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Es reicht, Markus Somm

Die Israel-Propagandakreische kennt sich nicht mehr.

Natürlich darf auch der Chefredaktor eines Randgruppen-Blättchens seine eigene Meinung haben. Natürlich darf die einseitig, parteiisch, unreflektiert und falsch sein. Das macht alles nichts. Oder nur wenig, weil es sich mangels Reichweite von «Somms Memo» um Stürmchen im Wasserglas handelt.

Vielleicht ist es sogar segensreich, dass beim «Nebelspalter» nicht mal der Trick funktioniert, dass man zuerst ein Werbevideo anschauen muss, bevor man den Artikel lesen darf. Aber schade auch, das bleibt irgendwo zwischen Sekunde 15 und Sekunde 0 immer hängen:

«Sie können diesen Artikel in 1 Sekunde freischalten»; diese Ankündigung könnte man stundenlang anschauen.

Nun hat es doch sehr zum Unwillen von Somm der US-Präsident Joe Biden gewagt zu sagen, man könne nicht «noch einmal 30 000 tote Palästinenser» in Kauf nehmen, um die Hamas zu besiegen. Daraus schliesst Somm messerscharf, was sonst niemandem auffiel: «Natürlich distanzierte sich Biden damit von Israel, einem der engsten Verbündeten der USA, was weltweit sofort bemerkt wurde

Vielleicht könnte man das auch so sehen, dass sich Biden von weiterem kriegsverbrecherischem Blutvergiessen distanzierte. Aber mit diesen einleitenden Bemerkungen erreicht Somm erst seine Betriebstemperatur:

«Jedenfalls war dieses Eingeständnis ein Fehler – zumal alle Gegner Israels diese hohe Zahl von Opfern ständig propagandistisch einsetzen, um davon abzulenken, wer eigentlich diesen Krieg ausgelöst hatte. Hamas, eine Mörderbande – nicht Israel, ein demokratischer, westlicher Rechtsstaat.»

Lassen wir mal dahingestellt, wie sehr Israel ein demokratischer, westlicher Rechtsstaat ist, mit einem Ministerpräsidenten, der mittels einer Justizreform versuchte, der sicheren Gefängnisstrafe zu entgehen.

Dann aber beginnt Somm, an der Anzahl Toten zu zweifeln. Dabei stützt er sich auf die Untersuchung eines US-Professors. Der hat seine Meinung im rechtsradikal-jüdischen Magazin «Tablet» veröffentlicht, das durch rabiate Attacken selbst gegen jüdische Holocaust-Überlebende unangenehm auffällt (vielleicht sollte Sommer gelegentlich mal «The Atlantic» lesen, wirkt horizonterweiternd). Zudem scheint Professor Wyler eine Mietmeinung zu sein:

Auf solch wackelige Quellen stützt Somm also seine Zweifel an den Angaben über die Anzahl Toter im Gazastreifen. Galoppiert aber ungezügelt los:

«Laut Hamas sollen (jeden Tag!) 70 Prozent der Opfer Frauen und Kinder betreffen. Da aber 25 Prozent der gesamten Bevölkerung erwachsene Männer sind, würde das bedeuten, dass die israelische Armee kaum Männer tötet, insbesondere sehr wenige Hamas-Terroristen. Das mutet doch sehr merkwürdig an, zumal die Israelis nicht dafür bekannt sind, mit Absicht auf Frauen zu zielen, wenn daneben ein männlicher Terrorist steht.»

Vielleicht sollte Somm zunächst mal einen Anfängerkurs in Prozentrechnen belegen, aber Zahlen, wie der Misserfolg des «Nebelspalter» beweist, sind nicht so seine Sache.

Selbstverständlich können die Zahlen, die vom Gesundheitsministerium Gazas veröffentlicht werden, das ein Propagandaorgan der Hamas ist, bezweifelt werden. Das wird innerhalb und ausserhalb Israels getan; allerdings gibt es auch genügend Stimmen, die diese Zahlen für zumindest im Streubereich der Wahrheit halten.

Angesichts der unbezweifelbaren desaströsen Zerstörungen der Infrastruktur im Gazastreifen kann wohl kaum davon ausgegangen werden, dass es lediglich ein paar hundert zivile Tote dabei gab. Dass Israel inzwischen Gebiete attackiert, die sie zuvor den Bewohnern im Norden als sichere Fluchtdestinationen schmackhaft machte, kann ausser von eingefleischten Israel-Fans wohl nur als Gipfel des Zynismus bezeichnet werden.

Bis hierhin könnte man das Geschwafel einfach als unreflektiertes Gehampel eines bekennenden Israel-Fans («das sind die Guten») abtun. Aber nun kommt der Teil, wo’s dem Leser übel wird:

«Gewiss, es gibt zahlreiche zivile, mitunter unschuldige Opfer, und niemand freut sich darüber. Krieg ist furchtbar.
Dennoch ist davon auszugehen, dass wir nicht wissen, wie viele es sind. Bei allen Angaben, die wir kennen, handelt es sich um Propaganda von Mördern, die rufen: Fasst die Mörder!
In einem Krieg sterbe die Wahrheit zuerst, heisst es. Wenn es aber um Israelis und Juden geht, erfreut sich die Lüge der Unsterblichkeit.»

«Niemand freut sich darüber»? «Mitunter unschuldige zivile Opfer»? Das ist alles, was Somm emphatisch einfällt? Propaganda von Mördern? Und ein angeblich «demokratischer Rechtsstaat» macht keine Propaganda, kann keine Kriegsverbrechen begehen? Auch die USA sind wohl ein demokratischer Rechtsstaat. Dennoch begingen sie Kriegsverbrechen ohne Zahl, vielleicht erinnert sich Somm noch an den Vietnamkrieg und die von Kriegsverbrecher Kissinger angeordnete Ausweitung auf Kambodscha und Laos, an den Einsatz des Dschungelentlaubungsmittels Agent Orange, wofür die USA bis heute keinen Cent Wiedergutmachung zahlten (ausser nach jahrzehntelangem Ringen an die eigenen Kriegsveteranen).

Die Lüge erfreue sich der Unsterblichkeit, wenn es um Israelis und Juden gehe, behauptet Somm. Dabei sollte seine Infamie «niemand freut sich darüber» ihn unsterblich begleiten. Abgesehen davon, dass es «gute» Israelis gibt, die genau das tun, sich darüber herzlich freuen. Es müsste tiefenpsychologisch untersucht werden, wieso Somm die israelische Regierung für die Verkörperung des reinen Guten hält, ohne jegliche journalistische Distanz ihr alles glaubt, während für ihn die Hamas die unbezweifelbare Verkörperung des reinen Bösen ist. Nach der Devise: Mörder und Terroristen lügen immer. Auch dann, wenn sie die Wahrheit sagen.

