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Hitzetod im Regensommer

Ist der Klimawandel am Tod einer Mutter schuld?

Von Thomas Baumann*
Der Arzt André Seidenberg gilt als «Pionier einer neuen Drogenpolitik» in der Schweiz. Obwohl etwas gar unbescheiden sich auf der eigenen Webseite so rühmend, trifft die Charakterisierung im Grossen und Ganzen zu.
Daneben versucht er sich als Autor — sei es auf seinem eigenen Blog oder gelegentlich im Tages-Anzeiger.
Da lässt er sich  über den Tod seiner Mutter aus. Als Arzt fällt das durchaus in sein Fachgebiet.
Seine Mutter war die erste vom Gericht als Einzelperson akzeptierte Klägerin gegen die «ungenügende Schweizer Klimapolitik». «In den ersten heissen Tagen im Mai 2021 traf sie der Schlag», so Dr. Seidenberg. Wenige Wochen später starb sie.
Der Verdächtige für den Tod der Mutter ist schnell gefunden: der Klimawandel. «What else?», wie George Clooney mit einer Kaffeetasse in der Hand zu fragen pflegte.
Machen wir den Faktencheck. Die Quelle ist so offiziell wie unverdächtig: Das Klimabulletin von Meteoschweiz.
Bereits der einleitende Abschnitt setzt den Ton: «Im Jahr 2021 waren in der Schweiz für einmal nicht hohe Temperaturen, sondern der viele Niederschlag das bestimmenden Wetterelement. Nach einem milden und niederschlagsreichen Winter mit lokal grossen Schneefällen folgte ein nasser Frühling mit nassem Ende. Der Sommer war nördlich der Alpen einer der nassesten seit Messbeginn.»
Weiter geht es in ähnlichem Ton: «Die Schweiz erlebte den kältesten Frühling seit über 30 Jahren mit einem landesweiten Mittel von 1,1 Grad Celsius unter der Norm 1981-2010. Nach einem leicht überdurchschnittlichen März kam die Kälte in den Monaten April und Mai. Der April war landesweit der kälteste der letzten 20 Jahre. Die Maitemperatur blieb landesweit gemittelt 2,3 Grad Celsius unter der Norm 1981-2010. In den letzten 30 Jahren zeigten sich nur die Maimonate 2019 und 2013 ebenso kühl.»
«Nasser Sommer: Auf der Alpennordseite brachte der Sommer nach einem regenreichen Mai gebietsweise den nassesten Juni und den nassesten Juli seit Messbeginn.» Seit Messbeginn!
Immerhin, etwas Sonne gab es auch noch: «Zur Sommerwärme hat vor allem der schweizweit viertwärmste Juni beigetragen.» Diesem ist zu verdanken, dass dass die Sommertemperatur wenigstens noch um 0,5 Grad über der Norm 1981-2010 lag.
Ein Hitzesommer sieht jedoch definitiv anders aus. Offenbar hatte ausgerechnet eine heisse Periode im Juni 2021 der Mutter von Dr. Seidenberg zugesetzt. Das ist unglücklich — aber irgendwann muss es ja auch heiss sein, wenn Juli und August schon kalt und regnerisch sind.
Dennoch sinniert Dr. Seidenberg, ob er seiner Mutter «in den ersten heissen Tagen im Mai [hätte] Blut abnehmen sollen, um ihre Austrocknung zu beweisen». Doch sieht er selber ein: «Eine individuelle Beweisführung bis zur Schuld der Schweizer Behörden am Tod meiner Mutter war nicht möglich.»
Damit hat er durchaus recht — allerdings anders als von ihm selbst gedacht. Der Klimawandel ist bekanntlich ein globales Phänomen: Die schweizerische Regierung hat vielleicht die Möglichkeit, darauf hinzuwirken, dass global etwas gegen den Klimawandel getan wird — verhindern kann sie ihn jedoch nicht eigenhändig.
Hier eine Schuld der «Schweizer Behörden» zu insinuieren, ist so unsinnig wie faktenwidrig. Wenn ein Fussgänger von einem Auto überfahren wird, dann ist auch nicht das Strassenverkehrsamt schuld, welches das Auto zugelassen hat.
Klar, gäbe es überhaupt keine Zulassungen von Autos mehr, gäbe es auch keine Verkehrsunfälle mit PKWs mehr. Doch genauso gut könnte die Regierung sämtliche Bäume fällen lassen, weil jemand von einem herabfallenden Ast erschlagen werden könnte.
Sollte der Ukraine-Krieg tatsächlich in einen Atomkrieg ausarten, dann trifft auch die schweizerischen Behörden eine gewisse Mitschuld daran: schliesslich hätte man sich noch intensiver für eine Friedenslösung engagieren können. Aber zu behaupten, die schweizerischen Behörden seien schuld an einem Atomkrieg, ist genau so verwegen, wie zu behaupten, dass sie am Klimawandel schuld sei.
Und was ist von den Klimaseniorinnen zu halten, welche gemäss Dr. Seidenberg «verspottet und als vertrottelte, manipulierte Greisinnen dargestellt» wurden?
Was die Manipulation anbelangt: Der «Verein Klimaseniorinnen» hat seinen Sitz an derselben Adresse wie der Hauptsitz von Greenpeace Schweiz, nämlich an der Badenerstrasse 171 in Zürich. Ein wasserdichtes Alibi sieht definitiv anders aus.
Und auch sonst präsentiert sich die Angelegenheit reichlich infantil: Wer hat denn all das CO2 in die Luft geblasen? Die Jungen oder die ältere Generation? Die Antwort ist schnell gegeben: Die ältere Generation, und dabei insbesondere die Seniorinnen, weil die ja noch länger leben und entsprechend mehr Klimagase ausstossen als die Senioren.
Tatsächlich erinnern diese «Klimaseniorinnen» an eine Horde Teenager, welche sich ins Koma saufen —  und sich am nächsten Tag darüber aufregen, dass es im Zimmer nach Kotze stinkt.
Und Mami — pardon: die Behörden — sollen den selber produzierten Dreck dann gefälligst wegputzen. Mehr Anspruchshaltung geht kaum!
Der Tages-Anzeiger wird mit solchen Artikeln immer mehr zur «Bravo». Ein auch nur rudimentärer Faktencheck? Fehlanzeige, solange bloss die Gesinnung stimmt. Im Vergleich dazu ist die Kolumne von Dr. Sommer in «Bravo» geradezu ein wissenschaftlicher Aufsatz.

