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Entwertung der Werte

Trump und Vance: zwei rabiate Demagogen und Entkerner.

George Orwell meinte in seiner dystopischen Zukunftsvision «1984», dass ein totalitäres Regime Gedankenkontrolle unter anderem damit erreiche, dass Bedeutungen umgedreht werden. Also «Krieg ist Frieden» oder «Freiheit ist Sklaverei». Begleitet wird das von einer extremen Vereinfachung der Sprache, um differenziertes Denken zu verunmöglichen.

US-Präsident Donald Trump und seine Vize J.D. Vance gehen einen Schritt weiter. Nicht Umwertung von Begriffen, sondern ihre Entwertung, Entkernung ist ihre demagogische Absicht.

Werturteile über den gleichen Menschen können sich ins Gegenteil verkehren und zurück. Völlig egal. Einmal ist der russische Autokrat Putin für Trump ein «Genie», dann ein «Verrückter», der ihn «hängenlässt». Einmal will er den Ukrainekrieg in einem Tag beenden, dann dauert es doch etwas länger, aber dafür habe er sieben andere Kriege beendet.

Sein Vize Vance beschwert sich darüber, dass in Europa die angebliche Zensur der freien Meinungsäusserung eine grosse Gefahr darstelle. Handkehrum sagt der gleiche Vance: «Wenn Sie jemanden sehen, der Charlies (Kirk, Red.) Mord feiert, melden Sie ihn. Und verdammt, rufen Sie seinen Arbeitgeber an

Die Justizministerin seiner Regierung doppelte nach: «Wir werden euch absolut verfolgen, wenn ihr mit Hassrede auf jemanden losgeht.» Präsident Trump fordert ungeniert die Entlassung von Journalisten, die unliebsame Meinungen vertreten und bedroht einen ABC-Reporter direkt: Die Justizministerin wird «wahrscheinlich so Leute wie Sie ins Visier nehmen, weil sie mich so unfair behandeln. Sie haben viel Hass in Ihrem Herzen.»

Trump-kritische Talkshows werden eingestellt, Trump überzieht kritische Medien mit potenziell ruinösen Milliardenklagen. Selbst Milliardäre und Medienbesitzer wie Jeff Bezos kriechen zu Kreuze, um ihre Geschäftsinteressen zu wahren.

Was passiert hier?

Autokratische Regimes oder solche, die es werden wollen, fürchten Meinungsfreiheit. Darin sind sich Putin, Xi und Trump absolut einig.

Nun gibt es in den USA aber den ersten Verfassungszusatz: «Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Freiheit der Rede oder der Presse beschränkt.» Das gilt bis heute beinahe absolut. Grenzen sind nur die unmittelbare Anstiftung zu Gewalt, wahre Bedrohungen, Verleumdung, Betrug, Obszönität oder Kinderpornographie.

Hassrede ist kein Kriterium, das einschränkend existiert. Dass es geschmacklose, gar den Tod von Kirk bejubelnde Reaktionen gab, zeugt von der Orientierung- und Wertelosigkeit vieler Linker. «Spiegel» und «Tagesspiegel» («Tod eines Brandstifters») waren auf diesem Gebiet im deutschen Sprachraum führend. Dass der ZDF-US-Korrespondent Elmar Thevessen wahrheitswidrig behauptet, Kirk habe gefordert, dass «Homosexuelle gesteinigt werden müssen», ist ein Tiefpunkt des Journalismus.

Aber Hassreden, Lügen, Denunziationen, Polemik sind von der US-Verfassung geschützt. Von diesem Schutz profitieren auch Brandstifter wie Vance oder Trump.

Was sie tun, geht allerdings noch einen Schritt weiter als das, was Orwell 1948 voraussah. Sie drehen Bedeutungen nicht einfach um, sie entstofflichen Begriffe. Meinungsfreiheit müsse absolut gelten. Sie sei in Europa in Gefahr. Gleichzeitig wird sie von ihnen selbst eingeschränkt und bedroht. Völlige Beliebigkeit. Na und?

«Ich kenne den Mann seit Jahren und halte ihn für sehr klug und sehr stark.» So lobhudelte US-Präsident Donald Trump im April 2018 John Bolton, als er ihn zu seinem Sicherheitsberater machte.

Bolton sei ein «lowlife», Abschaum, nichtsnutziger Penner, ein «sleazebag» (Dreckskerl). Er sei nicht wirklich klug, aber er könnte «sehr unpatriotisch» sein. Plus die Drohung: «Ich werde es herausfinden.» Das sagt Trump heute über seinen Kritiker Bolton. Mal so, mal so.

Die USA haben eine riesige Militärbasis bei ihrem Verbündeten Katar. Und schützen ihn nicht vor dem völkerrechtswidrigen Angriff Israels. Na und?

Auch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind solche Aussagen Trumps: Der Chef der US-Notenbank FED Jerome Powell sei ein «Schwachkopf», der «Mister zu spät», er sei «crazy» (verrückt) und sein «Feind», der so schnell wie möglich zurücktreten müsse.

Seine ehemalige Konkurrentin sei die «crooked Hillary», die korrupte Hillary Clinton, Nancy Pelosi «crazy Nancy». Die Medien ganz allgemein seien die «Feinde des Volkes», was auch Richter treffen kann. Wer ihm unliebsame Artikel verbreitet oder Urteile fällt, sollte gefeuert werden.

Sein allgemeines Abwertungsvokabular umfasst unter anderem die Begriffe «Loser, Clown, disaster, stupid, very dumb, total disgrace».

