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«Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht»

So endet «Der Prozess» von Franz Kafka. So können die Medien enden.

Seit es das Internet und das Digitale gibt, ist der Satz «lügt wie gedruckt» leicht veraltet. Aber nur technologisch, nicht inhaltlich.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Seit dem Aufkommen der Presse, was auch noch nicht so lange her ist – weder Ägypter noch Griechen kannten das –, wogt die gleiche Debatte. Wer entscheidet wonach, was es wert ist, publiziert zu werden?

Ein Genie verfilmte Kafka mit einem genialen Anthony Perkins.

Wer entscheidet wonach, wie es kommentiert, gefärbt, beurteilt wird, moderndeutsch «geframt»? Haben sich die Medien das Schmähwort von der «Lügenpresse» redlich verdient oder ist das ein dümmlicher Kampfbegriff von Marginalisierten und Verpeilten?

Gedrucktes ist normalerweise schwarz auf weiss, seltener weiss auf schwarz. Die Wirklichkeit ist aber mindestens grau, häufig bunt, scheckig und kompliziert.

Wo fängt unzulässige Beeinflussung an, wo hört die redaktionelle Unabhängigkeit auf? Ist es eine Karikatur aus dem Bilderbuch des Antikapitalisten, dass der Besitzer der Produktionsmittel, hier des Verlags, befiehlt, wo’s langgeht? Oder geben die Schweizer Medienclans die grossen Linien vor? Lesen wir also im Wesentlichen, was Coninx-Supino, Ringier-Walder , Wanner-Wanner oder Lebrument-Lebrument genehm ist?

In Krisen und Kriegen stirbt die Wahrheit zuerst

Fangen wir mit den Basics an. Erinnert sich irgend jemand, in deren Hausorganen einen kritischen Bericht über diese Clans gelesen zu haben? Ist doch auch logisch, wenn mir «Tages-Anzeiger» oder «Blick» gehören würden, fände ich es auch nicht lustig, von meinem eigenen Blatt in die Pfanne gehauen zu werden.

In Krisenzeiten scharen sich Massenmedien gerne um die Regierenden. In den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts wurde Unsägliches auf allen Seiten publiziert. Gelogen, gehämt, gekeift, gehetzt, ganze Weltbilder auf Lügen und Verzerrungen aufgebaut.

Vor dem Gerichtshof der Massenmedien.

Auch im Kalten Krieg gab es unschöne Auswüchse. Unvergessen die Hetze der NZZ gegen den Kommunisten und Kunsthistoriker Konrad Farner Mitte der Fünfzigerjahre. Unvergessen der Inserateboykott der Autolobby gegen den «Tages-Anzeiger». Unvergessen das Schreibverbot gegen Niklaus Meienberg, das damals Otto Coninx unverblümt als persönliche Abneigung verteidigte: «Daneben aber hat sich ein ungutes Gefühl bei mir verdichtet, ich verspürte einen Aberwillen gegen M.s Schreibart, seine Einseitigkeit, seine Verzerrungen, sein Verhältnis zur Schweiz, seine Animosität, seine Manipulation, der ich mich persönlich als Leser ausgesetzt sah.»

Beziehung Medien – Masse: es ist kompliziert

Einzelfälle, dagegen steht eine lange und strahlende Geschichte von durch die Medien aufgedeckten Skandalen? Muss man dann nicht auch die Glanztat eines Hansjörg Abt erwähnen, der hartnäckig den Hasardeur und Betrüger Werner K. Rey zur Strecke brachte? Auch hier könnte man eine lange Latte von Beispielen aufführen.

Aber sind das alles Gross- und Schandtaten aus der Vergangenheit, weil es an Beispielen aus der Gegenwart mangelt? Durchaus nicht. Das Internet ermöglicht ganz neue Formen der Recherche und Aufdeckung. Was früher mühsam in Archiven oder vor Ort zusammengesucht werden musste, ist heutzutage mit etwas Gelenkigkeit am Bildschirm möglich. Allerdings sind die ewigen «Leaks» und «Papers» kein Glanzlicht dieser neuen, schönen Welt. Sondern verantwortungslose Verwertung von Hehlerware, die von anonymen Quellen zugesteckt wird, ohne dass man deren Motive kennen würde.

Blick in einen Newsroom …

Zudem sind die Medien in einen fast perfekten Sturm geraten. Einbrechende Inserate im Print, im Web nehmen ihnen Internet-Giganten wie Google, Facebook oder Amazon die Butter vom Brot. Inhaltliches und im Umfang dramatisch Geschrumpftes wird hartnäckig zu den gleichen Preisen wie früher angeboten.

Die Personaldecke wird dünn und dünner; drei der vier überlebenden Tageszeitungskonzerne verdienen ihr Geld längst mit journalismusfremden Tätigkeiten. Um für wegfallende Einnahmen kompensiert zu werden, fahren sie zudem einen erkennbaren Schmusekurs gegenüber Staat und Regierung.

Grenzenlose Vermischung von Bezahltem und Berichtetem

Auch die Pandemie ist Anlass, staatstragende Geräusche von sich zu geben. Das ist nicht verboten, aber da es inzwischen faktisch Tageszeitungsmonopole gibt, wäre es schön gewesen, wenn die Behauptung, Forumszeitung und Plattform zu sein, mehr als ein Lippenbekenntnis wäre.

Die schon immer sehr dünne Grenzlinie zwischen bezahltem und selbst erstelltem Inhalt verblasst bis zur Unsichtbarkeit. Früher inhaltsschwere Worte wie «recherchiert», «investigativ», «undercover» oder «Reportage» denaturieren zu Lachnummern.

Das alles sind unangenehme Begleiterscheinungen. Aber die Wurzel des Übels liegt woanders: Glaubwürdigkeit behält man, wenn man nicht heuchelt. Vertrauen geniesst man, wenn man nicht lügt. Kompetenz und Nutzwert strahlt man aus, wenn man inhaltlich und intellektuell etwas zu bieten hat.

Den Anspruch, «wir liefern euch gegen Bezahlung eine professionell gemachte Auswahl der wichtigsten News des Tages, kompetent dargeboten, eingeordnet und analysiert», den kann man behaupten. Wenn man an ihm Tag für Tag scheitert, dann schafft man sich selbst ab.

Arbeiten an der Selbstabschaffung

Genau daran arbeiten die drei grossen Medienkonzerne der Schweiz. Der vierte versucht immerhin, auf Content, Journalismus und Inhalt zu setzen. Und die Staatsmedien, denn nichts anderes ist die SRG, können trotz garantierten Einnahmen immer weniger den Anspruch erfüllen, die Grundversorgung an Informationen aufrecht zu erhalten.

Wenn’s im «Prozess» dem Ende zugeht.

Nur ein Symbol dafür: Wer eine Wirtschaftssendung wie «Eco» ersatzlos streicht, setzt keine Sparmassnahme um, sondern holzt einen Grundpfeiler des Service publique ab.

Die schrumpfende Bedeutung der Medien, der zunehmende Verlust der Deutungshoheit in der öffentlichen Debatte, mangelnde Ressourcen und bescheidene intellektuelle Kapazitäten werden kompensiert mit verbitterter Rechthaberei, mit Kommentaren, die sich mit dem eigenen Bauchnabel, eingebildetem oder geklautem Leiden befassen. Die ungefragt und sowohl haftungs- wie verantwortungsfrei kreischig Ratschläge erteilen, Forderungen aufstellen, Handlungsanleitungen geben.

Einen guten Ruf erarbeitet man sich über lange Zeiten. Verspielen kann man ihn mit wenigen Handgriffen. Wir haben keine «Lügenpresse» in der Schweiz. Aber «All the News That’s Fit to Print» ist’s schon lange nicht mehr.

