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Baurs selektive Wahrnehmung

Eigentlich weiss Alex Baur, worüber er schreibt. Das macht’s schlimmer.

Er ist ein profunder Kenner Lateinamerikas. Und Rechtsausleger. Und Grossanalyst mit Scheuklappen. Nachdem in Lateinamerika reihenweise linke Regierungen gekippt sind (wobei man bei Brasiliens Lula, Venezuelas Maduro oder Nicaraguas Ortega kaum mehr von Linken sprechen kann), müsste er eigentlich in Jubelstimmung sein.

Allerdings versucht er sich immer wieder in Überflieger-Analysen der ganz grossen Zusammenhänge. Dabei wird er aber sehr selektiv, was die Wahl seiner Argumente und Beschreibungen betrifft. Um seine These zu stützen:

«Natürlich wünschen sich die USA einen regime change in Venezuela. Zweifellos stehen hinter dem US-Aufmarsch auch geostrategische Interessen. Mit Betonung auf auch. Doch wenn diese Interessen existenziell wichtig wären für die USA, hätten sie schon lange eingreifen müssen.»

Denn, zum Beispiel: «Die Russen unterhalten mit dem Regime in Kuba seit 65 Jahren einen strategisch-militärischen Brückenkopf in Amerika.» What a bullshit, würde Trump sagen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR brach dieser Brückenkopf 1990 zusammen. Die Abhörstation Lourdes bei Havanna ist längst umgenutzt, gelegentliche Besuche von russischen Kriegsschiffen und die merkwürdige Schallattacke auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna haben höchstens anekdotischen Wert.

Es gibt keinen militärischen Brückenkopf Russlands auf Kuba.

«Seit der dilettantisch vorbereiteten, von der CIA nur halbpatzig unterstützten und kläglich gescheiterten Invasion in der Schweinebucht (1961) sind US-Militäreinsätze auf dem amerikanischen Kontinent rar geworden. Grenada (1983) und der Sturz des Noriega-Regimes in Panama (1989) waren Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Beide Aktionen verliefen relativ unblutig, nach getaner Arbeit zogen die Amis ab.»

What a bullshit, würde Trump sagen.

Nach dem Schweinebucht-Debakel folgte die Operation Mongoose gegen Kuba. Das Attentat auf den Diktator Trujillo in der Dominikanischen Republik, plus der Einmarsch von 25’000 GIs, militärische Eingriffe in den Bürgerkrieg. Die CIA-Aktionen in Ecuador, die Militärputsche provozierten. Die Destabilisierung der Regierung Allende in Chile, die Unterstützung des blutigen Militärputschs, orchestriert vom Kriegsverbrecher Kissinger. Die Operation Condor. Die Unterstützung der Contras, von Todesschwadronen in Zentralamerika. Das Folter-Ausbildungszentrum für alle Schlächter und den Abschaum Lateinamerikas in der School of the Americas in Panama. Und so weiter und so fort.

Wie unblutig der Überfall auf Panama war, da hilft schon mal die Lektüre von John le Carré «Der Schneider von Panama». Wie viele tausend Tote er forderte, konnte nie festgestellt werden, weil viele Leichen in Massengräbern verscharrt wurden.

Dann räumt Baur etwas ein, um gleich darauf wieder ins Absurde abzuschweben: «Zwar kooperierten sie im Kalten Krieg mit den Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile, die als Reaktion auf den marxistischen Terror entstanden waren. Doch die zu einem grossen Teil von Moskau via Havanna geförderten und kontrollierten Guerillas – anderswo hätte man sie als Terroristen bezeichnet – waren alles andere als demokratisch gesinnt. Was geschieht, wenn man sie gewähren lässt, hatte sich in Kuba gezeigt. Als die kommunistischen Revolutionäre mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden, förderten die USA die Demokratie in Lateinamerika nach Kräften.»

Marxistischer Terror beispielsweise in Paraguay, what a joke, würde Trump sagen. Die USA förderten die Demokratie in Lateinamerika, da würde sich selbst Trump die Lachtränen abwischen.

