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Der Pate, Teil IV

Präsident Donald Trump machte Maduro ein Angebot, das der hätte annehmen sollen: hau ab.

Jetzt sitzt Venezuelas Staatschef in einem Ami-Knast, und die Schweiz friert Vermögen ein.

Das Foto aus dem Kommandoraum in seinem Golf-Ressort Mar-a-Lago sagt alles. Da sitzt Donald Trump, sorgfältig gefönt und mit grimmigem Blick neben seinem CIA-Direktor und seinem Kriegsminister und betrachtet live die «gute TV-Show», wie US-Truppen Dutzende von Kubanern und Venezolanern umbringen und den Präsidenten samt Frau kidnappen.

Schade, dass Marlon Brando nicht mehr lebt. Er hätte diesem Auftritt eines Paten wenigstens Grösse verliehen.

Es sind die Regeln der Mafia, nach denen hier gespielt wird. Jeder, der Capo de tutti i capi werden will, muss ein Exempel statuieren. An einem anderen Capo, damit dessen Gefolgsleute zu ihm überlaufen und er das Territorium beherrscht.

Natürlich darf die Hierarchie weiterexistieren, damit nichts in Unordnung gerät. Der neuen venezolanischen Präsidentin Delcy Rodríguez wurde öffentlich klargemacht, dass sie am Gerät bleiben darf – wenn sie genau das tut, was man ihr sagt.

Die Profite aus dem grössten Ölsee der Welt werden neu aufgeteilt. Die USA holen sich zurück, was ihnen angeblich vor Jahren gestohlen wurde. Und die Clique um Maduro darf sich weiterhin eine Scheibe abschneiden – einfach eine viel kleinere als vorher.

Bei Maduro war der Vorwurf, eine wichtige Rolle im Drogenhandel Richtung USA zu spielen, lediglich ein Vorwand. Belegfrei, unsinnig wie die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins. Im Fall Kolumbiens ist durchaus was dran.

Als Pate Trump gefragt wurde, ob es ähnliche Pläne bezüglich Kolumbiens Präsident Gustavo Petro gebe, antwortete er «sounds good to me», hört sich für mich gut an.

Auch Mexiko, wo an der Grenze zu den USA rechtlose Zustände herrschen, das Gebiet von Drogenkartellen beherrscht wird, die hier aus China importiertes Fentanyl auf dem Landweg in die USA befördern, muss ein Eingreifen fürchten.

Das alles wird den Drogenmarkt USA zwar nicht austrocknen. Aber es zeigt, wer der Herr im Haus ist und wessen Hausrecht gilt.

Ein Schlag gegen die grössten Drogengeldwaschmaschinen der Welt, die in den USA stehen, wäre zwar viel effektiver. Aber mit der US-Finanzwelt und -unterwelt will sich selbst ein Pate nicht anlegen.

Ach, da wäre ja auch noch Panama, das Trump in seinen Aufzählungen vergessen hat. Aber als 79-Jähriger kann man sich nicht an alles erinnern.

Und dann gibt es «die offizielle Position» der US-Regierung zu Grönland. Die Rieseninsel sollte unbedingt Teil der USA sein.

Oder Original-Trump:

«Wir brauchen Grönland für unsere nationale Sicherheit

Warum? Die Insel liege strategisch günstig und sei von «russischen und chinesischen Schiffen» umgeben.

Und von US-U-Booten. Vor allem aber von Walen, Robben, Walrossen, Fischen und Meeresgetier.

Dass Grönland Teil von Dänemark ist und hier ein NATO-Mitglied einem anderen offen mit militärischer Gewalt droht – in einem zivilisierten Zusammenleben eigentlich undenkbar.

Was macht die offizielle Schweiz? Protestiert sie als neutraler Staat gegen diesen Raubüberfall auf Venezuela, droht sie den USA Sanktionen an (diejenigen gegen Russland könnten problemlos als Vorlage dienen)? Verurteilt sie in klaren Worten die wiederholten Drohungen Trumps, sich Grönland anzueignen?

Ach was. Der Schweizer Bundesrat hat Vermögenswerte von Maduro und 37 Personen aus seinem Umfeld vorsorglich eingefroren, um «sicherzustellen, dass solche Gelder im aktuellen, volatilen politischen Umfeld nicht aus der Schweiz abfliessen können».