*Der Artikel erschien zuerst in der «Walliser Zeitung». Mit freundlicher Genehmigung des Autors. 

Unpaid Nonsens in der NZZ

Normalerweise steht über so was wie Ermottis Märchenstunde «paid content».

In der NZZ gibt es viel Licht. Aber auch viel Schatten. Dunkelschwarz ist es, wenn Sergio Ermotti auf einer ganzen Seite schwurbeln darf. Er hat sich nicht mal die Mühe gemacht, dass seine Corporate Communication extra für die alte Tante in die Tasten griff. Sondern die NZZ fasst einfach ein Referat des Bankenlenkers zusammen.

Es ist für alle Kenner der Sachlage fast unerträglich, wie Ermotti die Ereignisse zusammenfasst, die am 19. März kumulierten. Hier fand ein einmaliger Kniefall der Schweizer Regierung vor der UBS statt. Ihr wurde die letzte Konkurrentin Credit Suisse zum Schnäppchenpreis von 3 Milliarden Franken weggegeben. Mit Notrecht wurden mal wieder alle demokratischen Prozesse ausgehebelt.

Für Leichen im Keller der CS wurde eine Staatsgarantie ausgesprochen. Insgesamt gab es Staatsgarantien von 255 Milliarden Franken. Damit sich die UBS noch bequemer ins gemachte Bettchen legen konnte, wurden ausstehende Kredite (AT 1 Bonds) im Nominalwert von 16 Milliarden Franken per amtlichen Federstrich auf null gesetzt. Inzwischen gibt es weltweit Hunderte von Klagen durch geprellte Anleger. Möglicherweise greift hier die Staatshaftung, also wird der Steuerzahler zur Kasse gebeten.

Die zuständige Bundesrätin Keller-Sutter zeigte sich völlig überfordert («this is not a bail-out»). Die schwierigste Aufgabe für den VR-Präsidenten der UBS war, zu all dem ein staatstragendes Gesicht zu machen und nicht laut herauszuprusten vor Lachen.

Durch diesen Notverkauf unter Wert ist eine Monsterbank entstanden, die zudem wettbewerbsrechtlich zu grössten Bedenken Anlass gibt. Aber wenn schon, denn schon. Auch mit Notrecht übersteuerte gerade die Bankenaufsicht FINMA die berechtigten Einwände der Wettbewerbskommission. Ein staatspolitisches Trauerspiel erster Güte, ein Abgrund von staatlicher Verantwortungslosigkeit.

Oder in den Worten von Ermotti: «Am Wochenende des 19. März 2023 zeigte die Schweiz Stärke und Mut. Die Regierung, die Aufsichtsbehörden und die UBS trugen durch ihr entschlossenes Handeln dazu bei, gravierende Folgen für die Finanzwelt und die Wirtschaft zu verhindern und den Ruf der Schweiz zu erhalten.»

Man fragt sich, in welcher Parallelwelt seine Redenschreiber leben. Allerdings haben sie gelegentlich Sternstunden einer diabolischen Umkehrlogik: «Aus dem Untergang der Credit Suisse sollte man nicht ableiten, dass die einzige verbleibende Grossbank den Preis für das Versagen anderer bezahlen und für ihre globale Bedeutung bestraft werden sollte.» Wer will denn die UBS bestrafen, welchen Preis für das Versagen anderer sollte sie bezahlen? Sie hat einen Sondergewinn von 25 Milliarden durch ein staatliches Geschenk gemacht; die Shareholder der CS haben bezahlt und wurden bestraft, der Schweizer Steuerzahler ging ins Risiko.

