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Toujours l’amour?

«Sascha Britsko arbeitet als Reporterin für «Das Magazin»». Das gibt ihr kein Recht zum Leserquälen.

Fast 22’000 A, plus Bilder von gnadenloser Belanglosigkeit. Es ist unsere ständige Klage, dass Journalisten, mangels anderem Stoff, die Betrachtung des eigenen Bauchnabels nicht nur für zweifellos berichtenswert halten. Sondern das auch ausgiebig und gnadenlos und ohne Rücksicht auf die Leserschaft tun.

Nichts zu banal, um nicht aufgeschrieben zu werden. Zunächst ist das gemietete Zimmer der Dame nicht genehm. Riecht nach Zigaretten, brr, aber noch schlimmer: «Mein Blick fällt auf den Zettel, der an der Matratze angenäht ist. 140 x 190cm. Grrrrr. In der Beschreibung stand «grosses gemütliches Bett, 160 x 200cm».» Um insgesamt 30 cm beschissen worden, unverschämt, diese Froschfresser.

Auch weiterhin liegen Himmel und Hölle nah beieinander: «Ich sitze in einem Café, vor mir ein Café au Lait, hinter mir ein gutaussehender Kellner, der unterschwellig flirtet. Um mich herum französische Chansons.» Aber: «Dass ich den ganzen Morgen mit dem ÖV-Abo gekämpft habe, verschweige ich. Ebenso, dass ich danach eine halbe Stunde brauche, um meine Induktionsherdplatte zu kapieren.» Ähm, bei unserem kürzlichen Besuch in Paris klappte das mit dem ÖV-Abo aber tadellos.

Dann wird es noch unverständlicher, wieso sich Britsko über Zigarettengeruch in ihrem Zimmer beschwert: «Für den Fall, dass ich mich einsam fühle, habe ich mir eine Liste mit Aktivitäten zusammengestellt. Zum Beispiel: Alleine in der Brasserie sitzen und rauchen.» Vielleicht sollte man ihr schonend beibringen, dass man in einer Brasserie schon lange nicht mehr rauchen darf.

ZACKBUM gesteht: hier fingen wir an zu scrollen. Schnell. Sehr schnell. Und blieben an diesem Satz hängen: «Paris ist die Stadt der Liebe. Ich bin seit sieben Jahren vergeben und vermisse nichts.»

Und dann endlich, selten empfand man so viel Erlösung beim Schlusskapitel: «Ich sitze auf dem Koffer und kämpfe mit dem Verschluss. Ich habe viel zu viel eingekauft. Mein Zug geht in zwei Stunden, ich habe kaum geschlafen und bin noch beschwipst vom gestrigen Abschied, glücklich und traurig zugleich.» Also doch toujours l’amour? Der Leser weiss es nicht, will es auch gar nicht wissen. Der, dem sie vergeben ist, vielleicht schon.

Der Leser ist hingegen auch glücklich, dass er das hinter sich hat. Von Trauer kann allerdings keine Rede sein. Nur von Fremdschämen in extremis. Man fragt sich, ob es Mut ist oder völlige Indolenz, dass man diese Aufreihung von Belanglosigkeiten, Nebensächlichem, Uninteressantem und Peinlichem wirklich dem Leser des einstmals renommierten «Magazin» zumutet.

Es ist ein Stück, das laut schreit: stellt mich endlich ein. Zieht den Stecker raus. Wie muss ich Euch denn noch quälen, damit das endlich geschieht? Liebe Frau Britsko, haben Sie doch Erbarmen. Wir versichern eidesstattlich: was oberhalb und unterhalb und in ihrem Bauchnabel vor sich geht, interessiert keinen. Niemand. Überhaupt nicht. Wir winseln um Gnade.

Das zweite Magazin des Grauens

Fotofinish zwischen dem «Magazin» von Tamedia und dem der NZZaS.

Während das derangierte Tagi-Produkt einen Journalisten über das Abhandenkommen seiner Hand lamentieren lässt, perseveriert die NZZamSonntag über «Das Paradies der Greise»: «Nirgends leben mehr Alte als in Monte Carlo». Wahnsinn, und wir dachten, das sei in Altersheimen so.

Die erste redaktionelle Seite drängt einen Kalauer förmlich auf:

Links Käse, rechts Käse. Links im Bild, rechts im Buchstaben. Links spürt man den Geruch, rechts riecht man ihn: «Am Pfingstwochenende kam nicht nur der Hochsommer in die Stadt, plötzlich waren da auch Horden von Teenagern.» Ach was. «Fakt ist: Teenie-Hormone brachten die ersten Sommernächte des Jahres zusätzlich zum Vibrieren!» Hä?

Ach so: «Ganz anders in Monaco, wo die Alterspyramide unterdessen auf dem Kopf steht. Im Fürstentum wollen Rentner möglichst lange leben und Mittelalte nicht altern.» Das nennt man ohne Zwischengas krachend geschaltet. Von Andrea Bornhauser, «stv. Teamleitung». Titel gibt’s.

Schlimmer geht immer, sagt sich (und dem Leser) dann Nelio Biedermann. Das ist sozusagen der neue Kim de l’Horizon (by the way: wo ist der eigentlich abgeblieben?). Biedermann ist 22 Jahre alt, hat einen Roman über eine ungarische Adelsfamilie geschrieben, der von einem enthemmten Feuilleton gelobt, von Peer Teuwsen in der NZZ hingegen als «Kitsch-Porno» abgeledert wurde.

Auf jeden Fall darf Biedermann im Wechsel mit Raphaela Roth und Christoph Zürcher eine Kolumne bedienen. Fremdschämen inklusive: «Ich klingle an der Haustür von Patti Smith, als wären wir befreundete Kinder … Während wir an ihrem Schreibtisch nebeneinander Widmungen in unsere Bücher schreiben … Als ich am Abend im Flieger zurück nach Zürich sitze und den Flugmodus einschalte, sehe ich, dass sie mir noch geschrieben hat. Have a safe flight. I’m so happy we met.»

