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Ein Selbstkommentar

Der «Blick» steigert das Nabelschaulaufen.

«Sara Belgeri ist Redaktorin bei Blick.» Das ist schön für sie. Sie weiss ziemlich viel und eigentlich alles besser. «Wohnungsnot: Expats sind nicht das Problem». «Frauen-Nati im Viertelfinal: Wie wärs mit Freude statt Gemotze?» «Fertig mit dieser Selbstoptimierung». «Warum die Schweiz beim Schutz von Frauen versagt».

Es ginge der Schweiz im Allgemeinen und den Frauen im Speziellen viel besser, wenn man endlich auf Belgeri hören würde.

Aber eben, diskriminierende Männer-Macho-Gesellschaft.

Dem setzt sie ein trotziges Lächeln entgegen und sehr viel Gemeintes. Nun hat sie aber einen Selbstkommentar geschrieben und damit ein neues Genre des Journalismus erfunden:

Damit meint sie die China-Reise des alt Bundesrats Ueli Maurer. China feiert mit einer grossen Militärparade sich selbst und das Jubiläum des Siegs über Japan im Zweiten Weltkrieg.

Eurozentristisch wird gerne übersehen, dass die Invasion und Besetzung durch Japan mindestens so grausam und barbarisch war wie der Russland-Feldzug des Dritten Reichs. Bis zu 20 Millionen Tote, das Massaker von Nanking, Grund genug, dem zu gedenken und die heutige Stärke Chinas zu feiern.

Und zu zeigen, dass China eine ganze Reihe bedeutender Staatenlenker um sich scharen kann. Was Präsident Trump so irritiert, dass er – statt teilzunehmen – etwas von einer Verschwörung gegen die USA motzt.

Dabei könnte man eher von einer Verschwörung gegen China sprechen, da kein europäischer oder angelsächsischer Staatsmann an dieser Feier teilnimmt – ausser Maurer.

Was in China sicherlich wohlwollend registriert wurde und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, auf die die Schweiz dringend angewiesen ist, durchaus befördert.

Das sieht Belgeri allerdings ganz anders: «Die Teilnahme an der Militärparade in Peking schadet jedoch eher seinem eigenen Image als dem Ansehen der Schweiz

Zum krachenden Schlusspunkt holt Belgeri den verbalen Morgenstern heraus:

«Das kann man peinlich und problematisch finden – und zwar zu Recht. Doch es geht nicht um mehr als einen alt Bundesrat auf der Suche nach Bedeutung. Deshalb ist Gelassenheit angebracht. Soll Maurer doch mit Autokraten posieren und sich für Propagandazwecke missbrauchen lassen. Am Ende beschädigt er damit eher sein eigenes politisches Erbe als das Ansehen der Schweiz.»

 

Allerdings: unfreiwillig trifft der Titel des Kommentars auf ihn selbst zu. Diese geschickte Handlung, die Schweiz ist offiziell nicht dabei, aber irgendwie schon, als «peinlich, aber bedeutungslos» abzuqualifizieren, das ist peinlich. Aber glücklicherweise bedeutungslos.

Peinlich, weil es völlig frei von Argumenten dahingeschrieben ist. Das chinesische Regime werde den Anlass «zu Propagandazwecken missbrauchen». Ja Himmelswillen, wozu denn sonst eigenen sich solche Feiern, sind sie dann überall auf der Welt missbräuchlich, oder nur in Peking?

Auf der Gästeliste stünden «Autokraten». Ja Himmelswillen, auf welcher Gästeliste denn nicht? Oder ist Mohammed bin Salman von Saudi-Arabien, der einen Dissidenten in seiner Botschaft umbringen und zerstückeln liess, der im Jemen einen schmutzigen Krieg führt, kein gern gesehener Gast im Westen?

Ist Maurer wirklich auf der «Suche nach Bedeutung»? Oder nicht vielmehr Belgeri?

Aber immerhin, einen Kommentar über den richtigen Umgang mit ihr gibt sie selbst ab: «Deshalb ist Gelassenheit angebracht

Denn nichts altert schneller, nichts zerfällt schneller zu Staub als ein dümmlicher Kommentar von vorgestern. Auch die Seufzer der Leser, die diesen Stuss serviert bekommen, verhallen.

Kommentar-Krätze

Kommentare sind Symptome einer Krankheit.

Kommentare unter Artikeln sind meistens wie die Krätze. Unangenehm, ansteckend (ein Kommentator kommentiert den nächsten, der Inhalt des kommentierten Artikels wird nebensächlich), aber eigentlich harmlos.

Auch wenn es beunruhigend ist, wie viel gestörte und kranke Menschen ohne Therapie vor sich hinvegetieren.

Aber die Pest sind die eigentlichen Kommentare in den Massenmedien. Hier nützen frustrierte Journalisten, die noch nicht weggespart wurden, ein Privileg aus, das sie sonst nicht haben. Sie können so lange sie wollen, worüber sie wollen und so unsicher-arrogant wie sie wollen salbadern.

Ohne sich ihrer Lächerlichkeit bewusst zu sein, weil doch wirklich niemand einen feuchten Furz auf ihre Meinung gibt. Dabei ist ihr Leiden einfach zu diagnostizieren: zunehmende Bedeutungslosigkeit. Einerseits wegen abnehmender Reichweite und Einschaltquote. Andererseits wegen abnehmender intellektueller und schreiberischer Potenz. Trotz eifriger Verwendung des Viagras AI als Krähwinkelsteigerung.

«Alles Taktik: Trump steht offen zu seinen Untaten», meint Detlef Esslinger. «Wenn die Europäer diesmal einknicken, sind sie verloren», meint Daniel Brössler. «Der Ukraine droht in Alaska die Unterwerfung», meint Florian Hassel.

Dass alle drei eigentlich in der «Süddeutschen Zeitung» meinen und bei Tamedia nur Mietmeinungen sind, spielt allerdings keine Rolle. Weder dort noch hier kümmert sich jemand um ihre Meinungen. Ausser sie selbst natürlich, die mit stolzgeschwellter Brust herumstolzieren und meinen, verhindert zu haben, dass Trump seine Untaten verbergen könnte, Europa verloren ginge oder die Ukraine in Alaska unterworfen würde.

Natürlich fragt und meint auch die NZZ: «Die Welt hofft auf Amerikas Richter: Stoppen sie Trumps Zölle?» Ob die Welt um diese, ihre Hoffnung weiss? Jürg Meier, ein gestählter Schreibtischunternehmer, steht der Schweizer Wirtschaft bei: «Trumps Zölle haben die gute alte Welt für Schweizer Firmen zerstört: Was es jetzt braucht, um zu überleben». Werden sie auf ihn hören – und nur so überleben?

