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Wie 15 Minuten zur Ewigkeit werden

Nora Zukker von Tamedia ist noch im Amt. Manche mögen das bedauern.

Die ehemalige Literaturchefin (jetzt ist sie nur noch «Literaturredaktorin») lässt die Verfasser von Werken weitgehend in Ruhe. Die Literatur dankt es ihr.

Nun hatte Zukker Gelegenheit, 15 Minuten mit Otto Waalkes zu verbringen (ja, den gibt es auch noch, und er malt). Sie melkt aus dieser Begegnung einen ellenlangen Text. Wie man das macht? Na klar, man beginnt mit einem Gespräch mit dem Taxifahrer (immerhin muss sie trotz Sparmassnahmen keinen ÖV verwenden).

Dann braucht es eine  Ortsbeschreibung: «Man betritt das Haus und ist sofort in der Ottifanten-Mania. Auf der Toilette gibt es Ottifanten-Taschentücher, vor fast jeder Tür eine Ottifanten-Fussmatte, alle Gläser, Tassen und Teller: Ottifanten-Geschirr.»

Die Einordnung darf nicht fehlen:

«Loriot, Helge Schneider und Otto haben die deutsche Komik zu einem guten Ort gemacht

Dabei vergisst Zukker ungefähr ein Dutzend andere, von Harald Schmidt abwärts. Aber fundierte Kenntnisse waren noch nie ein Kriterium, um bei Tamedia was zu werden.

Dann ein offenes Wort, womit sie sich zufrieden gibt: «15 Minuten bekommt, wer sich angemeldet hat, vielen Journalistenkollegen war das zu wenig.» Aber he, ist doch genug, wenn man mal auf Spesen aus dem Glashaus an der Werdstrasse raus darf.

Dafür kann sie die Kunst, aus 15 Minuten für den Leser eine gefühlte Ewigkeit zu machen.

Sie mäandert zum Gespräch mit dem Künstler: «In wenigen Wochen wird er 77, also müssen wir ihn ansprechen: The Ottifant in the room (nur einmal, versprochen!) – das Alter. Das ist ja so eine Sache mit den berühmten Männern, die in aller Öffentlichkeit älter werden und manchmal lustige Dinge tun, um nicht vergessen zu gehen. Aber Otto sieht einfach immer noch aus wie Otto, das fliehende Haar, die wachen Augen, er spricht schnell und präzise und hat sich das Kindliche bewahrt, einer seiner grössten Schätze vielleicht.»

Routiniert spult Otto ein Best-of seiner Interviewantworten ab, schliesslich hat er sein neustes Werk zu verkaufen. Er malt berühmte Gemälde nach, eine Hammeridee. Aber herrje: «Gleich sind die 15 Minuten vorbei, letzte Frage: An welches Kunstwerk haben Sie sich bis jetzt noch nicht herangetraut, Otto? «Ich möchte irgendwann ‹Die Nachtwache› von Rembrandt malen, aber es sind so viele Leute auf dem Bild.»»

Heissasa, es gab noch einen Nachschlag: «Nach dem Interview sitzen wir zusammen am Tisch, essen Fruchtsalat von Ottifanten-Tellerchen und trinken Kaffee aus Ottifanten-Tässchen. «In der Schweiz gab es noch nie eine Otto-Ausstellung. Haben Sie dort gute Kontakte?», fragt er.»

Cleveres Kerlchen, das muss man ihm lassen. Auch clever von Zukker, dieses 15-minütige Interview (plus Fruchtsalat) zur Selbstvermarktung Ottos zu benützen, um sich einen netten Ausflug zu gönnen.Das sei ihr gegönnt.

Daher ersparen wir ihr die Frage, so als Kulturredaktorin, was sie eigentlich von «Permafrost» von Viktor Remizov hält. Gerade auf Deutsch erschienen und auf der Flughöhe von Wassili GrossmanLeben und Schicksal»), der wiederum in der Liga Tolstoi schrieb.

Aber he, das Werk hat 1253 Seiten, der Schinken könnte einem beim Lesen auf den Kopf fallen, was für Zukker durchaus ein literarisches Kriterium ist. Und dann müsste man ihr erklären, wer Grossman und wer Tolstoi war, die haben auch gewaltige Schinken geschrieben.

Also dann doch lieber Otto Waalkes, dem man wohl nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als begabten Volkskomiker bezeichnet, der aufs Alter die Malerei entdeckt hat. Die wiederum, Kultur ist halt komplex, hat eigentlich wenig mit Literatur zu tun.

Womit sich der Kreis zur Literaturredaktorin Zukker schliesst: sie auch nicht.

