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Völlig überflüssig

Matthias Kolb wäffelt den russischen Aussenminister an.

Das ist so spannend wie der Farbe an der Wand beim Trocknen zuzuschauen. Am 5. Dezember veröffentlichte SZplus seine Meinung: «Auf dem OSZE-Treffen ist Russlands Aussenminister isoliert, aber auch ein unvermeidlicher Gast.»

Am 9. Dezember fand der Qualitätsmedienkonzern Tamedia für diese Meinung ein trockenes Plätzchen:

Immerhin hat die sogenannte Auslandredaktion von Tamedia noch ihres Amtes gewaltet und entscheidend bei der Titelgebung eingegriffen. Freundlicherweise versteckt Tamedia diese Meinung auch nicht hinter der Bezahlschranke. Sondern belästigt alle verbliebenen Leser damit. Denn manchmal muss man auch SZ-Journalisten aushalten.

Kolb bellt kräftig los: «Lawrow ist seit 20 Jahren Aussenminister und daher politisch mitverantwortlich für die Kriegsverbrechen, die Russland in der Ukraine begeht.» Da fehlt das kleine, aber entscheidende Wörtchen «mutmasslich», das Kolb sicherlich bei Israels Ministerpräsident verwenden würde. Der ist sogar, im Gegensatz zu Lawrow, international zur Fahndung ausgeschrieben.

Aber Meinung ist ja eben nicht Wissen, sondern vielmehr Nichtwissen. Immerhin konzediert Kolb grosszügig: «Wer möchte, dass die OSZE diese Aufgaben weiter erfüllen kann, der muss ertragen, dass Lawrow jedes Jahr fürs heimische Publikum den starken Mann spielt.»

Also möchte Kolb offenbar, dass die OSZE weiter ihre Aufgaben erfüllen kann, was die Organisation sicherlich sehr freut und aufatmen lässt. Vorausgesetzt, sie nimmt seine Meinung überhaupt zur Kenntnis.

Diese Meinung ist ein Paradebeispiel für die zunehmende Degeneration des Journalismus. Wie kann ein Redaktor nur auf die kühne Idee kommen, seine gnädige Erlaubnis, dass der russische Aussenminister an einem OSZE-Treffen teilnehmen dürfe, könnte irgend jemand interessieren? Wie kann Kolb auf die kühne Idee kommen, dass er zu diesem Non-Ereignis auch noch seinen Senf geben muss? Hätte er die sofortige Verhaftung Lawrows gefordert, das wäre wenigstens noch originell, aber auch gaga gewesen.

Im Nachhinein nachzubelfern, dass der Mann zwar ein Kriegsverbrecher sei (was nicht mal als Meinung durchgehen sollte, wenn man sich noch an rechtsstaatliche Grundlagen halten will), aber dennoch bei der OSZE auftreten dürfe und dort auszuhalten sei, welch seltene Überhöhung eines Wichts zum Scheinriesen.

Statt dem Leser wenigstens ein winziges Beispiel von Lawrows «Lügen» zu geben, tritt Kolb mutig nach: «natürlich kneift Lawrow und hört sich nicht persönlich an, wie seine Lügen widerlegt werden». So, so. Welche Lügen wurden von wem womit widerlegt? Ein Beispiel? Ein klitzekleines, nur damit Kolb zeigen würde, dass er sich noch an Grundlagen des Handwerks erinnert?

Unter der  Bürde der eigenen Aufgeblasenheit kaum geradeaus laufen können, Meinungsträger sein, inhaltlich nichts Erhellendes beizutragen haben, wohlfeiles Geschimpfe auf einen Vertreter des Reichs des Bösen loslassen, das macht den modernen Journalisten aus.

Natürlich darf jeder seine Meinung haben, das nennt sich Meinungsfreiheit. Auch wenn diese Meinung frei von Wissen oder Erkenntnis ist. Wieso aber alle Instanzen einer Redaktion einen solchen Stuss durchwinken, das ist weiterhin ein süsses Geheimnis.

Dass Tamedia die aufgewärmte Meinung ein paar Tage später ihren Lesern auftischt, sozusagen als Restenrampe der Süddeutschen gut abgehangene und schon leicht miefende Meinungen nochmal bringt, das ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Simon Bärtschi höchstwahrscheinlich – zur Steigerung der Qualität – bereits eingespart wurde. Denn selbst eine publizistische Leiter nach unten hätte so etwas nicht durchgehen lassen.

Fakten, Fakten …

… und an den Leser denken. War mal ein Erfolgsgarant. Tamedia pfeift drauf.

Ein ganz normaler Freitagmorgen in der Woke-Küche namens Zentralredaktion. Da behauptet die Kolumnistin Nadine Jürgensen unter dem Brachial-Titel «Brechen wir das Schweigen!»: «Jede Frau ist von sexualisierter Gewalt betroffen.»  Und zitiert die Brachial-«Expertin» Agota Lavoyer, die Kreische der angeblich überall vorhandenen «sexualisierten Gewalt», was immer das sein mag. Aber auf jeden Fall geht sie nur von Männern aus.

Das hat Tamedia schon des Langen und Breiten bis zum Überdruss ausgebreitet. Aber Jürgensen scheint gerade das Buch dazu gelesen zu haben. Immerhin relativiert sie: «Nicht alle Männer sind sexuell übergriffig.» Gut, nur sind keineswegs alle Frauen «von sexualisierter Gewalt» betroffen. Nur interessiert diese larmoyante Wiederholung sicherlich die Mehrheit der Tamedia-Leser einen feuchten Dreck.