Wunderbar auch dieser Einerseits-andererseits-aber-dann-doch-Nicht-Kommentar: «Russland und China könnten theoretisch gemeinsam gegen den Westen vorgehen – aber Putin ist zu schwach und kann daran kein Interesse haben». So rein praktisch gesehen.

Auch der «Blick» weiss einiges besser: «Fünf Gründe, wieso Alaska keinen Frieden bringen wird», oder meint er bloss? Auf jeden Fall kostenpflichtig, Gratis ist hingegen die Frage: «Wo war eigentlich Aussenminister Cassis?» Sachdienliche Hinweise an den nächsten Polizeiposten. Eher nervig sind zwei ziemlich blöde Meinungen: «Ich nehme das Wetter persönlich», und «weniger Plastik ist besser», das ist von der fliegenden Nicht-Fliegerin Aline Trede.

Und was meint es so bei CH Media? «Ein Handystopp für Primarschüler – die Eltern sind gefragt». Mit dieser Meinung kann Stefan Schmid nicht falschliegen. Die Meinung im Zeichen des Sommerlochs: «Brot und Spiele, das ewige Sterben und das Zen des Gamens». Tja, wenn das wechselhafte Wetter ausgelutscht ist, bleibt nicht mehr viel, gell, Sascha Erni. Und noch eine pädagogisch wertvolle Meinung: «Lehrerinnen und Lehrer brauchen Freiheiten, nicht mehr Vorgaben

Es wird gemeint, geraten, gefragt, gewarnt, gemahnt und gefordert. Es werden schreckliche Konsequenzen an die Wand gemalt, sollte nicht auf den Kommentator gehört werden.

Nur: Interessieren heute noch diese zwei Wochen alten Meinungen? Wetten, dass selbst der Kommentator sie schon längst vergessen hat?

Wenn der Richtige das Falsche schreibt

Chefredaktor Patrik Müller ist ein cleveres Kerlchen. Darf auch er sich mal verhauen?

Die Publizistik von CH Media flutscht skandalfrei über die Runden. Keine Untaten, keine erregten Mitarbeiterinnen, die haltlose anonyme Anschuldigungen in die Welt setzen. Kein ständiges Stühlerücken, kein Erfinden absurder Titel wie bei Ringier. Keine Schwachsinns-Kommentare, die bei Tamedia die Spalten füllen und die Leser quälen. Nicht zuletzt Müllers Verdienst.

Aber jetzt hat er in der auflagestärksten Wochenendzeitung einen rausgehauen, was an ein Zitat vom Philosophen Theodor W. Adorno erinnert: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Oder an Bertolt Brecht: «Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!»

Müller schreibt: «Die beiden in Europa weitherum verhassten Präsidenten Trump und Netanyahu haben ein wichtiges Ziel erreicht: die Schädigung des iranischen Atomprogramms. Trump und Netanyahu haben das Richtige getan.»

Schlimmer noch: «Es sind Lichtblicke in einer Region, deren Probleme fast unlösbar scheinen.»

Da sind dem Mann aber sein rechtsstaatliches Koordinatensystem und sein moralischer Kompass abhanden gekommen. Amok-Präsident Donald Trump fordert die Entlassung von Journalisten, weil CNN und «New York Times», gestützt auf Geheimdienstanalysen, es gewagt haben, das Ergebnis seiner «wohl erfolgreichsten Militäroperation aller Zeiten» in Frage zu stellen.

Der nur durch sein Amt vor dem Knast geschützte israelische Ministerpräsident ist verantwortlich für Kriegsverbrechen ohne Zahl. Israelische Soldaten schiessen gezielt auf hungernde Palästinenser vor Nahrungsausgabestationen, wie die renommierte Tageszeitung «Ha’aratz», gestützt auf Militärquellen, enthüllt.

Die fast völlige Zerstörung der Infrastruktur im Gazastreifen mit Tausenden von zivilen Toten und die Vertreibung der Bevölkerung, Bombardements im Libanon, Syrien und nun auch im Iran. Ausgelöst durch ein Massaker der fundamentalistischen Wahnsinnigen von der Hamas, begründet durch die irre Rhetorik der Ayatollen in Teheran, die von der Vernichtung Israels faseln.

Gezielte Tötungen, Massenmord an der Zivilbevölkerung, Ausbau illegaler Siedlungen im besetzten Westjordanland, Bombardierungen ohne Kriegserklärung, das alles sind Verbrechen. Kriegsverbrechen. Dass sich Staaten wie der Iran oder der westliche Verbündete Saudi-Arabien ausserhalb der zivilisierten Gemeinschaft befinden, dass Terrorgruppen wie die Hamas oder die Hetzbollah Verbrecherbanden sind, ist unbestritten.

Sie sind Parias – wie die israelische Regierung. Dass Trump ziemlich erfolgreich darin ist, das System der Checks and Balances in den USA auszuhebeln und dabei am helllichten Tag ungenierte Selbstbereicherung für sich und seinen Clan betreibt (alleine durch Insiderwissen bevorstehender Ankündigungen mit Auswirkungen auf die Finanzmärkte), ist ebenfalls eine Tatsache.

Sind das, was beide im Iran tun, wirklich «Lichtblicke»?

Lichtblick bedeutet, dass im dunklen Tunnel der Ausgang erkennbar wird. Es ist unbekannt, welche Auswirkungen dieses völkerrechtswidrige Bombardement auf die Fähigkeit Irans hat, eine Atombombe zu bauen. Es ist sonnenklar, dass es das Regime dazu motiviert, sich so schnell wie möglich eine oder mehrere zu verschaffen. Denn nur das schützt es – wie den Pariastaat Nordkorea – vor einer möglichen Invasion.

Pardon, vor einer «Befreiung» von aussen. Das hat bereits im Fall Iraks prima geklappt. Der Diktator Saddam Hussein (der niemals Massenvernichtungswaffen besass) ist weg, das Land ist im Chaos, wie Libyen.

Es sind die Falschen, die etwas tun. Darin kann man mit Müller übereinstimmen. Aber tun sie das «Richtige»? Das Richtige sollte ein erkennbares Ziel haben.

