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Peter Bichsel †

De mortuis nihil nisi bene.

Für alle, die am grossen oder kleinen Latinum gescheitert sind: über Tote nichts sagen oder nur Gutes. Das geht bei ZACKBUM natürlich nicht.

Peter Bichsel (1935 – 2025) ist kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben. Das Feuilleton überschlägt sich mit ergriffenen Nachrufen auf den angeblich so grossen, genauen, immer das Einfache suchenden Schriftsteller. Der konnte so präzise dem Alltag auf die Spur kommen, verdichtete zum Gültigen, Blabla.

Mein Freund Hugo Loetscher nannte das, was Bichsel schrieb, Literatur in kurzen Hosen. Das trifft es haargenau. Wenn ein Primarlehrer zu schriftstellern beginnt und versucht, das Aufsatzniveau seiner Schüler zu treffen, dann kommt Bichsel raus. Frau Blum und der Milchmann und 100 Gramm Butter und der Austausch per Zettel. Schon damals geriet das Feuilleton gleich in Wallungen, selbst Marcel Reich-Ranicki bewies, dass auch er nicht unfehlbar ist, und lobte über den grünen Klee.

Einfache Begrifflichkeit löst Ergriffenheit aus. Wenn dann noch die Gesinnung stimmt (eher links, kritisch, aber nicht radikal), dann übersieht das Feuilleton gerne, dass Banales, banal formuliert, überraschenderweise banal bleibt. Solche Irrtümer gibt es immer wieder; aktuelles Beispiel ist der Sprachmalträtierer Lukas Bärfuss, der keinen geraden Satz hinkriegt, aber dank richtiger Gesinnung sogar den Büchner-Preis kriegte. Das hat der geniale Revolutionär und Dichter wirklich nicht verdient, das ist reiner Missbrauch.

Zudem sei Bichsel so bescheiden und zurückhaltend gewesen, wird gelobt. Dabei wusste er als einer der Ersten, wie man aus sich eine Marke macht. Die ewig gleiche übergrosse runde Brille, das blau gestreifte Hemd, das Gilet. In der Beiz am Tisch, vor sich ein Glas Roter. Später dann der Gag, dass Wasser im Glas war. Das nennt man Inszenierung, das nennt man Wiedererkennungswert.

Davon haben dann Gebrauchsschriftsteller wie Martin Suter einiges abgeguckt. Immer Anzug und Krawatte, immer die nach hinten gegelten Haare, der bekümmerte Blick. Natürlich auch Bärfuss, immer der grimmige Blick, die unter allem Unrecht der Welt leidende Miene, niemals lächeln. Die Form ist alles, der Inhalt nebensächlich.

So war es auch bei Bichsel. Hand aufs Herz, wer kann den Inhalt irgend einer seiner vielen Kurzgeschichten aus dem Stegreif wiedergeben? Wer erinnert sich noch, was in «Des Schweizer Schweiz» steht? «Für Schweizer gibt es zwei Welten. Das Inland und das Ausland.» Welch angestaubte Banalität, die sich als einfache Tiefe ausgibt. Wer das zitiert, würgt damit jedes muntere Tischgespräch ab.

Eins muss man Bichsel lassen: schon vor Harald Schmidt erhob er das Interview zur Kunstform. Gab verblüffende Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden. «Ich weiss, dass es keinen Gott gibt, aber ich glaube an ihn.» Wow. Inzwischen dürfte er herausgefunden haben, ob sein Wissen oder sein Glauben zutrifft.

SoZ, stottert, spotz

Oh je. Was immer wieder der einzige Lichtblick am Sonntag war …

Eigentlich ist es zur Spezialität der NZZaS geworden, Covers zu machen, bei denen der Leser denkt: selbst Weissraum wäre eine bessere Alternative.

Die SoZ ist ein gelehriger Schüler. «Städte am Meer, «Alles weg», Doppelspitze». Höfliche Menschen halten beim Lesen die Hand vor den Mund.

«Streit um muslimische Grabfelder, Keine Lust auf Stress im Job, Bundesrat: Pfister verzichtet auf Kandidatur». Selbst die höflichsten Menschen halten nicht mehr die Hand beim Gähnen vor den Mund.

Es ist wirklich symbolisch. Auf Seite zwei links steht normalerweise das Editorial von Arthur Rutishauser. Nicht immer, aber häufig ein Lichtblick in der Finsternis im Glashaus. Statdessen steht dort diesmal Raphaela Birrer. Und es wird so schlimm, wie man befürchten muss. Ein Riesenfoto von Gerhard Pfister; um es aufzublasen, wird auch noch die Studioeinrichtung gezeigt. Dazu ein Interview über fast zwei Seiten. Wenn man bei dem die Luft rauslässt, genügte ein Satz: Pfister will nicht Bundesrat werden. Meine Güte.

Daneben noch die obligate «Analyse» über die Turbulenzen in der Partei «Mitte». Aufgewärmtes Gehacktes, meine Güte. Man fragt sich, ob Birrer hier Rutishauser zeigen wollte, wo der Hammer hängt.

Aber es ist noch nicht ausgestanden. Dann die obligate Seite Gewerweise, wer denn der Nachfolger (oder die Nachfolgerin) sein könnte, werden könnte. Der übliche Eiertanz, denn man möchte auf keinen Fall mit einer Prognose danebenliegen. Meine Güte.

Grabstein in Weinfelden; soll es dort muslimische Gräber geben? Ein Thema, das im wahrsten Sinne tötelet. Meine Güte, da gibt es wohl grössere Probleme mit unseren muslimischen Mitbürgern, solange sie am Leben sind.

Dann der Beitrag «der lebt noch?» über Ulrich Schlüer. Bettina Weber dreht weiter an ihrem Aufreger «Sie wollen einen reichen Mann – und nennen es Feminismus». Wird sicher auch in der Wiederholungsschlaufe wie gewünscht Kampffeministinnen zur Weissglut treiben.

Man hätte darauf wetten können, dass die furchtbare Minentragödie in Südafrika, die unter der Woche höchstens im ganz Kleingedruckten interessiert, am Sonntag ihren Auftritt hat. Samt der «immer wieder gut, wenn wir sonst nix haben»-Story vom Mann, der seine Bitcoins im heutigen Wert von 800 Millionen Dollar samt der Festplatte in einen Müllsack packte, den seine damalige Lebensgefährtin umsichtig entsorgte. Und dem er seit 12 Jahren nachrennt.

