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Baurs selektive Wahrnehmung

Eigentlich weiss Alex Baur, worüber er schreibt. Das macht’s schlimmer.

Er ist ein profunder Kenner Lateinamerikas. Und Rechtsausleger. Und Grossanalyst mit Scheuklappen. Nachdem in Lateinamerika reihenweise linke Regierungen gekippt sind (wobei man bei Brasiliens Lula, Venezuelas Maduro oder Nicaraguas Ortega kaum mehr von Linken sprechen kann), müsste er eigentlich in Jubelstimmung sein.

Allerdings versucht er sich immer wieder in Überflieger-Analysen der ganz grossen Zusammenhänge. Dabei wird er aber sehr selektiv, was die Wahl seiner Argumente und Beschreibungen betrifft. Um seine These zu stützen:

«Natürlich wünschen sich die USA einen regime change in Venezuela. Zweifellos stehen hinter dem US-Aufmarsch auch geostrategische Interessen. Mit Betonung auf auch. Doch wenn diese Interessen existenziell wichtig wären für die USA, hätten sie schon lange eingreifen müssen.»

Denn, zum Beispiel: «Die Russen unterhalten mit dem Regime in Kuba seit 65 Jahren einen strategisch-militärischen Brückenkopf in Amerika.» What a bullshit, würde Trump sagen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR brach dieser Brückenkopf 1990 zusammen. Die Abhörstation Lourdes bei Havanna ist längst umgenutzt, gelegentliche Besuche von russischen Kriegsschiffen und die merkwürdige Schallattacke auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna haben höchstens anekdotischen Wert.

Es gibt keinen militärischen Brückenkopf Russlands auf Kuba.

«Seit der dilettantisch vorbereiteten, von der CIA nur halbpatzig unterstützten und kläglich gescheiterten Invasion in der Schweinebucht (1961) sind US-Militäreinsätze auf dem amerikanischen Kontinent rar geworden. Grenada (1983) und der Sturz des Noriega-Regimes in Panama (1989) waren Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Beide Aktionen verliefen relativ unblutig, nach getaner Arbeit zogen die Amis ab.»

What a bullshit, würde Trump sagen.

Nach dem Schweinebucht-Debakel folgte die Operation Mongoose gegen Kuba. Das Attentat auf den Diktator Trujillo in der Dominikanischen Republik, plus der Einmarsch von 25’000 GIs, militärische Eingriffe in den Bürgerkrieg. Die CIA-Aktionen in Ecuador, die Militärputsche provozierten. Die Destabilisierung der Regierung Allende in Chile, die Unterstützung des blutigen Militärputschs, orchestriert vom Kriegsverbrecher Kissinger. Die Operation Condor. Die Unterstützung der Contras, von Todesschwadronen in Zentralamerika. Das Folter-Ausbildungszentrum für alle Schlächter und den Abschaum Lateinamerikas in der School of the Americas in Panama. Und so weiter und so fort.

Wie unblutig der Überfall auf Panama war, da hilft schon mal die Lektüre von John le Carré «Der Schneider von Panama». Wie viele tausend Tote er forderte, konnte nie festgestellt werden, weil viele Leichen in Massengräbern verscharrt wurden.

Dann räumt Baur etwas ein, um gleich darauf wieder ins Absurde abzuschweben: «Zwar kooperierten sie im Kalten Krieg mit den Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile, die als Reaktion auf den marxistischen Terror entstanden waren. Doch die zu einem grossen Teil von Moskau via Havanna geförderten und kontrollierten Guerillas – anderswo hätte man sie als Terroristen bezeichnet – waren alles andere als demokratisch gesinnt. Was geschieht, wenn man sie gewähren lässt, hatte sich in Kuba gezeigt. Als die kommunistischen Revolutionäre mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden, förderten die USA die Demokratie in Lateinamerika nach Kräften.»

Marxistischer Terror beispielsweise in Paraguay, what a joke, würde Trump sagen. Die USA förderten die Demokratie in Lateinamerika, da würde sich selbst Trump die Lachtränen abwischen.

