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Verzweiflungstaten

Was haben drei Ereignisse gemeinsam?

Auf den ersten Blick scheinen sie nicht viel miteinander zu tun zu haben.

Christian Brönnimann, ehemals «Recherchedesk» von Tamedia, ist als Mediensprecher zur Bundesanwaltschaft (BA) gewechselt.

Michèle Binswanger, langjährige Redaktorin bei Tamedia, wechselt zum «Nebelspalter».

Die IMG, Betreiber des Portals nau.ch, übernimmt Christoph Blochers Zeitungshaus AG, seine Sammlung von Gratisanzeigern.

Brönnimann wurde unrühmlich bekannt, als er unter Ausschlachtung von Hehlerware, auch bekannt als Leaks und Papers, einen unbescholtenen schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann und dessen Firma ruinierte. Er versuchte sich auch mal an einem kleinen Rufmord gegen den ZACKBUM-Autor René Zeyer, der ihn für seinen Geschmack ungebührlich kritisiert hatte.

Binswanger wurde unter anderem dafür bekannt, dass sie ein Buch über die Merkwürdigkeiten einer Zuger Landammann-Feier schrieb und dafür von der betroffenen Kämpferin gegen Hass im Internet kräftig gehasst und mit Prozessen überzogen wurde.

Während Brönnimann jegliche Verantwortung für sein Tun ablehnte, scheint im Fall von Binswanger die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers an seine Grenzen gekommen zu sein: per Crowdfunding muss sie Geld einsammeln, um sich der juristischen Bekämpfung durch eine verfolgende Unschuld zu erwehren.

ZACKBUM kennt das Problem ein wenig; so versuchte ein Mohrenkopf-Professor, ihn mit einer Beleidigungsklage finanziell zu schädigen. Was allerdings in diesem Fall in einem völligen Desaster für ihn endete. Er musste nicht nur die Kosten seiner Anwältin, sondern auch die Gerichtskosten und die Honorarnoten der Anwälte von «Weltwoche» und ZACKBUM bezahlen.

Dann hätten wir den Zusammenschluss von 23 Printtiteln mit einer Gesamtauflage von über 700’000 Exemplaren und einem reinen Online-Portal mit über 4 Millionen monatlichen Nutzern. Dieses Zusammenkaufen durch Blocher, nachdem er sich schmählich von der «Basler Zeitung» getrennt hatte, hat eigentlich niemand verstanden. Ist vielleicht eine Altersfrage, noch in Gedrucktes zu investieren.

Zu einem nicht veröffentlichten Preis (ob es mehr als ein symbolischer Franken ist?) kauft nun die IMG das Blätterbündel, während Blochers Holdinggesellschaft Robinvest sich mit 15 Prozent an der IMG beteiligt. Womit klar ist, wer der Juniorpartner bei dieser Fusion ist.

Was haben nun diese drei Ereignisse gemeinsam?

Es sind Verzweiflungstaten.

Vom wohldotierten Recherchedesk, wo jeder Mitarbeiter ungeniert seine Steckenpferde reiten konnte, zur Schnarch- und Flopbehörde BA, deren Lieblingsvokabel in der Medienarbeit ist: Dazu können wir keine Stellung nehmen.

Von der im heutigen Journalismus Schoggiposition der Gesellschaft-Autorin zum abrebelnden «Nebelspalter», dessen vorletzter Vielschreiber Dominik Feusi gerade zur NZZ abgesprungen ist, nachdem schon vorher angeberische Büroräume und eine aufgeblasene Payroll abgestossen werden mussten.

Und schliesslich Blochers Experiment, wenigstens in Gratisgazetten eine Kolumne führen zu können, die allerdings nicht wirklich zur Kenntnis genommen wurde. Dafür hätte er es auch bei Blocher-TV bewenden lassen können; das wird schlank und rank produziert.

Aber Print-Dinosaurier werden als Stand-alone-Geschäftsmodell den doppelten Einschlag von Internet und KI nicht überleben. Worin soll ihre Existenzberechtigung bestehen, wenn sie am Morgen druckwelk das servieren, was sich bis am späteren Vorabend zugetragen hat? Garniert mit Bauchnabelbetrachtungen der Journalisten und ihren unermüdlichen und ungehörten Ratschlägen an die Welt.

Dafür auch noch Geld zu verlangen, das ist langsam eine Frechheit. Wobei wir die NZZ und die «Weltwoche» von diesem Urteil ausnehmen wollen. Die beide natürlich auch einen durchmarschierenden Online-Auftritt haben.

Dass Blochers Blattsalat eine Ergänzung im Internet brauchte, ist sonnenklar. Wozu nau.ch mittelfristig Print braucht, ist unklar. Dass Brönnimann bis zur Frühpensionierung eine ruhige Kugel schieben will, ist klar. Dass es Binswanger im ungebremst woken Gutmenschenblatt Tamedia nicht mehr ausgehalten hat, ist ebenfalls klar.

Da sich Brönnimann von jeglichem journalistischen Anspruch verabschiedet hat, allerdings weniger erfolgreich als die ehemalige publizistische Leiter nach unten Pascal Hollenstein, erübrigt sich jegliche Qualifikation.

Ob Binswanger allerdings im Nischenprodukt «Nebelspalter», der es wie Blochers Organe nie zu Relevanz und Bedeutung gebracht hat, nochmal durchstarten kann, ist ebenfalls unklar. ZACKBUMs gute Wünsche begleiten sie auf jeden Fall.

Was für ein Schwätzer

Der Fall Wermuth als Versagen der SP.

Seine Co-Präsidentin hat vorübergehend das Handtuch geworfen. Also muss der «Strategieberater» und Heuchler Cédric Wermuth (anderen will er das Fliegen verbieten, selbst war er mit Familie in einer zweimonatigen Auszeit in Asien unterwegs) alleine die Bälle in der Luft halten.

Das erreicht er vor allem mit öffentlichen und öffentlichkeitswirksamen Auftritten. In den letzten sechs Monaten gibt es 371 Treffer im Medienarchiv SMD. Fabian Molina, der andere Krakeeler, schafft es nur auf 209; Mattea Meyer ist mit 14 abgetaucht.