Ein solches primitiv-dualistisches Weltbild wendet er auch auf den Revolutionär Leningrösster Massenmörder der Geschichte») an. So als ehemaliger Trotzkist; Renegaten sind immer die Schlimmsten. So wie Kriegsgurgeln, die in einem anderen Leben Mitglied der GSoA waren. Der Mann hat’s gerne kommod, einfach, holzschnittartig, primitiv, gut, böse, ja, nein. Wer sich so von keines Gedanken Blässe ankränkeln lässt, eine apodiktisch richtige Meinung sein eigen nennt, ist meistens zuinnerst ein tief verunsicherter Mensch. Erfolglosigkeit im Berufsleben kann dafür ein Auslöser sein.

Wer meint, unbezweifelbar das Richtige zu wissen und zu schreiben, liegt unbezweifelbar falsch. Ist ein Gesinnungsgenosse aller religiöser Wahnsinnigen, ob christlich oder islamistisch, die ebenfalls im Glauben an eine ordnende höhere Macht die einzig seligmachende Wahrheit verkünden – und zu ihrer Verteidigung bereit sind, notfalls auch über Leichen zu gehen.

Wieso die prominente Herausgeberschaft des «Nebelspalter» und all die Spender von 100’000 Franken, die Somm verröstet, einen solchen Chefredaktor tolerieren, ist schleierhaft.

Somm simmert

Die Schwätzerin und der Dampfkochtopf in der «SonntagsZeitung».

Irgendwie bilden die beiden ein Traumpaar. Auf der einen Seite Gülsha Adilji. Die versucht in krampfhafter Jugendsprache, nichtige Anlässe zu nichtigen Kolumnen mit nichtigen Worten umzuschreiben.

Diesmal hat sie sich den Weltfrauentag ausgesucht, der sich leider nicht dagegen wehren kann: «Nicht nur das System benachteiligt mich, auch mein endokrines System bzw. mein Zyklus fuckt mit meiner Laune, Resilienz, Schlafqualität, meinem Wohlbefinden, Energielevel etc., dazu kommen Traumata, die ein Mädchen halt so auf den Weg mitbekommt, die werden ihr ungefragt in den Lebensrucksack reingewürgt.»

Hat das jemand verstanden? Nicht wirklich, aber das macht nichts, die Autorin selbst wohl auch nicht. Noch eine Kostprobe: «ALLE Mikrofone gehören an solchen Tagen vor die Gesichter von FLINTAS!» Auch nicht verstanden? Da kann ZACKBUM helfen; FLINTAS sind «Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre trans und agender Personen». Immer noch keine Ahnung, was das sein soll? Tja, da können wir auch nicht mehr helfen.

Auf der anderen, bzw. auf der gleichen Seite: dem hier können wir erst recht nicht mehr helfen. Wenn er nicht gerade das Geld seiner Investoren mit dem Randgruppen-Blättchen «Nebelspalter» verröstet, darf er bei der SoZ wüten. Das ist dann nicht weniger merkwürdrig als das Gestammel von Adilji. «Moralischer Bankrott», donnert Markus Somm. Und erzählt nochmal die Geschichte nach, wie ein fudamentalistischer Wahnsinniger auf einen Juden eingestochen und ihn lebensgefährlich verletzt hat.

Da haben zwar schon so ziemlich alle alles drüber geschrieben, aber halt Somm noch nicht. Somm ist Historiker, also erzählt er nochmals die Geschichte des Mordes an einem Juden anno 1942 nach. Die wurde zwar auch schon x-mal erwähnt, aber eben noch nicht von Somm.

Aber dann betritt er doch etwas Neuland und ortet einen moralischen Bankrott. Bei dem 15-jährigen Messerstecher, seinem Umfeld, seiner Familie, bei denjenigen, die ihn zu dieser Tat angestachelt haben? Nein, Somm ist entschieden origineller:

«Dass junge Menschen, darunter auch manche Christen oder ehemalige Christen, an Demonstrationen teilnehmen, wo offen zum Genozid an den Juden aufgerufen wird – denn nichts anderes bedeutet der englische Code «From the River to the Sea», auch wenn semantische Appeaser sich auf den Kopf stellen – dass dies unter unseren Augen mit freundlicher Genehmigung einer rot-grünen Stadtregierung geschieht: Es ist ein moralischer Bankrott.»

Somatische, Pardon, semantische Appeaser, das ist wenigstens originell; genauer gesagt origineller Unfug. Aber immerhin.

Somms Bankrotterklärung besteht darin, dass er die Ausübung des Demonstrationsrechts, auch unter Verwendung von Slogans, die ihm nicht passen, aber nicht strafbewehrt sind, als Bankrotterklärung einer Regierung denunziert, die ihm auch nicht passt.

Aber lieber eine solche rot-grüne Stadtregierung als ein Somm, der bestimmen dürfte, welche Slogans erlaubt sind und welche nicht.

Somm läuft weiter Amok: «Wir, oder genauer: unsere Politiker und Behörden, bringen es offenbar nicht mehr fertig, eine der vornehmsten Staatsaufgaben, die Herstellung von Sicherheit für alle, zu garantieren.» Ob er wohl weiss, was er da schreibt? Das sei ein «Staatsversagen», behauptet Somm. Dass es der Staat nicht verhindern kann, dass Menschen zu Tode kommen, auch durch Gewalttaten? Nichtmal ein orwellscher Überwachungsstaat könnte das völlig ausschliessen, also ist die Behauptung, das sei ein Staatsversagen, Unfug. Oder ist jeder Ermordete in der Schweiz, jeder Verkehrstote, jedes Unfallopfer ein Staatsversagen?

Aber damit ist sein verbaler Amoklauf noch nicht zu Ende: «Wir haben es weit gebracht – mit unserer Naivität, unserer Schwäche, unserer Feigheit, die sich hinter menschenrechtlichen Ausflüchten versteckt, hinter bürokratischen Rücksichten, hinter dem elitären Unwillen, realistisch zu werden.»

Schwäche, Feigheit? Menschenrechtliche Ausflüchte? Was will der Mann denn? Stärke, Mut, weg mit den Menschenrechten? Er traut sich da nicht, konsequent weiterzugehen und flüchtet sich in die Geschichte: «Die drei Haupttäter (des Judenmords, Red.) von Payerne wurden 1943 mit lebenslänglichem Zuchthaus bestraft, einer galt als minderjährig (19) und erhielt 20 Jahre.»

Also wäre es laut Somm mutig, das Jugendstrafrecht über Bord zu werfen und den Messerstecher lebenslänglich wegzusperren, wenigstens aber für 20 Jahre? Wieso nicht gleich Kopf ab, das wäre doch wenigstens eine Ansage. Und wenn wir schon dabei sind: pädophile Straftäter gehören kastriert, Mörder hingerichtet, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Adilji und Somm auf einer Seite. Ein Alptraumpaar, eine wöchentliche Zumutung für den Leser.

