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Schnappatmung vor den Wahlen

Wäre es Le Pen geworden – Weltuntergang in den Medien.

Tamedia kriegte sich vor den französichen Präsidentschaftswahlen kaum mehr ein. «Sie will die Allianz des Westens sprengen», «Das zweite Gesicht der Marine Le Pen», «Eine Präsidentin Le Pen wäre für Putin ein Triumph». Das war schwer zu toppen, aber man probierte es: «In Frankreich entscheidet sich das Schicksal Europas». Und schliesslich: «Wie viele Warnschüsse braucht es noch? Was, wenn Marine Le Pen gewinnt

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Der «Blick» arbeitete gewohnheitsmässig mit dem grossen Hammer: «Sieg Le Pens wäre lebensbedrohliche Katastrophe», warnte ein «Frankreich-Experte». «Heute fällt Frankreich grundlegenden Richtungsentscheid», wusste das Blatt der tiefen Analyse am Wahltag. Hoffnung gab da nur eine «geheime» Wahlumfrage:

Auch CH Media wollte sich alle Optionen offenhalten: «Das Schreckgespenst war einmal. Warum Le Pen trotz allem gewinnen kann». Aber schliesslich konnte auch die Zentralredaktion aus dem Aargau Entwarnung geben: «Europa atmet auf: Macron gewinnt deutlich gegen die rechtsextreme Le Pen». Immer wieder gut, wenn nur einer der beiden Kandidaten ein Etikett angeklebt kriegt. Also «teflonartiger Macron gewinnt gegen rechtsextreme Le Pen», zum Beispiel.

Auch das Blatt der Tiefenanalyse wollte sich nicht wirklich festlegen: «Frankreichs Politiker schliessen die Reihen gegen Le Pen – doch für Macron könnte es in der Stichwahl eng werden», unkte die NZZ noch am 11. April. Auch sie machte sich Sorgen: «Was ein Sieg Le Pens für Europa bedeuten würde». Ja was denn? «Das deutsch-französische Tandem würde an die Wand gefahren.» Aber auch die NZZ griff zu Alarmismus: ««Was Le Pen plant, kommt einem Staatsstreich gleich», lässt sie Juristen warnen. Aber auch hier findet es sich zum Happyend. Entweder haben CH Media und NZZ die SDA abgeschrieben, oder die alte Tante kam kongenial zum fast identischen Titel: «Grosse Erleichterung in Europa über den Wahlsieg von Macron».

Es konnte ja eigentlich kein vernünftiger Zweifel existieren, dass Macron gewinnen wird. Alleine die zusätzlichen Stimmen, die er vom linksradikalen Kandidaten kriegte, machten seinen Sieg klar. Während Le Pen nur die wenigen Stimmen von Éric Zemmour abstauben konnte. Der war zuvor auch als der noch grössere Gottseibeiuns und möglicher Kandidat für die Stichwahl hochgeschrieben worden.

Dabei schrumpfte er im ersten Wahlgang auf mickrige 7,1 Prozent, während der linksradikale Kandidat Mélenchon, den die meisten «Frankreich-Kenner» gar nicht auf dem Zettel hatten, mit 22 Prozent sogar knapp an Le Pen herankam und beinahe eine Sensation geschafft hätte.

Durch die krachende Fehlanalyse bei den vorletzten US-Präsidentschaftswahlen gewitzigt und vorsichtig geworden, wagte diesmal niemand eine klare Aussage. Selbst der mehr als wahrscheinliche Gewinn Macrons wurde immer in Frageform abgehandelt.

Dafür arbeitete man sich gewaltig an Le Pen ab. Obwohl sie eigentlich keine Chance hatte, konnte man mit ihr halt saftigere Schlagzeilen generieren als mit dem eher langweiligen Teflonpolitiker Macron, der wie beim ersten Mal eigentlich ohne Partei oder Parteiprogramm gewann. In Krisenzeiten hilft immer der Amtsbonus; selbst wenn der Wähler mit dem Präsidenten unzufrieden ist, will er mitten in der Flussüberquerung nicht die Pferde wechseln.

Also wäre Le Pen vielleicht Putins Triumph gewesen, aber Macron verdankt ihm zu einem guten Stück seine Wiederwahl. So verquer geht es in der Politik zu.

Als Absackerchen noch der Blick in die weite, ganz weite Zukunft, geworfen vom Frankreich-Kenner Peter Blunschi (man fragt sich, wo denn «watsons» Löpfe wieder steckt, wenn man ihn braucht): «Es geht für Präsident Macron dabei nicht nur um die Durchsetzung seiner Politik. Sondern auch um die Wahl 2027, wenn er nicht mehr antreten kann. Falls Macron scheitert, droht der Super-Gau: Eine Stichwahl zwischen der radikalen Linken und der extremen Rechten.» Wieso «watson» ein journalistischer Super-Gau ist, das kann man schon vor 2027 sagen. Wieso aber dannzumal eine Wahl zwischen links und rechts ein Super-Gau sein soll?

