Schlagwortarchiv für: Kurt W. Zimmermann

Kurt Tucholsky

Schmerzlicher Hinweis auf die aktuelle Verzwergung im Journalismus.

Kurt W. Zimmermann macht sich auf unseren Spuren (so viel Eitelkeit muss sein) über einen «ellenlangen und holprigen Text zur amerikanischen Geschichte, der kein Klischee von Franklin über Jefferson bis zu Roosevelt ausliess», lustig. Text, was heisst hier Text, das Gebrabbel des sogenannten Auslandchefs Christof Münger nannte er selbst hochtrabend ein «Essay».

Dazu sagt Zimmi völlig richtig: «Der Essay ist in der Publizistik das Signal der Selbstgefälligkeit. Wer sich für einen grandiosen Denkriesen hält, der nennt seinen Kommentar nicht Kommentar, sondern Essay.» Bei Tamedia, was Wunder, wimmelt es von Essayisten, die andere grosse Essayisten wie Lukas Bärfuss anhimmeln.

Als Schlusspointe zitiert der WeWo-Kolumnist: «Denn noch immer gilt, was Kurt Tucholsky, ein echter Essayist, seinen Möchtegern-Nachfolgern als Ratschlag mitgab: «Versuch, versuch alles. Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.»»

Wir bei ZACKBUM haben eigentlich alle, wirklich alle Werke von Tucholsky gelesen, müssen aber gestehen, dass uns dieses Bonmot nicht geläufig war.

Anlass genug, das Stück des Grossmeisters, der so produktiv war, dass er neben seinem richtigen Namen noch vier Pseudonyme benutzen musste, damit man ihm seinen ungeheuerlichen Schreibzwang abnahm, nachzulesen. Er hat seinen Essay «Die Essayisten» 1931 als Ignaz Wrobel in der «Weltbühne» veröffentlicht. Auch die sollte eigentlich zur Pflichtlektüre jedes Journalisten gehören.

Genauso wie eine Auswahl der Werke von Karl Kraus. Aber wir schweifen ab, und in diese furztrocknen Ackerfurchen des sogenannten Journalismus in den Verrichtungsboxen des Newsrooms lässt sich sowieso nichts säen.

Da heutzutage wohl kaum jemand die Gesamtausgabe von Tucholsky oder der «Weltbühne» zur Hand hat, hier kann man den Text nachlesen.

Wobei ZACKBUM sich nicht sicher ist, ob das eine gute Idee wäre. Denn was Tucholsky hier an Gedankenschärfe, Formulierkunst, Witz und vernichtender Kritik auffährt, müsste all den Flachschreiber-Essayisten bei Tamedia von Loser abwärts und aufwärts die Schamröte ins Gesicht treiben. Das passiert aber nicht, weil die alle absolut schmerzfrei sind. Und sich nicht mal um die Schmerzen der Leser Gedanken machen, die ihre Wortmüllberge besteigen müssen.

«Jenes alte gute Wort darf auch hier angewandt werden: der Essaystil ist der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Terminologie. Es ist eine ganze Industrie, die sich da aufgetan hat, und sie hat viele Fabrikanten.» Tucholsky spannt den grossen Bogen auf und identifiziert als eine der Wurzeln dieses Übels –Friedrich Nietzsche.

«»Man geht durch das hohe Portal in die Villa der Greta Garbo . . . « Quatsch doch nicht. Man? Du gehst. Von Nietzsche jene Wichtigtuerei mit dem Wissen, das bei ihm ein organischer Bestandteil seines Humanismus gewesen ist; die Nachahmer aber sind nur bildungsläufig und lassen ununterbrochen, wie die Rösser ihre Äpfel, die Zeugnisse ihrer frisch erlesenen oder aufgeschnappten Bildung fallen. … Von Nietzsche jene lateinische Verwendung des Superlativs, wo statt der größte: sehr groß gemeint ist. So entstehen diese fatalen Urteile: »das beste Buch des achtzehnten Jahrhunderts«, und um das zu mildern, wird der falsche Superlativ mit einem ›vielleicht‹ abgeschwächt. Das lesen wir heute in allen Kritiken. Sie haben an Nietzsche nicht gelernt, gut deutsch zu schreiben. Er war ein wunderbarer Bergsteiger; nur hatte er einen leicht lächerlichen, bunt angestrichenen Bergstock. Sie bleiben in der Ebene. Aber den Bergstock haben sie übernommen

Man möchte gar nicht aufhören zu zitieren, aus diesem Höhenflug über Nietzsche, Schopenhauer, Spengler, Haecker, Hegel, Klaus Mann, gespickt mit genau dem, was Tucholsky als Grundvoraussetzung fürs Schreiben eines Essays nennt:

«Verwickelte Dinge kann man nicht simpel ausdrücken; aber man kann sie einfach ausdrücken. Dazu muß man sie freilich zu Ende gedacht haben, und man muß schreiben, ohne dabei in den Spiegel zu sehn.»

Immer, wenn der Name Tucholsky fällt, was heutzutage viel zu selten der Fall ist, dann kommt uns das wunderbare Gedicht von Hanns Dieter Hüsch in den Sinn, mit dem wir hier schliessen, weil wir’s nicht besser können, nicht mal ansatzweise.

Himmlisches Gespräch

Am Himmel bewegt sich eine Gardine,
die Engel haben Ladenschluss,
da sitzt ein Mann an der Schreibmaschine
und schreibt, weil er schreiben muss.

Der liebe Gott sitzt mit ihm zusammen
und macht ein faltenreiches Gesicht.
Der Mann sagt leise: «Reiss dich zusammen,
komm, wir spielen Mensch ärgere dich nicht.»

Der liebe Gott sagt: «Du kannst mir glauben,
ich hätt es schon längst so gemacht wie du,
aber Selbstmord kann ich mir nicht erlauben,
sonst machen sie mir meinen Himmel zu.

Erst gestern kam wieder einer und sagte,
die Gottlosen müssen hier raus,
und als er sich dann über mich beklagte,
da wusste ich nicht mehr ein noch aus.»

Das hatte der Mann an der Schreibmaschine
schon länger als lange kommen sehen traurig
zieht er an seiner Gardine
und sagt: «Ich kann das sehr gut verstehen.

Hier oben gibt es keine Militaristen,
wird keine Hand an die Hose genäht,
aber hier gibt es schwarze Listen,
für den, der nicht richtig zu glauben versteht.»