Die Selbst-Abschaffung

Echt jetzt? Dafür noch Geld verlangen?

ZACKBUM lotet und lotet. Inzwischen geht uns die Lotleine aus, und das Gewicht am unteren Ende verschwindet im Dunkel der Tiefe. Beim Versuch, den Inhalt der aktuellen «SonntagsZeitung» auszumessen.

Selbst die Kaffeetasse oben rechts macht ein falsches Versprechen. Hier werden «Alternativen» vorgestellt. Mangels anderen Themen versucht Chefredaktor Arthur Rutishauser, noch etwas aus dem Vincenz-Skandal herauszumelken. Vergeblich. Der Kampf zwischen Jung und Alt bei der AHV. Das holt nicht mal die Oma aus dem Koma. Bei den Pensionskassen seien die «künftigen Rentner die grossen Verlierer». Das ist bekannt, seit es Pensionskassen gibt.

Was können wir noch schreiben, die Frage bestimmte auch die Berichterstattung über die 13. AHV-Rente. «Das Rentnerpaar, das mit einem Inserat gegen die Initiative kämpft», so sieht journalistische Verzweiflung aus. Begleitet von «Die Zwanzigjährige, die in  der «Arena» der Bundesrätin widersprach». Was eigentlich die News wäre, müsste man nicht noch neben einem Riesenfoto etwas Text drapieren.

Die obligate Solidarität mit der Ukraine, die ist der SoZ so wichtig, dass sie es bei einem freispaltigen Foto und einer einspaltige Meldung von der SDA bewenden lässt.

Dann der Sozialporno: «Lidl setzt sich stärker für Pflückerinnen ein als Coop oder Migros».

«Die Verteidigung bröckelt überall», lamentieren inzwischen die gleichen Kriegsgurgeln, die zwei Jahre lang unermüdlich den Kampfes- und Siegeswillen der Ukrainer besungen haben, denen nur noch ein paar Waffen fehlten, um die völlig demoralisierte, dezimierte, verzweifelte russische Armee endlich aus dem Land zu werfen.

Der «Fokus» war einmal das Parade- und Filetstück der SoZ. Hier gab man sich Mühe, brachte gut recherchierte Longstorys unter. Seit Jahren ist es zum Interview-Abfüllbecken verkommen. Aber auch da geht noch einer nach unten; das Interview mit der «Vorturnerin der Nation». Meine Güte, ist denen denn nichts mehr zu peinlich?

Nein, ist es nicht.

Wirklich nicht: «Wieso ich gestresst auf der WC-Schüssel sitze», das wollen wir ganz sicher nicht von Gülsha Adilji wissen. Leider erzählt sie es trotzdem. Vielleicht hätte sie dabei auch die Kolumne von Markus Somm einer sinnvollen Verwendung zuführen können, denn die ist genauso unlesbar und ungeniessbar wie ihre eigene.

Aber irgendwie scheint das das Motto, das Prinzip dieser Ausgabe zu sein:

Das ist schön für diese Männer, nur findet das die überwiegende Mehrheit der Leser*Innen** keinesfalls prickelnd. Apropos, der grosse Test: «Wir haben Zichorien-, Getreide- und auch Lupinengetränke getestet.» Das taten viele Menschen in finsteren Zeiten, als Kaffee ein unerschwingliches Luxusgut war. Und wieso genau soll man das heutzutage wieder tun? Nur weil den Testern überhaupt nichts eingefallen ist?

Das gilt auch für den «neusten Trend» mit dem Supertitel «Geist ist geil»: «Bücher sind das neue, alte Stilsymbol». Auch darauf muss man mal kommen. Kommt man nur, wenn einem auch nach tiefem Grübeln überhaupt kein Trend eingefallen ist.

Dann noch eine erschütternde Erkenntnis aus der Automobilproduktion: «Mit kleinen Modellen ist es schwieriger, Geld zu verdienen». Dann noch ein abgelegener Tourismus-Quark, bei dem die Fussnote eigentlich alles erklärt: «Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde teils unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und Tourismus-Agenturen.» Recherche? Und welches Teilchen wohl nicht?

Was macht eine Tourismus-Redaktion, wenn auch ihr wirklich nichts einfällt? Genau, da hat es doch mal wieder einer geschafft, durch Nordkorea zu reisen. und zu fotografieren. Wahnsinn, löst sofort «muss hin»-Schübe beim Leser aus. Aber es gibt eine gute Nachricht: damit ist das Ende der Quälerei erreicht.

Nun hurtig zur Kasse im Glashaus an der Werdstrasse: Fr. 6.40 zurückverlangen. Plus Schmerzensgeld. Und zwar in einer Höhe, die selbst Pietro Supino erschauern lässt. Und der denkt nur in grossen Zahlen.

If You Gotta Go, Go With a Smile!

Es gibt Organe, die gibt es gar nicht. Oder doch?

«Wenn du gehen musst, geh mit einem Lächeln.» Sagt Jack Nicholson mit seinem sardonischen Lächeln als Joker. Irgendwie erinnert der Zustand zweier Medien unwillkürlich daran. Die bilden in ihrer Art die ganze Misere des modernen Journalismus ab.

Mit grossem Trara gestartet, seither unaufhaltsam auf dem Weg nach unten. Beide mit Anspruch, aber ohne nennenswerten Inhalt. Zwei verschiedene Konzepte, aber eine Gemeinsamkeit: anhaltende Erfolglosigkeit.

Natürlich, es handelt sich um die «Republik» und um den «Nebelspalter». Die Retterin der Demokratie lässt uns live an ihrem Niedergang teilnehmen:

Grosse Töne spukt sie immer noch: «Die Aufgabe der Republik ist, brauchbaren Journalismus zu machen. Einen, der die Köpfe klarer, das Handeln mutiger, die Entscheidungen klüger macht. Und der das Gemeinsame stärkt: die Freiheit, den Rechtsstaat, die Demokratie

Aber offensichtlich ist das Interesse an nicht so brauchbarem Journalismus abnehmend. Wobei man inzwischen von einer Realsatire sprechen muss:

Schwülstig wird verkündet, dass «der strategische Fokus» inzwischen auf «Stabilität» liege: «Zu- und Abgänge bei Mitgliedschaften und Abonnements müssen sich dafür über das Jahr die Waage halten.» Dieses fokussierte strategische Ziel hat die Zeitschrift der guten Denkungsart das letzte Mal im April 2023 erreicht …

Immerhin ist eine neue Bescheidenheit ausgebrochen, das Ziel, 33’000 Abonnenten zu erreichen (und das entsprechende Geld gleich mal vorab rauszuballern), ist gestrichen (und das Geld weg).

