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«Etwas Grausames»

Autoren müssen ihre Bücher promoten.  Also geben sie Interviews. Auch an Nora Zukker. Das tut weh.

Zunächst eine gute Nachricht: «Juden canceln»-Simone Meier, die «Kulturjournalistin des Jahres» («Schweizer Journalist:In*»), hat (noch) keinen Ton zum neusten Werk von Sven Regener gesagt.

Wenn Sie nun sagen: Sven who?, dann sind Sie zwar kein Kulturbanause, aber nicht so wirklich mit der Berliner Szene vertraut. «Element of Crime» (is’ so ‘ne Band), und der Frontmann schreibt in seiner Freizeit Bücher. Als Musiker, das sei vor allem nach seinem neuen Jazz-Album gesagt, ist er klasse.

Mit «Herr Lehmann» landete er 2001 einen Beststeller. Berlin, Kneipen, Mauerfall, Jackpot. Das weidet er seither aus, und so kam es zum neuen Schriftwerk «Glitterschnitter». Bis hierhin ist es eine übliche Literatur-Story. Autor schreibt, Verlag publiziert, Autor wird zu Interviews herumgereicht.

Die «Süddeutsche», die «Schaffhauser Nachrichten», die NZZ, auch die «Nidwalder Zeitung» nimmt dieses Ereignis zum Anlass für Gespräch und Würdigung. Das ist gut so, denn es wird ja immer weniger gelesen.

Einigermassen lustig und unterhaltsam.

Nun hätte Tamedia wie gewohnt das Porträt der «Süddeutschen» übernehmen können. Ist keine Spitzenleistung, aber brauchbar. Das hätte dem Leser aller Tamedia-Kopfblätter, und deren sind viele, das Interview mit Sven Regener erspart, dass die sogenannte Literaturchefin Nora Zukker mit ihm führte.

Auch hier muss man eine gute Nachricht vorausschicken: es fand nicht auf einem Friedhof statt, und – soweit bekannt – wurde auch nicht übermässig dem Alkohol dabei zugesprochen.

Den braucht allerdings der Leser, will er tapfer bis zum Schluss durchhalten. ZACKBUM hat sich – hoch lebe die internationale Solidarität – für einen «Pampero Aniversario» aus Venezuela entschieden. Alles Geschmacksache, aber wohl der beste Rum der Welt. Wenn ein Kuba-Kenner das sagt, muss es wohl stimmen.

Es war nur eine Flasche, im Fall.

Wir kommen nicht um die Beschreibung des Elends herum

Aber es hilft nichts, wir müssen zum Interview schreiten. Der Titel ist immerhin so gewählt, dass der Leser gewarnt wird, ob er sich das wirklich antun will: «Kacki, das hat etwas Grausames». Das mag so sein, aber das ist nix gegen den Fragenkatalog der Literaturchefin ohne Bildungsrucksack.

Das ist wahr, aber es gibt Schlimmeres.

«Was trinken Sie denn hier», «wie lebt es sich denn über die Jahre mit dem ganzen Personal?»,

«Wie haben Sie zu dieser gesprochenen Sprache (!) gefunden?»,

«Dialoge können Sie!», «Im November kommen Sie nach Zürich. Haben Sie eine Beziehung zur Stadt, oder ist sie Ihnen zu klein?»

Gut, die ersten Leser winseln bereits um Gnade, ich habe ein Einsehen. Was antwortet Regener nun auf diese strenges Desinteresse auslösenden Fragen? Besonders zu der über die «gesprochene Sprache»? Nun, er ist ein Profi, der auch auf die Frage: Wie gefällt Ihnen das Wetter heute?, eine zumindest anekdotische Antwort geben könnte. Aber hier verschlägt es selbst ihm etwas die Sprache, also die gesprochene: «Ich verzichte darauf, zu beschreiben, wie die Leute aussehen, das interessiert mich nicht so sehr.»

Nun könnte es ja sein, dass ein solches Interview dem Leser dabei hülfe, sich zu entscheiden, ob er sich diese 480 Seiten antun will. Das Interview selbst ist dafür nicht zweckdienlich, schliesslich sagen höfliche und sogar witzige Antworten auf Nonsens-Fragen nichts über literarische Qualitäten aus.

