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Kriminell

Welche Versagen aller Orten beim Skandal um die Uniherzklinik.

Am 30. Juni liess die «Welt am Sonntag» eine Bombe platzen. Unter dem Titel «Ein Gewinn fürs Herz» rollte sie nochmals den Skandal an der Herzklinik des Unispitals Zürich auf. Auf 35’000 A seziert das deutsche Blatt die unglaublichen Zustände in Zürich.

Es ist eine Anhäufung von Skandalen, wie sie die Schweiz bislang nicht gekannt hat. Im Zentrum des Skandals steht der Mediziner Francesco Maisano. Obwohl nicht mal im Besitz eines Doktortitels, wurde er zum Professor und zum Leiter der Zürcher Herzklinik am Unispital gemacht. Dort wandte er seine angeblich revolutionäre Erfindung, das sogenannte Cardioband, an.

Dabei spielte er mit dem Leben seiner Patienten, aus reiner Geldgier offensichtlich. Denn diese fatale Erfindung verkaufte er gewinnbringend an einen US-Multi. Der dann aber die zweite Tranche der vereinbarten Zahlung von insgesamt 690 Millionen Dollar nicht überwies: es hatte sich längst herausgestellt, dass diese Erfindung Pfusch war.

Dennoch konnte Maisano jahrelang unbehelligt wüten, geschützt von der Spitalleitung, während die politisch Oberverantwortliche von nichts wusste, nichts hörte, nichts sah. 150 ungeklärte Todesfälle müssten aufgearbeitet werden, eine ungeheuerliche Zahl.

Der zweite Skandal besteht darin, dass es einen Whistleblower gab, der die Führung des Unispitals «vertraulich, schriftlich und detailliert» über die kriminellen Machenschaften an der Klinik in Kenntnis setzte. Auf 43 Seiten «beschreibt Plass exemplarisch und in medizinisch-analytischer Präzision das Schicksal von Opfern Maisanos, von schwer Geschädigten, von Toten». Einzige Konsequenz: er wurde entlassen. Der Whistleblower, wohlgemerkt.

Cliquenwirtschaft, turmhohe Mortalität, der Chefarzt operiert ins Elend, es werden erfundene Posten verrechnet: «Ein Ermittlungsbericht hält fest, es seien „interdisziplinäre Arztgespräche im Wert von 2,5 Millionen Franken abgerechnet worden, die nie stattgefunden hatten“», schreibt die WamS.

Und dann zitiert sie aus einem bislang nicht veröffentlichten Bericht einer Arbeitsgruppe, die aus 24 Professoren und leitenden Ärzten besteht. Es ist ein Dokument des Grauens. Unter Maisano war die Sterberate massiv gestiegen, «zehn bis fünfzehn mal höher als in vergleichbaren Kliniken in der Schweiz oder in Deutschland».

Und: «Besonders schockierend die Bilanz der Herztransplantationen mit tödlichem Ausgang: von zwölf Prozent 2016 sei sie unter Maisano auf 50 Prozent im ersten Halbjahr 2020 gestiegen

Von einem ganz anderen Kaliber ist der Herzchirurg Paul Vogt, der sich 2020 breitschlagen liess, das Schlamassel aufzuräumen, das Maisano hinterlassen hatte. Gegen den erbitterten Widerstand der Reste seiner Seilschaft und gegen die Unileitung.

Vogt liess sich nicht einschüchtern, auch ihm wurde eine Intrige angehängt, sogar eine Strafanzeige. Sein Freispruch vor dem Bezirksgericht war nicht erster Klasse, er war ein vernichtendes Urteil gegen alle Vorgesetzten und Verantwortlichen. So sagte die Richterin: «„Herr Vogt, Sie haben unter sehr schwierigen Verhältnissen versucht, diese Herzklinik wieder dorthin zu führen, wo sie hingehört.“ Sie hoffe, der Freispruch wirke versöhnlich auf ihn.»

Vogt hatte schon bei seinem Stellenantritt Klartext gesprochen:

«Vogt trug den Klinikchefs vor, es bedrückten ihn all die „Toten und die schweren Komplikationen“. Und dass der Satz „Patienten sind keine zu Schaden gekommen“, mit dem die Leitung der Uniklinik zu Maisanos Zeiten versucht habe, die Öffentlichkeit zu beschwichtigen, „auf keine erdenkliche Art und Weise haltbar ist“. Dieses Statement des USZ sei „schlicht gelogen“. Dann ließ Vogt seinen neuen Arbeitgebern eine Kampfansage zukommen: „Ich werde nicht schweigen zu den Toten.“ »

Das tat er dann erst an diesem Prozess vor wenigen Wochen; dort sprach Vogt in aller Offenheit von rund 150 ungeklärten Todesfällen. Nachdem die Klinikleitung tapfer alles ausgesessen hatte, will sie nun nochmals eine «Taskforce» einsetzen, die im Herbst mit der Arbeit beginnen soll. Ein Hohn, der nächste Skandal.

Denn hier geht es eindeutig um strafbare Handlungen schwerster Art, die Staatsanwaltschaft hätte schon längst tätig werden müssen. Die oberste Verantwortliche für diesen Skandal, die Zürcher Regierungsrätin und Vorsteherin der Gesundheitsdirektion, Natalie Rickli, muss zurücktreten.

Es gibt noch einen letzten Skandal. Obwohl der «Tages-Anzeiger» ein wenig und vor allem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» immer wieder über diesen Skandal berichtet hat, muss eine deutsche Zeitung vorführen, was eine sorgfältige Recherche ist, eine deutsche Zeitung gräbt diesen bislang unter Verschluss gehaltenen Bericht aus, der nochmals bestätigt, dass am Unispital unhaltbare Zustände herrschten.

Was hier auf Kosten von Patienten getrieben wurde, ist kriminell. Das Versagen aller Aufsichtsbehörden, die Maisano sogar noch mit Lobliedern verabschiedeten, ist abstossend. Die Verantwortung der zuständigen Politikerin ist evident.