Also trötet Wermuth in jeden Lautsprecher, den man ihm hinhält. Da für Tamedia Qualität, intellektuelle Flughöhe oder stringente Argumentation völlig egal sind, findet er dort ein Plätzchen für seine unausgegorenen Gedanken. Der arme Helmut Hubacher würde sich im Grab drehen, müsste er einen solchen Stuss lesen.

Wermuth beginnt großspurig mit einem Zitat eines «der Väter der Wirtschaftswissenschaften» – und Mussolini-Sympathisanten – Vilfredo Pareto: «Die Geschichte sei ein Friedhof der Eliten». Hört sich irgendwie geschwollen-gut an, ist aber nur heisse Luft. Dann arbeitet sich auch Wermuth am hinlänglich bekannten Verbrecher Jeffrey Epstein ab. Bringt aber immerhin einen originellen Aspekt ein.

Oft werde sein Verhalten (und das seiner Entourage) als «individualpsychologische Störungen der Täter» abgetan. Ganz falsch, weiss Hobbyanalytiker Wermuth, diese «Gewaltorgien» (hä?) «spiegeln die Realität der neoliberalen Ordnung». Ach was.

Vom Einzelfall zum Generalverdacht: «Eine Welt, geprägt von Ungleichheit, Rücksichtslosigkeit und Frauenverachtung, wird von Eliten beherrscht, die diese Werte exzessiv leben.» Nicht nur Männer, besonders reiche Männer sind Schweine. Allesamt. Selbst Warren Buffett. Oder Noam Chomsky. Ups, der ist ja gar kein versauter Reicher, sondern eine Galionsfigur für Linke wie Wermuth. War gerne Gast bei Epstein und riet seinem Freund, schlechte Presse wegen dessen Verurteilung als Zuhälter einfach zu ignorieren.

Puff, schon ist die Luft draussen aus diesem Ballon voll pseudoklassenkämpferischem Gedöns.

Offenbar fand wohl auch die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi, dass solcher Unfug nicht einfach stehengelassen werden konnte. Also durfte Michèle Binswanger eine Replik schreiben. Der Missbrauch von Frauen als Ausdruck neoliberaler Denke? Der Missbrauch von Tausenden von Frauen durch pakistanische Banden in Großbritannien, stellt sie dagegen. «Auch dort gab es Whistleblower, die aber unter anderem von linken Behörden und Politikern ignoriert wurden, aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen.»

Bill Cosby, die frauenfeindliche Ideologie des Islam, die hohe Ausländerquote bei Femiziden in der Schweiz, gehören all die «auch zu den «neoliberalen Eliten», die glauben, für sie gelten andere Regeln», fragt Binswanger rhetorisch.

Das auszublenden sei «Zynismus», endet sie eher sanft, angesichts dieser ungeheuerlich-blöden Instrumentalisierung des Epstein-Skandals für klassenkämpferische Zwecke.

Denn welche Lösungen hat Wermuth anzubieten?

«Wer zukünftige Epsteins verhindern will, muss die Straflosigkeit beenden und Privilegien abbauen: durch Begrenzung von Millionengehältern, Einschränkung extremer Vermögen und verbindliche Menschen-, Frauen- und Umweltstandards auch für Konzerne und ihre CEOs.»

Hat der Mann noch alle Latten am Zaun? Genitalverstümmelung, die Frau als Mensch zweiter Klasse in islamischen Staaten, Wegschauen, wenn der Täter die falsche Hautfarbe oder Rasse hat, das wären wohl Themen, die man angehen sollte. Wenn schon. Aber «Einschränkung extremer Vermögen» und «verbindliche Umweltstandards» würde weitere Epsteins verhindern?

Ganz abgesehen von der Frage, wie das denn gehen sollte: wie kann ein Co-Präsident der SP nach solchen Äusserungen noch darauf hoffen, ernst genommen zu werden?

Ach, und wo war denn eigentlich der Kampffeminist und Frauenrechtler Wermuth, als er sich knallhart bei der parteiinternen Nominierung für den Ständerat gegen seine Kollegin Yvonne Feri durchsetzte? Obwohl er eine Profi-Agentur für seinen Wahlkampf engagierte, endete er dann als dritter Sieger bei den Wahlen …

Die Frage ist allerdings, wer in der SP diesem Verbal-Berserker Einhalt gebieten kann. Zum Schutz und Besseren für alle.

 

Überblättertes

Selber schuld: ZACKBUM wollte gerecht diesmal «SonntagsZeitung» drannehmen.

Die guten Nachrichten zuerst. Sie ist billiger als die «NZZamSonntag». Fr. 6.40 gegen 7.50. Und sie hat kein Editorial von Beat Balzli. Dann hat sie aus der Schreckenskammer Crans-Montana ein neues Stück Wahnsinn zutage gefördert.

Unglaublich. Mehrere IT-Plattformen des Wallis wurden von einem psychisch labilen externen IT-Techniker gewartet. Der schliesslich in der Klapsmühle endete, worauf diese Software ausser Betrieb genommen wurde und der Sicherheitschef der Gemeinde keine Informationen über durchgeführte Brandinspektionen mehr hatte. Ein Stück wirklich aus dem Tollhaus.

Plus ein Interview mit dem Ökonom Reiner Eichenberger, der wie immer interessante Ideen und Ansichten zur Halbierungsinitiative hat: «Wir brauchen Vielfalt ohne einen überfütterten Dominator.» Nicht schlecht.

Allerdings sülzt daneben die SRG-Ombudsfrau Esther Girsberger in aller Unabhängigkeit zum Wort «Linksdrall» bei der SRG: «Diese Pauschalisieren ärgert mich.» Dabei hat sie gerade einer Beschwerde grösstenteils recht gegeben. Die Deutschland-Korrepondentin Alexandra Gubser zeigte mal wieder einen ganz deutlichen Linksdrall.

Schon auf Seite 19 überfällt dann die Brachial-Kolumnistin Gülsha Adilji (da sehnt man sich sogar nach Balzli) den unvorbereiteten Leser mit der Mitteilung: «Ich habe mich vor sieben Fremden nackt ausgezogen.» Das will man sich wirklich nicht vorstellen.

Der Rest des ersten Bundes ist allerdings Aufgewärmtes und Aufgekochtes.

Gähn.

Schön, dass ihr die SoZ für diesen internen Knatsch eine ganze Seite einräumt, mit dem journalistischen Ansatz: was wollten Sie zu diesem Thema schon immer mal sagen? Und wann waren Sie das letzte Mal so gross im Bild?