Es darf gelacht werden: dumm gelaufen

Man muss Marc Walder dankbar sein.

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Es ist kein Anlass für Häme oder Triumphgeheul. Es ist Anlass für tiefe Dankbarkeit. Es ist Anlass, drei Sätze des CEO und Miteigentümers der Ringier AG in Stein zu meisseln:

«Wir hatten in allen Ländern, wo wir tätig sind – und da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt – auf meine Initiative hin gesagt: ‹Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, dass wir alle gut durch die Krise kommen.›»

«Auch die Blick-Gruppe, die jetzt in der Schweiz sehr prägend ist in der Covid-Berichterstattung, könnte deutlich härter – und vielleicht sagen einige von Ihnen: ‹Ja, macht’s doch bitte, die schlafen alle, die packen’s nicht› – sein.»

Die Medien hätten in der Corona-Krise «eine zusätzliche Dimension an Verantwortung, so würde ich das framen».

Natürlich kann und muss das von Ringier Kommunikation umgedeutet, relativiert, beschönigt, zugequatscht («aus dem Zusammenhang gerissen») werden, das gehört zum Geschäft.

Das alles ändert nichts daran, dass die Sätze so gefallen sind, dokumentiert wurden und ihre Authentizität nicht bestritten wird.

Sätze mit bleischwerer Wirkung

Das alles ändert nichts daran, dass auf Initiative eines CEO ein Medienkonzern weltweit sich der Direktive verschrieben hat, die jeweiligen Regierungen bei ihren Corona-Massnahmen zu unterstützen.

Das ist das bewiesene Gegenteil einer unabhängigen Presse, die sich als kontrollierende, vierte Gewalt versteht und ihre vornehmste Aufgabe darin sieht, Mächtigen – und vor allem dem Staat in all seinen Ausformungen – auf die Finger zu schauen.

Auszuleuchten, was lieber im Dunkeln bleiben sollte, aufzudecken, was an Schweinereien am liebsten zugedeckt bliebe. Kritisch zu hinterfragen, ob alle Massnahmen, alles Handeln, alle Entscheide von Staatsbeamten, von sogenannten Dienern des Volkes auch tatsächlich der Überprüfung standhalten.

Auch wenn Medien dazu neigen, ihre Bedeutung zu überschätzen und unter Verlustängsten leidende Journalisten dazu neigen, ungefragt Ratschläge oder sogar Forderungen zu publizieren: das mag der zunehmend lächerliche Teil sein. Aber den Teil von Begleitung, Kontrolle, Offenlegung und Kritik, den braucht jede Demokratie wie die Luft zum Atmen.

Medien haben eine Funktion und Möglichkeiten

Denn Wahlen oder auch Abstimmungen wie in der Schweiz üben eine Kontrollfunktion aus. Aber im daily business, in der Komplexität heutiger Staatsentscheidungen braucht es dringend einen Wächter, der wenigsten Alarm schreien kann, wenn seiner Meinung nach etwas schief läuft, was letztlich alle Staatsbürger, also uns, betrifft.

Nur Medien können Politiker sofort haftbar machen für ihr Tun. Nur Medien haben die Ressourcen, deren Handeln genau anzuschauen. Nur die Medien haben die Energie, bürokratisch-verborgene Entscheidungen aufzudecken und nötigenfalls zu kritisieren.

Dafür müssen die Medien, was Wunder, so staatsfern wie möglich sein. Auch hier gibt es kein Schwarzweiss wie beim traditionellen Drucken von Zeitungen. Natürlich ist es übertrieben, Schweizer Medien mit Staatsorganen wie «Neues Deutschland», «Pravda» oder «Granma» in einen Topf zu werfen, die seit Gründung immerhin klar etikettierten, dass sie keine unabhängigen Kontrollorgane seien, sondern Sprachrohre der herrschenden kommunistischen Partei.

Wie unabhängig darf’s denn sein?

Aber die Schweizer Medien legen grossen Wert auf die Bezeichnung «unabhängig». Also nicht weisungsgebunden, keinerlei Beschränkungen unterworfen, die über die Grenzen des rechtlich Erlaubten hinausgehen.

Insbesondere unabhängig von Inserenten oder von Zuwendungen Dritter. Schliesslich auch unabhängig vom jeweiligen Verlag, der sich niemals in die Ausrichtung, den Inhalt, die Auswahl der Berichterstattung einmischt.

So ist das Image. Auch das ist nicht Schwarzweiss. Aber jeder, der im Journalismus tätig ist, weiss, dass es nicht so läuft, dass ein täglicher Befehlsempfang stattfindet, bei dem ein Supino, ein Walder oder ein Wanner bekannt gibt, wie welche Themen wie zu behandeln seien.

Jeder weiss auch, dass jeder Chefredaktor, der seine Stelle behalten will, sich daran hält, was seine Arbeitgeber und was die Besitzer seines Organs möglichst beiläufig wünschen. Auch das wird natürlich abgestritten.

Genau deshalb ist es so wertvoll und bedeutend, dass im Falle von CEO Walder dokumentiert wurde, wie’s läuft.

Was mögen Walders Motive gewesen sein?

Da Walder alles andere als dumm ist, bleibt höchstens die Frage, wieso er sich dazu entschloss, das so offen auf den Tisch zu legen. Denn sein Einschub, dass seine Aussage «in diesem Kreis bleiben» solle – er wäre niemals CEO von Ringier geworden, wenn er so naiv wäre, darin mehr als einen frommen Wunsch zu sehen.

Im Gegenteil, das war eine nicht sehr versteckte Aufforderung, das zu streuen. Es hat zwar ein Weilchen gedauert, aber funktioniert. Es hat wohl etwas Machiavellistisches, vom Abstreiten solcher Vorgaben zur offenen, unversteckten Ankündigung überzugehen. Nach der Devise:

natürlich befiehlt der, der bezahlt und besitzt.

Sonst noch Fragen? Also, dann immer schön horchen, was aus der Chefetage zum Fussvolk durchsickert. Macht’s doch einfacher, als regelmässig den Chefredaktor briefen, der dann die Direktiven an seine Mannschaft weiterleitet, verkleidet als «sehe ich so».

Ach, Weihnachten

Pflichtstoff für die Medien. Alle Jahre wieder. Aber diesmal ist alles anders.

Immerhin fast 500 Treffer erzielt man an einem Montagmorgen in der Mediendatenbank SMD bei der Suche nach dem Begriff Weihnachten.

Schon am Sonntag mussten sich natürlich die Blätter damit beschäftigen, denn nächster Sonntag ist bereits der 26. Dezember, dann ist die Sause ja soweit vorbei. Dabei geht auch unter, dass dieses Jahr mal wieder sehr arbeitnehmerfeindlich ist; die Feiertage fallen mit dem Wochenende zusammen, keine Extrafreitage.

Aber so richtig besinnlicher Kaufrausch will sowieso nicht aufkommen. Es wird vond er deutschen «Bild» schon als gute Nachricht abgefeiert, dass es Weihnachten ohne Lockdown geben werde. Da kann sich der Deutsche dann einen «Rotkäppchen»-Sekt für sagenhafte 2,39 € reinpfeifen.

Immerhin, das «Bündner Tagblatt» zeigt noch Grösse und widmet gleich eine ganze Seite der Erörterung:

Allerdings, wenn man eine kleine Stilkritik anbringen darf, «mehr als nur», das hat nun einen noch längeren Bart als der Weihnachtsmann.

Richtig bösartig wird die NZZ:

Der Autor stellt ein wahres Horrorkabinett von Weihnachtsliedern zusammen:

«War Roy Blacks «Weihnachten bin ich zu Haus» am unerträglichsten oder doch «Weihnachten mit Heintje»? Wie steht es mit Freddys «Weihnachten auf hoher See», Wolfgang Petrys «Freudige Weihnachten» und «Weihnachten mit Bernd Clüver»? Wie nachsichtig sollte man mit Johnny Cashs «Classic Christmas Album» und Peter Alexanders «Wunderschöne Weihnachtszeit» umgehen?»

