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Zahlenzauber in der WeWo

Aus 32 Toten werden Tausende Kubaner. Rechnen mit Alex Baur.

Haue eine These raus und renne ihr hinterher. Nicht die beste Spielart von Journalismus, die «Weltwoche»-Mitarbeiter Alex Baur betreibt. Seine These: «Maduros Repressions- und Sicherheitsapparat wurde schon vor der US-Intervention vom Ausland aus kontrolliert».

Zunächst zur Richtigstellung des Vokabulars: diese «Intervention» war der Beginn eines Raubüberfalls, ein klarer Bruch des Völkerrechts und soll den Zugriff auf die grössten Ölreserven der Welt sichern.

Welche Beweise führt Baur für seine steile These an? Venezuela beliefere Kuba «praktisch gratis» mit Öl, was die Kubaner (also doch nicht gratis) mit der Entsendung von «zehntausenden von Ärzten, Sanitätern und «Beratern» nach Venezuela» bezahlten. «In Tat und Wahrheit handelt es sich dabei oft um Agenten und Milizionäre, die zahlreiche Schlüsselstellen in der Verwaltung besetzen und die nach den Methoden und der Doktrin des sowjetischen KGB ausgebildet wurden

Blöd nur: das fast bankrotte Venezuela schickte immer weniger Öl nach Kuba; inzwischen ist Mexiko eingesprungen. Blöd nur: im Rahmen der venezolanisch-kubanischen Sozialprogramme wie Misión Barrio Adentro und andere Kooperationen waren zeitweise tatsächlich Zehntausende kubanische Ärzte und Gesundheitspersonal in Venezuela tätig.

Was durchaus segensreich war, aber was nicht in Baurs Gesinnungsblase passt, wird ausgeblendet.

Und die «Agenten, Milizionäre, ausgebildet nach der Doktrin des KGB»? Abgesehen davon, dass der KGB schon längst verblichen ist und nur noch in alten Bond-Filmen sein Unwesen treibt: Beweise, Belege, dass Kuba CIA-Methoden verwendet?

Via zeitlich begrenzte Missionen fantasiert Baur von insgesamt «Zehntausenden» Kubanern, unter ihnen Agenten und Milizionäre, die natürlich «Schlüsselstellen» besetzen. Quellen? US-Geheimdienste. Es darf gelacht werden.

Wahrscheinlich ging es deswegen mit Venezuela wirtschaftlich den Bach runter. Aber im Ernst: auch seine Behauptung, dass kubanische Sicherheitsleute um Maduro genauso wenig wie US-Truppen etwas in Venezuela zu suchen hätten, bringt wenigstens Spass und Belustigung in diese trüben Zeiten.

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Leider weigerte sich die WeWo («unabhängig, kritisch, gut gelaunt»), diese Kritik am Alles-besser-Wisser Baur zu publizieren. Zeugt nicht von guter Laune oder grosser Souveränität.

Es darf geklittert werden

Ulrich M. Schmid will Slawist, Literaturkritiker und Hochschullehrer sein. Eine Schande.

Über das Niveau der HSG gibt es bereits genügend Darstellungen. Stammen sie nicht von der HSG selbst, sind sie alles andere als schmeichelhaft.

Dafür sorgt auch Ulrich M. Schmid mit seinen regelmässigen Beiträgen in der NZZ. Er perseveriert über die Zukunft des «Vielvölkerstaats Russland nach einer Niederlage in der Ukraine». Er vergreift sich auf tiefstem Niveau an «Lenin, der Untote». Er spielt den kältesten aller kalten Krieger, obwohl diese Zeit längst vergangen sein sollte, selbst in der NZZ.

Nun rezykliert er die Aufzeichnungen von Bogdan Staschinski. Ein KGB-Agent, der den «ukrainischen Nationalisten Stefan Bandera» in dessen Münchner Exil liquidierte. Den «ukrainischen Freiheitskämpfer und Exilpolitiker Bandera».

Dieser «autobiographische Bericht» wurde verfasst, nachdem Staschinski aus der DDR geflohen war, sich gegenüber dem westdeutschen Geheimdienst geoutet hatte und für seine Informationen eine milde Gefängnisstrafe erhielt, aus der er vorzeitig nach vier Jahren entlassen wurde. Seither ist er abgetaucht.