Und weiter im wilden Geholper: «Allein die UBS, die Credit Suisse und ihre Mitarbeitenden in der Schweiz zahlten in den vergangenen zehn Jahren rund 25 Milliarden Franken an Steuern. Im Jahr 2023 waren es 2,6 Milliarden.» Oder mit anderen Worten: ein Klacks ein einstelliger Prozentanteil an den gesamten Steuereinnahmen. Ausserdem zahlten sie erst wieder Steuern, nachdem sie die Verlustvorträge durch die Finanzkrise eins ausgeschöpft hatten.

Die ewige Leier, jetzt ist alles anders, besser, darf natürlich auch nicht fehlen: «Die UBS hat heute ein viel sichereres Risiko- und Geschäftsprofil als in der Vergangenheit.» In Wirklichkeit hat die UBS – im Vergleich zu ihrer potenziellen Gefahr für die Schweizer Volkswirtschaft und Stabilität – ein viel zu kleines Eigenkapital und wehrt sich mit Händen und Füssen gegen eine Erhöhung. Schlimmer aber: mangelndes Eigenkapital ist nie das Problem einer Bank in ernster Gefahr. Selbst Lehman Brothers hatte ein höheres Eigenkapitalpolster als die UBS vor dem damaligen Zusammenbruch, dem Startschuss zur Fast-Kernschmelze des internationalen Finanzsystems.

Das Problem einer Bank ist die Liquidität bei einem Bank Run, wenn sie kurzfristig langfristig angelegtes Geld anstürmenden Kunden auszahlen sollte. Wäre das bei der UBS der Fall, müsste die SNB als lender of the last ressort Gelder herbeiklicken, dass der Schweizerfranken seinen Ruf als sicherer Hafen auf Jahre verspielt hätte.

Schliesslich betritt Ermotti mit sicherem Schritt eine Wunderwelt wie Alice: «Wir sollten Bankbilanzen auch nicht mit denen von Industrieunternehmen vergleichenDas ist der feuchte Traum jedes Bankenlenkers. Ja nicht die grundsolide Eigenfinanzierung eines Industrieunternehmens, wo reale Werte geschaffen werden, mit dem Gebastel einer Bankbilanz vergleichen, wo alleine für die Definition des Eigenkapitals mehrere Seiten verwendet werden, bei denen nur Träger eines Black Belts in Accounting überhaupt noch durchsteigen. Vom Anteil von Bilanzposten, die mangels Markt gar nicht bewertet, sondern nur mit dem feuchten Finger in der Luft geschätzt werden können, ganz zu schweigen.

Schliesslich noch Schalmeientöne, was denn im natürlich furchtbar unwahrscheinlichen Fall einer Krise geschehen würde: «Am Montag würde die Bank mit einer gesunden Bilanz und ausreichendem Kapital wieder öffnen, Kunden und Gegenparteien wären beruhigt. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Steuerzahler einen Franken verlieren würde, ebenso wenig wie Einleger und vorrangige Gläubiger der Bank.»

Falls es jemand immer noch nicht kapiert haben sollte, wird Ermotti am Schluss nochmal ganz deutlich: «Deshalb brauchen wir eine Regulierung mit Mass und ein Bankensystem, dessen Akteure höchste Integrität beweisen und nachhaltig wirtschaften.»

Ds ist die abgesoftete Version seines Vordenkers im VR Marcel Ospel selig, der vor dem Fast-Zusammenbruch der UBS noch getönt hatte: «Unsere Investmentbank soll die Nummer eins werden.» Auch er empfahl der Politik, sie solle sich aus Angelegenheiten raushalten, von denen sie keine Ahnung habe: «Die Wirtschaft muss dem Staat helfen, sich zu benehmen.» Hochmut kam dann vor dem Fall.

Und wie steht es um die «höchste Integrität?» Ist ein Gehalt von sagenhaften 14,4 Millionen Franken für 9 Monate Arbeit Ausdruck vermittelbarer Integrität? Gehört sich das für einen Bankenlenker, der respektiert und anerkannt werden will? Kann Ermotti wirklich jeden Arbeitstag so viel wert sein wie ein Jahres-Medianlohn in der Schweiz, nämlich rund 80’000 Franken?

Man kann diesen Kotau der NZZ vielleicht auch so sehen: Sie dokumentiert, was sich im Hirn eines Dinosauriers abspielt, dessen Fall die ganze Schweiz erbeben lassen würde. Das Denken von Führungspersonal wie Ermotti zerstört keinesfalls die Bedenken, dass das nicht passieren könnte.