Ob etwas passieren wird? Bei dem hier immer noch existierenden Zürcher Filz, bei der quallenartigen Geschmeidigkeit der Führungspersonen, bei der ärztlichen Kumpanei, ja nichts Böses über einen Kollegen zu sagen, ist das zu bezweifeln.

Die Reaktion Ricklis, sie verlangte von der WamS «Richtigstellungen», die sie nicht bekam, lässt Übles ahnen.

In all diesem Elend ist besonders beelendend, dass keines der Leitmedien der Schweiz richtig recherchierte, dass all die Angeber in den Recherchedesks und all die «investigativen» Journalisten – auch und gerade bei SRF – sich von deutschen Journalisten vorführen lassen, während sie selbst wohl bedauern, dass seit den «Pandora Papers» keine Hehlerware mehr ausgeschlachtet werden kann.

Hier wäre die sogenannte vierte Gewalt wirklich mal gefordert gewesen. Sie hat genauso kläglich versagt wie die Spitalleitung bis hinauf zu Regierungsrätin Rickli.

Gibt es in Zürich denn auch in der Staatsanwaltschaft niemanden mehr, der angesichts dieser hochkriminellen Machenschaften Handlungsbedarf sieht? Sind inzwischen 150 ungeklärte Todesfälle höchstens ein Antragsdelikt? Ein Kavaliersdelikt?

Das wollen wir nicht hoffen …

 

«Köpft den Boten»-Rickli

Das ist nicht frauenfeindlich. Aber unfreundlich gegenüber der Regierungsrätin.

«Inside Paradeplatz» gebührt, wie bei so vielem, die Ehre, dass der Finanzblog zuvorderst dabei ist, wenn es um die Aufarbeitung des Skandals an der Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich geht.

IP hat aufrüttelnde Beiträge des damaligen Whistleblowers publiziert, der als Erster den Skandal meldete – und zum Dank dafür entlassen wurde. IP hat dem Herzchirurgen Paul Vogt das Wort erteilt, der versuchte, das unglaubliche Schlamassel aufzuräumen – und dafür übel intrigiert und gemobbt wurde. Der reputierte Herzchirurg sah sich im Sperrfeuer von Heckenschützen, die sogar eine Strafanzeige gegen ihn einreichten.

Vor Kurzem wurde er mit Pauken und Trompeten freigesprochen. Er benützte die Gelegenheit, nochmals darauf hinzuweisen, dass es am Unispital zu bis zu 150 ungeklärten Todesfällen kam. Weil sein Vorgänger ein Kardioband ausprobierte, dessen Wirkung mehr als zweifelhaft ist.

Nichtsdestotrotz war Herzchirurg Maisano am Verkauf der Herstellerfirma beteiligt, die für 700 Millionen einem US-Multi aufs Auge gedrückt wurde. Der zahlte allerdings nur 300 Millionen und hielt die zweite Tranche zurück – wegen offensichtlicher Mängel des Produkts.

Also ein veritabler Skandal übelster Art. Die Spitalleitung versuchte krampfhaft, den Deckel draufzuhalten. Die oberste Aufseherin über das Spital ist Natalie Rickli. Vogt hatte alle zuständigen Stellen bereits kurz nach seinem notfallmässigen Antritt als neuer Leiter im Jahr 2020 über diese Häufung von Todesfällen informiert.

«Er würde nicht den Kopf hinhalten für die vielen Verstorbenen in der Zeit seines Vorgesetzten», schreibt IP. Nach dem Prozess, also 2024 (!), hat sich die Spielleitung dazu bequemt, nochmals eine Untersuchung einzuleiten. Vielleicht wird sie endlich klären, wann Gesundheitsministerin und Regierungsrätin Rickli über den Skandal im Bild war. Auf jeden Fall schickte ihr Vogt im März 2022 ein langes Mail mit vielen Informationen und dass bei bestimmten chirurgischen Eingriffen unter Maisano die Mortalitätsrate auf 13 Prozent hochgeschnellt war, jenseits von Gut und Böse.

Aber:

«Auf einen Online-Bericht zum Prozess und den dort von Vogt geäusserten 150 Toten meinte ein Sprecher von Ricklis Gesundheitsdirektion:
Es würde sich um „alte Geschichten“ handeln, die der Tages-Anzeiger „immer wieder aufwärmt und die allesamt erledigt“ seien.»

So weit, so schlecht. Wird Rickli nun endlich aktiv? Oh ja. Sie verklagt «Inside Paradeplatz». Der solle seinen Bericht löschen, widrigenfalls 10’000 Franken Genugtuung spenden. Dafür hat sich Rickli der Dienste der einschlägig bekannten umtriebigen «Medienanwältin» Rena Zulauf versichert. Die hat bereits mit recht durchwachsenem Erfolg Jolanda Spiess-Hegglin (in einem Punkt gewonnen, alles andere verloren) oder Patrizia Laeri (an zwei Gerichten gleichzeitig in der gleichen Sache geklagt) vertreten.

IP wirft zudem noch die Frage auf, wieso eigentlich weder Spital noch Uni am exorbitanten Verkaufserlös des Cardiobands beteiligt wurden, wie das üblich ist. Die Institutionen behaupten, «dass sie keinen Anteil an der Erfindung und Entwicklung des Cardiobands von Maisano bis zu dessen lukrativen Verlauf gehabt hätten».

Dem stellt Lukas Hässig eine Aussage des damaligen CEO des Unispitals entgegen, der verkündete im Jahr 2016: „Am USZ entwickelt wurde beispielweise auch das Cardioband.

Während also Hässig am Ball bleibt und das macht, was die Mainstreammedien grösstenteils verschnarchen – nämlich immer wieder auf einen längst nicht aufgearbeiteten Skandal hinzuweisen, hat Regierungsrätin Rickli, statt sich endlich um ihre eigentliche Aufsichtspflicht zu kümmern, nichts Besseres zu tun, als IP einzuklagen.