Dann kommen wir zu verdammt, die Inauguration von Trump ist erst am Montag, was machen wir da bei Redaktionsschluss Samstag? Überraschung, ein Interview natürlich. Wobei, wer, der einen geraden Satz sagen kann und irgend einen Titel hat, ist in den USA denn noch nicht interviewt worden? Der alte Hase Martin Suter wurde natürlich fündig: der «Über-Geograf» (schöner, neuer Titel) Joel Kotkin. Joel who? He, lehrt an einer Uni, hat zehn Bücher geschrieben, wird von der NYT gelobt. Also DER Joel. Muss man lesen, was er zu sagen hat? Nein.

Das ist alles ist so schwach, dass man fast versucht wäre, Jacqueline Badran und Markus Somm zu lesen, nur um wach zu werden ob so viel Unsinn. Aber nur fast.

Als ob man nicht schon genügend Mühe mit Wachbleiben hätte, langweilt dann die Wirtschaft mit dem Aufmacher «Die Musterschüler im Norden stecken in der Krise, der Süden boomt». Bis es dann mal wieder umgekehrt ist. Blöd auch, auch das WEF fängt erst am Montag an, also auch hier was Hinprügeln: «Die Ära der grossen WEF-Proteste ist vorbei». Überraschung aber auch, die Ära der grossen WEF-Bedeutung halt auch.

Man wird einfach nie überrascht bei dieser Ausgabe der SoZ; was fehlt noch? Also bitte, nicht mehr als einmal raten. Genau, «Die Schäden der Waldbrände in Los Angeles … Forscherin über die Kosten der Erderwärmung». Meine Güte.

Dann machen Christian Brönnimann und Oliver Zihlmann ungeniert mit ihrer Lieblingsbeschäftigung weiter: Schimpf und Schande zu einem «Putin-nahen Oligarchen» sagen, über einen «sanktionierten Multimilliardär». Wieso der und aufgrund wessen sanktioniert ist, dass der sich mit Händen und Füssen gegen die Pauschalverurteilung ohne Beweise oder Gerichtsverfahren «reich, Russe, Schweinebacke» wehrt – kein Wort drüber. Das Seco habe, nicht nur bei diesem Oligarchen, gesperrte Gelder freigegeben. Aber hallo, nicht etwa «für lebensnotwendige Dinge wie Nahrung oder eine warme Stube». Das würde das Duo Infernal sogar einem Oligarchen noch zubilligen. Nein, für den Unterhalt von Helikoptern und einen Landsitz. Als Beitrag zum Sozialneidthema: Reiche leben reicher als wir. Schweinerei, so was. Aber leider: «Das Vorgehen des Seco ist laut Einschätzung von mehreren Experten rechtlich korrekt».

Nochmal eine Schweinerei. Ein Schweizer Experte für Sanktionsrecht erfrecht sich sogar noch zu sagen: «Bei staatlichen Zwangsmaßnahmen solle sich jeder wehren können, auch Oligarchen.» Muss man sich mal vorstellen, auch für solche Schweinebacken soll der Rechtsstaat gelten? Und nicht einfach die Vorverurteilung von zwei wildgewordenen Journalisten, die immer gerne Ankläger, Richter und Henker in einer Person spielen möchten? Meine Güte.

Wollen wir schliesslich noch «das Geheimnis der dauerhaften Liebe» wissen? Aber her damit. Bloss: «Es gibt keins».

Wollen wir das Geheimnis eines interessanten Sonntagsblatts wissen? Unbedingt. Die Redaktion der SoZ will das auch sehnlichst.

NZZaS wackelt vor sich hin

Wer immer wieder Redesigns macht, ist auch inhaltlich unsicher.

Zurzeit haben wir am Sonntag ein interessantes Phänomen. Die «SonntagsZeitung» gewinnt vor allem dank Arthur Rutishauser an Kraft und stellt die Leistungen des täglichen Tagi in den Schatten. Zudem kritisiert sie indirekt auch Provokationskampagnen wie das Gewese um den angeblichen «Bschiss» beim Unterschriftensammeln für Initiativen.

Im Hause NZZ ist es um gekehrt. Die tägliche NZZ zeigt wenig Schwächen und viele Höhepunkte, God Almighty Eric Gujer zeigt mit stilsicherer Hand, wo’s langgeht. Dafür eiert aber die NZZaS vor sich hin.

Ist so ein Cover-Anriss wirklich auf Niveau?

Und sind solche Layout-Sperenzchen wirklich auf Niveau?

Gut, aber der Inhalt? Nun ja, während Gujer mit spitzer Feder die AfD-Phobie in Deutschland aufspiesst, mäandert Beat Balzli in seinem Editorial um den Begriff Misstrauen herum, rührt Corona, Putin, Trump, Volkswagen, AfD und auch eine «mutmasslich dubiose Unterschriftenbeschaffung» zusammen. Mutmasslich dubios? Das ist Brei.

Und was ist die Lösung? Was kann man gegen Misstrauen tun? «Nulltoleranz muss jetzt die Losung lauten. Das CS-Syndrom darf nicht zur Routine werden.» Solche wohlfeilen Ratschläge mieften schon früher, als sie noch massenhaft angeboten wurden. Aber heute? Wer wird die «Losung» von Balzli aufnehmen? Niemand.

Daneben darf sich auf fast zwei Seiten mal wieder Andreas Mink aus New York austoben. Inhalt? Nun, ungefähr so gehaltvoll wie die riesige Karikatur auf der Doppelseite:

Soll das lustig sein? Illustrativ? Eine Aussage haben (ausser, dass Trump fett und Harris muskulös sein soll)?

Dann wird’s auch verbal aschgrau, die NZZaS versucht ein grauenhaftes Wortspiel im Titel:

Cäsar, Iden des März, Friedrich Merz, CDU-Chef, kapiert? Nein, kapiert keiner. Was die sprichwörtliche Wendung für drohendes Unheil, abgeleitet von der Ermordung Cäsars an einem 15., also einem Idus, dem mittleren Tag des Monats, mit der Zukunft des CDU-Chefs zu tun haben soll? Droht dem etwa auch tödliche Gefahr? Das funktioniert nach der Devise: Wortspiel, komm heraus, du bist umzingelt.

Aus «Foreign Affairs» übernommen dürfen sich zwei Fachkräfte in der Grauzone der Tätigkeit des russischen Geheimdienstes bewegen. Wer nach «Hinter dem Brandanschlag auf ein Warschauer Einkaufszentrum sollen russische Agenten stecken» und «Dahinterstecken soll der russische Geheimdienst» weiterliest, ist selber schuld.

