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Freie Presse

Kommentar? Kommentar fast überflüssig. Die neue Rubrik.

«Oder ob die Bevölkerung endgültig genug hat von Putins wichtigstem Trojaner im Westen.»
Wolfgang Rössler in der NZZaS über Ungarns Präsident Viktor Orban.

«Ich möchte, dass Sie Ukrainer sind
Wolodimir Selenskyj zu Demonstranten in Bern. Es gab Applaus.

«Die Politik kommt nicht umhin, bei der Förderung der Erneuerbaren ein paar Gänge höher zu schalten.»
SoBli-Chefredaktor Gieri Cavelty mit einer wunderbaren Auto-Metapher in seinem Editorial über «Blochers bizarre Neutralitätsdebatte».

«Der Westen kann den neuen Kalten Krieg gewinnen».
Der heisse Krieger Martin Suter in der «SonntagsZeitung».

«Die Historikerin Anne Morelli hat zehn eherne Regeln der Kriegspropaganda definiert.»
Daniel Friedli in der NZZaS. Man stelle sich vor, welches Gebrüll erschallen würde, hätte Friedli Arthur Ponsonby als geistigen Urheber dieser zehn Regeln bezeichnet, während es in Wirklichkeit Morelli gewesen wäre. Aber da es umgekehrt ist …

«Insbesondere gilt es, jene Kräfte zu bekämpfen, die jetzt auf Putins Logik einsteigen und seinem chauvinistischen Grössenwahn geradezu defätistisch mehr Nationalismus, Protektionismus und Aufrüstung entgegensetzen wollen. Angesagt ist vielmehr ein entschlossenes Vorantreiben multilateraler Lösungsansätze auf globaler Ebene, eine Stärkung der Uno, das Zur-Rechenschaft-Ziehen von Kriegsverbrechern und eine internationale Abrüstung, die Ressourcen freisetzen kann, die anderswo dringend gebraucht werden.»
Der emeritierte Professor für Geschichte Jakob Tanner im SoBli. Das haben wohl nicht nur die Leser dort nicht verstanden.

«Was sollen die USA tun, um den Ukrainern zu helfen? Eine Flugsverbotszone errichten und wirksame Waffen liefern. Die Nato vielleicht sogar Truppen. Was soll die Schweiz tun, um der Ukraine zu helfen? Den Rohstoffhandel stoppen, der zu 80 Prozent über unser Land läuft. Und natürlich das Geld von Putin, seiner Entourage und seinen Helfern, den russischen Oligarchen, sperren, das sind 180 Milliarden Franken, die bei uns vermutet werden.»
Arthur Rutishauser, der Oberchefredaktor bei Tamedia, in seinem Editorial in der «SonntagsZeitung». Er möchte also gerne den Dritten Weltkrieg ausrufen und nebenbei noch den Rechtsstaat Schweiz zu Kleinholz verarbeiten.

«Das 700 PS Finale. Auf dem Weg ins E-Zeitalter lässt es der britische Hersteller Aston Martin nochmals krachen: Der Vantage feiert sein letztes Comeback als V12».
Autor spx. In der «SonntagsZeitung» über zeitgemässe Automobiltechnik.

 

 

Folio: voll teurio

12.60 Franken – wer soll das bezahlen?

Im April hätte die erste Folio-Ausgabe nach dem Relaunch erscheinen müssen. Wegen der Werbeflaute hat die NZZ die Erstausgabe bis September verschoben. Ein halbes Jahr mussten Folio-Abonnenten also auf die neue Nummer warten. Trotzdem blieb es in der Schweiz relativ ruhig.

Nun ist die Ausgabe seit ein paar Tagen im Kiosk erhältlich. Der Inhalt ist so geil wie Militärbiscuit. Das Heft klebt in den Auslagefächern wie Leim. Ein möglicher Grund: Die NZZ hat den Preis angehoben, und zwar empfindlich.