Und wer berichtet über diesen Skandal im Skandal? Tamedia? Ach was, anderes zu tun, Stichwort Frauenstreik, Stichwort Pride. CH Media? Nö, kä Luscht. Immerhin die NZZ moniert: «Es ist ein Vorgehen, das den gewohnten Rahmen sprengt. Eine Regierungsrätin ergreift rechtliche Schritte gegen einen Journalisten

Auch wenn Hässig bei einem Datum ein Fehler unterlaufen ist: angesichts dieser ungeheuerlichen Vorwürfe gegen das Unispital wegen einer angeblichen «Persönlichkeitsverletzung» der Regierungsrätin mit Steuergeldern (Zulauf ist teuer) auf  den One-man-Blog vorzugehen, das ist jämmerlich.

 

«Republik» zusperren, Part I

Der Skandal um die Maisano-Reportage ist der letzte Zwick an der Geissel.

Als der Herzchirurg Paul Vogt vor ZACKBUM-Redaktor René Zeyer sass und in ruhigem Ton Ungeheuerliches über das Unispital Zürich erzählte – aber um Vertraulichkeit bat –, blieb selbst dem abgebrühten Journalisten die Spucke weg.

Vogt war gerade notfallmässig als Chef an die Herzchirurgie berufen worden und fand dort skandalöse Zustände vor. Rund 150 Patienten waren unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen, sein Vorgänger Francesco Maisano – der aber nicht einmal einen richtigen Doktortitel besitzt – habe an Patienten eine eigene Erfindung, ein Cardioband ausprobiert. Das funktionierte nicht, aber er brauchte Erfolgsmeldungen, um den Hersteller, an dem er beteiligt war, profitabel an ein US-Unternehmen zu verkaufen.

Das gelang und sollte 340 Millionen Franken in die Taschen spülen. Intern beklagte Vogt «kriminelle Taten» und drohte damit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Maisano wurde entsorgt – offiziell mit Dank verabschiedet –, und der wohl grösste Skandal des an Skandalen nicht armen Unispitals nahm seinen Lauf.

Denn Maisano hatte Seilschaften und Unterstützer höheren Orts, die mit ihm einig waren, dass man diesen Skandal unbedingt unter dem Deckel halten sollte. Es begann ein Intrigen- und Drecksspiel; der Whistleblower, der die unglaublichen Zustände der Spielleitung gemeldet hatte, wurde gefeuert, gegen ihn und Vogt wurden falsche Anschuldigungen erhoben und in die Medien gestreut.

Auch die «Weltwoche» spielte dabei eine klägliche Rolle, aber am schlimmsten war die «Republik». Das Organ der arroganten, bösartigen Gutmenschen liess sich wie journalistische Kindergärtner einseifen und veröffentlichte unter voller Namensnennung einen Schmierenartikel gegen den Whistleblower, der für immer in den Schrein widerlicher journalistischer Fehlleistungen gehört.

«Zürcher Herzkrise»: Der Whistleblower war ein «massgeblicher Akteur des Konflikts»», so dröhnte das Organ der Besserwisser unter voller Namensnennung:

Das war aber nur ein «Update», zuvor hatte das Schmierenblatt eine ganze Trilogie auf die «Zürcher Herzkrise» gegossen; insgesamt über 134’000 A Halbgares und Halbwahres und Angefüttertes. Dafür wurde die «Republik» dann unter anderem vom Presserat gerügt und musste knirschend eine Gegendarstellung des «Tages-Anzeigers» abdrucken – eine der Keimzellen einer späteren Racheserie gegen Tamedia.

«Die Medien spielen dabei eine unrühmliche Rolle», behaupten die drei «Rechercheure» Philipp Albrecht, Dennis Bühler und Brigitte Hürlimann, meinen damit aber natürlich nicht sich selbst. Statt zu recherchieren, liessen sie sich von «besorgten USZ-Angestellten» aufs Glatteis führen und übernahmen deren anonyme Anschuldigungen gegen den Whistleblower. Dass der am Schluss von allen Vorwürfen freigesprochen wurde, was soll’s, damit lässt sich doch die «Republik» keine schöne Skandalstory kaputtmachen. Schliesslich zitieren sie eine ganze Latte von Vorwürfen genüsslich, um dem Whistleblower dann Gelegenheit zu geben, sie «als haltlos, absolut falsch, fakten­widrig und durch nichts belegt» zu bezeichnen. Das ist doch objektiver Journalismus.

In diesem Schwarzweissjournalismus muss es einen Guten geben, das ist der «Klinikdirektor Maisano»; ihm gegenüber habe sich das Unispital als «illoyale Arbeit­geberin» erwiesen. Das Gegenteil ist knapp richtig; die Spitalleitung tat alles, um möglichst den Deckel auf dem Skandal zu halten.

Der wirkliche Held in dieser Geschichte war und ist ein anderer. Man sollte zu Vogt vielleicht noch wissen, dass er als Gründer der Eurasia Heart Foundation seit vielen Jahren ehrenamtlich in Osteuropa, Asien und Afrika Herzoperationen durchführt. Dass er zu den kompetentesten und unerschrockenen Kritikern der  Pandemie-Bekämpfung in Europa gehört. Durch politisch-ideologisch begründetes Ignorieren medizinischer Fakten sei Europa zum weltweiten Pandemie-Zentrum geworden, kritisierte er schon 2020.

Nun hat der renommierte Herzchirurg Vogt den Prozess gegen sich selbst (Auswirkung einer weiteren haltlosen Anschuldigung in diesem Intrigensumpf zum Schutz Maisanos und seiner Vorgesetzten) benützt, um öffentlich schonungslos mit den damaligen Zuständen abzurechnen. Der Prozess endete letzten Freitag, wie der gegen den Whistleblower, mit Freispruch auf ganzer Linie. Mehr noch; die Richterin sagte in aller Klarheit, dass Vogt Unrecht zugefügt worden sei, « eine «politische Intrige» seiner Gegner könne nicht ausgeschlossen werden.

Das ist vornehmes Juristendeutsch für: die Staatsanwaltschaft musste zwar von Amts wegen eine Untersuchung aufnehmen, aber das Ganze stinkt zum Himmel und sollte einzig den tadellosen Ruf von Vogt beschmutzen.