Der laut Baur «Allianzen schmiedet mit demokratischen rechten Regierungen in Argentinien, Paraguay, Ecuador, El Salvador und neuerdings Bolivien, die sich für amerikanische Werte einsetzen». Demokratische Regierung in Paraguay, um nur dieses Beispiel zu nehmen? I laugh my ass off, würde Trump sagen, wenn er wüsste, wo Paraguay liegt.

Weiter im wilden Ritt: «Gewiss liegt in der DNA der Vereinigten Staaten, die ihre Grenzen ständig erweiterten, eine expansionistische Komponente. Doch diese war durchdrungen von einer aufklärerischen Mission, vom Freiheitsgedanken, der die amerikanische Verfassung prägt.»

Da wird sich Mexiko sicherlich dafür bedanken, dass diese aufklärerische Mission über 50 Prozent des nationalen Territoriums annektiert, geraubt, weggenommen hat.

Dann wird es geostrategisch: «Die USA sind im Wesentlichen eine Seemacht, die nicht auf Landgewinn aus ist, sondern die Weltmeere beherrschen und ihre Handelsrouten schützen will. Die Kontinentalmacht Russland dagegen strebt seit je nach Ausweitung ihrer Grenzen, die sie schlecht schützen kann.»

Das tun die USA mit Invasionen in Afghanistan, im Irak, mit Bombenraids gegen den Iran, mit subversiven Aktionen ohne Zahl. Während Russland der grosse Rest der Sowjetunion ist, die niemals in ihrer Geschichte Westeuropa überfallen hat, aber selbst immer wieder überfallen wurde, von Napoleon bis Hitler.

Russland ist im Vergleich zur UdSSR um ein Viertel geschrumpft. Soviel zur Ausweitung der Grenzen.

Dann kommen wir zum Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.

Wir kommen zum Schluss und dem letzten Schuss in den Ofen: «Trumps Provokationen um Grönland, Panama, Mexiko und Kanada mögen Wellen werfen. Aber fühlt sich irgendjemand in diesen Ländern bedroht von den USA

Wenn man die Bewohner dieser Länder und ihre Regierungen fragen würde: ja, allerdings.

Welche Fehlananlyse. So sad, würde Trump sagen.

Dunkles, raunendes Blatt

Die Besorgnis weicht der Sorge.

«Der Wohlstand des Landes beruht auf Pragmatismus, also dem Lavieren in der Grauzone zwischen Ethik und Erträgen, Anstand und Abgrund. Ein Zwerg wie die Schweiz setzt in der Aussenwirtschaft keine Agenda, sondern nickt wie der Türsteher beim Juwelier opportunistisch seinen Kunden zu. Mit vorauseilendem Gehorsam alle internationalen Regelwerke möglichst perfekt und schnell umzusetzen, stört da nur.»

Hingeknüttelte Alliterationen, dann sei die Schweiz aussenwirtschaftlich ein Zwerg (weltweit sechstgrösster Investor in den USA). Der Scheinzwerg setze keine Agenda (was ist denn das?), er sei vielmehr wie ein nickender Türsteher beim Juwelier. Hä? Und der – die Türsteher werden sich bedanken – nickte «opportunistisch seinen» Kunden zu. Sollte der Türsteher denn den Kunden prinzipientreu die Türe vor der Nase zuschlagen? Und sind das nicht die Kunden des Juweliers?

Völlig aus der Kurve trägt es den Leser des jüngsten Editorials von Beat Balzli, wenn dann plötzlich noch vorauseilender Gehorsam gegenüber internationalen Regelwerken angeflanscht wird. Dessen befleissigt sich zwar die Schweiz (OECD-Mindeststeuer), das störe aber nur. Wen?

In einem einzigen Absatz gelingt es dem Chefredaktor der NZZaS, grösstmögliche Verwirrung beim Leser anzurichten. Wenn’s Absicht ist, ist’s unbegreiflich. Ist’s keine, ebenfalls.