Da hat Müller erbärmlich wenig zu bieten:

«Die Hoffnung lebt weiter – auch für Frieden in Gaza. Gestärkt und mit verbesserten Umfragewerten könnte Netanyahu den Krieg beenden und den Austritt der Rechtsextremen aus seiner Regierung riskieren.»

Frieden in Gaza als Friedhofsruhe? Richtige Schritte zu einem friedlichen Zusammenleben mit Jordanien, Libanon, Syrien, Ägypten, selbst dem Iran? Mit den überlebenden Palästinensern? In welcher Parallelwelt lebt, denkt und schreibt Müller?

«Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage», so enden Märchen. Hat Müller in seiner Jugend die Erzählungen aus 1001-Nacht zu intensiv studiert? Oder wollte er sich in Dialektik versuchen, was nur was für Könner und nichts für Meiner ist? Hofft er, dass auch böse Buben Gutes tun können?

Beim Betrachten von Bäumen der irrigen Hoffnung schweigt er über so viele Verbrechen, die von diesen beiden «Falschen» verübt werden.Und lobt eines von ihnen.

Da hilft nur noch Friedrich Schiller: «Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.»

Aber Bildung ist längst nicht mehr eine Kernkompetenz der modernen Journaille im Elendsjournalismus.

 

Torkelnder Kommentar

Auch Niklaus Vontobel von CH Media will Trump zeigen, wo der Hammer hängt.

Der Wirtschaftsredaktor von CH Media tischt dem Leser gross auf: «Trump torkelt von Idiotie zu Idiotie – was soll da schon schiefgehen

Dann tut er dem US-Präsidenten die Knöpfe rein. Den von Trump als «Tag der Befreiung» angepriesene 2. April dieses Jahres müsse man so sehen:

«Trump beschädigte damals das Ansehen der USA und des Dollars zugleich – und die USA stehen heute noch lädiert da. Das Vertrauen in den Dollar ist angeschlagen.»

Schuld daran ist Trump, dessen Regierung «so unseriös und chaotisch» agiere. Dabei ist der Dollar nach wie vor Weltwährung Nummer eins, US-Staatspapiere gehören zu den sichersten und am meisten nachgefragten Schuldpapieren der Welt, und solange die Anleger nicht ihr Vertrauen verlieren, lassen sich noch so absurde Staatsschulden problemlos refinanzieren.

Dann zitiert Autor Niklaus Vontobel  ausgerechnet «Ökonomen der Bank J. Safra Sarasin», um seine Ansicht zu untermauern.

Das ist die ehemalige Basler Privatbank, deren letzter Vertreter deutschen Milliardären wie Maschmeyer oder Drogerie-Müller im Cum/Ex-Skandal Spekulationspapiere andrehte. Und nach der Übernahme durch die Safra-Sippe sich standhaft weigerte, nach dem Totalschaden, als dieses illegale Verdienstmodell explodiert war, ihre Verluste zurückzuzahlen. Bis sie dazu gezwungen wurde.

Also eine sehr vertrauenswürdige Quelle zwecks Untermauerung der eigenen Ansicht.

Vontobel zitiert weiter: «Die Bank J. Safra Sarasin schreibt daher: «Der Dollar ist eine Risikowährung.»»

Dass dem so sei, will Vontobel mit weiteren wilden Behauptungen unterstreichen. Das Wirken von Elon Musk, mit dem Präsident Donald Trump inzwischen in einem schmutzigen verbalen Krieg verhakt ist, habe mit seinen Sparversuchen Folgendes bewirkt: «In der Entwicklungshilfe hat sein Wirken nach einer Schätzung über 100’000 Erwachsene und 200’000 Kinder das Leben gekostet. Dann enthüllte die «New York Times», was Musk nebenbei massiv konsumiert: Ketamin, Ecstasy, psychedelische Pilze.»

Dabei ist die Reduzierung der Geldverschleuderung von USAID das einzig Sinnvolle, was Musk zustande gebracht hat. Und der angebliche Drogenkonsum von Musk, der von ihm dementiert wird, ist eine haltlose Unterstellung, die auf anonymen Aussagen aus seinem Umfeld beruht.

Nach diesem wilden Herumhüpfen und dem Zitieren sehr vertrauenswürdiger Quellen nimmt sich Vontobel noch die erratische Zollpolitik von Trump zur Brust und schliesst mit dem weisen Satz, voll verunglückter Ironie: «Was soll da schon schiefgehen

Das ist tatsächlich die Frage. Eine Tatsache ist allerdings, dass sich CH Media mit solchen wirren Kommentaren keinen Gefallen tut.

Dass Trump und Musk viel dafür tun, ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, ist die eine Sache. Dass ein Medienkonzern, der mit x Kopfblättern seiner Tageszeitungen einen guten Teil der deutschsprachigen Leserschaft in der Schweiz beschallt, mit solchen Kommentaren seine eigene Glaubwürdigkeit gegen die Wand fährt, eine andere.

Mangels Masse und Kompetenz verlegen sich die zu Tode gesparten Elendsmedien immer mehr darauf, den überlebenden Redaktoren freien Auslauf zu gewähren, damit sie ihren Lesern beim Betrachten des eigenen Bauchnabels ihr Leid an der Welt klagen können.

Das verkommt mehr und mehr zu einer Ersatzhandlung für Einordnung und Analyse. Für diese Leistung auch noch Geld zu verlangen, ist nichts weniger als eine Frechheit.

Ach, Supino

Der Tx-Boss macht sich wieder lächerlich.

Es ist noch nicht so lange her, dass Pietro Supino unter strikter Beachtung der Trennung von Verlag und redaktionellem Inhalt im Tamedia-Kopfblattsalat das Wort ergriff und für die Ablehnung des Referendums weibelte, das den Verlegerclans die schon sicher geglaubte Steuersubventionsmilliarde vor der Nase wegzog.

Dass Tx fast gleichzeitig eine Sonderdividende ausschüttete und den milliardenschweren Zusammenschluss seiner Handelsplattformen mit Ringier bekannt gab, hatte dabei sehr geholfen.

Nun hält er in den gleichen Organen ein 17’000 A schweres «Plädoyer für eine aufgeklärte Medienpolitik». Nicht zu vergessen, dass er damals den Untergang der kontrollierenden Vierten Gewalt an die Wand malte, sollte sie keine Staatssubventionen in Milliardenhöhe kriegen. Der Mann kennt kein Schamgefühl.

