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«Dichte an Schwachsinn»

Diesem Kommentar zu David Kleins neustem Schmierenstück auf «Inside Paradeplatz» ist zuzustimmen.

Leider lehnte es Lukas Hässig ab, folgende dringend nötige Replik auf seinem Finanzblog zu veröffentlichen.

Die Nazizeit. Flüchtende Juden müssen sich von ihren Besitztümern trennen, meistens leicht transportable Gemälde. Profiteure nützen diese Notlage skrupellos aus. Übler geht’s nicht. Doch. Wenn diese verworfenen Subjekte für billiges Geld diese Kunstwerke erwerben, das sie mit Waffenverkäufen gemacht haben. Unter anderem mit Lieferungen an die Faschisten in Europa.

Also ist der «Kriegsgewinnler und Nazi-Kollaborateur Emil C. Bührle» sowohl moralisch wie menschlich gesehen das Allerletzte. Schande seines Angedenkens, hoffentlich haben seine Nachkommen den Nachnamen gewechselt.

Aber es ist schlimmer: Die Debatte um die Ausstellung seiner Gemälde im Neubau des Kunsthauses Zürich sei «eine moralische Bankrotterklärung», schäumt David Klein. Er hat’s keine Nummer kleiner, und in seinem ewigen Furor vergreift er sich ständig im Ton – und an den Fakten.

Mit dem Furor eines Grossinquisitors

Das fängt bei Banalem an, der Mann hiess Emil G. (wie Georg) Bührle (inzwischen auf meinen Hinweis hin korrigiert), hört aber bei Grösserem nicht auf. Wie jeder Fanatiker verfolgt Klein mit grossem Zorn alle, die nicht haargenau seine Auffassungen teilen. Denn seine sind unbezweifelbar richtig, daher moralisch überlegen, daher berechtigen sie ihn, allen unanständig in die Eier zu treten, die sie nicht teilen.

Da wäre Peter Rothenbühler, der die Ausstellung als Kunstgenuss begrüsst; der diene sich dem Direktor der Bührle-Stiftung an und bemühe «als leuchtendes Beispiel der Moral» den «berüchtigten Kunst-Baron und Wahlschweizer Thyssen-Bornemiza». Kleiner Schönheitsfehler: Rothenbühler tut weder das eine, noch das andere. Könnte man nachlesen, wenn man wollte.

Blut an der roten Weste des Knaben von Cézanne?

Dann vergleicht Klein in seiner Raserei die Untaten der Familien Thyssen und Krupp im Deutschland der Nazizeit mit denen Bührles in der Schweiz. Die Relativierung von Untaten ist immer ein schwieriges Geschäft, aber die Waffenschmieden in Deutschland und die Hitler-Unterstützer Thyssen und Krupp mit Bührle zu vergleichen, das ist kein starkes Stück mehr, das ist zutiefst unanständig, demagogisch, unverhältnismässig.

Aber all diese schrägen Ausflüge in die Geschichte, wie Klein sie sieht, dienen nur dazu, Rothenbühler kräftig eine reinzuwürgen: «„Stopp“ rufen sollte man eher bei Rothenbühlers unqalifizierter, empathieloser und unmoralischer Täter-Opfer-Umkehr-Analyse der Causa Bührle.»

«Stopp» ruft schon keiner mehr bei Klein, weil man weiss, dass niemand diesen Amok bei seinen Brandrodungen aufhalten kann. Mit denen er seinem eigentlichen Anliegen, historische Gerechtigkeit durch die Suche nach Wahrhaftigkeit herzustellen, einen Bärendienst erweist.

Einer nach dem anderen wird abgewatscht

Klein nimmt sich nun der Reihe nach jeden Publizisten vor, der es wagt, die Bührle-Sammlung im Kunsthaus anders als ein Schandmal zu Unrecht erworbener Raubkunst zu sehen. Dazu gehört auch Gottlieb F. Höpli, der es «noch derber im Nebelspalter» treibe. Das erweckt bei Klein «Erinnerungen». Woran? «An Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und dessen antisemitisch konnotierte Hauptfigur, ein skrupelloser jüdischer Immobilienspekulant (wie wenn es keine nichtjüdischen geben würde).»

Was hat dieses Werk des deutschen Regiegenies mit Höpli zu tun? Das habe damals einen Skandal ausgelöst, während heute «Höplis Geraune nicht einmal ein Schulterzucken» zeitige. Ausser bei Klein, natürlich. Der behauptet kühn, dass ein Stück über einen jüdischen Spekulanten impliziere, dass es keine nichtjüdischen gebe. «Dichte an Schwachsinn», knapper kann man das nicht sagen.

Geht’s noch tiefer hinunter? Allerdings:

«Im tiefsten Morast der Immoralität fischt Rico Bandle beim Tages-Anzeiger, indem er mit dem „legendären Kunsthändler“ Walter Feilchenfeldt einen jüdischen Kronzeugen gegen die Historiker in Position bringt.»

Das entfacht Weissglut bei Klein, denn Bandle hat den Sohn des Kunsthändlers ausfindig gemacht, der damals den jüdischen Kaufmann Emden beim Verkauf seines Bildes an Bührle beriet. Eine der angeblich bis heute umstrittenen Notverkäufe unter Ausnützung der lebensbedrohlichen Situation von Juden. Nur widerspricht dem Feilchenfeldt Junior entschieden; sein Vater sei mit Emden auch nach 1945 in Kontakt geblieben und habe von dem nie etwas anderes als Dankbarkeit gegenüber Bührle vernommen.

Weiss, wovon er spricht: Kunsthändler Feilchenfeldt.

So geht es natürlich nicht; besonders perfid von Bandle, hier einen «jüdischen Kronzeugen in Position» zu bringen: «Dass Feilchenfeldt jüdischer Abstammung ist, macht ihn in seinem Urteil zur Raubkunst jedoch ebensowenig zur unfehlbaren Instanz, wie den AfD-Politiker Björn Höcke in seinem Urteil zu Deutschland, nur weil er Deutscher ist.» Welch geschmackvoller Vergleich.

