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Lalü, lala, Lora

Eine idealtypische Erregungswelle.

Der anschwellende Bocksgesang um Radio Lora ist ein Musterbeispiel, wie man Erregungsbewirtschaftung durchexerziert.

Schritt eins

Die NZZ hat mal ins Programm des Alternativradios reingehört. Und war entsetzt:

«So setzt sich Radio Lora nicht für eine gewaltfreie Gesellschaft ein, sondern verliest Rechtfertigungen für Attacken auf Polizisten und für bewaffnete Terrorangriffe auf Zivilisten.»
«Die Sendungsmacher verherrlichen RAF-Mitglieder und Flugzeugentführerinnen und spielen Musik, die als antisemitisch gilt. Statt Vielfalt und kontroverse Debatten gibt es linken bis linksextremen Einheitsbrei.»

Furchtbar. Stefan Millius war mutiger als ZACKBUM und hat auch mal reingehört. Sein Fazit: «Ich verbuche meinen Ausflug als Hörer von Radio LoRa unter «neue Erfahrung». Das umschreibt die Höllenqualen positiv. Gleichzeitig bitte ich die Leute, die Konzessionen und Gebührengelder vergeben, es mir nachzumachen. Wenn sie dann immer noch finden, dieser Sender habe einen Platz und Geld verdient: Mich erstaunt mittlerweile gar nichts mehr.»

Schritt zwei

Bürgerliche Politiker springen auf und kritisieren Radio Lora, vor allem die Tatsache, dass der Sender mit über 700’000 Franken Steuergeldern beschenkt wird. Zwei SVP-Nationalräte wollen wissen, wieso der Bund einen Radiosender unterstütze, der gewaltverherrlichende Musik spiele und «linksextremistisches, antisemitisches Gedankengut verbreitet», unter anderem vom Revolutionären Aufbau Zürich, einer bekannten Chaotentruppe im Schwarzen Block.

Schritt drei

Die Angegangenen wehren sich zuerst allgemein-arrogant. Ungerecht, typisch, Meinungsmache, die NZZ habe aus einem «vielfältigen 24-Stunden-Programm einzelne Minuten herausgepickt» und als objektive Tatsache dargestellt. Ist ein wenig idiotisch, denn auch einzelne Minuten sprechen ja für sich, und wer könnte schon das Gesamtprogramm von Radio Lora wiedergeben.

Aber als das Gebrüll anschwillt, legt Radio Lora bei Tamedia nach: «Die jüngste Kritik bewertet das anonyme Kollektiv als «politisch motivierte Stimmungsmache», die gegen öffentlich unterstützte Institutionen wie die Zentralwäscherei, das Zentrum Karl der Grosse oder Radio Lora ziele. Dabei werde Antisemitismus missbraucht, um antimuslimische Positionen zu rechtfertigen.»

Schritt vier

Die Unterstützer eilen den kritisierten zur Seite. So lässt sich der Zürcher AL-Gemeinderat Moritz Bögli auch im Tagi vernehmen, «bei der Lora-Kritik handle sich um eine «inszenierte Empörung» und «Cancel-Culture von rechts». Emanzipatorische Positionen als linksextrem zu diffamieren, sei eine alte Taktik bürgerlicher Politiker. «Wenn diese Subventionen dazu nutzen, um ihnen nicht genehme Inhalte zu unterdrücken, wird es brandgefährlich»». Das ist nun ziemlich faktenfrei, sowohl, was den Inhalt der Sendungen betrifft wie die Behauptung einer «Cancel Culture von rechts».

Schritt fünf

Die Angepinkelten werden sich darüber klar, dass es mit Zurückwäffeln nicht ganz getan ist, dafür besteht doch ein gewissen Gefahrenpotenzial. Also macht Radio Lora etwas, was man nur als Angstreaktion interpretieren kann. Es verschickt ein Mail an die rund 300 Radiomacher, in dem es auf Selbstverständlichkeiten hinweist; es müsse dann schon «sachgerecht» berichtet werden. Das Schreiben wird dem Tagi durchgestochen.

Schritt sechs

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, wird in die Zukunft geschaut; was kann Radio Lora passieren? Geldentzug, gar Konzessionsentzug? Sehr unwahrscheinlich bis unmöglich. Es wird darauf hinauslaufen, dass die Radiomacher sich ein wenig mehr zusammenreissen, intern hitzige Diskussionen stattfinden, ob man sich dem Druck von rechtsnationalen Hetzer wirklich beugen will. Und dann geht alles weiter seinen gewohnten Gang.

Und die Karawane zieht weiter.

Hoch lebe die internationale …

Der Afghane hat’s schwer in Afghanistan. Der Linke in der Schweiz erst …

Es wird geeiert, gehühnert, gefordert oder geschwiegen. Denn der Rückzug der USA aus Afghanistan stellt die Schweizer Linke vor eine gewaltige geistige Herausforderung. Ist das nun eine zu feiernde Niederlage des militärisch-industriellen Komplexes der imperialistischen Supermacht?

Führt der Sieg der Taliban zu mehr selbstbestimmten Frauen unter der Nikab in Afghanistan, wie das die schreibende Schmachtlocke in der «Republik» ernsthaft über europäische Frauen im Ganzkörperpräservativ sagte? Oder sollte man gleich die NATO abschaffen, wie das der nicht ganz dichte SP-Nationalrat Fabian Molina fordert?