ZACKBUM findet es aber eher unfair, dass Zukker mit dieser Beschreibung sicherlich unfreiwillig vor der Lektüre abschrecken will:

«Sven Regeners Stil der gesprochenen Sprache hat manchmal einen Hang zur Länge, weil er die Leute beim Reden denken lässt. Wobei dabei auch Dialoge entstehen, die toll sind: «Wie schon Toulouse-Lautrec sagte: Wir haben unser ganzes Leben gebraucht, damit wir das erst seit drei Wochen machen können.» – «Das hat er gesagt?» – «So ähnlich.»»

Nein, das haben wir nicht erfunden. Das geht gar nicht. Ausser, man heisst Zukker und ist Literaturchefin bei Tamedia.

 

Ob die Literatur Zukker überlebt?

Nora Zukker ist Literaturchefin bei Tamedia. Gut für sie, schlecht für die Literatur.

Seit Anfang dieses Jahres hat der eine der beiden Duopolkonzerne im Medienbereich eine neue Literaturchefin. Ihr jugendliches Alter und die vielleicht damit einhergehende Unreife wollen wir ihr nicht vorwerfen. Es hat ja jeder Literaturchef mal klein angefangen. Auch so Leute wie Alfred Kerr, Frank Schirrmacher, Marcel Reich-Ranicki usw. Das waren dann alles erst noch Männer, im Fall. Und ihr sicherlich alle unbekannt, im Fall.

Also setzte Zukker schon früh ein erstes Zeichen, indem sie sich mit der Dumm-Literatin Simone Meier («Juden canceln») auf einem Friedhof mithilfe einer Flasche Chlöpfiwasser die Kante gab. Lassen wir das mal als erste Jugendsünde vorbeigehen.

Sie hat auch schon ein Buch geschrieben. Und mitsamt Crowdfunding – nun ja,  publiziert. Wir spürten kurz die Versuchung, Fr. 50.- für ein «Treffen mit der Autorin» zu investieren, konnten uns aber doch zurückhalten.

Dafür trifft die Autorin immer wieder Bücher, und das bekommt denen überhaupt nicht gut. Noch weniger den Lesern ihrer Berichte über solche Begegnungen. Streifen wir kurz, aber nur sehr kurz durch das literaturkritische Schaffen von Zukker. Sagen wir, so der letzten Wochen. Da hätten wir mal diesen da: «Claudio Landolt hat einen Berg vertont und dazu Prosaminiaturen geschrieben.» Oh, und wie tönt er denn so, der Berg? Nun, nach «grellem Pfeifen». Falsch, lieber Laie: «Das ist die absolute Aufnahme, das ist der ultimative Liebesakt zwischen den Ohren und dem Berg.»

Ohä, und wie tönt er denn, der Dichter?

«Da drüben sprechen zwei Männer mit Sand im Mund. Es scheint um Netze zu gehen.»

Ja, da knirscht der Leser auch mit den Zähnen, spuckt Sand und sucht das Weite.

Wir folgen der Schneise der Verwüstung

Wir folgen aber tapfer Zukker zum «Berner Autor Michael Fehr». Womit erfreut der uns? «Ein Mann brät in der Pfanne eine Katze, die sich in seiner Wohnung verirrt hat. Pistolen schiessen in offene Münder hinter dem Bankschalter, ein Paar plündert ein Lebensmittelgeschäft.» Was soll uns nun das sagen? «All das geschieht in den auf das Kreatürlichste destillierten Texten von Michael Fehr.» Oh, was löst das in Zukker aus? «Man möchte schreien und verstummen, man möchte tanzen und sich hinlegen. So unerbittlich uns Michael Fehr an unsere Begrenztheit und zutiefst menschliche Widersprüchlichkeit erinnert, so tröstlich fühlt sich der Raum an Möglichkeiten an.» Ohä, worum geht’s schon wieder? ««super light» ist unerbittlich und von brachialer Zartheit und die Einladung, sich einzulassen aufs Leben, weil es so oder so kein Entkommen gibt.»