Die Balken im eigenen Auge sieht Klein nicht

Dass das dann auch für Klein selbst gilt, auf diese naheliegende Idee kommt er in seinem Feldzug nicht. Er steigert sich aber noch, wie meist, zum abschliessenden Crescendo, masslos, sinnlos, den Leser fassungslos zurücklassend:

«„Es kommt auf die Qualität der Sammlung an, nicht auf die Person des Sammlers“, doziert Feilchenfeldt. Nun, was wäre, wenn der rechtsextreme Massenmörder Anders Breivik ein begeisterter und begnadeter Kunstsammler gewesen wäre?

Oder Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre im Keller gefangen hielt, sie unzählige Male vergewaltigte und mit ihr in Inzucht sechs Kinder zeugte, von denen eines starb, dessen Leiche er im Zentralheizungsofen verbrannte?

Würde man deren Sammlungen auch bedenkenlos ausstellen? Und warum nennt man diese Raubkunst-Sammlungen von „Qualität“ nicht einfach Göring- oder Hitler-Sammlung, wenn die „Person des Sammlers“ doch überhaupt keine Rolle spielt?»

Das wollen wir unkommentiert lassen. Denn wir führen zwar einen Doktortitel, aber nicht als Arzt.

Wir stellen nur eine – unabhängig von der Religionszugehörigkeit des Autors – bislang unbestrittene und somit richtige Feststellung dagegen:

«Von den 203 Werken der Bührle-Sammlung haben 37 im weitesten Sinne einen Zusammenhang mit NS-Verfolgung, hatten also deutsch-jüdische Vorbesitzer. 26 davon erwarb Bührle erst nach Kriegsende. Laut aktuellem Forschungsstand stammen alle Bilder aus unproblematischer Herkunft, oder man hat sich längst mit den früheren Eigentümern verständigt. Bisher konnte niemand etwas anderes nachweisen.»

Der Verkäufer dieses Monet war Bührle dankbar.

Wenn der Kunsthändler Feilchenfeldt, ebenfalls unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit, aufgrund seiner Generationen umfassenden Erfahrung mit Kunsthandel etwas sagt, sollte sich das der Nachgeborene Klein hinter die Ohren schreiben:

«Ich fände es völlig unmoralisch, das Bild zurückzufordern.» Was ein Nachkomme von Emden tut. Und:

«Die meisten dieser Historiker und Journalisten haben leider keine Ahnung, wie der Kunstmarkt zu jener Zeit funktionierte.»

Übrigens hängt auch ein Toulouse-Lautrec in der Sammlung im Kunsthaus, den sein Vater damals an Bührle verkaufte: ««Das erhaltene Geld war für meine Eltern von existenzieller Bedeutung.» Sie seien Bührle dankbar gewesen.» Wagt Feilchenfeldt zu sagen.

Über solche Verirrungen, Fehlmeinungen kann Klein nur verzweifelt den Kopf schütteln. Aber keiner kann ihm helfen.

Der Marathon Man

Hoch die Flaschen: «Inside Paradeplatz» feierte sein 10-jähriges Bestehen.

Lukas Hässig läuft und läuft und läuft. Vor genau zehn Jahren startete er mit «Inside Paradeplatz». Ein Finanzblog, der von Anfang an alles anders machte als die anderen. Über viele Jahre hinweg eine Einzelleistung. Schnell war es um 8 Uhr morgens klar, was immer mehr Banker taten: sie klickten drauf, um zu schauen, was Hässig schon wieder ausgegraben hatte.

Vasella, Vincenz, Thiam, nicht nur diese drei Spitzenkräfte verfluchen seine Recherchefähigkeiten, seinen Mut und seine Standhaftigkeit. In den guten alten Zeiten eines Lincoln Steffens (Kindersoldaten, googeln) nannte man das Muckraking. Dreck aufwühlen. Und Dreck gibt’s genug auf dem Finanzplatz Schweiz. Gleichzeitig beschämt Hässig immer wieder die gesamte Konkurrenz der Wirtschaftspresse mit seinen Primeurs.

Sein Stil ist inzwischen unverwechselbar. Kurze Sätze, Zweihänder statt Florett, Grenzgänge unter aufmerksamer Beobachtung aller Legal Departments auf dem Finanzplatz Schweiz. Dass der Journalist des Jahres, als die Auszeichnung noch etwas bedeutete, bislang nicht zu Tode prozessiert wurde, ist ein kleines Wunder.

Chapeau, auf die hoffentlich nächsten zehn Jahre. Mit Erlaubnis des Besitzers und Autors bringen wir hier seinen Geburtstagsartikel. Copy/paste, auch bei ZACKBUM.

Heute vor zehn Jahren begann Zürcher Banken-Blog. Am meisten gelesen wurden nicht Finanz-Stories, sondern solche zu Virus und Bersets Affäre.

23.11.2021 Lukas Hässig

Am 23. November 2011 hiess es hier „Ermottis Fehlstart“. Es gibt dazu einen Kommentar. „War dies der erste Artikel auf insideparadeplatz? Und noch kein Kommentar, unglaublich, das holen wir jetzt nach.“

Geschrieben am 24. September 2021. Einer von gut 300’000 Kommentaren.

Die Geschichte des Zürcher Finanz-Blogs war zunächst geprägt von Banken-Schliessungen und -Fusionen. Die Integration der Traditionsbank Clariden Leu bewegte deren Angestellte. Ihre Aufregung manifestierte sich in steigenden Leserzahlen.

Es folgte Wegelin, die wegen des US-Konflikts bei der Raiffeisen landete (2012), Vasellas Millionen-Konto (2013), die UBS Devisen-Manipulationen (2013), der CS-Steuer-Ablass in Amerika (2014) Dann der Vincenz-Skandal (2016), die EY-Lawine (2018), der Khan- Spionagefall (2019) mit Tidjane Thiams Fall (2020).

Am meisten gelesen wurden trotz diesen Highlights nicht Bankenartikel, sondern solche zu Covid-19 respektive Impfungen und die geheime Liebesbeziehung von Gesundheitsminster Alain Berset mit einer jungen Künstlerin, die vom Magistraten mit Polizei und Elitetruppe gejagt wurde.

