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Auch Nachruf will gelernt sein

Donald Sutherland ist gestorben.  Ein ganz Grosser wird von Zwergen betrauert.

David Steinitz hat schon am Biopic über Leonard Bernstein rumgemeckertverschwitztes Dirigentengezappel»). Denn der Autor der «Süddeutschen Zeitung» hält sich für ein ganz grosses Licht bei Filmthemen.

Nun verbirgt Tamedia den Nachruf von Steinitz auf Sutherland hinter der Bezahlschranke. Für die armen Leser, die ihn nicht in der SZ genossen haben. Damit da kein Wiedererkennungswert entsteht, hat Tamedia den ursprünglichen Titel «Niemandes Nachbar» zu «Er spielte wie ein Berserker» verhunzt.

Aber unabhängig vom Titel, Steinitz spult die übliche Aufzählung von Rollen und Anekdoten runter. Dabei erwähnt er offenbar nach dem Zufallsprinzip grosse Rollen («Wenn die Gondeln Trauer tragen») und nebensächliche («Die Körperfresser kommen») und unwichtige («Outbreak», «Die Jury»).

Dafür sind Filme wie «Klute», «1900» und vor allem Fellinis «Casanova», seine wohl bedeutendste Rolle, dem Filmkenner keine Erwähnung wert. Dass Sutherland im Herbst seiner Karriere noch sich selbst in der «Tribute von Panem»-Reihe persiflierte und massig Kohle reinschob, nun ja.

Eher launig kann man auch den Nachruf von SRF bezeichnen: «Donald Sutherland war ein langer Mann mit einem langen Gesicht und einer langen Karriere.»

Immerhin ein gewisses Niveau erreicht Tobias Sedlmaier in CH Media:

«Oft spielte Sutherland düstere, komplexe und intensive Figuren, umweht von Tragik oder existenzieller Rätselhaftigkeit. Figuren, die zugleich irdisch waren und doch ein bisschen fernab über dieser Welt zu schweben schienen, als ob sie mehr ahnen würden vom Leben

Ziemlich lustlos geht hingegen Laszlo Schneider beim «Blick» zur Sache: «Die Filmwelt trauert um einen ihrer grössten Stars: Wie sein Sohn Kiefer Sutherland (54) auf X mitteilt, ist der kanadische Schauspieler Donald Sutherland am heutigen Donnerstag im Alter von 88 Jahren gestorben

Bluewin.ch übernimmt, wie so viele andere, schlichtweg ein Potpourri aus SDA und DPA, wozu sich selber etwas einfallen lassen.

Mit Nachrufen ist es so eine Sache. Früher war die Pflege des Nachruf-Archivs – neben der Betreuung der Leserbriefe – der Vorruhestandsjob für ausgebrannte Journalisten. Bei besonders wichtigen (oder alten) Persönlichkeiten musste darauf geachtet werden, dass die Bio up to date ist, im Fall der Fälle der Nachruf mit ein, zwei Handbewegungen ins Netz gestellt werden kann.

Heutzutage ist das mehr eine Aufgabe für einen Volontär, der zudem keine grosse Ahnung vom Nachgerufenen haben muss; alles richtig aus dem Netz kopieren können, das reicht.

Gewichtung, Einordnung, Mehrwert, es ist immer das gleiche Problem. Wer sich über Leben und Wirken von Sutherland informieren will, findet ein Meer von Darstellungen gratis im Internet. Wem Sutherland als ein Schauspieler ein Begriff ist, sucht Ergänzendes. Wer ihn erst in der «Tribute von Panem»-Reihe kennenlernte, ist für eine Erweiterung seines Horizonts dankbar.

Wer etwas für einen Text bezahlt, möchte schon gerne eine Qualität, einen Inhalt, der sich merklich von den Gratisangeboten unterscheidet.

Bekommt er das nicht geliefert, fragt sich der Konsument wieder einmal zu recht, wieso er für einen Egotrip eines Autors, für nicht unterhaltendes Gestammel, für unvollständige Bemerkungen etwas bezahlen soll.