Denn jetzt schreibt er: «Die Aufgaben der SRG … liessen sich mit 200 Franken Gebühren pro Haushalt erfüllen.» Er ist also für die Halbierungs-Initiative. Bis er zu diesem Schluss kommt, eiert er Tausende von Buchstaben lang um die Bedeutung der Medien für die Demokratie herum, als habe er eine Schnupperlehre bei der «Republik» absolviert.

Er holt bis ins 19. Jahrhundert aus, erklärt nochmal Banalitäten wie die veränderten technologischen Möglichkeiten der Newsdistribution. Und bläst in die grosse Trompete: «Unabhängige Medien sind wichtig für das Funktionieren des demokratischen Gemeinwesens.» Im Gestus tiefsinniger Bedeutung Flachheiten absondern, das ist sonst nur Politikern eigen.

Er versteigt sich sogar dazu, Thomas Jefferson zu zitieren, und den englischen Verleger Lord Northcliff. Hübsch versteckt in diesem Brimborium ist sein Kernsatz:

«Angesichts dieser Realität ist der vom Parlament beschlossene Ausbau der indirekten Presseförderung von existenzieller Bedeutung für die Zukunft der gedruckten Zeitung

Kleiner hat er es dabei nicht: «Es stehen die Errungenschaften der Aufklärung auf dem Spiel.» Wenn es nicht neuerlich Staatsknete gibt, obwohl der erste Versuch abgeschmettert wurde. Nun fürchtet er bei der Wiederholung eine neuerliche Klatsche.

Dann schreibt er sich noch in eigener Sache um Kopf und Kragen: «Die Forderung, dass der damit erzielte Gewinn zur Querfinanzierung rückläufiger oder gar unrentabler Aktivitäten eingesetzt werden sollte, ist nicht überzeugend.»

Im Gegenteil. Es ist nicht überzeugend, dass Supino seinem Stammblatt die Einnahmequellen der Stellen- und anderes -anzeiger wegnahm, die nur durch den Tagi gross geworden sind, dazu «20 Minuten» in ein eigenes Profitcenter auslagerte, weil es immer noch  ertragreich ist. Und die restlichen Medien ins Elend stiess, denn auch Tagi & Co. müssen seine sportlichen Renditevorstellungen erfüllen.

Das geht nur mit runtersparen, rausschmeissen, grosse Teile des Inhalts aus München übernehmen. Mit dem Verkauf von Blättern, die für mehr Geld weniger Content liefern. Dafür hat er sich mit dem Quartet Jessica Peppel-Schulz, ihrem plappernden Avatar, dem Kommunikationsgenie Simon Bärtschi und der farblosen Raphaela Birrer eine Mannschaft geholt, die das Ziel, Aufgabe der Printherstellung, sicher erreichen wird.

Das ist die Realität, alles andere ist Nonsens.

Aber er hat noch mehr Gejammer auf Lager: «Die globalen marktmächtigen Plattformen betreiben ihr Geschäft mit journalistischen Inhalten, die sie von regionalen und nationalen Medienanbietern übernehmen, ohne dafür zu bezahlen.»

Das tun sie deswegen, weil die Verlage zu blöd sind, dafür ein ausreichendes Entgelt zu verlangen. Sie träumen von grösseren Reichweiten, haben aber keine Erklärung, was ihnen das bringen soll. Sie sind insbesondere in der Schweiz so blöd, sich über 80 Prozent der Erträge des Online-Marketings von den Plattformen Google, Facebook und Amazon wegnehmen zu lassen.

Statt sich mit Google-Ads vollklatschen zu lassen und dafür ein Trinkgeld zu kassieren, hätten Verlagsführer wie Supino so in den letzten 15 Jahren vielleicht mal eine Idee haben können, wie man das ändert. Den Middle Man ausschaltet, der sich in der normalen Distributionskette von Herstellung zum Konsumenten vielleicht maximal 10 Prozent abschneidet. Aber sicher nicht 80.

In seinem «Fazit» sorgt Supino nochmals für grosse Heiterkeit: «Die Medienbranche ist mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Sie wird sich weiter fundamental ändern, aber aus Nutzersicht besteht kein grundlegendes Angebotsproblem.»

Aus Nutzersicht der zahlenden Konsumenten der papierdünnen Inhalte seines Hauses besteht allerdings ein grundlegendes Problem. Wieso sollen sie für diesen Dünnpfiff immer mehr bezahlen? Was ist die geldwerte Leistung? Selbst die Migros, in schweren Turbulenzen, käme nie auf die Idee, ein halbes Gipfeli für mehr Geld als zuvor ein ganzes anzubieten. Und das mit «Fokussierung, Qualitätssteigerung, noch näher an den Bedürfnissen des Konsumenten» schönzuschwatzen.

Statt wenigstens eine brauchbare Digitalstrategie zu entwickeln, wurden Bruchpiloten wie Mathias Müller von Blumencron geholt, der nach einer abgekupferten Flop-Idee und viel heisser Luft wieder das Weite suchte. Genau wie der AD, der das verunglückte Redesign des Internet-Auftritts verbrach.

Supino selbst profitiert davon, dass er als Mitglied des Coninx-Clans unkaputtbar ist. Und sich seine vor dem nächsten Rausschmeissen fürchtende Redaktionen nicht trauen, ihm zu sagen, dass er seinen Stuss doch bitte wenn schon als bezahltes Inserat unter die Leute bringen soll. Denn selbstverständlich dürfe auch der Big Boss eine Meinung haben und die auch so länglich absondern, wie es ihm drum ist. Aber Geld genug hätte Supino, sich dafür ein Inserat zu leisten.

Im Tagi kostet eine Doppelseite schlappe 43’560 Franken. Bei einem Jahreseinkommen (inkl. Bonus) von 7,5 Millionen wären das aufgerundet 7 Prozent eines Monatsgehalts. So viel sollte ihm seine Meinung doch noch wert sein. Dazu käme noch, dass er seinen Organen einen Reputationsschaden ersparte, wenn sie nicht einfach «his master’s voice» publizieren müssten.

Der Treppenwitz dabei: einen Tag, bevor der Deutschschweizer Verlegerverband eine Einigung mit der SRG bekannt gab und offiziell verkündete, dass er gegen die Halbierungsinitiative sei, veröffentlichte Supino sein Pamphlet, dass er dafür sei. Um diese Einigung wissend. Das nennt man einen veritablen Blattschuss. Dabei ist Tx Mitglied bei «Schweizer Medien». Noch. Das nennt man kompetente Vereinspolitik. Oder einfach: wie blöd ist das denn.