Und dann kann man lesen, wie es ist, wenn die ewige Frage des Chefredaktors «und welchen Nachzug haben wir sonst noch zu Crans-Montana» mit einem Sozialporno beantwortet wird:

Auch Martin Suter hat nicht immer Sternstunden und nimmt, mangels anderer Themen, schon ganz, ganz früh Anlauf für den nächsten US-Präsidentschaftswahlkampf:

Themenmangel beherrscht auch die «Wirtschaft»:

Diese Frag dräut unheilschwer über uns, seit es Arbeit gibt. Wie wäre es aber mal mit einer Untersuchung, ob das Lesen der SoZ krank macht?

Michèle Binswanger sorgt dann gegen Schluss noch für etwas Pep am Sonntag:

Und schliesslich noch eine Erkenntnis, die wir schon immer geahnt haben:

Und schliesslich eine Erkenntnis, die … oder sagten wir das schon:

Wenn man diese vier Artikel auf die SoZ anzuwenden versucht, kommt man zu interessanten Resultaten.

Es ist allerdings die Frage, wie viele Leser bis zur Seite 62 durchhalten, ohne sich Streichhölzer in die Augenlider zu klemmen.

Früher, ja früher war der Sonntag der gegendarstellungsfreie Raum. Unter der Woche wurde recherchiert, dann wurde der Betroffene am Samstagnachmittag zur Stellungnahme aufgefordert, in der Hoffnung, dass er überrumpelt nichts sagt. Oder vergeblich versucht, seinen Anwalt oder einen Richter zu erreichen, der eine Superprovisorische erlassen würde.

Und schon hatte man einen hübschen Kracher, der manchmal sogar länger als bis am Montagmorgen vorhielt.

Aber heute? Heute ist Überblättern angesagt, kurz reinbeissen und mit einem schalen Geschmack im Mund zurückbleiben. Wie lange das noch gutgeht? CH Media hat sich bereits vom Sonntag verabschiedet …

 

 

Gesinnungs-Journalismus

Was ist nur aus Nick Lüthi geworden?

Der war früher mal ein unabhängiger Journalist, der die «Medienwoche» herausgab. Sie wurde dann ein weiteres Opfer der aussterbenden Spezies Medienkritik.

Seither verdingt er sich auf persoenlich.com als Redaktor. Hier wird meistens mit Wattebäuschen geworfen. Hier aber nicht. Der leicht unrasierte Herr mit gebleckten Zähnen ist «Martin Steiger, Anwalt und Medienrechtler». Also im Prinzip eine valable Figur, um etwas zum Zuger Skandal-Urteil zu sagen, dass Jolanda Spiess-Hegglin für 4 ehrverletzende Artikel eine Gewinnherausgabe von über 300’000 Franken zusprach.

Der Mann sagt für einen Juristen erstaunliche Dinge. Wieso sei Ringier mit seiner Argumentation nicht durchgekommen?

«Das lag aber auch daran, dass das Gericht auf dem Bundesgerichtsurteil zur Gewinnherausgabe in Sachen Willy Schnyder, dem Vater der Tennisspielerin Patty Schnyder, von 2006 aufbaute und auf die rechtliche Lehre verweisen konnte

Damit wäre er bei der Anwaltsprüfung durchgerasselt. Das Bundesgericht hat lediglich den grundsätzlichen Anspruch – im Gegensatz zur Vorinstanz – bestätigt. Es wurde damals, hinter die Ohren schreiben, keine Gewinnberechnung durchgeführt, weil man sich in einem Vergleich einigte.

Dann sollte der Jurist vielleicht die Finger von Finanzrechnungen lassen, denn er hat eine Meinung, aber keine Ahnung:

«Mir erscheint mit Blick auf den begründeten Entscheid plausibel, dass Jolanda Spiess mit ihren finanziellen Forderungen deutlich näher an der Wahrheit lag als Ringier.»

Und was ist mit der abschreckenden Wirkung dieses Fehlurteils? «Nein, ich teile diese Befürchtung nicht.» Dass Verlage damit bedroht sind, dass aufgrund von aberwitzigen Berechnungen Zahlungen in der Region Hunderttausende fällig werden könnten und kritische Berichterstattung unter diesem Damoklesschwert eingeschränkt wäre – nichts Abschreckendes. Da lachen selbst juristisch nicht ausgebildete Hühner.

Aber der Anwalt kann noch mehr, auch inhaltslose Sätze: «Die Medienfreiheit ist kein Freipass für Persönlichkeitsverletzungen.» Hat auch niemand behauptet …

Und dann noch zwei Brüller zum Schluss: «Das Kantonsgericht Zug hat mit seinem Entscheid erst einmal ein bemerkenswertes und lange erwartetes medienrechtliches Präjudiz geschaffen.» Es hat tatsächlich ein Präjudiz geschaffen, das aber so schnell wie möglich korrigiert werden muss, da es auf Luftberechnungen ruht.

Und: «Wenn es alles in allem bei dieser Rechtsprechung bleibt, wird jener Journalismus in der Schweiz, der auf Qualität setzt, erheblich gestärkt.»

Nach diesem juristischen Geplapper kommt allerdings noch eine Fussnote, die genau das Gegenteil beweist. Zum einen, dass Lüthi nicht auf Qualität, sondern auf Gesinnung setzt. Zum zweiten, dass es völlig unter jeder Kanone ist, jemanden als Fachmann zu präsentieren, der mit einer der beiden Parteien verbandelt ist. Es gäbe nun wahrlich genügend Medienanwälte in der Schweiz, die zumindest eine nur fachlich motivierte Meinung abgeben könnten. Aber so?

«Martin Steiger sitzt im Beirat von #NetzCourage, einer Organisation, die Jolanda Spiess-Hegglin gegründet hatte.»  Als die Hassleaks nachwiesen, auf welch üble Art JSH gegen ihre Feindin Michèle Binswanger vorging («Drecksarbeit», die Autorin so fertigmachen, dass sie am besten «auswandern» sollte), gingen die tapferen Beiräte auf Tauchstation.

