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Durch den Bauchnabel

Die Berichterstattung über Crans-Montana ist am Ende.

Das merkt man daran, dass Alexandra Kedves über das schreibt, was die Journalisten am besten kennen und was ihnen am wichtigsten ist: der eigene Bauchnabel.

Oben auf der Meinungsseite von Tamedia verbreitert sich Nina Fargahi darüber, dass die Schweiz angeblich «zu ihren Werten zurückfinden» müsse. Denn es sei «höchste Zeit, die diplomatischen Bemühungen aufzugeben – und sich hinter die Protestierenden im Iran zu stellen».

Ach, da sind die Werte abgeblieben.

Wie stellt sich die Dame das vor? Wird sie Mitglied einer werteschweren Schweizer Delegation, die sich bei den Protestierenden einreiht? Schliesslich müsse, was den sonst, «ein klares Zeichen gesetzt» werden. Immer, wenn dieser Ausdruck vorkommt, weiss man, dass Schreibtäter mutig tun, während sie feige sind und sich selbst nicht meinen.

Darunter tut Kedves alles, um das Niveau weiter zu senken. Nicht ganz einfach, aber sie schafft es: «Was kostet denn jetzt so ein Feuerlöscher

Sie ist die Spezialistin fürs Banale und Triviale, so den Grad der Nacktheit der Frau von Kanye West. Aber wer meint, damit habe sie die Untiefen der Seichtgebiete ausgelotet, irrt. Denn Crans-Montana, da ist beim besten Willen nichts mehr herauszusaugen. Das Leid der Verletzten, der Angehörigen, die Behörden, das Wallis, das Leid der Helfer, das Image der Schweiz, der Brandschutz, die Gerüche.

Unter Einsatz des Wortes «unfassbar» bis zum Brechreiz ist alles gesagt und geschrieben. Ausser von Kedves natürlich. Die beginnt mit einer Binsenweisheit, die in ihrer klebrigen Second-hand-Betroffenheit unübertroffen ist: «Die Tragödie von Crans-Montana hat alle erschüttert.» Das musste endlich mal gesagt sein.

Das ist der erste und einzige Satz, der über den eigenen Lebenskreis hinausgeht. Denn schon kommt ihr jüngster Sohn zu Wort, der gefragt haben soll: «Wieso haben wir eigentlich keine Rauchmelder

Huch, das erinnert Kedves daran, dass mal vor Jahren über die Anschaffung eines Feuerlöschers nachgedacht wurde, doch «irgendwie geriet das Projekt wieder in Vergessenheit». Nicht ganz, jetzt wird es mit allen gequälten Tamedia-Lesern geteilt.

Sie kann auch noch Unappetitliches aus dem Familienleben berichten: das berüchtigte Schuhregal vor der Wohnungstüre, der Gipfel der Geschmacklosigkeit.

Nicht nur das: «Wie gefährlich ist es wohl wirklich im unwahrscheinlichen Brandfall? Fangen die Filzpantoffeln blitzschnell Feuer und wirken als Brandbeschleuniger? Stolpert man in der Hektik allenfalls tatsächlich über das kleine Ding? Das Treppenhaus ist der Fluchtweg und gilt für Feuerwehr, Sanität und Polizei auch als Rettungsweg

Aber der Platz ist, Gutenberg sei Dank, beschränkt, sie muss zum Ende mit der Bauchnabelschau kommen: «Die Sorglosigkeit, die man in beschwingteren Momenten als antibünzliges Bohèmetum zelebriert hat, bekommt den Anstrich von, let’s face it, unverantwortlicher Bequemlichkeit.»

Let’s face it: die Verwendung von englischen Wendungen in einem deutschen (na ja) Text, das geht gar nicht. So wenig wie die Verwendung des Pleonasmus «antibünzliges Bohèmetum». Das sich in einem Schuhregal von zweifelhaftem Anblick und unangenehmer Ausdünstung äusserte?

Zudem verhindert die Fixierung auf sich selbst das Vermeiden einer journalistischen Todsünde. Was kostet denn nun so ein Feuerlöscher? Da kann ZACKBUM helfen. Auf einschlägigen Plattformen gibt es handliche Modelle ab 19.30. Für Fortgeschrittene mit Schuhregal vor der Türe empfiehlt sich das Modell Gloria, ein Kohlendioxidfeuerlöscher für Fr. 345.-.

Wir sind gespannt auf den Selbstversuch. Der Familienvater ruft übungshalber «Fürio», das Schuhregal fliegt aus dem Fenster, die Kinder werden in Löschdecken gehüllt, die Gebrauchsanweisung fieberhaft gesucht.

Dagegen, die Leser in Wallungen zu bringen, dagegen hilft aber bei Tamedia weder ein Feuerlöscher, noch ein Tagesleiter, noch die Chefredaktion und Qualitätspapst Simon Bärtschi erst recht nicht.