Aber immerhin wurden damit nicht die schlappen 32 Seiten des Print-«Tages-Anzeiger» gefüllt, für die das Blatt stolze Fr. 4.60 heuschen will. Was immer weniger Leser zu zahlen bereit sind, wie die Auflage beweist …

Tx steht wohl für «täglich ein X für ein U vormachen.» U wie unfähig.

Schreibtäter Tobler

Ein Realitätsverweigerer nennt einen anderen so.

Der frischgebackenes Leiter des «Teams Gesellschaft/Debatte» von Tamedia mag Ueli Maurer nicht. Andreas Tobler mag auch die SVP nicht. Das ist so bekannt wie langweilig.

Nun hatte sich der Alt-Bundesrat ausgerechnet Tamedia ausgesucht, um zum ersten Mal seine Meinung zu den Erkenntnissen der PUK zum desaströsen Untergang der CS zum Besten zu geben. Dazu gehört auch die erstaunliche Aussage, dass er den Bericht gar nicht gelesen, dennoch eine dezidierte Meinung dazu habe.

Wie jeder Politiker weist Maurer jegliche Schuld an der Katastrophe weit von sich, räumt lediglich ein, dass er vielleicht von der CS-Spitze etwas eingeseift worden sei. Das ist nun alles schon Altpapier, bevor das Interview gedruckt wurde. Schnee von gestern. Unerheblich. Keine Sternstunde Maurers.

Aber für den Brachialjournalisten «Rammstein-Konzerte absagen»-Tobler Anlass genug zum Nachtreten. Dabei wäre doch seine Beförderung eine gute Gelegenheit gewesen, mal ein wenig Selbstkritik nach einer solchen Anzahl von Fehlleistungen zu üben, die ihn in jedem anständigen Medienhaus zum Ausgang und nicht nach oben geführt hätten.

Oder vielleicht war es ein wenig Neid, dass der Interview-Crack Tobler (er kroch schon Bärfuss, Neubauer oder Friedman verbal hinten rein) nicht höchstpersönlich mit Maurer sprechen durfte.

ZACKBUM kann sich nicht oft genug wiederholen:

Wer solchen Unsinn verzapft, wer die Unschuldsvermutung mit Füssen tritt, wer künstlerische und wirtschaftliche Existenzen rücksichtslos vernichten möchte, ist eigentlich für ein sogenanntes Qualitätsmedium nicht mehr tragbar.

Stattdessen nun ein gähnlangweiliges Abarbeiten am politischen Feindbild:

«… Ueli Maurer selbst, der sich im Interview hartnäckig den Fakten verweigert … seine Aussage ist vor allem komplett faktenfrei … auch sonst verweigert sich Maurer wiederholt den Fakten … Maurer ist daher kein Sündenbock, sondern ein Realitätsverweigerer» usw.

Das ist Polemik auf niedrigstem Niveau. Gäbe es im Hause Tamedia noch Niveaukontrolle, würde ein solcher Kommentar als zu tiefergelegt schlichtweg vor der Publikation abgefangen und gelöscht werden. Aber doch nicht hier. Also kann Tobler so sicher wie das Amen in der Kirche am Schluss noch sein Gewäffel von Maurer auf die SVP ausweiten:

«Um glaubwürdig zu bleiben, müsste die SVP – die längst zur Classe politique gehört – sich mit der Kritik auseinandersetzen, dass sie in den Jahren der CS-Krise mit zahlreichen Vorstössen die Finma zu schwächen versuchte – und dass sie mit Ueli Maurer einen überforderten Bundesrat stellte, der sich nun aus der Verantwortung stehlen will.»

Das ist mal wieder ein Stück Zeigefingerjournalismus vom Unfeinsten. Tobler befiehlt der SVP («müsste»), was sie zu tun habe, um angeblich glaubwürdig zu bleiben. Tut sie das nicht, ist sie also nach seiner Logik unglaubwürdig. Und Maurer sei überfordert gewesen und wolle sich aus der Verantwortung stehlen.

Schau an, wer da spricht. Hat sich Tobler jemals gegenüber einer seiner vielen Fehlleistungen der Verantwortung gestellt? Hat man jemals ein selbstkritisches Wort von ihm gehört, nachdem er die Absage der Rammstein-Konzerte in der Schweiz forderte («es gilt die Unschuldsvermutung») und dann sämtliche gegen den Sänger der Band erhobenen Vorwürfe in sich zusammenfielen?

Wieso schreibt er nicht: Um glaubwürdig zu bleiben, müsste Tamedia sich mit der Kritik auseinandersetzen, dass sie mit zahlreichen Verstössen den Journalismus zu schwächen versucht – und mit Tobler einen überforderten Ressortleiter stellt, der sich immer aus der Verantwortung stehlen will.

Das wäre wenigstens lesenswert. Aber eher friert die Hölle ein, als dass wir das lesen können.

Wumms: Verena Mayer

Gehns weida. Die SZ-Korrespondentin dreht auf – und durch.

Hilfä, kommen neue alte Zeiten einer Machtergreifung?

Eines ist für die SZ-Korrespondentin «für Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Moldau und Slowenien» schon im Titel klar: Kickl und seine FPÖ gehören nicht zu den «demokratischen Kräften». Denn die haben versagt. Also eigentlich hat der österreichische Stimmbürger versagt, aber das traut sich Mayer nicht so unverblümt zu schreiben.

Sie schreibt auch nicht, dass die «demokratischen Kräfte» an der Regierung halt Murks gemacht haben und dafür vom Wähler abgestraft wurden. Denn ähnlich wie bei der AfD in Deutschland glänzt die FPÖ nicht gerade mit vielversprechenden Konzepten für eine strahlende Zukunft Österreichs.

Apropos: haben diese Korrespondenten eigentlich überhaupt mal das Parteiprogramm der FPÖ gelesen oder ihren Lesern vermittelt? Es ist ohne grossen Rechercheaufwand auffindbar. Es strotzt vor nicht allgemeingefährlichen Allgemeinplätzen:

«Wir wollen die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Österreich mit seinem starken industriellen Kern verbessern.»

Das unterscheidet es im Übrigen nicht von dem Wahlprogramm der ÖVP:

«Wir bekennen uns zu einer Marktwirtschaft mit sozialer Verantwortung, fördern die
Leistungsorientierung und ermöglichen Wachstum für kleine und mittlere Unternehmen.»

Oder der SPÖ:

«Innovative Ein-Personen-Unternehmen (EPU), Klein- und Mittelunternehmen (KMU) und Start-ups sind das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Für sie muss die unternehmerische Tätigkeit einfacher werden.»

