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Etikettenschwindel bei Tamedia

Eine «Sozialpsychologin» ordne das Skandal-Video von Sylt ein. Pustekuchen.

Professor Beate Küpper ist immer zur Stelle, wenn es ums Eintopfen von rechten, fremdenfeindlichen, antisemitistischen, verschwörungstheoretischen oder überhaupt übel-rechtsradikalen Phänomenen geht. Dabei lässt sie es doch deutlich an wissenschaftlicher Objektivität missen.

Sie ist das deutsche Pendant zum ziemlich in der Versenkung verschwundenen «Sozialwissenschaftler» Marko Kovic (bitte mit k am Schluss aussprechen).

Also genau die Richtige, um vom Autor der «Süddeutschen Zeitung» Jan Bielicki interviewt zu werden. Und das Resultat wird dann gegen Bezahlung dem armen Tamedia-Leser serviert. Der sich zunächst sicher fragt, was ihn eigentlich das Verhalten von besoffenen Deutschen auf Sylt angeht.

Wer sich dennoch auf die Lektüre einlässt, dem sträuben sich die Haare, was die Sozialpsychologin alles unwidersprochen sagen darf. Ein Interview ist immer schnarchlangweilig, wenn sich beide Beteiligten in den Armen liegen und statt kritischem Hinterfragen bloss Stichworte geliefert werden, an denen sich dann die Interviewte austoben darf.

Der Anfang ist noch recht banal und nicht falsch: «Es gab und gibt immer schon elitäre und sich elitär gebende Kreise, die rechtsextreme Positionen teilen – und das auch mit einem grossen Selbstbewusstsein getan haben und tun.»

Aber dann setzt Küpper zu einem Rundumschlag an, der eigentlich diverse Nachfragen hätte auslösen müssen; der Vorfall von Sylt reihe:

«sich ein in die Enthüllungen über das Treffen in einer Potsdamer Villa, wo man an einem ebenfalls exklusiven Ort sicher gut gespeist und sich dabei angeregt über die massenhafte Entfernung von Menschen aus Deutschland ausgetauscht hat. Das waren auch keine armen Leute, die da Wannseekonferenz spielen wollten. Und unter den Reichsbürgern, die gerade vor Gericht angeklagt sind, einen Umsturz geplant zu haben, sind Leute mit altem Vermögen. Und zu denen, die in den USA hinter Donald Trump stehen und die Republikaner von rechts vor sich hertreiben, gehören viele der Allerreichsten des Landes

Wannseekonferenz spielen? Weiss die Frau überhaupt welchen Vergleich sie da anwendet? Das ist geradezu widerwärtig und hätte unbedingt eine kritische Nachfrage auslösen sollen. Die sogenannten Enthüllungen über dieses Treffen haben sich zudem bereits weitgehend als aufgebackene Luft herausgestellt.

Und die Rolator-Reichsbürger, denen man ernsthaft zutraut, für einen Umsturz in Deutschland gut zu sein, hätte man sie nicht im letzten Moment daran gehindert, also wirklich. Und dass einige der «Allerreichsten» in den USA Trump unterstützen, so wie auch «Allerreichste» die Wahlkampfkasse von Biden füllen, so what?

Dann schwurbelt Küpper am Begriff «Klassismus» (die Verachtung von Menschen, die ärmer sind) entlang und dreht Locken drauf: «Wir wissen aus unseren Studien, wie eng dieser Klassismus mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus gekoppelt ist. Menschen, die rassistische, sexistische oder antisemitische Positionen vertreten, neigen auch dazu, Menschen in prekären Lebenssituationen zu verachten. Genau das ist das Bild, dass nun diese jungen Menschen bieten, die auf Sylt ihren Reichtum offensiv feiern und sich gegenseitig den Champagner in den Mund giessen.»

Und was sagt die Professorin Einordnendes zu den Besoffenen auf dem Video? Es seien «junge Schnösel, die vielen ohnehin ein Dorn im Auge sind, neoliberale Werte der Entsolidarisierung und der nur scheinbar individuellen Leistung geradezu zelebrieren».

Dann neigt sie wieder zum schwurbelnden Whataboutism: «Das lässt sich ja auch beim Brechen der Corona-Regeln beobachten oder beim Klimaschutz, wenn Wohlhabende Tonnen von Kohlendioxid in die Luft jagen, während der Rest der Gesellschaft sich mit der Anschaffung von Wärmepumpen quält. Und das demonstrieren auch die Leute auf dem Video von Sylt: Für uns gelten die Regeln nicht

Und was schliesst die Wissenschaftlerin daraus? «In dieser Situation liefern mir populistische Parteien das tolle Angebot, dass ich selbst weder verantwortlich bin für die Krise durch meinen Lebensstil noch für deren Lösung. Ich darf dafür die Fremden oder die Eliten verantwortlich machen. Das ist also doppelt bequem. Und am bequemsten ist es natürlich, wenn ich es mir leisten kann, diese Haltung in einem exklusiven Club auf Sylt zu feiern oder davon zu träumen, dort mitfeiern zu können.»

Dass sie diese Meinungen auf Kosten aller Steuerzahler vertritt und damit doch gelinde Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Eignung fürs Fach Soziologie erweckt, unbenommen. Läuft unter Meinungsfreiheit. Dass aber der ihre verqueren Ansichten völlig teilende Redaktor der SZ kein einziges Mal in eine dieser Meinungsblasen hineinsticht oder seiner eigentlichen Aufgabe nachgeht, zu hinterfragen, das ist eine beschämende Niederlage des journalistischen Handwerks.

Der Redaktor will den Leser nicht mit kritischen Fragen an eine glasklar positionierte Soziologin zu Erkenntnisgewinn führen, er will den Leser indoktrinieren, ihm eine sehr extreme und extrem unwissenschaftliche Meinung als wissenschaftliche Wahrheit verkaufen.

Dass Tamedia dieses sehr deutsche Stück über ein sehr deutsches Thema überhaupt verkauft und sogar empfiehlt, es zudem als Lieferung von «Antworten und Erklärungen» falschetikettiert, das kann nicht mehr überraschen beim Zustand dieses Hauses.