Auf den mit Nachbeben über 150’000 A in der «Republik» steht kein Wort über die eigentlichen Hintergründe dieses Skandals, auch bis heute kein Wort zu diesem Urteil oder der Rede Vogts. Irrer berichtete nur Konservendosen-«Blick». Der vermeldete zwar den Freispruch für einen «Ex-Herzchirurgen», auf den eigentlichen Skandal und die Rede Vogts ging das Dünnblatt aber mit keinem Wort ein. Vielleicht ein neues Tätigkeitsgebiet für «Republik»-Journis.

Der Skandal reicht hinauf bis zur Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. Involviert sind der mit goldenem Fallschirm abgesprungene  CEO des Unispitals Gregor Zünd, dazu der damalige Spitalratspräsident Martin Waser*, plus Marianne Moser. Der typisch Zürcher Filz halt. Zünd lag schon im September 2020 ein streng vertraulicher Untersuchungsbericht der Kanzlei Walder Wyss vor (das die Recherchiergenies der «Republik» nicht auftreiben konnten oder wollten).

Dort steht eine nur leicht verklausulierte Bombe: «… unvollständige Dokumentation des Operationsergebnisses» könne «... eine erhöhte Gefährdung (z.B. mit Blick auf einen etwaigen Folgeeingriff) bewirken».

Denn das wahre Problem, dass den Flaschen der «Republik» völlig entgangen war, bestand darin: dieses Cardioband funktionierte nicht richtig, es löst sich gelegentlich in seine Bestandteile auf, es gefährdete sogar Patienten. Aber das hätte die Verkaufsverhandlungen gefährdet, also mussten stattdessen Triumphmeldungen her.

So gelang es, die Herstellerfirma mit Maisanos Beteiligung für sagenhafte 350 Millionen Dollar an den US-Multi Edwards zu verkaufen. Die Verkäufer fantasierten von Jahresumsätzen von über 650 Millionen Dollar. Aber in Wirklichkeit, wie Gerichtsakten erweisen, lag der Umsatz bei höchstens knapp 5 Millionen, worauf sich Edwards weigerte, die zweite Zahlungstranche auszulösen. Das Gericht gab dem Multi recht, das Herzband ist ein Flop.

Vogt beklagt unwidersprochen, dass es vor seinem notfallmässigen Eingreifen am Unispital zu «kriminellen Handlungen» kam und 150 Patienten unter dubiosen Umständen verstarben. So schreibt «Inside Paradeplatz»: «Er machte klar: Patienten seien in der Herzchirurgie zu Schaden gekommen, alles andere sei „schlicht gelogen“.» Dass die Übersterblichkeit signifikant höher als in vergleichbaren Spitälern lag, ist unbestritten.

Aber ansonsten wollen alle Beteiligten am liebsten nur eins: Schwamm drüber, Ruhe, vorbei. Was sagt das Unispital zu «Inside Paradeplatz», der damals, gefolgt vom Tagi, den Skandal publik machte? «Wir haben die hinter dem genannten Urteil stehenden Sachverhalte analysiert und sehen von Seiten USZ keinen weiteren Handlungsbedarf.»

Was sagt der Sprecher von Rickli zum «Tages-Anzeiger»? «Wenn Sie den Artikel genau lesen, dann stellen Sie fest, dass es sich um alte Geschichten handelt, die der Tages-Anzeiger immer wieder aufwärmt und die allesamt erledigt sind.»

Aufgewärmte, alte Geschichten, dass an einem Zürcher Spital 150 Patienten unter dubiosen Umständen starben, dass an einigen von ihnen ein nicht erprobtes und fehlerhaft funktionierendes Cardioband ausprobiert wurde, dessen Schrauben rausflogen und das unzählige Notnachoperationen nötig machte?

Dass sich alle Verantwortlichen klammheimlich davonschleichen wollen und nicht mit dem Mut des Herzchirurgen Vogt rechnen, wohlan. Aber dass die «Republik» nicht einmal hier die Grösse hat, auf ihre damalige Fehlleistung hinzuweisen, das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

Wäre es der einzige «Republik»-Skandal, wäre er einfach peinlich. Aber er ist (nicht der letzte) Höhepunkt in einer ganzen Reihe von Skandalen, von angeblichen Primeurs, Aufdeckungsstorys, Anklagen, Behauptungsartikeln, die etwas von Anfang an gemein hatten: die kamen grosstönend und grossspurig daher, behaupteten Ungeheuerliches – sprangen als Löwen des kompetenten Recherchierjournalismus hoch – und landeten als räudige Bettvorleger.

ZACKBUM veröffentlicht im Folgeartikel einen unvollständigen Auszug aus dieser Liste der Schande.

Zusammen mit dem Maisano-Skandal der «Republik» reicht es nun zur Forderung: sperrt das Blatt endlich zu; finanziell pleite (also korrekter überschuldet und nur durch Forderungsverzicht vor dem Gang zum Konkursrichter bewahrt) ist es sowieso schon. Nun ist es auch noch moralisch-ethisch bankrott. Worauf also warten?

*Nach Leserhinweis korrigiert.

 

 

Corona sei Dank

Am Unispital Zürich geht es zu und her wie in einer Metzgerei. Skandal nach Skandal. Segelt aber unter «ferner liefen».

Es gibt die (wenigen) Guten in diesem unglaublichen Skandal. In erster Linie ist das Professor Paul Vogt. Als es Anfang dieses Jahres nicht gelang, anschwellendes Gemurmel bezüglich der Herzklinik des Uni-Spitals und ihres damaligen Leiters unter dem Deckel zu halten, liess sich die Spitalleitung mühsam zu einer externen Untersuchung tragen.

Als dann verdienstvollerweise der «Tages-Anzeiger» und «Inside Paradeplatz» immer tollere Stücke aus diesem Tollhaus veröffentlichten, sah sich die Spitalleitung gezwungen, ihren bis dahin hochgelobten Herzchirurgen, weltbekannten Experten, hochangesehenen Professor Dr. Francesco Maisano, zu beurlauben. Nur für die Zeit der Untersuchung, die dann, Überraschung, ein paar kleine Fehler fand, aber eigentlich nichts Gravierendes.