Und wer das hier im Foto lesen kann, hat sehr scharfe Augen:

Wenn der AD zur Leserverarsche neigt und niemand stoppt ihn, dann ist irgend etwas nicht gut.

Aber immerhin, am doppelseitigen Interview mit Serge Gaillard über die von ihm vorgestellten Sparpläne stört nur, dass es ohne sinnloses Symbolbild auch auf einer Seite Platz gehabt hätte.

Wir zeigen die aussagekräftige linke Seite:

Ohne ein paar unscharfe Pflänzchen vor unscharfer Hausmauer wäre das Interview unvollständig. Aber immerhin, der Interviewte ist voll scharf im Bild:

Dann wird’s gähnend langweilig, wie meist, wenn Nicole Althaus am Gerät ist. Immerhin, sie kümmert sich diesmal ausnahmsweise nicht um die Probleme von Frauen im mittleren Alter:

Meine Güte, man nehme einen Allerweltsbegriff, interviewe irgend einen Harvard Professor, et voilà. Der Begriff ist dabei austauschbar. Konstrukt, Selbstbewusstsein, Empathie, Nähe, Tod, man kann wie bei Scrabble in den Sack greifen und was rausfummeln.

Wirtschaft? Nun ja, Flamm Mordrelle versucht tapfer, im Dschungel der Gebühren für Vermögensverwaltung etwas Durchblick zu verschaffen. Da das aber absichtlich als Dschungel angelegt ist, gelingt das nicht wirklich. Und um mal wieder zum ewig gleichen Schluss zu kommen, dass ETFs die billigste und gleichzeitig beste Form der Geldanlage ist, dafür braucht es nicht eine ganze Seite.

Und nochmals, liebe NZZaS, wer sich solche Icons aufschwatzen lässt, sollte zum Augenarzt:

Erfrischend frech ist allerdings diesmal der Kulturaufmacher. Gleich fünf Frechdachse empfehlen einigen ranzig gewordenen Kulturschaffenden: «Lasst es gut sein», denn sie hätten «ihre Schaffenskraft verloren». Da kann man weitgehend einverstanden sein. Hazel Brugger, Martin Suter, Samir, Kim de l’Horizon, Stress, Volltreffer. Mario Botta, Michael Steiner, Daniel Hope, Stefanie Heinzmann, etwas fies, aber begründbar. Aber Globi, das ist gemein und ungerecht. Ob da «Lotta-Leben» oder gar «Gregs Tagebuch» wirklich eine Alternative sein soll?

Dann noch eine rührende Geschichte über Roland Baldenweg. Who? Na, der «Pfuri». Hä? Der Teil des Trios Pfuri, Gorps & Kniri. Toller Name, oder? Zugegeben, die kennen nur noch Leser, die entweder so alt aussehen wie Keith Richards – oder so alt sind. Pfuri ist auch nicht jünger geworden, mit seinen 77, aber der Schnurrbart steht immer noch, und der Schalk sitzt immer noch in den Augen. Und die Mundharmonika spielt immer noch den Blues. Wunderbar.

 

 

 

Dunkle Worte

Nora Zukker rezensiert Martin Suter. Kann nicht gutgehen.

Martin Suter ist der genderkompatible, fluffige Gebrauchsliterat der Schweiz. Die Texte des PR-Genies flutschen so wie eine feuchte Seife in der Hand. Kantenlos, glatt, gepflegt, unangenehm parfümiert, langweilig.

Der Literaturhäuptling (wieso gibt es davon keine weibliche Form, verdammte Diskriminierung) ohne Indianer von Tamedia, Nora Zukker, ist sonst eher für Abseitiges und Unterirdisches wie Simone Meier zuständig.

Nun versucht sie sich also mal am Schweizer Erfolgsautor, der zwecks Promotion nicht davor zurückschreckt, Privatestes wie den Tod seiner Frau larmoyant auszubreiten, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt.

Aber zur Sache. Schon der Titel der Rezension ist so dunkel wie holprig, Wie kann man zwischen Oliven und einem Drink die Geduld verlieren? Wo bleibt die dann ab? Findet man sie dann hinter einer Olive wieder?

Aber das soll ja den Leser nur vorwarnen, dass es anschliessend noch holpriger, dunkler und unverständlicher wird:

«Allmen bietet ihm seine Hilfe bei der Suche nach dem verschwundenen Kunstwerk an – und hofft, nicht schon wieder seine Kreditwürdigkeit improvisieren zu müssen. Es könnte für den «Pleitendandy» eine Zeit ohne den Duft schwarzer Bohnen kommen, denn er gehört nun ein bisschen dazu, zum Kreis der illustren Kunstfreunde von Weynfeldt.»

Wie improvisiert man seine Kreditwürdigkeit? Und was ist eine Zeit ohne den Duft schwarzer Bohnen? Meint sie damit Frijoles (würde zu den Margaritas passen) oder schlichtweg Kaffee?

Aber weiter im Geholper: «… der Adelstitel Johann von Allmen führt irrtümlicherweise zum Adel, ist aber bäuerlicher Herkunft. Carlos (ein Bediensteter, Red.) kann auch nicht zu oft die Mansarde hochsteigen und ein Bündel Banknoten holen und sie dem Johann Friedrich leihen». Hä?

«Allmen ist nämlich gut darin, die Wirklichkeit auszublenden. Das hat er in seiner Kindheit gelernt, als er die Augen schloss und sein Vater mit einem Stück Holz das Kaninchen Mimi vom kleinen Johann erschlug. Aber dann muss er die Augen aufschlagen, als es hupt und eine Bahre mit grauem Deckel geholt wird. Karin Winter ist tot.» Hä?

Wer’s bis zum Schluss durchsteht, wird hiermit bestraft:

«Da sind keine schnellen Schnitte, keine Spannung, die einem den Atem nimmt, aber Suters Dialogtalent bleibt konkurrenzlos. Mit «Allmen und Herr Weynfeldt» gewährt uns Suter wieder Einblicke in die Welt der Reichen. Und irgendwann trinkt Weynfeldt dann doch noch den Martini zur Olive. Aus Gründen.»

Hä?

Eigentlich sollte eine Rezension dem Leser Gründe an die Hand geben, einen Martini zu trinken. Nein, ein Buch lesen zu wollen oder nicht.

Hier sind die Fragen, ob man das Buch trotz dieser Rezension lesen sollte. Oder sich sinnlos besaufen. Ob es noch schlechter oder eventuell besser ist. Im Zweifelsfall ist aber die beste Entscheidung: weder Suter noch Zukker lesen. Das Leben ist zu kurz für solche Abschweifungen.