Mit der nötigen Nüchternheit und der Objektivität eines Wetterberichts geht hingegen nau.ch das Thema an:

Sehr nutzwertorientiert ist hingegen der «Landbote»:

Allerdings vermisst man im Licht der Prognose von nau.ch Vorkehrungen gegen Regen von oben.

Ganz in den Dienst der Volksaufklärung stellt sich hingegen – für ein Mal – «watson»:

Hier kann man höchstens über das völlige Fehlen der Originalität meckern; die Geschichte des Weihnachtsbaums ist nun wirklich auserzählt.

Mit einem Trauerrand gedenkt die «Aargauer Zeitung» dem kommenden Fest:

Tamedia hingegen bleibt sich auch bei diesem Thema treu. Das Wichtigste ist die Bauchnabelschau:

Das Einzelne und das Allgemeine

Besinnlicher Sonntag zum Desaster durch verrutschende Ebenen.

Jeder Anfänger des Journalismus lernt, wenn er überhaupt noch etwas lernt: Berichte über Trends haben einen amtlich vorgeschriebenen Aufbau.

Man fängt mit einem Beispiel an. «Velofahrer Fritz K. (Name der Redaktion bekannt), gibt offen zu: «Ich pfeife auf rote Ampeln oder andere Verkehrsregeln.»» Darauf wird ein zweites Beispiel gestapelt, um den Anlauf für den Aufschwung ins Allgemeine zu nehmen. «Nicht nur Fritz K. und Marlies M. halten sich nicht an die Regeln. Wie eine neue Untersuchung der Beratungsstelle für Unfallverhütung …»

Es ist also ein Trend. Garniert wird das noch mit Stellungnahmen von Verbänden oder Fachleuten («VCS: es braucht halt mehr Velowege», ACS: «Velofahrer nerven sowieso.»). Dann noch ein paar Unfallstatistiken, vielleicht ein Opfer, das von einem Velofahrer umgerempelt wurde, die üblichen Politiker und Wissenschaftler.

Piece of cake, wie der des Englischen mächtige Redaktor sagt, geht eigentlich zu jedem Thema und kann man als Füller am Fliessband herstellen. Je nach Wunsch kann man das als Hintergrundrecherche aufziehen oder zum Aufreger hochzwirbeln. Je nachdem, ob man vornehm zurückhaltend einen NZZ-Titel drübersetzt oder «Terroristen auf dem Velo» drüberstülpt.

Wenn’s läuft, hat man eine kleine Goldader angestochen

Dann noch ein mehr oder minder staatstragender Kommentar dazu, je nachdem, ob man vermutet, die Leser seien mehrheitlich für Velo oder dagegen eingestellt. Saubere Sache, gehört zum Standardrepertoire, hat als Notnagel schon oft geholfen.

Greift der Kommentator kräftig in die Tasten, sehen Politiker die Möglichkeit, sich zu profilieren, melden sich weitere, noch nicht berücksichtigte Fachleute, dann jubiliert der Chefredaktor.

Und greift nochmals in den Stehsatz. Es sei hier eine Debatte angestossen worden, da gebe es vertieften Gesprächsbedarf, da prallten die Meinungen aufeinander, das werde man ein Pro und Contra veranstalten, eine Diskussionsrunde moderieren, Erfahrungen aus anderen Ländern heranziehen, Verkehrspsychologen, gesundheitliche Aspekte, aber natürlich müssten auch die Interessen der Autofahrer (schliesslich ist das Verhältnis Autoanzeigen – Veloreklame sehr einseitig) berücksichtigt werden.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass verlässliche Zahlen für den Aufschwung ins Allgemeine vorhanden sind. Und unter Wissenschaftlern ein gewisser Konsens existiert, was die Beurteilung der Problemlage und mögliche Abhilfen betrifft.

Wenn alle diese Regeln nicht funktionieren …

Der intelligente ZACKBUM-Leser, und wir haben ja nur solche, ahnt schon, wo das hinführt. Die meisten dieser Regeln sind bei der medialen Beobachtung der Pandemie ausser Kraft gesetzt.

Beispiele gibt es natürlich genug. Von in der IPS geretteten, ungeimpften Patienten, die vor Dankbarkeit überströmen und bitterlich bereuen, sich nicht sofort und mehrfach und immer wieder geimpft zu haben.

Es gibt auch Beispiele von Menschen, die unter gravierenden Nebenwirkungen der Impfung litten. Es gibt Geimpfte, die erkranken, und es gibt Ungeimpfte, die es ihnen gleichtun. Es gibt zurechnungsfähige Ärzte, die sich nicht impfen lassen. Es gibt zurechnungsfähige Ärzte, die das als fahrlässig und verantwortungslos beschimpfen.

Es gibt Widersprüchlichkeiten zu Hauf, statt klärende Worte. Was auf den ersten Blick absurd erscheint, macht auf den zweiten Sinn, zum Beispiel:

Lieber unter getesteten Ungeimpften, als unter ungetesteten Geimpften.

In einer solchen Debatte hülfe normalerweise das altbekannte Besteck. Was sagen denn die Statistiken, wohin geht der Trend, was sagt die Wissenschaft, welche Lehren können wir aus anderen Ländern ziehen, die mit der Schweiz vergleichbar sind?

Widersprüche statt Klärung

Das wäre toll. Ist aber nicht. Denn es gibt jede Menge sich widersprechender Statistiken. Es gibt jede Menge sich widersprechender Interpretationen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Impfquote und Anzahl Neuinfektionen. Es gibt keinen Zusammenhang. Viele Wissenschaftler sind sich einig: es muss alles durchgeimpft werden. Viele Wissenschaftler sind sich einig: das bringt ab einem gewissen Prozentsatz nichts mehr.

Wenn es im wahrsten Sinne des Wortes keine Allgemeinplätze mehr gibt, also keine allgemein anerkannten, allgemein gültigen, allgemein verbindlichen Erkenntnisse, dann zersplittert die Debatte.

Wer sich vernünftig eine Meinung bilden will, braucht vernünftigen Input. Aus glaubwürdiger Quelle. Abgestützt durch allgemeingültige Zahlenwerke, Statistiken, vernünftig nachvollziehbare Analysen. Von anerkannten und glaubwürdigen Fachleuten. Denn eigentlich ist doch kaum einer Epidemiologe, Virologe, Seuchenspezialist. Dafür geben wir als Gesellschaft doch einen hübschen Batzen Geld aus, dass es genau solche Fachleute hat.

Deren Tätigkeit in Nicht-Seuchenzeiten doch eher akademisch ist, der Erforschung vergangener Seuchenzüge dient oder allenfalls der Unterstützung von Weltgegenden, in denen bei uns längst ausgerottete Infektionen noch virulent sind.

Mehr Fachleute, mehr Meinungen

Aber nun, wo man sie bräuchte, stellt das Publikum fest, dass der alte Scherz leider weder komisch, noch aus der Luft gegriffen ist: zwei Fachleute, drei Meinungen. Auch Zahlenwerke verwandeln sich in Dschungelgebiete; Inzidenzwert, R-Faktor, 7-Tages-Durchschnitt, Index, was bedeutet was?

Hinzu kommt eine neue Lieblingsbeschäftigung von Meinungsträgern und den Echokammern in den Medien: die Anrufung der Apokalypse. Das kriegt man bei einem üblichen Trend schwer hin; der Kampf zwischen Auto- und Velofahrern kann niemals zu einem atomaren Schlachtfeld hochgeschrieben werden.