Was einer alleine alles ausrichten kann

Aber während die Spitalleitung bis hinauf ins Kontrollgremium Spitalrat meinte, in Vogt einen stillen Verwalter in Notzeiten gefunden zu haben, täuschte sie sich schwer. Denn der stiess innert kürzester Zeit auf einen ganzen Berg von Schweinereien. Was Operationen, den Einsatz eines nutzlosen Ersatzteils, das aber von einer Firma hergestellt wird, an der Maisano beteiligt war, aber auch, was finanzielle Ungereimtheiten betrifft.

Was die Spitalleitung falsch eingeschätzt hatte: Vogt ist nicht nur völlig unabhängig, er ist auch ein Arzt, dem es nicht in erster Linie um das Wohl seines Portemonnaies geht, sondern um das der Patienten. Also setzte er die Spitalleitung so lange unter Druck, bis die die Beurlaubung Maisanos auf unbestimmte Zeit verlängerte.

Was den aber nicht daran hinderte, unter Ausnützung seiner Seilschaften an der Klinik, weiterhin sein Büro und die Infrastruktur zu benützen. Schliesslich räumt Vogt weiter auf; es gibt einen Exodus von rund 10 Maisano-Anhängern, der ehemalige Klinikdirektor wird dann fristlos gefeuert und es wird Strafanzeige wegen Urkundenfälschung gegen ihn eingereicht. Es besteht der Verdacht, dass Maisano Patientenakten manipuliert haben soll.

Ein völlig überforderter Spitalratspräsident

Dass der Whistleblower, der den ganzen Fall ins Rollen brachte, zuerst entlassen wurde, dann wieder eingestellt, dann nochmals entlassen, das ist nur eine Groteske am Rande. Nachdem sich der völlig überforderte Spitalratspräsident Martin Waser zunächst mit dem üblichen «es wurden Fehler gemacht» aus der Verantwortung stehlen wollte, muss er unter zunehmendem Druck zurücktreten.

Scherbenhaufen neben Scherbenhaufen; auch andere Klinikdirektoren sollen sich unrechtmässig bereichert haben, wurden entweder stillschweigend entsorgt oder zum Rücktritt getragen. Der Fall Maisano ist noch längst nicht abgeschlossen. Neben möglichen Operationsfehlern mit tödlichen Folgen, was zu unabsehbaren Haftungsfolgen führen wird, ist es auch nur dem Insistieren des Sohnes einer in der Herzklinik verstorbenen Patientin zu verdanken, dass sich an ihrer horrenden Rechnung bestätigte, was vorher schon vermutet wurde.

Krankenkasse zahlt, also kann abgezockt werden

Dass es zum guten Brauch, nicht nur an der Herzklinik, gehört, dass Ärzte sich für Operationen einschreiben, die sie gar nicht selbst durchführen. Dass sie an Besprechungen teilnehmen, die dann vierstellig in Rechnung gestellt werden, obwohl sie nicht gleichzeitig an vier oder mehr Meetings teilnehmen könnten oder sicher nicht sieben Stunden eines Arbeitstags damit verbrachten.

Das alles führte im Fall dieser betagten Patientin, über die noch beratschlagt wurde, als sie bereits im Koma lag, zu einer Gesamtrechnung von fast 200’000 Franken. Inklusive Eingriffen, Operationen, die von Fachleuten als völlig überflüssig taxiert werden. Aber das Problem ist: Krankenkasse zahlt, Kanton St. Gallen als Überweiser zahlt, dem Sohn blieb ein Selbstbehalt von lediglich 100 Franken.

Deswegen macht normalerweise niemand ein Büro auf, aber hier ging es einmal einem Unternehmer ums Prinzip. Alleine schon, um Einsicht in die detaillierte Rechnung zu bekommen, musste er einen Regierungsratsentscheid aufbieten; das Spital weigerte sich.

Ein Riesenskandal auf kleiner Flamme gekocht

Alles in allem ein Riesenskandal. Ein völlig unfähiges Kontrollgremium, das wie viele solcher staatlich dominierter Aufsichtsräte nicht nach Kompetenz, sondern nach Parteibuch und Seilschaften besetzt wird. So kam ein Waser, ehemaliger Lehrer und Stadtrat für Schulen, zu diesem Amt, da man noch ein Abklingbecken bis zur Pensionierung für ihn brauchte – mit einem netten jährlichen Salär.

Bislang im Amt halten konnte sich der Spitaldirektor Gregor Zünd. Er laviert geschickt damit, dass die unmögliche Struktur des Spitals – eine Kreuzung zwischen Uni Zürich und Kanton Zürich, ihm gar nicht die Möglichkeit gäbe, richtig durchzugreifen. Dann noch die Leier von bedauerlichen Einzelfällen, durchaus Handlungsbedarf, aber das sei oberhalb seiner Gehaltsklasse.

Maisano fuhr gewaltige Geschütze auf

Maisano zeigte zusätzlich, was man heutzutage alles auffahren kann, wenn man genügend Geld aufwirft. Er liess sich ein ihn völlig entlastendes Gutachten erstellen, mit dem er sich als unschuldiges Opfer darstellen konnte. Er motivierte die «Weltwoche» dazu, eine mehrteilige Kampagne gegen seinen Nachfolger und für Maisano zu fahren, der hier auch als Opfer finsterer Machenschaften verteidigt wurde.

Bis immer mehr Ungereimtheiten zum Vorschein kamen und die WeWo abrupt in ihrem Kreuzzug pro Maisano stoppte und verstummte. Ebenso wie die Solidaritätsadressen versiegten; nur das Kantonsspital St. Gallen war so blöd, sich stramm hinter Maisano zu stellen.

Anhaltend kranke Zustände am Spital

Also alles in allem ein anhaltender Skandal. Das wichtigste Spital des Kantons Zürich ausser Kontrolle. Versagen auf allen Ebenen. Gefährdung des Patientenwohls, Ärzte als gierige Beutelschneider zum Wohl der eigenen Geldbörse. Unfähige Aufsicht, unfähiger CEO, und was passiert? Ein paar Rücktritte, ein paar übliche Ankündigungen – und die berechtigte Hoffnung, dass man das aussitzen kann.

