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Talibanisierung: streiten verboten

Die Überlegenheit freier Gesellschaften lässt sich mit einem gefährdeten Wort erklären: offen debattieren.

Die grösste Gefährdung für eine der ältesten Demokratien der Welt geht weder von der grummeligen SVP, noch von linken Maulhelden aus. Schon gar nicht von Taliban, und auch nicht von einem Virus. Nicht einmal von fundamentalistischen Genderschützern. Sondern von der Gefährdung der freien Debatte.

Wobei alle diese Fanatiker auf ihre Art einen Beitrag zu dieser Gefährdung leisten. Denn die Gefahr erhebt überall ihr hässliches Haupt. Am deutlichsten ist diese Fratze auf den sogenannten sozialen Plattformen sichtbar.

Es ist ein Beweis dafür, dass zu grenzenlose Freiheit in Willkür, Übergriffigkeit, Verblödung und Elend ausartet. Eigentlich könnten auf Facebook, Twitter & Co. Debatten wie noch nie in der Geschichte der Menschheit stattfinden. Über alles und mit allen. Tabufrei, offen, dank Anonymität auch angstfrei vor Repressionen.

Man könnte mit allen kommunizieren oder mit Gleichgesinnten. Man könnte Stärke durch Zuspruch, Erkenntnisgewinn durch Widerspruch gewinnen. Man könnte Welterklärungen abrufen, dank Universalsprachen wie Englisch oder dank Simultanübersetzungsprogrammen mit Menschen kommunizieren, die tausende von Kilometern entfernt in ganz anderen Lebensumständen denken und sprechen.

Man könnte sich selbstbewusst und mit Respekt vor den Ansichten des Andersdenkenden begegnen. Man könnte jeden Tag eine Bereicherungsstunde abhalten, in der man versucht, Einblicke in alle fast 200 Länder dieser Erde zu gewinnen. In Traditionen, Kulturen, Mentalitäten, ins Andere.

Stattdessen sind diese Plattformen, allen voran Twitter, versumpft, verschlammt, unerträglich geworden. Der Stammtisch, die Rechthaberrunde zu später Stunde und mit durch Alkohol gelösten Zungen, die «jetzt rede ich, und du gibst mir recht»-Monologe haben sich ins Digital-Virtuelle erhoben. Dort verpesten Ego-Shooter die Luft, rotten sich Quadratschädel zu Mobs zusammen.

Wer ist stolz darauf, Teil eines Shitstorms zu werden?

Debatte und Widerspruch als einzige Möglichkeit zum Erkenntnisgewinn ist ihnen fremd, geradezu widerwärtig. Ihre Denkperversion zeigt sich darin, dass sie sogar heimlich oder offen stolz darauf sind, Bestandteil eines Scheissesturms zu werden. Ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was diese Bezeichnung aus ihnen selbst macht.

Ihre bedingten Reflexe funktionieren besser als beim pavlowschen Hund. Läutet irgendwo in ihrer Nähe das Glöcklein einer artfremden, abweichenden Meinung, sabbern und kläffen sie los, verbellen den Eindringling, empfinden es als grössten Erfolg, wenn er von der Meute weggebissen wurde.

Leider beschränkt sich dieses Phänomen des Rückfalls in voraufklärerische Zeiten nicht nur auf das geistige Prekariat, das in den asozialen Medien die Klowände des Internets vollschmiert.

Auch in den sogenannten Qualitätsmedien herrscht inzwischen ein Groove, an dem Torquemada seine helle Freude hätte (Kindersoldaten: Namen googeln). Selbsternannte Klein- und Grossinquisitoren verteidigen hier den rechten Glauben gegen Ungläubige. Mit einer Verve, die erschauern lässt. Denn von den fundamentalistischen Irren in Afghanistan unterscheidet sie eigentlich nur, dass sie ausser Maulheldentum und Beherrschung der veröffentlichten Meinung keine Macht haben.

Moderne Worttaliban fäusteln auch in der Schweiz

Hier geht es gegen «Impfgegner», «Coronaleugner», mit einem Wort: verantwortungslose Volldeppen. Selbst das halbstaatliche Portal «blue news» entblödet sich nicht, hier eine immerhin «nicht ganz ernstgemeinte» Typologie aufzublättern, von «Die Fiebrigen»  bis zu den «Verschwörungstheoretiker*innen». Nebenbei: alleine am Gebrauch des Sprachverhunzungswerkzeugs Gendersternchen entfachen sich Sprachkriege, moderne Kreuzzüge gegen Unmenschen und Sexisten.

Wie es sich für ein Boulevardblatt gehört, packen «Blick» und «SonntagsBlick» gleich die grobe Keule aus. Der SoBli-Chefredaktor entblödet sich nicht, Impfgegnern zu unterstellen, sie unterstützen damit die Pandemie («Die Impfgegner machen mit dem Virus gemeinsame Sache».) Der Vergleich zum Mittelalter, wo Seuchenzüge auch damit erklärt wurden, dass Juden die Dorfbrunnen vergiftet hatten, liegt nahe.