Aber eine Virusepidemie, die sowieso verwurzelte Grundängste stimuliert, weil in unserer DNA noch Erinnerungen an Pestzüge schlummern, weil der Feind unsichtbar, heimtückisch ist, überall lauern kann, ist die Öffentlichkeit anfällig für alles Gekreisch, wissenschaftlich verbrämt oder nicht, dass das alles ganz übel enden könnte.

Das einzige Glück in diesem Durcheinandertal besteht wohl darin, dass die Kirche nicht mehr den gleichen Einfluss hat wie einige Jahrhunderte zurück. Sonst wäre Corona schon längst zu Gottes Strafe umgedeutet worden, wegen sündigem Tuns, unchristlichem Lebenswandel und mangelhafter Berücksichtigung biblischer Gesetze.

Aber wer weiss, kann alles noch kommen.

Staatliche Giesskanne für Wucherpflanzen

Wie viel Staatsknete kriegen die Privatmedienhäuser? Schwierige Spurensuche.

Grundlage ist: Im Jahr 2020 machten alle vier grossen Medienhäuser in der Schweiz satte Gewinne. Ob Tamedia, Ringier, CH Media oder NZZ: kein einziger Verlag schrieb rote Zahlen oder musste Reserven anknabbern.

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Im Gegenteil, die Besitzerfamilien; also Supino-Coninx, Wanner und Ringier, konnten sich über die üblichen Dividenden freuen. Etwas anders sieht es bei der NZZ aus, deren Aktien sich in Streubesitz befinden – und der grossen Mehrheit der Aktionäre geht es mehr um Ehre als um Kohle.

Aber überall wurde im ehemaligen Kerngeschäft, der Herstellung von qualitativ veredelten News, gespart, dass es kracht. Entlassungen, Zusammenlegungen, beliebt werden mehr und mehr journalistische Kindersoldaten, die eingepfercht in ihre Verrichtungsboxen im Newsroom klickgetrieben Content produzieren. Ab Fliessband.

Trotz sprudelnden Gewinnen noch die Giesskanne

Dennoch haben diese Verlage zusätzliche Steuergelder eingesackt. Aus drei Quellen. Corona-Hilfsgelder à fonds perdu, Kurzarbeitsunterstützung und zusätzliche Inserateeinnahmen durch diverse Kampagnen des BAG. Das läppert sich, und man muss etwas recherchieren, wenn man die Zahlen auf die Reihe kriegen will.

Das hat «Saldo» getan (Artikel hinter Bezahlschranke). So gingen alleine im zweiten Semster 2020 insgesamt rund 10 Millionen Franken an 147 Zeitungen. Da es sich inzwischen mehrheitlich um Kopfblätter handelt, kassierten die grossen Vier den Löwenanteil:

  • Tamedia 2 Millionen Franken
  • CH Media 1,1 Millionen
  • Ringier 984’000
  • NZZ 447’000

Dabei machten diese vier Player, wie der «K-Tipp» ausgerechnet hat, in den letzten zehn Jahren satte 3,8 Milliarden Franken Betriebsgewinn, vor Abschreibungen und Steuern.

Dabei sind auch diese 10 Millionen Zusatzhilfe nicht alles, «insgesamt sprachen der Bundesrat und das Parlament in den Pandemiejahren 2020 und 2021 total 98 Millionen Franken für die privaten Medien», weiss «Saldo».

Plus 76,5 Millionen Franken Kurzarbeitsenschädigung für Privatmedien und die SRG, gerechnet bis September dieses Jahres. Wieso der Gebührensender SRG zusätzlich Kurzarbeitsgeld bekommt, ist absolut schleierhaft.

Dazu kommen noch die üppigen Einnahmen aus Inseratekampagnen; alleine die geflopte «Impfwoche» mit Gesamtkosten von rund 100 Millionen Franken spülte über mehrere Inseratewellen ein nettes Zubrot in die Kassen der Verlage.

Zahlung und Zahmheit? Kein Zusammenhang

Die werden nicht müde, jeden Zusammenhang zwischen diesen Zahlungen und ihrer Berichterstattung zurückzuweisen. Man bleibe der Aufgabe der Vierten Gewalt verpflichtet – also eine in Demokratien lebenswichtige Kontrolle und Überprüfung staatlichen  Handelns. Reiner Zufall, dass alle diese Grossverlage die offizielle Pandemie-Politik lauthals unterstützen, kaum Platz für Kritik daran geben, abweichende Meinungen sogar übel beschimpfen.

Nur zwei Müsterchen:

«Nun kaufen wir mit unserem vielen Geld für ein paar egozentrische Impfskeptiker den Stoff, der anderswo Leben retten würde»,

schimpfte der Oberchefredaktor Arthur Rutishauser von Tamedia. Und sein Kollege Patrik Müller bei CH Media verstieg sich sogar dazu, die Impfung zur «patriotischen Pflicht» zu erklären.

Von Corona-Kreischen wie Marc Brupbacher und Co. ganz zu schweigen.

Die Quittung holen sich die Verlage bei ihren Kunden ab. Laut (hoffentlich nicht manipulierten) Umfragen glaubten noch im März 2020 rund 50 Prozent der Bevölkerung, von den Medien umfassend informiert zu werden. Im Oktober 2021 sank diese Zahl auf ein knappes Drittel. «Saldo» fasst weiter zusammen: «47 Prozent der Bevölkerung sind inzwischen der Ansicht, die Medien würden mit ihrer Corona-Berichterstattung übertreiben und zu Panik beitragen. Im Frühling 2020 waren es erst 25 Prozent.»

Das hat auch damit zu tun, dass die Leistung der überlebenden Redaktoren in den Newsrooms immer stärker an zwei Kriterien gemessen werden. Anzahl Klicks und Lesedauer. Inhalt, Hintergrund, differenzierte Darstellung, Aufzeigen von Komplexitäten: das ist Gift für beide Faktoren.

ZACKBUM-Journalismus (wie er hier nicht betrieben wird), das haut rein. Vor allem natürlich Panikmache («bis zu 100’000 Tote», «das Gesundheitssystem kann zusammenbrechen», «die Intensivstationen sind demnächst überbelegt, es wird zu Triage kommen»).

Ein komplexer, aber teuflischer Kreislauf 

Es hat sich ein teuflischer Kreislauf entwickelt. Panikmache erhöht die Einschaltquote. Lammfromme Berichterstattung erhöht die Ausschüttung von Steuerbatzelis. Und umso länger die Pandemie andauert, desto mehr Steuergelder stehen in Aussicht.

Allerdings: nachdem Tamedia und Ringier die Fusion ihrer Handelsplattformen bekanntgaben (und die Aktie von Tamedia um 80 Prozent in die Höhe schoss), zweifeln immer mehr daran, dass diese Verlage mit insgesamt einer weiteren Steuermilliarde unterstützt werden sollten.

Sie waren schon fast am Ziel. So wie die Verlage nach Staatsknete gieren, so gelüstet es Politiker nach medialer Präsenz. Denn nur, wer immer wieder in den Medien vorkommt, ist jemand. Sonst verliert er sich unter den 246 Parlamentariern. Aber ein Interview, ein wohlwollendes Porträt, das Aufnehmen von unablässigen Forderungen, Vorstössen und Ankündigungen – dann ist die Wiederwahl schon fast gewonnen.

Wer für die neue Milliardensubvention ist, kann sich einer wohlwollenden Berichterstattung sicher sein. Wer dagegen ist, nicht. So einfach läuft das.

Glasklare Schlussfolgerungen

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Staatssubventionen sind mittelfristig tödlich für die Medien. Denn sie untergraben deren wichtigstes Asset: Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Staatssubventionen sind in einer Demokratie mittelfristig tödlich. Sie machen die Wächter des Staates zu seinen Liebedienern.