„Pfusch mit R-Wert macht die Schweiz zu Geisterland“, ein Beitrag rund um Massnahmen aufgrund einer in der Covid-Krise berühmt gewordenen Messgrösse, schafft es laut Google Analytics auf Platz eins. Total Seitenaufrufe: 284’000. (Die auf IP ausgewiesenen Zahlen liegen tiefer; bei den älteren Stories, weil der Zähler-Mechanismus anfänglich nur ein paar Monate weit zurückreichte, bei den jüngeren, weil IP nicht alles gleich berücksichtigt wie das Analysesystem von Google.)

Mit einigem Abstand folgt auf Platz 2 der Artikel „Weltwoche-Bombe: Bersets Affäre wird Staats-Skandal“, erschienen vor rund 2 Monaten. Die Seite wurde online bis jetzt 212’265 Mal aufgerufen – Platz 2. Ebenfalls unter die ersten Zehn brachte es die erste Story zum Thema: „Bersets geheime Liebe ist bekannte Künstlerin“. Sie war schon letzten Dezember erschienen, nachdem die Weltwoche die Affäre des „Corona-Generals“ publik gemacht hatte. Platz 9, mit 95’270 Klicks.

Zurück zu den Top-Stories. Platz 3 fällt auf „Belegen tatsächlich ‚Ungeimpfte‘ die knapper werdenden Plätze?“. Die Frage stellte die Pharmazeutin Kathrin Schepis in ihrem „Standpunkt“ vom August 2021 und brachte es damit auf 201’516 Seitenaufrufe. Über 600 Kommentare folgten.

Platz 4 der Ewigen-Besten-Liste nimmt dann die Trilogie „Fall Vincenz: Wahre Geschichte“ ein, das bisher einzige zahlungspflichtige Angebot von IP als Dreiteiler zum Raiffeisen-Skandal, erschienen im Frühling 2018. Ab und zu bestellen Leser heute noch das pdf.

Weiter mit Raiffeisen-Storys, die offensichtlich bewegten. Auf Platz 5 der Top-ten findet sich „Crazy Guy hinterlässt Raiffeisen in Trümmern“ zum tiefen Fall des Saubermanns der Genossenschafts-Gruppe nach einem Liebesdesaster. Klicks: 101’833.

Auf Platz 6 folgt eine Geschichte aus der Feder eines Schreibers, der nicht mit Namen erscheinen konnte, der Redaktion aber bekannt ist und deshalb unter „Inside Paradeplatz“ diesen Frühling einen Standpunkt verfasste. „Mother Of All Short Squeezes“ lautete der Titel, es ging um sogenannte Meme-Aktien in den USA, die durch die Decke schossen und dank denen auch die „Gratis“-Plattform Robinhood durchstarten konnte. Total Aufrufe des Short-Squeeze-Stücks: 101’380.

Dicht dahinter eine nächste Love Affaire, jene des neuen Migros-Bank- Chefs mit seiner engsten Sekretärin, die in diesem Jahr im Zuge des Falls von Bord gegangen ist. „Migros-Bank-CEO vertuscht Verhältnis mit Sekretärin“ hat es bis heute auf 101’154 Aufrufe gebracht. Platz 7.

Bundesrat Bersets Ex-Beziehung gab dann wegen möglichen Links ins Basler Redlight nochmals zu reden. „Fall Berset: Spuren ins Basler Milieu“ erzielte 95’836 Seitenaufrufe – Platz 8, direkt vor dem bereits erwähnten Beitrag vor Jahresfrist zur „Künstlerin“ des SP-Manns.

Den zehnten Platz ergattert sich schliesslich bis jetzt am besten gelesene CS-Story. „Gottstein kündigt tiefere Boni für 2020 an“, hiess es hier vor 11 Monaten; der Bericht hat es auf 92’894 Seitenaufrufe geschafft.

Zum Schluss noch einen Rang mehr: Platz 11 fällt mit 88’368 Klicks auf die vor Jahresfrist erschienene Story „Anklage enthüllt: Vincenz grenzenlos bei Privat-Fun“. Diese ist insofern relevant, als gegen sie das Bezirksgericht Zürich, das die Vorwürfe kommenden Januar berät, Klage gegen den IPHerausgeber bei der zuständigen Kommission am Obergericht einreichte; weil sich der Schreibstil für einen akkreditieren Gerichtsreporter nicht gehöre. Das Obergericht gab dem protestierenden Bezirksrichter recht.

© 2021 Inside Paradeplatz

Packungsbeilage: René Zeyer schreibt unregelmässig, aber sehr gerne auf «Inside Paradeplatz».

Bankergequatsche

Was die Qualitätsmedien kritiklos publizieren und die Credit Suisse rausbläst.

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Dieser Rückgriff in dunkle Zeiten muss sein. Es war ein genialer Propagandakniff, dass der deutsche Landser im Zweiten Weltkrieg in den Nazi-Wochenschauen immer von links nach rechts durchs Bild marschierte. Immer.

Daher konnte der Zuschauer nicht beurteilen, ob es vorwärts oder rückwärts ging. Ob triumphal erobert oder kläglich zurückgezogen wurde. Nach dem grossartigen Slogan: «Vorwärts, wir ziehen uns zurück».

Allerdings merkte selbst der blödeste Reichsbürger, dass die grossartigen Erfolge und vernichtenden Abwehrschlachten sich immer mehr den Reichsgrenzen näherten. Die der Feind aber nie überschreiten werde. Bis er es dann doch tat.

Leider liegt diese Analogie – natürlich nur in Bezug auf die Propaganda – mit den jüngsten Ankündigungen der Credit Suisse auf der Hand. Die «Financial Times» hat im Zusammenhang mit der Riesenschweinerei Milliardenkredit an Mosambik die Untaten der letzten zehn Jahre grafisch aufbereitet. Entlang des sich im stetigen Niedergang befindlichen Aktienkurses. Der niemals unter 10 Franken fallen werde, bis er es dann doch tat.

Die Rohner-Strecke der CS.

Und jedes Mal, wenn er auch nur kurz die Schwelle von einstellig zu zweistellig überspringt, gibt’s Jubelchöre zu hören. Die sollen das Heulen und Zähneklappern der Aktionäre übertönen, die in den letzten zehn  Jahren Milliardenverluste ans Bein streichen mussten.