«So ist es», flüstert der liebe Gott,
«und geht es so weiter, kann ich nicht mal bleiben.
Da ist zum Beispiel dieser Presbyter Ott,
willst du mir nicht mal einen Artikel schreiben?»

Der Mann gegenüber winkt müde und matt.
«Ich will dir mein Tagebuch zeigen.»
Und er blättert durch bis zum letzten Blatt,
darauf steht: Sprechen, schreiben, schweigen.

Am Himmel bewegt sich eine Gardine,
und über die Milchstrasse läuft eine Maus,
da sitzt ein Mann an der Schreibmaschine,
der sieht wie Kurt Tucholsky aus.

 

 

Das gähnende Sommerloch

Oder Hitzschlag im Glashaus an der Werdstrasse?

Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann, die einzig sinnvolle Ergänzung zu ZACKBUM, vermutet, dass die Zuger Richter die Berechnung der Höhe der Gewinnherausgabe im Fall Spiess-Hegglin beeinflusst durch einen Hitzschlag getätigt hätten. Da ist was dran; wenn man bedenkt, dass auf dieser Berechnungsgrundlage Ringier alleine mit dem «Blick» online eine satte Milliarde verdienen müsste. Das wäre ein absurder Lachschlager, wenn es nicht brandgefährlich für alle Schweizer Medien wäre.

Denn damit wurde zum ersten Mal eine Benchmark gesetzt, die dann auch andere Organe treffen kann. Wäre eigentlich ein Grund für einen kollektiven Aufschrei in den Massenmedien.

I wo.

Das Blödelblatt «Tages-Anzeiger» will hingegen das Sommerloch mit einer Uralt-Topik füllen:

Meine Güte. Gleich 8 (!) Fachkräfte des Ressorts «Leben» (mit so grossartigen Unterrubriken wie «Essen & Trinken» oder «Wir sind Zukunft») haben sich der wirklich gähnlangweiligen Frage angenommen, was denn Deutsche an Schweizern putzig oder kurlig finden.

Genau, schnarch, die Augenlider fallen von selbst nach unten. Erschwerend kommt noch hinzu: diese kompetenten Acht liefern einfach einen Zitatesalat ab. Keine Analyse, Interpretation, kein Hirnschmalz. Unkommentiert geben sie das wieder, was sie bei Befragungen von «Kollegen» zu hören kriegten. Sicherlich haben sie dabei die häufigste Antwort weggelassen: fällt euch denn nichts Besseres als diese olle Kamelle ein?

Gibt es wenigstens gewisse Höhepunkte, Neues, Absonderliches? Aber nein:

«Es fehlen Saftschorlen in Restaurants (mit Ausnahme von Apfelsaft) und Spezi. Auch echtes deutsches Brot und leckere Kuchen sucht man in Bäckereien oft vergebens, es gibt keine wirkliche Kaffee-und-Kuchen-Kultur.»

Die Wahrheit ist: eine Schorle ist das gleiche wie ein Apfelsaft, ein Spezi kann der, der die abartige Mischung von Cola und Orangenlimonade will, seit Kurzem auch in der Schweiz kaufen. Im Coop, zum Beispiel. Oder bei Otto’s. Usw. Immer mehr Bäckereien bieten Sauerteig- und andere deutsche Brote an; wer keinen leckeren Kuchen findet, ist bescheuert. Aber he, wir sind hier doch nicht in einer aktuellen Rechercheredaktion.

Auch nicht in einer, die die Mundart beherrscht:

«Eine sprachliche Wendung lässt einen nach wie vor staunen: ‹I gang go hole› oder ‹I gang go laufe›. Wieso dieses ‹go›? Diese Doppelung ist grammatikalisch einfach nicht nachzuvollziehen – jedenfalls konnte es mir in meiner Schweizer Verwandtschaft niemand erklären.»

Kommt von der alten Präposition gen und verbindet zwei Tätigkeiten. Aber wer nicht richtig Deutsch kann, wieso soll der Mundart beherrschen?

Wer keine der beiden Sprachen richtig beherrscht, dem fällt auch der Widerspruch hier nicht auf:

«Eine tolle, nachhaltige Schweizer Praxis geht leider vermehrt verloren: die geteilten Waschmaschinen und Trockner im Keller von Mehrfamilienhäusern. Das gibts in Deutschland gar nicht, stirbt aber auch hier trotz des Trends zu Single- und DINK-Wohnungen mit eigener Maschine im Bad leider immer mehr aus.»

Trotz?

Es steht zu vermuten, dass im Rahmen der Sparmassnahmen bei Tamedia ausserhalb der Chefbüros die Klimaanlage deutlich gedrosselt wird. Was wohl auch hier zu akuter Hitzschlaggefahr führt.

Anders lässt sich ein solches Gemeinschaftswerk tatsächlich nicht erklären. Es ist aber geradezu unverschämt, das hinter der Bezahlschranke dem Leser reinzudrücken. Der bekommt davon dann Wallungen, Bluthochdruck und einen Blutrausch, der ohne Weiteres in der Kündigung des Abos enden kann.

Liebe Frau Birrer, lieber Herr Bärtschi, wo bleibt hier die mindeste Qualitätskontrolle? Oder schon längst in den unverdienten Ferien?

 

Ausgespielt

Die Verteidigungslinie von SRF gegen Patrick Fischer ist zusammengebrochen.

Im Hochmittelalter befassten sich Scholastiker mit Fragen wie: Haben Engel einen Körper? Können mehrere Engel gleichzeitig am selben Ort sein? Das wurde in der spöttischen Frage karikiert: Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?

Weltfremde und haarspalterische Debatten, um Absurdes zu erklären und aus Glauben Gewissheit zu machen. Auch aktuell gibt es immer wieder Scholastiker, die Offensichtliches leugnen und stattdessen Fantastisches herbeischwurbeln. So wie im Fall des geschassten Eishockeytrainers Patrick Fischer. Der war bekanntlich vom SRF-Journalisten Pascal Schmitz in die Pfanne gehauen worden. Fischer hatte ihm bei einem Mittagessen erzählt, dass er sich ein Covid-Zertifikat gekauft habe, um an die Winterolympiade 2022 nach Peking reisen zu können.

