Kritzeleien an der Klowand
Blütenlese in eigener Sache. Ein Plädoyer für die Abschaffung der Kommentarfunktion.
Roger Köppel ergriff in der «Weltwoche» das Wort und liess es länger nicht los. «Narrenschiff» Europa» nannte er seine Titelgeschichte (hinter der Bezahlschranke). Es ehrt ihn und macht ihn und sein Blatt einzigartig, dass er mir die Möglichkeit zur Replik einräumte. Nein, noch toller, die WeWo fragte an, ob sie meinen Artikel hier auf ZACKBUM übernehmen dürfe.
Es ist klar, dass die meisten Leser der WeWo leider auch in einer Gesinnungsblase schweben, was bei vielen zu Schnappatmung und Hirnstarre führt, wenn es jemand wagt, ihrem Vordenker zu widersprechen. So weit, so gut, sinnvoll und richtig.
Allerdings überkommt einen das kalte Grausen, wenn man versucht, aus inzwischen 93 Kommentaren den durchschnittlichen IQ des WeWo-Lesers abzuleiten. Zunächst einmal beflügelt fast alle, dass feige Anonymität mutig macht. Obwohl die Trottel nicht wissen, dass man sie über ihre IP-Adresse dingfest machen könnte. Aber wozu die Mühe, in diesen Abfallhaufen zu steigen.
Bei der kleinen Auswahl von Höhepunkten ist zu verstehen, dass dabei null persönliche Betroffenheit mitschwingt. Wer seit Jahren mit eher kantigen Meinungen in der Öffentlichkeit steht, hat schon ziemlich alles gesehen. Und im Gegensatz zu den Wecheiern, die nach dem Kadi rufen, weil sie sich von uns beleidigt fühlen, kämen wir nie auf die Idee, das zu tun.
Was die folgende Aufzählung eigentlich will: man sollte selbst die moderierte Aufschaltung von Kommentaren seinlassen. Es gibt Organe, die eine Verifizierung der Kommentarschreiber verlangen. Nun, Peter Müller mit der E-Mail p.müller789@gmail.com ist ganz sicher eine real existierende Person.
Für Kommentare spräche höchstens noch, dass es eine möglicherweise therapeutisch nützliche Triebabfuhr für Gestörte, Zu-kurz-Gekommene und vom Leben und sich selbst Enttäuschte ist. Aber vielleicht gäbe es andere Möglichkeiten der Müllabfuhr als den Kommentar …
Der erste kann immerhin noch einen Hauch von Idee für sich in Anspruch nehmen:
«Wenn in einer Firma McKinsey auftaucht ist ihr Untergang besiegelt. Das selbe gilt bei Zeitungen wenn Zeyer auftaucht. Aktuell ist die WW und IP in freiem Fall.»
Das Pseudonym «wadlbeisser» spricht hier für sich selbst: «Wer schützt uns vor Zeyee?» (Alles immer in Originalorthografie) Der hier findet, alles sei schon gesagt, aber noch nicht von ihm: «Da die übergrosse Mehrheit der Kommentatoren hier bereits festgestellt hat, dass dieser Artikel nur als absoluter Nosens zu bezeichen ist, spare ich mir alles Weitere und kann nur zustimmen.
Erschreckend finde ich, dass es Menschen gibt, die solch einen Müll von sich geben. Ich kann einfach nicht glauben, dass das ihre eigene Meinung sein kann.»
«Sicher einer der schlechtesten Artikel, die Zeyer jemals geschrieben hat.» Langsam merkt es der geneigte Leser: ein argumentationsfreier Raum, dieses Gewäffel. «Ihr Text schafft nicht mal die Einstufung als gehobener Blödsinn.»
«René Zeyer, auch Gastautor bei der «Achse des Guten». Das sagt uns doch alles! Einer der Gutmenschen, wie sie überall hocken.» Dieser Trottel weiss nicht mal, welche politische Ausrichtung diese Plattform hat. «Zeyers Text ist das hilflose Moralgeschwafel eines Wichtigtuers», schwafelt einer hilflos.
Hier bringt einer einen leicht rassistischen Oberton ins Spiel: «Deutsche bleiben vom Geiste her leider immer Deutsche.» Aber eine «Heidi V.» zeigt immerhin einen Funken Humor: «Herr Zeyer, ich denke Sie brauchen ein starkes Pferd, um sich nicht zu (ver)irren.»
Hier hat ein Anonymus blitzschnell seine Meinung gebildet: «Schon beim Lesen der ersten Zeile wusste ich, wer da schreibt: ein Neidhammel!» Und auch der hier weiss es genau: «Mit diesem Text haben Sie sich als ernst zu nehmenden Journalisten komplett disqualifiziert.»
Wie kann man diesen Schrotthaufen zusammenfassen? Null Argument, lediglich Verbalinjurien aus der Deckung des verbalen Heckenschützen, der nicht mal in der Lage ist, mit seinem Namen zu seiner Herabwürdigung zu stehen. Stammtischniveau wäre eine Beleidigung dieser ehrwürdigen Veranstaltung; Kneipenschlägerei kurz vor Sperrstunde trifft es besser.
Natürlich gab es auch ein paar wenige Kommentare, die wenigstens versuchten, zu argumentieren. Aber bei 88 Stück doch erschreckend wenige.
Ach, und wie steht es mit den Kommentaren bei ZACKBUM? Gute Frage, liebe Kommentarschreiber, gute Frage. Etwas über 18’000 hat es seit Beginn gegeben. Dank strengen Erziehungsmassnahmen mussten nur eine Handvoll in den Papierkorb geschmissen werden.
Allerdings ist auch hier manchmal sehr störend zu bemerken, dass sich Kommentatoren ineinander verbeissen, statt, wie es sich gehört, auf den Inhalt des Artikels einzugehen.
Also Jungs (und Mädels und everybody beyond), das ist ein ordnungspolitischer Zwischenruf, wie das die NZZ nennen würde.