Ausser, sie gehörten zu erlesenen Kreis arabischer Investoren, die das Geld von der CS geliehen bekamen, das sie in die Bank investierten, und bis zu 9,5 Prozent Zinsen obendrauf. Aber dafür konnte die CS damals verkünden, dass sie im Gegensatz zur UBS keine Staatshilfe brauche.

Also war vor zehn Jahren die Ausgangslage doch besser für die eine der beiden Schweizer Grossbanken. Too big to fail, also mit Staatsgarantie, langer Tradition (Alfred Escher, you know) und dem Wort Suisse im Namen, immer noch mit Strahlkraft (Matterhorn, you know).

Nun aber klare Signale – oder nicht

Aber in Wirklichkeit taumelt die Bank von einer Peinlichkeit zur nächsten, ist so ziemlich an allen internationalen Skandalen beteiligt, schafft es sogar, im Doppelpack Milliardenverluste zu kassieren. Ist zum Schnäppchen geworden, das nur deswegen nicht aus der Portokasse aufgekauft wird, weil alle potenziellen Käufer Schiss haben, welche Leichen im Keller sie einkaufen würden.

Also höchste Zeit für klare Signale, einen «Big Bank», wie Lukas Hässig auf «Inside Paradeplatz» kalauert. Schliesslich ist doch mal wieder ein neues Dreamteam angetreten, auch wenn das nicht wirklich so wirkt.

Zwei strahlende Siegertypen: Thomas Gottstein (l.) und António Horta-Osório.

Nein, die beiden sehen nur so aus, als könnten sie sich nicht ausstehen und wären schwer angegurkt von ihrer Aufgabe. Der Schweizer CEO hat den letzten Milliardenflop überstanden und ist bereit für neue. Der neue VR-Präsident hat vom Vorgänger die weisse Weste geerbt und wurde als Sanierer, Ruderrumwerfer, neue Kraft mit Vorschusslorbeeren überschüttet.

Nun brütet man heutzutage, das ist ja nicht schlecht, ein Weilchen darüber, wie man neue Akzente setzt, das Steuer rumreisst, die Bank aus den Sandbänken der ständigen Bussen und Verluste befreit, wieder Wind in die Segel des verunglückten Banklogos pustet. Zum Beispiel, indem man sich vom Investment-Banking trennt, das seit dem Ankauf von Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ) unter dem Allfinanz-Versager Lukas Mühlemann für garantierte Verluste und Probleme sorgt. 20 Milliarden kostete damals der Ankauf der US-Investmentbude, als die Schnarchschweizer meinten, da ginge die Post ab und sich von aalglatt dampfschwätzenden Amis über den Tisch ziehen liessen.

First Boston, second flop, last survival.

Die 20 Milliarden lösten sich in Luft auf. Allerdings nicht ganz, ein guter Happen Goodwill wurde in den Büchern mitgeschleppt und konnte bis heute nicht abgeschrieben werden; die Zahlen sahen meistens auch ohne sehr trübe aus.

Aber nun, aber jetzt, nach mehrmonatigem Brüten, jetzt kommt die neue Strategie, der Ansatz, the winner, das Ergebnis scharfen Nachdenkens, von bis zur Kernschmelze getriebenen Computern, unter Verwewndung von Formeln und Algorithmen, die sich dreimal um den Paradeplatz schlängeln, so lang sind die.

Frischer Wind in die Segel der Bank der Seefahrernation Schweiz?

Was verkündet die Schweizer Wirtschaftspresse mit offenem Mund? Auch wenn’s weckert, das muss in (fast) vollständiger Länge zitiert werden:

Hier sprechen die Chefs 

Verwaltungsratspräsident António Horta-Osório: «In den vergangenen Monaten haben der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung gemeinsam unermüdlich an der Gestaltung der neuen Strategie gearbeitet, die uns künftig als Kompass dienen wird. Die heute bekannt gegebenen Massnahmen bilden den Rahmen für eine deutlich stärkere, kundenorientiertere Bank mit führenden Geschäftsbereichen und regionalen Angeboten. Das Risikomanagement, das alle unsere Handlungen prägt und stets von grösster Wichtigkeit ist, wird zur Förderung einer Unternehmenskultur beitragen, welche die Bedeutung von Rechenschaftspflicht und Verantwortung weiter stärkt.» Daher «ist die Credit Suisse gut positioniert, um auf den Stärken ihrer hervorragenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ihrer Geschäftsbereiche aufzubauen.»

Nein, nicht um Gnade winseln, das war erst die Hälfte:

Gruppen CEO Thomas Gottstein: «Dank dieser strategischen Überprüfung haben wir eine klare und überzeugende Stossrichtung festgelegt, die auf bestehenden Stärken aufbaut und das Wachstum in wesentlichen strategischen Geschäftsbereichen beschleunigt. Wir werden zu einer effizienteren Bank mit voraussichtlich geringerer Volatilität der Erträge und einer verstärkten Ausrichtung auf die Märkte, in denen wir tätig sind. Wir wollen unsere Position als einer der führenden Anbieter in der Vermögensverwaltung weiter ausbauen und werden verstärkt in Bereiche investieren, in denen wir über Wettbewerbsvorteile verfügen: in unserer fokussierteren und weniger kapitalintensiven Investment Bank, in unserer führenden, kundenorientierten Swiss Bank sowie in unserem Asset Management mit Mehrfachspezialisierung.»

Das ist Banglish. das ist die ausführliche Fassung von: «Vorwärts, wir ziehen uns zurück.» Denn nun müssen wieder viele, viele neue Organigramme gepinselt werden, Schnittstellen, Raportwege, Rhomben und Quadrate, kreuzende Linien und überspringende Linien. The Works, wie der Banker sagt.

Dieses Dampfgeplauder muss jedem CS-Mitarbeiter echt Schiss machen. Von Kunden und Aktionären ganz zu schweigen. Denn wenn man die heisse Luft aus den Ballons lässt, bleibt – nichts. Nichts Neues. Das ist so, wie wenn man einen Rosthaufen mit defektem Motor, platten Reifen und knirschendem Getriebe mit Wasserfarbe abduscht und sagt: et voilà, wie neu. Läuft wieder spitze, bald kommt noch ein Elektromotor rein.