Gleich daneben wird auf einer Doppelseite die Frage des Blattmachers beantwortet: Und was machen wir zum Klimagipfel in Brasilien? Da kommt ja eh nix raus, also? Hingeknüppelte Antwort:

Da gibt es den Klimaforscher Knutti und den SVP-Nationalrat Knutti. Nicht verwandt, nicht verschwägert. Aber he, ein Aufhänger, Doppelseite gefüllt.

Dann schliesst sich die NZZaS der grossen Fraktion der Journalisten an, die nach dem Prinzip leben: Wünsche können wahr werden, wenn der Schreiber es nur will:

Beweisführung: Republikanische Senatoren sprechen sich gegen die Abschaffung des Filibusters aus, mit dem die Demokraten die Verabschiedung des Staatshaushalts verhindern. Das sei dann bereits ein Zwergenaufstand. Während sich Trump ansonsten der bedingungslosen Unterstützung aller republikanischen Parlamentarier erfreut. «You dreamer, you», würde eine Schweizer Unternehmerin dazu sagen.

Im ewigen Bemühen, Orte zu finden, an denen angebliche weitere russische Angriffe auf den Westen stattfinden könnten, hat die Journaille ein eisiges Beispiel gefunden. Schon oft beschrieben, aber doch kein Grund für die NZZaS, nicht nachzuschreiben:

John le Carré würde sich gegen diese Verballhornung seines Titels verwahren, lebte er noch. Stattdessen rotiert er wohl etwas im Grab.

Dann der ewige Krach in der Regierungskoalition in Deutschland, wo auseinander strebt, was nicht zusammen gehört. Auch dem ist ein neuer Aspekt schwierig abzugewinnen, also wieso nicht ein uralter:

Man nehme den grundsätzlich schlecht gelaunten SPD-Politiker Ralf Stegner, einen Politikwissenschaftler, der sonst gerne in der taz (die deutsche tägliche WoZ) oder im «Freitag» (das Hobbyblatt eines Augstein-Sohns und Erben) publiziert. Bringt die SPD die AfD an die Macht, ist die bange Frage im Lead. Leider geht die Antwort dann im Geholper des Artikels verloren oder vergessen.

Dann endlich das, was man einen Aufreger nennt. Wobei dieser etwa so aufregend ist wie der Farbe an der Wand beim Trocknen zuzuschauen:

ZACKBUM hätte einen Alternativtitel anzubieten: Hilfe, wir schreiben uns ins Verderben.

Dann, aber wir sind schon auf Seite 39, endlich was Lesenswertes über die stinkreiche Gewerkschaft Unia:

Aber nach dieser Anstrengung sinkt die NZZaS wieder erschöpft ins Seichte:

Liebe, Psychologin, Interview. Fertig ist die Stimulierung des Gähnreflexes.

Dann vollbringt Peer Teuwsen das Kunststück, sich über die Vermarktung des eigenen Elends durch Künstler zu echauffieren:

Indem er es selbst für einen Artikel ausschlachtet, dessen Erkenntnisgewinn man eigentlich in diesem Titel und Lead prima zusammenfassen könnte.

Dann noch die Beschreibung eines weiteren «Tabubruchs» (Kannibalismus auf der Bühne!), gefolgt von der guten Nachricht: damit ist auch diese NZZaS am Ende. Das sie allerdings schon längst zuvor erreichte.

 

Wollen wir mal wieder was lesen?

Es ist nie zu früh, sich mit Lektüre für die Festtage einzudecken.

Als leichten Hirnschmeichler können wir den neusten Harris bieten:

Nachdem John Le Carré eine Lücke hinterlassen hat, die niemand auffüllen kann, und er selbst war eigentlich «nur» ein Nachfolger von Eric Ambler, gehört Robert Harris zu den Autoren, deren Werke unbesehen im Reflex von ZACKBUM gekauft werden.

Nun ist die anhand von echten Liebesbriefen des damaligen britischen Premierministers H. H. Asquith an die aristokratische 26-jährige Venetia Stanley erzählte Story des Beginns des Ersten Weltkriegs aus englischer Sicht unterhaltsam. Wie der Mann Zeit fand, seiner Geliebten, die seine Tochter sein könnte, täglich Liebesbriefe voller Staatsgeheimnisse zu schreiben, unglaublich. Allerdings ist dieser Zivilisationsbruch schon viel besser und umfangreicher («Die Schlafwandler») beschrieben worden. Aber leichte Lektüre ist doch auch was.

