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Schlagwortarchiv für: Jörg Baberowski

René Zeyer

32 Seiten Aufgeblasenes

6. Februar 2026/4 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Das serviert die tägliche NZZ ihren Lesern.

Zunächst einmal ist es ein teures Vergnügen. Wer das Intelligenzblatt am Kiosk erwirbt, blättert dafür Fr. 5.90 auf die Theke. Das sind  immerhin knapp 20 Rappen pro Seite.

Die Front beweist wieder einmal, dass die Zeiten, als die NZZ keine Fotos verwendete, sicherlich nicht auf der ersten Seite und ganz sicher nicht in Farbe, bessere Zeiten waren:

Ein flächendeckendes Foto eines Demonstranten, der höchstwahrscheinlich von einem Gummigeschoss getroffen wurde. Aussagekraft, Informationsgehalt nahe null.

Daneben das typische Problem des Prints heutzutage. «Nach der Rekordjagd rutschen die Preise von Gold und Silber». Das war, als dieser Titel von den Druckmaschinen vervielfältigt wurde, der Fall. Als er dann am nächsten Morgen die Leser erreichte, war es schon nicht mehr so.

Als Kompetenzzentrum für Wirtschaftsfragen hätte die NZZ vielleicht etwas vorsichtiger titeln sollen. Aber eben, das mit der Kompetenz ist auch dort inzwischen so eine Sache. Und dann noch der nächste Schub Epstein-Unterlagen, den bereits die NZZaS abfeierte – wieso nicht nochmal, weil’s immer so schön ist.

Dann gerät die NZZ geradezu in einen Epstein-Rausch. Die ganze Seite zwei ist gefüllt mit People-News aus dem gebeutelten norwegischen Königshaus und stolpernden Politikern.

Die nächste Seite ist auch nicht gerade ein Höhepunkt der eigenen Rechercheleistung.

Wie inzwischen leider auch bei der NZZ üblich: ein Riesenfoto, das um Dreiviertel geschrumpft nicht an Aussage verlöre. Umgeben von einem Text, der schlichtweg dem «Wall Street Journal» abgeschrieben ist. Die Quelle wird immerhin angegeben, aber die Eigenleistung ist überschaubar.

Wer gerne knackige Quotes abholen will, interviewt den Historiker Jörg Baberowski, der sich mit Sloterdijk die Pole-Position im bedeutungsschwangeren Wortsoufflé-Aufblasen teilt. Natürlich lässt sich neben zwei Riesenfotos daraus ein knackiger Titel gewinnen: «Trump sagt die Wahrheit während er lügt». Aus dieser Geistreichelei kann man leicht die Luft rauslassen, indem man sie einfach umdreht. Trump lügt, während er die Wahrheit sagt. Oder Trump lügt die Wahrheit. Oder die Lüge ist Trumps Wahrheit. Kommt alles als dialektischer Widerspruch daher, ist aber bloss heisse Luft.

Neben den grossen Luftblasen hat die NZZ auch ein Auge fürs Kleine:

Man liebt die NZZ dafür, dass sie auch mal einer Reportage aus Mikronesien eine Seite einräumt. Aber einem solchen Lokalfurz-Ereignis «In einer kleinen Kirche in Rom sieht ein Fresko der Regierungschefin überraschend ähnlich»? Dazu passt die alte Weisheit: und in China ist ein Sack Reis umgefallen.

Man muss auch loben können. Seit vielen Jahren sorgt Gerichtsreporter Tom Felber für kleine Glanzlichter im trüben Meldungsbrei. Unermüdlich und immer die Aufgabe bravourös bewältigend, einen komplizierten Ablauf mit Rede, Widerrede und Urteil für den Leser nachvollziehbar aufzubereiten.

«Panorama» ist eigentlich die Schmuddelecke der NZZ. Aber an diesem Tag war offenbar überhaupt nichts los auf diesem Gebiet. Also überreich bebildert der Bericht über einen Atomtest im Jahre 1951. Warum? Darum. Weil das ziemlich genau 75 Jahre her ist. Sonst ist kein Grund dafür erkennbar.

Ausser vielleicht: sonst wäre es ein weisses Blatt Papier geworden. Was aber auch nicht viel schlechter gewesen wäre.