Auch Patti Smith hat so ihre schwachen Momente.

Das gilt eigentlich kontinuierlich für Sacha Batthayany (Interviewreihe «Radikale Liebe», radikal grauenhaft). Der durfte einen der langweiligsten Orte dieser Welt besuchen: Monte Carlo. Üppig und schlecht bebildert darf er die Erkenntnis auswalzen, dass dort viele Alte leben: «In Wirklichkeit hat sich dieser Ort in den vergangenen zwanzig Jahren in ein exklusives Altersheim unter Palmen verwandelt.»

18’500 A, die die Lebenserwartung des Lesers nicht unbedingt steigern, wenn er sich tatsächlich durchquält. Am Schluss noch die Frechheit, Bob Dylans Hymne «Forever Young» als «Soundtrack zu dieser Geschichte» zu missbrauchen.

Schon mit 35 hingegen ist man alt genug für das «Wein-und-Käse-Alter». Ein «neuer Trend», was denn sonst. Richtig peinlich wird es, wenn der Autor nassforsch auf frech macht: «Dabei war Wein für mich immer das prätentiöse Arschloch unter den Getränken. Das fing schon beim Einkauf an. Wie oft stand ich vor Regalen und fragte mich, ob ich den Wein mit der schönen Etikette, den unter 10 Franken oder den biologischen nehmen sollte?» Geschrieben wie von einem prätentiösen, ähm, Stinker.

Dann behauptet einer: «Warum plötzlich alle Emily Sundberg lesen». ZACKBUM behauptet: tut niemand. Ausser ein paar Zehntausend New Yorker, die hip und dabei sein wollen.

Apropos, wer in der «Konsumkultur» mit Sonja Siegenthaler hip und dabei sein will, muss sich unbedingt die neue Baignoire-Sonnebrille von Cartier zulegen. Gibt’s zwar nur als Limited-Edition in 800 Exemplaren.

Dabei gäbe es doch Alternativen:

Schlappe 33’485 Franken, dafür mit MWSt. Allerdings portemonnaieschonend online nicht erhältlich.

Will man noch Antworten auf Fragen, die man niemals stellen würde? Bitte sehr, dafür ist Henriette Kuhrt zuständig:

«Darf ich mich über Stadttauben ärgern

Man muss sich allerdings über die abschliessende Serie von aussagelosen, schlecht fotografierten Bildern der «Fotokünstlerin» Lisa Sorgini ärgern. Diesmal: «Auf dem Bild ist mein ältester Sohn bei einem Besuch in einem abgelegenen kleinen Dorf mitten in Australien zu sehen. Gleich nach unserer Ankunft entdeckte er den Esel – es war Liebe auf den ersten Blick

Früher, ja früher einmal waren solche Magazine dafür gedacht, den Werbekunden Hochglanzumgebung auf edlerem Papier zu offerieren. Inzwischen sind die grösstenteils geflüchtet. In den Orkus ist ebenfalls der Inhalt geflüchtet; der letzte Leser macht dann mal das Licht aus.

 

Ensemble für ein Schmierentheater

Es folgt die Mannschaft in alphabetischer Reihenfolge.

Jean-Martin Büttner, Fabian Eberhard, Dominik Feusi, Markus Somm und als Special Guest Star Roger Köppel.

Was wird genau aufgeführt? Ein Ein-Personen-Stück und eine gemeinsame Leistung, bzw. Schmiere. Der Prolog stammt vom Ein-Mann-Recherchierteam Fabian Eberhard. Das ist der stellvertretende Chefredaktor des «SonntagsBlick», der nicht mal die Büroräumlichkeiten des Internetradios Kontrafunk findet. Daraus aber eine grosse Fake-Enthüllungsstory bastelte.

Das ist der Denunziant, der titelt «Russland nutzt «Weltwoche» für Propaganda-Operation». Und ausholt: «Tatsächlich verbreitet das Blatt von Roger Köppel seit Russlands Angriff auf die Ukraine immer wieder plumpe Putin-Propaganda.» Um aber im Lead zurückzukrebsen: «Der Bayerische Verfassungsschutz stellte die Zeitung deshalb an den Pranger – nun muss er zurückkrebsen».

ZACKBUM nannte diese Methode «Ich sage nicht, Sie sind ein Arschloch». Nun hat Eberhard einen neuen «Scoop» gelandet:

Das hat dem zweiten Kopf neben Markus Somm beim «Nebelspalter» die ersehnte neue Stelle in der Wirtschaftsredaktion der NZZ gekostet. Es wäre tatsächlich die Frage gewesen, was der Mann von Wirtschaft versteht. Wenn man sich die Zahlen des «Nebelspalter» anschaut: nichts. Nach diversen Sparmassnahmen musste Feusi dort so ziemlich alles machen, während sein Chef Somm auch auf allen Kanälen wenig Sinniges und viel Unsinniges verzapft («die Israeli sind die Guten, man sollte Moskau bombardieren»).

Was tun, wenn das Hirn leer, aber der Internetauftritt noch leerer ist? In der Not greift der Journalist zum Plagiat. In diesem Fall schrieb Feusi fast eins zu eins eine Schwachsinns-Meinung des britischen «Telegraph« ab. Immerhin hat Eberhard hier recherchiert und kommt zum Ergebnis: «Eine Analyse von Blick zeigt, dass rund 90 Prozent des Textes von Feusi nahezu eins zu eins vom britischen Original übernommen wurden.» Das untermauert er sogar in seinem Artikel.

Die Untat geschah schon im Herbst 2024. Und sei damals einem Redaktor der alten Tante aufgefallen: «Das Blatt aber sah schliesslich davon ab, das Plagiat publik zu machen. Warum, ist unklar.*» Das Sternchen hat sich Eberhard eingebrockt, weil er was behauptete, was er nicht belegen konnte: «* Hinweis: In einer früheren Version stand, Markus Somm hätte laut Insidern bei der «NZZ» interveniert. Laut Somm stimmt das nicht. Der eine Satz wurde deshalb entfernt.»