Vor dem Relaunch kostete eine Einzelausgabe 9.80 Franken. Neu beträgt der Verkaufspreis 12.60 Franken. Das ist viel für 74 Seiten. Die FAZ kostet 5.10 Franken, die Zeit 8.20 Franken. Die Weltwoche 9 Franken.

Wer bezahlt 12.60 Franken für ein dünnes Heft, das – seien wir ehrlich – vor allem von seiner Vergangenheit zehrt? Früher schrieben die Besten im Folio: Wolf Schneider, Martin Suter – und Constantin Seibt.

Und wer schreibt heute exklusiv im Folio? Eben.

Wie beginnt man ein Interview? (Teil 1)

Interviews sind die Billy-Regale des Journalismus.

Einfach und schnell zusammengebaut, wenig Fachkenntnisse erforderlich, kein bleibender Wert. Im deutschsprachigen Raum sind 95 Prozent der Interviews darum überflüssig, in der Schweiz sind es sogar 98 Prozent. Die wenigen Interview-Perlen erkennt man an der Einstiegsfrage. Hier scheitern die meisten Journalisten, zum Teil kolossal. Die erste Frage ist deswegen so schwierig, weil der Interviewer eine ganze Menge reinpacken muss: Interesse, Distanziertheit, Vorwissen, Neugierde. Der Leser muss gleich zu Beginn gefesselt werden. Die erste Frage ist so wichtig wie die Anmachfrage in einem Club.

Wir präsentieren hier in loser Folge gute und schlechte Fragen. Bei den schlechten Beispielen wollen wir die Journalisten aber nicht an den Pranger stellen. Wir alle haben ein paar gute, aber leider mehr schlechte Tage. Uns geht es darum, die misslungenen Fragen zu analysieren und daraus zu lernen. Für Beispiele in beiden Richtungen sind wir dankbar: redaktion@zackbum.ch.

Sex auf Deutsch

Quelle: Süddeutsche (14./15./16. August 2020)
Journalistin: Julia Rothhaas
Gesprächspartnerin: Erica Jong (Sex-Autorin)
Info: Das Gespräch wurde telefonisch geführt.

Einstiegsfrage:

Frau Jong, Ihr erster Roman «Angst vorm Fliegen» erschien 1973 und wurde gleich ein riesiger Erfolg. Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die sich von ihrer Ehe gelangweilt in eine Affäre stürzt. Seit 47 Jahren werden Sie deshalb als «Königin der Erotik» bezeichnet, der von Ihnen geschaffene Begriff des «zipless fuck», auf Deutsch «Spontanfick», wird in jedem Zusammenhang mit Ihnen erwähnt.

Kritik: Welche Pornos sind gut? Doch nur die vorstellbaren. Welche Interviews sind gut? Auch nur die vorstellbaren. «Ihr erster Roman «Angst vorm Fliegen» erschien 1973 und wurde gleich ein riesiger Erfolg.» – Welcher Mensch stellt aber solche Fragen? Eigentlich stellt Julia Rothhaas gar keine Frage. Sie quetscht Kurzbio, Buchkritik und Etymologie brutal in drei Sätze. Was fehlt, ist eine Frage. Will Rothhass, dass sich die «Königin der Erotik» wegen des Spontanficks schämen soll? Dann raus mit der Sprache: «Frau Jong, schämen Sie sich kein bisschen?» Bei diesem Interview scheppert aber nicht nur die erste Frage. Jong werden zusammenhanglos eigene und fremde Zitate vorgelegt. Es ist ein Jammer. Und es ist nicht nachvollziehbar, warum die  «Süddeutsche» das Gespräch als «grosses Interview» anpreist. Das stimmt weder von der Länge (26 Fragen) noch vom Inhalt.