Schon schwerer wiegt das Buch von Andreas Reckwitz:

Eine soziologische Untersuchung über das Phänomen Verlust und wie wir individuell und als Gesellschaft damit umgehen. Neuland, durchaus originell, allerdings manchmal sehr gelehrt und verkopft. Weniger Präzision und weniger Bedürfnis «ich bin ein unglaublich belesener und gebildeter Soziologe und methodologisch ganz vorne dabei» hätte dem Werk gut getan. Und eine Schlankheitskur (462 Seiten) auch. Aber mal etwas Anregendes im ganzen aktuellen Gejammer.

Wer Lust auf richtig Dickes hat, dem sei das Werk von Simon Sebag Montefiore empfohlen:

Die Weltgeschichte als Familiengeschichte, ebenfalls ein origineller Ansatz des britischen Historikers, der schon mit anderen Werken («Jerusalem: Die Biografie», «Stalin. Am Hof des roten Zaren») positiv auffiel. Sehr lesenswert. Der Lesegenuss hört auch lange nicht auf; der Schinken hat 1534 Seiten …

Wem es in der besinnlichen Weihnachtszeit mehr nach einem Kracher gelüstet; bitte sehr. Wie Harris garantiert James Ellroy auch immer für gleichbleibend brutale, facettenreiche, realitätsnahe und abgrundtief zynische Unterhaltung:

Um den Tod von Marilyn Monroe herum entwirft er hier ein weiteres Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft, bei dem es wenig Helles und viel Dunkles gibt. Constantin Seibt ist von der Lektüre dringlich abzuraten. Aber wer noch nicht genug hat, da wäre noch dieser hier:

Von den Abgründen menschlicher Existenz wieder in die lichten Höhen der Intellektualität:

Wolfram Eilenberger ist in seiner Serie ziemlich nahe bei der Gegenwart angekommen und kümmert sich um Adorno, Feyerabend und Foucault, was eine hübsche geistesgeschichtliche Mischung ergibt, die er durchaus bildungsbürgerlich, aber auch für in der Philosophie nicht so Bewanderte unterhaltsam und erkenntnisreich aufbereitet. Und wird es manchmal für den philosophischen Laien etwas zu gestelzt, kann er ruhig auch mal ein paar Seiten überblättern. Schliesslich gibt es auch hier genügend davon, nämlich 485.

Übrigens, wer von Christopher Clarke nach dessen «Schlafwandlern» noch nicht genug hat, im nächsten Werk nimmt er sich des «Frühlings der Revolution» an, nämlich den Ereignissen in Europa von 1848/49. Was gerade für Schweizer Leser von Bedeutung ist, denn schliesslich war die Schweiz das einzige Land Europas, in dem diese bürgerliche Revolution gesiegt hatte. Allerdings mit seinen 1161 Seiten auch eher für die ganz langen Winterabende geeignet.

Für Liebhaber des Abseitigen, oder besser gesagt für Leser, die gerne auf Entdeckungsreise in ferne Zeiten gehen, sei Herbert Clyde Lewis (1909 – 1950) empfohlen, der nur ein schmales Oeuvre hinterliess, dessen Meisterwerk erst seit Kurzem auf Deutsch übersetzt vorliegt:

Wunderbar ausgestattete 170 Seiten im Mare Verlag. Das erinnert an frühere Höhepunkte der Buchdruckerkunst in der «Anderen Bibliothek», einer der vielen Geniestreiche von Hans Magnus Enzensbeger, der noch schmerzlicher als Le Carré fehlt.

