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Hier spricht der Besitzer

Wenn Michael Ringier sein Privileg ausnützt, ist Feuer im Dach.

Vorgestellt wird er bescheiden als «Präsident des VR der Ringier AG». Die Wahrheit wäre: Michael Ringier ist der Besitzer. Der Boss. The Man. Der Eigentümer. Der Mehrheitsaktionär. Die Wahrheit wäre: Er ist längst Juniorpartner von Axel Springer, und der Versicherungsgesellschaft Mobiliare gehört ein Viertel der Ringier AG.

So viel Transparenz müsste eigentlich sein. Sein CEO Marc Walder ist als erster Geschäftsführer überhaupt mit 10 Prozent am Unternehmen beteiligt. Dafür wurde ihm von Ringiers Hausbank, die auch im VR vertreten ist, ein Kredit gewährt. Alles keine Schande.

Der Herr eilt dem Knecht zu Hilfe

Nun hat sich Walder ohne Not vor laufender Kamera ins Elend geschwatzt. Dabei etwas gesagt, was als Binsenwahrheit gelten sollte: natürlich werden publizistische Leitlinien vorgegeben. Allgemeiner Art, das ist dann das Gesülze in jeweiligen «Code of Conduct». Und konkreter Art, wie ein Thema zu bewerten, gewichten, darzustellen ist. Sei das der EU-Beitritt, sei das die Abstimmung über das Mediengesetz, sei das die Behandlung der Pandemie. Sei das die Behandlung von Magistraten.

Seit den Männerfreundschaften des Hausgespensts Frank A. Meyer hat es eine Tradition bei Ringier, dass Bundesräte gelobt oder kritisiert werden. Je nach persönlichen Präferenzen der Entscheider im Hause. Auch das ist keine Schande.

Nun versucht Ringier, selbst ein nicht unbegabter Schreiber, seinen CEO aus der Feuerlinie zu nehmen, bevor sich der Ausdruck Waldergate einbürgert. Das ist ehrenhaft, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Vorbildlich der Aufbau seiner Verteidigungsschrift, in der für den «Blick» nötigen Kürze.

Ein beispielhaftes Stück Kommentar

Zuerst eine rhetorische Frage, wie sie auch Meyer in jahrelanger Übung perfektioniert hat: «Worum geht es eigentlich?» Dann die Einordnung. Nur am Rande um CEO Walder, «der selbst am besten weiss, dass seine Formulierungen während einer Managementkonferenz vor einem Jahr nicht zu den Sternstunden einer sonst unglaublich erfolgreichen Karriere gehören».

Ein kleiner Nasenstüber, aber mit dem Schaumgummihammer. Dann verwandelt sich der gütig strafende Vater in den zürnenden Rachegott: «Aber eines kann ich als Verleger von über 100 Redaktionen in 18 Ländern und Tausenden Journalisten nicht einfach stehen lassen. Denn die Unterstellung, dass hier Journalismus nach Weisung betrieben wird, ist eine absolut böswillige Diffamierung der täglichen Arbeit …»

Dann zeigt Ringier, dass er Boulevard besser beherrscht als die meisten überlebenden «Blick»-Journalisten: «Mit Entsetzen erinnere ich mich immer noch daran, dass einer unserer Kollegen und dessen Lebenspartnerin in der Slowakei vor wenigen Jahren ihr Leben lassen mussten, weil er mit seinen Recherchen einem Mächtigen zu nahe gekommen war.»

Michael Ringier. (Screenshot «Blick»).
Das Foto wurde hier um ca. 70 Prozent verkleinert …

Klassischer Dreisprung, dann Zieleinlauf

Schon ist er auf der Zielgeraden. «Einordnung, Erklärung, Hilfestellung, Diagnose, Analyse nach bestem Wissen und Gewissen.»  Dazu noch «Respekt und Augenmass», wir überqueren die Ziellinie:

«Machen Sie, geschätzte Ringier-Journalistinnen und -Journalisten, einfach so erfolgreich weiter wie bisher.»

Das ist ein rhetorisch gelungener Rettungsversuch. Sauberer Aufbau, einfache und verständliche Worte, keine Längen, ohne Rumpler auf die Schlusspointe zugeschrieben. Kann man in jeder Journalistenschule als Anschauungsmaterial verwenden.

Nur: Was hat das mit der täglichen Realität der Kindersoldaten in ihren Verrichtungsboxen in der Hölle des Newsrooms zu tun? Wo Klicks zur einzig harten Währung geworden sind, wo Impfkritiker verunglimpft und beschimpft werden, ein amoklaufender Chefredaktor sogar vor Faschismusvorwürfen und Nazivergleichen nicht zurückschreckt?

Eigentlich nichts. Von «erfolgreich» zu schreiben, das ist zudem nassforsch, angesichts der Entwicklung der Auflage.

Daher ist das kein Kommentar, sondern ein schönes Stück Prosa. Eine Kurzgeschichte. Von gewissem literarischen Wert, aber ohne jeden Realitätsbezug.

 

 

Wie man eine Kommentar-Kopie versemmelt

Tamedia macht nicht vollständig copy/paste von der SZ. Leider.

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Das oberste Gericht Russlands hat die Auflösung der NGO Memorial beschlossen. Unter fadenscheinigen Vorwänden. Das kann und sollte man kritisieren und kommentieren.

Das tut der SZ-Redaktor Frank Nienhuysen mit schneidig-deutscher Schärfe. Allerdings ist da zwischen Original und Kopie ein kleiner Unfall namens Auslandredaktion Tamedia passiert. Deren unseliges Wirken bekommt aber der Schweizer Leser gar nicht mit, weil er ja nur seine Kohle für Tamedia rausballert und nicht auch noch das Original abonniert hat.

So sieht nämlich das Original aus:

Klarer Titel, starkes Foto.

Der Lead dazu: «Das Verbot von «Memorial» zeigt, was der Kreml von einer Zivilgesellschaft hält: nichts.»

Der anschliessende Lauftext wurde von Tamedia unbeschädigt übernommen. Aber offensichtlich leidet die noch existierende Auslandredaktion unter zuviel Freizeit. Oder Blähungen. Oder Covid-19. Denn das machte sie draus:

Ein Text, zwei völlig verschiedene Deutungen.

Kann man denn über den gleichen Kommentar zwei völlig verschiedene Titel und Einleitungen schreiben? Ist der anschliessende Text so beliebig ausdeutbar, umdeutbar?

Eigentlich nicht. Denn im Text steht kein Wort davon, dass der Kreml stalinistische Verbrechen schönreden wolle.

Auch das Foto in der Tamedia-Kopie ist schwächer, beliebiger.

Aber was so ein Text eigentlich sagen will, das bestimmt bei Tamedia nicht der Autor – oder der Inhalt des Textes. Sondern ein überforderter Blattmacher, der den ursprünglichen Titel offenbar viel zu schlapp fand und noch etwas Guzzi geben wollte.

