Wie sorgt man richtig für Stimmung?
Führung heisst in erster Linie: motivieren und für gutes Betriebsklima sorgen.
Es ist nun beinahe zwei Wochen her, dass die Leitung von Tamedia es krachen liess. Die publizistische Leiter Simon Bärtschi sorgte für den Brüller des Monats: «Weichenstellung für unabhängigen Qualitätsjournalismus». Richtig wälzen vor Lachen konnten sich allerdings nur diejenigen, die von dieser Weichenstellung nicht betroffen sind.
Denn sie erfolgt, indem 90 Vollzeitstellen im Journalismus gestrichen werden (und 200 in Druckereien, was eine weitere Sauerei ist).
Nun ist es im Kapitalismus durchaus so, dass Firmen, denen es nicht gut geht, Mitarbeiter entlassen müssen. Nicht völlig egal ist dabei, aus welchen Gründen. Die Umstände, der Markt, die Weltgeschichte, der Chinese – oder brüllende Inkompetenz des eigenen Managements.
Besonders störend ist dabei, dass den Medienerzeugnissen des Hauses TX zuerst alle Werbeplattformen abgeschraubt wurden, die dank ihnen überhaupt gross wurden. Wohnungs-, Auto-, Stellen-, Kleinanzeigenmarkt, nicht zuletzt durch die Zusammenlegung mit Ringier eine Goldgrube, ein Mehrwert, Anlass zu einer Sonderdividende für den gierigen und grossen Coninx-Clan.
Auch ohne diese Einnahmequelle sollen die Medienerzeugnisse mindestens 8 Prozent Rendite abwerfen. Noch absurder: weil «20 Minuten» das in der Vergangenheit problemlos schaffte, wurde der Gratisanzeiger auch abgeschraubt und in der Holding TX in ein eigenes Profitcenter verwandelt. Übrig blieb der elende Rest.
All das ist ist durchaus Anlass für Unmut in der Redaktionsmannschaft. Dass Bärtschi mit seinem selten bescheuerten Kommentar noch Öl ins Feuer giesst, ist das eine.
Das andere, Schlimmere ist aber: wenn es schon zu schmerzlichen Entlassungen in diesem Ausmass kommt, muss so schnell wie möglich Klarheit geschaffen werden, wen es trifft. Angesichts der Rumpfredaktionen unter dem Dach von Tamedia handelt es sich bei 90 Vollzeitstellen um sicherlich mehr als 100 Gefeuerte, einen gewaltigen Aderlass. Nur: es ist bis heute nicht bekannt, wer. Dass es 90 Stellen sein müssen, die entsprechende Einsparung lässt sich leicht ausrechnen, das schafft selbst CEO Jessica Peppel-Schulz.
Wieso allerdings nicht 100, oder 80, oder 95,5? Oder he, wäre es nicht einfacher jeder Zweite? Oder statt über 50 leitende Nasen nur noch 10? Oder so feuern, dass endlich auf jeder Hierarchiestufe 50 Prozent Frauenanteil erreicht wird? Nein, sorry, Quoten für Nonbinäre, Hybride und Transen gibt es nicht. Aber gut, die Wege des oberen Managements sind unerforschlich.
Wen trifft es denn nun? Das erinnert unweigerlich an ein altes Soldatenlied von Ludwig Uhland:
«Eine Kugel kam geflogen,
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.»
Nun gibt es sicherlich Tagi-Redaktoren (irgendwie ist der Schweizer Plural passend), die sich sicher sind, dass sie unkaputtbar seien. Immer brav in jede Körperöffnung oberhalb der eigenen Gehaltsklasse gekrochen. Jeden Woke-Wahnsinn mitgemacht. Niemals auch nur leise Kritik an den vielen Häuptlingen geäussert. Bei jedem Kommentar von Raphaela Birrer, jedem Auftritt von Kerstin Hasse, jedem birreweichen Rempler von Loser, Tobler & Co. nur innerlich zusammengezuckt und ein freundliches Gesicht dazu gemacht.
Niemals bezweifelt, dass man mit immer weniger Nasen immer besseren und konzentrierteren Qualitätsjournalismus machen könne. Kein Wort dagegen gesagt, dass man in der Verrichtungsbox im Newsroom im Stundentakt Tickermeldungen zusammenschnetzeln und rauspusten muss. Begeistert begrüsst, dass die Verweildauer des Users und die Quantität der eigenen Werke das einzige Leistungskriterium ist.
Aber dennoch. In solchen Zeiten ist auf jeden Fall die Führung gefragt. Schliesslich gibt es bis hinunter zum stellvertretenden Irgendwas über 50 Nasen bei Tamedia, die irgend eine Führungsaufgabe haben. Da hätte man erwarten können, dass auf jeden Fall von der Chefredaktion aufmunternde, öffentliche Geräusche kommen. Dass der neugierigen Leserschaft mal ernsthaft erklärt wird, wie man zum gleichen Preis mit weniger Leuten mehr Qualität basteln kann.
Man hätte auch ein Wort dazu erwarten müssen, dass die Entlassung von über 100 Nasen ja bedeutet: ihr ward bloss Ballast, Bremser, habt nichts zum Qualitätsjournalismus beigetragen. Denn es geht doch problemlos auch ohne euch. Ohne euch sind wir «noch näher» beim Leser, fragen uns «noch mehr», was der eigentlich will, frönen bedingungslos dem relevanten, demokratiefördernden Journalismus, üben die Vierte Gewalt im Staate aus.
Schön, dass wir Euch los sind. Das ist doch die Message. Nur: wen trifft’s? ZACKBUM schlägt vor, dass jeden Morgen, vielleicht so gegen neun, über das interne Kommunikationssystem folgendes Lied abgespielt wird. Als Muntermacher, als Motivationsturbo, vielleicht gesungen von der Chefredaktion:

Falls dazu die stimmlichen Fähigkeiten nicht ausreichen – Wikipedia weiss: «Gesungen wird das Lied dabei nur im Ausnahmefall, sondern lediglich durch Intonation der allgemein bekannten Melodie mit einer Blaskapelle oder einer einzelnen Trompete angedeutet.»
Vielleicht kann ja jemand im weitverzweigten Coninx-Clan Trompete spielen …