Der missglückte Online-Auftritt macht mit der Hammer-Meldung auf: «Mein Sohn geht ins Gymi: Es ist der Himmel – und die Hölle». René Hauri weint den Lesern mit seinen höchstpersönlichen Erfahrungen ins Hemd. Aber da die Mehrheit der Tamedia-Leser keinen Sohn haben, der ins Gymi geht, und wenn, dann wohl auch nicht so drunter leiden …

Dann jubelt Paul Munzinger von der «Süddeutschen Zeitung» über die erste Präsidentin Namibias, weil sie eine Frau ist. Grossartig. Dass sie gegen Abtreibung und Homosexualität ist, nun ja, aber he, sie ist eine Frau, und das ist doch super. Versteht der Tamedia-Leser nicht, interessiert ihn auch nicht gross. Wie viele könnten spontan angeben, wo Namibia liegt? Und ist die Geschlechtszugehörigkeit wirklich wichtiger als die politischen Auffassungen?

Dann nahm der Bote des Gottseibeiuns an einem Ministertreffen der OECD teil. Die Rede von Sergei Lawrow fasst der SZ-Mann Matthias Kolb mit aller gebotenen Objektivität zusammen: «Er warnt, die Sache könne «in ein heisses Stadium» übergehen. Es folgen Verdrehungen, Lügen und Phrasen des Kreml inklusive der Behauptung, in der Ukraine regiere ein Naziregime, das Russland bekämpfen müsse.»

Im Titel behauptet Tamedia, dass es einen «Schlagabtausch mit Baerbock» gegeben habe. Allerdings muss die deutsche Aussenministerin, die ansonsten von Fettnapf zu Fettnapf eilt, ins Leere geschlagen haben, denn Lawrow hatte nach seiner Rede den Saal verlassen.

Roger Köppel interviewt Aleksander Vucic, Anlass für kübelweise Häme. Wenn Richard Gere über die durchaus kontroverse Figur des Dalai Lama schwärmt, der sich auch schon mal von einem Knaben die Zunge küssen lässt, verschont ihn Pascal Blum von jeder kritischen Frage, möchte vielmehr leicht schleimig wissen, wie er selbst denn zum Buddhisten werden könnte.

Dann drückt immer wieder die Gutmenschensprache durch, die jeden Liebhaber von gutem Deutsch die Wände hochtreibt: «Mehr Platz für Pendelnde». Die Armen, sie sind keine Pendler, sondern pendeln unablässig, Tag und Nacht.

Will der Tamedia-Leser das über Ronja Fankhauser wissen? «In meiner Krankenakte habe ich drei Diagnosen für meine Psyche, bald kommt eine vierte hinzu.» Will ihre Mutter wirklich so öffentlich vorgeführt werden? «Du, Mama, hältst davon nicht viel. Als Kind wolltest du mich und meine Geschwister nie abklären lassen.» Brr.

Dann darf ja nicht zu viel vorweihnachtliche Stimmung aufkommen:

Soll man, darf man, soll man nicht, gewichtige Fragen, die sicherlich alle Tamedia-Leser brennend interessieren.

Dann liefert Eva Novak ein klassisches Einerseits-Andererseits ab, das dem Leser beim Einordnen unglaublich hilft: «Der Freihandelsdeal Schweiz – Indien kann ein Lottosechser werden. Oder ein Debakel». Um ein Debakel zu verhindern, weiss die praktizierende Wirtschaftskennerin Novak, tue die Wirtschaft «gut daran» sich an ihre Ratschläge zu halten: «Will sie von den unbestrittenen Vorteilen profitieren, muss sie darlegen, wie sie die Milliarden in Indien umweltverträglich und unter Einhaltung der Menschen- und Arbeitnehmerrechte zu investieren gedenkt. Damit sich der vermeintliche Lottosechser nicht als Fehltipp erweist.»

Wie soll sie das, warum soll sie das, reicht es etwa nicht, wenn sich die Wirtschaft an die indischen Gesetze hält? Interessiert «die Wirtschaft» diese Meinung von Novak? Interessiert sie den Leser? Nein.

Ganz zuunterst, nur noch vor den Rätseln und dem Inhalt des «Magazins», hängt immer noch die Kochserie «Elif x Tagi», die keinen interessierte und einer der vielen Flops der inzwischen eingesparten Kerstin Hasseoffen für Neues») ist.

Soviel als Schnelldurchlauf. Mal im Ernst, liebe Tamedia-Redaktion, liebe Leitung: meint ihr wirklich, damit könnt Ihr den Leserschwund aufhalten? Habt Ihr auch schon mal etwas davon gehört, dass der Leser an Fakten interessiert ist, nicht an Meinungen? Denkt irgend einer von Euch beim Schreiben an den Leser? Also anders, als dass er zu erziehen, zu massregeln, mit Betrachtungen des eigenen Bauchnabels zuzumüllen ist?

Besteht eigentlich das Personal von Tamedia nur noch aus Kamikaze-Piloten (generisches Maskulin)? Oder soll das ein Wettkampf mit dem «Blick» sein, wer besser und schneller Leser und Abonnenten vergrault?

Wieso kann man die ganze Webseite durchscrollen, das ganze schwindsüchtige Blatt lesen – ohne irgendwo Lesespass zu empfinden?

Und wieso wird dem meistgelesenen Verkaufs-Titel von Tamedia, der noch einigermassen Niveau hält, die eigene Redaktion weggenommen? Will man denn unbedingt, dass Arthur Rutishauser, der einzige kompetente Macher, auch noch scheitert? Weil er den anderen Nulpen sonst in der Sonne stünde?

Oder arbeitet Pietro Supino schon an seiner Grabrede für den Tagi plus Kopfsalat?