Nun hat Fischer via PR-Bude ein Gespräch aufzeichnen lassen, in dem er zum ersten Mal seine Sicht der Dinge schildert. «Entweder wurde hier vorsätzlich gelogen oder mir fahrlässig Unrecht getan», ist seine Kernaussage. Dabei geht es darum, ob dieses Gespräch «off the record» war oder nicht. Der Begriff bedeutet, dass eine gemachte Aussage nicht veröffentlicht werden darf. Weder direkt noch indirekt, auch nicht paraphrasiert. Einfach nicht. Und natürlich dürfen daraus auch keine Schlussfolgerungen gezogen werden.

Schon der dabei anwesende Medienchef des Schweizer Eishockeyverbandes hatte klargestellt, dass es eine eindeutige Zusicherung gegeben habe. Schmitz hatte schriftlich festgehalten: «Ich schreibe dir bezüglich unseres Off-the-Record-Gesprächs am Mittagstisch in Altstetten. Mir ist die Bedeutung einer Off-the-Record-Vereinbarung sehr bewusst, und ich nehme dies ernst.»

Daran gäbe es wenig zu deuteln. Eigentlich. Nun haben sich aber bereits die Vorgesetzten von Schmitz in die Schlacht geworfen. Nachrichtenchef Gregor Meier: «Es ist nicht ein vertrauliches Off-the-Record-Gespräch.» TV-Noch-Chefredaktor Tristan Brenn: «Es war kein Off-the-Record-Gespräch

Wie das? Die alten Scholastiker hätten ihre helle Freude an den anschliessenden Turnübungen am sprachlichen Hochreck: Das Mail belege nur eine Reaktion auf die nachträgliche Forderung, das Gespräch als off the record zu behandeln.  Ergo: «eine vorgängige Off-the-Record-Vereinbarung wurde damit nicht bestätigt». Und überhaupt:

«Eine Off-the-Record-Vereinbarung muss vorgängig, explizit und gegenseitig erfolgen – das ist ein anerkannter journalistischer Grundsatz. Das war hier nicht der Fall.»

Das ist formalistischer Quatsch. Schmitz selbst bezeichnet es als «Off-the-record-Gespräch». Daran gibt es nichts zu deuteln. Im Rahmen eines Vertrauensverhältnisses gibt es zudem stillschweigende Regeln, immer gibt es die journalistische Ethik. Immer ist der Journalist als Benützer eines grossen Megaphons namens medialer Öffentlichkeit dazu verpflichtet, mögliche Folgen seines Handelns abzuwägen.

Dass sich Schmitz und SRF bewusst waren, auf welch dünnem Eis sie sich hier bewegen, zeigt auch ihr damaliges Verhalten. Statt diese Aussage von Fischer einfach hinauszutrompeten, besorgte man sich unter fragwürdigem Verweis auf öffentliches Interesse den damaligen Strafbefehl gegen Fischer – und konfrontierte den Verband und ihn damit. Wobei stolz erwähnt wird, dass man sich ja an die Vertraulichkeit des Gesprächs gehalten und kein Wort davon publiziert habe.

Das ist ungefähr so realitätsnah wie die Erkenntnis der Scholastiker, dass zwei Engel nicht gleichzeitig am gleichen Ort sein könnten. Die richtige (oder falsche) Beantwortung dieser Frage ist allerdings völlig unerheblich, weil es Engel gar nicht gibt.

Im Fall von Fischer ist damit eine erfolgreiche Karriere abrupt beendet worden – unter ungnädiger Mithilfe eines überforderten Sportverbandes.

Kurt W. Zimmermann bezeichnet die dafür Verantwortlichen bei SRF als «moralische Schurken», die zu entlassen seien. Die Affäre werde «zum Charaktertest für die TV-Chefs Susanne Wille und Roger Elsner». Zunächst verwendete Zimmi einen noch stärkeren Ausdruck, der dann aber offenbar vom Rechtsanwalt der WeWo gecancelt wurde. Allerdings geistert er weiterhin fröhlich durch die Kommentare zum Artikel, saukomisch.

Bislang wird von SRF Normalität zelebriert und Schmitz durfte sogar wieder auf den Bildschirm zurückkehren.

Auch der inzwischen veröffentlichte vollstände Text der E-Mail von Schmitz ändert daran nichts. Gegen ein klares off the record ein angebliches öffentliches Interesse zu setzen, ist Haarspalterei, unredlich und verlogen.

Die Affäre erinnert stark an den Blattschuss, den Fabian Eberhard vom «SonntagsBlick» dem Bundeshaus-Journalisten Dominik Feusi versetzte. Wegen eines Plagiats aus dem Jahr 2024 wurde aus dessen Wechsel vom «Nebelspalter» zur NZZ nichts. Der Fehltritt war längst bekannt und wurde schon länger herumgeboten – ohne mediale Folgen. Bis Eberhard zugriff und die überforderte Geschäftsleitung der NZZ damit konfrontierte.

Dass Eberhard selber im Glashaus sitzt, hinderte ihn nicht daran, mit Steinen zu schmeissen, nachdem er entsprechend angefüttert worden war.

Wenn der Zweck die Mittel heiligt, kommt es zu solchen Entgleisungen.

Eine Ente gegen rechts

Die erfolgreichste Story der Mediengeschichte zielte gegen die AfD und war eine Falschmeldung.

Von Kurt W. Zimmermann*

Das Gerichtsurteil war an Klarheit nicht zu übertreffen. Die Darstellung der Journalisten, so das Urteil, war von A bis Z erfunden. Wörtlich: Die Darstellung war «nicht nur im Wesentlichen unwahr, sondern gleichzeitig unklar, ungenau und unvollständig».

Das vernichtende Urteil fällte soeben das Landgericht Berlin. Es versenkte damit die Journalisten der linken Plattform Correctiv. Die Journalisten hatten im Januar 2024 unter dem Titel «Geheimplan gegen Deutschland» mit einer Gruselgeschichte über das sogenannte Potsdamer Treffen aufgewartet. Dort hätte man den Plan gefasst, Massen von Migranten abzuschieben und gleich auch noch Massen an Staatsbürgern, die zwar den deutschen Pass haben, aber zugewandert sind.

Von einem «Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger» fabulierten die Märchenerzähler von Correctiv. In den nachfolgenden Wochen ging als Folge davon über eine Million Demonstranten auf die Strasse, um «gegen rääächts» anzukämpfen.

