USA übertrumpft wird. Wieder geht es um ein Durcheinander von Inkompetenz, Führungsgerangel und einen Spionagering in der DDR, den ein nach Ruhm und Geld strebender Agent reaktiviert und in einen sinnlosen Einsatz führt, bei dem alle umkommen.

Ab 1974 setzte er die Smiley-Reihe mit drei weiteren Romanen fort. Die Einführung, die Dialoge, der Plot, die Beschreibung von Menschen und ihrer Geschichte mit ein paar wie aus dem Handgelenk hingeworfenen Zeilen, das Leiden von Smiley, der fast alles durchschaut, aber lange nicht, dass sein Vorgesetzter ein sowjetisches U-Boot ist, was er deswegen erst spät entdeckt, weil er nicht voreingenommen sein will, weil dieser Doppelagent ein Verhältnis mit Smileys Frau hat.

Mit Alec Guinness bekam Smiley in den Verfilmungen ein Gesicht und einen Schauspieler, der wie geboren für diese Rolle schien. Als 2011 Gery Oldman als Smiley antrat, verflüchtigten sich sofort alle Befürchtungen. Grossartig, und vor allem: Die Geschichte aus dem Jahr 1974 wurde in diesem Ambiente gedreht, wirkte aber taufrisch.

Zweimal Smiley, der aber einmalig ist.

Was konnte nach dem Ende des Kalten Kriegs noch kommen?

1989 veröffentlichte Le Carré mit «Das Russland-Haus» seinen letzten Roman, der den Kalten Krieg, das kommunistische Lager gegen den Westen, in einer schon zerfallenden UdSSR, thematisierte. Und man fragte sich bang, was er denn noch zu erzählen habe, nachdem er fast 30 Jahre lang dieses Thema bespielt hatte.

Mit seinen 14 noch folgenden Romanen bewies er: mindestens so viel wie vorher. Er nahm sich immer mehr Zeit, um zu recherchieren, und am Schluss kamen finstere Beschreibungen der Realität heraus,in der alle Regierungen, alle Systeme mit allen schmutzigen Tricks arbeiten, und sich die wenigen Moralisten in seinen Romanen immer fragen, woher sie denn die Sicherheit nehmen können, für das Gute auch mit schlechten Methoden kämpfen zu dürfen.

Aber nicht nur Staaten geraten in sein Visier, Drogenhandel, das Wüten von Big Pharma in Afrika, die neue russische Mafia. In «Unser Spiel» über einen vergessenen Krieg tut sein Held etwas, was vorher noch keiner tat. Freundschaft, Hilfsbereitschaft, unverbrüchliche Solidarität, das gab es alles schon vorher. Aber hier entscheidet sich der Held, nachdem er als Aussenstehender durch zu viel Leid und Elend gewatet ist, selbst zur Kalaschnikov zu greifen und auf der Seite der Schwächeren in den aussichtslosen Kampf zu ziehen.

Ein gutes Ende war Le Carrés Sache nicht

Immer seltener enden die Thriller mit dem Sieg des Guten. «Verräter wie wir», der teilweise in der Schweiz spielt, wo Le Carré aus seinen Erinnerungen schöpfen kann und natürlich alle Schauplätze – wie immer – nochmals besuchte, endet damit, dass der Zeuge gegen die russische Mafia wieder einmal von einem kleinen Grüppchen auf eigene Faust handelnde Mitarbeiter des Circus, wie der Geheimdienst in London heisst, angeworben und mit vielen Mitteln, Kompetenzüberschreitungen und Überredung dazu gebracht wird, aus seinem Versteck nach London zu fliegen, um gegen Zeugenschutz auszupacken.

Der gebrochene Held dieser Story begleitet ihn noch zum Flugplatz, sieht, wie der Zeuge den Helikopter besteigt – und sieht, wie der in der Luft explodiert.

Mit «Der Schneider von Panama» über die US-Invasion verneigte sich Le Carré vor Graham Greenes «Unser Mann in Havanna», selbst in einem seiner letzten Romane, «Das Vermächtnis der Spione», als sein längst pensionierter Held Smiley und dessen engster Mitarbeiter nochmal einen Auftritt haben, weil der MI6, wie der Geheimdienst nun heisst, nochmal alte Fälle aufarbeiten will, zeigt Le Carré, dass eigentlich alle seine Romane nicht in erster Linie von Spannung gelebt haben.

Menschen, Dialoge, Atmosphäre: einfach meisterhaft

Davon auch, mit welcher Meisterschaft treibt er immer die Story zur Klimax gegen Schluss. Aber vor allem mit seiner Fähigkeit, Menschen zu zeichnen, in kurzen, aber genialen Dialogen ihre Weltsicht, ihre Moral – oder ihre fehlende Moral –, ihr Zweifeln, was ein Einzelner in diesen Maschinerien, gegen diese Weltkonzerne überhaupt noch ausrichten kann, so darzustellen, dass es niemals ein erbaulicher Diskurs zur Besserung des Lesers wird.

Das verhindert schon die Ironie und der trockene englische Humor, die ewige Distanz des vielfach Aussenstehenden. Der als ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter und schlichtweg genialer Schriftsteller nicht nur das englische Wesen perfekt beschreiben konnte. Sondern er beschäftigte sich unablässig mit den grossen Fragen, was tun wir, woher wissen wir, dass es richtig ist, wieso wissen das Regierungen meistens nicht, was ist wichtiger, ein gegebenes Wort, eine Überzeugung oder das eigene Leben? Was soll man für «King and Country» tun, opfern, über Bord werfen?