Inhaltlich gibt es wenig bis nichts zu berichten. Dermassen langweilig, vorhersehbar und flachbrüstig ist er. Oder will jemand ernsthaft wissen, was die schreibende Schmachtlocke … Eben. Schlagzeilen machte die «Republik» letzthin nur, weil sie ihren Steuerstreit beilegen konnte und sich brutal von ihrem Starreporter trennte. Der war übergriffigen Verhaltens beschuldigt worden, sollte die Gelegenheit eingeräumt bekommen, seine Beschuldiger zu konfrontieren – und wurde stattdessen ohne diese Selbstverständlichkeit fristlos gefeuert.

Der «Nebelspalter» ist eher nebulös, was seine Zahlen betrifft. Seitdem ZACKBUM enthüllte, dass er es auf nicht mehr als 4000 zahlende Abonnenten gebracht hat, ist Ruhe im Karton. Brutale Entlassung kann er auch; von einem Tag auf den anderen trennte sich Markus Somm vom Chefredaktor der Printausgabe. Der wird stalinistisch nicht mal mehr in der Liste der Chefredaktoren des Nebi erwähnt. Dafür prangt nun Somm mit grossem Foto als «Verleger und Chefredaktor» über der Selbstbespiegelung «über uns». Sein Motto «Wir sind liberal, dass es kracht», nimmt er zu wörtlich; die Bombardierung Moskaus zu fordern, das ist krachig, aber nicht sehr liberal. «Der Nebelspalter hat Humor», auch das würden immer weniger unterschreiben, angesichts des unterirdischen Niveaus der Karikaturen letzthin:

Fäkal-Humor mit Einlauf.

Überhaupt hat die Kaperung der Printausgabe durch Somm & Co. dem Blatt nicht gutgetan. Angefüllt wird es mit gut abgehangenen Somm-Texten. Im Gegensatz zu den Republikanern ist er ein fleissiger Schreiber; inhaltlich hat er allerdings auch nicht viel mehr zu bieten.

Bei beiden Organen kann man eine Frage stellen, deren Antwort tödlich ist. Was hat man verpasst, wenn man sie nicht zur Kenntnis nimmt, nichts dafür zahlt, sie lesen zu dürfen?

Nichts.

 

Somm salbadert

Was geht ZACKBUM sein dummes Geschwätz von gestern an.

Das war auch ein Lieblingssatz von Lenin. Da Markus Somm in seinem Amoklauf gegen Lenin («Massenmörder, gehört zu den grössten Verbrechern der Geschichte») und Russland («Moskau bombardieren») nochmals nachlegt, wollen wir uns wohl oder übel – eher übel – nochmals mit ihm beschäftigen.

Somm lässt sich jeweils für «Somms Memo» ein paar Zahlen zusammensuchen, die er dann meistens recht zusammenhangslos auf den ahnungslosen Leser niederprasseln lässt. Also auf die paar Leser, die er hat. Leider können wir wohl nicht mit seiner Dankbarkeit rechnen, dass wir ihm hier eine viel grössere Plattform verschaffen.

In seinem neusten Memo arbeitet er sich nochmals am russischen Revolutionsführer Lenin ab. Dabei zeichnet er dessen Herkunft nach und wundert sich, wieso jemand, der in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, zum Revolutionär werden konnte. Lustig, Somm ist doch auch der Sohn eines ehemals hohen Tiers bei ABB und wurde dann Trotzkist und Armeeabschaffer. Für mehr hat’s bei ihm allerdings nicht gereicht. Ausser, dass er sich wie jeder Renegat noch heute an seiner eigenen Biographie abarbeiten muss. Denn wer weiss, vielleicht hing in seiner Studentenklause neben einem Porträt von Trotzki auch der Dreikopf Marx, Engels, Lenin.

Aber zurück zu seiner Schmiere. Um das unselige Wirken Lenins zu illustrieren, stellt er die russischen Zustände vor der Revolution idyllisch dar. Von 1900 bis 1914 habe Russlands Wirtschaft «jährlich um rund 10 Prozent» zugelegt. «Das sind fast chinesische Werte, wie wir sie aus der jüngsten Vergangenheit kennen.» Noch schöner: Lenins Vater sei in «den russischen Adel aufgestiegen». Na also, «das zum Thema soziale Ungleichheit im Zarenreich. Gewiss war sie viel ausgeprägter als im Westen, und doch hatte ausgerechnet Lenin das Gegenteil in seiner Familie erlebt. Ihm ging es gut.» Ob da Somm wieder aus eigenem Erleben schöpft? Wahrscheinlich, aber deswegen macht er den groben Fehler, das damalige zaristische Russland mit seiner Schweiz zu vergleichen.

Damit Lenin der ganz böse Bube wird, müssen die Zustände, die er umstürzte, gut sein, so primitiv funktioniert Somms Pennälerlogik. Dafür schreckt er nicht mal vor einer absurden Aufhübschung der menschenverachtenden zaristischen Diktatur zurück, wo ein letzter degenerierter Romanow zunehmend den Kontakt zur Realität verlor.

Also erklären wir mal dem Historiker Somm die Geschichte der Zarenherrschaft. Obwohl die Bauern 1863 aus der Leibeigenschaft entlassen worden waren, lebten sie weiterhin elend, schlimmer als Vieh. Ihre Lebenserwartung lag bei 40 Jahren, sie waren Analphabeten, medizinische Versorgung oder Schulbildung existierten faktisch nicht. Ganz im Gegensatz zu den adligen Grossgrundbesitzern, die sich an steigenden Getreidepreisen dumm und krumm verdienten und die Muschiks massenhaft von ihren kleinen Schollen vertrieben. Zusammenfassend war die materielle Lage der meisten Bauern 1914 schlechter als in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Wenn sie massenhaft in die Städte flüchteten, wurden sie zum Industrieproletariat in weiterhin elenden Umständen. Mehrere Personen teilten eine Kammer, die Arbeitszeit war nicht geregelt und betrug mehr als 50 Stunden pro Woche, zu einem Hungerlohn.

Währenddessen lebte die Zarenfamilie völlig abgekoppelt von der russischen Realität im schwelgerischen Luxus und hörte auf die Ratschläge eines Irrwisch namens Rasputin. Nach der katastrophalen Niederlage im Krieg gegen Japan zuvor wurden Hunderttausende russische Soldaten von völlig unfähigen adligen Befehlshabern an der Front im Ersten Weltkrieg abgeschlachtet. So wie ihnen das Leben der Bauern völlig egal war, kümmerte sie das Überleben der Soldaten einen Dreck.

