Wie man ein Gefälligkeitsinterview führt
Auch die NZZ hat so ihre Schwächeanfälle.
Thomas Ribi und Lucien Scherrer interviewen Daniel Ben-Ami. Der ist Finanzspezialist und hat zum Beispiel ein Buch mit der steilen These geschrieben, dass zögerliche Feigheit der Finanzhäuser viel gefährlicher sei als der ihnen vorgeworfene Gier-Kapitalismus («Cowardly Capitalism: The Myth of the Global Financial Casino»). Nun ja, er publizierte diesen Unsinn vor der Fast-Kernschmelze von 2008, die durch Casino-Kapitalismus verursacht worden war.
Hier ist er aber «Antisemitismus-Spezialist», also ein Spezialist für alle Fälle. Wie auch immer könnte man mit einem debattiergestählten Juden sicherlich ein interessantes, erkenntnisförderndes Interview führen. Wenn man wollte. Hier wird allerdings eine Seite Feuilleton der NZZ darauf verschwendet, ein «was wollten Sie schon immer mal unwidersprochen sagen?»-Gespräch abzudrucken.

Ein Beispiel in voller Länge und Hässlichkeit:
«Viele Leute rechtfertigen ihre Ablehnung von Israel damit, die israelische Armee habe überreagiert. Ist das angesichts von Zehntausenden Toten in Gaza nicht nachvollziehbar?
Die Reaktionen im Westen hängen damit zusammen, dass zwei Faktoren zusammenkommen. Zum einen der Islamismus als politische Bewegung. Durch die Migration aus dem Nahen Osten und zum Teil aus Afrika sind Muslime in den Westen gekommen, die antisemitisch sind. Sie prägen das Klima mit, in Deutschland, in England. Diese Menschen haben viel weniger Hemmungen, ihren Antisemitismus offen zu zeigen. Als zweiter Faktor kommt dazu, dass sich der intellektuelle Hintergrund der Debatten geändert hat: durch den Aufstieg der Identitätspolitik, der Critical Race Theory und des Postkolonialismus. Zentral ist dabei die Idee, dass es eine Hierarchie der Unterdrückung gibt. Dass die Weissen per se privilegiert sind – und dass auch die Juden privilegiert sind. Der Krieg in Gaza war der Katalysator, um das alles freizusetzen. Aber es war bereits angelegt und dient jetzt als Argument, um antisemitische Positionen zu begründen.»
Vielleicht zur Erinnerung: die Frage war, ob eine Ablehnung der Politik Israels angesichts von Zehntausenden von Toten im Gazastreifen nicht nachvollziehbar sei. Die Antwort hat null und nichts damit zu tun.
In einem ernsthaften Interview würde man diese Antwort streichen – oder den Interviewten auffordern, bitte sehr auf die Frage zu antworten. Aber doch nicht, wenn die Interviewer sowieso dessen Meinung sind, was immer er auch sagen mag. Leider hat das den gegenteiligen Effekt des Gewünschten. Ein solches deklamatorisches Gespräch, wo der Interviewte, ohne sich kritischen Nachfragen ausgesetzt zu sehen, seine Ideologie ausbreiten kann, ist nutzlos und überflüssig.
Nun kommt erschwerend hinzu, dass es in einem Qualitätsorgan eine Qualitätskontrolle geben sollte. Also zwei Redaktoren (nomen est omen) führen ein Interview, verschriftlichen es, lassen es autorisieren und präsentieren ihren Fang stolz dem Blattmacher, dem Ressortchef, der Chefredaktion. Eigentlich sollte ihnen dann ein dreifaches «gohts no? Wo ist das kritische Hinterfragen geblieben? Setzen, eins, spülen» entgegenschallen.
Natürlich darf Ben-Ami seine Meinung äussern. Allerdings würde das nur spannend, wenn er wenigstens mit auf der Hand liegenden Gegenargumenten konfrontiert würde. Oder wenn man unterbinden würde, dass er auf ihm nicht genehme Fragen einfach nicht antwortet.
Aber auch Interview ist eine Kunst, mindestens ein Kunsthandwerk, das immer weniger Journalisten beherrschen. Dass gleich zwei Koryphäen der NZZ so kläglich daran scheitern, bedauerlich.