Die NZZ schrieb damals: «Die zitierten Chat-Wortmeldungen sind teilweise krass und lassen sich mitnichten mit Spiess-Hegglins Ansinnen vereinbaren, Hass im Netz zu bekämpfen

Nur Steiger verstieg sich auf Anfrage zur Antwort: «Als Beiratsmitglied stehe ich dem Vorstand von #NetzCourage weiterhin mit meinem Fachwissen zur Verfügung: Der Vorstand fragt, ich gebe Rat. Meine Beiratstätigkeit erfolgt ausschliesslich gegenüber dem Vorstand und nicht gegenüber der Öffentlichkeit.»

Nun geht er aber an die Öffentlichkeit, und wie …

 

Wumms: Aline Trede

Die grüne «Nationalrätin und Unternehmerin» heuchelt vor sich hin.

Die Fraktionschefin der Grünen ist keine Zierde des Parlaments. So keifte sie in Fäkaliensprache «Stoppt dieses Scheissbuch», obwohl die umfangreiche Recherche von Michèle Binswanger gar noch nicht erschienen war. Aber sie gehört halt zum Unterstützerkreis einer Zuger Aktivistin, um die es eher ruhig geworden ist.

Auch opportunistische Heuchelei ist ihr nicht fremd: «Ich fliege nicht und finde, dass es in Europa für mich noch genug zu entdecken gibt.» Es gibt allerdings auch in Brasilien und Uruguay genug zu entdecken, weshalb Trede an einem Parlamentarierreisli dorthin teilnahm. Denn merke: Reisen auf Kosten des Steuerzahlers machen am meisten Spass. Und Trede fliegt nicht, ausser sie fliegt doch.

Nun berichtet sie in ihrer Kolumne im «Blick» über einen Ausflug nach Orgosolo. Der sardische Ort ist bekannt für seine Murales, seine Wandgemälde. Die sind in ihren Aussagen nicht über jeden Zweifel erhaben; so wird der deutsche Staatsmann Helmut Schmidt wegen des Todes von RAF-Terroristen in Stammheim als «Experte in Sachen Staatsmord» beschimpft.

Trede hat aber anderes betrachtet: «Zu sehen sind Wandmalereien, die aufzeigen, dass Krieg und Unterdrückung ein Teufelskreis sind.» Daher kümmert sich Trede gleich um die grossen Fragen:

«Warum führt jemand Krieg? Warum sollen alle die gleiche Religion haben? Warum leben einige in Saus und Braus, während andere nichts zu essen haben

Das beschäftigt die Menschheit, seit unsere Vorfahren sich in der Höhle ein Mammut gebraten haben und beim Kauen darüber philosophierten. Aber leider hat auch Trede keine Antwort darauf. Oder höchstens eine kleine:

«Wir sollten mehr in die Friedenspolitik investieren und eine friedenspolitische Strategie entwickeln. Dass diese Diskussion nicht mehr geführt wird, ist auch dem von der bürgerlichen Mehrheit und den Medien sofortigen Abtun als naive Pazifisten geschuldet. Klar bleibt: Frieden ist die einzige Lösung. Krieg hat keine Zukunft.»

Tja, ob die GSoA heute noch ein paar Prozent Stimmen machen würde? Und wo werden Debatten über friedenspolitische Strategien abgetan? Sie werden schlichtweg nicht geführt, am allerwenigsten von Trede.

Aber gut, dass sie endlich eine gültige Antwort gibt. Gewalt ist keine Lösung, wussten wir’s doch. «Krieg hat keine Zukunft», behauptet sie noch kühn. Das wagen wir allerdings zu bezweifeln. Oder sollte das gar eine versteckte (oder offene) Kritik an den Kriegshandlungen Israels sein? Will Trede damit sagen, dass im Nahen Osten endlich Friedensverhandlungen geführt werden sollten? Damit setzt sie sich doch der Gefahr aus, als Antisemitin gebrandmarkt zu werden, ts, ts.

ZACKBUM hingegen hatte nur eine kleine, friedfertige Frage an Trede. Mit welchen Transportmitteln denn die Nicht-Fliegerin auf die Insel Sardinien gelangte. Bequem per Flieger oder tatsächlich mit Zug und Schiff? Aber so friedfertig sich Trede auch gibt, die mitteleuropäische Sitte, auf journalistische Anfragen zu antworten, die geht ihr nachhaltig ab.

Schon als ZACKBUM fragte, wie sich denn die Flugreisen nach Lateinamerika mit ihrem Bekenntnis, nicht zu fliegen, vereinbaren liessen, schwieg sie verkniffen.

Grün ist die Farbe der Heuchelei, das gilt nicht nur in Deutschland.

Der Neumarkt-Schwank

Schwankende Gutmenschen gefangen in ihrem Labyrinth.

Michèle Binswanger macht eine wahre Lachnummer im «Tages-Anzeiger» publik. Kurzfassung: das überwoke und mit Millionen aus dem Steuersäckel subventionierte Theater am Neumarkt hat eine Klage am Hals. Wegen Verletzung der Antirassismus-Strafnorm.

Das ist zum Totlachen, aber kein Witz. Das Theater fiel schon mehrfach durch mehr als schräge Nummern auf. So dem Auftritt einer deutschen Randaletruppe, die angeblich den «Stürmer»-Streicher aus Roger Köppel austreiben wollte. Oder mit einer Solidaritätswebseite für den Schläger Brian K.

Nun ist dem sensiblen, solidarischen, antirassistischen, linksgrünen, gegen Hetze, Rechtspopulismus und die SVP ankämpfenden Ensemble aber die Höchststrafe passiert. Man (und frau und everybody beyond) ist in die eigene Grube der Überkorrektheit gefallen.

Die Ausgangslage war aber auch echt scheisse, wenn man das so sagen darf. Also echt scheisse für Gutmenschen. Denn es trug sich zu, dass das Neumarkt  den Schauspieler Yan Balistoy beschäftigte. Der ist Schweizer mit israelischer Herkunft. Und es beschäftigt eine Schauspielerin aus dem Libanon. Na und, ist doch echt multikulti.

Leider nein. Denn im Libanon herrscht auch die fundamental-religiöse Terrortruppe Hizbollah. Und diese Hetzbolla ist für die Durchsetzung eines Gesetzes aus dem Jahre 1948 besorgt, das es libanesischen Staatsangehörigen verbiete, mit Israelis Kontakt zu pflegen oder gar öffentlich aufzutreten.