Das übliche Politikgelaber halt. Oh, hoppla, sehe gerade, da habe ich doch das Zitat der ÖVP und der FPÖ verwechselt. Ts, ts, aber das ist sicherlich jedem Leser aufgefallen, denn bei der ÖVP handelt es sich schliesslich um eine demokratische Kraft, während die FPÖ «in Teilen rechtsextrem» ist. Was Sebastian Kurz wiederum nicht war, denn der ist in der ÖVP. Oder doch in der FPÖ? Bei diesem typisch Wiener Kaiserschmarrn kommt doch keiner mehr draus.

Ausser Mayer. Die weiss alles: «Die Situation in Österreich steht exemplarisch für die Schwierigkeit vieler Parteien der Mitte, sich über die Lager hinweg auf ein Bündnis zu einigen.» Die «vielen Parteien» schrumpfen dann auf ÖVP, SPÖ, SPD, Grüne und FDP zusammen, aber macht ja nix.

Dafür erklärt sie noch schnell die Gesetzmäßigkeiten der Politik: «Die Geschichte hat oft gezeigt, dass politische Entwicklungen kein Wetterphänomen sind, das man einfach hinnehmen muss. Es ist daher auch kein Naturgesetz, dass sich die ÖVP nun doch bereit erklärt hat, mit jener FPÖ Koalitionsgespräche zu führen, die man bis vor kurzem noch als Gefahr für die Demokratie bezeichnet hat.»

Wie wahr; viel zu oft hat der Staatsbürger politische Entwicklungen wie Wetterphänomene hingenommen und an Naturgesetze in der Politik geglaubt.

Am Schluss ihres Kommentars, mit dem Tamedia mal wieder seine Leser belästigt, leidet Mayer unter dem Schicksal so vieler Kommentatoren, Rechthaber und Kennern der Sachlage: niemand hört auf sie. Denn: «Es hätte Möglichkeiten zu politischen Kompromissen gegeben, die Option, mit der SPÖ eine hauchdünne Mehrheit zu bilden und sich anlassbezogene Mehrheiten im Parlament zu organisieren.»

Aber eben; weil niemand auf Mayer hört, wurden all diese Möglichkeiten versemmelt. Typisch Österreich halt.

Quengel, quengel

Raphaela Birrer hat mal wieder einen rausgehauen.

Selten meldet sie sich zu Wort. Aber wenn, dann gibt es rote Köpfe.

Zunächst ist zu bewundern, dass die Länge des Kommentars durchaus variabel sein kann. Hier im Tagi sind es haargenau 2658 A. Der «Bund» kommt mit 1751 A aus, noch rund 65 Prozent der ursprünglichen Textmenge. Da kommt es Birrer wohl nicht so aufs Wort an. Der Text ist mehr so eine Knetmasse. Passt nicht alles ins Förmchen, kann problemlos weggelassen werden.

Aber abgesehen von der flexiblen Form, was ist denn der Inhalt? Birrer begrüsst, dass «unliebsame Volksentscheide nicht via Justiz rückgängig gemacht werden können». Grüne und SP-Frauen waren ans Bundesgericht gelangt, um die Abstimmung über die Erhöhung des Frauenrentenalters wiederholen zu lassen. Das «war quenglerisch», urteilt Birrer mit leicht frauenfeindlichem Oberton. Fehlt nur noch, dass sie ihnen Hysterie vorwirft.

Die quengelnden Frauen hatten bemängelt, dass die sauknappe Abstimmung (50,6 Prozent dafür) auf fehlerhaften Berechnungen der Entwicklung der AHV beruht hatte, was durchaus seine Berechtigung hat. Dagegen wendet Birrer weibliche Logik an: «Dass der Bund sich verrechnete, ändert nichts daran, dass die AHV ohne diese Reform noch stärker in die roten Zahlen gerutscht wäre.» Das mag richtig sein, ist aber kein Gegenargument.

Apropos weibliche Logik, sich in einem Absatz diametral widersprechen, das schafft auch nicht jede(r)*:

«Mit seinem Urteil trägt das Bundesgericht nun zu einer verlässlichen Demokratie bei, in der missliebige Volksentscheide nicht via Justiz bekämpft werden

Einerseits. Andererseits: «Zwar hat das Gericht 2019 eine Abstimmung kassiert – jene zur Heiratsstrafe-Initiative. Der damalige Entscheid war aber richtig, weil die ausgewiesene Zahl der betroffenen Ehepaare viel zu tief und für den negativen Abstimmungsausgang wohl massgeblich war

Als alter weisser Mann muss man aufpassen, dennoch wagen wir zu widersprechen: Heiratsstrafe – gravierend falsche Zahlen. AHV – gravierend falsche Zahlen. Man suche den Unterschied.

Aber mit solchem Pipifax hält sich Birrer nicht auf, sie verlässt das kleine Feld der Widersprüchlichkeiten und erweitert den Blick: «Zu oft stimmen offizielle Zahlen des Bundes nicht, die dem Stimmvolk als Entscheidgrundlage dienen sollen. Bei der Unternehmenssteuerreform II wurden die Steuerausfälle im Vorfeld massiv unterschätzt. Und bei der Abstimmung zur Personenfreizügigkeit ging der Bundesrat von jährlich nur 10’000 EU-Einwanderern aus – ein Bruchteil der effektiven Zahlen.»

Ohä, das scheint also doch ein gravierendes Problem zu sein; was tun? Nun ist aber auch der grösste Platz für einen Kommentar mal zu Ende (ausser, Pietro Supino greift in die Tasten). Also mit quietschenden Reifen bremsen: «Glaubwürdigkeit ist das kostbarste Gut der direkten Demokratie. Der Bund muss sie sorgfältiger schützen.»

Also, mach was draus, lieber Bund, der Ratschlag ist doch glasklar; schütze gefälligst sorgfältiger. Oder sagen wir mal so: Stringenz und Widerspruchsfreiheit ist das kostbarste Gut eines Kommentars einer Oberchefredaktorin. Wenn sie gleichzeitig zu erkennen gibt, dass es ihr völlig wurst ist, ob ihr Kommentar um ein Drittel zusammengeholzt wird, erhöht das die Glaubwürdigkeit auch nicht wirklich.

Birrer gibt’s noch

Wir machten uns schon Sorgen. Jetzt haben wir einen Grund dazu.