Corona sei Dank. Denn wenn das Unispital in den Medien auftaucht, dann als Mitsänger im Chor, dass dringend die Fallzahlen gesenkt werden müssten, man sei wieder an der Kapazitätsgrenze, schon erste Operationen mussten verschoben werden.

Missmanagement, über Jahre hinweg geduldet, offener Betrug auf Kosten der Krankenkassen und des Steuerzahlers? Jahrelang geduldet. Versagen aller Kontrollinstanzen und der Spitalleitung? Jahrelang geduldet. Abhilfe in Sicht? Nicht mal am Horizont. Corona sei Dank.

Praktisch keine Eigenleistung der Medien

Und den Medien, die auch hier weitgehend ihre Funktion als vierte Gewalt eingebüsst haben. So aufsehenerregend auch die Enthüllungen im Tagi und auf «Inside Paradeplatz» waren: Das war alles angefüttert, zugehalten. Keine Eigenleistung. Ausser vielleicht, sich juristisch abzusichern.

Genauso machte es Maisano auf der anderen Seite. Er beschäftigte sogar eine der üblichen, sackteuren und völlig ineffizienten Agenturen, die zunächst eine Riesenstrategie entwickeln, einen nicht minder riesigen Vorschuss kassieren, um dann kläglich zu versagen. Und die übrigen Medien machten das, was sie inzwischen am besten können: copy/paste.

Schlacht mit Herzblut, Teil 3

Wie Maisanos Triumphzug vor dem Ziel scheitert.

Die ersten zwei Teile finden Sie hier und hier.

Nach seiner Gegenoffensive in der Öffentlichkeit sah sich Prof. Maisano schon wieder in Amt und Würden. Aber das täuschte.

6. Akt: Statt Triumph die bittere Niederlage

Das hätte man rechtzeitig noch am Freitag, den 31. Juli, herauspusten können. Dann kam der 1. August, dann der Sonntag, und am Montag würde ein glücklicher Maisano sich vor seiner Klinik ablichten lassen, ein kurzes Statement abgeben, wie froh er sei, dass er sich nun wieder um das Wohl der Patienten kümmern könne, und Entschuldigung, die Pflicht ruft.

Aber auch diese Träume zerplatzten wie eine Seifenblase. Denn stattdessen teilte das USZ am Freitag vor dem 1. August mit, dass Maisano nicht länger beurlaubt sei, sondern seines Amtes enthoben. Es hätten sich neue Verdachtsmomente ergeben, dass er seinen Zugang zu internen Datenträgern für Manipulationen missbraucht habe. Deshalb sei ihm per sofort Zugang und Zutritt verwehrt.

Statt Rückkehr aus dem Zwangsurlaub Amtsenthebung

Mörgeli dürfte nicht wirklich in Feierlaune geraten sein, Maisano ebenso wenig. Statt fröhlich mit Schweizerfähnchen zu winken, standen da zwei wie begossene Pudel da. Aber war das nun das Ende, das Aus für Maisano? Wurde hinter den Kulissen bereits über die Modalitäten seines Abgangs gefeilscht?

Offenbar nicht wirklich, denn Maisano scheint Nehmerqualitäten zu haben. Also legte die Spitalleitung noch ein Scheit drauf und liess durchsickern, dass sie nun auch Strafanzeige gegen Maisano eingereicht habe. Und um dem Stück für Stück demontierten Herzchirurgen zu zeigen, was alles noch auf ihn zukommen könnte, sollte er sich weiterhin nicht einfach vom Acker machen, feuerte wiederum auf «Inside Paradeplatz» Lukas Hässig eine weitere Salve auf ihn ab.

Und zwar mit dem grösseren Maschinengewehr. Maisanos Helfer, seine Firmenkonstrukte mit Namen und Sitz, wer da für ihn den Verwaltungsrat bestückt, selbst die «Phalanx seiner Gegner» zählt Hässig namentlich auf. Um als Schlusspointe auf mögliches zusätzliches Ungemach für Maisano hinzuweisen, für den aber natürlich die Unschuldsvermutung gelte. Immerhin eine kleine Verbeugung Richtung NKF.

Ein wohlgezielter Blattschuss

Dieser Blattschuss verdient besondere Analyse. Zweifellos ist auch in diesem Fall ein Journalist von interessierten Kreisen mit Munition versorgt worden. Und zwar gleich palettenweise. So etwas würde man in gehobenen Ärztekreisen wohl als consilium abeundi bezeichnen. Oder auf gut Deutsch: Verpiss dich. Sonst können wir dann noch ganz anders.

Aber wer sind diese interessierten Kreise? Ein dialektischer Kniff des Maisano-Lagers, um antizipativ Vorwürfe aufzublättern und ihnen so die Wirkung zu nehmen? Unwahrscheinlich, zudem fallen Farner und NKF zwar durch ihre stattlichen Honorare auf, aber nicht unbedingt durch Köpfchen und Cleverness.

Der Whistleblower? Auch eher unwahrscheinlich, der hat seine Beschwerde deponiert, ist wieder rehabilitiert und will sich keinen neuen Ärger einhandeln. Der interimistische Leiter der Herzklinik? Auch sehr unwahrscheinlich. Er hat von Anfang an klar gemacht, dass es sich nur um ein begrenztes Mandat handelt, und wieso sollte er seine eigene Position gefährden, wenn er so aus dem Nähkästchen plaudert?

Damit bleibt im logischen Ausschlussverfahren nur noch eine Quelle übrig. Und die dürfte sich im Umfeld der Spitalleitung lokalisieren lassen. Denn der Kreis der Wissensträger von all dem, was Hässig aufgefahren hat, ist überschaubar.

Wohl von höchster Stelle abgenickt

Aber damit wäre die logische Deduktion noch nicht zu Ende. Angesichts der kritischen Lage, des öffentlichen Rüffels durch die oberste Vorgesetzte und angesichts der Tatsache, dass sich weder der Spitalrat noch die Spitalleitung in der ganzen Affäre mit Ruhm und Ehre bekleckert haben, liegt auf der Hand: zu diesem Schritt, dem Anfüttern, hat man sich nur in Rücksprache mit weiter oben getraut.