Das gelte selbstverständlich nicht in der Schweiz, wurde argumentiert, aber die im Libanon lebende Familie der Schauspielerin könnte Repressionen ausgesetzt werden. Und was tat der Gutmenschentrottelhaufen vom Neumarkt? Er wog und wägte, räsonierte ohne Räson  – und gab dem Ansinnen der Schauspielerin statt, dass sie leider nicht mit dem Kollegen mit israelischem Migrationshintergrund auftreten könne.

Damit der israelische Kollege richtig in Wallungen käme, verlängerte die Direktion dann auch seinen Vertrag nicht. Putzige Begründung: zu wenig Einsatzmöglichkeiten.

Nun will der Mann Rache und überzieht das Theater mit einer Strafanzeige gegen «den Verwaltungsratspräsidenten, die drei Direktorinnen und den Hausdramaturgen», schreibt Tamedia, der diese Anzeige offensichtlich zugespielt wurde.

In der Anzeige wird feinsinnig argumentiert, es «sei fraglich, ob die Angaben der libanesischen Schauspielerin überhaupt zutreffen, dass es ihr aufgrund des Gesetzes verboten sei, mit Balistoy aufzutreten. Dieses regle nämlich «gemäss seinem Wortlaut (und nach Verständnis der Unterzeichneten und des Anzeigers) primär die Einreise und den Warenverkehr zwischen Israel und dem Libanon»». Auch eine Gefährdung der im Libanon lebenden Familie der Schauspielerin könne ihm nicht entnommen werden.

Nachdem diese Vorwürfe im Dezember letzten Jahres publik wurden, salbaderte das Theater weihevoll das Übliche, es sei ein

«Haus der Vielheit und Offenheit. Anti-israelisches und anti-jüdisches Gedankengut haben bei uns keinen Platz».

Das mag ja durchaus so sein, dass hier keine Sprechchöre «From the River to the Sea» erklingen. Das ändert aber nichts daran, dass sich ein Schweizer Theater den Behauptungen einer ausländischen Schauspielerin beugte, sie nicht weiter nachprüfte und somit indirekt libanesische Gagagesetzgebung in die Schweiz immigrierte.

Zum Bild unbelehrbarer Gutmenschen gehört auch, dass sie für Steuergelder eine «externe Untersuchung» in Auftrag gaben. Die ergab überraschungsfrei: alles super, alles paletti im Haus, selbst Haustiere und Ratten gendern korrekt, neben dem Stuhl gibt es auch eine Stühlin, und wie viele hybride WCs es gibt, wollen wir gar nicht wissen. Die Untersuchung klammerte aber wohlweislich den Fall aus, weswegen sie angestossen wurde.

Dada und Gaga auf der Bühne ist immer willkommen. Um sie herum, aufgeführt von wohlbezahlten Verwaltungsräten, Direktorinnen und Hausdramaturgen: Vorhang, Buhrufe, Abtritte.

Sehr peinlich ist, nebenbei, auch der Auftritt des VR-Präsidenten Thomas Busin, der CH Media im April ein Exklusiv-Interview gab, nachdem er monatelang geschwiegen hatte. Darin kann er keinen Fehler bei sich erkennen, es sei halt eine komplizierte Welt, und jeder, der eine bessere Lösung als die vom Theater gewählte wisse, solle das doch bekanntgeben. Und: «Wir sind der Überzeugung, dass unsere Lösung die bestmögliche war.»

Angesichts des anhaltenden öffentlichen Aufruhrs kann man sagen, dass Busin ein Interview mit einem Bühnenschwank verwechselt. Ein letzter Lacher zum Abschluss: «Wir haben uns gegenüber den Arbeitnehmenden, dem Haus und dem Subventionsgeber korrekt verhalten.» Wenn er das sagt …

Wenn wir das Ende der Groteske vorwegnehmen dürfen: Busin (oder ein Bauernopfer) tritt zurück, um «weiteren Schaden von der Institution abzuwenden». Tut ihm auch nicht weh; der ehemalige Tischtennisspieler betreibt noch das «Liongym Fitness», war Chef der Migros Clubschule, ist Delegierter des VR von «Molino-Pizzerien», im Vorstand von Swiss Golf, im VR von Kieser Training, Axino Solutions und bei der Fraxiness GmbH.

Allerdings scheint dabei das Hirntraining etwas vernachlässigt zu werden.

Hoch lebe Meyer

Hätte ZACKBUM auch nicht gedacht. Aber wir sind fair und objektiv.

Eigentlich gehört Frank A. Meyer, das Hausgespenst des Ringier Verlags, zu den Unkommentierbaren bei ZACKBUM. Aber wer sein Interview liest, das er Michèle Binswanger gegeben hat, kommt nicht umhin, den Hut vor dem 80-Jährigen zu ziehen. Da formuliert er konzis, schlagend und mit messerscharfem Intellekt wie zu seinen besten Zeiten.

Daher ein kleines Best of:

«An einer Bauerndemonstration in Berlin wandte sich jüngst ein Landwirt gegen Leute, «die noch nie gearbeitet und noch nie geschwitzt haben». Er meinte damit jene linksgrüne, elitäre Akademikerschicht, die sich der Sozialdemokratie bemächtigt hat. In der Schweiz geben Cédric Wermuth und Mattea Meyer den Ton an, sozial beflissene Funktionäre, aber eben keine Genossen aus der Arbeiterschaft, weder Pfleger, Maurer noch Schreiner. Das ist das Problem: Erst wenn die Arbeiterbewegung wieder die Bewegung der Arbeiter ist, verschwindet der Rechtspopulismus, der von der Vortäuschung lebt, den Willen des einfachen Volkes zu vertreten.»

«Die linksgrüne Akademikerkaste schafft einflussreiche und einträgliche Positionen für sich und ihre Klientel. In Deutschland gibt es zum Beispiel über 170 Gender-Professuren, überall wimmelt es von NGOs, die heute ja weitgehend subventionierte Regierungsorganisationen sind. Der Aufstieg des Rechtspopulismus ist eine Reaktion auf diese veränderten Herrschaftsverhältnisse bei der Linken.»