Dann kommt der Meinungsteil. Er beginnt mit der NZZ-Lieblingsmeinung. Einerseits, andererseits, aber dann doch nicht so sehr, nicht extrem, sondern mit Augenmass. Hier abgehandelt an der SRG-Initiative:

In der Wirtschaft kommt eine Seite, deren Bild/Text-Verhältnis sich nichteinmal Tamedia traut, und das will etwas heissen:

Dreiviertel der Seite nehmen ein unerträglich aufgeblasenes Foto, ein Zitat-Titel und viel Weissraum ein. Links als Feigenblatt ein einspaltiger Text.

Dieser «sag mir was Neues»-Artikel ist ebenfalls üppig mit einem Symbolbild versehen. Hätte man es eingespart, wäre kein Mü Informationsgehalt verloren gegangen.

Nichts Nennenswertes aus dem Feuilleton, und schon sind Fr. 5.90 verschwunden, ohne erinnerliche Spuren hinterlassen zu haben. Wie pflegt da das Blatt für die gebildeten Stände zu sagen: quo vadis, NZZ.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/02/Bildschirmfoto-2026-02-03-um-17.21.35.png 610 920 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-02-06 05:00:362026-02-06 08:53:0432 Seiten Aufgeblasenes
René Zeyer

Brandbeschleuniger Putin

5. April 2022/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Schwarzweiss versperrt den Blick auf die wahren Gefahren.

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Präsident Putin verfügt über drei gewaltige Keulen. Die erste ist der militärische Angriff auf die Ukraine. Ob sich dieses militärische Abenteuer zum Fiasko auswächst, in Kriegsgreueln versinkt oder mit einem zumindest teilweisen Sieg Russlands endet: Ausgang ungewiss.

Starker Auftritt eines Schwachen.

Die zweite Keule besteht aus der Abhängigkeit Westeuropas von russischem Gas und Erdöl. Putin wird sicherlich nicht untätig zuschauen, wie sich Europa bemüht, diese Abhängigkeit herunterzufahren oder zu beseitigen. Der Versuch, nur mehr Bezahlung in Rubel zu erzwingen, war nur der erste Schlag. Weitere werden folgen.

Die dritte Keule besteht aus dem grössten Atomwaffenarsenal der Welt. Jeder Potentat, jeder Staat weiss: schon der Besitz einiger Atomwaffen katapultiert das Land in eine neue Liga. Hätte Afghanistan Atombomben und Pakistan keine, wäre Pakistan als Brutstätte und Unterstützer des internationalen fundamentalistischen Terrors angegriffen worden. So beschränkte man sich darauf, den von Pakistan beherbergten Fürsten der Finsternis Bin Laden auszuschalten.

Der deutsche Historiker Jörg Baberowski hält in einem sehr lesenswerten NZZ-Interview fest: «Ich frage mich jedoch, ob die Feldherren, die im Lehnstuhl sitzen und kluge Ratschläge erteilen, eigentlich wissen, was eine Flugverbotszone ist und wie man sie sichert, was man sich unter einem Häuserkampf in einer zerstörten Stadt vorstellen muss und was die Entfachung der Leidenschaften bewirkt.»

Der Buchautor («Räume der Gewalt») und Professor für Geschichte Osteuropas ist ein profunder Kenner Russlands und vor allem als Stalin-Forscher anerkannt. Mit seinen nicht immer dem Mainstream entsprechenden Ansichten ist er bereits in diverse Kontroversen geraten.

Analysen statt Verurteilungen

Aber das ist die Bürde des eigenständigen Denkens, das auf Kenntnissen und nicht moralischen Vorurteilen beruht. Seine Prognose für die Zukunft ist alles andere als rosig. Sollte es Putin nicht gelingen, einen vollständigen militärischen Sieg zu erringen oder zumindest die Neutralität der Ukraine plus die Einverleibung grosser Stücke zu erreichen, vermutet Baberowski: «Es ist wahrscheinlich, dass es dann zu einem verlustreichen Zermürbungskrieg kommt, durch den die Ukraine auf Dauer zugrunde gehen und Putin sein Ziel doch noch erreichen könnte, wenngleich unter grossen materiellen und menschlichen Verlusten. Die Brutalisierung des Krieges kommt aus der Schwäche, nicht aus der Stärke, und sie wird an Dynamik gewinnen, je erfolgloser die Versuche der Angreifer und der Verteidiger sind, den Krieg für sich zu entscheiden.»