Geht doch nichts über eine versuchte Anpinkelei nach der Devise «ich sagen nicht, dass Sie …». Auf jeden Fall hat nun die NZZ herausgefunden, «dass dieser Sachverhalt mit ihren publizistischen Grundsätzen nicht vereinbar ist». Und bevor Feusi am 1. Juli seine Stelle hätte antreten können, ist er schon weg. Erinnert etwas an Patrizia Laeri, aber das wäre wieder eine andere Story.

Während Somm das macht, was man halt so macht, wenn etwas sehr Peinliches passiert ist – abwiegeln –, tritt Eberhard fröhlich nach: «Bevor Gujer 2015 die Chefredaktion übernahm, scheiterte ein Versuch rechtsbürgerlicher Kreise, Markus Somm an die Spitze der «NZZ» zu hieven, am Widerstand der Redaktion. Nun scheitert auch der Transfer von Somms Schützling Feusi.»

Schützling, Transfer? Feusi wollte offensichtlich seine Arbeitsplatzsicherheit erhöhen und nicht länger im roten Bereich Storys liefern müssen. Einen, wie heisst’s so schön, «rechtsbürgerlichen» Journalisten abschiessen wegen eines Uralt-Plagiats, die feine Art ist anders. Das ist die hämisch-schäbige Art, wobei Eberhard offensichtlich aus der NZZ angefüttert wurde.

Allerdings muss man Feusi tatsächlich vorwerfen, dass vor und während den Zeiten von KI es doch das Mindeste ist, einen plagiierten Text wenigstens neu zu mixen und kräftig durchzuschütteln. Aber daran sind auch schon viele Doktoranden gescheitert.

Eberhard hat das Problem des Plagiats weniger. Denn was er selbst erfindet, hat er ja exklusiv und muss dafür auch nichts direkt abschreiben.

Zwei grosse Koryphäen des Metiers.

Ach, dann wäre da noch Jean-Martin Büttner. Seit er den Sparmassnahmen bei Tamedia zum Opfer fiel, eiert er zwischen seinem ehemaligen Blatt Tagi, der «Weltwoche» und anderen Organen herum. Und tut im «Magazin» etwas, wofür selbst ZACKBUM die Worte fehlen:

Daraus macht das «Magazin», inzwischen völlig schamfrei, seine Titelstory:

Acht Seiten, schonungslos bebildert, schonungslos entblösst, wie dem Journalisten die Finger seiner linken Hand abhanden kamen. Und was das für ihn bedeutet. Früher hätte man den Mann vor sich selbst geschützt und ihm nahegelegt, das seinem intimen Tagebuch anzuvertrauen. Heutzutage hilft man ihm bei der Selbstentblössung. Unsäglich, schändlich.

Wumms: Kaltërina Latifi

Keiner zu klein, Opfer zu sein.

Im völlig runtergewirtschafteten «Magazin» des Qualitätsmedienhauses Tamedia gibt es ein Duo infernal:

Der Herr links ist dermassen unerträglich, dass ZACKBUM ihn seit Längerem ignoriert. Die Dame rechts fiel auch schon mehrfach unangenehm auf.

Es gehört inzwischen zu den verpflichtenden Menschenrechten, Opfer zu sein. Opfer eines unziemlichen Übergriffs. Allerdings: woher nehmen und nicht stehlen? Da greift Latifi weit in die Vergangenheit zurück. Wahrscheinlich war das Erlebnis eines «Übergriffs» dermassen traumatisch, dass sie erst nach ausführlicher Therapie darüber heute sprechen kann.

Ihre Kolumne fängt harmlos an: «Vor ziemlich genau einem Jahr kontaktierte mich ein Journalist einer angesehenen deutschen Tageszeitung und bat mich um ein Interview. Ihn habe meine Habilitationsschrift zum Thema Fragment in der deutschen Literatur sehr beeindruckt und er wolle mit mir darüber sprechen.»

Das ist Selbstvermarktung at its best. So nebenbei die Habilitationsschrift erwähnen, und dass die im Fall journalistische Aufmerksamkeit errege, dazu bei einer angesehenen Zeitung, wow. Das Unheil nahm dann aber seinen Lauf. Man traf sich «auf halbem Wege» in einer «grösseren deutschen Stadt und setzten uns in ein Café».

Aber auch an öffentlichen Orten ist frau niemals in Sicherheit. Der Journalist habe angefangen, über sich selbst zu erzählen, was ja eigentlich Latifi vorbehalten ist, dann über die Brüche in seinem Leben, obwohl das Thema auch Latifi gepachtet hat. Und schliesslich habe er sogar angefangen zu heulen.

Da sagte ihr «Bauchgefühl nur weg von hier», aber Frauen haben halt ein weiches Herz. Ganz falsch. Ihre «Nachsicht» habe nicht «zu einer Normalisierung der Lage» geführt, sondern: «Er sei so fasziniert von mir, ob ich denn einen Partner hätte?» Unverschämt, gell? Bis hierher kann man dem Journalisten höchstens tölpelhafte Anmache vorwerfen.

Aber jetzt kommt’s:

«Und als wäre es das Natürlichste auf der Welt, legte er später unaufgefordert auch noch seinen Arm um meine Schultern.»

Das ist nun allerdings ein Übergriff, der tiefe Spuren in der Seele von Latifi hinterlassen hat. Solche Furchen, dass sie sich auch ein Jahr später noch genau daran erinnert.

Damit ist aber selbst bei einer Kurzkolumne der Platz noch nicht alle, also folgt noch das: «Seither habe ich mich oft gefragt, warum vor allem wir Frauen zu dieser sozialen Kulanz neigen, womit ich meine, höflich zu bleiben, die Unannehmlichkeiten über uns ergehen zu lassen, ja uns dumm zu stellen

ZACKBUM hingegen fragt sich, ob diese Geschichte wahr, erfunden oder ausgeschmückt ist. Also stellten wir diese Frage der Autorin und baten sie darum, doch bitte den Namen der Heulsuse bekannt zu geben, damit wir ihr Gelegenheit geben könnten, dazu Stellung zu nehmen. Natürlich würden wir seine Anonymität auf Wunsch respektieren.