Im so grossartig wirtschaftlich performenden Russland «breiteten sich noch mehr Krankheit, Elend und Armut aus». Das sagte nicht etwa Lenin, sondern der damalige zaristische Landwirtschaftsminister. Gegen Demonstrationen verzweifelter Massen kannte die zaristische Polizei nur ein Mittel: hineinschiessen, Dutzende, Hunderte von Toten in Kauf nehmen. Die Zustände in der russischen Marine hat unsterblich und realitätsnah der Film «Panzerkreuzer Potemkin» illustriert.

So sahen die wahren Verhältnisse in Russland aus. Da nur die Bolschewisten unter Lenin einen sofortigen Rückzug aus dem Ersten Weltkrieg, die Enteignung der parasitären Grossgrundbesitzer und eine fundamentale Verbesserung der Lebensumstände der Bauern und des Proletariats forderten, bekamen sie entsprechenden Zulauf.

Wer oder was daran schuld ist, dass sich die Absicht, eine klassenlose Gesellschaft zu errichten, wo das Prinzip «jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen» gelten sollte, scheiterte, das ist ein weites Feld.

Aber was bleibt: Es ist bedauerlich, dass man einem Historiker diesen Titel nicht wegnehmen kann, wenn er völlig ahistorisch, durch eine dicke Brille der Vorurteile, eigene biographische Neurosen abarbeitend hanebüchenen Unsinn verzapft.

Nochmals Leichenfledderei

Auch Tamedia hat gemerkt, dass Lenin tot ist.

Schon die NZZ hat sich mit der Beschreibung des Siechtums seiner letzten Lebensjahre an Lenin versucht – und ist schmählich gescheitert. Dann kam Witzfigur Markus SommMoskau bombardieren») und scheiterte noch kläglicher. Es gibt halt nichts Schlimmeres als Renegaten.

Aber immerhin waren die Artikel noch rechtzeitig zum 100. Todestag Lenins am 21. Januar 2024 erschienen. Sonja Zekri, die Tamedia– und SZ-Korrespondentin in Kairo, brauchte bis zum 24. Januar, um nachzutreten: «Der Untote in Russland: Vor 100 Jahren starb Lenin– und mit ihm die Revolution».

Als wären wir noch mitten im Kalten Krieg, widmet auch sie sich hingebungsvoll den medizinischen Aspekten der letzten Lebensjahre des Anführers der Oktoberrevolution in Russland, die wie wohl kein anderes Ereignis im 20. Jahrhundert Nach- und Auswirkungen hatte. Das als medizinisches Bulletin abzuhandeln, ist peinlich.

Wie es einer Handvoll Berufsrevolutionäre gelang, die Macht im grössten Flächenstaat der Welt zu ergreifen, was ihre Ziele waren, welche Strahlkraft diese Revolution hatte, wie es ihr gelang, dem konzertierten Angriff einer internationalen Eingreiftruppe imperialistischer Staaten zu widerstehen, wie der Bürgerkrieg von beiden Seiten mit grenzenloser Brutalität geführt wurde, wie Lenin gleichzeitig versuchte, eine neue Gesellschaft aufzubauen, die Wirtschaft nach marxistischen Prinzipien zu organisieren – das sind auch heute noch interessante Fragen.

Stattdessen klappert Tamedia wie die alte Fasnacht auf den Spuren der NZZ hinterher, bringt nichts Neues, keinen einzigen originellen Gedanken zum Vorschein. Dafür zitiert Zekri ausführlich Orlando Figes, einen englischen Historiker. Der will wissen:

«Lenins Testament verrate eine «überwältigende Verzweiflung über die Art und Weise, wie sich die Revolution entwickelt hat», schreibt Figes im Epos «Die Tragödie eines Volkes». Die Bolschewiki, so habe Lenin begriffen, hatten einen «monströsen Fehler» begangen. Russland sei gar nicht bereit gewesen für den Sozialismus, die Massen seien zu ungebildet gewesen, um die Bourgeoisie zu ersetzen.»

Epos? So kann man das kaum nennen; Figes wird immer wieder nachgewiesen, unwissenschaftlich zu arbeiten, ihm werden grobe Ungenauigkeiten und Fehler vorgeworfen. Also nicht gerade die geeignete Fachkraft. So haben auch die hier zitierten Behauptungen keinerlei Basis in der leninistischen Wirklichkeit. Natürlich hatten die Bolschewiki in den Augen Lenins keinen Fehler begangen, hatte er sein halbes publizistisches Werk darauf verwendet zu erklären, wieso die Revolution zuerst im schwächsten Glied der kapitalistisch-imperialistischen Kette zu erfolgen habe.

Es ist schon erstaunlich, wie sich NZZ und Tamedia an Lenin abarbeiten, ihn niedermachen. Auch das ist natürlich erlaubt – will aber gekonnt sein. Wird es dermassen unappetitlich, kenntnisfrei, einseitig und plump polemisch gemacht, hätte es eigentlich bei einem Satz sein Bewenden haben können: wir hassen Lenin, seine Revolution und die Folgen bis heute. Unter welchen Verhältnissen die Russen im Zarenreich leben mussten, nämlich schlimmer als Tiere, ist uns hingegen scheissegal.

Wenn es hier einen Untoten zu besichtigen gilt, dann ist es der Schweizer Journalismus, der sich lächerlich macht.

«Man kann Moskau bombardieren»

Renegaten wie Somm geisseln sich selbst und lassen den Leser teilhaben.

Die Karikatur eines Historikers (siehe PS) war einmal ein linker Trotzkist. Markus Somm kämpfte für die Abschaffung der Schweizer Armee und hat damals sicherlich auch den einen oder anderen blauen oder braunen Band gelesen. Sich in die Werke der Klassiker Marx, Engels und Lenin vertieft. Wer weiss, vielleicht hing auch in einem Herrgottswinkel in seiner Klause ein Poster der drei Säulenheiligen des Kommunismus.

Wie auch immer, Somm muss sich noch im höheren Alter an seinen ehemaligen Idolen abarbeiten. Leider hat er dazu eine Plattform, die etwas mehr Leser hat als sein nebulöses Projekt «Nebelspalter». ZACKBUM beschäftigt sich hier zum letzten Mal mit ihm, aus Gründen der geistigen Hygiene. Allerdings wird er unseren Lesern als Somm-Effekt erhalten bleiben. Damit ist die Bankrotterklärung jeder intellektuellen Differenzierungsfähigkeit («Die Israeli sind die Guten») gemeint.

In seiner SoZ-Kolumne äussert sie sich so: «Lenin, unser Massenmörder». Verräterisch ist das Wort «unser». Somm muss daher fast kniend Abbitte leisten, so wie es Renegaten, die von der Kirche abgefallen waren, früher auch manchmal taten. Allerdings nicht allzu selten unter Zwang, während Somm diesen Dienst freiwillig verrichtet.