Wobei ein geschichtsbewusster deutscher Redakteur einen solchen Titel wohl eher nicht setzen würde, weil er sonst darauf hinweisen müsste, dass es nicht zu den stalinistischen Verbrechen gehörte, dass die Sowjetunion den grössten Blutzoll dafür leistete, nach dem deutschen Überfall und dem barbarischen Vernichtungsfeldzug gegen die bolschewistischen Untermenschen Europa vom Hitler-Faschismus zu befreien.

Bei solchem Unvermögen kann man nur froh sein, dass eigene Texte nicht in diesen Fleischwolf geraten. Tamedia, das Qualitätsprodukt aus dem Hause Tx. Wenn die einen Kommentar übernehmen, erkennt ihn der Autor nicht mehr wieder.

Wenn Zihlmann zickt

Keiner zu klein, Kommentator zu sein.

Oliver Zihlmann ist «Co-Leiter des Recherchedesks von Tamedia». Hier widmet er sich der moralisch anrüchigen Tätigkeit, gestohlene Geschäftsunterlagen, also Hehlerware auszuschlachten. Staatsanwalt, Richter und Henker zu spielen und namentlich Menschen üblen Tuns zu bezichtigen. Fast immer sind das Falschbeschuldigungen.

Aber macht ja nichts, das nimmt ihm nicht das Recht, einen Kommentar zu schreiben:

 

Die Ärzteschaft sage zwar, dass Ungeimpfte nicht benachteiligt werden dürften, es sei nicht angezeigt, «sie deswegen zu diffamieren oder zu kriminalisieren». Aber diese Sanftmut hat Zihlmann nicht: «Die Ungeimpften zehren jetzt erheblich von der Solidarität ihrer Mitmenschen. Doch gleichzeitig bringen sie selbst die Solidarität nicht auf, sich impfen zu lassen.»

In seiner gewohnten Scharfrichtermanier fällt er das Urteil: «Das ist ungerecht. Und es ist ein grosses moralisches Dilemma.» Du ungeimpfter Sünder, donnert Zihlmann, gehe in dich und frage dich:

«Kann ich wirklich verantworten, was ich tue

Da wäre Zihlmann bass erstaunt, wie früher die Grossinquisitoren, wenn da jemand antworten würde: «Ja.» Weil er nur ein Freiheitsrecht wahrnimmt, ob das vernünftig, blöd, unbedacht oder was auch immer ist.

Viel interessanter wäre die Antwort auf die Frage: Kann Zihlmann wirklich verantworten, was er schreibt? Kann er verantworten, dass damit Existenzen vernichtet werden, bevor sich herausstellt, dass alle Anwürfe völlig haltlos waren? Aber auch er benützt nur das Recht auf freie Meinung, was ihm unbenommen sei. Ob sie vernünftig, blöd, unbedacht oder was auch immer ist.

Ob sie mangelhafte Kenntnisse über Rechte, Solidarität, Gemeinsinn enthält oder nicht. Aber jemand, der ständig mit dem Wort «illegitim» drum herumturnt, dass er anderen völlig legales Verhalten moralinsauer aufgepumpt als nicht legitim vorwirft, dem sind halt die meisten Massstäbe verrutscht. Wie eben auch der, dass es nur legal oder illegal gibt, und dass es nicht an Zihlmann ist, das zu unterscheiden. Noch viel weniger, Moralurteile abzugeben.

 

 

 

Der Politchef, der eine Spritze braucht

Denis von Burg fiel schon durch diverse Ausraster auf. Jetzt wird’s pathologisch.

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Wir sind doch alle für verbale Abrüstung und einen pfleglichen Umgang in der politischen Debatte. Alle? Einer sicher nicht:

«Regelmässig ziehen ein paar Tausend durch die Städte, sind laut und manchmal auch gewaltbereit», «inhaltlich auf sehr bescheidenem Niveau», «abstrus und entblösst die Wortführer der Bewegung als libertäre Wirrköpfe».

Dabei könnte von Burg doch durchatmen: «sicher ist: Mehrheitsfähig ist diese Bewegung nicht.» Aber er mahnt und warnt: «Und doch ist deren Kraft, die Politik einzuschüchtern, gross – gefährlich gross.»

Ganz schlimm treibt es, wer sonst, die SVP, sie «wechselte instinktiv die Seite, kaum ertönten die ersten Kuhglocken. Sie bekämpft das Covid-Gesetz und lässt ihre Tenöre demonstrativ im Trychlerhemd auftreten».

Aber oh Schreck, was tun denn die Regierenden? «Nur weil eine radikale Minderheit den Parteien und Behörden Angst macht, riskiert man jetzt eine fünfte Welle. Das ist verantwortungslos. Statt sich mundtot machen zu lassen …»

Er kann’s nicht fassen: niemand hört auf von Burg

Nun folgen die Ratschläge eines Verzweifelten, der es doch besser wüsste, aber auf den niemand hört:  «Es braucht jetzt deutliche Zeichen.» Nämlich was für eins? Da hat von Burg eine Idee:

«Besser wäre es, die eingeschüchterten sieben würden sich nochmals aufraffen und selbst in Impfbussen durchs Land reisen. Ueli Maurer ist es dem Land schuldig, jetzt in den SVP-Hochburgen auf Impftour zu gehen.»

Sonst noch was? Klar: «Die St. Galler Ikone Karin Keller-Sutter hat genug Strahlkraft, um derweil in der Ostschweiz die Abwehr gegen die von Bern diktierte Impfung zu brechen.»

Denn, merke auf, du Schweizer Stimmvolk:

Ein braunes Stück gezeichnete Demagogie, das nie hätte veröffentlicht werden dürfen.

Von Burg liebt martialische Worte. «Abwehr brechen, gefährlich, einschüchtern, Angst machen». Das gehört in eine Linie von verbalen Entgleisungen: «Zwingen, jeden erdenktlichen Druck machen, rücksichtslose Trödler, Bürgerpflicht». Das Vokabular des Totalitarismus, das von Burg gern verwendet.

Dabei hatte sein Westentaschen-Co-Chefredaktor Mario Stäuble gefordert: «Die Hetze muss aufhören.» Seinen Politchef hat er damit aber wohl nicht gemeint, der darf poltern: «Jetzt muss Berset die Gegner endlich zur Impfung zwingen»

Vollpfosten hüben wie drüben – nur haben die einen Treicheln, die anderen eine grosse Plattform

Es ist unbestreitbar, dass es unter den Coronamassnahmen-Skeptikern auch Verirrte und Verwirrte gibt. Wer Vergleiche zum Faschismus zieht, beleidigt Opfer und Täter des wahren Faschismus.

Aber im grössten Medienkonzern der Schweiz gibt es unkontrollierte Kadermitglieder wie die Corona-Kreische Marc Brupbacher, der den gesamten Bundesrat für «total übergeschnappt» erklärt, die Uni Luzern dazu auffordert, «diesen Dreck» sofort aus dem Netz zu nehmen, nur weil dem Laien die Meinung zweier Fachkoryphäen nicht passt.