Als Reaktion auf seine Amok-Zollpolitik würden ihm nun reihenweise Staatenführer den «Arsch küssen».

Das Vokabular eines US-Präsidenten. Statt Würde des Amtes Gossensprache. Na und?

Gleichzeitig wollen die beiden alles unterdrücken und verfolgen und ruinieren und zensieren und abstellen, was ihnen nicht in den Kram passt.

Dass man nicht die Gefährdung der Meinungsfreiheit beklagen und sie gleichzeitig gefährden kann – na und? Dass man nicht gleichzeitig den zunehmenden Hass im politischen Diskurs beklagen kann – und hasserfüllt Andersdenkende beschimpfen: na und?

Besser als «Freiheit ist Sklaverei» ist «Freiheit ist Blabla». Ein inhaltsentleerter Begriff, eine Worthülse, die man als verbale Waffe verwenden kann.

Entwertung der Werte, eine teuflische Methode, um die Lufthoheit über der öffentlichen Meinung zu erobern.

Watch your words

Trumps Sprache verrät eigentlich alles über den Mann.

«Ich kenne den Mann seit Jahren und halte ihn für sehr klug und sehr stark.» So lobhudelte US-Präsident Donald Trump im April 2018 John Bolton, als er ihn zu seinem Sicherheitsberater machte.

Bolton sei ein «lowlife», Abschaum, nichtsnutziger Penner, ein «sleazebag» (Dreckskerl). Er sei nicht wirklich klug, aber er könnte «sehr unpatriotisch» sein. Plus die Drohung: «Ich werde es herausfinden.» Das sagt Trump heute über seinen Kritiker Bolton.

Über den Chef der US-Notenbank FED sagt Trump: Jerome Powell sei ein «Schwachkopf», der «Mister zu spät», er sei «crazy» (verrückt) und sein «Feind», der so schnell wie möglich zurücktreten müsse.

Seine ehemalige Konkurrentin sei die «crooked Hillary», die korrupte Hillary Clinton, Nancy Pelosi «crazy Nancy». Die Medien ganz allgemein seien die «Feinde des Volkes», was auch Richter treffen kann. Wer ihm unliebsame Artikel verbreitet oder Urteile fällt, sollte gefeuert werden.

Sein allgemeines Abwertungsvokabular umfasst unter anderem die Begriffe «Loser, Clown, disaster, stupid, very dumb, total disgrace».

Also Reaktion auf seine Amok-Zollpolitik würden ihm nun reihenweise Staatenführer den «Arsch küssen».

Sich selbst sieht er als «stabiles Genie», zu allen Themen, über die er sich äussert, hat er den Satz parat «niemand versteht das wohl besser als ich», was sich sogar auf das Wachstum und die Pflege von Rasen bezieht.

Beliebte Sätze sind ebenfalls: «Ich habe mehr für Amerika getan als fast jeder andere Präsident. Meine Rallyes sind die grössten und enthusiastischsten in der Geschichte. Die Leute lieben mich wie niemanden sonst

Auch historische Vergleiche scheut er nicht: «Viele Leute sagen, ich sei wie Abraham Lincoln – aber mit noch mehr erreicht.»

Hinzu kommt, dass Trump lügt, dass sich die Balken biegen und nicht nur über Personen seine Meinung diametral ändert. Das gilt nicht nur für US-Politiker. So ist Russlands Präsident Putin einmal für Trump «ein Genie», dann aber auch ein «madman», ein Verrückter.

Dazu ist Trump völlig skrupellos bei der Selbstbereicherung, was die «Financial Times» mit einer Unzahl Belegen als den «grössten Raubzug am helllichten Tag» der jüngeren Geschichte bezeichnet.

In letzter Zeit kommt es zunehmend vor, dass der 79-jährige Trump vom Thema abweicht, mäandert, sich in Nebensächlichkeiten wie dem Zustand des Grases in Washington D.C. («niemand versteht mehr von Gras als ich») verliert.

Alles, was ihn ausmacht, ist in einem Satz aus dem Wahlkampf von 2016 enthalten:

«I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody, and I wouldn’t lose any voters, OK?»
«Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschiessen – und ich würde keine Wähler verlieren.»

Mit aller gebotenen Vorsicht lässt sich daraus ein Psychogramm des mächtigsten Mannes der Welt erstellen. Von jemandem, der eine solche Kappe trägt und das nicht ironisch meint:

Er ist ein Narzisst mit starkem Bedürfnis nach Bewunderung und niedriger Frustrationstoleranz. Er benützt einfache Botschaften und hat ein klares Freund-Feind-Schema. Er hat ein hohes Bedürfnis nach autokratischer Macht und den Anspruch, allein die richtigen Lösungen zu haben. Er beansprucht Dominanz durch Herabsetzung des Gegners. Sich selbst sieht er gerne in der Opferrolle («Fake News», gestohlene Wahlen). Seine Bewertungen und Einschätzungen ändern sich je nach Loyalität oder Opportunität, gehorchen keinerlei Prinzipien.

Das ist alles nichts Neues; solche Machtmenschen gab und gibt es in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Sie haben allerdings eines gemeinsam: von Stalin über Hitler bis Mao sind sie allesamt gescheitert. Das hatte jeweils Millionen von Toten zur Folge.

Keiner von ihnen war so mächtig wie der US-Präsident heute. Was geschieht, wenn ein Narzisst scheitert? Abwehr, Verleugnung, im besten Fall Depression und Rückzug. Im Normalfall Wut und Aggressionsausbrüche, da das Scheitern als Angriff erlebt wird.

Wehe uns.