Staatssubventionen sind unnötig für Medienhäuser, die in den letzten Jahren Milliardengewinne eingefahren haben. Subventionen sind für das Spielen des Marktes tödlich. Bieten die Medienhäuser ein Produkt an, für das es genügend Nachfrage gibt: wohlan. Tun sie das nicht, haben sie aus eigener Schuld technologische Entwicklungen verschgnarcht, dann sind sie zum Untergang verurteilt.

Daher kann man sich die zusätzliche Milliarde sparen, über die im Februar 2022 abgestimmt wird. Es gibt weiterhin Bedarf nach unabhängiger und umfassender Berichterstattung. Wird die geliefert, deckt die Nachfrage auch die Kosten.

Denn das Problem der Verlage ist nicht das Internet oder Corona. Ihr Problem ist der Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Genau wie das Verschnarchen neuer Technologien ist das selbstverschuldet.

Impfwoche! Spritz dir eins!

Wir leben im Paradies der pluralistischen Medien. Und glauben an den Weihnachtsmann.

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Der Bund wirft ein paar Millionen Steuergelder auf, um mal richtig vorwärts zu machen mit dem Impfen. Impf dir eins, dann gibt’s Raclette. Nimm den Impfbus. Booster dir eins. Einen hübschen Teil der Millionen gibt der Staat für Medienkampagnen aus. Endlich mal wieder Inserate satt in den Tageszeitungen.

Fotos der grossartigen Webseite «Kim looking at things».

Das alles hat natürlich überhaupt keinen Einfluss auf die objektive, ausgewogene, alle Meinungen widerspiegelnde Berichterstattung. Niemals. Ehrenwort. Strikte Trennung von redaktionellem Inhalt und Werbung. Hand aufs Herz und treuer Blick nach oben. Publireportage? Paid Content? «In Zusammenarbeit mit»? «Diese Reisereportage wurde unterstützt von»? Diese Produkte hat unsere Beauty-Redaktorin für Sie ausgewählt, äh, wurden ihr gratis zugesteckt?

Nun ja, wir wollen da den Fünfer gerade sein lassen. Nicht nur der Coninx- oder Ringier- oder Wanner-Clan muss ja von was leben. Seine Angestellten auch. Aber wenn’s ernst wird, wenn es um Leben oder Tod geht, dann besinnen wir uns doch auf alle journalistischen Anstandsregeln, oder nicht?

Oder nicht.

Weil das Thema wirklich nervt, das Panoptikum der ausgewogenen Berichterstattung der drei grossen Medienhäuser plus NZZ im Dreisprung kurz vorgeführt. Achtung, nur für stärkere Nerven. Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Der kann zwar auch nicht helfen.

Wir fangen irgendwo an, denn zwischen oben und unten ist bei dem Thema Corona schwer zu unterscheiden.

So ausgewogen berichtet der «Blick» übers Für und Wider der Impfung.

Testimonial eines reuigen Sünders, kommt immer gut.

Testimonial aus berufenem Mund, kommt auch gut.

 

Wir queren den Mediensumpf Richtung Tamedia.

Corona-Kreische Marc Brupbacher muss seinen Ruf verteidigen.

Impfmuffel und Trödelkantone. Gute Wortwahl ist alles.

Auch «20 Minuten» greift objektiv in die Debatte ein.

Wir haben diese Anglergummistiefel an und kommen daher trockenen Fusses zu CH Media.

Nehmt das, ihr trödelnden Impfstoff-Zulasser in der Schweiz.

Sachbeschädigung, dann der nächste Sturm aufs Bundeshaus?

«Beantworten Fragen» ist etwas euphemistisch formuliert. «Machen Ansagen» wäre wohl besser.

Nun noch der Aufschwung in die Höhe der intellektuellen Kühle, also zur NZZ.

Oh, auch hier wird mit Testimonials gearbeitet.

Gib uns das tägliche Grauen. Nimm das, du verstockter Impfgegner.

Endlich, der philosophische Diskurs in Widersprüchlichkeiten.

 

Zusammenfassung

Das ist eine durchaus repräsentative Auswahl aus der nordkoreanischen Meinungspresse. Pluralistisch, vielfältig, widersprüchlich, Für und Wider darstellend. Mit Platz für abweichende Meinungen. Damit könnte sogar Kim der Dickere leben.

Saufen in der Migros?

Wer drei M sieht, könnte sich zuvor bei der Migros mit Hochprozentigem eingedeckt haben.

Welche Prinzipien des charismatischen Gründers der Migros sollen heute noch gelten? Auf einigen Gebieten hat das Migros-Management schon klare Tatsachen geschaffen.

Das «Gottlieb Duttweiler Institut» in Rüschlikon liegt zwar immer noch im idyllischen öffentlichen Park, den Dutti der Bevölkerung schenkte. Aber von seiner ursprünglichen Aufgabe, die Beförderung des Weltfriedens und gesellschaftskritische Untersuchungen, ist es meilenweit abgekommen.

Heute beschäftigt sich das Institut mit banalen Marketingfragen und vermietet seine Mitarbeiter sackteuer für Referate. Peinlich, aber auch Persönlichkeiten wie der Ex-Migros-Boss Pierre Arnold oder Hans A. Pestalozzi, der persönliche Sekretär von Dutti, sind längst ins Grab gesunken. Dass es mal eine «Tat» gab (wer hatte sie wiedererfunden? Genau, Roger Schawinski) oder einen «Migros Frühling», alles Schnee von gestern. Kulturprozent? Gähn.

«Trend-Updates», die Verluderung einer grossartigen Idee.

Nun hatte Dutti etwas gegen Rauschmittel, vor allem sah er die teilweise tragischen Auswirkungen übermässigen Alkoholgenusses auf die arbeitende Bevölkerung. Also legte er fest: in meinen Läden gibt es keinen Alkohol und keinen Tabak. Punkt. Oder doch?

Nichts ist unveränderlich, vor allem nicht Prinzipien

Die Delegierten des theoretisch als Genossenschaft organisierten Detailhändlers haben mit überwältigendem Mehr dafür gestimmt, dass man sich in Zukunft auch in der Migros mit Alkohol eindecken kann.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob Prinzipien des Gründers auch fast hundert Jahre später noch uneingeschränkt gelten sollten. Der Brauch, dass der Arbeiter am Freitag auf dem Heimweg einen guten Teil seines Wochenlohns versoff, ist doch eher ausgestorben.

Ausserdem verkauft die Migros seit der Einverleibung von Denner Hektoliter Alk. Zudem an seinen Tankstellen, damit der Autofahrer beschwingt in den nächsten Baum brettern kann.

Das Thema ist nun aber für die Medien eher heikel. Denn – neben den schönen Corona-Inseraten des Staats – ist die Werbung von Migros, Coop, Aldi und Lidl ziemlich existenziell für die Printorgane. Denn wer – ausser noch Automarken, aber die auch mit gebremstem Schaum seit Corona – inseriert denn noch grossflächig?

So wie man eher selten liest, dass der neue Dacia, Volvo oder Toyota ein richtiges Schrottauto sei, wird nun um diesen Entscheid herumgeeiert. Für und Wider, einerseits, andererseits, der Wille des Gründers, die modernen Zeiten, die anderen Gewohnheiten, wieso nicht, wieso schon.

Eiertänze auf dem Hochseil des Kommentars

Rund 350 Treffer gibt es schon in der Mediendatenbank für die Begriffe Migros plus Alkohol. Noch darf hier der Kommentator seines Amtes walten. Roman Schenkel von CH Media riskiert einen trockenen Titel:

«Mehr Profit, weniger Duttweiler».