Und dann haben wir von Burg, der in jedem verantwortungsbewussten Medienhaus, das um seine Macht und Quasi-Monopolstellung weiss, schon längst untragbar geworden wäre. Wer in einer Schweiz ohne Impfzwang den zuständigen Bundesrat zu Zwang auffordert, hat tatsächlich totalitäre Anwandlungen, hat die Grundlagen von Demokratie und Rechtsstaat nicht verstanden und kann daher nicht länger Politchef sein.

So wäre das, wäre Tamedia ein Unternehmen mit Prinzipien und Anstand. So aber darf von Burg ungehemmt nachlegen, poltern, rempeln, keilen und mit seinen Hasskommentaren die Stimmung vergiften. Das ist wahrlich verantwortungslos – und niemand stoppt ihn. Dabei gibt es auch Spritzen gegen zu starke Exaltiertheit, Erregtheit und alle typischen Symptome eines Burn-out. Beruhigungsspritzen nennt man die.

Aber niemals würden wir fordern, die zwangsweise bei Brupbacher, von Burg und Co. anzuwenden. Denn es gibt wirklich keinen Impfzwang in der Schweiz.

Reiner Hass

Deutsche und Österreicher: schwierig. Darunter leidet der Tamedia-Leser.

Es geht doch nichts über eine klare Meinung. Pardon, Kommentar heisst’s in der «Süddeutschen Zeitung», wenn’s die Qualitätsmedien von Tamedia übernehmen, wird’s zur «Analyse». Am Inhalt ändert sich dabei nichts (ausser natürlich, dass ß zu ss wird, wozu hat Tamedia auch noch eine Auslandredaktion).

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Cathrin Kahlweit zieht hier vom Leder, dass es eine Unart hat. Der Verfolger alles Antisemitischen Maxim Biller hatte mal eine Kolumne, die «100 Zeilen Hass» hiess. Daran muss sich Kahlweit ein Beispiel genommen haben.

Der Kommentar aber auch …

Der Nachfolger von Kurz? «Schneller kann man sich in einer staatstragenden Rolle nicht disqualifizieren.» Die zukünftige Rolle von Kurz? Er wird «wie ein Sektenführer im Hinterzimmer die Devise für die Regierungspolitik» ausgeben «und seine Anhänger ausströmen, um sie devot zu verbreiten und auszuführen». Das System Kurz?

«Die «neue Bewegung» mit ihrem «neuen Stil» war auf Sand gebaut. Nun versinkt sie in demselben – weil sie, wie die meisten populistischen Bewegungen, um eine medial konstruierte Lichtgestalt herum gebaut war, die zum gefallenen Engel wurde.»

Kurz im internationalen Vergleich? «Man muss den 35-jährigen Berufspolitiker nicht überhöhen, indem man ihn mit politischen Zerstörern wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro vergleicht. Der Populismus des irren US-Amerikaners hat zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft … Selbst der «kleine Diktator» (Copyright Jean-Claude Juncker)Viktor Orbán taugt letztlich nicht als Vergleich.»

Denn merke: «Die ÖVP-Geschichte ist viel armseliger.» Schlussakkord:

«Solange man sich durch schmierige Deals mit Boulevardblättern Meinung kaufen kann, wird Österreich eine käufliche Republik bleiben.»

Nun ist es wohlfeil, einem Zurückgetretenen noch nachzutreten. Als die gleiche Kahlweit den damaligen Aussenminister Sebastian Kurz 2017 für die SZ interviewte, pflegte sie noch einen anständigen Umgangston und war offensichtlich vom Jungstar durchaus angetan. Auch seinen Aufstieg zum Parteichef im gleichen Jahr begleitete Kahlweit mit freundlichen Kommentaren («Shootingstar»).

Gestern so, heute so, morgen anders

Aber wen interessiert denn schon mein dummes Geschwätz von vorgestern, mag sich Kahlweit gesagt haben. Allerdings sollte ein Kommentar, erst recht eine «Analyse», etwas enthalten, wofür der Leser auch bereit sein könnte, Geld abzudrücken: analytische Spurenelemente.

Denn Meinung ist ja gut und schön, das «System Kurz» kurz und klein zu hauen, kann sicher Spass machen. Nur: wieso Kahlweit zu diesen bahnbrechenden Erkenntnissen nicht schon kam, als sie mit allen anderen im Chor vom jungen Shootingstar schwärmte, bleibt ihr süsses Geheimnis.

Dass eine «Analyse» eine Untersuchung sein sollte, mit der unter Anwendung klarer Kriterien geordnet und ausgewertet wird, was soll’s. Offenbar ist inzwischen auch in der politischen Betrachtung ein Körperteil in den Fokus des Interesses getreten. Der eigene Bauchnabel.

Entscheidend ist die eigene Stimmungslage

Die eigene Befindlichkeit, das Ich, die persönliche Stimmungslage, meine Meinung, damit wird der Leser belästigt. Dass der sich vielleicht aufgrund einer Lektüre eine eigene Meinung bilden könnte und sollte: ach was, das ist so was von old school. Wo kämen wir da hin. Der Leser muss belehrt, erzogen und gelenkt werden. Sonst käme er gar noch auf eigene, daher falsche Gedanken.

Ausserdem wird so die Welt und alles schön übersichtlich, kategorisiert, kartografiert, fassbar. Trump («irrer US-Amerikaner»), Orban («kleiner Diktator»), Bolsonaro («politischer Zerstörer»), Österreich («käufliche Republik»).

Dazu noch ein Schuss New Speak von Orwell (in anderem Zusammenhang: Impfzwang ist freiwillig), und schon hat die sogenannte Qualitätspresse einen weiteren Sargnagel eingeschlagen.

Um genauso holzschnittartig zurückzugeben: bezüglich Käuflichkeit sollte sich gerade die «Süddeutsche» sehr zurückhalten, wie ein Blick in ihre Vergangenheit zeigt. Solche argumentationsfreien, überheblichen, besserwisserischen, abqualifizierenden Seelenrülpser einer Rechthaberin im Nachhinein braucht es weder als Kommentar, noch als Analyse. Und wirklich lustig ist diese Selbstzerstörung auch nicht.

Knigge mit Kick

Die Medien als Benimm-Ratgeber. Ratschläge statt Recherche.

Im Kapitalismus gilt das Leistungsprinzip. Im Prinzip. Sogenannte Qualitätsmedien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Eigenleistungen erbringen und dafür Geld verlangen. Im Prinzip.

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Journalistische Eigenleistungen bestehen aus Recherchen, Analysen, dem Herstellen von Zusammenhängen, Aufdecken von Missständen. Auch aus Interviews mit durchdachten Fragen und interessanten Antworten. Im Prinzip.

Da aber Schmalhans Küchenmeister ist, zweimal gegoogelt und einmal geskypt aus der Verrichtungsbox im Newsroom heraus bereits als journalistische Spitzenleistung gilt, greift um sich, was früher ein Randphänomen war. Weil das den Leser eigentlich eher am Rande interessiert: die Meinung.