Als Absackerchen noch etwas zum Anschauen und leicht verstört zurückbleiben. Animiert von einem Besuch in der Wiener Albertina ist ZACKBUM wieder auf einen Fotografen gestossen, der einzigartig ist. Er fotografiert die Realität. Allerdings eine, die er selbst bis in jedes Detail erschaffen hat. Monatelange Planung, Hunderte von Mitarbeitern und Statisten und Schauspielern und technischen Spezialisten sind nötig, damit ein einziges Bild entsteht.

Dessen Aussage? Tja, man mache sich da selbst einen Reim drauf. Alles kommt auf den ersten Blick wirklich banal daher, aber irgendwie lauern immer Abgründe in diesen Fotos:

Vielleicht ist Gregory Crewdson der fotografierende Zwillingsbruder von Thomas Pynchon

Solche Werke lassen es (fast) verschmerzen und vergessen, dass der Rumpel-Holper-Autor Lukas Bärfuss (nur echt mit grimmigem Gesichtsausdruck) sagenhafte 350’000 Franken Steuergelder für die Übergabe seines Archivs an das Schweizerische Literaturarchiv erhielt. Der eiert (wie meist) herum, ob diese Summe seinem Werk angemessen sei: «Der Wert eines Archivs und die Bedeutung eines literarischen Werks sind zwei verschiedene Dinge», sagt er dem «Blick». «Vom einen auf das andere zu schliessen, ist unzulässig, daraus gar eine ‹Messbarkeit› abzuleiten, erscheint mir abwegig

ZACKBUM erscheint es hingegen abwegig, für den Brachial-Polemiker so viel Geld auszugeben – ohne dass er das Versprechen abgibt, nie mehr etwas zu publizieren.

 

Der grosse Meister ist tot

John Le Carré war nicht einfach Thriller-Autor. Er war nach Graham Greene der grosse und zornige Humanist und Moralist einer aus den Fugen geratenen Welt.

David Cornwell, so sein bürgerlicher Name, hat das Genre des Spionageromans revolutioniert und geprägt. Jedes Mal, wenn ein neuer Roman von ihm angekündigt war, verspürte ich spontan Vorfreude. Das passiert mir bei sehr wenigen lebenden Autoren.

Nun ist er in seinem geliebten Cornwall gestorben. Mit 89 Jahren, das ist ein kleiner Trost; und dass er sagte, dass er beim Herannahen des Todes nur Dankbarkeit spüren würde, nach einem Leben wie seinem. Aber was interessiert das Medienschaffende? Ganz einfach: Wem es gelingt, nur einmal in seinem Leben auf einer oder zwei Seiten eine Situation, einen Dialog, einen lebenden Menschen so zu beschreiben wir er, der hat Applaus verdient.

Niemand konnte seine gebrochenen Helden so spielen wie Richard Burton

Mit «Der Spion, der aus der Kälte kam» erzielte er 1963 den internationalen Durchbruch. Es ist ein düsterer Roman, der nach dem Bau der Berliner Mauer spielt. West gegen Ost, und obwohl Le Carré den Spionagekrieg aus Sicht des englischen Secret Service beschreibt, ist die Hauptfigur dieses Romans kein James Bond. Im Hintergrund zieht George Smiley, Protagonist seiner ersten zwei Romane und seine bedeutendste Romanfigur, die Fäden.

Ein Spion wird als angeblicher Verräter in den Osten geschickt. Dort soll er den Spionagechef als getarnten englischen Agenten denunzieren, weil der mit gnadenloser Effizienz das ganze britische Spionagenetz in der DDR liquidieren liess.

Aber, auch ein Leitmotiv bei Le Carré, nichts ist so, wie es scheint. Beide Seiten tricksen und lügen, der desillusionierte Spion erfährt erst ganz am Schluss, dass sein Einsatz eigentlich geplant war, um den DDR-Antispionagechef zu schützen, der in Wirklichkeit tatsächlich ein britischer Agent war. Als er, zusammen mit seiner Geliebten, versucht, über die Mauer zu flüchten, wird sie erschossen. Statt in den Westen zu springen, wo Smiley ihn bereits erwartet, kehrt er um, um sich neben seiner Gefährtin auch erschiessen zu lassen.