«Das aktuelle Beispiel ist der Antikolonialismus der Wokeness-Ideologen: Sie gliedern den Holocaust ein in die Verbrechen des Kolonialismus – und bestreiten damit die Einzigartigkeit des millionenfachen Judenmordes durch die Nazis. Die Gaskammern werden zu einem Ereignis der Kolonialgeschichte – zu einer Untat untervielen. Gleichzeitig wird die Anschuldigung erhoben, auch Israel sei eine weisse, westliche Kolonialmacht und begehe Genozid an den Palästinensern. Der antisemitische Reflex gehört zur Wokenessbewegung wie die reaktionäre Cancel-Culture, die heute durch die Universitäten geistert, von Basel über Berlin bis Princeton und Harvard. Es ist der Versuch der kulturellen Machtergreifung durch ein Akademikermilieu, das sich links nennt, aber rechtsautoritären Aktivismus betreibt.»

«Der Streit ist doch unser Lebenselement – das müsste man meinen. Wenn das zutrifft, dann ist das auch unsere historische Stunde: die Stunde der Streitfreude – das Gegenteil von Anpassung und Korrektheit.»

Auch da, wo er irrt, tut er es mit Verve:

«In dieser Situation können wir nur eines tun: der Ukraine Waffen liefern. Sie muss die Russen so lange bekämpfen, bis sie aufgeben. Dieses Land kämpft um seine Freiheit – und diese Freiheit ist auch unsere Freiheit, denn sie ist unteilbar. Die Ukrainer haben den Westen besser begriffen als der Westen sich selbst.»

Aber wie er seine Rolle bei Ringier beschreibt, das hat dann wieder etwas fast Genialisches:

«Natürlich hatte ich Einfluss. Nicht Macht. Macht hat ein Pflichtenheft. Einfluss ist fliessend, wie es das Wort ja schon zum Ausdruck bringt. Sobald man über Einfluss spricht, schwindet er. Deshalb habe ich nie darüber gesprochen. Und natürlich bestimmte ich nichts, was mir nicht zukam. Ich mischte mich auch nicht ungebührlich ein. Ich war einfach da.»

ZACKBUM hätte auch nie gedacht, dass wir einmal schreiben: schön, dass er noch da ist.

Wumms: Patrick Frey

Schamlos und unanständig, der Mann.

Patrick Frey ist einer der Erblinken, die mit dem woken Kulturtempel «Kosmos» in Zürich eine Millionenpleite hinlegten. Er verkaufte seine Aktien noch rechtzeitig an einen gutmütigen Investor, jammerte aber anschliessend herum, wie ihn das persönlich getroffen habe und wie ungerecht die Welt so sei.

Nun muss der Steuerzahler einen Millionenschaden wegräumen, und das Schicksal der über 70 Angestellten, die von einem Tag auf den anderen auf der Strasse standen, interessierte weder Frey noch die anderen Bruchpiloten einen Dreck.

Das wären nun genug Gründe, einfach mal die Schnauze zu halten und den moralisch erhobenen Zeigefinger unten zu behalten. Wer dermassen moralfrei handelt, sollte wenigstens den Anstand haben, etwas in sich zu gehen.

Aber doch nicht Frey. Der keift gegen einen Kommentar von Michèle Binswanger: «Weder «hält» Judith Butler «die Gräueltaten der Hamas für legitim», noch sagt sie im Interview, «wer die Hamas als Terroristen bezeichne, mache sich des Genozids mitschuldig». Der Vorwurf eines «moralischen Bankrotts» fällt auf Binswanger und diese Art von Journalismus zurück.»

Es ist richtig, dass Butler in dem Interview Israel des Genozids beschuldigt. Es ist auch richtig, dass Butler 2006 sagte, dass es extrem wichtig sei, die Hamas und die Hetzbolla als «soziale Bewegungen zu verstehen, die fortschrittlich, links, Teil der globalen Linken» seien.

Ob Frey hier weiter recht hat oder nicht, ist für einmal völlig unerheblich. Wer selbst einen solchen Bankrott hingelegt hat, hat nicht lebenslänglich, aber doch eine hübsche Zeitlang jedes Recht verwirkt, anderen in irgend einer Form Bankrott vorzuwerfen. Tut er es dennoch, fällt das auf ihn zurück.

Aber das zeichnet diese Art von Gutmenschen aus: sie sind völlig schamfrei.

Jolanda Spiess-Hegglin: Sie klagt mal wieder

Dieser Artikel ist zuerst auf «Die Ostschweiz» erschienen. Nach haltlosen Behauptungen von RA Zulauf wurde er dort gelöscht – aus Angst vor «Androhung einer Klage». ZACKBUM ist gespannt …

«Im Oktober habe ich sie gebeten, zu einem Fragenkatalog Stellung zu nehmen.» Das ist ein Satz in Michèle Binswangers Buch über die Zuger Landammannfeier, bei der es zu einer intimen Begegnung zwischen zwei Politikern kam.

Der Laie könnte nun meinen, dass an diesem Satz nicht viel zu rütteln ist, vorausgesetzt, die in ihm enthaltene Tatsachenbehauptung ist richtig. Da täuscht sich aber der Laie. Denn dieser Satz muss laut der Anwältin von Jolanda Spiess-Hegglin (JSH) verboten werden.

Zusammen mit weiteren 195 Buchpassagen. Das fordert Anwältin Rena Zulauf in einer 88 Seiten umfassenden Klageschrift, plus Anhang von 34 Seiten. Plus jede Menge Beilagen.

Die Sache mit der Intimsphäre

Das Buch umfasst 219 Seiten und erschien nach einem jahrelangen Rechtsstreit, mit dem Spiess-Hegglin versuchte, juristisches Neuland zu betreten und ein ganzes Manuskript, dessen Inhalt ihr nicht bekannt war, präventiv zu verbieten. Das prozessierte JSH bis ans Bundesgericht hoch, erhob dort sogar noch Einsprache gegen das Bundesgerichtsurteil, dass das Buch selbstverständlich publiziert werden dürfe.

Als ob das nicht schräg genug wäre, ist nach dieser Kaskade von krachenden Niederlagen nun noch eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Schweiz in dieser Sache hängig.

Nun könnte man meinen, dass eine Person, die seit fast zehn Jahren behauptet, ihr wichtigstes Anliegen sei, dass ihre Intimsphäre aus der Öffentlichkeit verschwindet, es dann mal gut sein lässt.

Aber offensichtlich ist diese Intimsphäre nach Ansicht von JSH ungefähr drei Meter breit, fünf Meter lang und drei Kilometer hoch.