Unwahr bleibt unwahr

Die Dichtung von Correctiv war zwar «unwahr, unklar, ungenau und unvollständig», wie das Gericht nun sagte, aber sie war dennoch ein Unikum in der deutschen Mediengeschichte. Gemessen an der Resonanz, war es die weitaus erfolgreichste Story, die jemals von einer Redaktion produziert wurde. Vermutlich war es, gemessen an der Reaktion, sogar die erfolgreichste Story weltweit. Als etwa in den USA die Washington Post die Watergate-Affäre aufdeckte, protestierten nur ein paar tausend Manifestanten vor dem Weissen Haus. In der leicht erregbaren Nation Deutschland war es nach dem Hype um Correctiv über eine Million.

Und das Schöne daran für die meist linke Journalistenszene: Es ging bei den Massendemonstrationen «gegen rääächts», das heisst gegen die AfD. «Der Skandal rückt an die AfD-Parteispitze heran», jubelte etwa die «Tagesschau» über den scheinbaren Skandal.

Die deutschen Medien verkrafteten es darum schlecht, dass das Landgericht Berlin ihre geliebte Correctiv-Story als Zeitungsente enttarnte. Es gebe zwar «Schludrigkeiten in der Darstellung», räumte etwa die «Süddeutsche Zeitung» widerwillig ein, «doch das heisst nicht, dass sie falsch ist».

Dann wurde es ulkig, denn nun erklärte die Süddeutsche ihren staunenden Lesern, wie heutiger Journalismus geht: «Die Sensation wird ein bisschen sensationeller dargestellt, als sie in Wirklichkeit ist

Folgerung der SZ: «War diese Reportage korrekt? Nun ja

Diese Konklusion ist schlichtweg absurd. Eine sensationell aufgemachte Unwahrheit wird nicht dadurch zur Wahrheit, wenn man sie «ein bisschen» weniger sensationell darstellt. Nein, es bleibt eine Unwahrheit.

Tatsächlich war an dem Potsdamer Treffen nichts Sensationelles dran. Eine Handvoll Politiker von AfD und CDU, dazu zwei Rechtsextremisten und einige mittelständische Unternehmer debattierten darüber, wie man die illegale Migration in den Griff bekommen könnte. Sie sahen Abschiebungen als sinnvoll an.

Ebenfalls in der Runde war die AfD-Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy. Sie klagte gegen Correctiv und bestand darauf, in Migrationsfragen etwa dieselbe Position wie CDU und CSU zu vertreten. Dieser Argumentation folgte nun das Landgericht Berlin.

«Alle zusammen gegen Faschismus»

AfD-Politikerin Huy hätte gar darauf verweisen können, dieselbe Position wie die SPD zu vertreten. Unvergessen ist das «Spiegel»-Interview, das Bundeskanzler Olaf Scholz in seinen letzten Zügen gab. Titelzeile zu Scholz auf dem Spiegel-Cover: «Wir müssen endlich im grossen Stil abschieben

Bleiben wir noch ein wenig beim Spiegel, weil wir an diesem den Mechanismus der linken Presse gut beleuchten können. Nachdem die Correctiv-Story erschienen war, überschlug sich der «Spiegel» vor solidarischer Begeisterung. «Alle zusammen gegen Faschismus» lautete eine Titelzeile, und das Blatt wusste: «AfD-Funktionäre planten bei einem Geheimtreffen massenhafte Deportationen.»

Nachdem die Justiz nun diese Erzählung ins Reich der Fantasie transportierte, ist natürlich interessant, wie der Spiegel darauf reagiert hat. Schliesslich hatte er sich ziemlich blamiert. Nun, raten Sie mal.

Der «Spiegel» brachte zum Urteil des Landgerichts Berlin kein einziges Wort. So geht wahrer Journalismus.

_____

*Der Artikel (hinter Bezahlschranke) erschien zuerst in der Print-Ausgabe der «Weltwoche». Mit freundlicher Genehmigung.

Wenn zwei Deppen sich treffen…

Trump und Tamedia — wer treibt’s bunter?

Von Thomas Baumann

Über Donald Trump kann man geteilter Meinung sein. Die Geschichte wird zeigen, wie seine Politik letztlich zu beurteilen sein wird.

Schliesslich muss ein US-Präsident kein erhabenes moralisches Vorbild sein (oder gar, bevor er eine erste Amtshandlung getätigt hat, den Friedensnobelpreis erhalten haben), sondern nur mehr oder weniger vernünftig Politik machen.

Dass Trumps Selbstinszenierung allerdings oftmals eher als Realsatire denn als ernsthafte Politik anmutet, ist kaum zu bestreiten.

Über Tamedia kann man kaum geteilter Meinung sein, von ein paar versprengten löblichen Ausnahmen auf der (Wirtschafts)Redaktion einmal abgesehen.

Jetzt hat sich Trump wieder einmal dazu hinreissen lassen, sich als Messias zu inszenieren. Und das wir immer mehr schlecht als recht.

Ein gefundenes Fressen für die TA-Redaktion. Um es klarzustellen: Wie Trump auf dem Bild erscheint, mit den ganzen Strahlenkränzen, der betenden Frau, der heilenden Hand auf der Stirn des Patienten — das ist schon sehr à la Jesus inszeniert.

Doch wie begründet  es die TA-Redaktion? «Donald Trump will in seinem eigenen KI-generierten Bild keinen Christus gesehen haben, sondern einen Mediziner. Die Inszenierung mit Strahlenkränzen, Soldaten, US-Flagge und Adler erzählt eine andere Geschichte.»

Wenigstens hat die Redaktion darauf verzichtet, auch noch die abgebildeten Kampfflugzeuge zu erwähnen.

Die scheue Frage sei gestattet: Seit wann gehören Soldaten und die US-Flaggen zu einem Jesus-Bildnis? Quo vadis, Tamedia?

Kein Wunder, sucht man vergeblich nach dem Namen des Autors dieses Beitrags…

Auch ein wenig Weltwoche-Bashing darf in der aktuellen Ausgabe selbstverständlich nicht fehlen.

Da hat sich also der Autor Kurt W. Zimmermann in der Weltwoche ziemlich bös verrechnet. Üblicherweise fungiert er dort als Kolumnist mit einer 3000-Zeichen-Kolumne. Ein Kolumnist schreibt bekanntlich was er denkt — und nicht, was die Redaktion denkt. Sonst hätte der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann kaum seit Jahren eine wöchentliche Kolumne in der Weltwoche.