Ja, den Eindruck hat der Leser inzwischen auch, aber wir flüchten nun zum «neuen Roman von Judith Keller». Das ist nämlich «Milena Moser auf Acid». Oh. Als ob Moser ohne Acid nicht schon schlimm genug wäre, aber worum geht’s denn hier? Natürlich kommen auch Roger Federer, Virginia Woolf, Hölderlin und die Odysee vor. Ohä, einfach, damit das klar ist: wir verneigen uns hier vor «Prosaminiaturen». Wie dieser:

«Dazu sagen sie Sätze wie: «Es ist so still. Was wollen wir reden?»»

Nichts, rufen wir erschöpft, aber unsere Odyssee, bei Hölderlin und Federer, ist noch nicht vorbei. Wir sind nun beim Debutroman von Andri Hinnen. Etwas Leichfüssiges über «unsere inneren Dämonen». Da könnte sich Dostojewski wohl noch eine Scheibe von abschneiden, wenn Zukker wüsste, wer das ist. So aber lobt sie: «Ein rasanter Roman, der durch den Einfall, die Psychose zur Figur «Rolf» zu machen, überrascht.» Vielleicht eine Schlaufe zu viel, meldet sich die strenge Literaturkritikerin aber: «Wenn es richtig reinknallt, sind wir am Leben.»

Überleben, das ist alles bei der Lektüre von Zukker

Wir sind hingegen froh, immer noch am Leben zu sein nach diesem Martyrium, nach diesen Stahlgewittern (Jünger, das war, aber wir haben ja schon aufgegeben). Noch ein letzter, matter Blick auf die Fähigkeiten von Zukker als Feuilletonistin. Da wird sie launig: «Sommer nach der Pandemie: 3, 2, 1 … Ausziehen!» Hui, wird’s jetzt noch sinnlich? «Ich bin in der Bar meines Vertrauens. Zwei Beine in einer kurzen Hose setzen sich neben mich, und ich komme nicht damit klar.» Oh, damit wäre die Frage nach Sinnlichkeit bereits beantwortet: Nein. Nach Sprachbeherrschung auch. Beine setzen sich? Aua.

Ist’s wenigstens unterhaltsam? «Ich bestelle einen weiteren Negroni sbagliato und frage mich, gibt es auf Ibiza eigentlich FKK-Strände, denn: Würde ich die Entwicklung dieser Entkleidungszeremonie weiterdenken, müsste die kurze Hose neben mir eigentlich auf der Baleareninsel nackt rumlaufen.» Ohä, auch nein.  Nochmal aua, eine kurze Hose läuft nackt herum? Gibt’s noch irgendwie eine Pointe, etwas, das «richtig reinknallt»? Na ja: «Ich rufe meinen guten Freund in Deutschland an und frage ihn: «Wie nackt sind die Beine im Norden?»»

Nein, die Antwort wollen wir nicht wissen. Aber immer noch besser, als wenn sich Zukker in Debatten einmischt, für die man lange Hosen anhaben müsste, um wirklich mitdiskutieren zu dürfen. Wie zum Beispiel das längst verstummte Geschrei um eine Provokation von Adolf Muschg. «Twitter richtete. Dass der Schweizer Intellektuelle die Cancel Culture mit Auschwitz verglich, löste harsche Kritik aus», blubberte Zukker damals. Schlimmer noch:«Dieses Wort lässt keinen spielerischen Umgang zu.» Entweder weiss sie auch hier nicht, was sie schreibt, oder sie unterstellte Muschg, er habe das Wort Auschwitz «spielerisch» verwendet. Wir regten damals an, dass sich Zukker wenigstens bei Muschg für diesen unglaublichen Ausrutscher entschuldigen sollte. Tat sie nicht.

Also bitte, bitte, lieber Arthur Rutishauser. Lieber Herr Supino. Liebe Minerva, liebe Hüter der letzten Reste von Niveau und Anspruch: wer sorgt wann dafür, dass diese Frau die deutsche Literatur nicht mehr länger quälen, zersägen, misshandeln darf – und den Leser auch noch?