Blödsinn zum Fürchten
Beim Tagi fallen die letzten Schranken.
Die Redaktion des «Tages-Anzeiger» umfasst rund 300 Journalisten. Pardon, Journalierende. Nein, Journalist*Innen***.
Nachdem alleine 2024 90 Redaktionsstellen abgebaut wurden und diverse Schreibkräfte, die noch etwas Ehre im Leib haben, das Weite suchten.
Mindestens 299 von ihnen müssten vor Scham rot anlaufen, wenn sie dieses Elaborat lesen:

Das ist nicht einfach die absurde persönliche Meinung der Autorin Alexandra Aregger. Sondern es handle sich um einen «Leitartikel zum Femizid-Prozess». Nirgends ist der Kalauer vom Leidartikel angebrachter als hier.
«Sie hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern absolviert und stiess 2022 über das Förderprogramm für investigativen Journalismus zum «Tages-Anzeiger».» Ein weiteres Beispiel, dass Ausbildung und Förderung für die Katz sein kann.
Sie leitet ihr Pamphlet mit einem Zitat des Richters im Prozess von Muttenz* ein: «Dieser Fall hat unsere Realität verändert.» Am Anfang bereits das Ende der Logik. Denn wenn es ein singulärer Fall ist, kann er schlecht als Anlass für «Lektionen» dienen.
Dermassen eingestimmt, widmete sich Aregger schon der Berichterstattung. Hier aber schurigelt sie gleich «die Schweiz» und will ihr gar «Lektionen» erteilen. Welche Arroganz, welche Überheblichkeit.
Der Mörder seiner Frau wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Nicht nur die Tat war besonders grausam; anschliessend versuchte der Täter, die Leiche seiner Frau zu beseitigen. Wir ersparen dem Leser die abscheulichen Einzelheiten.
Aregger erregt sich über den Versuch der Verteidigung, «das Opfer zu denunzieren». Schlimmer noch: «Der Täter und zeitweise auch die Verteidigung fabrizierten eine krasse Täter-Opfer-Umkehr.» Das mag so gewesen sein und war offensichtlich keine besonders geschickte Strategie. Ob Aregger schon etwas davon gehört hat, dass ein Angeklagter alles tun darf, auch lügen und manipulieren, um sich zu verteidigen?
Aber natürlich sei das kein Einzelfall, sondern ein Muster: «Diese Täter-Opfer-Umkehr ist ein fatales Signal für alle Gewaltbetroffenen, die häufig gedemütigt und für die Gewalt, die ihnen widerfährt, selbst verantwortlich gemacht werden.»
Die Reaktionen darauf seien mehr als verständlich, behauptet Aregger: «Viele waren auch wütend. «Ich glaube nicht, dass man den Täter genug bestrafen kann», sagte eine Freundin des Opfers, während sie sich Tränen aus dem Gesicht wischte. «Er hat noch ein Leben, das er führen kann. Sie nicht.»»
Um im Duktus von Aregger zu bleiben: das ist ein Signal für die Wiedereinführung der Todesstrafe.
Ein weiterer Aufschwung ins Allgemeine: «Diesem Machtanspruch liegen letztlich traditionelle Rollenbilder zugrunde, die bis heute mitten in der Schweizer Gesellschaft weiterbestehen und durch einflussreiche Politiker und Influencer gar wieder Aufschwung erleben.»
Ganz abwegig sei die Behauptung, bei Tötungsdelikten an Frauen handle es sich «um Notwehr oder ein Migrationsproblem, als das häusliche Gewalt von gewissen Absendern gern abgetan wird».
Eigentlich erübrigt sich nach diesem abschliessenden Ausflug ins Groteske jede weitere Analyse:
«Es gilt klarzustellen: Ein Femizid ist kein Akt der Liebe.»
Dennoch ist klarzustellen: dieser Mörder ist offensichtlich ein schwer gestörter Mensch, wahrscheinlich ein Soziopath. Ihn als Symbolfigur für Männergewalt in der Schweiz darzustellen, ist ungefähr so sinnvoll, wie Hannibal Lecter als den typischen Mörder von nebenan.
Es ist eine Frechheit, diese Tat als typischen Ausdruck männlichen Kontroll- und Herrschaftswahns falsch zu interpretieren. Es ist ungehörig, die zwar falsche, aber berechtigte Strategie der Verteidigung als fatales Signal für alle zu denunzieren. Es ist brandgefährlich, indirekt die Wiedereinführung der Todesstrafe in den Raum zu stellen. Es ist idiotisch, diesen Mord in angeblich traditionelle Rollenbilder einzufügen. Zu denen auch Achtung, Ehre und Fürsorge für Gattin und Kinder gehören.
Es ist eine putative Notwehr, an diesem Fall zu bestreiten, was offensichtlich ist: Gewaltausübung in der Ehe hat natürlich überproportional häufig einen Migrationshintergrund. Das zu negieren, ist etwa so absurd wie den prozentualen Anteil von Ausländern in Schweizer Gefängnissen wegfabulieren zu wollen.
Der absurde Höhepunkt ist aber der unverständliche Satz, dass ein Femizid kein Akt der Liebe sei. Himmels willen; Herr, lass Hirn vom Himmel regnen: wer sollte denn das behaupten?
Dieser Satz ist ungefähr so bescheuert wie die Aussage: Ein Mord ist kein Ausdruck von Lebensbejahung.
Es bleibt einmal mehr die Frage: Schämt Ihr Euch eigentlich nicht, Ihr Tagi-Journalisten? Traut sich wirklich niemand mehr, aus Angst um den Arbeitsplatz, gegen eine solche Herabwürdigung eines ehemals stolzen Blatts zu protestieren?
*Nach Leserhinweis korrigiert.