Dumm für die Weltwoche, dass er ausgerechnet diese Geschichte die Frontseite des Blattes als grosse Bühne gekriegt hat.

Und gut für Tamedia. Die Journalisten an der Werdstrasse reiben sich darob die Hände: «Die «Welt­woche» hat bereits auf ‹Orbáns Sieg› angestossen – und sich gewaltig verrechnet», dröhnt es aus der Feder von Iwan Städler. Und mit sarkastischem Unterton geht es weiter: «Die Zeitschrift des ehemaligen SVP-National­rats prophezeite Orbáns Wieder­wahl und höhnte, sie könne als Einzige rechnen. Es kam anders.»

Ja, wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen, wie schon das Sprichwort sagt.

Doch die Häme ergiesst sich erst glatte sechs Stunden, nachdem sich sich René Zeyer in seinem Medien-Blog  zum selben Thema geäussert hat, über den fehlbaren Kolumnisten.

Kalter Kaffee aus dem Hause Tamedia.

Rechenkünstler Zimmi

Zu viel Häme ist fehl am Platz. Aber ein bisschen muss schon sein.

«Denn als einziger Journalist in Westeuropa kann ich rechnen.» Ein kühner Satz. Ein arroganter Satz. Ein Satz, der zwei Möglichkeiten liess. Entweder, Kurt W. Zimmermann, der aus persönlichen Gründen meint, Ungarn besser als die meisten anderen zu verstehen, kann das grosse Triumphgeheul anstimmen.

Oder aber, er muss sämtliche verbalen Register ziehen, um mit einer Mischung aus gesenktem Kopf und trotzigem «wer nicht wagt, der nicht verliert»-Gestus einzugestehen, dass er sich verrechnet hat.

Und zwar nicht um ein hauchdünnes Weniges. Die Sitzverteilung im ungarischen Parlament sieht wohl so aus: die Opposition hat 138 Mandate, Viktor Orbán 55. Das nennt man einen Erdrutsch, einen Kantersieg, eine Gewalts-Niederlage.

Orbán hat bereits seine Niederlage eingestanden und verlegt sich auf Durchhalteparolen: «Wir geben nicht auf, nie, nie.»

Wie kam nun Zimmermann zu seiner Fehlanalyse, mit der er allerdings in der besten Tradition der «Weltwoche» («la crise n’existe pas») steht?

Das Schicksal des Geisterfahrers, der die Warnmeldung im Autoradio hört und sagt: Einer? Hunderte – das hat ihn wohl nicht irritiert.

Wegen der üblichen Mischung aus Arroganz und Besserwisserei, mit der die meisten Journalisten zwei Wahlsiege von Trump nicht wahrhaben und anschliessend ihn wegschreiben wollten.

«All die Journalisten, die sich mit ihren Wahlprognosen auf Umfragen stützen, haben indessen keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem.» Das mag durchaus sein, nur: recht hatten sie trotzdem.

Rechenkünstler Zimmermann meinte hingegen: «Erster Teil also: 63 bis 65 Direktmandate für Orbáns Partei.» Nicht mal das stimmt. Plus: «Bei der Listenwahl kommt die Fidesz damit auf 37 oder 38 Mandate.» Macht nach Adam Riese und nach Kurt W. Zimmermann 100 Abgeordnete in einem Parlament mit 199 Sitzen. Et voilà.

Da bleibt nur noch die Schadenfreude, dass der Wahlsieger schliesslich unter Getöse aus Orbáns Partei ausgestiegen ist und wohl charakterlich und von der Prinzipientreue her seinem Gegner nicht nachsteht.

Worauf basiert Zimmermann seine singuläre Position? «Ich habe mit meiner ungarischen Frau viele Jahre in Budapest gelebt. Ich bilde mir deshalb ein, ein bisschen etwas von Ungarn zu verstehen.»

Da möchte ZACKBUM-Redaktor René Zeyer ihm ein kleines Geständnis mit auf den Weg geben. Er hat viele Jahre mit seiner kubanischen Frau in Kuba gelebt. Das hat dafür ausgereicht, dass er sicher weiss, dass er keine Ahnung hat, wie die Kubaner ticken, was sie antreibt, wie sie funktionieren, wie sie das immer dysfunktionaler werdende Regime weiter ertragen.

Auf die banale Frage, wie viele der compañeros denn die Revolution bis zum heutigen Tag unterstützen, kann die richtige Antwort nur sein: das weiss niemand. Das Regime weiss es nicht, kein Ausländer weiss es, nicht einmal die Kubaner selbst wissen es.

Bevor wir den armen Zimmi in seinem Elend ruhen lassen: «Wenn ich richtig liege, dann schenke ich mir ein Glas Kreinbacher Egoiste Brut ein.»

Da kann man nur sagen: hoch die Flasche …

PS: Wer’s aushält: hier versuchen Chefredaktor Roger Köppel und Fehlprognostiker Kurt W. Zimmermann, die krachend falsche Vorhersage einzufangen und zu erklären. ZACKBUM hat nach zwei Minuten Gegiggel und guter Laune aufgegeben. Leider können wir uns morgens so etwas nicht schönsaufen.

Etwas mehr Demut anstelle überhebliches Grinsen wäre vielleicht angebracht:

Der ARD-Skandal

Wirft in der Schweiz kaum Wellen, ist aber unglaublich.

Der deutsche Staatssender ARD lässt in einer Publikumssendung einen Komparsen auftreten, der das gewünschte Schlusswort hält. Unvorstellbar.

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rundfunkanstalten (ARD) verfügt über ein Jahresbudget von rund 6,3 Milliarden Euro und ist damit der grösste nicht-kommerzielle Programmanbieter der Welt.

Nicht zuletzt wegen der braunen Vergangenheit Deutschlands ist dieser gebührenfinanzierte Staatsfunk zu äusserster Ausgewogenheit und Neutralität verpflichtet Daran hält er sich immer weniger. Die Griechenland-Krise, der Ukrainekrieg, das Framing-Manual von Elisabeth Wehling, Spesenreitereien und exorbitante Gehälter. Die Liste der ARD-Skandale ist lang.