Was ist betrüblicher? Solches Dampfplaudern oder seine weitgehend kritiklose Abbildung in den Medien? Schwer zu sagen. Immerhin gibt es eine einzige Ausnahme. Hässig titelt frech: «Das Ende der Credit Suisse».

Der Rohner-Run

Der Meister des Hürdenlaufs hat eine beeindruckende Strecke zurückgelegt.

Es war das, was man wohl in Bankerkreisen einen bewegenden Abschied nennt. «Lieber Urs, wir hätten dir einen anderen Abschied gewünscht», sülzte der Roche-Boss und CS-Verwaltungsrat Severin Schwan. Denn schliesslich habe Urs Rohner «Tag und Nacht» für die Bank gearbeitet.

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Vielleicht hätte Rohner das sein lassen sollen. Denn das Ergebnis seiner Arbeit lässt sich ganz einfach messen. Aktienkurs der CS am Anfang seiner Amtszeit: knapp 40 Franken. Am Ende knapp über 9 Franken. Ein Minus von rund 75 Prozent. Ein Desaster.

Erinnert sich noch jemand daran, dass der Aktienwert in diesem Jahrtausend schon mal an der 100-Franken-Marke kratzte? Ja, weit vor dem Beginn der Amtszeit Rohners.

Zu deren Ende behauptete Rohner an seiner letzten Generalversammlung:

«Ich entschuldige mich für die Enttäuschung.»

Es ist nicht überliefert, ob es zu bitterem Gelächter kam. Dann leistete sich der Versager noch ein wohldosierte Portion «Gefühl»: «Mitarbeiter sind verärgert, und ich bin auch wütend.»

Als Sahnehäubchen zum Ende hatte die CS zwei weitere Skandale und Milliardenabschreiber zu verdauen: «Das sind nicht entschuldbare Verluste. Wir haben unsere Kundinnen und Kunden, aber auch unsere Aktionärinnen und Aktionäre, enttäuscht. Und das leider nicht zum ersten Mal.»

Ein Hürdenlauf des Schreckens

«Milliarden-Strafe im US-Steuerstreit, Mosambik-Krimi, Thiam-Flop, Wirecard-Pfusch, Luckin-Coffee-Abenteuer, York-Capital-Abschreiber, Rechts-Niederlagen. Kaum hatte die CS ein Problem gelöst, tauchte das nächste auf – oft ein grösseres.» So fasste Lukas Hässig auf «Inside Paradeplatz» die Strecke von Rohner zusammen, auf der er so ziemlich jede Hürde gerissen hatte. Es fehlt noch die Beschattungsaffäre, die Installation des Vollversagers Brady Dougan, nach zu langem Festhalten der von Rohner im Sololauf durchgestierte Ersatz mit Tidjane Thiam.

Er war der Meister der Methode: Problem taucht auf, Rohner taucht ab. Nachdem der Jurist alle Optionen abgecheckt hatte, tauchte er wieder auf und murmelte etwas juristisch Unverfängliches. Nur einmal rutschte ihm heraus, was ihn von da an verfolgte. Dass er persönlich «eine weisse Weste» habe.

Juristisch gesehen stimmt das. Rohner ist nicht vorbestraft, nicht verurteilt, es wurde kein ernsthafter Versuch unternommen, ihn für das CS-Desaster verantwortlich zu machen. Das wäre auch zum Scheitern verurteilt. Obwohl es seit einiger Zeit Haftbarkeiten für Verwaltungsräte gibt, wurde bislang noch kein einziger zur Verantwortung gezogen.

Selbst wenn man das bei Rohner probiert und sogar erfolgreich durchgezogen hätte; selbst wenn man sein Gesamtsalär von ein paar Dutzend Millionen eingezogen hätte: das hätte nicht mal den Tageszins auf einen einzigen Milliardenverlust beglichen. Das wäre unmerklich in den Milliardenverlusten der Aktionäre verdampft.

Genauso wie sein Teilverzicht im letzten Amtsjahr nicht mal bitteres Gelächter auslösen kann, so unbedeutend ist das.

Mosambik ist wohl die grösste aller Schweinereien

Bei all den verdammten Schweinereien, in die die CS unter der Oberaufsicht des ehemaligen Legal Councel und Juristen Rohner verwickelt war, ist der Fall Mosambik wohl die schlimmste.

Wie in der hyperventilierenden Presse üblich, war Mosambik noch vor 15 Jahren «Afrikas aufstrebender Star» (NYT). Das stimmt leider bei keinem schwarzafrikanischen Staat, oder wenn, ist es immer eine Sternschnuppe.

Wie aber unter Überfahren aller Rotlichter, bei Nichtbeachtung aller selbst geforderter Prozeduren, unter Nichtbeachtung eines vom IMF ausgesprochenen Kreditverbots, über eine lusche Yachtfirma ein Milliardenkredit direkt an den korrupten Präsidentenclan gesprochen werden konnte, der angeblich für eine ganze Milliarde die Fischereiflotte des Landes aufmöbeln sollte, das schlägt nun alles.

Als der Skandal dann platzte, versteckte sich die CS wie immer hinter einigen Mitarbeitern, die mal wieder mit krimineller Energie interne Kontrollen überfahren hätten. Und überhauptbehauptete die CS René Zeyer gegenüber: «Innerhalb der Credit Suisse sind die Genehmigungsprozesse für verschiedene Arten von Transaktionen klar geregelt. In Übereinstimmung mit diesen Richtlinien wurden diese Transaktionen von den britischen Banktöchtern Credit Suisse International (CSi) und Credit Suisse Securities Europe Limited (CSSEL) durchgeführt und von den zuständigen Mitarbeitern in Grossbritannien genehmigt.»

Wie klar und sinnvoll und kompetent diese Regeln gestaltet waren, belegt die Zahlung von einer halben Milliarde Franken, mit der sich die Bank aus verschiedenen Rechtshändeln in den USA und in England freikauft.

Gutgläubige Kunden, denen die CS diese faulen Kredite in ihre Portefeuilles drückte und Mosambik selbst wollen das Geld zurück, bzw. einen Schuldenerlass. Das könnte nochmals eine halbe bis sogar eine Milliarde kosten.