Aber da vergass Latifi plötzlich den Anstand und stellte sich dumm: auch auf wiederholte Anfrage keine Antwort. Dabei würden wir eidesstattlich versichern, ihr gegenüber niemals mit Heulen anzufangen, kein Interesse an ihren persönlichen Verhältnissen zu haben und keinesfalls, unter keinen Umständen und auch nicht auf Aufforderung den Arm um ihre Schultern legen würden.

So aber bleibt es Mysterium: Ist’s Wahrheit oder fragmentarische Dichtung?

Allerdings räumen wir ein: ihre Habilitationsschrift interessiert uns null.

Familienschande

Es gibt eine neue Welle: die schamlose Zurschaustellung der eigenen Familie.

Es ist unglaublich:

Der Autor Dirk Gieselmann lässt sich schwarzweiss «im Schuppen seines Elternhauses» ablichten. Dazu stellt er im «Magazin», das eigentlich nach dem Interview einer Kolumnistin mit ihrer eigenen Mutter nicht weiter herunterkommen könnte, 25’600 tränendurchwirkte Buchstaben.

«Ein Versuch, den Verlust zu verstehen», nennt er dieses schamlose Machwerk der Selbstentblössung. Hedwig Courths-Mahler hätte das entschieden besser gekonnt:

«Wir hielten uns im Hause meines Schwiegervaters auf, um ihm wieder einmal nah zu sein, so nah wie irgend möglich. Er war ein Jahr zuvor – am Dienstag vor Ostern – von uns gegangen. Es war wieder der Dienstag vor Ostern, als meine Frau mich gegen acht Uhr in der Früh weckte und mir die Nachricht überbrachte, dass auch mein Vater gestorben sei. «Kurt ist tot», sagte sie. Sie schluchzte

Dann vergräbt sich der Autor in bedeutungsschwer durchgeatmeter Betroffenheitsschwurbelei: «Die drei Wörter, die den Satz bilden wollten, schienen nichts miteinander zu tun zu haben: «Kurt» und «ist» und «tot».»

Geht’s noch unerträglicher? Aber sicher:

«Unsere Tochter und unser Sohn lagen neben mir im Bett, fest schlafend und immer noch erschöpft von der Wanderung durch den Bergwald, die wir am Abend zuvor unternommen hatten. Auf der die Sonne so malerisch durch die bereits in zartem, österlichem Grün stehenden Buchen geschienen und meine Frau ein Foto von dieser Szenerie gemacht hatte.»

ZACKBUM gesteht: der Würgreflex (und auch der Wunsch zu würgen) wurden hier so stark, dass die Lektüre abgebrochen werden musste.

Oder: «Talkrunde unter Männern: Bin ich eigentlich der Einzige hier, der als Vater an den Anschlag kam?» Will man die Antwort wissen? Oder: «Samenspende in der Schweiz: Michael Lüthi suchte seinen biologischen Vater – und fand stattdessen 22 Halbgeschwister.»

Wo es neue Flachgebiete zu beschreiben gilt, ist Rafaela Roth nie weit: «Die Mütter meiner Familie – Teil 1: Grossmutter. Unsere Kolumnistin kriecht in ihren Stammbaum». Will man ihr beim Kriechen beiwohnen?

Da ist Beziehungsknatsch fast schon ein Aufsteller:

Auch das braucht nun ausserhalb der Familie Somm niemand unbedingt zu wissen.

Losgetreten hatte den Trend die Kolumnistin Kaltërina Latifi, die ein Wohlfühlen-Interview mit ihrer eigenen Mutter machte – was der dysfunktionale Tagi auch ohne Rücksicht auf seine Fürsorgepflicht für Mitarbeiter publizierte.

Die ewigen Betrachtungen des eigenen Bauchnabels und die Beschreibungen der eigenen Befindlichkeit sind schon unerträglich genug. Aber jetzt wird noch die eigene Familie obszön zur Schau gestellt.

Da muss man sich zur Ablenkung und Erfrischung den neusten Schwachsinn reinziehen, den US-Präsident Donald Trump von sich gibt: «Öffnet die verdammte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – Ihr werdet sehen!» Aber eigentlich ist das überhaupt nicht komisch, denn dieser Irre ist der mächtigste Mann der Welt.

Nicht nur die Inhalte des Familienexhibitionismus sind zum Fremdschämen, auch sprachlich und formal klappert und rumpelt und hapert es. Nehmen wir nur die erste Titelzeile. «... den eigenen Vater zu verlieren». Welchen Vater könnte man eigentlich sonst verlieren, wenn nicht den eigenen?

Oder wie wäre es mit einem Essay unter dem Titel «So fühlt es sich an, irgendeinen Vater zu verlieren». Gefolgt von: «Das spürt man, wenn man den eigenen Vater gewinnt.» Sicher ist: weder der eigene, noch der fremde Vater kann sich gegen diese Zur-Schau-Stellung wehren. Aber deren Vorteil ist: sie kriegen es ja nicht mehr mit. Diese Peinlichkeit bleibt ihnen erspart.

Dem Leser bleibt aber wirklich nichts erspart.

Ach, Kaltërina Latifi

Kaum lobt ZACKBUM, muss wieder getadelt werden.

Es ist wahrlich ein Wechselbad der Betrachtung. Die Tamedia-Kolumnistin Latifi fiel schon mehrfach unangenehm auf. Aber siehe da, sie kann auch anders.

Aber vielleicht hätte ZACKBUM nichts Positives sagen sollen. Denn das haben wir alle nun davon. Es gibt eine Steigerung der Betrachtung des eigenen Bauchnabels, die so vielen Tamedia-Kolumnisten ein Herzensanliegen ist. Die Steigerung besteht darin, dass man denjenigen betrachtet, von dem man sich abgenabelt hat: die eigene Mutter.