Grundlage der Massnahme ist das Bundesgesetz über die Sperrung und die Rückerstattung unrechtmässig erworbener Vermögenswerte ausländischer politisch exponierter Personen (FIAA bzw. SRVG).

Während bislang Schweizer (und Liechtensteiner und europäische) Banken und Vermögensverwalter null Skrupel hatten, sich der Verwaltung von geraubten venezolanischen Ölexporteinnahmen dumm und krumm zu verdienen, kommt nun plötzlich Panik auf.

Von dieser Beschlagnahmung seien aber amtierende Regierungsmitglieder ausgenommen. Stupende Logik; sind die denn weniger korrupt als Maduro?

Das Ganze erinnert an die rund 800 Zombie-Trusts reicher Russen in Liechtenstein, deren Treuhänder ab Anfang letztes Jahr blitzartig das Weite suchten, nachdem einige ihrer Kollegen auf die US-Sanktionsliste der OFAC gerieten. Seither sind die Trusts handlungsunfähig. Es geht um rund 20 Milliarden Dollar, insgesamt.

Im Fall von Venezuela sprechen wir von ganz anderen Dimensionen. Es wird geschätzt, dass unter dem Regime von Chávez und dann Maduro bis zu 300 Milliarden Dollar veruntreut wurden.

Und die hätten nicht nur Venezuela, sondern auch die USA gerne zurück. Schliesslich kostet der Wiederaufbau der verlotterten Ölindustrie schätzungsweise 120 Milliarden Dollar.

Der arme Maduro hat also nicht nur seine Freiheit, sondern auch sein Vermögen verloren.

Das nächste Mal kann Pate Trump sicher sein, dass sein Angebot nicht abgelehnt werden wird.

Und zwischenzeitlich betätigt er sich als Pirat in internationalen Gewässern.

Dieser Artikel erschien zuerst in leicht abgeschwächter Form auf «Inside Paradeplatz».

Scheiss auf das Recht

Darf ein Krimineller einen Kriminellen entmachten?

Werner J. Marti von der NZZ kriegt sich vor Begeisterung kaum ein: «Mit einem mächtigen militärischen Schlag in der Nacht auf den Samstag ist es den Amerikanern gelungen, den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau festzunehmen und aus dem Land auszufliegen

Nun gebe es einige, sogar in Präsident Trumps Partei, die an diesem mächtigen Schlag rummeckern. Aber:

«Aus formaljuristischer Sicht sind diese Vorwürfe wohl korrekt. Aber aus moralischer Sicht – und beim jetzigen Stand der laufenden Ereignisse – muss man nach der erfolgreichen Operation der letzten Nacht festhalten, das(s) der Nutzen die Kosten der Operation voraussichtlich weit übersteigt.»

Die «formaljuristische Sicht» gegen Martis höchsteigene «moralische Sicht»?

Das Recht des Stärkeren, Kriegsverbrechen sind auch nur Kavaliersdelikte, der Zweck heiligt die Mittel, Willkür und Faustrecht statt regelbasierte Ordnung, in welche moralische Verluderung sind wir geraten?

Maduro wurde die Beteiligung an und die Unterstützung von Drogenhandel vorgeworfen. Dabei ist sonnenklar, dass der Kampf gegen den narcotrafico in Kolumbien und in den USA selbst geführt werden müsste. Zum Beispiel, indem die grossen Geldwaschmaschinen, in denen die Drogenmafia ihre Milliardengewinne legal macht, in Miami, in Texas und in Connecticut abgestellt würden.

Man erinnert sich: Als Saddam Hussein störte, weil er seinen Ölhandel von Dollar auf Euro umstellen wollte, besass er plötzlich Massenvernichtungswaffen. Eine Lüge als Vorwand, ihn wegzuhauen.

Als Gaddafi störte, wurden plötzlich Warlords unterstützt, bis es ihn weghaute.

Die Schläge gegen die iranischen Mullahs, mit denen das Regime ins Wanken gebracht wird – alles Unternehmungen, um Freiheit und Demokratie zu befördern?

Das glauben wohl nur verblendete Trump-Fans, die diesem Kriegsverbrecher alles verzeihen und ihn weiterhin unterstützen.

Der israelische Regierungschef Netanyahu wird inzwischen per internationalen Haftbefehl vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht.

