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Einer wird gewinnen

Früher war das eine Rätselsendung. Ist es heute noch.

Bekanntlich gibt es bei den französischen Präsidentschaftswahlen zwei Möglichkeiten. Garantiert. Entweder gewinnt der Amtsinhaber Emmanuel Macron – oder die Herausforderin Marine Le Pen.

Aus dieser Konstellation kann man nun leider nicht viel Prognostisches wagen. Also man könnte schon, aber den meisten Prognostikern sitzt noch der Schrecken in den Knochen, als sie bei der sicheren Siegerin Hillary Clinton krachend danebenlagen.

Bis heute wissen die Medienschaffenden nicht, ob sie die blöden Amis beschimpfen oder bemitleiden sollen. Die Ursachenforschung, wieso sich die US-Wähler nicht an die sicheren Prognosen und Analysen gehalten haben, dauert bis heute an. Inklusive Fall Relotius.

Verständlich also, dass man sich nun hier zurückhält. Man belässt es bei ein wenig Etikettenkleberei. Macron ist der Mann der Mitte, sein Hauptproblem sei seine Arroganz. Bei Le Pen ist es noch einfacher: ist und bleibt eine «Rechtspopulistin«, die Kreide gefressen hat.

Ansonsten herrscht aber vorsichtiges Abwägen. Macron liege in Führung, der Wahlkampf sei aber «kein Spaziergang«. Le Pen sei ihm «auf den Fersen«. Natürlich haben wir wieder einmal «ein gespaltenes Land«.

Da Macron eher teflonartig agiert und auch die Narrative der Journalisten bezüglich Russland bedient, konzentriert sich das Trommelfeuer auf Le Pen. Dabei wird vor allem herausgestrichen, dass sie Sprengpotenzial für die EU habe, sollte sie gewählt werden. Und eine Putin-Versteherin ist sie sowieso, liess sich sogar von einer russischen Bank einen Kredit geben.

Natürlich ist sie nebenbei eine Rechtsradikale, Rassistin sowieso oder schlicht «die gefährlichste Frau Europas«, wozu sie der SoBli ernannte. Aus all dem muss man schliessen, dass eigentlich nur Volldeppen Le Pen wählen können.

Das kleine Problem dabei: das werden wohl mindestens 40 Prozent aller Franzosen sein. Auch da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder ist fast jeder zweite Franzose rechtsradikal, Rassist, Putin-Versteher und Gegner der EU – oder die Schweizer Kommentatoren verzeichnen ein wenig das Bild der Präsidentschaftskandidatin.

Das alles nur deswegen, weil der simple Satz «einer wird gewinnen» nicht ausreicht, um neben der Ukraine ein paar Spalten zu füllen. Aber: wie meist mit Ausnahme des NZZ-Lesers: Wer kann denn spontan und schnell die fünf wichtigsten Wahlversprechen Macrons und Le Pens aufzählen? Oder welche Vorschläge sie haben, was Frankreich tun könnte, um den Krieg in der Ukraine zu beenden?

Eher nicht? Nun, da erhebt sich mal wieder die Frage, wieso man denn freiwillig dafür bezahlen soll, dass Redaktoren und Korresponden dafür bezahlt werden, die Welt so hinzuschreiben, wie sie ihrer Meinung nach ist – oder sein sollte. Ähnlichkeiten mit der Realität sind meist zufällig und keinesfalls beabsichtigt.