Immerhin arbeitet Latifi nicht in aller Öffentlichkeit allfällige Dissonanzen auf, die allenfalls in ihrer Kindheit oder Jugend entstanden sind.

Aber dennoch hat es etwas Peinliches und Unschickliches, wenn der Leser damit belästigt wird, ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter auf fast 22’000 A im völlig heruntergewirtschafteten «Magazin» vorgeführt zu bekommen. Schon das Titelzitat müffelt aus anderen Zeiten in anderen Ländern herüber.

Wen das noch nicht abschreckt, der flüchtet schon bei der Einleitungsfrage: «Mama, warum bist du in die Schweiz emigriert?» Tja, da wird Mama so ihre Gründe gehabt haben, wie eigentlich jeder, der in die Schweiz emigriert. Diese Mama wollte den archaischen Sitten entgehen, die bei Kosovo-Indianern herrschten und möglicherweise bis heute noch herrschen.

Eine schöne Frage ist auch die hier, nur übertroffen von der Antwort:

«Wie bist du aus diesem System ausgestiegen?
Es war ein langer Weg, glaub mir. Über die Details möchte ich hier nicht sprechen, es ist zu privat.»
Hier tritt das ganze Elend offen zu Tage, wenn eine Tochter (oder auch ein Sohn) Mutter oder Vater interviewen. Ihnen fehlt nicht nur jegliche Distanz, sie kämen auch nicht im Traum auf die Idee, eine kritische Frage zu stellen oder dort nachzuhaken, wo ihnen ausgewichen wird.
Alleine schon aus diesem Grund ist es eigentlich nie eine gute Idee, ein solches innerfamiliäres Zwiegespräch in aller Öffentlichkeit auszubreiten. Irgendwie erinnert das an eine Kolumne einer anderen Selbstentblösserin: «Gülsha Adilji zieght sich vor sieben Fremden nackt aus». Gut, die hat zurzeit andere Probleme.
Also zurück zu Latifi. Interessante Fragen können interessante Antworten ergeben. Aber diese hier: «Warum das? Gibt es weitere Beispiele, die dich geprägt haben? Wie ging es weiter? Wo siehst du das besonders? Und sag, willst du einmal zurück in deine erste Heimat», die können ja nur als billige Stichworte dienen.
Bleibt die Frage, wieso Mama bei dieser gespiegelten Selbstbespiegelung überhaupt mitgemacht hat. Wollte sie ein wenig den Sonnenschein der relativen Bekanntheit ihrer Tochter auf der eigenen Haut spüren? Für sie selbst (und für ihre Tochter) ist natürlich ihr Leben etwas Einzigartiges und Besonderes.
Allerdings sind die Beschreibungen der archaischen und rückständigen Gesellschaftsstrukturen im Kosovo wirklich nichts Neues, sondern hinlänglich bekannt. Neuer ist höchstens, dass die gegen alle Zusagen an Serbien früher autonome Region Kosovo – unterstützt nicht zuletzt von der Schweiz – sich einseitig für unabhängig erklärte.
Seither ist der Kosovo zum korrupten Drogenstaat denaturiert, beherrscht von der organisierten Kriminalität, die ihre Tentakel bis in die höchsten Sphären der Politik hat.
Dem Ex-Präsidenen Thaci drohen 45 Jahre Haft. Er steht in Den Haag vor Gericht, angeklagt wegen schwerster Kriegsverbrechen.
Das wären vielleicht auch Themen gewesen, die man jemanden fragen könnte, der im Kosovo verwurzelt ist. Aber so etwas macht natürlich eine Tochter bei der Mama nicht.
Also ein weiteres trauriges Beispiel dafür, das Qualitätskontrolle oder der Schutz von Mitarbeitern vor sich selbst im dysfunktionalen Tagi nicht funktionieren.

Wieder mal ein Zerr«spiegel»?

Ein Medienanwalt nimmt die «Spiegel»-Skandalstory auseinander.

Zunächst der Abbinder: Sollten die Vorwürfe gegen den Schauspieler Christian Ulmen tatsächlich zutreffen, ist er unabhängig von der Strafbarkeit seines Handelns ein mieser und widerlicher Typ.

Auf der anderen Seite zeigt auch diese «Spiegel»-Story – wie ihre Vorgänger – bei genauer Betrachtung, dass sie geschickt hochgezwirbelt wurde und mit Assoziationsketten beim Leser spielt.

In der «Berliner Zeitung» weist der Medienawalt Carsten Brennecke auf solche Propagandaelemente hin. Er ist übrigens Mitglied bei den deutschen Grünen.

Zunächst bestreitet er, dass es in Deutschland eine Verschärfung des Strafrechts brauche: «Tatsächlich sind die gegenüber Christian Ulmen geäußerten Verdachtsmomente, nämlich das Verbreiten sexuell konnotierter Deepfakes, als öffentliche Verleumdung bereits jetzt mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren bedroht. Es gibt hier also keine Strafbarkeitslücken, sondern diese sind konstruiert.»

Zur «Spiegel»-Titelstory: «Wenn man sich den Bericht genau ansieht, dann wird deutlich: Bei genauer Betrachtung ist keinesfalls klar, dass Collien Fernandes gegen Christian Ulmen überhaupt den Verdacht geäußert hat, dass dieser sexuell konnotierte Deepfakes von Fernandes hergestellt und verbreitet hat. Es scheint vielmehr so zu sein, das Magazin in seinem Bericht lediglich durch geschickte Insinuierungen und wolkige Wertungen beim Leser den Eindruck erweckt hat, dass Fernandes gegen Ulmen solche Verdachtsmomente äußere, sich das Magazin aber am Ende tatsächlich darauf zurückziehen könnte, man habe solches als Tatsache gar nicht berichtet.»