Natürlich darf jeder «Werber», der nicht bei drei auf den Bäumen ist, zusammen mit jedem «Markenspezialisten» einen Schluck aus der Pulle nehmen. Thomas Wildberger zeigt sein Trinkniveau, indem er bekannt gibt, sollte Migros Alkohol verkaufen, werde er wohl am ehesten «beim Champagner» zugreifen. Obwohl er findet, dass damit die «DNA verwässert» würde. Man könnte da sogar von Panschen sprechen.

Bald in der Migros  zu haben?

Zu einem gepflegten Einerseits-Anderseits bekennt sich  Tamedia in einem «Leitartikel»: «Duttweiler würde sich im Grab umdrehen. Oder vielleicht auch nicht. Er hat selten getan, was andere von ihm erwarteten. Er rauchte, trank gerne Wein.» Allerdings erschliesst es sich nur für Armin Müller, was die persönlichen Gewohnheiten Duttis mit seinem Prinzip, kein Alk in meinen Läden, zu tun haben sollen.

Ziemlich elegant zieht sich die NZZ aus der Bredouille. Sie hat ein altes Tondokument ausgegraben, in dem Dutti selbst Zweifel daran äussert, ob das Alkoholverbot eine gute Idee bleibt, oder ob es dann nicht mal abgeschafft werden sollte. Das macht den Weg frei zum Kommentar: «Tatsächlich ist es an der Zeit, dass Wein und Bier in die Regale der Migros-Supermärkte kommen.»

Dutti gegen Dutti: alles ist möglich.

Es ist natürlich völlig entrüstet von der Hand zu weisen, dass sich irgend ein unabhängiges, nur nach objektiven Kriterien im besten Sinne für seine Leser zu Meinungen kommende Medienorgan davon beeindrucken liesse, dass Migros ziemlich Gas geben muss, wenn sie sich wirklich einen kräftigen Schluck aus der Pulle des Alkoholmarkts in der Schweiz abholen will.

Denn Coop und eine Unzahl von Weinhändlern haben das Gebiet schon vor der Gründung der Migros beackert, sich eine treue Kundschaft aufgebaut und werden natürlich Marktanteile nicht freiwillig hergeben.

Deshalb ist damit zu rechnen, dass der Verkauf von Champagner bei den bisherigen Anbietern deutlich steigt. Denn nicht nur Wildberger freut sich auf tolle Inseratekampagnen und Schlachten.

Würde er in der Migros rauchen und saufen?

Die Macht des Mittelsmanns

Hersteller und Verbraucher. Dazwischen sahnt der Middle Man alles ab.

Zwischen Produktion und Konsumtion liegt die Distribution. Das ist eine Binsenwahrheit. Oftmals ist es so, dass der Verteiler sich eine grosse Scheibe vom Verkaufspreis abschneidet.

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In der Warenwelt zeigt sich das in aller Hässlichkeit zum Beispiel beim Allerweltsprodukt Jeans. Lassen wir einmal den enormen Wasseraufwand (ca. 8000 Liter), Färbe- und Bleichmittelprozesse, überlange Transportwege und auch mögliche Kinderarbeit beiseite.

Baumwolle, Garn, Stoff, Färben, Nähen, Waschen: das kann weltumspannend zwischen Kasachstan, der Türkei, Tunesien, China und Europa stattfinden. Auch das lassen wir beiseite.

In der Warenwelt kassiert der Verteiler am meisten

Der Jeanspreis im Laden setzt sich normalerweise so zusammen:

  • 1 % Lohnkosten.
  • 11 % Transport, Gebühren und Steuern.
  • 13 % Materialkosten.
  • 25 % Design, Entwicklung, Marketing, Werbung.
  • 50 % Einzelhandel.

Also kassiert der Detailhändler den Löwenanteil, unabhängig davon, ob er dafür physisch mit einem Laden präsent ist oder nur im Internet den Distributeur spielt. Der physische Warenverteiler, abgesehen von Gütern des täglichen Gebrauchs wie vor allem Lebensmittel, ist am Aussterben. Teure Lokalmieten, Personal, Lagerkosten, diese Präsenz wird immer mehr zum Statussymbol von Luxus- und Prestigemarken.

Grosse Warenhäuser wie Amazon oder Alibaba, Handelsplattformen wie Google oder Facebook übernehmen Macht, Verteilung und sacken die Gewinne ein. Natürlich bestimmen sie die Preise und können auch Geld fürs Listing verlangen, also dafür, dass ein Produkt überhaupt in das Angebot aufgenommen wird.

Amazon …

Das alles sind die üblichen kapitalistischen Mechanismen in einer globalisierten Wirtschaft, bei der die Distanz zwischen den Produktionsschritten und dem Endverbraucher keine Rolle mehr spielt. Wo die Reise hingehen soll, darüber zerbrechen sich genügend Fachleute die Köpfe, das ist nur für die Beteiligten und Betroffenen von Interesse. Dem Konsumenten kann’s egal sein.

In der Warenwelt heuchelt der Konsument am meisten

Sollten ihm Hungerlöhne, Kinderarbeit, weite Transportwege und umweltschädliche Herstellung nicht passen, kann er ja auf zertifizierte Produkte umsteigen. Das tut er auch zunehmend – allerdings nur verbal. In der reichen Schweiz sind offiziell eigentlich alle gegen Kinderarbeit und solche Schweinereien. Daher wird pro Kopf massenhaft Geld für zertifizierte Produkte ausgegeben. Nun ja, haargenau 103 Franken pro Mensch und Jahr für Fair Trade.

Soviel zur üblichen Heuchelei.

Es gibt allerdings ein Gebiet, auf dem die Rolle des Mittelsmanns mehr als problematisch ist. Bei der Herstellung und dem Verkauf von News. Der wurde seit seinen Anfängen von zwei Einkommensquellen gespiesen. Der Konsument bezahlte den Hersteller direkt, das Abonnement. Der Hersteller bot sein Produkt als Transportmittel für andere Produkte an, das Inserat.

Wir bewegen uns immer noch auf dem Gebiet der Binsenwahrheiten. Aber nicht mehr lange.

Frühes Porträt eines Medienmanagers.

Alte Printwelt, nicht mehr so neue Digitalwelt

In der Printwelt kam ein Grossteil dieser Einnahmen dem Produzenten direkt zugute. Lediglich die Verteilung bspw. über Kioske bedeutete, dass er so einen Drittel des Verkaufspreises an den Verteiler abgeben muss. Zudem entstehen natürlich Unkosten durch Papiereinkauf, Druck und Distribution in jeder Form. Pro Stück Bedrucktes kann man im Normalfall, den Inhalt nicht inbegriffen, von einem Franken sprechen.

Das sind mehr oder minder Fixkosten, an denen nicht zu rütteln ist. Da die Newsproduzenten für sich eine besondere Stellung in der modernen Gesellschaft beanspruchen, wird in der Schweiz zum Beispiel die Zustellung staatlich subventioniert.

Ganz anders sieht es im Internet aus. Hier ist die direkte Wertschöpfung Produzent – Konsument durch den Verteiler unterbrochen. Der schneidet sich dafür natürlich, wir erinnern uns an das Beispiel Jeans, eine grosse Scheibe von der Wertschöpfung ab.

Genauer gesagt, er frisst den ganzen Kuchen auf. Online-Marketing, also alle Werbeformen im Internet, ist der am stärksten wachsende Werbemarkt in der Schweiz. Pro Jahr werden insgesamt rund 4,5 Milliarden Franken umgesetzt. Davon 40 Prozent im Internet, gefolgt von TV/Radio und schliesslich der Printbereich mit 21 Prozent.

Von diesen rund 2 Milliarden verfrühstücken die grossen Verteiler 90 Prozent. Also Google, Facebook & Co. Ihre Leistung dafür hält sich in bescheidenen Grenzen. Bei einem Umsatz von rund 90 Milliarden US-Dollar machte zum Beispiel Facebook 2020 einen Gewinn von 29,15 Milliarden. Das ist eine Profitrate von sagenhaften 32,4 Prozent.