Vielleicht ist einer der Gründe für die Erfolgsstory von «20 Minuten», dass das Pendlerblatt auf eines konsequent verzichtet: seine Leser mit Meinungen zu beschallen. Natürlich impliziert Auswahl der Themen, Gewichtung und der Spin der Darstellung immer auch Meinung. Aber es gibt keine Kommentare, keine Editorials, keine Leitartikel. Für «20 Minuten» dreht sich die Welt auch weiter, ohne dass sie zurechtgewiesen, eingeordnet, erklärt oder beschimpft wird.

Deshalb ist «20 Minuten» auch in der Tx Group eine eigene Geschäftseinheit. Der ganze Rest des Medienschaffens ist in Tamedia gebündelt. Und hier wird gemeint, was die Spalten hergeben.

Mal wieder ein «Editorial» vom Katheder herab

In einem «Editorial» zieht «Redaktionsleiter» Thomas Speich über die Demonstranten gegen die Corona-Massnahmen her. Immerhin konzediert er ihnen das Recht auf Manifestationen. Er ruft sogar zum Dialog auf: «Gute Argumente finden sich sowohl auf der Seite der Massnahmen-Kritiker als auch auf jener der Befürworter. Wir täten auch gut daran, uns die jeweils anderen anzuhören.»

Bis hierher ist es einfach nur eine banale, daher überflüssige Meinungsäusserung. Aber das ist natürlich nur die Einleitung für eine strenge Zurechtweisung:

«Was aber endlich und endgültig aus der Welt geschafft gehört, ist dieser unselige «Diktatur»-Vorwurf, der gerade an solchen Demos gerne erhoben wird. Das ist reine Polemik, bar jeder Grundlage.»

Nun kann man tatsächlich darüber diskutieren, ob der Vorwurf angebracht ist oder nicht. Es ist allerdings eine altbekannte Tatsache, dass bei Demonstrationen zugespitzt wird. Denn ein Plakat oder sogar ein Transparent hat nur einen begrenzten Platz für eine eher kleine Anzahl Buchstaben.

«Gesundheit vor Profit», fordert die Unia. «Eat the Rich», plakatieren die Linksautonomen. «Die Krise bekämpfen, heisst den Kapitalismus bekämpfen», belehrt ein Transparent, «Nieder die Zäune, hoch die Fäuste» ein anderes. Auch immer wieder beliebt: «Klassenkampf» oder «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» oder «Solidarität heisst Widerstand».

Gelebter Widerstand am 1. Mai.

Das ist nur eine kleine Auswahl an Sprüchen, die jeweils zum 1. Mai feilgeboten werden. Über ihre Sinnhaftigkeit kann man ausgiebig diskutieren, am besten bei einem revolutionären Roten in der Roten Fabrik.

Sprüche, Taten, Zuspitzungen, Zensur

Niemand käme allerdings auf die lachhafte Idee, dazu aufzufordern, einige dieser Sprüche aus der Welt zu schaffen. Aber bei Massnahmen-Gegnern fühlt sich der Redaktionsleiter bemüssigt, ihrem Diktatur-Spruch die Knöpfe reinzutun. Denn unsere Landesregierung sei nun nie diktatorisch gewesen. Wer so etwas behaupte, solle sich mal die Philippinen anschauen, da gehe es diktatorisch zu und her.

Klare Ansage mit 13 Buchstaben und einem Satzzeichen.

Woher kommt dieser verbissene Ernst gegenüber einer zugegeben leicht lächerlichen Überspitzung? Ist das die reine Meinungslust? Das Bedürfnis, die Welt ein wenig besser zu machen, indem man ihr Bescheid stösst? Das Angebot eines Dialogs?

Wäre es so, wäre es lediglich lächerlich, so wie die Überspitzung «Diktatur». Leider ist es aber mehr als das. Denn ausser in den Kolumnen des Pausenclowns Markus Somm kommen die Argumente – auf die man doch auch hören sollte – der Massnahmenkritiker bei Tamedia nicht vor. Oder höchstens, um als unwissenschaftlich, fahrlässig, unverantwortlich, gefährlich nahe an Verschwörungstheorien, zumindest weltfremd, ungehörig, absonderlich in die Pfanne gehauen zu werden.

Ist das noch erlaubt?

Der Ersatz von Meldung durch Meinung ist das eine. Der Abschied vom Modell Forumszeitung ist das andere, Schlimmere. Denn während des Endkampfs des medialen Pluralismus, als es sich abzeichnete, dass in allen Grossstädten der Schweiz, mit der einzigen Ausnahme Zürich, nur noch ein Monopolblatt überleben wird, wurde das Mantra gebetet: schon, aber dafür wird in der Basler, Berner, Luzerner, Zuger, Aarauer, St. Galler, Appenzeller Zeitung Platz für Pluralismus sein.

Das war allerdings nur so eine Meinung.

Sturm oder kein Sturm, das ist hier die Frage.

 

Keiner zu klein, Kommentator zu sein

Inhalt war gestern. Einordnende Analyse, fakenbasiert, war vorgestern. Heute ist Meinung.

Freier Journalist? Die wenigen noch frei herumlaufenden Exemplare sollte man unter Artenschutz stellen. Festangestellter Journalist? Selbst beim Zwangsgebührenbetrieb SRG ist das keine feste Sicherheit bis zur Pensionierung mehr.

Ganz zu schweigen von den privaten Medienkonzernen. Als Manager ist man (noch) sicher, unabhängig davon, wie viele Fehlentscheide man trifft oder wie viel Geld man verröstet. Unabhängig davon, dass einem seit vielen Jahren nichts einfällt, wie man mit dem Internet umgehen könnte, ohne sich von Google, Facebook & Co. die Butter vom Brot nehmen zu lassen und nur ein paar Krümel aufzusaugen.

Blick auf die Teppichetage eines Medienkonzerns.

Ausser gelegentlich mit staatstragenden Kommentaren um Staatshilfe zu betteln. Denn die exorbitanten Gehälter wollen ja finanziert sein. Aber das ist ja das Fettauge auf der faden Suppe des modernen Journalimus. Steigen wir ein paar Etagen hinunter. Dort, wo die überlebenden Journalisten mit angezogenen Ellenbogen (sonst hat ihn der Nachbar im Auge) ihr Tagewerk verrichten.

Meistens eher freudlos. Denn das meiste, was den Beruf früher attraktiv und spannend machte, ist im Früher zurückgeblieben. Rausgehen, Feldforschung? Ach ja, schön wär’s. Zeit für vertiefte Recherche haben? Ja, ja, das waren noch Zeiten. Beim Widerstreit der Meinungen mitboxen? Tja, als noch gestritten wurde, weil es am Platz mehr als eine Monopolzeitung gab.

Das Karussell hat nur noch wenige Pferdchen im Journalismus

Ab einem gewissen Punkt sagen: das trage ich nicht mehr mit, ich gehe zur Konkurrenz? Tja, von Ringier zu Tamedia, zu CH Media – und wieder zurück. Da ist nicht mehr wirklich Auswahl. Von NZZ und «Weltwoche» träumen viele, dorthin schaffen es aber nur wenige. Schliesslich bliebe noch SRF, aber seit Nathalie Wappler dort wappelt, auch keine wirkliche Alternative mehr.