Ganz abgesehen davon, welchen Beitrag die Bank dazu geleistet hat, die Bevölkerung von Mosambik noch mehr ins Elend zu stossen. Sicher, sie selbst müsste sich ihrer korrupten Clique an der Macht entledigen. Aber während früher Kolonialmächte mit Kanonenbooten und Waffen herrschten, tun sie es heute mit der Macht des Geldes.

Blutrote weisse Weste

Die weisse Weste Rohners ist in Wirklichkeit blutrot. Hinter den roten Zahlen seiner Bank steht auch echtes Blut. Natürlich ist Jurist Rohner dafür in keiner Form verantwortlich zu machen. Er ist ein ehrenwerter Mann, der sich beim Rasieren jeden Morgen freundlich ins Gesicht schauen kann und einen neuen Tag als Rentner geniesst. Nach gutem und erquickendem Schlaf.

Deshalb erscheint hier nochmals ein Artikel zu diesem Thema, das nicht direkt mit dem Medienelend in der Schweiz zu tun hat. Indirekt aber schon, denn über lange Jahre hinweg skandalisierte nur ein einsamer Rufer auf dem Newsblog «Infosperber» den Mosambik-Skandal. Die Plattform war dabei gewaltigen Pressionen von Beteiligten ausgesetzt, denen sie aber widerstand. Während die übrigen Medien eher gelangweilt bis gequält bis gar nicht ein Thema aufnahmen, das halt komplex ist und sich weit, weit weg im dunklen Afrika abspielte.

Man ist doch lieb zueinander …

Wer den Nerv hat, sollte sich die akkurate Aufarbeitung durch ein norwegisches und mosambikanisches Forschungsinstitut antun.

Der Medienskandal besteht nämlich darin, dass all diese Fakten mehrfach aufgearbeitet und nicht zuletzt im Kroll-Report von 2017 (!) detailliert aufgelistet worden waren.

Reaktion der Schweizer Medien – oder der CS: nicht erkennbar.

Blasen, Blähungen, Geblubber

Die Credit Suisse hat ihre GV abgehalten. Die NZZ bringt ein grosses Interview – mit dem UBS-CEO.

Das ist ganz grosses Kino, für einmal aus der NZZ. Wie kann man zum Ausdruck bringen, dass es über die Credit Suisse wirklich nichts zu berichten gibt, obwohl dort diverse Verwaltungsräte zurückgetreten sind, der neue CEO bereits ums Überleben kämpft?

Mit harscher Kritik, mahnenden Worten, die über einen «ordnungspolitischen Zwischenruf» hinausgehen? Nein, das wäre nicht die feine Art. Die feine Art ist: die NZZ bringt ein grosses Interview mit UBS-Chef Ralph Hamers.

Das ist auch schon die gute Nachricht. Denn Hamers hat sich mit einer Videobotschaft an seine Untergebenen gewandt. Das sieht «Inside Paradeplatz» so:

Kindergarten, Märchenstunde, dazu noch falsch gekleidet. Setzen, Schnauze. Sagt Lukas Hässig. Das sieht die NZZ nun entschieden anders: Hamers habe «erste Eckwerte der künftigen Strategie seiner Bank präsentiert».

Aber erfahrende NZZ-Leser wissen: Wenn das Titel-Quote lautet: «Wir wurden schon dafür kritisiert, zu konservativ zu sein», dann muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Auf gähnende Langeweile. Und so ist es dann auch.

Wir fragen, was Sie wollen. Sie antworten, was Sie wollen

Wie ist es denn so nach 8 Monaten UBS? Diese Frage wird gestellt, die Fortsetzung nicht: in denen man von Ihnen nichts hörte, ausser das Gurgeln von vielen Millionen, die in Sie hineingeflossen sind. Deshalb kann Hamers auch ein Märchen aus 1001-Nacht erzählen:

«Von aussen professionell, solide, manchmal vielleicht etwas kühl», wirke die Bank, «von innen strahlt sie viel mehr Wärme aus.»

Echt jetzt?

Spricht Hamers von seinen Erfahrungen in der Männergruppe «lernen zu weinen?» Oder von einer Grossbank, die nur sagen kann: den Kollegen drüben von der CS geht’s noch dreckiger? Und die haben immerhin einen neuen VR-Präsidenten gekriegt. Unserer nimmt nur an Umfang zu, nicht an Bedeutung.

Wie sieht’s denn technologisch bei der UBS aus, fragt die NZZ. Und fügt nicht hinzu, wie die Bank denn das in der Finanzbranche übliche Problem schaukle, dass so viele Systeme nebeneinander laufen, aneinander genäht wurden, dass längst pensionierte Programmierer sich ein nettes Zubrot verdienen, weil ausser ihnen uralte Sprachen nicht mehr beherrscht.

Deshalb kann Hamers aus dem Stehsatz, Pardon, aus dem Stehgreif antworten: «Operativ gut unterwegs, Digitalisierung Schritt für Schritt voranbringen, stehen nicht unter Druck.» Nun kommen sicher Nachfragen. Block Chain, Cryptowährungen, eigene Währungen von Grosskonzernen, teure Flops mit eigenen, kontaktlosen Zahlungssystemen? Kniefall vor Apple Pay? Ach was, die NZZ möchte doch nicht, dass Hamers gegelte Langhaarfrisur in Unordnung gerät.

Konkrete Ziele? Was ist das, kann man das essen?

Stattdessen giesst die Zeitung die Tatsache, dass Hamers keine einzige Zahl in seinem ersten Auftritt nannte, in die vornehme Frage: «Warum haben Sie sich bisher mit konkreten Finanzzielen zurückgehalten?» Pandemie, «Strategie weiter konkretisieren», und nun kommt wirklich ein Satz, den man unbedingt in die eiserne Reserve von Nonsens-Gequatsche aufnehmen sollte:

«Wir wissen zwar, dass wir das, was wir bereits heute tun, auch morgen tun wollen – aber besser.»

Statt sich vor Lachen auf die Schenkel zu klopfen und mal nachzuhaken, fragt die NZZ nur scheu, was denn noch an Plänen fehle. «Wenn Sie beispielsweise in Asien schneller wachsen wollen, spielt China eine wichtige Rolle.» Auch ein Satz von monumentaler Flachheit. Wenn sie gross und stark werden wollen, spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Und dafür kriegt man wirklich Millionen nachgeschmissen?