Lenin zähle doch zu den «gröberen, wenn nicht gröbsten Verbrechern der Weltgeschichte», behauptet Somm. Schlimmer noch: «Die Russische Revolution ist sicher eines der tödlichsten und übelsten Ereignisse aller Zeiten; sie leistete einen Beitrag an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, und die vielen kommunistischen Regimes, die aus ihr hervorgingen, hinterliessen gegen 100 Millionen Tote. Vorsätzlich vernichtet im Namen einer besseren Welt.»

Dann zählt Somm aus den vielen, vielen schriftlichen Äusserungen Lenins ein paar Befehle auf, die der im Überlebenskampf der Russischen Revolution gab. Vielleicht hätte dem Historiker eine Lektüre des Werks über den russischen Bürgerkrieg von 1917 bis 1921 des englischen Historikers Antony Beevor gutgetan. Vielleicht wäre es interessant gewesen, wenn Somm zu erklären versucht hätte, wieso es einer Handvoll von Berufsrevolutionären unter Führung eines armen Exilanten, der im Jahr zuvor noch an der Spiegelgasse in Zürich gewohnt hatte, gelungen war, die Macht im flächengrössten Staat der Welt zu erobern.

Vielleicht hätte Somm ein Wort über die elenden Zustände in Russland unter dem degenerierten und autistischen Zarenregime verlieren können, in dem die Bauern, die Soldaten und auch die Industriearbeiter wie Vieh vegetierten, während die dünne adlige Oberschicht im Luxus schwelgte.

Vielleicht hätte Somm zu erklären versuchen können, wieso es denn der Revolution gelang, in einem von beiden Seiten gnadenlos und blutig geführten Bürgerkrieg gegen alle konterrevolutionären Truppen, die von den meisten imperialistischen Staaten unterstützt wurden, zu siegen. Wie es ihr gelang, von einem Winzterritorium aus, auf das sie zurückgedrängt worden war, bis 1922 überall im riesigen russischen Reich die Macht zu erobern. Bloss, weil Lenin ein «gröberer, wenn nicht gröbster Verbrecher» war? Spielte dabei der von Somm einst bewunderte Trotzki nicht eine gewisse Rolle als gnadenloser Befehlshaber der Roten Armee? Und wieso behielt die Oktoberrevolution so lange ihre Strahlkraft, motivierte in vielen anderen Ländern der Welt Revolutionäre dazu, ihr nachzueifern?

Was immer man davon halten mag, von einem Historiker könnte man Erklärungen, Erhellungen erwarten. Statt dumpfem Geschimpfe, statt einer öffentlich vollzogenen Selbstgeisselung am untauglichen Objekt.

Hitler, mit dem Somm Lenin vergleicht, war schlichtweg ein demagogisch begabter, skrupelloser Verbrecher und Massenmörder mit einer absurd-kruden Rassentheorie, ein übles Gewächs, das vom deutschen Grosskapital und den Resten des Junkertums gedüngt wurde, das damit der Gefahr entgegenwirken wollte, dass Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg auch eine erfolgreiche sozialistische Revolution erlebte (erfolglose gab es bekanntlich). Hitler war ein Zerstörer ohne Vision, was nach seinem «Endsieg» hätte geschehen sollen, darüber sagte er nichts. Vielleicht sollte sich Somm an seine Lektüre von Reinhard Kühnl «Der Faschismus» erinnern. Falls er das gut dokumentierte Buch überhaupt gelesen hat.

Aber stattdessen diese primitive Reduktion eines Welterschütterers auf Verbrecher, Massenmörder, Menschenfeind. Das ist so kläglich und erbärmlich, dass wir damit das Kapitel Somm auf ZACKBUM abschliessen.

PS: Geht noch einer drüber? Aber sicher bei Somm. In seinem Geplauder mit seinem Redaktor Dominik Feusi entblöden sich die beiden tatsächlich nicht, Raketenangriffe auf Sewastopol oder Woronesch zu fordern (Feusi). «Oder man kann zum Beispiel St. Petersburg bombardieren oder Moskau», legt Somm noch ein Scheit ins Feuer. Dann folgt ein kurzer Moment der Pseudo-Selbstreflexion: «Leute, die das hören, erschrecken wieder und sagen, der Feusi und der Somm sind Kriegstreiber. Ja, das ist richtig, wir sind absolute Kriegstreiber, die Ukraine muss verteidigt werden.» Dann verliert er sich in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts.

Mal im Ernst, liebe Verwaltungsräte des «Nebelspalters», sind solche zwei Amoks eigentlich noch verantwortbar? Sicher, der Podcast hat nur ein paar Hundert Zuhörer, aber dennoch: Moskau bombardieren? Weiss Historiker Somm nicht mehr, wer das als Letzter forderte und tat? Kriegstreiber sein und dazu stehen? Wie halt- und hemmungslos soll’s noch werden? Gebietet da niemand Einhalt?

Zahlenakrobatik

Besonders eine Behauptung Mileis sorgt für Hallo.

Verwenden wir die Version von Markus Somm, damit dessen unermüdlicher Newsletter etwas mehr Leser bekommt. Der schreibt:

Wenn jemand nämlich von solchen Wachstumsraten profitiert hat, dann vor allem die Armen. Milei:

  • Um 1800 lebten 95% der Menschheit in tiefer Armut. Sie erarbeiteten geradeso viel, dass sie den Tag überstanden. Eine Missernte, eine Absatzkrise: Und sie verhungerten, buchstäblich, nicht symbolisch
     
  • Gegenwärtig (kurz vor der Pandemie) gelten noch 5% der Weltbevölkerung als extrem arm. Seit 1800 wurden demnach 90 Prozent der Menschheit aus grauenhaften Lebensverhältnissen befreit
Das sind Fakten. Jederzeit abrufbar. Warum aber scheinen so viele kluge Menschen sie nicht zu kennen – oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen? Wer die Geschichte Argentiniens studiert, weiss, warum Milei uns hier weiterhelfen kann:

«Jederzeit abrufbare Fakten», behauptet Somm. Ein terrible simplificateur. Es gibt kaum eine komplexere Definition als die der «absoluten Armut». Es gibt kaum einen Indikator, der schwerer weltweit zu messen ist. Oder glaubt jemand im Ernst, dass in gescheiterten afrikanischen Staaten oder in Diktaturen die Zahl der Armen korrekt erhoben und veröffentlicht wird?

Der am meisten verwendete Masstab ist ein gewisses kaufkraftbereinigtes Minimaleinkommen pro Person und Tag. Wer darunter liegt, sei absolut arm. Dieses Kriterium hat zwei Schwachstellen. Wer unter dieser Schwelle liegt, also nicht das Geld hat, um sich das Lebensnotwendige zu verschaffen, müsste eigentlich tot sein, oder sterben. Und damit aus der Statistik fallen.