Und weiter:

«Umgekehrt bringt der Spiegel in der nachstehenden Passage versteckt zum Ausdruck, dass Ulmen die Herstellung und Verbreitung von Deepfakes bestreitet: Er habe, schrieb er, in den vergangenen zehn Jahren „leider einen sexuellen Fetisch“ entwickelt: Immer wieder habe er auf den Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien angemeldet, über die Accounts habe er mit Männern gechattet, geflirtet, „bis hin zum Sex-Talk“. Er habe den Gesprächspartnern Videos geschickt, die auf frei zugänglichen Pornoseiten erhältlich gewesen seien und deren Protagonistinnen seiner Frau ähnlich gesehen hätten. Man muss das wohl so verstehen, dass er solche Videos aber nicht selbst erstellt hat.»

Eine toxische Beziehung kann den oder die Beteiligte in einer Art Schockstarre halten, das ist unbestreitbar. Aber es kommen immer mehr Fragezeichen auf.

Wieso dauerte es fast ein Jahr nach dem angeblichen Geständnis von Ulmen, dass seine inzwischen Ex-Frau Fernandes Klage einreichte?

Sie behauptet, die deutsche Staatsanwaltschaft habe bei ihrer Klage das Verfahren eingestellt und nicht mal mit ihr Kontakt aufgenommen. Die Staatsanwaltschaft behauptet, sie habe mehrfach brieflich um weitere Unterlagen gebeten, aber nie eine Antwort erhalten. Nur eine der beiden Versionen kann stimmen.

Die spanischen Untersuchungsbehörden sagen, dass das Verfahren vorläufig sistiert sei, weil Fernandes eine notarielle Beglaubigung nicht beigebracht habe.

Die Anwälte von Ulmen sagen, dass diverse Anschuldigungen unwahr seien, ohne das genauer zu belegen. Sie hätten auf jeden Fall rechtliche Schritte gegen den «Spiegel» eingeleitet.

Der Sänger von Rammstein konnte sich das finanziell leisten, der ehemalige Chefredaktor des «Magazin» nicht, kann es Ulmen?

Was ist davon zu halten, dass Fernandes zunächst eine Teilnahme an einer Demonstration in ihrer Sache absagt, weil sie Morddrohungen erhalten haben will – und dann doch auftritt, unter Hinweis darauf, dass sie eine schusssichere Weste trage?

Unabhängig von der absonderlichen Abscheulichkeit, wenn die Vorwürfe zutreffen: lernen die Medien nie etwas aus vergangenen, peinlichen Flops?

Sollte sich wieder einmal herausstellen, dass hier kein strafbares Verhalten vorliegt, die Unschuldsvermutung einmal mehr mit Füssen getreten wurde, wäre es dann nicht an der Zeit, neue Gesetze zu erlassen, die die Medien zu schmerzlichen Zahlungen an jemanden zwingen, dessen Ruf, Reputation und Karriere wie auch immer schwer beschädigt bis unrettbar verloren sind?

Es gibt unzulängliche Gesetze gegen Falschbeschuldigung, es gibt keine Gesetze gegen eine solche Medienhatz.

Aber vielleicht sollten der «Spiegel» und alle seine Abschreiber das hier ernst nehmen:
«… unzulässige Verdachtsberichterstattung, … von einer Übernahme einseitiger Vorwürfe Abstand nehmen».

Zeichen und Wunder

Kaltërina Latifi verdient ein Lob. Erstaunlich.

Erst vor Kurzem musste ZACKBUM die Kolumnistin im runtergewirtschafteten «Magazin» rüffeln. Aber wir sind hart, dafür gerecht und auch gütig. Wirklich wahr.

Das stellen wir hiermit unter Beweis. Ihre neuste Kolumne ist eine Abrechnung. Latifi beklagt am aktuellen Kurs der SP Schweiz das Gleiche, was auch schon Peter Bodenmann kritisierte. Zunächst muss sie allerdings klarstellen: «Ich stehe politisch links.» Das war dann auch schon der schwächste Teil der Kolumne, denn was soll das schon heissen, heutzutage.

Wenn sie an die SP denke, «kommen mir neumodische, sich als «links» ausgebende Moralmaximen in den Sinn, die nach aussen wie Gold glänzen und sich so wunderbar anhören, aber nach innen mehr wie ein hohler Resonanzraum wirken».

Dann geht sie forsch zur Sache: «Dieser ständige Verweis auf die Diskriminabilität bestimmter sozialer und ethnischer Gruppen und die daraus extrahierte Notwendigkeit, eben diese Gruppen an Spitzenpositionen zu katapultieren, und zwar unabhängig ihrer Qualifikation und erbrachten Leistung, ersetzt meiner Meinung nach wahre Solidarität durch das Prinzip «Repräsentation um jeden Preis»

Gut gegeben. Latifi beklagt die Fixierung auf Genderfragen, die Abirrung der SP in Sachen Kopftuch, das Herumreiten auf identitärer Betroffenheit, statt wie früher die Vertretung von Klasseninteressen – ZACKBUM hätte nie gedacht, Latifi einmal zustimmen zu können.

Interessant ist allerdings das Phänomen, dass all dieser Habakuk, der von der Doppelspitze der SP aufgeführt wird (wenn nicht gerade einer der beiden im Sabbatical oder sonst unpässlich ist), in der Schweiz bislang kaum zu Einbussen bei den Wählerstimmen geführt hat.

In Deutschland hingegen hat die SPD in jüngsten Wahlen inzwischen sogar Mühe, die 5-Prozent-Hürde zu überspringen, was vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.

Latifi selbst hat unverkennbar auch einen Migrationshintergrund, wie das im Korrektsprech heutzutage heisst, aber: «Überhaupt frage ich mich immer, warum es eine solche herkunftsbezogene Kategorisierung braucht, wie wir ihr etwa in der parteiinternen Gruppierung «SP Migrant:innen» begegnen.»

Vielleicht hätte sie noch einen Schritt weitergehen können und die Frage beantworten: natürlich braucht es das nicht. Es ist eine der vielen Kategorien (wie Geschlecht oder Hautfarbe oder jedes beliebige andere distinktive Merkmal), die missbraucht werden, um Diskriminierung zu krähen und anschliessend eine Sonderbehandlung zu fordern.