Seit der Ankündigung, dass zwecks Qualitätssteigerung bei Tamedia massenhaft Journalisten rausgeschmissen werden, hat sich die Oberchefredaktorin Raphaela Birrer haargenau zweimal zu Wort gemeldet. Einmal im Podcast «Politbüro», wo es um den «Durchmarsch der SVP» ging, was in gebotener Objektivität vom Dummschwätzer PhilippTrump ist ein Faschist») Loser, Jacqueline Büchi und Fabian Renz bestritten wurde.

Und einmal, um Redaktion wie Lesern zu erklären, wie mehr Qualität mit weniger Journalisten gehen soll. Nein, Scherz, hat sie nicht. Aber sie hat offensichtlich die Frage von ZACKBUM vernommen, wieso sich die Chefredaktorin des grössten Kopfblattsalats der Schweiz nicht zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen äussert. Tut uns ja Leid, denn jetzt haben wir den Salat:

Offensichtlich hat sich Birrer an ihre Zeit als Primarschullehrerin erinnert und erteilt uns allen eine Lektion, lässt uns gemeinsam, unter ihrer Anleitung, etwas lernen.

Allerdings macht sie uns das so schwer wie möglich. Denn schon die ersten zwei Sätze rufen uns zu: lass es, lies nicht weiter:

«Nichts ist nicht gesagt. Die politischen Kommentatoren haben den amerikanischen Wahlkampf in Einzelteile zerlegt.»

«Nichts ist nicht gesagt», das ist eine tiefschürfende Erkenntnis, so auf der Höhe von «ich weiss, dass ich nichts weiss». Darauf will sie auch wohl indirekt anspielen, denn sie fährt fort: «Denn trotz der geballten analytischen Kraft bleibt letztlich Ratlosigkeit angesichts des deutlichen Triumphs.»

Aber dieser Ratlosigkeit macht Birrer ein Ende; sie weiss weiter: «Trumps Sieg ist ein Sieg der Emotionen, der Befindlichkeiten und der politischen Gruppendynamiken.» Wow. Diese tiefe Erkenntnis wirft sie einfach so locker vom Hocker hin, nun muss sie aber etwas ausholen, um das zu verorten: «Bereits Anfang dieses Jahrhunderts sprach die Wissenschaft von der Amerikanisierung hiesiger Politik, also von der Stilisierung der Wahlkämpfe zu sportlichen Wettkämpfen («horse races»). Vom unbedingten Fokus auf die Person (statt auf die Themen).»

Was die Wissenschaft so alles plappert, wenn das Jahrhundert noch jung und eigentlich ein Jahrtausend ist. Vom bedingten Fokus zum unbedingten. Nun bricht aber ihr pädagogischer Muskel durch (schiefe Bilder können wir auch), und sie nimmt uns mit auf eine erkenntnistheoretische Reise: «Was also lernen wir aus Trumps Erfolg?» So fragt der Lehrer die Klasse, so fragt der Arzt den Patienten; wie geht es uns denn heute?

Birrer kommt dabei zu einer bahnbrechenden Erkenntnis, die an Originalität schwer zu überbieten ist: «Trump amerikanisiert sozusagen die Amerikanisierung, er setzt neue Massstäbe.» Das ist ein Satz von gedankenschwerer Tiefe, so etwa wie: Birrer kommentiert sozusagen die Kommentierung, sie setzt neue Massstäbe. Im Nonsens-Kommentieren.

Aber wie amerikanisiert der Amerikaner die Amerikanisierung? «Die Diffamierung der Gegner, die gezielten Lügen oder die Verunglimpfung der Medien: Solche Strategien werden andernorts Folgen haben, weil sie sich als erfolgreich erwiesen haben. Trumps Methoden werden – im länderspezifischen Kontext – adaptiert werden. In der konsensorientierten Schweiz wird sich nicht deren radikale Ausprägung durchsetzen.»

Da sind wir aber froh, dass die Amerikanisierung der Schweiz doch nicht radikal erfolgt. Aber, so warnt die Warnerin, auch in Europa ist nicht alles zum Besten bestellt: «Wir hier, die anderen da: Das Freund-Feind-Schema durchdringt die Politik heute auch in Europa – zunehmend unversöhnlicher.» Da sehnen wir uns in die guten, alten Zeiten zurück, wo die Politik noch ein Ponyhof war und ein zu fest geworfener Wattebausch bereits für Aufsehen sorgte.

Hier enteilt allerdings die Lehrerin der gebannt lauschenden Klasse und verliert sich etwas im Whataboutism: «Daraus zieht aktuell eine Sahra Wagenknecht in Deutschland ihre Kraft. Daraus speiste sich auch der Wahlerfolg der Schweizer Grünen im Jahr 2019.»

Aber genug von Trump erzählt, wieso in die Ferne schweifen, das Böse liegt so nah: «Die SVP ist Trumps Musterschülerin der Emotionalisierung.» Was blüht uns denn dann in der Schweiz? Trumps «popkulturell anmutender Nationalismus (die roten Kappen, das schrille Merchandising) wird sich knallhart in aussenpolitischem Isolationismus und wirtschaftspolitischem Protektionismus niederschlagen.» Hä? Man ist hier versucht, den Arm zu heben, mit den Fingern zu schnalzen und zu rufen: Frau Lehrerin, ich habe eine Frage. Was wollen Sie uns eigentlich sagen?

Gut, das würde mit einem strengen Blick und einer Strafaufgabe beantwortet, aber ZACKBUM hat ja bereits Schreibverbot bei Tamedia, also kann uns nichts mehr passieren. Daher dürfen wir offen gestehen, dass es nun etwas wirr wird bei Birrer: «Zieht sich der Weltpolizist zurück, wird das die Diskussion in unserem Land in entscheidenden Fragen beeinflussen.»

In diese Verwirrungen und Irrungen hinein setzt Birrer zum Aufschwung in den Schluss an. Wie schrieb man früher im Schulaufsatz und im Tagebuch? Ich muss hier leider schliessen. Birrers Version:

«Es gibt also viele Gründe, über Trumps Wahlsieg beunruhigt zu sein. Aber es gibt auch Anlass zur Zuversicht: Die Schweiz ist kulturell nicht die USA.»

Die Schweiz ist eigentlich überhaupt nicht die USA, so wenig, wie die USA die Schweiz sind. Während die Leser mit offenen Mündern dastehen, setzt Birrer noch eine Ratschlag an die Schweizer Parteien oben drauf: «Wenn sie unserer Gesprächskultur Sorge tragen, wird die trumpsche Manier nicht Einzug halten.» Das ist begleitet von einem strengen Lehrerblick für die Lümmel in der letzten Bank, für die Schmuddelkinder der SVP.