Gibt es denn keinen Lichtblick, keinen Trost, versüsst nichts den bitteren Alltag, hilft nur schönsaufen, bis die Leber den Regenschirm aufspannt?

Fast. Ein Ventil gibt es: den Kommentar. Der Redaktor zeigt’s allen. Sagt, wo’s langgehen sollte. Kritisiert, lobt, jammert, gibt seinen Senf zum Weltgeschehen. Sonnt sich im Gefühl, dass er dadurch ganz bedeutend wird. Biden, Putin, China, Venezuela, ganz Afrika; ein strenger Verweis, und schon geht man dort in sich, bereut, ändert den Kurs. Die Welt ist wieder ein Stückchen besser geworden.

So stellt’s sich der Redaktor gerne vor, der Traumtänzer. Nehmen wir als konkretes Beispiel das St. Galler «Tagblatt». Einstmals nicht der journalistische Nabel der Schweiz, aber doch eine anerkannte Stimme aus der zweiten Liga. Wie schaut’s denn dort heute mit den Kommentaren aus?

Wir profitieren zudem davon, dass Pascal Hollenstein, die publizistische Leiter nach unten bei CH Media, gerade mal wieder Pause macht. Wir hoffen, bis mindestens im Spätherbst. Aber seine Lücke füllen andere. Fokussieren wir einen zufällig gewählten Zustand der Kommentare beim «Tagblatt».

Das sind längst nicht alle, aber ZACKBUM will unsere Leser nicht strapazieren.

Nehmen wir noch diese Latte dazu:

Genügend Stoff beisammen. Sven Altermatt will erklären, «warum SP-Mann Fabian Molina reif fürs Museum» sei. Hat irgendwas mit Jean Ziegler zu tun, scheint’s. Aber interessiert einen ein solchen Lockendreher auf der Glatze wirklich? Wirklich nicht. Der Oberchefredaktor Patrik Müller himself widmet sich der Frage:

«Der Schweiz wurde der Abstieg zum Armenhaus Europas prophezeit. Nun ist sie die weltweite Nummer 1. Was ist passiert?»

Die einfache Antwort: Fehlprognose. Aber damit füllt man natürlich nicht den «Wochenkommentar». Also sagt Müller «Fehlprognose». Nur mit ziemlich viel Wörtern mehr. Der nächste Kommentar muss einen als Mann natürlich interessieren:

«Meine Frau ist unzufrieden, was soll ich tun

Maria Brehmer schreibt angeblich «über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger». Unbestreitbar: nörgelnde Frauen machen das Leben nicht schöner.

Wie kann man das ändern? Hilft vielleicht der Satz «kauf dir was Schönes»? Oder: «nein, meine Assistentin ist lesbisch»? Nein, so einfach macht es Brehmer uns Männern nicht. Gleich vier Tipps hat sie auf Lager, der Höhepunkt ist: «Warten Sie nicht, bis Sie etwas tun «müssen». Wenn Ihre Frau Kritik übt, haben Sie den Moment verpasst, wo Sie es hätten tun «können». Wenn Sie etwas freiwillig tun – oder sogar mehr tun, als Sie «müssen» – werden Sie Ihre Frau augenblicklich zufriedener sehen. Versprochen.»

Könnte natürlich auch sein, dass man gar nichts tun müsste, weil Frau einfach klimakterisch oder sonstwie kratzig gelaunt ist. Aber das wäre natürlich schon fast Sexismus. Der «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid muss sich natürlich auch etwas mit Bedeutung aufpumpen und erklärt der Landesregierung:

«Der Bundesrat auf Instagram? Diese Inszenierung geht zu weit»

Stimmt eigentlich, es gibt schon mehr als genug Journalisten, die sich auf Instagram inszenieren. «Lockerungen des Bundesrates sind mutig und richtig», kommentiert Jérôme Martinu. Da ist der Bundesrat aber froh. Schliesslich überrascht Annika Bangerter die Welt mit der Erkenntnis: «Frauen sind nicht dauerschwanger». Muss nun irgend eine Geschichte umgeschrieben werden? Die der Frauenbewegung? Oder muss das Thema Menstruation ganz anders gesehen werden? Keine Ahnung, interessiert auch überhaupt nicht.

Zufall oder Absicht neben dem Kommentar von Bangerter?

Das wären nun insgesamt 15 Kommentare, mit denen das «Tagblatt», teilweise gleich Gesamt-CH-Media, seine Leser in den vergangenen 7 Tagen erfreut hat. Auf jeden Fall ein guter Tipp vom Master of Wine Philipp Schwander. Man braucht mindestens 4 trinkreife Bordeaux, um sich von diesen Kommentaren wieder zu erholen. Also her damit!

Was macht eigentlich …

… Pascal Hollenstein? Die journalistische Leiter nach unten von CH Media?

Sein Megaphon im Dienste von Jolanda Spiess-Hegglin verstaubt zurzeit in der Ecke. Publizistischer Bedarf besteht auch nicht. Eigentlich könnte Pascal Hollenstein in die Frühpensionierung abschwirren. Der Leser würde es ihm danken. Ausser, er machte den Felix E. Müller (Ex-Chef der NZZaS, pensioniert und weiterschreibende Sparmassnahme) und schriebe und schriebe und schriebe.

So ist Pascal Hollenstein nicht. Hat er nichts zu sagen, schweigt er. Schweigt er nicht, hat er trotzdem nichts zu sagen. Item, zum Abbruch der Verhandlungen über ein neues Rahmenabkommen mit der EU hielt die Welt gespannt den Atem an und kriegte schon ein rötliches Gesicht.

Die hat sich nun entladen, endlich. Hollenstein präsentiert das Resultat tiefen Nachdenkens, unermüdlichem Polierens, einem titanischen Kampf mit der Sprache (nach dem dritten K.o. warf sie das Handtuch).

Hollenstein geht’s ums Ganze, worum denn sonst

In seinem Kommentar geht es ums Ganze:

«Ein Sieg von Blocher und der SVP, für den die Partei einen hohen Preis zahlen könnte».

Hollenstein versucht sich hier an einem gepflegt-staatstragenden Ton, der Helmut Schmidt gut anstand. Auch Hollenstein will das ganze Orchester auffahren. Warnen, mahnen, erinnern. Analytische Schärfe aufblitzen lassen. Sozusagen das Wort zum Sonntag der Politik sprechen. Oder in einem Wort: klugscheissen.

Auch das muss man können. So versemmelt es Hollenstein schon mit der Einleitung: «Die Schweiz mag die politische Folklore. Zum festen Inventar gehört dabei die Illusion, Bundesräte stünden immer und in jedem Fall über parteipolitischen Interessen.» Keine Ahnung, bei wem – ausser vielleicht Hollenstein – diese Illusion zum festen Inventar gehört. Wer trotzdem weiterliest, wird dafür nicht belohnt. Eher gequält.

Wohin und zurück mit Hollenstein.