Deswegen:

«Der Freak» nach «Blick». Karikatur zum Kotzen.

Das ist so ziemlich das Übelste, was seit «Juden canceln»-Simone Meier in letzter Zeit in der Schweiz verbrochen wurde. Diese Karikatur soll den «Freak» zeigen. Der sonst für alles Gute und Edle kämpfende «Blick»-Journalist Reza Rafi schreibt mit der Klosettbürste als Erklärung:

«Hier reden wir von einem Sammelbecken für Outlaws, Aussteiger und Abgedriftete: Der völkisch denkende Arzt, die radikalisierte Kapitalismusgegnerin und der Goa-Veteran mit halluzinogenen Spätfolgen sind nur drei Beispiele. Typischerweise ist der Angehörige dieser Kategorie männlich, bewegt sich in einer weltanschaulichen Käseglocke und hat sich die vorherrschende Gesellschaft, ihre Politiker und Medien zu Feinden erklärt. Auch pathologische Fälle werden beobachtet.»

Man soll mit der Nazi-Keule vorsichtig hantieren, aber das unter eine Karikatur zu schreiben, die eine Kreuzung zwischen dem «Stürmer»-Juden und dem Komiker Marco Rima darstellt, das ist schon unerhört. Dass es diesen «Freaks» gelungen ist, innert kürzester Zeit mehr als 100’000 Unterschriften unter ein Referendum gegen die Corona-Gesetzgebung zu sammeln, erweckt offenbar den Ingrimm der staatlich subventionierten Medien der Schweiz.

Wieso bleiben Sanktionen, ein Aufschrei aus?

Bedenklich: der Aufschrei aller sonst immer schnell Empörten und Erregten blieb aus. Wählt die SVP ein schwarzes Schaf zur Illustration ihrer Absichten, kriegt sich eine Empörungsmeute kaum mehr ein. Aber hier? Wird der durchdrehende Chefredaktor eingefangen, korrigiert? Wird der verantwortliche Redaktor sanktioniert, entlassen? I wo, sie stehen doch auf der «richtigen» Seite, da ist dann alles erlaubt.

So stirbt die Freiheit scheibchenweise. Die Denkfreiheit, das Salz in der Suppe, der Motor jedes Fortschritts. Wo Aberglaube und Glaubensdoktrinen herrschen, herrscht Mittelalter, Elend und Dumpfheit. So wie in allen islamisch kontrollierten Ländern. Sie mögen dank Rohstoffen reich sein – was aber immer nur von einer korrupten Oberschicht unter Beteiligung des Klerus abgeschöpft wird –, aber sie sind zu Elend, Stagnation, Rückschritt und Untergang verurteilt.

So war das auch in Europa, als die christliche Kirche mit dem Leichentuch der Glaubensdoktrinen jeden Fortschritt erstickte. Aber hier und heute in der Schweiz darf doch noch alles gesagt werden? Selbst diese Haltung wird schon ironisiert, kritisiert, als Freipass für schädliche – soll man sagen volksschädliche – Meinungen von Aluhutträgern, von Freaks halt.

Inquisitorische Rechthaberei erhebt das hässliche Haupt

Es ist eine Perversion der Geschichte, dass vor allem linke Kreise, also die Urenkel der Aufklärung, die Enkel der Kämpfer für Meinungsfreiheit und offene Debatten, zu Vorkämpfern für Sprechkontrolle, Gedankenpolizei und inquisitorischer Rechthaberei werden. Während sie zunehmend die Oberhoheit über die Diskurse verlieren, verkrampfen sie sich immer mehr in einem Sprachfanatismus.

Der äussert sich in erster Linie darin, dass nicht mehr Meinungen als falsch kritisiert – und argumentativ niederdebattiert werden. Sondern dass hinter Standpunkten Haltungen denunziert werden. Nicht mehr: «Wer das sagt, liegt falsch, weil». Sondern: «Wer das sagt, ist». Hier kann man nach Belieben Hetzer, Rechtsradikaler, Rassist, Faschist, Fremdenfeind und alles Schlimme der Welt einsetzen.

Es liegen Welten zwischen Afghanistan und der Schweiz. Noch.

«Die Freiheit führt das Volk an»: wäre heute zu sexistisch.

Roger Schawinski im Corona-Stress

Der begnadete Talker Roger Schawinski zeigt Abnutzungserscheinungen. Doch wer soll folgen? Dillier, Hug oder Eisenring?

Seit gefühlt 40 Jahren macht Roger Schawinski seinen Doppelpunkt. Also das legendäre Radio-Interview immer am Sonntag um 11 Uhr. Nun hat es seine Sendung zum ersten Mal gross in den Tages-Anzeiger geschafft. Auf die Kehrseite. Promis, Sex & Crime. Der Grund heisst Corona und Marco Rimas fragwürdige Meinungen dazu.