Dann geht die NZZ gnadenlos an die heissen Themen. Archegos? «Wir sind von dieser Situation auch enttäuscht.» Was ging denn schief? «Das schauen wir uns jetzt genau an. Offensichtlich ging etwas schief.» Das Offensichtliche gelassen aussprechen, das muss man auch erst mal bringen.

Modern, gebürsteter Stahl, gegelte Haare, Pochettli statt Krawatte. Aber der Inhalt?

So plätschert es dahin, gehen Ruf und Reputation von Hamers und der NZZ gemeinsam in den Orkus. Ganz am Schluss erlaubt sich das Blatt noch «eine persönliche Frage». Wie stehe es denn mit der Wiederaufnahme des Geldwäschereiverfahrens in Holland? Da war Hamers immerhin CEO einer Bank, die die grösste Busse aller Zeiten in Holland zahlen musste. Und will von nichts gewusst haben. In der Bio-Box «Der digitale Niederländer» wird seine Tätigkeit für die ING ausführlich geschildert, dieses kleine Detail grosszügig ausgelassen. Die ING musste ja nur eine Busse von 775 Millionen Euro auf den Tisch legen. Peanuts für die UBS.

Blasen, Blähungen, Geblubber. Aber Werte.

Was sagt Hamers? «Voll und ganz zusammengearbeitet, nach bestem Wissen und Gewissen, konzentriere mich auf meine Arbeit bei der UBS». Einfühlsam will die NZZ dem durch diese unverschämt kritische Frage vielleicht angefassten Hamers noch die Gelegenheit für ein goldenes Schlusswort geben; was werde denn in fünf Jahren gleich sein wie heute?

«Die Swissness. Swissness steht für Stärke, für Vertrauen, für Zuverlässigkeit. Diese Werte sind und bleiben Kern der UBS.»

Da kann man für die Interviewer nur hoffen, dass sie sich anschliessend in der UBS-eigenen Tränke «Widder» auf Kosten des Hauses ein paar Single Malts hinter die Binde gegossen haben. Zum Weggurgeln.

 

 

Das Elend der Wirtschaftsberichterstattung

Kurz gefasst hat es einen Namen: Lukas Hässig. Der lässt regelmässig alle anderen im Regen stehen.

Einmal kann ja noch Glück und Zufall sein. Als der Finanzblog «Inside Paradeplatz» enthüllte, dass der abtretende Novartis-Boss Daniel Vasella satte 72 Millionen dafür bekommen sollte, dass er sechs Jahre lang nach seinem Abgang nichts tut, vor allem nichts für die Konkurrenz, gab es viel Gebrüll und rote Köpfe.

Vor allem bei Vasellas Anwalt, der das überhaupt nicht komisch fand. Mit dieser Enthüllung im Jahre 2013 sorgte Hässig auch nebenbei dafür, dass die Abzocker-Initiative angenommen wurde. Er fuhr, wie meistens, einen scharfen Reifen. Denn hätte seine Information nicht gestimmt, gäbe es den Finanzblog nicht mehr.

Als Hässig merkwürdige Kontobewegungen bei Pierin Vincenz enthüllte, reagierte die gesamte Wirtschaftspresse der Schweiz – überhaupt nicht. Vincenz, der Starbanker, der Gutbanker, von allen in den Himmel gelobt, soll etwas mit anrüchigen Geschäften zu tun haben? Unmöglich, gar nicht erst ignorieren.

Erst, als Vincenz mitsamt Kompagnon verhaftet wurde, wachten die Kollegen auf. Und lieferten sich ein Wettrennen mit Hässig, wer schneller die neuste Anfütterung publiziert.

Jagdszenen rund um die Zürcher Bahnhofstrasse

Als Hässig filmreife Verfolgungsszenen rund um die Zürcher Bahnhofstrasse beschrieb, glaubte noch niemand, dass das zum schnellen Fall des damaligen CS-CEO führen würde und sich in der Affäre mal wieder die ganze Führungsmannschaft der Credit Suisse, von VR-Präsident Urs Rohner abwärts, bis auf die Knochen blamierte.

Aktuell arbeitet sich «Inside Paradeplatz» an den «Masken-Kids» ab. Er zerrte ans Licht der Öffentlichkeit, dass sich zwei clevere Jungunternehmer durch den Verkauf von Schutzmasken an überforderte Sesselfurzer in der Schweiz und in Deutschland mehrere goldene Nasen verdient hatten.

CH Media und auch die NZZ, schliesslich Tamedia, gaben den beiden Gelegenheit, sich in den schönsten Farben darzustellen. Hatten halt die richtigen Beziehungen in China, setzten alles auf eine Karte, hätte der Verkauf von rund 300 Millionen Masken nicht geklappt, wären sie Pleite gewesen. Und für all das Risiko, pünktliche Lieferung erstklassiger Ware, seien so 30 Prozent Marge nun wirklich kein Verbrechen.

Eigenrecherche, kritische Analyse? Wozu auch

Beide Medienkonzerne erzählen die Tellerwäscher-Millionär-Story nach, erwähnen zwar, dass es eine Strafuntersuchung wegen möglicherweise gefälschten Zertifikaten gibt, auch eine Anzeige wegen Wucher. Aber darin erschöpft sich schon die Recherchierkraft der Wirtschaftsredaktionen. Die NZZ lässt am Schluss hilflos offen, ob es sich um clevere Geschäftsleute oder Schlimmeres handle.

Statt nachzuerzählen und den beiden unwidersprochen Plattformen für die wunschgemässe Selbstdarstellung zu geben, grub Hässig eine Story aus, die es wieder in sich hat. Unter den aufmerksamen Augen der Medienanwältin Rena Zulauf, die die beiden Kids inzwischen vertritt, schildert Hässig, wie die eine hübsche Menge Gesichtsmasken gekauft und für mindestens den doppelten Preis beispielsweise an die Schweizer Armeeapotheke weiterverkauft hätten.

Das unternehmerische Risiko hielt sich dabei aber in Grenzen; der Verkäufer war eine Firma mit Sitz – in Basel. Natürlich muss man sich zu recht fragen, wieso die Genies bei der Armee nicht in der Lage waren, diesen Lieferanten direkt zu benützen. Aber beim Ausgeben von Steuergeldern läuft der Beamte normalerweise nicht zu sparsamen Höchstleistungen auf.