Dass den Juristen, die angesichts der Klagefreudigkeit von JSH das Buchmanuskript von «Die Zuger Landammann-Affäre. Eine Recherche» sorgfältig studierten, tatsächlich 196 Passagen, also faktisch auf jeder Seite eine, entgangen sein sollten, die Beanstandenswertes enthalten, ist abwegig.

20’000 Franken «Genugtuung»

Durch viele Niederlagen in dieser Sache unbelehrt, behauptet Zulauf nichts weniger, als dass die Persönlichkeitsrechte ihrer Mandantin 196-mal verletzt worden seien, also sozusagen zerfetzt. Zudem fordert sie den Gewinn aus dem Buchverkauf, samt fünf Prozent Zinsen. Zur genaueren Beurteilung soll die Buchautorin ihre Steuererklärung offenlegen. Zudem seien 20’000 Franken «Genugtuung» fällig, natürlich soll die Autorin die Verfahrenskosten und eine Entschädigung für die Bemühungen der Anwältin übernehmen.

Das würde sich läppern. In Anwaltskreisen geht man davon aus, dass die Erstellung einer Seite Klageschrift mit allem Drum und Dran mindestens eine Stunde in Anspruch nimmt. Bei einem gehobenen Stundenansatz von Fr. 600.- (konservativ geschätzt) wären wir bei 88 Seiten schon mal bei über 50’000 Franken.

Wie es so ihre Art ist, mäandert sich Zulauf mit nicht sachdienlichen rhetorischen Verirrungen durch die Seiten: «Die Aggressorin, die Beklagte, lässt jegliche Selbstreflexion missen.» Das könnte sich Zulauf an den Spiegel heften. Toll ist auch: «Die Beklagte nutzt Allgemeinplätze und abstrakte Einordnungen, die dazu dienen, die Klägerin in einem ungünstigen und herabsetzenden Licht darzustellen.» Genau das hat sich Zulauf vorgenommen. Den Höhepunkt an Nonsens erreicht die Anwältin aber hier: «Abermals wird auf Sokrates verwiesen: Wir wissen, dass wir nichts wissen.»

Schrotschussverfahren

Es ist nun tatsächlich die Frage, ob es reine Fürsorgepflicht nicht geböte, JSH von einer solchen Geldverschwendung abzuhalten. Denn es ist mehr als offensichtlich, dass hier einfach per Schrotschussverfahren losgeballert wird, in der Hoffnung, dass vielleicht eine oder zwei Schrotkörner treffen, was dann als grosser Sieg verkauft werden könnte.

Was ist dann das Motiv von JSH? Motivforschung ist in solchen Fällen sehr schwierig. Dass sich jemand, der eigentlich in Ruhe gelassen werden will, dermassen penetrant in die Öffentlichkeit drängt, ist widersprüchlich. Offensichtlich will JSH die Deutungshoheit über die Ereignisse an dieser Feier zurückgewinnen. Nur, was ihr akzeptabel erscheint, soll darüber veröffentlicht werden können.

Erschwerend kommt hinzu, dass JSH bislang gegen Ringier nur erreicht hat, dass die Ringier-Organe ihre Persönlichkeitsrechte verletzt haben. Es bleibt nur noch die Forderung nach Gewinnherausgabe gegenüber Ringier, wobei hier die Vorstellung von Millionenprofiten von JSH und ihrem Irrwisch-Berater Hansi Voigt ins Reich der Fantasie gehören.

Viele Mitkämpfer, darunter sogar mehrere Vereinspräsidentinnen, haben sich von ihr abgewandt. Die Veröffentlichung interner Mails hat gezeigt, dass die hasserfüllte Kämpferin gegen Hass im Internet selbst eine üble Kampagne gegen die ihr unliebsame Journalistin und Buchautorin befeuerte: Das Ziel müsse sein, dass sie auswandere, verkündete JSH die Marschrichtung.

In welchem Zustand sich die Vereinsfinanzen befinden, wie korrekt JSH die Einnahmen aus ihren diversen Spendenaufrufen verbucht hat, wer eigentlich die horrenden Gerichtskosten in eigener Sache zahlt, das alles sind offene Fragen. Zudem wurde ein Mitarbeiter auf die ruppige Art entlassen, Dienstleistungen wurden eingestellt. Überhaupt sind JSH und «Netzcourage» weitgehend aus der öffentlichen Debatte verschwunden.

Opfer journalistischer Nachstellungen

Das muss nun also ein verzweifelter Versuch sein, viele Schneebälle von Anschuldigungen zu werfen, in der Hoffnung, dass sich daraus eine Lawine entwickelt. Was passieren wird, ist ein weiterer, recht sinnloser juristischer Schlagabtausch, mit dem absehbaren Resultat: ausser Spesen nichts gewesen.

JSH sieht sich als ewiges Opfer journalistischer Nachstellungen. Diesen Opferstatus will sie dafür missbrauchen, dass über sie nur so geschrieben werden darf, wie es ihrer Selbstwahrnehmung entspricht. Das ist verstörend, und für das Opfer ihrer masslosen juristischen Attacke bedeutet das weitere Geld- und Zeitverschwendung.

Sterben in den USA

Ein Doppelschlag von NZZaS und SoZ über die sinkende Lebenserwartung.

Die USA wollen Vorbild sein. Freiheit und Demokratie überall in die Welt bringen. Wenn die Ukraine dafür kämpft, sind sie zuvorderst dabei.

So das wohlgeölte Propagandabild. Die Realität ist eine andere. Zufällig haben sich sowohl die NZZaS wie auch die SoZ dem Thema «Geraubte Leben» in den USA angenommen. Die NZZaS etwas grundsätzlicher und umfangreicher. Erschreckende Bilanz: «Die Lebenserwartung in den USA fällt fast auf das Niveau von Kuba».

Ein gutes Stichwort. Schon 2007 kritisierte der US-Regisseur Michael Moore in seinem halb-dokumentarischen Film «Sicko» das marode US-Gesundheitssystem, in dem 16 Prozent der Bevölkerung nicht einmal eine Krankenversicherungen haben und weitere Millionen nur eine ungenügende, die ihnen Behandlungen verweigert oder happige Zuzahlungen verlangt. Als Kontrast dazu reiste Moore nach Kuba, an Bord hatte er erkrankte Freiwillige, denen in den USA eine Behandlung verweigert wurde. In Kuba wurden sie kostenlos verarztet.