Das wurde dann mit Richard Burton in der Hauptrolle kongenial verfilmt und setzte einen ganz neuen Ton in das Genre. Normalerweise kämpften hier strahlende westliche Helden gegen finstere und grausame kommunistische Überzeugungstäter, gerne aus der DDR, der UdSSR oder später auch aus China oder Nordkorea. Und gewannen natürlich, ohne dass der Massanzug Schaden nahm.

Le Carré schraubte sich immer weiter hinauf

In «Der Krieg im Spiegel», 1965, erreicht Le Carré endgültig seine einsame Flughöhe. George Smiley, der einzige Agentenführer, der Grips und Moral hat, kämpft einen aussichtslosen Kampf in der muffigen Bürokratie des englischen Geheimdienstes, der noch von alter Grösse träumt, aber schon längst von den USA übertrumpft wird. Wieder geht es um ein Durcheinander von Inkompetenz, Führungsgerangel und einen Spionagering in der DDR, den ein nach Ruhm und Geld strebender Agent reaktiviert und in einen sinnlosen Einsatz führt, bei dem alle umkommen.

Ab 1974 setzte er die Smiley-Reihe mit drei weiteren Romanen fort. Die Einführung, die Dialoge, der Plot, die Beschreibung von Menschen und ihrer Geschichte mit ein paar wie aus dem Handgelenk hingeworfenen Zeilen, das Leiden von Smiley, der fast alles durchschaut, aber lange nicht, dass sein Vorgesetzter ein sowjetisches U-Boot ist, was er deswegen erst spät entdeckt, weil er nicht voreingenommen sein will, weil dieser Doppelagent ein Verhältnis mit Smileys Frau hat.

Mit Alec Guinness bekam Smiley in den Verfilmungen ein Gesicht und einen Schauspieler, der wie geboren für diese Rolle schien. Als 2011 Gery Oldman als Smiley antrat, verflüchtigten sich sofort alle Befürchtungen. Grossartig, und vor allem: Die Geschichte aus dem Jahr 1974 wurde in diesem Ambiente gedreht, wirkte aber taufrisch.

Zweimal Smiley, der aber einmalig ist.

Was konnte nach dem Ende des Kalten Kriegs noch kommen?

1989 veröffentlichte Le Carré mit «Das Russland-Haus» seinen letzten Roman, der den Kalten Krieg, das kommunistische Lager gegen den Westen, in einer schon zerfallenden UdSSR, thematisierte. Und man fragte sich bang, was er denn noch zu erzählen habe, nachdem er fast 30 Jahre lang dieses Thema bespielt hatte.

Mit seinen 14 noch folgenden Romanen bewies er: mindestens so viel wie vorher. Er nahm sich immer mehr Zeit, um zu recherchieren, und am Schluss kamen finstere Beschreibungen der Realität heraus,in der alle Regierungen, alle Systeme mit allen schmutzigen Tricks arbeiten, und sich die wenigen Moralisten in seinen Romanen immer fragen, woher sie denn die Sicherheit nehmen können, für das Gute auch mit schlechten Methoden kämpfen zu dürfen.

Aber nicht nur Staaten geraten in sein Visier, Drogenhandel, das Wüten von Big Pharma in Afrika, die neue russische Mafia. In «Unser Spiel» über einen vergessenen Krieg tut sein Held etwas, was vorher noch keiner tat. Freundschaft, Hilfsbereitschaft, unverbrüchliche Solidarität, das gab es alles schon vorher. Aber hier entscheidet sich der Held, nachdem er als Aussenstehender durch zu viel Leid und Elend gewatet ist, selbst zur Kalaschnikov zu greifen und auf der Seite der Schwächeren in den aussichtslosen Kampf zu ziehen.

Ein gutes Ende war Le Carrés Sache nicht

Immer seltener enden die Thriller mit dem Sieg des Guten. «Verräter wie wir», der teilweise in der Schweiz spielt, wo Le Carré aus seinen Erinnerungen schöpfen kann und natürlich alle Schauplätze – wie immer – nochmals besuchte, endet damit, dass der Zeuge gegen die russische Mafia wieder einmal von einem kleinen Grüppchen auf eigene Faust handelnde Mitarbeiter des Circus, wie der Geheimdienst in London heisst, angeworben und mit vielen Mitteln, Kompetenzüberschreitungen und Überredung dazu gebracht wird, aus seinem Versteck nach London zu fliegen, um gegen Zeugenschutz auszupacken.