Auch sonst erfüllt der Text die Formalien nicht. Die Einstiegsfrage wiederholt Infos aus dem Lead («in den Siebzigerjahren mit dem Roman «Angst vorm Fliegen» (…)»»), die kurioserweise in einer Personenbox zum dritten Mal wiederholt werden («zwei Jahre später ihr erster Roman «Angst vor Fliegen», der (…)») Der Lead selbst beschreibt eine Szene (zwei Pudel in der Küche), die in einen Fliesstext gehören.  Verständlich,  dass Jong hilflos antwortet: «Ich erfinde nun mal gerne Wörter.»

Lösungsvorschlag: Die ersten beiden Sätze in einen anständigen Vortext ausgliedern und dann gleich mit dem dritten Satz beginnen:

Sie haben das Wort «Spontanfick» geprägt. Stolz?

 

Die Zauberhand

Quelle: Gastro-Journal (16. Juli 2020)
Journalist: Benny Epstein
Gesprächspartner: Marc Bär (Hotelier im Fextal)

Einstiegsfrage:

Marc Bär, wer Ihr Hotel Fex im Engadin betritt, erlebt pure Magie: Wie durch Zauberhand verfliegt der Alltagsstress. Wo liegt das Geheimnis versteckt?

Kritik: Hier handelt es sich um eine schlechte Einstiegsfrage. Das Gastro-Journal ist natürlich eine Verbandszeitschrift und kein journalistisches Medium. Trotzdem gilt auch hier: Die erste Frage muss sitzen, der Leser darf nicht verarscht werden. Journalisten müssen ihre Hose bis zur letzten Fragen anbehalten. Epstein entledigt sich gleich bei der ersten Frage von seiner Unterhose. Hinzu kommt, dass die Frage gar keinen Sinn macht. Wenn etwas mit der magischen Zauberhand angerührt wird, ist es nicht erklärbar. Magie pur. Epstein fragt hoffentlich auch kein Mädchen: «Du hast so einen magischen Busen. Wo liegt das Geheimnis versteckt?»

Lösungsvorschlag:

Marc Bär, wie schaffen es Hoteliers, dass der Alltagsstress gleich beim Check-In verfliegt?

 

Andreas W. Schmid  – der Beste

 

Quelle: Coopzeitung, 14. Juli 2020
Journalist: Andreas W. Schmid
Gesprächspartner: Martin Suter

Martin Suter, Sie werden immer als der grosse Geschichtenerzähler unster den Schweizer Autoren bezeichnet. Ich wünsche mir deshalb für dieses Interview, dass Sie in jede Antwort eine Geschichte einbauen – und falls doch nicht, erinnere ich Sie daran und Sie müssen nachbessern. Einverstanden?

Kritik: Das ist eine schöne erste Frage. Andreas W. Schmid zählt überhaupt zu den besten Interviewer der Schweiz und vergeudet sein Talent in der Coopzeitung. Warum ist diese Frage gut? Nun, Martin Suter hat in der letzten Zeit unzählige Interviews gegeben. Anlass ist der neue Film über ihn. Die Journalisten, die mit ihm reden durften, konnten dabei ihr Glück nicht fassen. Schmid wahrscheinlich auch nicht. Ihm gelingt aber im Gespräch eine richtige Konversation und keine Lobhudelei. Die Einstiegsfrage gibt gleich den Takt an: Ich frage, sie antworten. Und wenn der Gesprächspartner nicht mitmacht, wird er von Schmid ermahnt: «Sie sollten von Ihrer Karriere als Werbetexter erzählen.»

Es gibt einige Journalisten, die seine häufigen Ich-Fragen anmassend finden, ich nicht. Soll er doch. Das Ergebnis ist fast immer ansehnlich. Der Leser erfährt Biografisches, das sonst nirgendwo steht. Schmid erinnert mich deshalb an Roger Schawinski, der in den Interviews auch viel Gesprächsanteil hat. Aber nicht jeder Journalist kann und soll Schmid oder Schawinski. Das ist nur den Fähigen reserviert.

Fortsetzung folgt

(Anmerkung zur LeserInnenbindung: ZACKBUM.ch freut sich über positive wie negative Beispiele, wobei keine Garantie besteht, dass diese auch erwähnt werden)