Die Antwort ist ganz klar: soll er nicht. Muss er nicht. Tut er nicht.

 

Penis-Recycling beim «Blick»

Erektionsprobleme – eigentlich ein Boulevard-Thema par excellence.

Nun ist es so, dass das Boulevardblatt «Blick» unter weiblicher, aber inkompetenter Oberleitung gar nicht mehr Boulevard sein soll. Also bunte Bilder, grosse Buchstaben, kurze Texte, das alles schon. Auch ein wenig verbaler Krawall darf sein. Aber bitte vor allem gegen die SVP.

Halt nicht zu viel. Keine nackten Frauen. Kein Busen, kein Blut, nur noch Büsis. Sonst wird der Schuldige durchs Regenrohr im Logo gespült.

Allerdings gibt es dann doch Themen, die halt locken und verlocken. Dazu gehört ohne Zweifel der Penis des Mannes. Also genauer gesagt, der hängende Penis. Oder vornehmer ausgedrückt: der Penis mit Erektionsproblemen.

Das macht Männer ganz schön fertig, ist gar nicht so selten und eigentlich ein noch grösseres Problem als ein zu kleiner Pimmel. Also muss man sich dem doch widmen können. Aber wie, ohne Anstoss höheren Orts zu erregen?

Da kam «Blick» auf eine geniale Idee. Na ja, fast genial:

Der Penis als Kaktus, das macht Frauen garantiert scharf. Und der Urologe erklärt, das gibt das nötige wissenschaftliche Feigenblatt. Dann noch ein hingehauchter Titel «Der Penis ist die Antenne des Herzens». Grossartig. Der Haarausfall ist die Satellitenschüssel des Kopfes. Die Nase ist das Mikrophon des Mundes. Oder so.

Auf jeden Fall war das eine Lösung des Problems, wie man sich einem lesernahen Problemthema nähern kann und sogar ein Bild dazu abdrucken darf, das irgendwie schweinisch ist, aber dann doch nicht richtig.

Das ist natürlich eine Glanzleistung. Aber vergangener Glanz; sie stammt vom März dieses Jahres. Seither sind die Erektionsprobleme der «Blick»-Leser sicherlich nicht kleiner geworden. Aber es ist etwas Neues in diesem «Powerhouse» passiert: «Blick+» wurde geboren. Idee von der «Bild»-Zeitung geklaut, aber macht ja nix. Kühne Idee: der «Blick»-Leser soll für ganz besondere Artikel Geld abdrücken, besonders solche, die einen hohen Servicecharakter haben. Also zeigt «Blick» stolz immer wieder die Liste dieser Spitzenleistungen, auch im Oktober:

Hoppla, denkt da der interessierte «Blick»-Leser, kommt mir der Titel links nicht bekannt vor? Da hat er recht:

Weil’s so schön war, gleich nochmal. Gleicher Urologe, gleicher Kaktus, gleicher Titel, gleicher Text. Wer findet die Unterschiede? Richtig, jetzt ist’s viereckig, vorher war’s länglich. Und: da prangt doch etwas Neues auf dem rezyklierten Werk: «Blick+». Und rechts hat’s so einen roten Strich. Sinn- und zwecklos, aber der Designer steht halt drauf.

Was früher gratis war, kostet in der Wiederholung. ZACKBUM hat seine Zweifel, ob dieses Businessmodell nachhaltig ist oder die «Blick»-Leser begeistert. Wie viele für gut abgehangene Kakteen, Pardon, Storys etwas bezahlen wollen, die sie vorher gratis lesen konnten?  Leider veröffentlicht das Powerhouse Ringier keine Zahlen dazu. Sie werden wissen, warum.

Und wieso erinnert diese rezyklierte Story irgendwie an «Blick TV»? Na, hie Erektionsstörung, da Bildstörung. Ist halt beides ein Durchhänger.