Der gebrochene Held dieser Story begleitet ihn noch zum Flugplatz, sieht, wie der Zeuge den Helikopter besteigt – und sieht, wie der in der Luft explodiert.

Mit «Der Schneider von Panama» über die US-Invasion verneigte sich Le Carré vor Graham Greenes «Unser Mann in Havanna», selbst in einem seiner letzten Romane, «Das Vermächtnis der Spione», als sein längst pensionierter Held Smiley und dessen engster Mitarbeiter nochmal einen Auftritt haben, weil der MI6, wie der Geheimdienst nun heisst, nochmal alte Fälle aufarbeiten will, zeigt Le Carré, dass eigentlich alle seine Romane nicht in erster Linie von Spannung gelebt haben.

Menschen, Dialoge, Atmosphäre: einfach meisterhaft

Davon auch, mit welcher Meisterschaft treibt er immer die Story zur Klimax gegen Schluss. Aber vor allem mit seiner Fähigkeit, Menschen zu zeichnen, in kurzen, aber genialen Dialogen ihre Weltsicht, ihre Moral – oder ihre fehlende Moral –, ihr Zweifeln, was ein Einzelner in diesen Maschinerien, gegen diese Weltkonzerne überhaupt noch ausrichten kann, so darzustellen, dass es niemals ein erbaulicher Diskurs zur Besserung des Lesers wird.

Das verhindert schon die Ironie und der trockene englische Humor, die ewige Distanz des vielfach Aussenstehenden. Der als ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter und schlichtweg genialer Schriftsteller nicht nur das englische Wesen perfekt beschreiben konnte. Sondern er beschäftigte sich unablässig mit den grossen Fragen, was tun wir, woher wissen wir, dass es richtig ist, wieso wissen das Regierungen meistens nicht, was ist wichtiger, ein gegebenes Wort, eine Überzeugung oder das eigene Leben? Was soll man für «King and Country» tun, opfern, über Bord werfen?

Der Thriller als Gesellschaftsroman

Schliesslich ist Le Carré ein weiterer Beweis dafür, wie Greene, wie Dashiell Hammett, wie Richard Stark, wie Robert Harris, vor allem wie James Ellroy, dass man mit Thrillern oder Kriminalromanen die Gesellschaft gnadenlos gut beschreiben und demaskieren kann. Wie im Titel des wohl besten Romans von Greene: «Die Stunde der Komödianten». Der nicht zufällig auch mit Richard Burton verfilmt wurde.

Das wahre Vermächtnis von Le Carré bleibt: Trotz diesem Zustand der Welt, den er wie kein zweiter durchschaute und beschrieb: Er setzte immer ein «dennoch» dagegen. Ein Aufbäumen, ein Suchen nach Verbesserung. Auch wenn es meistens nicht gelingt: Man muss es aber immer wieder probieren.

 

Tiefergelegtes Niveau beim Tagi

Nachdem die Chefredaktorin schwärmen durfte, holzt nun die nächste Journalistin.

Das kommt halt davon, wenn man sowohl stilistisch wie inhaltlich versucht, eine neuen Tiefenrekord aufzustellen. Das ist der Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers zweifellos mit ihrem Schmachtfetzen über die designierte US-Vizepräsidentin gelungen.

Aber die Konkurrenz im Hause schläft nicht. Da geht doch noch was, dachte sich die Wirtschaftsredaktorin Isabell Strassheim. Sie wechselte vor einem Jahr von «20 Minuten» zur Zentralredaktion von Tamedia; Standort Basel, Thema Pharma.