Was befreundete Staaten nicht davon abhält, ihn zu empfangen – statt einzusperren und nach Den Haag auszuliefern.

Auch Präsident Trump würde inzwischen, wie Russlands Präsident Putin, genügend Anlass für einen solchen Haftbefehl bieten.

Da die USA wohlweislich die Gerichtsbarkeit des IStGH nicht anerkennen (was Kriegsverbrecher Kissinger bis ans Lebensende freies Reisen ermöglichte), müsste Trump wohl auch per Kommandoaktion festgesetzt und überstellt werden.

Was für eine absurde Idee.

So absurd wie die Weltlage, so absurd wie die Kommentierung des Überfalls auf Venezuela.

Zurück zum Verächter des Rechtsstaats Marti: «Noch ist das Ende der Ereignisse in Venezuela nicht absehbar. Für das venezolanische Volk ist zu hoffen, dass diese das Land auf den demokratischen Weg zurückführen. Eine gut organisierte Opposition würde bereitstehen, um die Zügel im Land zu übernehmen

Ist es die Absicht der USA, das zu befördern? Da muss Marti ganz fest die Augen und Ohren schliessen, um die von Vizepräsident Vance seinem Chef nachgeplapperten eigentlichen Absichten zu ignorieren:

«Gegen Maduro liegen in den Vereinigten Staaten mehrere Anklagen wegen Drogenschmuggels und Terrorismus vor. Man kann der Justiz in den USA nicht entgehen, nur weil man in einem Palast in Caracas lebt», macht Vance klar.

Mit anderen Worten: US-Recht gilt überall auf der Welt.

«Der Drogenhandel muss aufhören, und das gestohlene Öl muss an die Vereinigten Staaten zurückgegeben werden.»

Deutlicher kann man es wohl nicht sagen. Mit der absurden Behauptung, Venezuela habe vor über 50 Jahren US-Firmen nationalisiert und somit den USA Öl «gestohlen», wird der eigentliche Grund für diesen Überfall überdeutlich formuliert.

Ist es nun gut oder schlecht, dass die USA mit den üblichen Kollateralschäden (eine unbekannte Anzahl Venezolaner wurde getötet, aber shit happens) den korrupten und unfähigen Maduro von der Macht entfernt haben?

War es der venezolanischen Bevölkerung nicht zu wünschen, dass sie diesen Verbrecher los wird? Aber auf diese Weise?

Gäbe es da nicht eine lange Liste von afrikanischen Blutsäufern und Massenmördern, die noch dringlicher von der Macht entfernt werden müssten, wollte man dieser Logik folgen? Aber wo nur Hunderttausende verrecken, Millionen auf der Flucht sind und Verbrechen ohne Gnade verübt werden, es aber keine Rohstoffe zu behändigen oder geostrategische Positionen zu erobern gibt – da erlahmt der Wille, Kriegsverbrecher von der Macht zu entfernen.

Was ist Plan B in Venezuela, wie soll’s weitergehen, gibt’s Bürgerkrieg, Flüchtlingswelle, Militärdiktatur – oder macht sich Venezuela auf den Weg ins Paradies?

Wird die kindische Hoffnung von Marti eintreten? Kindisch, weil nur Kleinkinder meinen, dass man bloss fest genug wünschen muss, dann wird’s wahr.

Klar ist bislang nur eins: die USA werden direkten und billigen Zugriff auf den grössten Ölsee der Welt bekommen.

In dem gerade mal wieder der Rechtsstaat ersoffen ist.

Selten hat der Führer der freien Welt seine mafiösen Absichten klarer angekündigt:

«Wir werden das Land regieren», trompetet Trump. Und: «Ich werde den nächsten Präsidenten ernennen.» Könnte das die Friedensnobelpreisträgerin und Anführerin der Opposition María Corina Machado sein?

Aber nein, die stand dem Egomanen Trump in der Sonne, als nicht er den ersehnten Preis bekam. Also mault er: «Sie ist eine sehr nette Frau, aber ihr fehlt der Respekt der Bevölkerung.» Woher er das wieder weiss?

Dann fantasiert Trump noch über die angebliche Bereitschaft von Venezuelas Vizepräsidentin Rodríguez, mit den USA zusammenzuarbeiten. Dabei fordert die scharfe Kritikerin der USA die sofortige Freilassung von Maduro. Und man sei bereit, Venezuela und seine natürlichen Ressourcen zu verteidigen.