Zum zweiten berücksichtigen diese Statistiken der Weltbank und anderer Organisationen nur Einkommen, die in Geld messbar sind. Tauschhandel, familiäre oder Stammesfürsorge, nicht quantifizierbare Formen von Überlebensstrategien sind nicht abgebildet.

Noch absurder ist es, für 1800 eine solche Zahl nennen zu können. Damals waren weite Teile der Welt noch statistisch gesehen Terra incognita.

Zu all diesem Unfug kommt noch etwas hinzu. Somm zitiert zustimmend, dass der argentinische Präsident für diese Entwicklung in erster Linie den Kapitalismus verantwortlich macht, während der Sozialismus das Gegenteil bewirkt habe. Mehr Friedman und Hayek lesen, jubiliert Hobbyökonom Somm, der nicht mal seinen «Nebelspalter» in die schwarzen Zahlen führen kann. Muss man das so sehen, dass es sich hier um ein sozialistisches Experiment handelt?

Wie auch immer, der Hauptwiderspruch in der von ihm bejubelten Argumentation von Milei fällt Somm – wie den meisten Kommentatoren – gar nicht auf. Denn mit Abstand der wichtigste Grund für die tatsächlich stattfindende Verminderung der Armut auf der Welt trägt einen Namen: China. Indem in China Hunderte Millionen Menschen zu einem bescheidenen Wohlstand kamen, verringerte sich die Zahl der Armen auf der Welt. In Schwarzafrika hingegen nahm sie zu.

Nun ist China zweifellos eine kommunistische Parteidiktatur. Also von all den angeblich zentral wichtigen Errungenschaften wie freie Marktwirtschaft, kaum staatliche Lenkung, Meinungsfreiheit usw. weit entfernt. So legte China über viele Jahre Wachstumsraten hin, von denen kapitalistische Staaten nicht mal träumen konnten.

Statt spitze Jubelschreie auszustossen, wäre es doch viel sinnvoller gewesen, wenn Somm versucht hätte, diese Widersprüche oder zumindest Komplexitäten darzustellen, so als eigenständige intellektuelle Leistung. Aber eben, dafür braucht es halt gewisse Voraussetzungen und Fähigkeiten, oberhalb davon, Buchstaben sortieren zu können.

Falscher Titel

Die «SonntagsZeitung» schlägt mal wieder Alarm.

ZACKBUM weiss, was passiert ist. Wir können auch ein untrügliches Indiz anführen. Es gibt kein Editorial und auch keinen Artikel von Arthur Rutishauser. Also ist er in den Ferien. Und die Leser haben die Bescherung.

Es ist mal wieder ein Cover, bei dem man sich fragt, wieso eigentlich der Mut fehlt, den Leser mit der Mitteilung zu überraschen: diese Woche ist uns einfach mal wieder überhaupt nix eingefallen.

Stattdessen: «So lebt eine polyamore Familie, Odermatt, Rösti». Zwei Jung-Nationalrätinnen sind sich uneinig. Verblüffend, die eine ist in der SVP, die andere in der SP. Und dann der falsche Titel des neuen Jahres: «Schweizer Berge schrumpfen». Richtig wäre: «SonntagsZeitung» schrumpft.

Beweise gibt es überreichlich: «50 Jahre «Kassensturz»». Nichts gegen Roger («wer hat’s erfunden?») Schawinskis Meisterleistung, aber eine Doppelseite? Und hätte man von Schawi nicht ein besseres Foto nehmen können?

«Der Streit unter den rechten Parteien spitzt sich zu», ein schönes Stück Wunsch- und Blasenjournalismus. Dann erschütternder Mülltourismus, begleitet vom Lacher des Monats: «Ärztin lässt zwei Verletzte liegen, die von ihrem Hund angefahren wurden». Ein grossartiges Stück Qualitätsjournalismus.

Neu daher kommt auch die Seite «Standpunkte». Das Lustigste, nämlich die Bildsatiren von Peter Schneider, sind verschwunden. Stattdessen das brüllend originelle Gefäss «Schnappschuss». Aber immerhin, dank der unablässig quengelnden Jacqueline Badran und des unablässig knödelnden Markus SommWarum Deutschland nicht zur Schweiz gehört», auf diesen Titel muss man erst mal kommen), kann die Seite schmerzlos überblättert werden.

Womit man beim Porträt des «interkulturellen Beraters» gelandet wäre, der sich gegen Gewalt in Migrantenfamilien einsetzt. Putziger Titel: «Auch meine Klienten wissen, dass es falsch ist, die Partnerin zu schlagen». Aber sie tun es halt dennoch, da sollte man nicht eurozentrisch und postkolonialistisch unser Wertesystem anderen Kulturen aufzwingen wollen.

Wenn dem Wirtschaftsressort auch mal wieder gar nichts einfällt, dann wärmt es diese Uralt-Geschichte auf: «So viel Food-Waste verursacht der Detailhandel». ZACKBUM warnt: wenn man schon Anfang Jahr den ganzen Stehsatz verballert, dann wird es spätestens in der Sommerflaute ganz dünn. Denn das Stichwort «Food-Waste» ergibt im Medienarchiv SMD in den vergangenen 12 Monaten satte 1886 Treffer

Aber, ZACKBUM widerspricht seinem Ruf, alles nur negativ zu sehen, dann kommt das Highlight der Ausgabe; ein selten mutiger Peter Burkhardt titelt: «Wo Kettensägen-Mann Javier Milei recht hat». Und legt in der Unterzeile noch nach: der argentinische Präsident sei in Europa als irrer Rechtspopulist verschrien, «dabei ist sein Wirtschaftsprogramm vernünftig und angesichts der Krise des Landes dringend nötig». Vielleicht sollte Burkhardt das mal seinem Kollegen Simon Widmer schonend beibringen.

Aber dann geht es weiter in der Abteilung eingeschlafene Füsse in ungewaschenen Socken: «Die Angst vor der nächsten Finanzkrise wächst». Und wächst und wächst und wächst. Gestern, heute und morgen. Auch der Geldonkel und ehemalige Chefredaktor Martin Spieler hat sich wohl noch nicht wirklich von der Sause an Silvester erholt: «Nur auf Megatrends zu setzen, ist riskant». Mindestens so riskant, wie auf Mikrotrends zu setzen. Oder überhaupt zu setzen.

Dann kommen wir auf das Niveau «Hund überfährt Passanten» zurück: «Wechseljahre mit Anfang 30». Daraus könnte man problemlos eine Serie basteln: «Herzinfarkt unter 30, graue Haare unter 30, MS unter 30, Demenz unter 30, Glatze unter 30, Dritte Zähne unter 30».