Kedves ganz nackt

Reingefallen, sie schreibt über nackte Wahrheiten.

Alexandra Kedves meldet sich selten zu Wort. Aber wenn, dann zu bedeutenden Themen. Wir müssen hier das Objekt ihrer, nun ja, Aufmerksamkeit, züchtig beschneiden.

«Fast nackt bei den Grammys: Warum tut Kanye Wests Frau das?» Da möchte man als strammer Feminist einwenden: hat die keinen eigenen Namen? Wird sie so nicht von der Autorin zum Anhängsel schon im Titel degradiert? Herrscht hier nackter Sexismus?

Bei diesem Rätsel möchte Kedves auf jeden Fall nicht gerne allein sein: «Das fragt sich die ganze Welt.» Ganz ehrlich, ZACKBUM gehört offenbar nicht zu dieser Welt. Aber während die sich noch fragt, hat sie bereits eine Antwort: «Eines steht fest: Glücklich wirkt Bianca Censori dabei nicht

Woran merkt man das? Wie wirkt eine Frau glücklich, wenn sie in einem Hauch von Nichts, dazu freizügig ausgeschnitten, kurz bei den Grammy Awards auftaucht? Auf jeden Fall hat sich Kedves in alle anzüglichen Details vertieft: man bekäme «alles gezeigt: die fülligen Brüste mit den grossen Vorhöfen ebenso wie die totalrasierte Scham. Die Bildagentur warnte denn auch: «image contains nudity».»

Aber wenn es um die Beantwortung der letzten Fragen der Menschheit geht, lässt sich eine mutige Redaktorin davon nicht abschrecken. Denn sie ist sich das gewohnt: «In der Sommerbadi beispielsweise kann man dreiviertelblutter Körper in allen Farben und Formen ansichtig werden, das ist kein Ding. Und doch.»

Und doch? «Ist das extreme Freiheit oder extreme Gefangenschaft – ist Censori versklavt von Schönheitsidealen, dem männlichen Blick? Der «New Yorker» widmete Censoris Nacktheit im letzten Sommer einen ganzen Essay, ohne das Rätsel zu lösen.» Um hier die Pointe vorwegzunehmen: woran der New Yorker scheiterte, da versagt auch Kedves.

Sie hat leider auch keine Antworten, nur Fragen: «Braucht Ye so einen Auftritt seiner Gemahlin wie andere den baumelnden Porsche-Schlüssel in der Hand? Oder braucht sie das, um sich an ihrem perfekten Body zu berauschen? Sind das überhaupt die richtigen Fragen

Vor allem die letzte ist sehr tiefsinnig. Wenn’s die falschen sind, wieso stellt sie die denn? Und sind es die richtigen, wieso zweifelt sie dann?

Auf jeden Fall gibt es natürlich jede Menge vergleichbare Fälle. Die kurz hervorblitzende Brust von Janet Jackson, was nun allerdings ein an der Brustwarze herbeigezogener Vergleich ist. Eine Lehrerin, die wegen einer nackten Statue im Kunstunterricht zum Rücktritt gezwungen wurde. Es handelte sich aber um den echt nackten David von Michelangelo. «Nackte Körper können ja auch als lebendige Kunstwerke zelebriert werden oder als Ausdruck von Emanzipation. Blosse Brüste zum Beispiel haben als Protestrequisite Tradition», weiss Kedves noch und beendet damit den Ausflug ins Archiv.

Aber alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Da muss noch eine Schlusspointe her, sozusagen der Po des Artikels: «Wen weibliche Perfektion triggert, sollte lieber wegschauen. Bei anderen (auch bei mir) stellt sich freilich, bei aller frustrierten Selbstreflexion vor dem Spiegel, am Ende vor allem ein Gefühl ein: Mitleid.»

Hui, da wurde es Kedves aber – wegen des Blicks in den Spiegel? – ganz blümerant. Abgesehen davon, dass man im Fall Censori das mit der weiblichen Perfektion so oder so sehen kann: wieso sollte der wegschauen (oder die oder everybody beyond), den das triggert? Schliesslich könnte man ja nur vom Hinschauen genervt werden. Oder so.

Und was soll hier der Einblick in Kedves Innenleben? «Frustrierte Selbstreflexion», möchte sie tatsächlich auch so aussehen? Und woher kommt dann das Mitleid? Für eine arme, reiche, nackte Frau? Wäre das nicht vorhanden, wenn Censori dazu ein Gesicht wie ein Vamp gemacht hätte?

Aber Kedves weiss auch hinter die Nacktheit zu schauen: «Man spekulierte schon über ihre allenfalls angeschlagene Psyche und die eventuell toxische Beziehung zwischen den beiden.» Oh je, könnte das also in Wirklichkeit der Ausdruck einer Störung sein?

Auf jeden Fall ist es ein weiterer Beitrag vom 5000 A des Tagi zur Reihe Hut und Porträt, oder in nackten Worten: Leserverarsche.