Es ist tatsächlich verblüffend, wie es in der SP dazu kommen konnte, dass die klassischen Themen, der Einsatz für die Rechte der Arbeitnehmer, Mitbestimmung, auch Mutterschaftsurlaub und vieles andere, still und leise aus den Traktanden fielen.

Stattdessen woker Unsinn, Diskriminierungsgeschwurbel, Blödsinn wie die Verteidigung des Unterdrückungssymbols Kopftuch als Respekt vor kulturellen Unterschieden.

Also, Kaltërina Latifi, ein Anfang ist gemacht, weiter so.

Arme Ameti

Wer Kaltërina Latifi auf seiner Seite hat, braucht keine Gegner.

Es war die letzte Provokation der Bachelorette der Politik, mit der sie den Bogen überspannte. Sie war, wie immer bei Sanija Ameti, sorgfältig inszeniert. Sie selbst ganz in Schwarz mit übergrosser Luftdruckpistole, daneben die durchlöcherte Zielscheibe. Aber der Schuss ging nach hinten los.

Da nützte weder die Entschuldigung, noch die hirnrissige Begründung, sie habe damit ein Trauma ausagieren wollen. Dann noch ein kleines Happening, mit dem sie eigentlich zeigen wollte, dass ihr die Meinung über sie wurst ist. Und gut ist auch mal.

Aber leider muss Latifi jede Woche ihre Kolumne im heruntergewirtschafteten «Magazin» füllen. Also fetzt sie los: «Die Kirchen werden immer leerer, doch plötzlich sehen Rechtspopulisten ihre religiösen Gefühle verletzt? Klar, die «Täterin» war ja auch eine moderne, emanzipierte Frau

Immerhin erwähnt Latifi nicht den gemeinsamen Migrationshintergrund. Was allerdings an Ameti modern oder emanzipiert sein soll?

Auf jeden Fall beklagt Latifi eine wahre Hinrichtung:

«Allen voran Politiker der SVP, mit der sich Ameti hin und wieder gerne angelegt hatte, standen in der vordersten Reihe, wenn es darum ging, die Politikerin zu einer persona non grata zu machen. Sie verlor ihren Job bei einer PR-Agentur, wurde ihres Amtes bei der GLP-Parteiführung enthoben, später gab sie das Präsidium der Operation Libero ab

Etwas ungenau; Ameti trat selbst aus der GLP aus. Und wer möchte sich denn mit einer solchen Mitarbeiterin schmücken?

Aber gut, in der Erregung unterlaufen einem Flüchtigkeitsfehler.

Natürlich reagierten politische Gegner Ametis auf diesen groben Schnitzer. Genauso, wie ein SVP-Exponent an den Pranger gestellt worden wäre, hätte er auf ein religiöses Symbol jedwelcher Art geschossen.

Das Absurde ist ja: natürlich wollte Ameti, wie es so ihre Art ist, bewusst und aufmerksamkeitsheischend provozieren. Sie unterschätzte nur die Wirkung ihrer dümmlichen Aktion. Dann zögerte sie ein paar Stunden, bis sie erkannte, dass nur noch Rückzug und Entschuldigung helfen könnten. Aber da war es schon zu spät.

Es war eine hirnlose Selbstinszenierung ohne jegliche Aussage ausser «schaut her, ich mach da was, ui».

Selbst wenn sie eine solche Schiessübung zwecks Frust- oder Stress- oder Traumaabbau zum «Abschalten» brauchte, dann ist das das eine. Dabei einen Fotografen zu bestellen (dessen Identität sie nicht preisgeben wollte), das Ganze inszenieren und ins Netz stellen, das ist etwas ganz anderes.

Sich dann als Täterin, die zum Opfer wurde inszenieren, das hat ihr halt niemand abgenommen. Ausser Latifi.

Dass rechte Politiker damit ihr Süppchen kochen würden, das war Ameti von Anfang an klar, das ist das Grundprinzip dieser Erregungsbewirtschaftung zwecks Generieren von Aufmerksamkeit, Clicks und attention.

Nur dass die Suppe überkochte, das erwischte sie auf dem falschen Fuss.

Latifi sieht das allerdings ganz anders:

«Nun, wer glaubt, mit dem Schuldspruch hätte man Sanija Ameti «abschalten» können, hat sich geirrt: Sie geht aus dieser Narrenschau als Siegerin hervor, hat sie doch die Bigotterie rechtspopulistischer Politik entlarvt

Langsam. Die Aufregung, das Strafurteil war eine «Narrenschau»? Wer sich dadurch also in seinen religiösen Gefühlen verletzt sah, ist ein Narr? Interessant. Und wer wollte sie denn abschalten? Das tat sie bekanntlich selbst. Und jeder, vor allem, wenn er ein «rechtspopulistischer» Politiker ist, ja deren ganze Politik wurde von Ameti als Bigotterie entlarvt?

Ob Latifi wohl weiss, was der Ausdruck bedeutet, so oberhalb von Schimpfwort? «Rechtspopulistische» Politik ist also nicht nur des Teufels, sondern auch noch von engherziger Frömmigkeit, übertriebenem Glaubenseifer und Scheinheiligkeit geprägt? Kein Rechtspopulist kann ein Christ sein und sich in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlen?

Auch hier gilt: eine Redaktionsleitung, die einen solchen unausgegoren Buchstabensalat durchwinkt und auf die zahlende Leserschaft loslässt, hat die Kontrolle über das eigene Organ verloren.

Oder aber, langsam drängt sich der Verdacht auf, weil ja auch Qualitätspapst Simon Bärtschi zu solchem Unfug schweigt: ist es vielleicht teuflische Absicht? Das Publikum vertreiben, damit man dann mit dem Ausdruck des Bedauerns das «Magazin» endlich einstellen kann; zu wenig Leser?

Wäre es nicht zu intelligent, könnte das durchaus sein.

 

Der Sex-Anzeiger

Statt Nabelschau mal Vulvaschau. Wie tief will Tamedia noch unten eindringen?