Tarotkarte des Medienmanagers.

Was ist der Grund für so exorbitante Gewinne?

Wenn der «normale» Gewinn eines Verteilers bei 50 Prozent liegt, dann müssen die zusätzlichen 40 Prozent in der Schweiz einen anderen Grund haben. Der hat einen Doppelnamen. Dummheit und Unfähigkeit der Medien- und Verlagsmanager der grossen Familienclans der Schweizer Privatmedien.

Denen ist in all den Jahren, in denen das Internet existiert, keine Methode eingefallen, mit der der Hersteller des Produkts News sich einen akzeptablen Anteil an der Wertschöpfungskette zu sichern. Das kommerzielle Internet gibt es seit rund 25 Jahren. Das heisst, bald mal eine Generation von hochbezahlten Teppichetagenschlurfern haben «hm, ist nicht so gut» gemurmelt. Haben markig «da muss uns etwas einfallen» gefordert.

Das ist es auch. Sie krähen (heute!) nach einer Milliarde zusätzlicher Steuerknete, um unter anderem die «Digitalisierung» und «Transformierung» ihres Angebots besser bewältigen zu können. Das ist in der jüngeren Geschichte des Kapitalismus ohne Beispiel.

Das ist so, wie wenn die Benützer von Handwebstühlen 25 Jahre nach der Einführung mechanisierter Webstühle sagen würden: wir brauchen Staatshilfe. Das ist so, wie wenn die Hersteller von Dampfloks, die 25 Jahre lang dem Siegeszug der Elektroloks zugeschaut haben, sagen würden: wir brauchen Steuergelder.

Das Narrenschiff der Medienmanager.

Man kann Google, Facebook & Co. nicht den geringsten Vorwurf machen, dass sie sich dumm und krumm verdienen. Das ist das Versagen der Medien. Man kann ihnen auch keinen Vorwurf machen, dass sie mit den ihnen auferlegten Zensurvorschriften vor allem darauf achten, ihre eigenen Interessen zu schützen.

Die chinesixche Regierung findet Opposition nicht so toll? Zu Befehl, wird abgeschaltet. Das russische Regime ärgert sich über den Dissidenten Nawalny? Google und Apple entfernen seine App. In Deutschland ärgert man sich über die «Querdenker»? Stecker raus.

Dummheit und Unfähigkeit sind nicht gratis zu haben. Man muss bitter und teuer dafür bezahlen.

Medienmanager, porträtiert von Paul Klee als Narr.

Mediales Desaster Afghanistan

Was bieten die Schweizer Medien? Erbärmliches, Newsticker und Wiedergekäutes.

Es ist ein Ereignis von der Dimension des Endes des Vietnamkriegs.

Das Dach der US-Botschaft in Saigon, 1975.

Das Dach der US-Botschaft in Kabul, 2021:

Zusammenstellung der deutschen «Bild»-Zeitung …

1975 war mediale Steinzeit, im Vergleich zu heute. Gerade war eine moderne Datenübertragungsmaschine erfunden worden: das Faxgerät.

Aller Anfang ist klobig.

Kein Vergleich zu heute; Internet, real time Videos, man kann live dabeisein, wie Kabul in die Hände der Taliban fällt. Kaum hat eine ihrer Horden am Schreibtisch des geflohenen Präsidenten Platz genommen, geht das Bild bereits um die Welt. Denn auch die Taliban sind nicht mehr die Steinzeitkrieger von früher. Sie wissen sehr genau, mit welchen Bildern und Aussagen sie die Medien beliefern müssen.

«Respekt vor dem Rechtsstaat», natürlich auch vor Frauen, keine Massaker mehr, keine Massenvergewaltigungen, keine Plünderungen, alles ganz friedlich und zivilisiert diesmal. Aber eben auch sehr überraschend für die ausgedünnten News-Redaktionen der Schweizer Medien. Was macht man da? Man verzichtet weitgehend auf alles, wofür man eigentlich Geld verlangen könnte. Nämlich Einordnung, Analyse, Hintergründe. Stattdessen gibt’s den «Newsticker».

Ein Euphemismus für: wir haben doch auch keine Ahnung und schütten einfach ins Blatt, was zugeliefert wird.

Die Newsquelle mit der höchsten Einschaltquote.

 

Es wird getickert, was der Ticker hergibt.

Neben Getickertem, was können die Qualitätsmedien sonst noch bieten? Natürlich, der «Experte» muss ans Gerät. Nur: wer? Glücklicherweise gibt es da die Allzweckwaffe für alle Gelegenheiten, der einzig wahre Nachfolger von Peter Scholl-Latour selig. Natürlich, es handelt sich um Erich Gysling, 85.

Der «Blick» war am schnellsten.

Aber immerhin, bislang hat noch keine Auslandredaktion, selbst wenn sie nur noch aus zwei Personen besteht wie bei CH Media, Afghane so verwechselt:

Handgeknüpfter, nicht aufgeknüpfter Afghane.

Aber wer nach Hintergründen, Analysen, Erklärungen sucht, der muss auf angelsächsische Medien ausweichen. Englischkenntnisse allerdings vorausgesetzt.

10’000 Todesfälle

Jeder Tod eines Menschen ist eine Tragödie. Die Berichterstattung über Covid-19 ist ein Skandal.

Eines ist sicher: Die Auswirkungen des Covid-19-Erregers auf die Medien sind letal. In nur 20 Monaten hat sich die sogenannte vierte Gewalt ihrer überlebenswichtigen Eigenschaften begeben. Um sinngebend und wertschöpfend zu funktionieren, brauchen Informationsorgane unverzichtbare Attribute.

Die sind überschaubar: Vertrauenswürdigkeit, Glaubwürdigkeit, Behaftbarkeit und Transparenz. Der zahlende Konsument eines Newsherstellers will gewisse Sicherheiten. Banaler Art, wie beim Kauf eines Liters Milch. Die Verpackung sollte einen Liter enthalten. Die ausgewiesenen Eigenschaften des Inhalts sollten zutreffen. Wenn es Vollmilch ist, dann sollte der Fettgehalt auch der Definition entsprechen.

Steht oder fällt mit Vertrauen.

Der Konsument sollte auch auf das Haltbarkeitsdatum vertrauen können; darauf, dass ihm kein gesundheitlicher Schaden entsteht und dass er das Recht hat, sollte die Milch wider Erwarten sauer oder ungeniessbar sein, Ersatz gestellt zu bekommen. All diese banalen Voraussetzungen, die Grundlage für ein funktionierendes Angebot mitsamt vorhandener Nachfrage, treffen auf Bezahlmedien weitgehend nicht mehr zu.

Wo Nachricht draufsteht, sollte auch eine drin sein

Angefangen bei so Banalem, dass es geradezu hirnrissig ist, es überhaupt erwähnen zu müssen. Wo Milch draufsteht, sollte auch Milch drin sein. Wo «Nachricht» draufsteht, sollte ein Inhalt vorhanden sein, der dem Bemühen geschuldet ist, verdichtete, kompetent aufbereitete und möglichst wahrhaftig dargebotene Wirklichkeit abzubilden.

Die aktuelle Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie in der Schweiz beträgt 10’906 nach den verfügbaren Statistiken. Das Medianalter der an oder mit Covid-19 Verstorbenen liegt bei der durchschnittlichen Lebenserwartung in der Schweiz. Die Todesfallstatistik weist von Anfang bis heute aus, dass es eine signifikante Zahl von Todesfällen bei Ü-70-Jährigen gibt. In diesem Alter ist es beinahe ausgeschlossen, dass nicht eine oder mehrere Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Rheuma, Arthritis oder Herzinsuffizienz vorhanden sind.