Die Pimmel-Muschi-Zensur

Schreckliches Kirchenregiment. Zensur, Schutz vor Schmutz, Besserung. Schön, dass diese Zeiten vorbei sind.

Das menschliche (und auch tierische) Geschlechtsorgan wollte künstlerisch gewürdigt werden. Aber schnell senkte die Kirche den Mantel der Scham über zu freizügige Darstellungen aus der Antike.

Zeitgenössische Maler hielten sich freiwillig an diese Zensur, selbst wenn das wie bei Cranach dem künstlerischen Anliegen nicht gerade beförderlich war:

Michelangelos Jüngstes Gericht mit weitgehend unbekleideten Figuren schuf sogar das neue Genre des «Hosenmalers»; also von Erfüllungsgehilfen, die fleissig übermalten, was zu offenkundig war (siehe Titelbild).

 

Zweimal die Maja von Goya. War es die Gräfin von Alba?

Die nackte Version, wohl zwischen 1795 bis 1800 entstanden, kostete dem Malergenie Goya den Titel des Hofmalers. Aber immerhin überlebte er, während das Gemälde verschwand und erst 1900 das erste Mal öffentlich ausgestellt wurde.

Neben dem Hosenmaler gab es auch den Feigenblattankleber. Bei allzu vielen Skulpturen aus der Antike waren die Geschlechtsorgane in aller Offenheit Bestandteil des (nackten) menschlichen Körpers. Das musste weg, bzw. bedeckt werden; wie bei der Laocoon-Gruppe:

Solcher Schweinskram hingegen war den Sittenwächtern immer ein Grauen:

Uralte Darstellung des Satyrs; Beardsley, der in seinem kurzen Leben über 1000 Werke schuf, Tomi Ungerer, HR Giger, Schiele. 

Endlich mal ein Vorwand, auf ZACKBUM obszöne Dinge zu zeigen? Natürlich, das auch. Aber in erster Linie: Wenn wir diese Zensur an Kunstwerken auf die Sprache übersetzen, wo sind wir dann? Richtig, im aufgeklärten 21. Jahrhundert. An Zürcher Traditionshäusern, die so Jahrhunderte überlebten und den Zeitgeist darstellen, der bei ihrem Bau herrschte, sollen angeblich rassistische Wörter und Illustrationen weggespitzt werden. Alleine wenn das Wort «Neger» vorkommt, wollen selbsternannte Zensurbehörden eingreifen.

Alles, was in der Schweiz (die bekanntlich niemals Kolonien hatte) nach Sklaverei oder Ausbeutung von Eingeborenen aussieht, soll verschwinden – oder gebrandmarkt werden. Jede Sprachverwendung, die als Männersprache die Unterdrückung der Frau beinhaltet, soll ausgemerzt werden. Nicht die wahren Schweinereien, die jeden Tag auf dieser Welt passieren, sollen bekämpft werden. Viel zu anstrengend. Einfacher, sich ein fremdes Leiden zu leihen, sich darin wie in einem Nessoshemd zu quälen (Nora Zukker, das ist der Sage nach Herakles, aber lassen wir das).

Was für die Kunst gilt, gilt auch für die Sprache

Natürlich galt das auch für Literatur; de Sades Werke, der Index der verbotenen Bücher, bis Mitte letztes Jahrhundert nachgeführt. Und natürlich der Sprachreinigungswahn der deutschen Nazis, das Ausmerzen alles Nicht-Arischen, Dichter unbekannt, Dichter verbrannt. Immer, wenn man meint, solchen finsteren Zeiten entronnen zu sein, brechen die nächsten über einen herein.

Wer Neger sagt, ist Rassist. Wer Schwarzer sagt, ist rein und gut. Der Genderwahn hat Ausmasse erreicht, die dem hysterischen Glaubensmob des Mittelalters nur darin nachstehen, dass seine Vertreter zu ihrem heimlichen Bedauern nicht mit Feuer und Schwert, mit Streckbank und flüssigem Blei gegen Böse und Schlechte vorgehen können.

Es geht vorbei, sicher. Aber jedesmal muss ein solcher Anschlag aufs freie Denken, auf die unzensierte Debatte, immer geführt unter dem Deckmäntelchen der guten und reinen Absichten, niedergekämpft werden. Deshalb werden wir hier eine neue wöchentliche Kolumne einführen. Der Titel wird sein:

«Sprachverbrecher der Woche».

Es werden natürlich Namen genannt. Denn wir hier pflegen das offene Wort, den Schlagabtausch ohne Harnisch und mit offenem Visier.