Inzwischen haben die Maskenkids grosszügig über eine Million gelieferte Masken, die anscheinend unbrauchbar waren, ersetzt.

Sicherlich billig Second Hand zu erwerben.

Ist die Erzählung vom hohen Risiko und handelsüblicher Marge eine Ente?

Treffen die Angaben von Hässig zu, ist allerdings sowohl die Mär vom hohen Risiko wie auch von einer völlig handelsüblichen Marge entlarvt. Ebenso, aber das ist ja nichts Neues, die Mär, dass es noch hart recherchierende Wirtschaftsjournalisten in den grossen Medienhäusern gäbe. Die NZZ strahlt immerhin noch Kompetenz aus, und ihre Serie, dass die Bespitzelung des ehemaligen CS-Stars Khan kein Einzelfall war, brachte das Fass zum Überlaufen und zwang Tidjane Thiam zum Abgang.

Aber sonst? Tamedia befleissigt sich, vor allem in Gestalt ihres Oberchefredaktors, ungeniert unter Ignorieren der Unschuldsvermutung eine angefütterte Meldung nach der anderen im Zusammenhang mit der Affäre Vincenz rauszuhauen. Und die NZZ brüstet sich, dass sie in Besitz der gesamten Anklageschrift sei, was für die Strafverfolgungsbehörden kein Anlass ist, ebenso wenig wie bei Arthur Rutishauser, gegen diese Delikte vorzugehen.

Im Gegensatz dazu hat Hässig – nach langem Zögern – nun eine Strafuntersuchung am Füdli, weil die Publikation von Kontodaten gleich mehrere Delikte enthielt. Aber all das ändert nichts daran, dass hier ein Ein-Mann-Bulldozer Mal für Mal die Erde über einer Leiche im Keller wegräumt, während die übrige Wirtschaftsjournaille mit offenem Mund rumsteht und Maulaffen feilhält.

«Es ist frappant, wie viele Leute Sie nicht mögen»

Lukas Hässig ist der einsame Wolf. Der Kämpfer für Gerechtigkeit. Der Journalist, der «die Mächtigen unter die Lupe nehmen will». Was treibt den 56-Jährigen an? Wie geht er mit Kritik an seiner Person um?

Weisses, eng geschnittenes Hemd, rote Krawatte. So will Lukas Hässig im Turmgespräch bestehen. Wobei. Hässig hat wohl schon härtere Fights gewonnen. Er gilt als einer der wenigen Journalisten, welche die grossen Namen der Wirtschaft zu kritisieren wagen. So gezielt, dass der eine oder andere vom Sockel fällt. Etwa Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vinzenz, Ex-Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand und Ex-Novartis-CEO und Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella.

Zwischen Respekt und Neid
Gab es vor 15, 20 Jahren noch breitere Vorbehalte gegen den Recherchierstil des Wirtschaftsjournalisten Lukas Hässig, herrscht heute Respekt vor. Hinter vorgehaltener Hand vielleicht sogar ein bisschen Neid über seinen Mut, seine Unerschrockenheit und seine Unabhängigkeit. Trotzdem oder deswegen heimste Hässig in den letzten Jahren alle renommierten Preise für Journalisten ein – zumindest in der Schweiz. Journalist des Jahres, Rechercheur des Jahres, Wirtschaftsjournalist des Jahres, Wirtschaftsbuchpreis. Doch das hatte seinen Preis. Hässig bekennt gegenüber dem Interviewer David Guggenbühl: «Ich wurde immer unbeliebter auf den Redaktionen. Ich wollte Sachen herausfinden und deftig bringen.» So gründete er 2006 das Onlineportal «Inside Paradeplatz».

Ausbildung bei der Nationalbank
Journalistisch geprägt wurde der KV-Absolvent bei der Schweizerischen Nationalbank mit nachfolgendem Ökonomie-Diplom in den 1990er-Jahren. Von Roger Schawinski beim damals recht aufmüpfigen Radio 24 und bei der «Sonntags-Zeitung» (SZ). Damals brachte die SZ laut Hässig jedes Wochenende eine Story, die oft ein Erdbeben auslöste. Doch Hässig eckte mit seinem Credo «Unser Ziel muss sein, etwas zu verändern» immer mehr an. Ein Abstecher in die Welt der Kommunikationsleiter (Flughafen Zürich) war auch nicht das Gelbe vom Ei. Seit 14 Jahren ist der vierfache Familienvater als freischaffender Journalist und Betreiber der Finanzwebsite «Inside Paradeplatz» tätig. Er beschreibt sich als feinfühlig und dann richtig glücklich, wenn er als Erster eine Topstory publiziert. Mittlerweile wird das Portal auch von Whistleblowern genutzt. «Wichtig ist dabei das Vertrauen der Informanten zu mir», betont Hässig. Es dürfe nicht sein, dass Informanten, die ein Risiko eingehen, öffentlich fertiggemacht werden. Doch wie unabhängig ist denn «Inside Paradeplatz»? Erfrischend offen räumt Hässig ein, dass er den Vermögensverwalter, der ihm seit der Gründung als Inserent treu geblieben sei, redaktionell eher in Ruhe lasse.

«Primeurs inklusive»
Das 35-minütige Gespräch anzuschauen, lohnt sich. Man lernt Hässig näher kennen und versteht eher, was ihn antreibt, jeden Tag punkt acht Uhr für Unruhe im Finanzsektor zu sorgen. Dann schaltet er jeweils die Hauptstory auf. Dass er deswegen wenige Freunde hat im beruflichen Umfeld, scheint er in Kauf zu nehmen. Trotzdem gelingt es Guggenbühl, dass Hässig Dinge sagt, die man journalistisch durchaus als «Primeur» bezeichnen könnte.

 www.turmgespraeche.ch (das eigentliche Interview ab ca. Minute 5, Es dauert gut 35 Minuten. Initiiert, organisiert und moderiert werden die Gespräche von David Guggenbühl. Dieser Artikel erschien kürzlich schon in den Zeitungen der Lokalinfo AG.