Versager Trump hätte ja wenigstens den üblichen Spruch ablassen können, nachdem die USA mal wieder einen Regierungschef weggehauen haben: man werde nun alles dafür tun, dass demokratische Wahlen stattfinden könnten. Bei denen dann überraschend der von der CIA und mit Multimillionen aus den USA unterstützte Kandidat ganz demokratisch gewinnt.

Aber selbst dafür ist Trump zu blöd.

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Dieser Artikel erschien in einer ersten Fassung auf «Inside Paradeplatz».

 

 

Baurs selektive Wahrnehmung

Eigentlich weiss Alex Baur, worüber er schreibt. Das macht’s schlimmer.

Er ist ein profunder Kenner Lateinamerikas. Und Rechtsausleger. Und Grossanalyst mit Scheuklappen. Nachdem in Lateinamerika reihenweise linke Regierungen gekippt sind (wobei man bei Brasiliens Lula, Venezuelas Maduro oder Nicaraguas Ortega kaum mehr von Linken sprechen kann), müsste er eigentlich in Jubelstimmung sein.

Allerdings versucht er sich immer wieder in Überflieger-Analysen der ganz grossen Zusammenhänge. Dabei wird er aber sehr selektiv, was die Wahl seiner Argumente und Beschreibungen betrifft. Um seine These zu stützen:

«Natürlich wünschen sich die USA einen regime change in Venezuela. Zweifellos stehen hinter dem US-Aufmarsch auch geostrategische Interessen. Mit Betonung auf auch. Doch wenn diese Interessen existenziell wichtig wären für die USA, hätten sie schon lange eingreifen müssen.»

Denn, zum Beispiel: «Die Russen unterhalten mit dem Regime in Kuba seit 65 Jahren einen strategisch-militärischen Brückenkopf in Amerika.» What a bullshit, würde Trump sagen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR brach dieser Brückenkopf 1990 zusammen. Die Abhörstation Lourdes bei Havanna ist längst umgenutzt, gelegentliche Besuche von russischen Kriegsschiffen und die merkwürdige Schallattacke auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna haben höchstens anekdotischen Wert.

Es gibt keinen militärischen Brückenkopf Russlands auf Kuba.

«Seit der dilettantisch vorbereiteten, von der CIA nur halbpatzig unterstützten und kläglich gescheiterten Invasion in der Schweinebucht (1961) sind US-Militäreinsätze auf dem amerikanischen Kontinent rar geworden. Grenada (1983) und der Sturz des Noriega-Regimes in Panama (1989) waren Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Beide Aktionen verliefen relativ unblutig, nach getaner Arbeit zogen die Amis ab.»

What a bullshit, würde Trump sagen.

Nach dem Schweinebucht-Debakel folgte die Operation Mongoose gegen Kuba. Das Attentat auf den Diktator Trujillo in der Dominikanischen Republik, plus der Einmarsch von 25’000 GIs, militärische Eingriffe in den Bürgerkrieg. Die CIA-Aktionen in Ecuador, die Militärputsche provozierten. Die Destabilisierung der Regierung Allende in Chile, die Unterstützung des blutigen Militärputschs, orchestriert vom Kriegsverbrecher Kissinger. Die Operation Condor. Die Unterstützung der Contras, von Todesschwadronen in Zentralamerika. Das Folter-Ausbildungszentrum für alle Schlächter und den Abschaum Lateinamerikas in der School of the Americas in Panama. Und so weiter und so fort.

Wie unblutig der Überfall auf Panama war, da hilft schon mal die Lektüre von John le Carré «Der Schneider von Panama». Wie viele tausend Tote er forderte, konnte nie festgestellt werden, weil viele Leichen in Massengräbern verscharrt wurden.

Dann räumt Baur etwas ein, um gleich darauf wieder ins Absurde abzuschweben: «Zwar kooperierten sie im Kalten Krieg mit den Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile, die als Reaktion auf den marxistischen Terror entstanden waren. Doch die zu einem grossen Teil von Moskau via Havanna geförderten und kontrollierten Guerillas – anderswo hätte man sie als Terroristen bezeichnet – waren alles andere als demokratisch gesinnt. Was geschieht, wenn man sie gewähren lässt, hatte sich in Kuba gezeigt. Als die kommunistischen Revolutionäre mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden, förderten die USA die Demokratie in Lateinamerika nach Kräften.»