Blöde Realität

Das wird ganz knapp für Macron. Ausser, es gibt eine Überraschung.

Das nähere Ausland ist leider nicht so eine gegendarstellungsfreie Zone wie, sagen wir Cabo Verde. Nur ganz knapp konnte sich die Berichterstattung über die französischen Präsidentschaftswahlen gegen die Ukraine behaupten. Immerhin unser Nachbar, nach dem Austritt Grossbritanniens die zweitwichtigste Volkswirtschaft in der EU. Force de Frappe, Atommacht.

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Also ist es nicht ganz unwichtig, wer dort Präsident ist oder wird. Nun war schon der amtierende Amtsinhaber eine «Überraschung», weil er sozusagen aus dem Nichts kam und eine eigene Bewegung, die man kaum als Partei bezeichnen kann, hinter sich scharte.

Viele «Frankreichkenner» kannten dann Frankreich eben doch nicht so gut und gaben ihm bis fast vor Schluss nur Aussenseiterchancen. Aber immerhin, man hatte aus dem Desaster der US-Präsidentschaftswahlen gelernt. Da hielt die Fassungslosigkeit bis in spätabendliche Nachrichtensendungen an, dass die sichere Siegerin Hillary Clinton weder sicher, noch Siegerin war. Sondern der «hat keine Chance, ausgeschlossen» Newcomer Donald Trump.

Aber auch in Frankreich war man sich vom «Frankreichkenner» Daniel Binswanger abwärts (und vor allem, da ist viel Luft, aufwärts) ganz sicher: das wird eine knappe Sache. Ganz knapp, richtig knapp. Selbst dem rechten Schreckgespenst Éric Zemmour wurden Aussenseiterchancen eingeräumt. Auf verlorenem Posten sah man hingegen den Linken Jean-Luc Mélonchon. Der grosse Gottseibeiuns wurde aber Marine Le Pen.

In den Meinungsumfragen schmolz der Vorsprung Macrons, also echoten alle Frankreichkenner von nah und fern: das wird eine ganz, ganz enge Sache. So blieb’s auch bis zu den ersten behaftbaren Hochrechnungen. 27,6 Prozent für Amtsinhaber Macron, 23,4 Prozent für Le Pen – und 22 Prozent für Mélonchon. Immerhin wurde richtig geraten, dass die sogenannten traditionellen Parteien, also Republikaner und Sozialisten, unter ferner liefen ins Ziel kommen würden.

Nun ist ein Unterschied von 4,2 Prozent nicht alle Welt. Aber weit entfernt von sauknapp. Das Adjektiv trifft eher auf Le Pen und den Linken zu, der den Einzug in den zweiten Wahlgang nur um 1,4 Prozent verpasste.

Und das rechte Schreckgespenst landete ebenfalls abgeschlagen bei 7,1 Prozent. ein vernachlässigbares Resultat, im Vergleich zu den vielen, vielen Artikeln, die Zemmour gewidmet wurden.

Nun ist die Vorhersage von Wahlergebnissen tatsächlich keine exakte Wissenschaft. Es erhebt sich aber die Frage, wozu der Konsument eigentlich Geld ausgeben soll, wenn ihm Erkenntnisse serviert werden, die er auch selbst aus den Umfragen ziehen kann. Womit der Laie dann genauso falsch lag wie der angebliche Kenner und Frankreich-Korrespondent. Unbeschadet, ob der seine Korrespondenz vom sicheren Schreibtisch in der Schweiz aus oder tatsächlich vor Ort ausübt.

Nach einer solchen Fehlananlyse könnte man – vielleicht – etwas aufs Haupt gestreute Asche erwarten. So eine klitzekleine Entschuldigung, dass man die Realität mal wieder zu sehr mit der gefärbten Brille betrachtet hätte. Aber das ist nicht die Kernkompetenz von Journalisten. Schon eine Richtigstellung oder gar Entschuldigung muss man normalerweise mit der juristischen Brechstange erzwingen.

Hier reicht der Allerweltsbegriff «Überraschung». Was hat sich der französische Wähler nur dabei gedacht? Aber wenn’s schon hier nicht knapp wurde, es steht ja noch der zweite Wahlgang bevor. Und da wird’s dann – Überraschung – ganz knapp. Richtig knapp. Ganz sicher.