Peinlich hoch zwei

Das NZZaS Magazin kennt keine Scham.

Der Start der «Interview-Serie» legte schon das Niveau auf Höhe Bordsteinkante. Es durften die «Edel-Escort» Salomé Balthus, vulgo die Prostituierte Klara Lakomy, mitsamt ihrem Partner Florian Havemann, vulgo Autor eines verleumderischen Buchs über den eigenen Vater, über dies und das reden.

Duftmarke:

«War der Sex in der DDR freier?
Er: Das müssen Sie mich nicht fragen.
Weil?
Sie: Darf ich antworten?
Er: Nein, darfst du nicht. Ich hatte sehr wenig sexuelle Beziehungen.»

Als nächsten in dieser peinlichen Reihe interviewen Sacha Batthyany und Rafaela Roth den Gebrauchsschriftsteller Martin Suter. Der entäussert sich hier jeglicher Intimitäten: «Margrith wollte nicht sterben», sagt der über den Tod seiner Frau, und das nehmen die Autoren gleich als Titelzitat.

Was soll man zum Inhalt sagen? Am besten wendet man das Gesicht ab und schämt sich anstelle der drei Beteiligten. In all diesem Zurschaustellen von Innereien gibt es nur wenige Stellen, wo wenigstens etwas Absurdität durchschimmert, die aber nicht gewollt ist:

«Hatten Sie diese salzigen Zitronen, wie man sie aus Marokko kennt?
Ich lege sie selbst ein. Ich habe immer ein bis zwei Gläser dieser eingemachten Zitronen im Kühlschrank.
Essen Sie die Tajine auch von Hand?
Nein.»

Daneben dann solche Fragen:

«Sie kennen das Gefühl des Trauerns. Vor 14 Jahren haben Sie Ihren Sohn verloren. Trauern Sie anders um Ihre Frau als um Ihren Sohn?
Herr Suter, was bedeutet Liebe?
War Ihre Ehe monogam?
Man steht sich nackt gegenüber, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, sehen Sie das auch so?
In Ihren Büchern geht es oft ums Essen. Ist das Ihre Art, über Sex zu schreiben?»

Man muss ziemlich schmerzfrei sein, um solche Fragen zu stellen – und sie zu beantworten. So leiert das über fast 25’000 Anschläge, und es ist noch nicht vorbei:

«In den kommenden Monaten veröffentlichen wir an dieser Stelle Gespräche über die Liebe mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft, denn wir sind der Meinung: Sie kommt zu kurz.»

ZACKBUM ist der Meinung: hier kommt der gute Geschmack und vieles mehr zu kurz. Unsere schon geäusserte Ahnung verdichtet sich zur Überzeugung: früher oder später dürfte hier ein gewisser Kim auftauchen, und damit ist nicht der nordkoreanische Diktator mit Frisurproblemen gemeint.

Wenn eine Prostituierte eine Persönlichkeit ist, dann ist natürlich alles erlaubt, alles offen, gibt es keine Schranken und kein Mitleid mit dem Leser. Da gibt es für Beat Balzli noch einiges zu tun. Wobei die naheliegendste Lösung die einfachste wäre. Das Ende dieses Magazins würde eigentlich niemandem auffallen. Es würde nicht mal Phantomschmerzen auslösen. Ausser vielleicht bei den Beteiligten an diesem Schrottplatz der schlechten Ideen.

Im möglichst schmerzlosen Schnelldurchlauf:

Das ist die Titel-Leserverarschung, nomen est omen.

Dann senkt sogar Christoph Zürcher sein eigenes Niveau, indem er seinen Senf zum Nahen Osten geben muss. Will man Martin Helgs Pseudo-Klugscheisserei über den Staub lesen? Will man nicht, ausser, man wäre ein Staubsauger. Aber die lesen nicht.

Immerhin, der «sponsored content für Polestar» ist noch das Lesbarste hier. Aber eine Renzension von «Bellevue» geht sogar über unsere Kräfte. Warum? Bitte, nur für starke Leser: «Victorias neues Parfum «Portofino ’97» erzählt olfaktorisch von einem ihrer ersten geheimen Dates an der italienischen Riviera.» Bitte lüften. Selbst Henriette Kuhrts «Auswege aus befremdlichen Duftwolken» können hier nicht helfen.  Es hilft gegen den Würgreflex auch kein «Pumpkin Spice Latte» mit Gratiswerbung für das organisierte Erbrechen in einer abgetakelten US-Kette.

Die gute Nachricht ist allerdings: damit ist das Heft durch. Nun aber unter die Dusche.

Vermisst: die Kultur bei Tamedia

Sag mir, wo ist sie gebliehiben?

Immerhin 7 Fachkräfte umfasst das «Team Kultur» im Abfall-, Pardon, Sammelgefäss «Leben». Da gibt es auch das «Team Gesellschaft», dem auch wieder der eigentlich gefeuerte Jean-Martin Büttner angehört. Offenbar hat er sich die Rückkehr durch unerschrockene Peino-Artikel erschrieben.

Darüber thronen zwei Co-Leiter, ein «Content-Manager», ein Autor und eine Lisa Füllemann einfach so. Nochmals darüber gibt es die «Chefredaktion Tages-Anzeiger» (4 Nasen) und die «Redaktionelle Steuerung» (13 Nasen), wobei es teilweise zu Funktionsüberschneidungen kommt. So ist Kerstin Hasse hier in der «Tagesleitung», gleichzeitig aber auch in der Chefredaktion. An beiden Orten bleibt sie, nun, eher unauffällig

Aber was schafft denn diese geballte Kompetenz mit gewaltiger Führungscrew in Sachen Kultur; nicht ganz unwichtig für ein sogenanntes Qualitätsmedium mit unzähligen Kopfblättern? Nehmen wir die «Literaturchefin» Nora Zukker. Deren Ausstoss im letzten Monat bestand aus vier Wortmeldungen. Vielleicht will sie sich damit für eine Mitarbeit bei der «Republik» bewerben. Und bei genauerer Betrachtung waren das ein Sammel-Buchtipp (darunter Kim de l’Horizon, Claudia Schumacher und Martin Suter, also untere Etage) mitsamt launigen Bemerkungen (Rezept für selbstgemachte Glace) und dem Ratschlag, nicht «1000 Seiten Hardcover auf dem Rücken liegend» zu lesen.