Drei Journalisten treffen sich …

Das sind unbestreitbare Tatsachen. Aus diesen wenigen Zahlen lassen sich die Thesen ableiten, um das Elend der Schweizer Bezahlmedien zu beschreiben.

Das Elend in 11 Thesen
  1. Was vor allem am Anfang – teilweise bis heute – an Horrorszenarien in den Medien herumgeboten wurde, grenzt an Straffälligkeit. Oder ist es keine Schreckung der Bevölkerung, wenn von bis zu 100’000 Toten, einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem, schrecklichen Szenen vor überlasteten Intensivstationen, ja sogar einem Faustkampf um Beatmungsgeräte berichtet wurde?
  2. Prognosen sind immer mit Unsicherheit behaftet, niemand hat eine Glaskugel, in der er in die Zukunft schauen kann. Aber wäre es nicht Ausdruck von Redlichkeit und Anstand gewesen, sich für krachende Fehlprognosen zu entschuldigen – statt sie einfach durch neue zu ersetzen?
  3. Mit der falschen Behauptung, dass nur Unmenschen einen Zusammenhang zwischen einem Menschenleben und Kosten zu seiner Erhaltung sähen, wurde versucht, jede Debatte über die ungeheuerlichen finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Bekämpfung abzuwürgen. Damit wird den folgenden Generationen – ungefragt – ein Schuldenberg in der Höhe von schätzungsweise 200 Milliarden Franken aufgebürdet. Diese Verantwortungslosigkeit wird in den Medien kaum thematisiert.
  4. Die Newsmedien verloren schnell jede Distanz zum Handeln der Regierenden. Wenn der Ausdruck Gleichschaltung nicht historisch vergiftet wäre, wenn der Vergleich mit Staatsmedien im ehemaligen Ostblock mangels Ostblock nicht verfehlt wäre: selten war der Unterschied zwischen SRG und Privatmedien in der Schweiz und Staatsfunk oder dem «Neuen Deutschland» oder der «Prawda» kleiner als heute.
  5. Eine freie Gesellschaft konstituiert sich über eine freie Debatte. Die nur Sinn macht, wenn sie öffentlich ausgetragen wird. Trotz Social Media, Blogs und allen Multiplikatoren im Internet finden solche Debatten weiterhin in den klassischen Medien statt. Fänden statt, wenn nicht selbst ernannte Zensoren, Inquisitoren und Besitzer der guten und richtigen Wahrheit mit mittelalterliche Strenge zwischen richtig und falsch, gut oder böse, erlaubt oder verboten entscheiden würden.
  6. In einer offenen und modernen Gesellschaft ist man sich bewusst, dass jede Form von Entscheidung multifaktorielle Auswirkungen hat; Rückkoppelungen, Spiegelungen, Dinge beeinflusst, an die man gar nicht gedacht hat. Nicht nur im Materiellen. Die psychischen Auswirkungen in allen Formen, auf Kinder, Heranwachsende, Ehepaare, Kleinunternehmer, die Veränderung der Ursachen für Suizide, die Kosten für steil ansteigenden Bedarf an psychologischer Beratung oder Behandlung – alles Themen, die im Tunnelblick der Monokausalität weitgehend untergegangen sind.
  7. Ein Journalist ist meistens ein Mensch, der meint, über alles alles zu wissen. Ein Generalist, der gestern über einen Naturschutzpark, heute über interne Vorgänge in der EU-Kommission und morgen über die Folgen des Attentats auf den haitianischen Präsidenten berichten kann. Dabei auch selbstverständlich zum Epidemiologen, Virologen, Seuchenspezialisten herangereift ist. Rechthaberisch, arrogant, beratungsresistent.
  8. Es hat sich eine fatale Komplizenschaft zwischen einzelnen Wissenschaftlern und den Medien ergeben. Seuchenspezialist ist normalerweise keine akademische Betätigung, mit der man sich im Scheinwerferlicht sonnen kann. Ausser bei einer Seuche. Karriere, Forschungsgelder, Geltungsdrang trifft auf Unkenntnis und der Suche nach Steigerungen in den Medien. Daraus entstand ein absolut unbekömmliches Gebräu, zum Schaden des Ansehens der Wissenschaft, der Medien und auch der Regierenden. Denn die liessen sich von den resonanzverstärkten Fachleuten vor sich hertreiben. Ohne zu berücksichtigen, dass ein Virologe wohl von Viren Ahnung hat. Aber von Wirtschaft, Gesellschaft, Psychologie, gesamtheitlichem Denken – null.
  9. Wer regiert, muss handeln. Wer handelt kann Fehler machen, schuldig werden. Muss mit Auswirkungen umgehen, die zum Zeitpunkt seiner Entscheidung gar nicht absehbar waren. Für die er aber dennoch harsch kritisiert wird. Denn Politik ist nicht gerecht oder nett. Sondern ein Kampf um Wählerstimmen, Macht und Posten. Völlig befreit davon sind – Medien und Wissenschaftler. Die einen dienen als willfährige Multiplikatoren, die anderen geben wohlfeile Ratschläge. Beide fordern, kreischen, überbieten sich in der Erregungsbewirtschaftung mit immer absurderen Extremen. Verantwortungslos, zum Schaden ihrer Metiers.
  10. Es gibt keine andere Berufsgattung, bei der die Fähigkeit und der Wille zum Austeilen, zum Kritisieren, zum Rechthaben in einem derartigen Missverhältnis zur Einsicht in eigene Fehler steht. Zur Fähigkeit, Kritik zu vertragen, nicht Besserwisser zu sein, sondern besser zu wissen – als bei Medienschaffenden. Das Eingeständnis eines Irrtums, das Zeigen von Lernfähigkeit, das Beschränken auf Wissensgebiete, über die der Journalist tatsächlich Kenntnisse hat – nur unter Folter denkbar.
  11. Die Darstellung der Wirklichkeit in all ihrer Widersprüchlichkeit, Komplexität, Unüberblickbarkeit – das bräuchte Mut und die intellektuelle Fähigkeit zum «ich weiss doch auch nicht, aber ich beschreib’s halt mal». Ausgeschlossen, wer nicht aus dem Stand bereit ist, dem US-Präsidenten, der Bevölkerung jedes beliebigen Landes der Welt, der Wissenschaft, der Autoindustrie oder der Klimaforschung ungefragt Ratschläge zu erteilen, deren Fehler zu kritisieren, masslose Forderungen aufzustellen – der scheint den Beruf verfehlt zu haben und sollte besser nicht als Journalist tätig bleiben.
Summa summarum: Das sind die wirklichen Krankheitssymptome des Journalismus. Nicht etwa wegbrechende Inserate, schrumpfende Auflagen, flüchtende Abonnenten. Da kann auch Staatshilfe nichts Positives bewirken. Sie gleicht dem Versuch, den Komatösen rote Bäckchen zu verpassen – während die Gehirnaktivitäten gegen null tendieren.

Zu Tode gesparter Journalist betrachtet sich selbst.

Aber keine Panik, das Bedürfnis nach Information über das Nahe und das Ferne, das ist ungebrochen vorhanden. Dafür wird auch in Zukunft Geld ausgegeben. Für die Medien des Duopols in der Schweiz sieht es allerdings aschgrau aus. Zappenduster. Schwarz wie Druckerschwärze. Arme Hungerkünstler, die noch einmal wichtig tun wollen, als klappernde Skelette um die verglimmenden Lagerfeuer der öffentlichen Meinungen tanzen. Umso überzeugter von ihrer Wichtigkeit und Bedeutung, desto deutlicher sie fröstelnd spüren, wie der Nachtwind sie in die Vergänglichkeit weht.

Journalist (früher, nur für Gebildete).