Die Hitze entschuldigt nicht alles
Keine Freakshow und keine Klimahysterie.
Wie viele Leser das wohl noch länger durchhalten?
Fans von Helene Fischer hoffen, dass bei ihrem Auftritt im Letzigrund nochmal der Reissverschluss aufgeht. Oder dass sie sich trotz Hitze im echten Gänsehaut-Feeling und mit statt Feuerzeugen gezückten Handys in ihre Vorstellung vom Paradies schunkeln können. Hebt sie dann zu «Atemlos durch die Nacht» an, gäbe es nichts mehr, was das Glück noch vervollständigen könnte.
Aber solch unachtsame, unsensible, geradezu verrohte Gefühle kann das Blatt der guten Lebensart und der ständigen Belehrung durch Miesepeter nicht zulassen.
Denn Liliane Minor hat eine Entdeckung gemacht. Eine erschütternde Entdeckung, so in der Liga ihres Entsetzens darüber, dass der Macho-Kantonsrat von Zürich doch tatsächlich keine Gratis-Abgabe von Tampons will. Obwohl sie ihn ultimativ dazu aufforderte: «Was gibt es also zu zweifeln, lieber Kantonsrat? Tut es doch einfach.»
Aber nix ist, viele Frauen tropfen weiterhin ungeholfen vor sich hin, aber lassen wir das.
Diesmal handelt es sich ebenfalls sozusagen um Ausscheidungen, aber anderer Art: «Es ist eine Zufallsentdeckung bei einem Rundgang um den Letzigrund vor dem Metallica-Konzert.» Denn dem Rechercheur ist nichts zu schwör: «Hinter dem Stadion wummern mehrere lastwagengrosse Generatoren. Die flimmernde Luft über dem Kamin zeigt, dass die Stromaggregate in Betrieb sind.»
Da erhebt sich gebieterisch die Frage jedes besorgten Bürgers: «Dürfen die das?» Die Anfrage beim zuständigen Amt ergibt: ja. Denn der Ökostrom reicht nicht aus für solche Shows. Furchtbar. Bei Fischer seien ganze «drei Doppelgeneratoren mit insgesamt über 2 Megawatt Leistung in Betrieb. Das entspricht etwa der Strommenge, die eine grössere On-Shore-Windturbine erzeugt». Aber stattdessen: «Je nach Konzert würden zwischen 1500 und 3000 Liter verbrannt, sagt Lucien Gerber, Sprecher des Veranstalters Good News.» Unglaublich, statt einfach eine solche Turbine hinzustellen, wird für Schall und Tollerei literweise Diesel verbrannt. Schämt euch, ihr Fischer-Fans.

Geht da im Bereich Randgruppenberichte noch einer? Aber immer in Tamedia, dafür ist hier Lea Buser zuständig:

Äh. Wir haben hier also eine jüdisch-christliche Pfarrerin, die auch noch queer ist. Wir nehmen Kenntnis von ihrem Schicksal: «Konversionsmassnahmen, Rassismus, Antisemitismus: Ari Yasmin Lee wurde immer wieder ausgegrenzt. Eine Annäherung an eine Person, die dennoch sichtbar bleibt.» So geht sensibler Journalismus; nicht etwa ein Porträt, sondern eine «Annäherung». Denn eigentlich ist es noch schlimmer, denn sie ist «Pfarrerin, Jüdin, queere Frau und schwarze Person mit Native-American-Wurzeln».
Ein Unmensch, der sich nicht über diese Mitteilung freut: «In der Offenen Kirche Elisabethen in Basel konnte Lee erstmals sie selbst sein.» Dazu gehört auch noch «als Dragkünstlerin». Wow. Was für ein Leben: «Dann lernte Ari Lee in England die Person kennen, mit der sie für zwanzig Jahre verheiratet sein sollte. Ihre spätere Ehefrau lebte damals noch als Mann. … Dann erkannte ihre Ehefrau, die bisher als Mann gelebt hatte, dass sie eine trans Frau ist. Für Lee war das kein Problem. »
Aber auch die Gegenwart hat so ihre Prüfungen: «Im Juni ging Lee erstmals wieder in Drag an die Pride in Zürich. Sie war mit Keschet unterwegs, einem Verein für queere jüdische Menschen. Der Tag habe seine schwierigen Momente gehabt.» Und erst noch für eine Pfarrerin.
Wie gestalten wir hier den Übergang zu einer anderen Hiobsbotschaft im Tagi, der seinen Lesern auch jeden Spass nehmen will:

Vielleicht tröstet den Leser, dass im Kleingedruckten steht, dass nur eine erst 2017 als eigenständige Art wissenschaftlich anerkannte Variante mit gezählten 716 Tieren verschwinden könnte. Insgesamt gebe es aber noch 100’000 bis 120’000 «wild lebende Exemplare». Das beruhigt dann doch. Obwohl, darf man als sensibler Buchstabenschmied «wild lebend» sagen? Und ist «Exemplar» nicht überheblich-abwertend?
Aber, der Gerechtigkeit halber sei’s erwähnt, auch eine gewisse Schadenfreude mag der Tagi beim ansonsten gefrusteten und deprimierten Leser dann wieder auslösen:

Zur Beruhigung: der Opa erlitt zwar Knochenbrüche, blieb aber bei Bewusstsein und lebt.
Wie es mit dem Bewusstsein des Tamedia-Kopfblattsalat-Lesers steht, das wagen wir uns nicht vorzustellen.