Der Rest waren Interviews, die billigste Art von Journalismus, ohne Aufwand, ohne nix. Oder nehmen wir Alexandra Kedves (Ladies first). Sie schaffte in einem Monat ein Interview mit einer «legendären Feministin», etwas zum Theater Spektakel in Zürich und ein Sprachquiz.

Ebenfalls auf drei Werke brachte es Christoph Heim. Caspar David Friedrich in Winterthur, Käthe Kollwitz in Zürich und Fotografien aus Südafrika. Ein abendfüllendes Programm. Richtig im Schreibstau steckte Martin Ebel, ein einziges Werk in einem Monat.

Kein Wunder, muss man auf der Homepage weit, sehr weit nach unten scrollen, bis nach den Blogs endlich die Kultur kommt. Und was für eine:

Das ist durchaus repräsentativ. Der ewig laufende «News-Ticker Kultur», das Abfall-, Pardon, Sammelgefäss für alle Arten von Tickermeldungen. Die «besten Bücher des Monats» August verweilen hier bis zum allerletzten Tag des Monats. Dann noch «Unsere Streaming-Tipps im August» und schliesslich noch der lustige Leserwettbewerb «Stimmen Sie ab».

Mit Verlaub, das ist kein Kulturteil, das ist Leserverarsche. Immerhin traut sich Tamedia schon lange nicht mehr, das Ganze «Feuilleton» zu nennen. Das hier ist aber einfach erbärmlich. Hier gibt es gewaltiges Sparpotenzial nicht nur bei Andreas Tobler, der eigentlich nie in Kulturellem unterwegs ist, sondern die Bührle-Sammlung, die Band Rammstein und die ganze Welt mit seinen Ratschlägen, Forderungen und unqualifizierten Kommentaren belästigt.

7 Fachkräfte, die kosten im Monat mit allem Drum und Dran und Spesen und überhaupt so um die 100’000 Franken. Um auch hier fast alles von der «Süddeutschen Zeitung» zu übernehmen, bräuchte es eigentlich höchstens eine Fachkraft, die ß in ss verwandelt, ein paar Germanismen durch Helvetizismen ersetzt und gelegentlich mal ein Interview macht.

Der Qualität täte das keinen Abbruch, im Gegenteil. Umso schneller Nicht-Literaten, Möchtegerns, Eintagsfliegen und kampffeministische Autoren wieder verschwinden, desto grösser die Chance, dass bei Tamedia wieder so etwas wie ein Kulturteil wahrgenommen wird.

 

Pro Helvetia im Beziehungssumpf

Auch in der Kulturstiftung fehlt es an Corporate Governance.

«Pro Helvetia» hat jedes Jahr rund 45 Millionen Steuergelder zu verteilen. Zum Zweck der «Kulturförderung», was immer das sein mag. Es ist bekannt, dass hier nicht kulturelle Leistungen, sondern Netzwerke, Seilschaften und Kungeleien entscheidend sind.

Wer mal an den Futtertrog gelangte und sich botmässig verhält, darf futtern. Wer in Ungnade gefallen ist, muss draussen bleiben. Immerhin 120 Mitarbeiter werkeln dafür. Da ist es logisch, dass es auch innerhalb der Stiftung menschelt.

Etwas heikel wird es, wenn sich der Chef Philippe Bischof in Anna Arutyunova verliebt. Denn sie ist seine direkte Untergebene. ««Ich wende mich direkt an Sie», schreibt Stiftungsratspräsident Charles Beer den Angestellten von Pro Helvetia. Zwei Topkader der Stiftung hätten ihn informiert, dass sie eine «Beziehung privater Natur» unterhalten würden», verpetzte das die NZZaS.

Das LinkedIn-Profil.

Weiter kündigte Beer an, dass man unter Beteiligung des Liebespaars, der GL und einer externen Peronalfrau man «Konsultationen» durchführen werde, die «notwendigen Massnahmen einleiten», worüber dann das «gesamte Personal informiert» werde. Gegen aussen hingegen solle man bitte den Mund halten, «sowohl aus Respekt vor den betroffenen Personen als auch im Interesse der Stiftung».

Transparenz bei der wichtigsten Staatskulturstiftung der Schweiz, i wo. Wie «Inside Paradeplatz» weiss, gab es schon bei der Beförderung der Geliebten vom Posten der Leiterin Aussenstelle Moskau zur Leiterin «Aussennetz & Internationales» Merkwürdiges zu berichten. Denn diese Kader-Position sei weder intern noch extern ausgeschrieben worden. Der Stiftungsrat habe die Berufung im Nachhinein abgesegnet.

Das hat nun alles mehr als ein Geschmäckle. Nicht nur im Entwicklungshilfsbereich (siehe «Swissaid») herrschen in der Schweiz kungelige Zustände, fragwürdige Geldvergaben, Selbstbedienung und monströs aufgeblähte administrative Wasserköpfe. Noch schlimmer steht es um die Kulturförderung.

Schon 2015 regte sich der «Blick» völlig zu recht über absurde Förderungen auf: «Obwohl Suter mit Bestsellern und Filmrechten Millionen umsetzt, öffnet die Kulturstiftung Pro Helvetia gerne ihre Steuergeld-Schatulle, wenn es darum geht, die Marke Martin Suter im Ausland zu stärken. Nach offiziellen Angaben hat Pro Helvetia den Autor seit 2003 indirekt mit exakt 139’530 Franken unterstützt

Normalerweise ist Bücherschreiben in der Schweiz eine brotlose Kunst; viele Schriftsteller sind auf Förderbeiträge dringend angewiesen. Stattdessen schmeisst aber Pro Helvetia dem bestens verdienenden Superstar der Gebrauchsliteratur Zehntausende von Franken nach.

Anrüchige Verteilungskriterien, mangelhaftes internes Controlling, in der Schweiz sind solche steuerfinanzierten Institutionen sumpfige Dunkelkammern. Natürlich wartet man bislang auf weitere Informationen, wie es mit der Liebesbeziehung zwischen Chef und Untergebener weitergehen soll, bis heute vergeblich.

Sonntags-Zumutung

ZACKBUM trifft die SoZ. Aua.

Es gab Zeiten, und die liegen noch nicht so lange zurück, da wäre so ein Cover als schlechter Scherz vom Tisch gefegt worden:

 

Ein für Tamedia-Verhältnisse sexistisches Aufmacherbild zu einem Thema, aus dem das Sommerloch so gross gähnt, dass man als Leser Schiss bekommt, hineingezogen und verschlungen zu werden.