Der Thriller als Gesellschaftsroman

Schliesslich ist Le Carré ein weiterer Beweis dafür, wie Greene, wie Dashiell Hammett, wie Richard Stark, wie Robert Harris, vor allem wie James Ellroy, dass man mit Thrillern oder Kriminalromanen die Gesellschaft gnadenlos gut beschreiben und demaskieren kann. Wie im Titel des wohl besten Romans von Greene: «Die Stunde der Komödianten». Der nicht zufällig auch mit Richard Burton verfilmt wurde.

Das wahre Vermächtnis von Le Carré bleibt: Trotz diesem Zustand der Welt, den er wie kein zweiter durchschaute und beschrieb: Er setzte immer ein «dennoch» dagegen. Ein Aufbäumen, ein Suchen nach Verbesserung. Auch wenn es meistens nicht gelingt: Man muss es aber immer wieder probieren.

 

Ein schwerer Verlust für alle

Helmut Hubacher ist mit 94 Jahren gestorben.

Helmut Hubacher im Nationalrat. Foto: Sammlung Rutishauser

Es hat dann doch nicht gereicht, unseren lustigen Disput, den wir in der «Basler Zeitung» führten, wie von uns beiden gewünscht persönlich in seinem Altersitz in Courtemaîche im Jura auszudiskutieren.

Das letzte Mal sah ich ihn am Abschiedsfest von Markus Somm, als die BaZ in die Einheitssauce aus dem Hause Tamedia getunkt wurde.

Unglaublich, wie wach, intelligent, informiert und schreiberisch auf der Höhe Hubacher bis zuletzt geblieben ist. Nach einer Politkarriere, wie sie geradliniger und konsequenter nicht sein könnte.

Seine Persönlichkeit machte ihn einmalig

Er ist, er war ein Beispiel dafür, dass es nicht an veränderten Zeiten liegt, dass Politiker wie er heutzutage in der Schweiz nicht existieren. Was ihn einmalig machte, waren nicht die Zeiten oder Umstände. Es war seine Persönlichkeit.

Er war von Jugend an ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat. Schon immer publizistisch tätig, so wurde er 1963 Chefredaktor der Basler Arbeiter-Zeitung; im gleichen Jahr, als er auch Einzug in den Nationalrat hielt.

Von 1975 bis 1990 war er Präsident der SP Schweiz. Er war mehr als das. Er war aufrecht, anständig, ein harter Fighter in der Sache, dabei zielte er aber niemals auf den Mann. Er hatte auch keine Berührungsängste, setzte sich in einem Buch mit dem Phänomen Blocher auseinander.

Geradlinig von Anfang bis Ende

Zu seinen Prinzipien gehörte auch, sich nicht zu distanzieren oder zu entschuldigen, wenn es seiner Überzeugung nach nichts zu entschuldigen gab. 1982, also noch mitten im Kalten Krieg, präsidierte er eine offizielle Delegation der SP auf einem Besuch in der damaligen DDR. Dabei kam es auch zur Begegnung mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.

Das löste noch viele Jahre danach grosses Geschrei aus. «Moskau einfach» war damals der Kriegsruf der Rechtskonservativen in der Schweiz, Hubacher solle sich gefälligst für diesen Besuch entschuldigen, sich von der Diktatur in der DDR distanzieren. Was er nicht tat.

Denn er wusste, dass an seinen demokratischen Überzeugungen und seiner Liebe zum demokratischen System der Schweiz keine Zweifel möglich waren. Und politisches Geschrei tropfte von ihm ab.

Er positionierte die SP als wählbare linke Volkspartei. Er war ein kenntnisreicher Kritiker der Schweizer Armee und ihren ewigen Beschaffungsskandalen, gleichzeitig aber ein Befürworter der Landesverteidigung, weshalb die SP bei der Initiative zur Abschaffung der Armee an der Seitenlinie stand.

Noch 30 Jahre Publizistik

Nach Beendigung seiner aktiven politischen Zeit 1990 blieben ihm noch weitere dreissig Jahre, die er unablässig mit Schreiben und Nachdenken und Diskutieren verbrachte. Fürs Schreiben benützte er eine Schreibmaschine; Kontakte mit ihm spielten sich über Briefe oder das Faxgerät ab. Umso beeindruckender, wie umfassend er – ohne das Internet zu benutzen – über die Tagesaktualität informiert blieb.

Er war nie ein Mann der grossen Gesten, er wollte sich nie aus Eitelkeit selbst in den Vordergrund stellen. Eigentlich war er der Helmut Schmidt der Schweiz, obwohl er selbst nie Regierungsverantwortung trug. Dafür war er in der Schweizer Mediokratie zu gross, zu bedeutend, zu gewichtig.

Bedauerlich, dass es in der Schweiz keinen Elder Statesmen gibt

Aber auch und gerade wegen ihm ist es so bedauerlich, dass die SP-Presse in der Schweiz kläglich an ihrer eigenen Unfähigkeit zugrunde ging. Wegen ihm ist es bedauerlich, dass die Schweiz kein Organ vom Format «Die Zeit» hat. Dort reifte Schmidt in Deutschland zum Elder Statesman heran, zum alten Weisen, bei dem die anderen verstummen, wenn er spricht.

Dieses Format hatte Hubacher auch. Es war schon vor seinem Tod ein schmerzlicher Verlust für die Schweiz, dass er keine Plattform hatte, um wirkmächtiger zu werden. Aber er kann in Frieden mit sich und der Welt ruhen. Mehr als er kann man in der Schweiz als Politiker nicht erreichen. Er war Vorbild, anständig, bescheiden, niemals in Skandale verwickelt, seit 1949 mit seiner Jugendliebe verheiratet. Gret Hubacher-Hungerbühler gelten unsere Gedanken.