Man ist sich höchstens noch einig: Die Schweiz muss unbedingt ihrer humanistischen Tradition folgen und afghanische Flüchtlinge aufnehmen. Mal so 10’000, fordert Molina, und nicht nur er. Nur: woher nehmen, wie kommen die in die Schweiz, was sollen die hier, mit solchem Pipifax beschäftigt man sich natürlich nicht, wenn es um Solidarität, Humanismus, Forderungen auf Kosten anderer geht.

Es wird schnell kompliziert – oder schweigsam

Aber anschliessend wird’s kompliziert. Wie sieht das denn die afghanische Frau? Lotta Suter zitiert dazu in der WoZ «die bekannte afghanische Frauenrechtlerin und ehemalige Parlamentarierin Malalai Dschoja». Die sage nämlich in einem Interview, «in den letzten zwei Jahrzehnten hätten die Frauen und die Zivilgesellschaft in Afghanistan dreierlei Feinde gehabt: die Taliban, die Warlords, die sich zuweilen als Regierung tarnten, und die US-Besatzung. Wenn man einen Feind loswerden könne, seien es immerhin nur noch zwei.»

Nicht nur die Welt spinnt …

Wenn man sich allerdings fragt, welcher der drei Feinde wohl am ehesten für Frauenrechte eingetreten ist …

Das erschütternde Schweigen der «Republik»

Was sagt denn nun das Zentralorgan der Weltenlenker und tiefen Denker? Nichts, einfach nichts sagt die «Republik». Himmels willen, hat selbst Constantin Seibt einen Schreibstau? Keineswegs, nur widmet sich der den ganz grossen Themen:

«Wie Steuerpolitik die Mittelklasse erschuf. Wie Spargelder die Weltherrschaft erlangten. Und warum der Turbokapitalismus bald Geschichte sein könnte. Serie «Die Weltrevolution», Teil 3.»

27’500 Anschläge, alleine der dritte Teil. Da ist zu befürchten, dass die Weltrevolution wegschnarcht, bevor sie überhaupt an den Start gehen kann.

Nicht nur die WoZ spinnt …

Aber die SP Schweiz, die macht doch wenigstens was? Nun ja, sie appelliert. Denn:

«Die Nachrichten und Bilder, die uns aus Afghanistan erreichen, machen tief betroffen.»

Deshalb unterzeichnet das Co-Präsidium auch «mit betroffenen Grüssen».

Und was wird gefordert?  «Wir appellieren daher an den Bundesrat: Verleiht allen Afghan:innen in der Schweiz unverzüglich den Schutzstatus, rettet ihre Familien aus dem Kriegsgebiet, nehmt zusätzlich 10’000 gefährdete Menschen auf – insbesondere Frauen und Mädchen – und verstärkt die humanitäre Hilfe in den Nachbarsländern!»

Das Schöne an solchen Forderungen ist: hören sich echt gut an. Sind aber völlig absurd. «Gleichgültigkeit ist keine Option», behauptet die SP. Wetten, dass doch?

Wo, die SP ist, da sind die «Grünen» schon lange. Auch sie fordern:

  • «Den Schweizer*innen, die sich noch in Afghanistan aufhalten, muss sofort die Rückkehr ermöglicht werden. 
  • Die Schweiz muss jetzt im Rahmen von internationalen Kontingenten 10’000 Geflüchtete aus Afghanistan aufnehmen. 
  • Die Schweiz muss Geflüchteten aus Afghanistan einen sicheren Aufenthaltsstatus garantieren. 
  • Die Schweiz muss die Einreise der Angehörigen von Afghan*innen, die sich in der Schweiz aufhalten, erleichtern.»

Muss das die Schweiz, wird sie das tun? Natürlich nicht, das wissen auch die «Grünen». Aber fordern kostet nichts, hört sich gut an, befriedigt die eigene Klientel und macht ein gutes Gewissen, wenn man sich abends einen reinpfeift und über internationale Solidarität labert.

Wie sieht’s denn ganz richtig links aus? Wir besuchen die Webseite «aufbau.org». Und sind menschlich enttäuscht: nichts über Afghanistan. Okay, der Kampf gegen den «Marsch fürs Läbe» muss Priorität haben, zudem gegen die «türkische faschistische Armee» und für die PKK. Auch die «Revolutionäre Jugend Zürich» ist noch etwas bei «Freiheit für Palästina» steckengeblieben, nix Afghanistan. Auch dort, wo man gerne 1312 oder ACAB verwendet (Position der Buchstaben im Alphabet für «All cops are bastards») herrscht zu Afghanistan Schweigen.

Wo bleiben die frauenrechtsbewegten Tamedia-Protestfrauen?

Das wird übrigens auch von allen erregten Frauen bei Tamedia geteilt. Afghanistan? Frauen? Unterdrückung? Ach was, sagen sich da alle von Aleksandra Hiltmann oder Salome Müller abwärts, wir kümmern uns lieber um den Restsommer, den Ausgang oder das Phantom-Problem «Femizide in der Schweiz», wenn schon. Was gehen uns da die afghanischen Frauen (und Männer) an? Solidarität eingefordert, Aufrufe zur Aufnahme von Flüchtlingen unterzeichnet. Und jetzt, wie sieht’s eigentlich mit der Herbstmode aus?