Der kantige Springer-Boss Matthias Döpfner verglich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten schon mal mit Nordkorea. Vielleicht leicht übertrieben.

Aber nach Corona kam die AfD. Die Partei wurde vom in die bräunliche Ecke gestellten Schmuddelkind zur wichtigsten politischen Kraft in einigen Bundesländern. Und schon steht der nächste Wahltermin in Brandenburg an. AfD-Kandidaten oder Vertreter werden in allen Sendungen von ARD und ZDF nach allen Regeln der TV-Kunst niedergemacht, mit Vorwürfen überschüttet. Ihnen wird ins Wort gefallen, jedes zweite Wort ist rechtsradikal, der Faschist Höcke, der braune Sumpf, Fremdenfeinde, Rassisten, Unmenschen.

An Gegenargumenten mangelt es hingegen sehr. Den Vogel schoss nun die Sendung «Die 100» ab. Die preist sich so an: «In jeder Folge von „Die 100“ geht es um eine kontroverse Frage. Einhundert Menschen auf dem Spielfeld stimmen ab: sind sie eher dafür oder dagegen?» Also ein Platz für Volkes Stimme, da wird der Puls der Bevölkerung gefühlt, authentisch, original, ungefiltert.

Oder doch nicht. Die jüngste Sendung, passend zur Landtagswahl, widmete sich der Frage «Ist die AfD eigentlich ein Problem?» Der Moderator behauptete einleitend: «Wir jubeln Ihnen keine Meinung unter.» Das Sendungsdekor (siehe Aufmacherfoto) ist natürlich keine Meinung, nur Dekoration. Das versuchte auch nicht der Publizist Michel Friedman, der in einem Einspieler nahelegte, dass es mit der AfD zurück in die braune Vergangenheit gehen könnte. Ausgerechnet Friedman, der längere Zeit pausieren musste, nachdem er mit ausgebeuteten osteuropäischen Nutten beim Koksen in einem Hotelzimmer erwischt worden war. Aber mit genügend Chuzpe gelingt jedem ein Comeback.

Das war aber nicht einmal der Höhepunkt der Sendung. Die sich in AfD-Bashing überbot: «Viele in der AfD wollen Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen aus unserem Land entfernen», behauptete einer der Moderatoren. Wie reagiert denn nun das Publikum im Studio, was sagt Volkes Stimme?

Auftritt 54-jähriger Bürokaufmann aus Göttingen, also repräsentativer geht es kaum. Der war zu Beginn der Sendung Sympathisant der AfD, einsichtig hat er das Lager gewechselt, er habe eingesehen, dass die Partei «ein Wolf im Schafspelz» sei. Das war dann der grossartige Schlusspunkt dieser Sendung.

Bloss: schnell stellte sich heraus, dass es sich bei dieser Stimme aus dem Volk um einen Laienschauspieler handelt, einen Komparsen, der regelmässig im TV auftritt. Natürlich beteuert er, dass er hier keine Rolle gespielt habe, nicht gekauft worden sei, alles reiner Zufall, dass er mit seinem Meinungsumschwung das Schlusswort erhielt.

Damit schafft sich die Glaubwürdigkeit von angeblich neutralen Staatssendern selbst ab. Aber wozu in die Ferne schweifen. Wenn der Medienkritiker Kurt W. Zimmermann Meteo Schweiz kritisiert, die im TV-Wetterbericht regelmässig viel zu hohe Temperaturen angibt, dann macht SRF prompt eine Diskussionsrunde dazu. Im «Club» darf dann der angeschossene Wetterfrosch Thomas Bucheli zur Selbstverteidigung ausholen, unterstützt von Claqueuren. Aber der Kritiker wird vorsichtshalber nicht eingeladen, damit er ungestört kritisiert werden kann.

Dass die Moderatorin des «Club», die die Einschaltquote mit Anlauf in den Keller fährt, mit einem TV-Boss liiert ist, wie ZACKBUM enthüllte, das kann dabei sicher nicht schaden.

Wenn in Deutschland die erzwungene Herausgabe von Protokollen des Robert-Koch-Instituts zu einem Skandal führen, weil sie belegen, dass während der Pandemie die Regierung auf die Meinung der Wissenschaft massiv Einfluss nahm, dekretiert das Schweizer Staats-TV, dass das hierzulande keine News sei. Und überhaupt, Aufarbeitung der eigenen Rolle während der Corona-Hysterie? Völlig unnötig.

Vertrauen erwerben, das ist ein langwieriger und mühsamer Prozess. Vertrauen verspielen, das macht man schnell und mit leichter Hand.

Qualitätsjournalismus? My ass

Kurt W. Zimmermann knöpft sich den Qualitätsanspruch von Tamedia vor.

Eine Massenentlassung, die mehr als 100 Journalisten bei Tamedia die Stelle kosten wird. Gleichzeitig blamierte sich die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi mit einem Kommentar in «eigener Sache» unsterblich.

Oder wie Zimmi in der «Weltwoche» schreibt:
«Die aberwitzigste Begründung für die Sparübung kam vom obersten publizistischen Leiter des Verlags. Die Massenentlassung, schrieb er, sei ein Glücksfall. Es sei eine «Weichenstellung für den unabhängigen Qualitätsjournalismus».
Qualitätsjournalismus durch Massenentlassung? Weichenstellung? Die Branche brüllte vor Lachen, von der nahen NZZ bis zu den ferneren Le Monde in Paris und der Frankfurter Allgemeinen.»
Seither gibt es endlich einen Masstab zur Messung von Peinlichkeit im Journalismus. Es ist die Bärtschi-Skala. Mit dieser Lachnummer legte er die Benchmark vor: 10 Bärtschis. Sie wird selten übertroffen, häufig unterboten.
Diese lachhafte Behauptung, die wohl nicht einmal karrierefördernd war, nimmt Zimmi zum Anlass, selbst Kriterien aufzustellen, nach denen sich «Qualitätsjournalismus» messen lässt. Nein, Massenentlassungen gehören nicht dazu. Dafür aber vier Dinge, die eben eine NZZ, eine Le Monde, eine FAZ oder eine NYT zu Qualitätsmedien machen.

Wie bei Bärtschi kann man das ganz einfach messen, es sind nur vier Kriterien:

– Auslandberichterstattung
– Feuilleton
–Wirtschaftsberichterstattung
– offene Meinungsbildung

Nun könnte man noch diskutieren, wenn ein Blatt nicht alle vier Kriterien erfüllt. Bei Tamedia hingegen ist es ganz einfach: hier wird Qualität nur behauptet, nicht geliefert. Das Medienhaus fällt bei allen vier Kriterien durch.