Denn Hollenstein hat eine (in Zahlen 1) Idee gehabt. Nicht originell, nicht umwerfend, aber he, immerhin eine Idee. Die lautet so: durch den Abbruch der Verhandlungen über ein neues Rahmenabkommen ist der SVP der nächste Wahlkampfschlager, wenn nicht die Seele der Partei abhanden gekommen. Ihre Daseinsberechtigung. Denn wäre es doch noch zu einer Einigung gekommen: «Ein Traumszenario für die Volkspartei, deren einstiger kometenhafter Aufstieg eng mit der EWR-Abstimmung 1992 zusammenhängt.»

Dieser Abbruch trifft die SVP hart, meint Hollenstein

Also sozusagen a one trick pony, wie der Ami sagt. SVP, das ist Anti-EU. Lassen wir mal die Partei als Hort von Volksverhetzern, Corona-Leugnern, staatliche Massnahmen laienhaft und verantwortungslos kritisierenden Dumpfbacken beiseite. Also Anti-EU. Denn für sie sei mit dem Abbruch der Verhandlungen

«der Feind abhandengekommen, das Lieblingsthema weg und kein anderes in Sicht. Kurz: Ein Desaster.»

Schön für die bürgerlichen Parteien, und da kann es für die NZZ nur eine geben. Aber da sieht Hollenstein ein kleines Fünklein Licht, das er nun auch während Dusche und Bad nie mehr erlöschen lässt: «Nicht gut, aber immerhin etwas besser sieht es für FDP, Mitte und SP aus. Allen drei Parteien drohten bei einem Abstimmungskampf zum Rahmenabkommen hässliche interne Querelen. Der SP mit ihrem Gewerkschaftsflügel. Insbesondere aber die Freisinnigen boten im Rahmenabkommen-Dossier ein pitoyables Bild, ihr Aussenminister Ignazio Cassis wäre in den Wahlen zur ernsthaften Belastung geworden.»

Wir lieben es, wenn ein Tiefflieger das Wort «pitoyabel» verwendet, weil er meint, damit eine geradezu goetheanistische Flughöhe zu simulieren.

Nachdem Hollenstein die Auswirkungen dieses historischen Moments (meiner Treu, Verhandlungen wurden abgebrochen, das kann doch mal passieren, passiert auch ständig) abgeschmeckt, abgewogen, staatmännisch eingeordnet hat, in einer verstaubten Grossbürgersprache, wie es sich nicht einmal mehr die NZZ trauen würde, sondern nur noch Möchtegerns, wie sieht denn das Orakel die Zukunft?

Höret und staunet:

«Für die FDP und insbesondere Ignazio Cassis geht es in den nächsten Wahlen um viel, der Formstand der Partei ist miserabel. Gewiss, nach dieser Woche ist nun die Konkurrentin SVP thematisch geschwächt. Aber ob das reicht, um den freisinnigen Absturz zu verhindern, bleibt offen. Denn die eigentliche Gefahr droht den Freisinnigen ohnehin von den Grünliberalen. Mit dem historischen europapolitischen Entscheid vom Mittwoch ist sie nur noch grösser geworden.»

Ein Desaster. Dieser Kommentar von Hollenstein

Wer einen Ausblick auf kommende Wahlen mit «für xy geht es um viel» beginnt, hat eigentlich schon jede Kontrolle verloren. Denn, vielleicht abgesehen von Diktaturen, wann geht es bei Wahlen für Parteien mal nicht um viel? Wann hört man aus Parteizentralen: Ach, die nächsten Wahlen? Sind uns egal, wir müssen noch überall das Gendersternchen einpflegen.

Ich schwör’s, Hugo Bütler hätte so einen Satz vielleicht noch per Montblanc Meisterstück und grüner Cheftinte aufs Papier gekritzelt. Dann angeschaut, kurz den Kopf geschüttelt, leise «Quatsch» gesagt, das Papier zerknüllt, Papierkorb, neuer Anlauf. Nicht nur das unterscheidet Hollenstein von Bütler.

Der ehemalige Chefredaktor der NZZ, dessen Kürzel Bü. lautete, wurde von Niklaus Meienberg selig (Nora Zukker, das war, aber lassen wir’s) völlig richtig damit vorgeführt. Ob Bü. wohl für Büttel stünde? Oder für Bünzli? Nein, das stehe für Bürgertum, donnerte Meienberg. Wofür steht denn dann hol.? Genau, für ein fehlendes h nach dem o.

 

Vom Schlachten eines guten Journalisten

Normalerweise wird hier der Gorilla bespasst. Das geht in diesem Fall nicht. Anonyme Beschuldigungen, grosses Geschrei, Untersuchung. Resultat: null. Beschuldigter beschädigt bis erledigt.

Mobbing, sexuelle Belästigungen beim Westschweizer Fernsehen RTS. Darius Rochebin, über viele Jahre im wahrsten Sinne des Wortes der Anchorman der RTSTagesschau», ein angesehener, fachlich hochstehender, sorgfältiger und hartnäckiger Journalist, gehörte auch zu den Angeschuldigten.

Als wär’s ein Stück aus der «Republik»: Am 31. Oktober letzten Jahres hatte «Le Temps» angeklagt. Belästigungen, ungewollte Küsse, anzügliche Kommentare, Machtmissbrauch. Rochebin musste sich Vorwürfe anhören wie den, dass er die Hand einer Mitarbeiterin ohne deren Einverständnis auf sein Gemächt gelegt habe.

Natürlich erfolgten alle diese Vorwürfe anonym. Natürlich wurde behauptet, dass interne Beschwerden nichts genützt hätten, deshalb habe man an die Öffentlichkeit gehen müssen. Sozusagen die Vorlage für die erregten 78 Frauen bei Tamedia.

Rochebin bei seinem neuen französischen Arbeitgeber.

Damals stocherte das Haus der Qualitätsmedien nach, und, who else, die Frauenbeauftragte Claudia Blumer schrieb einen schäumenden Kommentar. Bereits am 2. November war für sie alles klar.

Urteil vor Untersuchung und Verhandlung

Als Qualitätsjournalistin vollstreckte sie bereits das Urteil, bevor überhaupt eine Untersuchung angefangen hatte: «Wie immer ist es erschütternd, wenn ein Heiligtum fällt», senkt sie mit dem ersten Satz den Daumen über Darius Rochebin. Sie kritisierte zudem, dass nicht mit «Sorgfalt und Entschiedenheit» den Vorwürfen nachgegangen worden sei. Es habe zwar keine rechtlichen Schritte gegen RTS gegeben, «doch das ist nicht entscheidend», donnerte Blumer vom hohen Ross:

«Nichtwissen ist Teil des Versagens.»

ZACKBUM, können wir nur sagen. Jetzt darf aber schallend gelacht werden: «Gravierende Fälle von Belästigung sind nicht Sache externer Berater oder einer Anlaufstelle, sondern der Geschäftsleitung und des HR.»

Schrieb damals die schnell wieder abgesetzte Untersuchungsrichterin Blumer, die selbst nachprüfen sollte, ob an den von ihr miterhobenen Vorwürfen der Tamedia-Mitarbeiterinnen etwas dran sei. Beauftragt von der Geschäftsleitung.