Wenn es keine Kommentarmöglichkeit gäbe …

Inzwischen ist auch klar, was sie bei «20 Minuten» vermisste. Die Möglichkeit, allen Bescheid zu geigen. Zu kommentieren. Zu fordern und zu verbieten. Das darf sie nun endlich wieder, und als Pharma- sowie Wirtschaftsspezialistin mit langem Track-Record wird sie gleich apodiktisch im Titel:

«Gigantische Gewinne mit Covid-Impfstoffen sind ethisch unzulässig». Zack. Und falls da noch ein Auge trocken geblieben sein sollte, wofür gibt es einen Lead: «Die Pharmabranche muss in der Pandemie von ihrem Geschäftsmodell abrücken. Alles andere wäre Erpressung.»

Eigentlich wäre damit der Inhalt des Kommentars vollumfänglich beschrieben. Lediglich ergänzt durch einen Schuss Planwirtschaft: «Der Markt darf genau jetzt aber nicht spielen.» An der holprigen Formulierung kann man erahnen, dass es Strassberg selbst nicht ganz wohl ist bei dieser Forderung.

Tatsächlich üble Gesellen, aber …

Natürlich dürfen auch die «armen Staaten» nicht fehlen, die auf der Strecke blieben, wenn es richtig teuer wird. Und wie sage Boston Consulting so richtig: «In einer globalisierten Welt kann die Wirtschaft nur wiederhergestellt werden, wenn in allen Staaten die Pandemie besiegt wird.»

Das ist allerdings an Trivialität nicht zu überbieten, und hat eigentlich auch nichts mit der Preisgestaltung der Pharma-Konzerne zu tun. Das sind tatsächlich üble Gesellen, ohne Zweifel. Besser als der Altmeister John Le Carré in seinem Thriller «Der ewige Gärtner» hat das kaum einer beschrieben.

Und le Carré fügte hinzu, dass er nur eine sanfte Version seiner Recherchen veröffentlicht hätte, die eigentliche Wahrheit hätte ihm niemand geglaubt.

Es gibt also durchaus einige Gründe, Big Pharma ans Bein und in die Profite zu pinkeln. Auch hier könnte man bei einer Jungredaktorin mildernde Umstände walten lassen. Das geht aber bei einer erfahrenen Journalistin nicht.

Populistische Effekthascherei mit Stuss

Denn sie stellt radikal drei Forderungen und eine Behauptung auf. Gewinne sind okay, aber «gigantische Gewinne» wären unethisch. Wenn Big Pharma nicht von ihrem Geschäftsmodell abrücke, Produkte herzustellen und sie zu Marktpreisen zu verkaufen, dann wäre das sogar Erpressung. Also müsse der Markt ausser Kraft gesetzt werden.

Das ist nun, mit Verlaub, von A bis Z Stuss. Unsinn. Schönes Gelaber. Realitätsfern. Billige Effekthascherei. Denn mit diesem Thema beschäftigt sich Pharma schon seit Anbeginn: Wie kann man nur mit der Behandlung oder Rettung von Menschen Profit machen? Pfuibäh. Und wie kann man Medikamente nur so teuer machen, dass sie für die Armen dieser Welt unerschwinglich werden. Sie dazu noch mit Patenten schützen, damit nicht einmal ein Generikum erlaubt ist. Wir schütteln uns vor Abscheu.

Was passierte, befolgte jemand den Forderungen von Strassberg?

Nur, wenn man diese populistische Erregungsbewirtschaftung an der Realität zerschellen lässt: that’s the name oft he game. Pharmakonzerne sind überraschenderweise profitorientiert. Würde der CEO oder der VR-Präsident fröhlich ankündigen, dass man zwar wieder mal ein paar Milliarden für die Entwicklung eines neuen Medikaments ausgegeben habe, aber um nicht unethisch oder erpresserisch zu werden, habe er beschlossen, die Pille unter Selbstkosten abzugeben.

Oder einfacher gefragt: Was würde mit einem Pharmamanager passieren, wenn er die wohlfeilen Ratschläge von Strassheim befolgen würde? Richtig, er würde entweder zum Arzt geschickt oder gleich gefeuert. Letzte Frage: Und was passiert mit Strassheim?