Andreas Tobler schrieb dazu eine für die Kehrseite eher längliche, aber durchaus lesenswerte Medienkritik. Marco Rima liess sich von Roger Schawinski im Doppelpunkt eine Stunde lang grillieren. Der Spasssvogel mit beachtlicher Karriere in der Schweiz und in Deutschland verlor dabei nie die Contenance, im Gegensatz zu Roger Schawinski. Beim Thema Krebsdiagnose etwa zeuselte Schawinski: «Und? Würdest Du nicht ins Spital gehen und auf Selbstheilung hoffen?»

Gehört Rima zu den Corona-Leugnern?

Rima mache Terror wegen fehlenden Auftritten. Stossrichtung von Schawinskis Trommelfeuer: Rima sei frustriert und gehöre nach seinen beiden geposteteten Videofilmen über seine absolut schrägen Corona-Ansichten zu den Coronaleugnern, zu den Staatskritikern, zu den Rechtsxtremen. Marco Rima konterte immer wieder, er sei einfach ehrlich und wisse zu wenig über Corona, wie auch der Bundesrat und der Staat allgemein. Die Einschränkungen für die Einwohnerinnen und Einwohner, aber auch etwa für Künstler, seien zu rigide.

«Sterben müssen wir sowieso», findet Rima. Zugegeben: Der 59-Jährige ist eine Person mit grosser Fangemeinde. Wenn er etwas sagt, wird das aufgesogen wie Milch und Honig. Da wäre etwas mehr Besonnenheit angebracht. Aber wie Roger Schawinski ihn in die rechte Ecke drängen und immer wieder mit eigenem «Expertenwissen» auftrumpfen wollte, ist irgendwie noch unglaubwürdiger.

Schlimmer geht immer

Doch es geht noch schlimmer: Schawinski hat während des Corona-Lockdown mit seinem täglichen Coronatalk (10-12 Uhr) überhaupt nicht für Klarheit gesorgt. Oft ging ein solcher Corona-Blödsinn über den Sender, dass die Verunsicherung nur noch grösser wurde. Denn Schawinski liess in der Live-Sendung fast jede noch so krude Ansicht durch. Ein bisschen wie das abgesetzte Nachtwach mit Barbara Bührer, nur viel politischer. Roger Schawinski, der Gründer von Radio 24 und Radio 1 ist so von sich überzeugt, dass er meint, seine Argumente würden immer stechen. Der intelligente Zuhörer könne schon zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Doch das stimmt nicht. Schawinskis grösster Fehler war vor Jahren, Roger Köppel jeden Montag in sein «Roger gegen Roger» einzuladen. Dank diesem «Trainingslager» bekam Köppel bessere Eloquenz und eine ideale Plattform, um seine üblen Ansichten zu verbreiten. Dass seit dem Abgang von Köppel Markus Somm im Radio-1-Studio sitzt, macht das Ganze keinen Deut besser. Somm erzählt ähnlich destruktiven Blödsinn einfach eine Oktave höher.

Wo bleibt der Talk-Nachwuchs?

Zeigt Roger Schawinski langsam Abnutzungserscheinungen? Ich meine Ja. Schawinski bringt in seinen Talks immer spürbarer seine eigene Meinung rein und lässt sein Gegenüber immer weniger zu Wort kommen. Am liebsten lässt er eigene Anekdoten aus seinem sicher sehr interessanten Leben Revue passieren. Es wäre also am Besten, er würde abtreten, solange es noch nicht peinlich ist. Denn besser wird der 75-Jährige nicht. Das Problem dabei: Schawinski ist und bleibt immer noch der beste harte Interviewer der Schweiz. Sind Nachfolger in Sicht? Radio-1-intern nicht. Jan Vontobel hat entnervt zu SRF gewechselt. Vorher schon gingen Iwan Santoro und Sandro Brotz.

Und sonst in der Radiolandschaft? Ein Dominic Dillier etwa auf SRF3, eine üble Schnarchtüte. Hannes Hug: viel zu selbstverliebt. Viktor Giaccobbo mit seinem Radio-24-Talk? Völlig belanglos und erschreckend unvorbereitet. Und Yvonne Eisenrings «Wahrheit, Wein und Eisenring: Das ehrlichste Gesprächsformat der Schweiz»? Das ist leider eingeschlafen. Schade. Wo bleibt nur der Talk-Nachwuchs?

Für jüngere Leserinnen und Leser: Roger Schawinski (* 11. Juni 1945 in Zürich) hat den Kassensturz des Schweizer Fernsehens, Radio 24, TeleZüri und Radio 1 gegründet. Von 2003 bis 2006 war er Geschäftsführer von Sat.1. Er hat viele Bücher geschrieben, seine jüngsten Werke sind «Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt» und «Die Schawinski-Methode. Erfolgsrezepte eines Pioniers.»