Daneben gleich dem Zielpublikum noch eins in die Fresse: Benzin muss und soll doch teurer werden, verstärkte Beimischung von «Biotreibstoff» ist doch eine gute Sache, bis die Schweiz dann völlig CO2-frei wird.

«So wird der Garten attraktiv für Vögel», eine Wahnsinns-Schlagzeile – für die «Tierwelt». «Heisse Liebe, wie die Sonne unser Verhalten beeinflusst». Tut sie das? Und wieso wussten wir das die vergangenen 30’000 Jahre nicht?

Dann kommt eine Doppelseite nach der Devise: fällt der Redaktion trotz Kopfkratzen gar nichts ein, dann machen wir doch ein paar Statistiken. Die gelingen dann besonders gut, wenn man selbst und willkürlich die Auswertungskriterien festlegt. Dann kommt man auch zu Wunschresultaten:

Zudem weiss die SoZ: «Auf einer Skala von – 10 (links) bis + 10 (rechts) befindet er sich mit einem Wert von 10.0 am äussersten rechten Rand.»

Aber eigentlich hätte ihm die SoZ am liebsten eine + 11 gegeben …

Aber, oh Schreck, es ist immer noch Platz frei im Blatt, was tun?

«Der Sozialpsychologe untersucht»; solche Untersuchungen sind normalerweise der Rettungsanker im Boulevard, wo die absurdesten Korrelationen hergestellt werden. «Glatzenträger haben weniger Sex» oder so. Da will neuerdings die SoZ nicht abseits stehen, dabei ist es erst Anfang Juli. Wie sich das Blatt bis in den August durchhangeln will? Den zahlenden Leser erwartet ein echter Belastungstest.

Hat das Blatt noch etwas ausgelassen? Ja, natürlich, den Beitrag zu «wenn Wünschen helfen würde»:

Das wäre natürlich eine Weltsensation erster Güte. Worin besteht die denn? Wenn Aliens landen und uns neue, ungekannte Energiequellen schenken? Fast. Der GLP-Präsident Jürg Grossen ergreift die Chance beim Schopf, dass in der verzweifelten Suche nach Storys jede Furz-Idee punkten kann. Apropos, gegen seinen Vorschlag war die Furz-Idee von Peter Bodenmann mit den Solarpanels in den Alpen geradezu seriös und konkret.

Nach langfädiger Einleitung im Interview rückt Grossen dann mit seiner Furz-Idee heraus:

«Die sicherste Lösung für Saisonspeicher in der Schweiz ist die sogenannte Power-to-Liquidto-Power-Technologie. Sie funktioniert so: Statt als Gas speichert man den Strom in Flüssigtreibstoffen, die man im Winter wieder verstromen oder für den klimaneutralen Flug- und Schwerverkehr nutzen kann. Die heute bestehenden Tanklager würden reichen, um den für den Winter benötigten Vorrat zu speichern. Diese Treibstoffe sind vergleichsweise einfach zu handhaben.»

Selbst der SoZ fallen dazu aber eine ganze Reihe von Killerargumenten ein: «Diese Technologie steckt aber noch in den Kinderschuhen, ist nicht marktreif und bis jetzt ineffizient: 85 Prozent der Energie gehen verloren.»

Das räumt Grossen auch grossmütig ein: «Ganz so schlimm ist es nicht, aber die Technologie hat heute leider tatsächlich noch einen niedrigen Wirkungsgrad.» Aber: «Ich bin zuversichtlich, dass die Speicherung von Strom als Flüssigtreibstoff in den kommenden Jahren marktreif wird.»

Also schon wieder einer, der die Energieversorgung der Schweiz in einem Wolkenkuckucksheim betrachtet. Aber, sonst wäre es ja nicht die GLP, obwohl er eigentlich gegen AKW ist, hält sich Grossen auch hier alle Optionen offen: «Gegen eine neue Generation von Reaktoren, bei denen das Problem des radioaktiven Abfalls gelöst ist und die kein Sicherheitsrisiko darstellen, würde ich mich nicht wehren

Allerdings verrät er uns nicht, wie denn das Problem des radioaktiven Abfalls gelöst werden könnte.

Wir fassen zusammen: Unter einem Brüller-Titel schrumpft die «sicherere, besserer und günstigere Lösung» auf den Vorschlag zusammen, eine völlig unausgereifte Technologie mit einem Wirkungsverlust von 85 Prozent als Garantie für die zukünftige Stromversorgung der Schweiz anzubieten. Wenn’s als Satire gemeint ist, kann man das so stehenlassen.

Schon kommen wir zum nächsten Brüller:

Das ist tatsächlich ein Skandal. Was Autor Cyrill Pinto aber zu erwähnen vergisst: die SoZ gehörte zuvorderst zu den Organen, die eine allumfassende Maskenpflicht und das sofortige Anlegen von ausreichenden Reserven, von Käufen, koste es, was es wolle, lautstark befürwortete und somit die Hysterie um das Maskentragen ankurbelte. Um dann kleinlaut und kleingedruckt einzuräumen, dass deren Wirkung inzwischen allgemein und selbst von damaligen Befürwortern bezweifelt wird.

Aber auch nur ein maskierter Hauch von Selbstkritik? Niemals.

Selbst für eine Sommerloch-Ausgabe ist dann dieser Artikel schon starker Tobak:

Nichts gegen Tiere, aber: muss sich mit solchen Meldungen der Aufenthalt des SoZ-Redaktors Cyrill Pinto in Cherson amortisieren? Und hat er von dort aus, während er mit einer Hand einem Hund die Ohren kraulte, den Artikel über die Maskenvernichtung geschrieben?

Aber immerhin, das Urgestein Martin Suter löckt noch etwas gegen den Stachel und gegen die Einheitsmeinung, die von der «Süddeutschen» in die Tamedia-Organe schwappt, dass das, was Trump getan habe, dann im Fall noch viel schlimmer sei:

Wie der Skandal um den Präsidentensohn zuerst ignoriert, dann kleingeschrieben wurde und wird, kein weiteres Ruhmesblatt für den einseitigen Blasenjournalismus, auch bei der fremdbestimmten Tamedia.

Im «Fokus» (kaum ein Gefäss ist dermassen auf den Hund gekommen wie dieses) versprüht die SoZ nun etwas Sozialneid:

Da muss es doch der urbanen, grün-woken Leserschaft der SoZ glatt die vegane Butter vom Vollkornbiogipfeli blasen. Okay, der Mediensprecher von «Renovate Switzerland» sieht das vielleicht entspannter und würde sich nie vor einem Ferrari auf die Autobahn kleben. Vor allem, wenn er zuerst damit hingefahren ist.

