Der Schlaf der Vernunft
Wenn der mächtigste Mann der Welt im roten Bereich dreht, weil er mal wieder der Loser ist, dann kann man nur in Deckung gehen.
Der Krieg mit dem Iran sei eigentlich vorbei; es gebe faktisch nichts mehr zu bombardieren. Und die bedingungslose Kapitulation werde gerade verhandelt, behauptet Donald Trümmel-Trump.
Kuba? «Ich glaube ich könnte damit machen, was ich will.» Denn er habe «die Ehre», die letzte Insel des real existierenden Surrealismus «zu übernehmen».
Wie geht es der US-Wirtschaft? «Fast jede Zahl hat sich von der schlechtesten zur besten entwickelt». Und: «Unsere Nation ist zurück. Grösser, besser, reicher und stärker als jemals bevor.»
Steigende Ölpreise, drohendes Chaos auf den Weltmärkten, Produktions- und Energieengpässe wegen des ziellosen Angriffskriegs auf den Iran? «Ich habe einen Plan für alles.»
Noch mehr Wolkenkuckucksheim? «Wir stehen vor einem Wirtschaftsboom, wie ihn die Welt noch nie erlebt hat.» Oder: «Das Wachstum explodiert, die Produktivität steigt rasant, die Investitionen boomen, die Einkommen nehmen zu.»
Mit einer Aussage hat US-Präsident Donald Trump recht:
«Wir machen einen Haufen Geld.»
Allerdings trifft die nur auf ihn, seinen Clan und vor allem auf den militärisch-industriellen Komplex der USA zu.
Er und sein Clan bereicherten sich im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit um schätzungsweise 3,3 Milliarden Dollar, wie die «Financial Times» ausrechnete. Und US-Rüstungskonzerne kassierten zwischen 2020 und 2024 durch Pentagon-Aufträge 2,4 Billionen Dollar, 2400 Milliarden.
Die Wirklichkeit ist düster. Wie seine Vorgänger in Afghanistan und im Irak versinkt Trump in einem Krieg im Nahen Osten, den er nicht gewinnen kann. Der Iran ist nicht Venezuela. Seine Führer sind religiöse Fanatiker, ihre Revolutionsgarden sind voller todesmutiger Märtyrer, die ernsthaft daran glauben, mit 72 Jungfrauen belohnt zu werden.
So wie im grausamen Krieg zwischen dem Irak (damals noch von den USA unterstützt) und Iran, bei dem es mindestens eine halbe Million Tote gab. Da wurden Jugendliche und Kinder in Minenfelder gejagt. Um den Hals einen goldenen Plastikschlüssel, der das Tor zum Paradies öffnen sollte.
Und sein Zollschlamassel? «Ich glaube, dass mit der Zeit die von ausländischen Staaten gezahlten Zölle das heutige System der Einkommensteuer weitgehend ersetzen werden.»
Diese Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden. Aber es ist so schon offenkundig: der Mann hat offensichtlich den Kontakt zur Realität verloren.
Einzig in der Selbstbereicherung mit Mafiamethoden ist er ziemlich gut. Er verlangt Schutzzölle und -abgaben gegen eine Bedrohung, die er selbst darstellt.
Nun hat er, im Gegensatz zu all seinen vorherigen Aussagen, zum ältesten Mittel der Politik gegriffen, wenn es nicht so läuft, wie es sollte.
Im satirischen Film «Wag the dog» (Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt) gibt es die grossartige Szene, wo ein US-Präsident seinen Spin Doctor fragt, was dem gegen seine sinkenden Umfragewerte einfalle. Der denkt kurz nach und antwortet: Wir sind im Krieg. – Gegen wen denn?, fragt der Präsident. Daran arbeite ich noch.
Das war Fiktion, in der Realität wurde Trump von den eigenen Beratern überzeugt und von Israels Präsident Netanyahu bedrängt, ohne Kriegserklärung und somit völkerrechtswidrig gegen den Iran loszuschlagen.
Wie sagt die einflussreiche konservative Stimme Tucker Carlson richtig: Er sehe nicht, wie dieser Krieg das Leben eines einzigen Amerikaners verbessere. Das Vorgehen Trumps sei «absolut widerlich und böse». Carlson sei nicht schlau genug, um zu verstehen, dass auch dieser Krieg dazu diene, die USA wieder gross zu machen, fetzte Trump zurück.
Nun ist es nicht so, dass hier ein einsamer Amok im goldüberkrusteten Oval Office sitzt und irre Entscheidungen trifft, während alle um ihn herum schwindlig werden vor lauter Kopfschütteln.
Es ist auch nicht so, dass es wenigstens ausserhalb der USA keinen nennenswerten Prozentsatz von Anhängern und Unterstützern dieses Katastrophen-Trumps gäbe. Selbst in der Schweiz sind es immer noch laut Umfragen bis zu 30 Prozent, die ihm ihre Stimme geben würden, wenn sie könnten.
Es ist erst ein Jahr von maximal vier vergangen, in denen Trump die Welt, wie wir sie kannten, zum Schlechteren verändern kann und wird.
Frei von Vernunft wird er sie mit den Ungeheuern anfüllen, die deren Schlaf gebiert. Der ziellose Krieg gegen den Iran hat das Potenzial, einen Weltbrand auszulösen.
Offensichtlich hat sich das stabile Genie im Weissen Haus auch hier krachend getäuscht. Die Widerstandskraft, das Waffenarsenal und die Möglichkeiten zur Gegenwehr des Irans sind bedeutend grösser als vermutet. Alleine die Sperrung der Strasse von Hormus (unvorhersehbar und überraschend) hat unübersehbare Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.
Sollte der Iran gezielt Wasserentsalzungsanlagen der umliegenden arabischen Staaten angreifen und zerstören, bräche dort Chaos aus. Denn in der Wüste, was Dubai und Co. ist, lebt es sich ohne Wasser schlecht.
Im asymmetrischen Krieg (eine iranische Drohne kostet ein paar tausend Dollar, ein US-Geschoss von 4 Millionen aufwärts) kann auch eine militärisch unterlegene Macht locker mithalten.
Was wird passieren, wenn Trump einsehen und zugeben muss, dass eine bedingungslose Kapitulation nicht erfolgen wird? Wird er Bodentruppen schicken? Oder wird er zur ultimativen Drohung greifen – dem Einsatz von Atomwaffen? So wie es der andere Loser im Kreml auch schon getan hat?
Da wollen wir doch lieber die Augen schliessen und das Leben geniessen, solange noch das Lämplein glüht …