Statt eigener Auslandberichterstattung mit eigenen Korrespondenten übernimmt es flächendeckend die Berichterstattung der «Süddeutschen Zeitung», die mit sehr linker, teutonischer Sicht die Welt betrachtet und mit typisch deutscher Rechthaberei bewertet und benotet. Nicht nur hier, nebenbei, der halbe Tagi ist voll von Artikeln aus der SZ, wenn sie nicht von der DPA, SDA oder AFP stammen.

So etwas wie ein Feuilleton oder eine Kulturberichterstattung gibt es nicht mehr. Es gibt zwar noch ein Team «Kultur», das diesem Namen aber Schande macht. Man kann ja nicht im Ernst behaupten, dass Andreas Tobler oder Nora Zukker etwas mit Kultur zu tun hätten.

Tamedia hat sich gerade rumpelig von seinem Wirtschafts-Chef getrennt; niemand weiss, warum. Was früher mal eigenständig war, ist inzwischen ein Mischmasch von «Politik & Wirtschaft». Der einzig ernst zu nehmende Wirtschaftsjournalist Arthur Rutishauser kann das im Alleingang auch nicht rausreissen.

Debattenkultur ist das letzte Kriterium. Alle grossen Qualitätszeitungen pflegen den Gastkommentar, die andere Meinung, den Widerspruch. Bei Tamedia kommentieren meistens die eigenen Schreiber. Am liebsten auch noch sich selbst und ihren Bauchnabel. Will aber zum Beispiel René Zeyer einen Gastkommentar als Erwiderung zu einer unerträglichen Kriegstreiberei schreiben, dann wird ihm mitgeteilt, er habe «Schreibverbot». Ausgesprochen von zwei unsicheren Weibern der Chefredaktion, die sich durch ihn «diffamiert» fühlen.

Auf die Frage, ob sie dafür vielleicht ein, zwei Beispiele nennen könnten, verstummt die Chefredaktion. Das ist mal echte Debattenkultur.

Es ist schon lachhaft, ein grosses Rausschmeissen als Weichenstellung für Qualitätsjournalismus verkaufen zu wollen. Schlimmer noch, selbst der dümmste Leser merkt, dass er hier verarscht wird, auf den Arm genommen, über den Löffel balbiert.

Aber auch unabhängig davon ist Tamedia schon lange nicht mehr ein Qualitätsorgan. Der Tagi ist in weiten Teilen eine (oft schlechte) Kopie von «20 Minuten». Mit zwei Unterschieden: der Tagi ist nicht gratis, und er ist vollgesosst mit Meinungen und Kommentaren der Redaktoren, die meistens keinen Menschen interessieren.

Kein Qualitätsorgan käme auf die Idee, die Autoren eines angeblichen Scoops sich selber produzieren zu lassen, mit stolzgeschwellter Brust über ihre übermenschliche Leistung zu schwadronieren. Das dürfen auch die Autoren einer Podcast-Serie über eine Sprinterin, die vor langer Zeit gestorben ist und keinen Menschen mehr interessiert.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, heisst es. Den will Tamedia offenbar nicht tun. Ein erstes Zeichen wäre es, wenn sich das Medienhaus von seinem publizistischen Leiter trennen würde. Denn mit einer solchen Lachnummer kann es nicht besser werden.

Wumms: Kurt W. Zimmermann

Der vorletzte Mohikaner läuft zur Höchstform auf.

Vielleicht ist Kurt W. Zimmermann auf seine alten Tage zum Marxisten geworden. Auf jeden Fall analysiert er das Tamedia-Desaster rein ökonomisch und begründet es mit der Geldgier des Besitzerclans, der ungefähr 30-köpfigen Coninx-Familie.

In der «Weltwoche» zieht er richtig vom Leder: «Es war, ich habe nachgezählt, die zwölfte Sparrunde in den letzten zwanzig Jahren. Das Haus Tages-Anzeiger ist damit der Europameister in der Disziplin der Kostensenkung.»

Während im Maschinenraum gespart wird, bis es quietscht, herrscht auf der Kommandobrücke Champagnerstimmung: «Etliche der dreissig Familienmitglieder haben keinen festen Beruf. Das müssen sie auch nicht, solange ihr Anführer Supino jedes Jahr für hohe Dividenden sorgt. In den vergangenen drei Jahren zum Beispiel flossen 192 Millionen Franken Dividende an die drei Familienzweige. Damit lässt es sich ganz gut leben.»

In einem NZZ-Interview legte er noch paar Schippen drauf:

«Der «Tages-Anzeiger» ist ein Fall für die Psychiatrie. Erst hat er seinen Auslandteil nach Deutschland ausgelagert und den Kulturteil abgemurkst. Die neue Strategie lautet nun, dass der «Tages-Anzeiger» auch Lokalblätter wie die «Zürichsee-Zeitung» und den «Landboten» in seinen Online-Auftritt integriert. Ich frage mich, wie jemand auf eine so dümmliche Idee kommen kann.»

Auch an der Strategie von Pietro Supino, alle Zeitungen aufzukaufen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, lässt Zimmermann kein gutes Haar: «Die Zeitungsakquisitionen von Bern über Basel bis Genf waren, aus heutiger Sicht, eine enorme Fehlinvestition. Unter Verwaltungsratspräsident Pietro Supino hat man für insgesamt eine Milliarde Franken jede Zeitung gekauft, die man bekommen konnte. Heute machen alle Zeitungen des Verlags zusammen einen Gewinn von 10 Millionen. Als Return on Investment ist das unterirdisch

Aber auch für die Zukunft sieht Zimmermann schwarz, bzw. rot. Kann die Gewinnmarge der Zeitungen von aktuell 2 Prozent auf die geforderten 10 Prozent gesteigert werden, ist das realistisch? «Völlig unrealistisch. Die soeben vorgestellte neue Strategie von Tamedia ist keine Strategie, sondern Wortgeklingel. Ich habe noch selten eine derart inhaltsleere Strategiepräsentation erlebt wie jene von Tamedia. Man hat keine Ahnung, wie man mit Zeitungen in Zukunft Geld verdienen will. Man nennt diese Ideenlosigkeit nun «digitale Transformation».»