Einsamer Lichtblick ist wie meist Peter Schneider:

Auch Rico Bandle zeigt keine Scheu vor der Gefährdung seines Arbeitsplatzes, indem er begründet und belegt nachweist, wieso jegliche Behauptung, die SVP sei noch weiter rechts als die AfD, ins Reich der Fantasie gehört, bzw. eine polemische Propagandalüge ist, ein typischer Fall von Fake News.

In der «Wirtschaft» geht’s aber gleich wieder ins Sommerloch:

Eine völlig zeitlose Geschichte, die man gestern, heute oder morgen bringen kann; Newswert null. Dass sich die EU um ein Verbot bemüht, ist ungefähr so spannend wie der Farbe an der Wand beim Trocknen zuzuschauen.

Auch das Sammelgefäss (um es nicht Abfalleimer zu nennen) «Leben & Kultur» wartet mit News auf, ohne die wir problemlos durch den Sonntag kommen:

Meiner Treu, Jeff Bezos von Amazon hat sich für teures Geld scheiden lassen und eine viel jüngere Geliebte. Dass er deswegen muskulöser und breitschultriger als auch schon rumläuft, so what, kann man nur sagen. Aber wenn man auch hier verzweifelt eine ganze Seite füllen muss, was man halt nicht nur mit einem Riesenfoto des neuen Schwarzenegger schafft …

Es bleibt dem Leser auch hier nichts erspart: «8 Tipps für Restaurants mit sommerlichem Flair und lauschigen Freisitzen». Schlimmer ist eigentlich nur, wenn Christian Seiler schnippelfreie Tipps für verantwortungslose vegane Mamis mit Kleinkind im Arm gibt.

Geht’s noch blöder? Immer:

DER Schauspieler Pine lief KÜRZLICH nicht irgendwo, sondern in Mailand BARFUSS. Wahnsinns-News. Ob er auch keine Unterhosen trug oder fluchte, als er in einen Hundehaufen trat, ist leider nicht übermittelt. Das sind die Berichte, die wir dringend brauchen, wenn wir uns beim Gähnen den Unterkiefer ausrenken wollen (he, das wäre mal ein Nutzwert-Artikel: «richtig gähnen, wir liefern die Anlässe und die Anleitung»).

Schliesslich noch «Warum manche Menschen ständig zu spät kommen». ZACKBUM hat da eine schlagende Theorie: weil sie beim Lesen der SoZ oder des Tagi weggeschnarcht sind.

Immerhin, die Auto-Seite präsentiert diesmal nicht einen 300’000-Franken-Sportwagen, sondern den Togg. Hä? Na, den «SUV Togg T10X, das erste türkische E-Auto». Immerhin merkt der Autor kritisch an: «Ob man aber bei uns ausgerechnet auf einen türkischen SUV wartet, sei mal dahingestellt.» Das muss er so säuseln, schliesslich füllt er eine Seite damit. ZACKBUM hingegen kann kurz und knapp die richtige Antwort geben: nein.

Der schönste Brüller kommt aber ganz am Schluss; Reisen. Da schimpft zunächst Chris Winteler über durchaus sinnvolle Bestandteile eines Hotelzimmers:

Wieso er zum Beispiel die Bügelvorrichtung weghaben will, erschliesst sich nicht. Entweder kann Winteler auf Spesen seine Kleidung waschen und bügeln lassen, oder er hatte noch nie einen Geschäftstermin, bei dem ein knitterfreier Anzug und ein gebügeltes Hemd durchaus minimale Höflichkeit und Achtung dem Gesprächspartner gegenüber ausdrücken.

Aber das ist noch nicht der Brüller, der kommt vorher (oder nachher, denn als Sparmassnahme wird Reisen ja auf der letzten Seite angeteasert und sollte wohl rückwärts gelesen werden). Die exotische Reiseempfehlung ist diesmal Island. Toller Ökotourismus. Der Flug dorthin dauert auch nur vier Stunden. Flug? Aber ja, das ist doch bekanntlich auch für Klimakleber kein Problem, die fliegen sogar nach Mexiko oder auf die Malediven. Da darf doch der SoZ-Leser wenigstens den Hüpfer nach Island machen. Dauert bloss vier Stunden, ein paar tausend Flugkilometer, das lässt die Gletscher auf Island doch sicher nicht schneller schmelzen.

Wir stellen die Gretchenfrage: Ist das Gebotene Fr. 6.40 wert? Sagen wir mal so: Am 6. Juli 1997 bekam man 104 Seiten für Fr. 2.80. Das war ein Seitenpreis von 2,7 Rappen. Der ist auf aktuell genau 10 Rappen hinaufgeschnellt, der Umfang auf 64 Seiten eingeschrumpft. Ist etwas mehr als die Hälfte den vierfachen Preis wert?

Das würde ja eine Verachtfachung der Qualität, des Inhalts, der komprimierten Fachkompetenz, des Nutzwerts, der Analysequalität bedeuten.

Auch da ist die Antwort einfach und klar: nein.

 

Die «Sonntagszei»

Die heisst doch «SonntagsZeitung»? Nicht beim schnellen Überblättern.

So sieht der obere Teil einer Front aus, wenn der Samstag nachrichtenmässig ein echter Scheisstag war.

ZACKBUM lobt aber, was lobenswert ist. Solche Sätze liest man in Tamedia eher selten:

«In den USA will das von den Demokraten geprägte Establishment von den «Twitter Files» nichts wissen und hat kaum eine Ahnung von den inzwischen vorliegenden Tatsachen, über die sich das konservative Amerika und die Republikaner aufregen. Danach hat Twitter vor der Musk-Ära routinemässig kontroverse Tweets heimlich ausgebremst oder ihre Autoren blockiert. Kritiker der Covid-Politik verloren ihre Konten. Vor den 2020er-Präsidentschaftswahlen wurde die explosive Story von Hunter Bidens verräterischem Laptop auf Geheiss der Geheimdienste unsichtbar gemacht. Obwohl seine Tweets keine Richtlinien verletzten, wurde Präsident Donald Trump von der Plattform ausgesperrt.

Aus den «Files» geht weiter hervor, dass das US-Militär und die Geheimdienste Twitter aktiv als Propagandawerkzeug einsetzten. Bereits unter Trump liess die Firma – entgegen ihren Grundsätzen – Fake-Konten zu, damit Amerikas Gegner wie Russland, China oder der Iran psychologisch bearbeitet werden konnten. Zum Beispiel verbreiteten US-Agenten als angebliche Iraker Tweets, worin dem Iran Drogenschmuggel vorgeworfen wurde.»