Immerhin bemerkt Schmid, es sei «allerdings bei der Lektüre von Staschinskis Bericht höchste Vorsicht geboten. Es ging dem Überläufer ja darum, für sich selbst ein möglichst günstiges Urteil zu erwirken». Das im Kleingedruckten, im Lead behauptet der Slawist Schmid munter, das Machwerk gebe «Aufschluss über die zeitlosen Methoden des KGB».

Von Quellenkritik hat der Wissenschaftler offenbar nicht viel gehört; eine aus so offensichtlichen Motiven verfasste Selbstentlastung soll die «zeitlosen Methoden des KGB» darstellen. Und morgen erzählen wir ein anderes Märchen.

Immerhin erwähnt Schmid in seiner begeisterten Nacherzählung dieser Schrift: «Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 kollaborierten die ukrainischen Nationalisten mit der Nazi-Besatzungsmacht. Staschinski erinnert sich daran, wie er als Knabe die Gründung der ukrainischen SS-Division «Galizien» in Lwiw miterlebte. Ebenfalls wurde er Zeuge des Holocaust, bei dem «ständig betrunkene» ukrainische Hilfspolizisten «besonders wüteten».

Das Fazit Schmids: «Man wird nie abschliessend entscheiden können, wo in Staschinskis Bericht die Wahrheit endet und wo die Dichtung beginnt. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass sich der zweifache Mörder in einem besonders vorteilhaften Licht präsentieren wollte.» Besser wäre wohl die literaturkritische Bemerkung: da sich nichts an diesem Bericht überprüfen lässt, die Absicht überdeutlich ist, endet die Wahrheit vor dem ersten Buchstaben.

Aber Schmids Absicht ist eine ganz andere:

«Gleichzeitig zeigen einzelne Episoden deutlich, wie das KGB-Milieu funktioniert, in dem auch Wladimir Putin seine frühe Karriere absolviert hat. Das Grundprinzip lautet: Nichts ist, wie es scheint, und selbst der Schein ist sorgfältig konstruiert.»

Heissa, welch ein Bogen von einem Lügenmärchen eines Überläufers zu Putin. Aber das ist nicht mal das Schlimmste an dieser Eigenrufschädigung eines Slawisten.

Er bezeichnet Bandera als «Nationalisten, ukrainischen Freiheitskämpfer und Exilpolitiker». In Wirklichkeit war Bandera ein Mörder, ein übler Kollaborateur mit den Nazibesatzern während des Zweiten Weltkriegs. Seine politische Bewegung war massgeblich an Pogromen gegen Juden beteiligt, unter ihm als überzeugter Faschist.

Eines seiner Ziele war die «Säuberung» der Ukraine von Juden, Polen und Russen. Dafür wurde er in Abwesenheit in der Sowjetunion zum Tode verurteilt und floh 1946 nach München.

Im Westen der Ukraine wird der Verbrecher bis heute als Nationalheld gefeiert, mit Denkmälern und Briefmarken, so zu seinem 100. Geburtstag 2009 (siehe Titel).

Wie soll es mit der Tätigkeit eines Hochschuldozenten vereinbar sein, ein solch unwissenschaftliches, parteiliches, einäugiges, historische Fakten übersehendes Machwerk abzuliefern? Wie kann das die NZZ – welch ein Versagen der Qualitätskontrolle – publizieren?

Ein Überläufer will sich selbst im besten Licht darstellen, um ein möglichst mildes Urteil eines deutschen Nazirichters zu erwirken. Als KGB-Agent hatte er den Faschisten Bandera in seinem deutschen Exil getötet.

Darauf macht Schmid einen «Bericht», der angeblich «Aufschluss über die zeitlosen Methoden des KGB» gebe, in deren Tradition auch Putin erzogen wurde. Und aus dem zum Tode verurteilten Verbrecher Bandera macht Schmid einen «ukrainischen Freiheitskämpfer».

Wenn man ein Beispiel für das Wort Geschichtsklitterung bräuchte, hier ist es. Besser als der Duden kann man dieses Stück von Schmid nicht beschreiben: «aus einer bestimmten Absicht heraus verfälschende Darstellung oder Deutung geschichtlicher Ereignisse oder Zusammenhänge». Et voilà.