Fall für die Psychiatrie, dümmliche Idee, enorme Fehlinvestition, Wortgeklingel, Ideenlosigkeit. Das ist vernichtend. Das Schlimme daran ist: das ist noch höflich zurückhaltend ausgedrückt.

Wer das nach fast einjährigem Brüten als neue Strategie verkündet, ist für seinen Posten radikal ungeeignet. Wer das als «Weichenstellung für den unabhängigen Qualitätsjournalismus» verkaufen will und damit die verarschten Leser stinksauer macht, ist für seinen Posten radikal ungeeignet. Wer die unnötige inhaltliche Verflachung des Tagi zu verantworten hat, ist für seinen Posten radikal ungeeignet. Auch wenn es sich um zwei Frauen handelt.

Und schliesslich ist derjenige, der diese Personalentscheide getroffen hat, für seinen Posten radikal ungeeignet, aber unkaputtbar.

Rad ab, Kopf ab

Wieso sagt TX nicht einfach die Wahrheit?

Die Wahrheit über das Siechtum von Tamedia ist eigentlich ganz banal. Sie besteht zunächst einmal aus Zahlen. «Seit Pietro Supino im Jahr 2007 VR-Präsident der TX Group wurde, hat er mit seinem Unternehmen einen operativen Gewinn von genau 3174,7 Millionen Franken gemacht» hat Kurt W. Zimmermann in der «Weltwoche» vorgerechnet.

Allerdings muss damit ein riesiger, geldgieriger Coninx-Clan unterhalten werden. Dafür hat er das Familienmitglied Supino an die Spitze des Konzerns entsandt. Der hat tatsächlich dieses Spitzenresultat erzielt, Chapeau.

Dafür hat er den «Tages-Anzeiger» in eine Holding mit vielen einzelnen Proftcentern aufgesplittet. Zersplittert ist dabei die Urzelle des Konzern, die Publizistik. Sie ist nichts mehr als ein Feigenblatt, mit dem gewedelt wird, wenn mal wieder der meist untaugliche Versuch unternommen wird, noch mehr staatliche Subventionen rauszuleiern.

Denn im Gegensatz zu Migros oder Coop behauptet dann TX, und nicht nur dieser Konzern, dass Journalismus unverzichtbar für die Demokratie sei und als Vierte Gewalt furchtbar wichtige Kontrollaufgaben habe. Allerdings: wenn das wirklich ernstgemeint wäre, hätte der Coninx-Clan ja vielleicht auch so sein kleines Scherflein dazu beitragen können.

Stattdessen hat Supino etwas fatal Cleveres gemacht. Offiziell wird über die rückläufigen Werbeeinnahmen gejammert; im Print, aber auch online. Dabei hat Supino sämtliche Inseratequellen dem Tagi weggenommen. Stellen-Anzeiger, Auto- und Wohnungsmarkt, Verkaufsanzeiger, selbst Tauschbörsen, alles ist ins Internet abgewandert. Aber nicht nur das, diese Einnahmequelle wurde dem Tagi, der sie ja erst jahrzehntelang aufgepäppelt hat, weggenommen und in eigene Profitcenter ausgelagert.

Der Zusammenschluss mit Ringier auf diesen Gebieten hat einen Wertzuwachs in Milliardenhöhe in die Bilanz gespült, der mit einer Sonderdividende gefeiert wurde.

Dem Tagi werden die Räder abgeschraubt, und dann wundert man sich, wieso die Karre nicht mehr so rund läuft. Und verlangt gleichwohl, dass die Abteilung Publizistik die konzernübliche Marge von 8 Prozent Gewinn erreicht. Das geht natürlich nicht, und das wissen auch alle Beteiligten. Sie schwafeln dabei unaufhörlich von Qualitätsjournalismus, während sie in Wirklichkeit die Publizistik zu Tode sparen. Was wortwörtlich zu nehmen ist.

Ein Konzern, der dermassen brutal mit einer seiner Sparten umgeht, zeigt damit ganz klar: Tagi & Co. ist ein Auslaufmodell. Eine Schindmähre auf dem Weg zum Abdecker, und man kann nicht mal mehr Seife aus ihr herstellen. Vielleicht wird «20 Minuten» überleben, zumindest noch ein Weilchen. Aber der Qualitätsjournalismus ohne Qualität und Quantität hat mit dem neusten grossen Rausschmeissen sein Totenglöckchen läuten hören.

Alles andere ist dummes Gedöns, auf primitivsten Niveau von Simon Bärtschi dargeboten, bei dem man sich fragen muss, ob sich der Mann morgens noch im Spiegel anschauen kann, ohne rot zu werden. Die Antwort ist leider ja. Roger Schawinski hat die führenden Figuren vors Mikrofon gebeten. Pietro Supino, Jessica Peppel-Schulz, Simon Bärtschi. Und hat nur windelweiche Absagen kassiert.

Bärtschi war auch hier unschlagbar: er müsse nun auf die Mitarbeiter zugehen und es ihnen erklären, daher keine Zeit. Aber das Problem ist ein anderes. Nicht der Befrager Schawinski, vor dem alle Angst haben. Sondern die Tatsache, dass der «Doppelpunkt» live ist. Das Biden-Problem: man kann sich von Wortschnitzern watteweiche Statements bereitlegen lassen, die man in einem schriftlichen Interview absondert, wie das Peppel-Schulz und Bärtschi in der NZZ taten.

Aber vor dem Mikrofon muss man spontan auf Fragen reagieren können. Bidens Problem war, dass er zunehmend senil ist. Das Problem er Führungscrew von Tamedia ist, dass sie auf die banale Frage, wie denn mehr Qualitätsjournalismus mit ständig weniger Qualitätsjournalisten gehen soll, keine Antwort wissen. Da Schawinski sie nicht mit Wortwolken davonkommen liesse, so vor dem Mikrofon, müssten sie eingestehen: keine Ahnung, natürlich geht das nicht. Aber dazu sind sie zu feige.

Die gleichen Leute, deren Organe jeden interviewen und ihm kritische Fragen stellen wollen, sich bitterlich beschweren, wenn sich jemand dem entzieht. Aber die obersten Verantwortlichen kneifen allesamt. Vorbildlich. Oder: der Fisch stinkt immer vom Kopf.