Autor Martin Suter wechselt noch vom fernen Amerika nach Europa: «Nach einem Bericht der Website «The Intercept» vom Montag wurde Twitter im Dezember 2020 von der Pharmafirma Biontech und dem Amt für Informationssicherheit der deutschen Bundesregierung kontaktiert. Beide forderten Twitter auf, Tweets von Aktivisten zu unterdrücken, die von «Big Pharma» eine Aufhebung des Patentschutzes für Covid-Impfstoffe verlangten. Offenbar versuchten die Impfstoffhersteller und ihre staatlichen Fürsprecher, zu verhindern, dass sich der Ruf nach billigen Alternativvakzinen für den globalen Süden in der Öffentlichkeit verbreitet.»

Da fragt man sich bang, wann Suter in Pension geschickt wird …

Allerdings balanciert die SoZ solche Sternstunden sofort wieder aus. Zum Beispiel mit der unsäglichen Kolumne von Jacqueline Badran. Wenn Namensscherze nicht verpönt wären, müsste man von der Baldrian-Kolumne sprechen. Immerhin wirft sie sich hier nicht – wie in der «Arena» – mit unsinnigen Behauptungen für ihren Bundesrat Berset in die Bresche.

Sie macht Schlimmeres. Zuerst eine Nabelschau. «In den 80er-Jahren war ich Skilehrerin des legendären «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein.» Da Tote sich nicht mehr wehren können, fügt sie maliziös hinzu: «Wir schwangen von Hütte zu Hütte, damit er seinen täglichen Bierkonsum decken konnte

Ich und Augstein, Aufhänger dafür, dass sich Badran Gedanken über «Zuhälter-Journalismus» macht. So habe sie – angeblich zum Gefallen Augsteins – das Heraustropfen von Interna bezeichnet.

Worauf sie gleich selbst ein Müsterchen dafür gibt. Ein bösartiges Hörensagen: «Letztes Jahr fragte ein Journalist der NZZ aus dem Ressort Zürich am Telefon den Präsidenten der SP der Stadt Zürich, wieso immer der «Tages-Anzeiger» von der SP die Primeure erhalte.» Ist’s nicht wahr, so doch schön erfunden. Nun gleitet es aber ins Schmierige ab: «Und er sagte: «Wenn wir der NZZ nicht auch einmal etwas exklusiv zuhalten würden, müssten wir nicht glauben, sie würden wohlwollend über die SP schreiben.»»

Ein NZZ-Redaktor (hat der auch einen Namen?) soll sich nicht entblödet haben, seiner Bitte um einen Primeur aus der SP (ausgerechnet) mit einer Drohung zu verbinden? Da lachen doch die Hühner, aber nicht Badran.

Sie macht hingegen ein Pseudo-Geständnis: «Ich war schon mehrfach in Versuchung, das Kommissionsgeheimnis zu verletzen.» Und, gab sie der Versuchung nach oder nicht? Da schwadroniert sie dann ins Ungefähre.

Das Bemühen der SoZ, ein Gegengewicht zur Kolumne von Markus Somm zu schaffen, ist lobenswert. Viel besser wäre hingegen eine andere Art der Ausgewogenheit: beide einsparen. Schon wieder eine Lücke hinterlassen, die das, was vorher dort war, vollständig und schmerzlos ersetzt.

Freie Presse

Kommentar? Kommentar fast überflüssig. Die neue Rubrik.

«Oder ob die Bevölkerung endgültig genug hat von Putins wichtigstem Trojaner im Westen.»
Wolfgang Rössler in der NZZaS über Ungarns Präsident Viktor Orban.

«Ich möchte, dass Sie Ukrainer sind
Wolodimir Selenskyj zu Demonstranten in Bern. Es gab Applaus.

«Die Politik kommt nicht umhin, bei der Förderung der Erneuerbaren ein paar Gänge höher zu schalten.»
SoBli-Chefredaktor Gieri Cavelty mit einer wunderbaren Auto-Metapher in seinem Editorial über «Blochers bizarre Neutralitätsdebatte».

«Der Westen kann den neuen Kalten Krieg gewinnen».
Der heisse Krieger Martin Suter in der «SonntagsZeitung».

«Die Historikerin Anne Morelli hat zehn eherne Regeln der Kriegspropaganda definiert.»
Daniel Friedli in der NZZaS. Man stelle sich vor, welches Gebrüll erschallen würde, hätte Friedli Arthur Ponsonby als geistigen Urheber dieser zehn Regeln bezeichnet, während es in Wirklichkeit Morelli gewesen wäre. Aber da es umgekehrt ist …

«Insbesondere gilt es, jene Kräfte zu bekämpfen, die jetzt auf Putins Logik einsteigen und seinem chauvinistischen Grössenwahn geradezu defätistisch mehr Nationalismus, Protektionismus und Aufrüstung entgegensetzen wollen. Angesagt ist vielmehr ein entschlossenes Vorantreiben multilateraler Lösungsansätze auf globaler Ebene, eine Stärkung der Uno, das Zur-Rechenschaft-Ziehen von Kriegsverbrechern und eine internationale Abrüstung, die Ressourcen freisetzen kann, die anderswo dringend gebraucht werden.»
Der emeritierte Professor für Geschichte Jakob Tanner im SoBli. Das haben wohl nicht nur die Leser dort nicht verstanden.

«Was sollen die USA tun, um den Ukrainern zu helfen? Eine Flugsverbotszone errichten und wirksame Waffen liefern. Die Nato vielleicht sogar Truppen. Was soll die Schweiz tun, um der Ukraine zu helfen? Den Rohstoffhandel stoppen, der zu 80 Prozent über unser Land läuft. Und natürlich das Geld von Putin, seiner Entourage und seinen Helfern, den russischen Oligarchen, sperren, das sind 180 Milliarden Franken, die bei uns vermutet werden.»
Arthur Rutishauser, der Oberchefredaktor bei Tamedia, in seinem Editorial in der «SonntagsZeitung». Er möchte also gerne den Dritten Weltkrieg ausrufen und nebenbei noch den Rechtsstaat Schweiz zu Kleinholz verarbeiten.

«Das 700 PS Finale. Auf dem Weg ins E-Zeitalter lässt es der britische Hersteller Aston Martin nochmals krachen: Der Vantage feiert sein letztes Comeback als V12».
Autor spx. In der «SonntagsZeitung» über zeitgemässe Automobiltechnik.