Der laut Baur «Allianzen schmiedet mit demokratischen rechten Regierungen in Argentinien, Paraguay, Ecuador, El Salvador und neuerdings Bolivien, die sich für amerikanische Werte einsetzen». Demokratische Regierung in Paraguay, um nur dieses Beispiel zu nehmen? I laugh my ass off, würde Trump sagen, wenn er wüsste, wo Paraguay liegt.

Weiter im wilden Ritt: «Gewiss liegt in der DNA der Vereinigten Staaten, die ihre Grenzen ständig erweiterten, eine expansionistische Komponente. Doch diese war durchdrungen von einer aufklärerischen Mission, vom Freiheitsgedanken, der die amerikanische Verfassung prägt.»

Da wird sich Mexiko sicherlich dafür bedanken, dass diese aufklärerische Mission über 50 Prozent des nationalen Territoriums annektiert, geraubt, weggenommen hat.

Dann wird es geostrategisch: «Die USA sind im Wesentlichen eine Seemacht, die nicht auf Landgewinn aus ist, sondern die Weltmeere beherrschen und ihre Handelsrouten schützen will. Die Kontinentalmacht Russland dagegen strebt seit je nach Ausweitung ihrer Grenzen, die sie schlecht schützen kann.»

Das tun die USA mit Invasionen in Afghanistan, im Irak, mit Bombenraids gegen den Iran, mit subversiven Aktionen ohne Zahl. Während Russland der grosse Rest der Sowjetunion ist, die niemals in ihrer Geschichte Westeuropa überfallen hat, aber selbst immer wieder überfallen wurde, von Napoleon bis Hitler.

Russland ist im Vergleich zur UdSSR um ein Viertel geschrumpft. Soviel zur Ausweitung der Grenzen.

Dann kommen wir zum Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.

Wir kommen zum Schluss und dem letzten Schuss in den Ofen: «Trumps Provokationen um Grönland, Panama, Mexiko und Kanada mögen Wellen werfen. Aber fühlt sich irgendjemand in diesen Ländern bedroht von den USA

Wenn man die Bewohner dieser Länder und ihre Regierungen fragen würde: ja, allerdings.

Welche Fehlananlyse. So sad, würde Trump sagen.

Johannes Kabatek, Kenner

Johannes who? Professoraler Rechthaber Kabatek.

Keiner zu klein, seinen Auftritt zu haben, wenn der «Blick» mal wieder auf der Suche nach einem Experten ist. Lula, Brasilien, weit weg, nix verstan. Die Chance für «Brasilien-Experte», nein «Brasilien-Kenner» Kabatek.

Eigentlich ist der im wahren Leben Professor für Romanische Philologie an der Uni Zürich. Wikipedia weiss, wovon er tatsächlich Kenner ist:

«Zu seinen Forschungsgebieten gehört unter anderem die Untersuchung von Diskurstraditionen, die Varietätenlinguistik, das Werk Eugenio Coserius, die Geschichte der Linguistik im 20. Jahrhundert, die Sprachkontaktforschung und die Erforschung des Galicischen in Geschichte und Gegenwart.»

Aber gut, dank «Blick» ist er nun auch Brasilien-Kenner. Und mit professoral-differenzierten Urteilen schnell zur Hand: Kabatek «bezeichnet zwar Lulas Aussagen als «absurd». Es sei praktisch O-Ton der Moskauer Propaganda, wenn Selenski und dem Westen zumindest eine Mitschuld an der Invasion gegeben werde. Kabatek: «Das ist, als würde man Polen die Mitschuld an der Invasion Hitlers zuschreiben – so wie es die Nazipropaganda dargestellt hatte.»»

Lula habe zwar einiges richtig gemacht, so sei er viel gereist: «Brasilien ist zurück auf der internationalen Bühne. Es gibt Staatsbesuche in Argentinien, den USA, China und im April Portugal.» Lula war schon immer eine Reisepräsident mit Fluchttendenzen ins Ausland.

Das scheint er fortzusetzen, zum Wohlgefallen des Romanistik-Philologen. Aber der muss Lula dennoch einen Fehler ankreiden: ««Es fehlt eine klare Ablehnung Lulas gegenüber Putin». Da muss Lula unbedingt nachbessern, sonst würde er beim Professor durchfallen.