Als seien es haltlose Anschuldigungen der «Republik», die im Fall des grössten Kita-Betreibers «Globe Garden» durch eine externe Untersuchung als völlig haltlos und nicht verifizierbar abgekanzelt wurden, gleiste RTS gleich mehrere Untersuchungen auf, um ja jeden Verdacht der Verschleierung oder Vertuschung abweisen zu können.

Die anonymen Heckenschützen werden nicht belangt

Das Ergebnis ist nun auch hier bekannt. Es lautet, in der neutralen Sprache der Agentur SDA:

«Die von der SRG eingesetzten unabhängigen Sachverständigen kamen nun zum Schluss, dass sich Rochebin keiner sexuellen Belästigung oder Mobbing schuldig gemacht habe.»

ZACKBUM, sagen wir zum zweiten Mal. Bei zwei anderen Angeschuldigten sieht das anders aus; der TV-Chefredaktor und der Leiter der Personalabteilung verlassen deshalb den Sender. Die anonymen Verleumder, die schützt ihre Anonymität.

Das ist drakonisch, aber wohl richtig. Dort wird also aufgeräumt. Wie sieht es aber bei Tamedia aus? Hier würde es wieder brüllend komisch, wenn es für die Opfer der journalistischen Unfähigkeit Blumers nicht bis heute sehr, sehr bitter und belastend wäre.

Im Nachhinein und Blabla? Nein, ZACKBUM kritisierte schon damals scharf alle Formen von Vorverurteilung aufgrund anonymer Anschwärzungen. Der Ausgang ist ja meistens sehr vorhersehbar.

So wie bei Blumer. Im Prinzip. Denn ohne «Sorgfalt oder Entschiedenheit» ignorierte sie bei ihrem Schandartikel über den Streit ums Besuchsrecht sämtliche Fakten und Tatsachen, die ihr nicht in die Storyline passten. Mutter manipulativ und böse, Vater verzweifelt und untröstlich. Das war die These, die in keinem einzigen Punkt der Realität entsprach.

Nichtwissen ist schlimm, ignorieren ist schlimmer

«Nichtwissen ist Teil des Versagens», bei Blumer ist’s noch schlimmer. Sie ignorierte einen wohlbelegten Katalog von 14 Falschbehauptungen in ihrem Artikel. Tamedia weigert sich bis heute, eine Richtigstellung abzudrucken. Wir haben das Trauerspiel ausführlich beleuchtet.

Glücklicherweise steht die von Blumer verleumdete Mutter nicht in der Öffentlichkeit, und ihr Arbeitgeber schenkte ihr auch sein Vertrauen, dass all die von Blumer als Sprachrohr des tobenden Vaters erhobenen Vorwürfe falsch seien.

Der Weg ins Verderben.

Wie steht das nun mit dem «gefallenen Heiligtum» Rochebin? Der hatte nach Frankreich zu einem anderen Sender gewechselt und musste dort seine Tätigkeit zumindest vorübergehend einstellen; wer möchte schon einen Anchorman sehen, dem üble sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden?

Natürlich klagte er «Le Temps» wegen Verleumdung ein. Vielleicht wird er auch irgendwann Recht bekommen. Wenn er nicht vorher einsieht, dass das Jahre dauern und viel Geld kosten kann, und dass er damit den Fall in der Öffentlichkeit hält.

Natürlich hat das familiäre Umfeld der durchs Schlammbad gezogenen Mutter Blumer wegen übler Nachrede angezeigt. Das ist auch eher ein Akt der Verzweiflung, denn sie referierte ja nur unüberprüft die haltlosen Behauptungen des Vaters. Und eine grottenschlechte Journalistin zu sein, das ist (leider) nicht strafbar.

Werden wir noch mal Anstand und Verantwortung bei Tamedia erleben?

Werden wir in diesem Fall erleben, dass sich Tamedia, dass sich Blumer wenigstens für den angerichteten Schaden entschuldigt, gutmachen kann man den sowieso nie mehr? Ich glaube, durchaus noch über eine grössere Restlaufzeit in dieser Welt zu verfügen.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich so viel Anstand. Fairness, Verantwortungsbewusstsein bei diesem Konzern und dieser Journalistin nicht mehr erleben werde. Der Fall der verleumdeten Mutter liegt nun schon fast zwei Jahre zurück. Und auch ZACKBUM gegenüber setzte Tamedia auf das unanständig Bewährte: einfach Schnauze halten, geht vorbei.

Vielleicht dann?

Endlich: Tamedia packt die wichtigsten Probleme an

Es ist gut, dass wenigstens der zweitgrösste Medienkonzern der Schweiz weiss, wo aktuell der Schuh drückt.

Weniger Recherche, weniger Nachrichten, weniger Analyse und Einordnung. Dafür mehr Meinung. Keiner zu klein, Kommentator zu sein. Das ist der neue Spielplatz, das Frustablassbecken für Redaktoren.

Die Meinung gibt wenigstens einen Hauch alter Bedeutung zurück. Der Redaktor (mit Foto!) darf mal wieder allen Bescheid sagen. Probleme und Themen aufgreifen, die ihm am Herzen liegen. Auch wenn es ein einsames Herz ist, weil das sonst keinen interessiert.

Aktuell haben wir auf Newsnet einen seltenen Höhepunkt. Neuer Lockdown, komatöse Wirtschaft, drohende Ausgangssperre, Impf-Apartheit, wird der Abschaum bei der Inauguration des neuen US-Präsidenten wieder für Krawall sorgen? Wie geht Russland mit Oppositionellen um?

Was das Publikum beschäftigt, ist Pipifax für den Kommentator

Es mag ja sein, dass das Publikum diese Fragen beschäftigt. Aber wenn sich der Redaktor aus seiner Käfigtierhaltung im Newsroom in die Sphären der Gedankenfreiheit aufschwingt, lässt er solchen Pipifax weit hinter und unter sich:

 

Corona? Mutationen? Ach was, Salome Müller hat eine «neue Seuche» entdeckt. Auch das noch, was droht uns denn nun noch? «Sexistische Kommentare von Männern in der Öffentlichkeit». Jessas, echt jetzt? Ganz neu? Liebe Bauarbeiter, die Zeiten, als italienische Fremdarbeiter etwas südländische Lockerheit in die Schweiz brachten, indem sie ungeniert ihrer Bewunderung für vorbeilaufende Frauen zum Ausdruck brachten, sind vorbei.

Das war wohl auch vor der Geburt von Salome Müller, denn sie beklagt: «Wenn Frauen sich im öffentlichen Raum bewegen, müssen sie damit rechnen, sexistische Kommentare von Männern zu hören. Aggressive Zurufe. Beleidigungen.»

Gibt es Abhilfe?

Ich als Mann kann mich da für meine testosterongetriebenen Geschlechtsgenossen nur schämen. Und versichern, dass ich das noch nie getan habe. Aber wenn wir von Seuchen sprechen: Was ist dann mit der Genderisierung und Vergewaltigung der Sprache durch Sternchen aller Orten und weitere absurde Monstrositäten? Gut, nicht ablenken, zeigt Müller wenigstens Lösungswege auf?