Wenn die Aussenwelt dem Journalisten oder dem Schreiber im Allgemeinen zu kompliziert oder bedrückend wird, dann geht er in sich. Das gilt auch für weibliche Exemplare.

Denen, wir leben schliesslich in einer Männergesellschaft mit Männersprache, Sexismus, Exklusion, Unterdrückung und dominierenden Pimmeln, fehlt immer irgendwas.

Gleichberechtigung, Gleichstellung, Equal Voice, Frauensprache neben Männersprache, mein Bauch gehört mir, wieso können Männer keine Kinder kriegen, Menstruationsferien, Gratis-Abgabe von Tampons oder Binden, es gibt so viele Kampffelder.

Schon seit Wochen beschallt Tamedia seine Leser mit dem redaktionellen Inhalt täuschend ähnlich aufgemachten Ratgebern, wie Männer in fünf Minuten ihre Erektions- oder Potenzprobleme in den Griff bekämen. Das ist natürlich sexistisch, denn da fehlt doch was:

Richtig, der weibliche Orgasmus. Beziehungsweise sein Ausbleiben. Gut für das Füllen eines Spätsommerlochs. Dieses Frauenthemas nimmt sich eine anonyme Autorin auf «Republik»-verdächtigen knapp 32’000 A im «Magazin» des Tagi an.

Unter dem etwas ausgeleierten Titel «Orgasmuss» fragt sie provokativ: «Ich bin zweiundvierzig und hatte noch nie einen Orgasmus. Ist das ein Problem

Um mit Radio Eriwan zu antworten: Im Prinzip ja und nein. Zunächst wäre die Frage, ob dieses individuelle Problem einer 42-Jährigen von allgemeinem Interesse ist. Da wäre die Antwort im Prinzip nein. Ausser vielleicht für Selbsthilfegruppen von Frauen, bei denen keine körperlichen Gründe für das Ausbleiben des Orgasmus verantwortlich sind.

Für alle anderen haben solche wohl unter «schonungslos offen» segelnden Sätze eher etwas zum Fremdschämen: die Dame «wäre von alleine auch nicht darauf gekommen, zu masturbieren. Nur, weil meine Freundinnen darüber sprachen, probierte ich es ein paar Mal aus, fand es aber langweilig». Der Leser kann das Gefühl nachempfinden, beim Lesen.

Die Dame wurde älter, hatte Beziehungen aber weiterhin keinen Orgasmus. Warum? Zwischenbilanz: «Ich bin schlicht zu faul, so wie man zu faul ist, das Matterhorn zu besteigen, auch wenn es sicher eine fantastische Erfahrung ist. Ausserdem möchte ich mich deswegen nicht unzulänglich fühlen. Es ist wohl auch ein bisschen Selbstschutz. Ich geniesse Sex, genauso wie ich es geniesse, zu kochen, zu essen, zu trinken, zu tanzen, zu diskutieren oder zu lachen.»

Na, dann ist doch alles gut. Oder nicht? Nicht gut, denn so kann ja kein ellenlanger Artikel entstehen. Also gibt sie den bohrenden (Pardon) Fragen einer Freundin nach, die nicht verstehen kann, wieso die anonyme Autorin nicht wissen will, wie sich ein Orgasmus anfühlt.

So macht sie sich auf den Weg mit hohem Originalitätsfaktor: «Ich beginne meine Recherche im Internet. Was ich habe, heisst offiziell Orgasmusstörung. Die Ursachen können kulturell, psychisch, situationsbedingt oder körperlich sein. Fangen wir bei der Kultur an.»

Was der Leser befürchtet, kommt natürlich. Die vier Themen werden Stück für Stück abgearbeitet. Unterfüttert mit den üblichen Interviews mit Mitbetroffenen und Fachleuten. Und der Verallgemeinerung: «Je nach Quelle haben zwischen fünf und zehn Prozent der Frauen nie einen Orgasmus

Was den Leser hier vom Einschlafen abhält, ist tiefer Ärger. Wäre es hier, bei aller Selbstverliebtheit und Schweiz-Zentriertheit, nicht erwähnenswert gewesen, wieso über 200 Millionen Frauen auf der Welt nie einen Orgasmus haben? Weil sie Opfer der grauenhaften Praktik der Genitalverstümmelung sind.

Aber die Autorin hat andere Probleme: «Auch als Feministin komme ich in Bedrängnis: Wenn mein Partner fast immer kommt und ich nie, besteht offensichtlich ein krasses Ungleichgewicht. Kann ich das einfach so hinnehmen?»

Wie zu befürchten ist, werden dann die unterschiedlichen Prozentzahlen des Orgasmus beim Sex zwischen Frauen und Männern runtergeleiert und die überraschende Erkenntnis wiederholt:

«Frauen können – anders als Männer – auch ohne Orgasmus Kinder bekommen.»

Das ist auch noch in Zeiten so, wo man auch Sex haben kann, ohne Kinder zu bekommen.

Nun muss aber auch der längste Artikel mal, Pardon, zur Klimax kommen. Und die besteht, Überraschung, darin: der Autorin kommt’s. Oder vornehmer: «Ein wohliges Gefühl breitet sich zwischen meinen Beinen aus, ich japse und muss plötzlich lachen. War es das etwa

Offenbar schon: «In den nächsten Tagen und Wochen lerne ich meine Orgasmen besser kennen und finde: Ja, es ist wirklich ein sehr schönes Gefühl. Ich verstehe jetzt, dass ein Orgasmus eine starke Motivation für Sex sein kann. Und doch ist er nur eine von vielen Zutaten

Wunderbar, und zu welcher Erkenntnis führt die Autorin die wenigen Leser, die noch nicht erschlafft sind? «Was bleibt, ist die Erkenntnis: Ich bin gar nicht so anders, wie ich immer dachte. Ich hatte einfach wenig Geduld und Interesse.»

Soll man das nun einen Höhe- oder einen Tiefpunkt der Leserverarsche nennen?