Natürlich war das propagandistisch überspitzt. Aber in den USA sind Tod und Lebenserwartung extrem klassenspezifisch. Menschen mit Migrationshintergrund, die in ärmlichen Vierteln leben, tun das entschieden weniger lang als reiche Hellhäutige.

«Dabei haben Experten diese Flut des Todes schon lange kommen sehen. Aron und Woolf waren 2013 an der gross angelegten Vergleichsstudie «Shorter Lives, Poorer Health» beteiligt, die fundamentale Faktoren hinter dem Rückschritt Amerikas gegenüber anderen Staaten bei der Lebenserwartung identifiziert hat. Doch die Gesundheits-Bürokratie unter Präsident Barack Obama liess die Studie in der Schublade verschwinden.
Seither sinkt die Lebenserwartung immer schneller, aber die Politik schaut zu.»

Ein weiteres Versagen des Friedensnobelpreisträgers Obama, der trotz seinen vielen Vorschusslorbeeren wohl der überschätzteste US-Präsidenten der letzten 20 Jahre ist.

Weitere Faktoren sind der überhandnehmende Schusswaffengebrauch, Suizide und schwer im Kommen: Drogen.

Dabei wurden Klassiker wie Kokain, Heroin oder Crack durch synthetische Drogen abgelöst. Besonders heimtückisch ist Fentanyl. Eigentlich als Schmerzmittel entwickelt, gehört es zur Familie der Opioiden. Seit Anfang der 80er-Jahre trat es seinen Siegeszug in den USA als billige Droge an. Es wird vor allem in China hergestellt; heutzutage liefert China die Rohstoffe nach Mexiko, wo Fentanyl dann gebraut wird und in die USA geschmuggelt.

Das Teuflische an der Droge ist, dass sie unvergleichlich stärker ist als die klassischen Opiate. Bereits 2 Milligramm stellen für die meisten Menschen eine tödliche Dosis dar. Auf dem Schwarzmarkt sind solche Gewichtsabmessungen illusorisch, zudem wird natürlich auch Fentanyl gestreckt, also weiss der Konsument nie, in welcher Reinheit er den Stoff bekommt. Kein Wunder, dass Fentanyl auch Bestandteil des Cocktails ist, mit dem in den USA die Todesstrafe per Spritze vollzogen wird.

Schon 2019 veröffentlichte der US-Investigativjournalist Ben Westhoff sein Buch «Fentanyl. Neue Drogenkartelle und die tödliche Welle der Opioidkrise», in dem er minutiös den Weg der neuen Drogen von der Herstellung bis zum Konsumenten nachzeichnete. Es fand kaum Resonanz.

In der SoZ interviewt Michèle Binswanger den US-Journalisten Barry Meier. Der hatte bereits 2003 ein Buch darüber veröffentlicht, wie eine kleine Pharmafirma namens Purdue ein Schmerzmittel auf den Markt pushte. Es versprach, den Menschen Schmerzen zu nehmen, wobei die Gefahr der Entwicklung einer Sucht oder Abhängigkeit bei unter einem Prozent liege. Das Buch hatte kaum Resonanz.

Das Mittel heisst Oxycontin, es kostet hunderttausenden von Menschen in den USA das Leben, hat eine Spur der Zerstörung in Familien und ganzen Gemeinden hinterlassen. In einer geradezu brutalen Serie hat Netflix diesen Skandal nachgezeichnet. In «Painkiller» beginnt jede Folge mit der Schilderung von gebrochenen Menschen, die einen nahen Angehörigen wegen Oxycontin verloren haben. Ihre Geschichte sei echt, nachfolgend sei aus dramaturgischen Gründen Realität und Fiktion gemischt worden.

Es ist die Story, wie eine gnadenlos süchtig machende Droge über Jahrzehnte legal als Arzneimittel verkauft werden konnte. Wie kam Purdue damit durch? Meier:

«Mit schmutzigen Tricks brachten sie die Zulassungsbehörde, Ärzte und Apotheker dazu, das Suchtpotenzial ebenfalls herunterzuspielen. Daraus wurde dann eine grössere Story zum Thema, wie wir mit Schmerz umgehen, wie wir Schmerz behandeln, wie die Pharmaindustrie operiert und die Lügen, die sie erzählt, um ihre Produkte zu verkaufen. … Sie bestachen Politiker, bezahlten Lobbyisten wie der ehemalige Bürgermeister von New York und Trump-Unterstützer Rudy Giuliani, Ärzte und Apotheker.»

Ein typischer US-Skandal besteht darin, dass die Familie Sackler zwar nach vielen Jahren dazu gezwungen wurde, die Firma Purdue in Konkurs gehen zu lassen und eine vergleichsweise lächerliche Entschädigung von 2,5 Milliarden Dollar zu zahlen. Ihr Privatvermögen wird heute immer noch auf 11 Milliarden US-Dollar geschätzt.

In der Netflix-Doku werden Sacklers als Bande von psychopathischen Monstern gezeichnet, die skrupellos nur am Geldverdienen interessiert sind und alles dafür taten, um möglichst lange Profit mit dem Elend von Millionen machen zu können. Das Management wurde zwar angeklagt, aber kein einziger Sackler; niemand musste auch nur einen Tag in den Knast für all diese Untaten. Wie ist das möglich, wer ist dafür verantwortlich?

«Das Justizdepartement, ganz klar. Anstatt Purdues Führungscrew persönlich zur Verantwortung zu ziehen, setzten sie die lokalen Ermittler unter Druck, die Anklagen fallen zu lassen. Die kamen mit einer harmlosen Rüge davon.
Das hat in den USA Tradition. Wirtschaftskriminelle werden bei uns selten belangt. Auch hier gelang es den Anwälten grosser Anwaltsfirmen, sich beim Justizdepartement einzuschmeicheln. Da sitzen dann Kollegen zusammen, und der eine überzeugt den anderen, warum eine Anklage total unfair wäre und dass man die Sache doch lieber mit einem harmlosen Verweis erledigen solle.»

Zufall oder Absicht, mit solchen (seltenen) Lichtblicken versöhnt die Sonntagspresse. Gelegentlich. Selten. Sehr selten.