Marxistischer Terror beispielsweise in Paraguay, what a joke, würde Trump sagen. Die USA förderten die Demokratie in Lateinamerika, da würde sich selbst Trump die Lachtränen abwischen.

Der laut Baur «Allianzen schmiedet mit demokratischen rechten Regierungen in Argentinien, Paraguay, Ecuador, El Salvador und neuerdings Bolivien, die sich für amerikanische Werte einsetzen». Demokratische Regierung in Paraguay, um nur dieses Beispiel zu nehmen? I laugh my ass off, würde Trump sagen, wenn er wüsste, wo Paraguay liegt.

Weiter im wilden Ritt: «Gewiss liegt in der DNA der Vereinigten Staaten, die ihre Grenzen ständig erweiterten, eine expansionistische Komponente. Doch diese war durchdrungen von einer aufklärerischen Mission, vom Freiheitsgedanken, der die amerikanische Verfassung prägt.»

Da wird sich Mexiko sicherlich dafür bedanken, dass diese aufklärerische Mission über 50 Prozent des nationalen Territoriums annektiert, geraubt, weggenommen hat.

Dann wird es geostrategisch: «Die USA sind im Wesentlichen eine Seemacht, die nicht auf Landgewinn aus ist, sondern die Weltmeere beherrschen und ihre Handelsrouten schützen will. Die Kontinentalmacht Russland dagegen strebt seit je nach Ausweitung ihrer Grenzen, die sie schlecht schützen kann.»

Das tun die USA mit Invasionen in Afghanistan, im Irak, mit Bombenraids gegen den Iran, mit subversiven Aktionen ohne Zahl. Während Russland der grosse Rest der Sowjetunion ist, die niemals in ihrer Geschichte Westeuropa überfallen hat, aber selbst immer wieder überfallen wurde, von Napoleon bis Hitler.

Russland ist im Vergleich zur UdSSR um ein Viertel geschrumpft. Soviel zur Ausweitung der Grenzen.

Dann kommen wir zum Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.

Wir kommen zum Schluss und dem letzten Schuss in den Ofen: «Trumps Provokationen um Grönland, Panama, Mexiko und Kanada mögen Wellen werfen. Aber fühlt sich irgendjemand in diesen Ländern bedroht von den USA

Wenn man die Bewohner dieser Länder und ihre Regierungen fragen würde: ja, allerdings.

Welche Fehlananlyse. So sad, würde Trump sagen.

Abrazo, Maduro

Die USA haben einiges versucht, den venezolanischen Diktator von der Macht zu vertreiben. Neu mit Umarmung?

Man muss die Meldung des «Wall Street Journal» noch in einer zweiten seriösen Newsquelle absichern, um’s zu glauben: eine Gruppe höherer US-Regierungsbeamter flog vergangenen Samstag nach Venezuela, um mit Diktator Nicolás Maduro die Möglichkeit einer Aufhebung des Ölembargos zu diskutieren.

Nebenbei auch noch die Freilassung einiger Gefangener, aber eigentlich geht’s natürlich ums Öl. Die USA gehörten lange Jahre, auch noch zu Zeiten von Hugo Chávez, zu den Importeuren von venezolanischem Öl. Denn das Land sitzt auf den wohl grössten Ölreserven der Welt.

Nur ist es Chávez und vor allem seinem Nachfolger Maduro gelungen, Venezuela in verzweifelte Armut zu stürzen, während sich die herrschende Clique selbst für lateinamerikanische Verhältnisse ungeniert, ungehemmt und unanständig bereichert. Dafür dienen vor allem weiterhin Ölexporte, deren Gewinne nicht etwa in dringend nötige Nahrungsmittelkäufe fliessen, sondern in die tiefen Taschen korrupter Funktionäre.

Korrupter und unfähiger Funktionäre, muss man hinzufügen, denn mit unermüdlicher Arbeit ist es nur aus Parteitreue zu ihren Posten gekommenen Managern gelungen, die Erdölproduktion Venezuelas auf einen Bruchteil früherer Zeiten zurückzufahren.