Nachdem Jean-Martin Büttner bereits alles Nötige zur «singenden Nervensäge» gesagt hat, darf nun Joan Baez in der SoZ selbst etwas zu sich sagen.

Dann noch etwas reinster Gesinnungsjournalismus: «Putins Aufstieg vom Hinterhofschläger zum neuen Stalin». Allerdings macht der Rezensent dieses sicherlich ausgewogenen Romans die Lektüreempfehlung gleich am Anfang kaputt: «Doch der Ukraine-Krieg macht auch seinen Roman kaputt.» Frage: wieso sollte man das dann lesen? Und bis zu einem neuen Stalin ist’s dann doch noch ein Weilchen hin für den Kremlherrscher.

Dann wieder zurück zu «Hund überfährt Mann»: «Ein Kind, eine Mutter und zwei Väter». Huch. Wir kommen zum Intelligenztest dieser Ausgabe: welchen Einrichtungstipp gibbs Anfang Jahr? Bravo, genau: «Neues Jahr, neue Ordnung». Dann eine brandneue Erkenntnis: «Im Winter schlafen Bäume nur mit einem Auge». Und was machen von Geburt an einäugige so?

Aus der Frühzeit gibt es hingegen Schreckliches zu vermelden, wenn auch nur in Frageform: «Schnitten sich die Menschen der Steinzeit Fingerglieder ab?» Nüchterner geht es in die Gegenwart zurück, wo der Autobauer zu den letzten Mohikanern gehört, die Printinserate schalten: «Der Traum von vergangener Grösse», die SoZ begrüsst das Comeback von Cadillac. Zweiter Intelligenztest, was wird im Reise-Teil thematisiert? Bravo, schon wieder richtig: «Da wollen wir 2024 hin. Traumziele».

Aber, schluchz, schon nach 58 Seiten ist dann Schluss. Mehr würde der Leser auch nicht aushalten …

 

 

 

 

Macht’s die SoZ besser?

Die Antwort ist nein.

Drei Anrisse zuoberst, dreimal schnarch. Dann darf Alain Berset in einem Interview letzte Zweifel aufräumen, dass sein Abgang überfällig war. Und wenn einer Redaktion überhaupt nichts mehr zu einem Thema einfällt, dann bleibt immer noch als letzter Joker der «Schweizer Aspekt».

Anschliessend wimmelt es nur so von Schweizer Aspekten. Niemand wäre bereit gewesen, Alain Berset ein solches Weichspüler-Interview zu schenken – ausser der SoZ. Dann etwas Schweiz – EU (schnarch), etwas Nachbereitung der Bundesratswahlen (gähn), etwas Mitleid mit Hans-Peter Portmann, Alt-Neues von Ritalin, das Ausland bestreitet sowieso die »Süddeutsche Zeitung» (oder interessiert es wirklich jemanden, dass Mexiko eine Eisenbahnlinie gebaut hat?), und die Qual des ersten Bundes ist überstanden.

Was bedeutet, dass die Qual des zweiten beginnt. Ältere Leser erinnern sich noch dunkel: «Fokus», das bedeutete hochstehenden, verdichteten, aus dem Normalbrei herausragenden Journalismus. Vorbei. Normalerweise werden hier Interviews abgefüllt, die man gar nicht schnell genug überblättern kann. Diesmal wird die Geschichte zweier Schweizer erzählt, die am 7. Oktober in Israel ermordet wurden. Bei aller persönlichen Tragik: was soll das?

Dann: Neues von übergriffigen Pfaffen. Oh Himmel, hilf. Auf Seite 25, das ist immerhin was zum Lachen, kolumniert Markus Somm ungebrochen weiter und tut so, als wäre da nix. Was wäre? Nun, dass sich der grosse Polit-Analyst und scharfe Seher mit seiner Prognose, dass ein Geheimplan Bundesrat Cassis aus dem Sessel kippen würde, was mehr als 50 Prozent Wahrscheinlichkeit aufweise, ganz grob verhauen hat. Aber es ist eine alte Weisheit von Sehern: geht was in die Hose, einfach nicht drüber reden und die nächste Prognose raushauen. Irgendwann landet man doch einen Treffer.

Oder, andere steile These von ZACKBUM, die SoZ lässt Somm weiter schreiben, damit die bodenlose Niveaulosigkeit von Gülsha Adiliji nicht so auffällt. Neuste Duftmarken: «Diese ganze Dating-Scheisse … ich downloadete (schon fucking wieder) … Dating ist jetzt nicht mein Lebensmittelpunkt-Lebensmittelpunkt, aber …» Wer dieses Gestammel freiwillig liest, darf sich nicht über den Preis des SoZ-Abos beschweren.

«Wirtschaft»? Ach ja, wenn Arthur Rutishauser nicht wäre, der auf Thomas Jordan eindrischt, wäre auch dieser Bund reif fürs Altpapier.

Apropos alt, Keith Richard wird 80. Wahnsinn. Der Mann, der Pate für den Spruch stand: der sieht so alt aus, so alt kann der gar nicht werden. Zur Feier des Tages ein Interview mit ihm. Exklusiv für die SoZ. Wahnsinn. Hm; der Autor ist Joachim Hentschel. Genau, der deutsche Journalist, der von der «Zeit» abwärts so ziemlich alle bedient.

Bleibt da noch ein Auge trocken? Ach, nicht wirklich, wenn wir zum Ratgeberteil kommen: «So gelingt das Weihnachtsessen zu Hause». Echt jetzt? Selbst dafür ist der Leser zu blöd, wenn ihm nicht geholfen wird. Der nächste Ratgeber wäre allerdings in erster Linie etwas für Journalisten: «So schreiben Sie wie ein Genie. Tipps für KI-Tools». Wenn man den Artikel liest, scheint das aber nicht wirklich zu funktionieren.

Schliesslich, ZACKBUM lobt wieder mal seine hellseherischen Fähigkeiten, waren nicht vor Kurzem helle Töne, Weiss der letzte Schrei in der Inneinrichtung? Arme Leser, die dem gefolgt sind. Denn: «Helle, sanfte Töne galten lange als Lieblinge in der Inneneinrichtung. Doch der Trend scheint zu kippen». Scheint, so sicher ist’s noch nicht, aber vielleicht sollte man die frisch angeschafften hellen Möbel vorsorglich entsorgen.

In der Reihe «sagt da einer sponsored content?» wird auf einer Seite vermeldet, dass das Zürcher Savoy als Mandarin Oriental wiedereröffnet wird. Da sich die meisten SoZ-Leser problemlos ein Doppelzimmer ab 1200 Franken leisten können (doch, pro Nacht natürlich), ist das ein zielgruppenorientierter Service-Text.

Oder ohne Ironie auf Deutsch: reine Leserverarschung.