Da dürfte der übliche Tanz stattgefunden haben, um das herzustellen, was der Politiker «plausible deniability» nennt. Sollte es ein Rohrkrepierer werden, dann hat er nichts davon gewusst und hätte auch niemals seine Einwilligung gegeben.

7. Akt: Preisverleihung an herausragende Mitspieler

Ist das so, dann kann man amtlich festhalten: Natalie Rickli musste in ihrem ersten Regierungsamt schon mit der Pandemie einigermassen fertigwerden. Und dann auch noch mit diesem potenziell sogar ihren Stuhl gefährdenden Skandal am USZ. Womit wir zur Preisverleihung an die wichtigsten Protagonisten dieses unglaublichen Theaters kämen.

Immer unter der Voraussetzung, dass diese logische Schlussfolgerung stimmt, gebührt der Regierungsrätin der erste Platz. Mit Auszeichnung, denn schliesslich ist das das erste Mal, dass Rickli ein Exekutivamt ausübt, und erst noch eines, das ständig im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht.

Der zweite Platz geht ex aequo an den Whistleblower und an Prof. Vogt. Beide haben ihr Ding bislang durchgezogen. Ruhig, besonnen, ohne ständigen Wirbel in den Medien. Beide haben ihre Ziele erreicht. Maisano ist weg und kommt nicht wieder, nun muss das grosse Aufräumen und Reinemachen noch gelingen.

Sonst gibt es nur Verlierer

Damit wären die einzigen Sieger benannt. Ein Mittelfeld gibt es nicht, nur noch Verlierer. In absteigender Bedeutung wären das der Spitalrat und die Spitalleitung. Hier wird es anschliessend zum Hauen und Stechen kommen. Wer feuert wen, wer wird gefeuert? Eigentlich ist die Hierarchie klar: Der Spitalrat kann die Geschäftsleitung des Spitals feuern, umgekehrt geht nicht. Aber auch hier wird Regierungsrätin Rickli das letzte Wort haben.

Die nächsten Verlierer sind Farner Consulting und NKF. Alle ihre teuer bezahlten Bemühungen, die öffentliche Meinung auf die Seite von Maisano zu bugsieren, sind krachend gescheitert. Solidaritätsadressen, ein wilder Ritt von Mörgeli, das Ausplaudern des Namens des Whistleblowers, eine vorsichtige Wende bei der NZZ von schweren Vorwürfen zu heikler Vorverurteilung, die gut einstudierten und wenigen öffentlichen Auftritte von Maisano: alles für die Katz, rausgeschmissenes Geld.

Was treibt Maisano an?

Der grösste aller Verlierer ist natürlich Prof. Maisano selbst. Was ihn wohl dazu bewogen hat, angesichts des Umfangs und der Dimension der Vorwürfe gegen ihn, diesen aussichtslosen Kampf zu wagen? Hybris, ein Halbgott in Weiss, ein sich als internationale Koryphäe unantastbar glaubender Chirurg? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist das das Ende seiner Karriere. Und der mögliche Tiefpunkt ist noch gar nicht erreicht.

Sollte eine der Strafanzeigen zu einer Verurteilung führen, ist er seine Approbation los und kann höchstens noch als Berater seine Brötchen verdienen. Wenn ihn nach diesem Skandal überhaupt noch jemand will.

Völlig unbekannt ist, welche Auswirkungen Maisanos Fall für die mit ihm verbandelten Firmen und Mitarbeiter hat. Genauso unbekannt wie die Reaktion des US-Medizinriesen, der seinen Aktionären erklären muss, wieso es eine gute Idee gewesen sein soll, 700 Millionen Dollar für eine inzwischen praktisch wertlose Firma auf den Tisch zu legen. Wie es bei Amis Brauch ist, könnte sich hier noch ein längeres juristisches Fingerhakeln entwickeln. Grundlagenirrtum, Täuschung, Unwirksamkeit des Kaufvertrags, Kohle zurück.

Schadensbilanz ist noch ausstehend

Aber vielleicht auch nicht, denn es ist nicht anzunehmen, dass Maisano oder einer der anderen Beteiligten mal schnell 700 Millionen Dollar auftreiben könnte.

8. Akt: Strafanzeigen hüben und drüben

Wenn nicht noch im wahrsten Sinne des Wortes Leichen in Maisanos Keller auftauchen, dann bleibt von diesem Skandal, dass wirklich mit fast allen Mitteln und Tricks gearbeitet wurde, um die heutzutage entscheidend wichtige öffentliche Meinung zu gewinnen. Beziehungsweise Journalisten hüben und drüben zu instrumentalisieren, indem man ihnen die Gegenpartei schädigende Informationen zusteckte.

Offener Schlagabtausch

Inzwischen ist es zum offenen Schlagabtausch ausgeartet. Das Unispital deckt Maisano mit einer Strafanzeige ein, sozusagen als Retourkutsche bekommt der Whistleblower auch eine übergebraten. Das vermeldet Medinside. Diese «Online-Plattform für die Gesundheitsbranche», ein Projekt des IT-Spezialisten Christian Fehrlin, fiel schon mehrfach mit mehr als parteiischen Artikeln im Sinne Maisanos auf.

So berichtet es nicht nur als erstes Organ über diese Strafanzeige und schwärzt die berufliche Qualifikation des Whistleblowers kräftig an. Auch in diesem neusten Bericht behauptet Medinside nicht ganz faktengetreu, es habe sich bislang «weder ein strafbares Verhalten noch sonst eine substanzielle Verfehlung des Klinikdirektors Maisano» herausgestellt.

Tröstlich mag für die Öffentlichkeit sein, dass sich wieder einmal bewahrheitet hat, dass der Rudolf Farner, dem Gründer der Agentur zugeschriebene Satz falsch ist. Farner soll sinngemäss gesagt haben, dass er mit Hilfe einer Million auch einen Kartoffelsack zum Bundesrat machen könne. Obwohl es vielleicht unentdeckte Versuche gab, wenn man sich das Personal im Bundesrat der letzten Jahrzehnte vor Augen führt: Ein Kartoffelsack war aber nie dabei.

Fortsetzung folgt sicherlich.