Alle Putschversuche gescheitert

Alle Versuche, vor allem der Trump-Regierung, Maduro zu stürzen oder seinen Gegenpräsidenten Juan Gaidó bei einer Machtübernahme zu unterstützen, sind kläglich gescheitert. Fast vergleichbar mit der Ukraine befinden sich Millionen von Venezolanern auf der Flucht, um den unerträglichen Lebensumständen in ihrem Land zu entkommen.

Maduro, das müssen selbst linke Solidaritätsbesoffene anerkennen, ist die Karikatur eines sozialistischen Führers. Unfähig, korrupt bis in die Knochen, ohne jedes Anzeichen, dass er einen Plan hätte, um das Land aus dieser Misere herauszuführen. Venezuela stellt praktisch nichts selbst her, muss alles importieren, auch Nahrungsmittel, und durch das Absacken der Ölproduktion, plus das Abzweigen bedeutender Teile der Einnahmen, fehlen die Devisen.

Auch alle Sanktionen, die die USA gegen Venezuela verhängten, hatten keine Wirkung – ausser, dass es der Bevölkerung noch dreckiger ging. Aber spätestens seit Corona ist auch dieses Höllenloch von der Landkarte des Interesses verschwunden.

Sollte es der Biden-Administration aber tatsächlich ernst sein, wäre das für Maduro ein verspätetes Weihnachtsgeschenk ungeahnten Ausmasses. Es wäre Ostern, Geburtstag und Wünsche wahrwerden auf einmal.

Es geht halt ums Öl, worum denn sonst

2005 betrug die Ölproduktion noch 3 Millionen Fass pro Tag, 2018 hatte sich das halbiert, heutzutage sind es noch 800’000, wenn die Angaben stimmen. Um den Output zu steigern, müssten die USA zunächst einiges Geld in die Hand nehmen, um die marode Infrastruktur wieder einigermassen in Betrieb zu setzen. Das ist aber nicht so einfach und so schnell möglich. Ein Spezialist schätzt, dass es fünf Jahre mit jährlichen Investitionen von 12 Milliarden Dollar bräuchte, um das Produktionsniveau wieder auf frühere Höchststände zu heben.

Es gibt noch eine zweite, gewaltige Hürde. Venezuela braucht eigentlich jeden Tropfen Öl, um seine Schulden gegenüber Russland und vor allem China zu begleichen; hier steht der faktisch bankrotte Staat mit über 60 Milliarden Dollar in der Kreide.

Die USA wiederum importierten täglich 540’000 Fass Öl aus Russland. Nachdem das von der Biden-Administration abgeklemmt wurde, muss schnell Ersatz her. In den «besten» Zeiten importierten die USA aus Venezuela mehr Öl. Dort ist also die entsprechende Infrastruktur vorhanden.

Allerdings ist es selbst mit dem Einsatz modernster Technologie und Milliarden nicht möglich, eine zu Schanden gewirtschaftete, marode, verlotterte Produktionsinfrastruktur in nützlicher Frist hochzufahren. Selbst eine Steigerung der Tagesproduktion auf eine Million Fass wäre schon ein Gewaltsakt. Das wäre zwar mehr als genug, um Russland zu ersetzen. Aber weder China noch Russland würden es komisch finden, wenn der Schuldendienst, sowieso schon verzögert, weiter verdünnt würde.

Auch Kuba könnte wieder einmal profitieren

Also zeugt dieser Versuch der Biden-Administration von einer unfassbaren Dummheit. Sozusagen als Kollateralschaden würde sich auch das völlig in den Seilen hängende Kuba freuen. Das profitierte über Jahre von sozialistischen Brudergaben in Form von Gratis-Öl. Was auch seit einigen Jahren versiegte und zusammen mit dem Zusammenbruch des Tourismus und der Erschwerung von Überweisungen der Exilkubaner für eine Wirtschaftskrise sorgte, die schlimmer ist als während des sogenannten «periódo especial», der speziellen Periode in Friedenszeiten nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers Anfang der 90er-Jahre.

Das hatte auf Kuba zehn dunkelschwarze Jahre zur Folge, bis Anfang 2000 Chávez sozusagen von Fidel Castro adoptiert wurde. Eine teure Freundschaft für Venezuela. Vielleicht mit Fortsetzung.