Auch Bolsonaro ordnet der Brasilien-Spezialist kurz und knapp ein: ««Er ist nicht mehr Präsident und auch kein Millionär», sagt Kabatek. «Damit ist er für Trump weder interessant noch gut genug.»»

Vielleicht sollte Kabatek wenigstens einmal jemand ein paar Geschichtslektionen über den Zweiten Weltkrieg geben, bezüglich Brasilien ist Hopfen und Malz verloren.

Wenn einer über ein Thema quatscht, von dem er keine Ahnung hat, dabei von einem Journalisten zitiert wird, der auch keine Ahnung hat, hier vom «Ausland-Redaktor» Guido Felder, dann entsteht ein weiterer Artikel als Sargnagel für den Journalismus, der behauptet, eine geldwerte Leistung zu erbringen.

Im Gegenteil, der Leser müsste Schmerzensgeld verlangen dürfen.

 

Wumms: Alex Baur

Der Pensionär als Zeusler.

Man kann Alex Baur sicher nicht vorwerfen, dass er Lateinamerika nicht kennen würde. Im Gegenteil, kaum einer kennt es besser als er. Aus jahrelangen Aufenthalten in Peru, aus Reisen kreuz und quer. Das kommt nun erschwerend hinzu, wenn er behauptet:

«Der Strassenprotest gegen den knappen Wahlsieg von Lula ist legitim. Die Wiederwahl des Linkspopulisten war nicht ganz sauber.»

Brasiliens Demokratie ist ein Witz. Die Mehrheit der Parlamentsabgeordneten ist vorbestraft, korrupt sind wohl alle. Es stellen sich Witzfiguren, selbsterklärte Analphabeten und Beknackte zur Wahl – und werden nicht allzu selten auch gewählt.

Diesmal hatten die Brasilianer mal wieder die Wahl zwischen Skylla und Charybdis. Zwischen dem gescheiterten Rechtspopulisten Bolsonaro und dem korrupten und ebenfalls gescheiterten Linkspopulisten Lula.

Im Wahlkampf wurde von beiden Seiten mit Haken und Ösen, Lügen, Verleumdungen und allen juristischen Tricks gekämpft, Wahlwillige der anderen Seite kujoniert, billige Versprechungen wie auf dem Jahrmarkt gemacht.

Aber das Wahlprozedere anzuzweifeln, wo in ganz Lateinamerika Wahlen nur mehr oder minder mit zivilisierten Vorstellungen von diesem Vorgang zu tun haben, das ist ungut. Das ist besonders ungut, wenn nicht der Kandidat gewinnt, den Baur offensichtlich und ausweislich seiner Berichterstattung vor den Wahlen lieber als Sieger gesehen hätte.

Das Wörtchen «legitim» ist immer die Zuflucht von Populisten jeder Art, auch von Publizisten. Denn es gibt legal oder illegal, nichts dazwischen. Legitim heisst, es ist illegal, aber mir gefällt’s.

Politische Präferenzen haben und die auch ausdrücken, wieso nicht. Aber den Wahlvorgang schelten, das öffnet Tür und Tor für Zweifel an demokratischen Prozessen überhaupt. Was sich da in die Kommentarspalte der «Weltwoche» ergiesst, ist übel und übelriechend.

Ein paar Mütterchen: «Ich zweifle mittlerweile sogar in der Schweiz an den Wahlen. – Wahl und Abstimmungsmanipulation ist in der Schweiz möglich. – Und in 5 Tagen geht der nächste Wahlbetrug über die Bühne… in den USA. – Da soll jemand noch sagen, es geben keinen Deep-State Staatsapprat der als Würgegriff für linke Politik agiert. – Alles was wir jetzt sehen bei Wahlen in Westen ist NUR eine Illusion, Lügen und Manipulation.»

Wer solche Geister ruft, ist ein Brandstifter, ein verantwortungsloser Geselle, dem jede Polemik recht ist, der ohne Weiteres am Stützpfeiler freie Wahlen sägt, wenn ihm das Resultat nicht passt.

Dabei war’s in Brasilien doch ganz einfach. Es war eine Schlammschlacht, die TV-Debatten waren Slapstick vom Gröbsten, und einer der beiden Catcher hat gewonnen. Hätte auch der andere sein können. Zu bedauern sind die Brasilianer auf jeden Fall.