Schlacht mit Herzblut

Der mediale Krieg an der Herzklinik Zürich.

Es tobt ein epischer Kampf am Unispital Zürich. Da müssen ganze Sumpfgebiete trocken gelegt werden. Zum Einsatz kommen auch alle Mittel und Tricks, die die moderne Bearbeitung der öffentlichen Meinung auf Lager hat.

Eine Analyse in drei Teilen.

Teil eins

Sehr selten werden in der Schweiz Auseinandersetzungen mit allen medialen Mitteln ausgetragen. Die Posse um den seines Amtes enthobenen Leiter der Herzklinik des Unispitals Zürich (USZ) sollte als Lehrstück dienen, wie man mit allen Tricks und Untergriffen arbeitet. Vorhang auf für den ersten Akt.

 

  1. Akt: Die Eröffnung der Kampfhandlungen

Den Erstschlag führten die Gegner von Prof. Francesco Maisano. Am 22. Mai titelte Tamedia: «Skandal um Zürcher Klinikchef» (Artikel hinter Bezahlschranke). Früher mal entstanden solche Enthüllungen durch mühsame Recherche, dem Zusammensetzen von Puzzleteilen, dem Abklappern von möglichen Quellen.

Modern wird angefüttert. Ein möglichst öffentlichkeitswirksames Organ bekommt das Angebot, dass man einen kleinen Giftschrank voll mit belastendem Material habe. Ob Interesse bestünde. Es bestand.

Also erfuhr die Öffentlichkeit, dass es bei der Tätigkeit des Leiters der Herzklinik diverse Ungereimtheiten gebe. Unter anderem die Verwendung eines sogenannten Cardiobandes bei Operationen, das eine Firma entwickelte, an der der Professor beteiligt sei. Dazu Lobesartikel in Fachzeitschriften, bei denen Komplikationen und die persönliche Interessenslage verschwiegen wurden.

Die Spitalleitung stellt sich hinter den Professor

Dicke Post. Der Leitung des Unispitals waren diese Vorwürfe offenbar schon im Dezember 2019 von einem Mitarbeiter der Herzklinik zur Kenntnis gebracht worden, einem Whistleblower. Nun rückte die Leitung damit heraus, dass es aufgrund dieser Informationen durch eine externe Anwaltskanzlei eine interne Untersuchung gegeben habe.

Die habe aber keinerlei Ergebnisse gezeitigt, die grundsätzlich am Professor zweifeln lassen würden. Die Spitalleitung stehe hinter «dem hervorragenden, international anerkannten Chirurgen», liess sie sich bei Tamedia zitieren.

 

  1. Akt: Die Heere beziehen Position

Die Schlacht war eröffnet, das Schlachtfeld überzog sich mit dem Nebel der Kampfhandlungen. Natürlich mussten andere Medien nachziehen, Politiker schoben sich ins Rampenlicht mit markigen Forderungen, Rücktritt, schonungslose Aufklärung. Das Übliche.

Die Medien legten nach, «Klinikdirektor führte Behörde in die Irre», nahm die «SonntagsZeitung» den Ball auf. Die Spitalleitung sah sich unter Druck und knickte ein. Verfahren eingeleitet, und nach nur drei Tagen: Maisano beurlaubt. «Klinikdirektor verlässt das Universitätsspital nach schweren Vorwürfen», titelte die NZZ, bezogen auf den Chef der Gynäkologie. Aber die Beurlaubung bedeutete nicht, dass Maisano nicht weiterhin sein Büro und die Infrastruktur der Klinik benutzte.

Spitalrat als Abklingbecken

Der Präsident des Spitalrats sah sich genötigt, ein Interview zu geben. Dazu muss man wissen, dass er wie die meisten Mitglieder dieses Aufsichtsorgans kein Mediziner ist. Der ehemalige Stadtrat und Reallehrer Martin Waser kam zu diesem Posten im üblichen Parteienschacher, wo man sich gegenseitig zugesteht, altgediente Parteisoldaten bis zur Pensionierung ein warmes Plätzchen in einem Abklingbecken zuzuhalten.

Wer rechnet denn schon damit, dass der Spitalrat eine echte Krise durchstehen muss. Schon recht früh legte der muntere Finanzblog «Inside Paradeplatz» mit einer Breitseite nach. Obwohl Medizin sonst nicht zu den Kernkompetenzen gehört, liess Lukas Hässig die nächste Granate explodieren; das Ganze sei eine riesige Vertuschungsaktion .

 

  1. Akt: Man geht zum Nahkampf Mann gegen Mann über

Zum ersten Mal kommen Namen zum Vorschein. Von Maisanos Helfern, von Firmenkonstrukten. Und natürlich von ValTech. Von Maisano mitgegründet, ist sie der Hersteller dieses Cardiobandes, dessen Loblied Maisano unermüdlich sang. Worauf ValTech von einem US-Riesen für 700 Millionen Dollar geschluckt wurde. Wobei sich der Kaufpreis offensichtlich auf diese Erfindung abstützte.

Ins öffentliche Sperrfeuer geraten, reagierte die Spitalleitung hysterisch – und entliess den Whistleblower. Nun war die Verwirrung perfekt. Ist der Professor Opfer einer Hetzjagd, betrieben von Tamedia? Ist er so gut wie weg vom Fenster an der Herzklinik? Oder doch nicht, schliesslich ist er nur beurlaubt, sein Kritiker aber gefeuert.

Die oberste Chefin greift ein

Die Kacke war, wie man so schön sagt, richtig am Dampfen, zumindest in Zürich verdrängte das Thema sogar die Berichte über die Pandemie auf Platz zwei. Also sah sich die oberste Chefin zum Eingreifen motiviert. Die Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli stellte unter Beweis, dass sie weiss, wann Handlungsbedarf besteht.

Sie kritisierte den Spitalrat scharf und kündigte an, ihn aufsichtsrechtlich zu einer umfassenden Abklärung zu zwingen. Guter erster Aufschlag. Keine Parteinahme, Rüffel an das Aufsichtsorgan, Aufklärung eingefordert, so macht man das.

 

Fortsetzung folgt am Samstagmorgen.