Aber ja: «Erst wenn Männer von anderen Männern gemassregelt werden, wird sich etwas ändern.» Ach was. Also ich finde diese Position beinhaltet eine typische, postkoloniale Arroganz einer weissen Frau. Warum? Nun, in meinem zweiten Heimatland Kuba würde es eine Frau als Beleidigung empfinden, wenn ihre Attraktivität nicht Männer in der Öffentlichkeit würdigten. Würden andere Männer die massregeln, würden sie auf völliges Unverständnis und bösartige Vermutungen stossen.

Zurufe, Beleidigungen, und dann noch von der Arbeit abgehalten werden

Sozusagen in die gleiche Kerbe haut auch der nächste Kommentar: «Wir halten Frauen bewusst vom Arbeiten ab.» Ach was, also ich habe das noch nie getan. Ach so, Raphaela Birrer macht auch nicht mich verantwortlich, sondern «unser Steuersystem». Das setze «aus ideologischen Gründen einen Anreiz für verheiratete Frauen, möglichst wenig zu arbeiten». Das sehen viele Ehemänner auch so, allerdings nicht aus ideologischen Gründen.

Aber Scherz beiseite, würde diese steuerliche Bestrafung für Zweitverdiener abgeschafft, gäbe es bis zu «60’000 zusätzliche Vollzeitstellen», «300’000 Frauen würden ihr Pensum um jeweils 20 Prozent erhöhen», weiss die Autorin. Woher? Nun, natürlich aus «Studien». Zwei Dinge weiss sie aber nicht: Was für einen Sinn würden tausende von neuen Vollzeitstellen machen, wo dank Lockdown die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen werden, sobald Kurzarbeitsunterstützung ausgelaufen ist?

Und ob Birrer wohl schon mal vom Hausmann-Modell gehört hat, von Männern, die ihrer Frau den Vortritt in der Karriere lassen? Offenbar ist ihr dieses Modell zu emanzipiert und modern.

Der mächtigste Mann der Welt und der mächtigste Stellvertreter

Michael Meier ist ein Mann. Sehen wir grosszügig über diesen Makel hinweg, denn auch er äussert sich zu einem Thema, das uns alle umtreibt. «Eine neue Allianz zwischen Washington und Rom». Ach was, haben wir da etwas verpasst? Eigentlich nicht, Meier folgt nur den Spuren des «US-Publizisten Andy Roman». Nomen est omen, der sieht eine Vereinigung «politischer und religiöser Macht zu einer gemeinsamen Vision und Mission». In Sachen Klimaschutz, Armutsbekämpfung und Integration von Flüchtlingen. Nur: Andy Roman hat für einen Publizisten erschreckend wenig publiziert.

Aber wunderbar, der zweite Katholik nach Kennedy im Weissen Haus darf nun auch mit höherer Hilfe rechnen. Die Kirche wird ihre tiefen Schatullen öffnen, ihr Milliardenvermögen zur Armutsbekämpfung ausgeben. Klimaschutz spielt sich sowieso in höheren Sphären ab, wo die Kirche die Lufthoheit beansprucht. Und über so Kleinigkeiten wie das Abtreibungsverbot, die Anwendung von Verhütungsmitteln oder sexuelle Aufklärung, da wird man sich schon einigen. Aber eins ist sicher: Die Welt wird eine bessere werden. Gott vergelt’s.

Auch der lebenslange Kämpfer Ziegler darf nicht fehlen

Fehlt da noch etwas? Doch, ja, da fehlt noch Jean Ziegler. Der unermüdliche Kämpfer gegen das Unrecht auf der Welt, der damit trotz aller Kritik an ihm unsere Hochachtung verdient, wendet sich in einem Gastbeitrag an die Tamedia-Leser.

Wortgewaltig wie immer: «Wir müssen helfen, dem Martyrium der Gefangenen der Lager auf den griechischen Inseln ein sofortiges Ende zu bereiten.» Dabei muss Bundesrätin Keller-Sutter an die Tradition der Schweiz erinnert werden: «Ihre Hartherzigkeit ist der humanitären Tradition unseres Landes unwürdig.»

Gut gebrüllt, alter Löwe, dass er damit auch etwas Werbung für sein jüngstes Buch «Die Schande Europas» macht, sei ihm nachgesehen. Nur: auch dieses Schicksal interessiert zur Zeit in Europa kaum jemanden. Leider, lieber Jean.

Wird die Welt nun besser? Leider nein

Sind nun alle wichtigen Themen der Zeit kommentiert, Lösungen aufgezeigt, Forderungen gestellt, kann man sich zurücklehnen und hoffen, dass die Welt sich das zu Herzen nimmt und besser wird? Nun, es muss leider gesagt werden: nein. Denn selbst im gleichen Organ werden all diese wohllöblichen Ansichten konterkariert.

Erst noch von einer Frau. Wäre sie ein Mann, würde sie von Müller mindestens mit Gender-Sternchen beworfen werden. Eher noch mit Binnen-I gepiesackt. Denn Bettina Weber tut etwas, was in jeder anständigen Partnerschaft – ob binär oder non-binär – dazu führen muss, dass der Übeltäter auf dem Sofa schläft: Sie beurteilt eine Frau ausschliesslich nach Äusserlichkeiten!

Geht’s noch, geht’s noch schlimmer? Aber immer: «schlecht angezogene Männer mit Bärten und merkwürdigen Kopfbedeckungen» seien durchs Kapitol gezogen.

Politik ist in erster Linie eine Sache der richtigen Bekleidung

Da hat sie recht, wenn man das Kapitol stürmt, sollte man sich wenigstens anständig kleiden. Trost sucht Weber bei der First Lady. Die sei wenigstens «vermutlich» immer in eine Parfumwolke gehüllt; Thierry Mugler meint Weber zu erschnuppern, an den Füssen der First Lady will sie Louboutins mit «Killer-Absätzen» erspäht haben: «So viel Stiletto im Weissen Haus war noch nie, so viel Designermode auch nicht.»

Da spricht vielleicht der Neid, denn Louboutins, Parfum von Mugler und Designermode ist etwas oberhalb der Gehaltsklasse von Weber. Die zudem hoffentlich Birkenstock und keine Killer-Absätze in der Redaktion trägt.

Melania Trump als Gipfel

Am Schluss versucht Weber, mit einer feministischen Volte wieder Boden gut zu machen: Das Grossartige an Melania Trump sei «ihre trotzige Wenn-ihr-mich-nicht-mögt-ist mir-das-egal-ich-sehe-dafür-besser-aus-Attitüde.» Wie ihre Co-Unterchefredaktorin bei Kamala Harris schwärmt Weber wie ein Backfisch: «das war der Gipfel weiblichen Selbstbewusstseins.»

Man sieht; bevor der ganzen Welt gute Ratschläge gegeben werden: Es gibt zunächst noch viel zu tun bei Tamedia. Sehr viel. Ich bin bekanntlich kein Feminist, aber niemals würde ich eine Frau auf ihr Äusseres reduzieren. Selbst wenn sie eine so merkwürdige Frisur wie Müller hat.