Das mag ja so sein. Wenn die Chefredaktorin allerdings ein paar Grundregeln von Logik, Sinnhaftigkeit und strukturiertem Denken Sorge tragen würde, dann hätte sie diesen Verhau, diesen unaufgeräumten Haufen von Gedankensplittern, diese Peinlichkeit weder geschrieben, noch publiziert. Sondern der Schreibkultur Sorge getragen und geschwiegen.

So aber gibt es wirklich Anlass zur Besorgnis. Denn das ist die Oberchefin eines Mediums, das täglich mehr als eine Million Leser beschallt. Und verwirrt. Und beunruhigt. Mehr, als es Trump je könnte.

Kornelius rettet die Welt

Wenn man ihn nur lassen würde …

«Stefan Kornelius leitet seit 2021 das Politik-Ressort der «Süddeutschen Zeitung» und schreibt in dieser Rolle auch für die Titel der Tamedia.»

Schreibt in dieser Rolle? Hat denn der Qualitätskonzern Tamedia keinen einzigen Redaktor, der diese Rolle spielen könnte? Dafür würde sich doch jeder Volontär eignen; irrwitziger als Kornelius würde der auch nicht schreiben.

Kornelius ist zunächst einer der bestvernetzten deutschen Journalisten. Mitglied der PR-Truppe «Atlantik-Brücke», im Beirat der «Bundesakademie für Sicherheitspolitik», der «Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik», usw. Wenn er schreibt, weiss man nie, wer ihm gerade die Feder führt.

ZACKBUM hat ihn schon als «Trumps allerschärfste Waffe» bezeichnet, denn wer solche Feinde hat, braucht eigentlich gar keine Unterstützer. Als «Verbal-Amok» quält er regelmässig die zahlenden Tamedia-Leser.

Zu seinen Lieblingsvokabeln gehören Aufforderungsverben. «Sollten, müssen, haben zu». Unablässig gibt er Anweisungen und Befehle. Unbeeindruckt davon, dass sie niemals ausgeführt oder umgesetzt werden. Wahrscheinlich verzweifelt er manchmal in seiner Schreibstube daran, dass die Welt so viel besser sein könnte, würde man nur auf ihn hören.

Aber das schreckt ihn nicht davon ab, einen aus wahltaktischen Gründen rausgehauenen Satz von Donald Trump für eine strenge Zurechtweisung aller zu missbrauchen. Von Beginn an lässt er keinen Zweifel daran, was er vom Präsidentschaftskandidaten hält, den das Weisse Haus als «unhinged» bezeichnet: «Das Übersetzungsspektrum reicht von «aus den Angeln gehoben» bis «irre» und beschreibt damit alles, was über den Mann zu sagen ist. Donald Trump ist von der Leine.» Ach, war er vorher angeleint?

«Wenn Trump bereits jetzt als Kandidat diesen Schaden anzurichten in der Lage ist – was erst wird er als Präsident tun?» Ja furchtbar, aber welchen Schaden hat der Mann denn angerichtet, ausser, den Blutdruck von Kornelius in ungesunde Höhen zu treiben? Na, nimm das, du Irrer:

«Trumps Bemerkung zum Nato-Bündnis, frivol leichtfertig dahingequatscht während einer Wahlveranstaltung auf dem Land in South Carolina, zeugt vom Irrsinn, der ihn umwölkt.»

Glücklicherweise für die Welt, also für die kleine Welt der Zwangsleser, entlarvt Kornelius Trump in seinem ganzen Wahnsinn: «Als wäre dies alles nicht dramatisch genug, geht Trump einen Schritt weiter und lädt Russland ein, «zu tun, was zum Teufel es tun will», sollten die Bündnisstaaten ihre Schulden an Amerika nicht begleichen.»

Zittere, Europa, denn was sind die Folgen? «Neun Monate reichen nicht aus, um die Nato, Europa und überhaupt die globale Sicherheitsarchitektur Trump-fest zu machen. Die europäischen Nato-Staaten sind dennoch gezwungen, mit dem plötzlichen Zusammenbruch ihrer Sicherheitsordnung zu rechnen. Wer sich heute nicht auf diese Gefahr vorbereitet, begeht ein historisches Versäumnis.»

Da sind aber die Regierungen in London, Paris, Madrid, Rom und Berlin froh, dass sie Kornelius vor einem historischen Versäumnis bewahrt. Nur, was sollen sie denn eigentlich tun? Da wird Kornelius erschreckend wolkig und schwammig: «Auch die tatsächliche Stärke Russlands und die strategischen Ambitionen Wladimir Putins zwingen zu einer nüchternen Bewertung der eigenen Sicherheit – und zu radikalen Entscheidungen.»

Nun gut, sagen die Regierungschefs Europas, aber Himmels willen, welche Entscheidungen sollen wir denn treffen? Da wird das Orakel, der grosse Ratgeber, der Mann mit Durchblick und Weitsicht, noch dunkler und unverständlicher:

«Der Mann, der am liebsten in den Spiegel schaut und sich selbst bewundert, hält allen anderen ebenfalls einen Spiegel vor. Es wird höchste Zeit, die Selbstbetrachtung zu beenden und zu handeln.»

Öhm, also Trump schaut am liebsten sich bewundernd in den Spiegel, hält ihn aber allen anderen vor. Wie geht das? Ein Wunderwerk der Spiegeltechnik, irgendwie. Aber wer betrachtet sich da eigentlich auch noch selbst, die europäischen Regierungschefs? Im Spiegel, den ihnen Trump vorhält, während er sich selbst, aber das wird nun wirklich kompliziert.

Aber stattdessen soll nun – höchste Eisenbahn – gehandelt werden. Aber was denn, wie denn, wo denn, womit denn? Kein Wunder, dass sich Kornelius sicherlich als männliche Kassandra empfindet; keiner glaubt seinen Weissagungen. Aber daran ist er selber schuld. Denn der Ratschlag «tu was» ist von solch abstrakter Inhaltsleere, dass ihn weder der Leser noch der Machthaber versteht.

Welch ein tragisches Schicksal: keiner versteht Kornelius. Schlimmer aber ist: der Tamedia-Leser zahlt noch dafür, dass er unter diesem Mumpitz leiden muss. Wie sagte da Bill Clinton so heuchlerisch wie richtig: «I can feel your pain». Aber es gäbe Abhilfe – wenn noch mehr Abonnenten handeln würden.