Butscha, Ukraine. April 2022.

Baberowski glaubt nicht daran, dass sich Präsident Bidens Stossseufzer, dass dieser Mann doch nicht an der Macht bleiben dürfe, erfüllen wird. Dazu sei die Hierarchie in der russischen Machtsphäre zu vertikal ausgerichtet. Zudem sei es wie damals bei Stalin. Der verschätzte sich gröblich und rechnete zu diesem Zeitpunkt nicht mit einem Angriff Hitlers, weil Stalin einen Zweifrontenkrieg für ausgeschlossen hielt.

Daraus entwickelte sich die historische Mär, dass kurzzeitig im Politbüro mit dem Gedanken gespielt wurde, den Diktator nach dem Überfalls Hitlers auszuschalten. Aber die historische Forschung (und die Anwendung von Logik) habe ergeben, sagt der Geschichtswissenschaftler: «Die Gefolgsleute scharten sich in der Stunde der grössten Gefahr um ihren Anführer, weil niemand das Risiko eingehen wollte, das Regime in Gefahr zu bringen. Mit anderen Worten: Krisen arbeiten für den Herrscher, nicht gegen ihn. So ist es wahrscheinlich auch jetzt.»

Was für vorläufige Schlussfolgerungen kann man daraus ziehen?

  1. Es geht nicht nur um die Ukraine. Sondern um uns alle. Um Europa, gar die Welt, und auch die Schweiz natürlich.
  2. Militärische Sandkastenspiele aus dem Sessel heraus sind völlig unsinnig und überflüssig. Interessant ist höchstens, wie Pazifisten und Kriegsgegner ohne zu zögern wieder kriegerisches Vokabular verwenden, inklusive Helden, von «ruhmreichen Abwehrschlachten und vom nationalen Stolz der Verteidiger» reden. «Vor Wochen noch wären Bekenntnisse dieser Art mit Verachtung gestraft worden», beobachtet Baberowski.
  3. Nach der Fehleinschätzung, die Ukraine militärisch schnell besiegen zu können, kann Putin nur noch die Karte «unberechenbar» ausspielen. Seine Armee, sein Geheimdienst, seine Fähigkeit zur richtigen Lageeinschätzung sind desavouiert.
  4. Dass er durch mögliche Greueltaten der Armee zum Outcast wird, gar vor einen Internationalen Gerichtshof gestellt würde, sind Illusionen. Die vielfach gescheiterte Staatsanwältin Carla del Ponte fordert einen Haftbefehl gegen Putin. Ausgerechnet sie, die nie in ihrer ganzen, langen Karriere eine einzige Angeklagte zur Verurteilung führte.
  5. Natürlich wird man mit Putin verhandeln müssen, was denn sonst? Natürlich wird man einige seiner Forderungen erfüllen müssen, was denn sonst? Beschimpfungen, das Wackeln mit dem moralischen Zeigefinger sind zwar schön fürs Publikum, das ist zwar schön für Sympathiepunkte, aber realitätsfern.
  6. Ein militärischer Sieg gegen Russland in der Ukraine ist illusorisch. Ein Putsch gegen Putin ist illusorisch (ganz abgesehen davon: und dann? Kommen russische Pazifisten und Freunde der Demokratie an die Macht?).

Daraus folgt, dass wir im Westen gut daran täten, uns auf Keule zwei und drei vorzubereiten. Weder mit Putin-Beschimpfen, noch mit Putin-Verstehen ist’s getan. Die Entrüstung über Greueltaten ist verständlich, aber nutzlos. Und scheinheilig, denn finden ähnliche Greuel nicht an diversen anderen Orten der Welt statt? Jetzt und heute? Im Jemen, in Äthiopien, auf so vielen Killing Fields. Nein, das relativiert die Ukraine nicht. Macht aber verständlich, wieso an vielen Orten der Welt die westliche, die europäische, die schweizerische Entrüstung über die Invasion der Ukraine nicht wirklich gut ankommt.

Luftangriff auf Sanaa, Januar 2022.

Denn eine Verurteilung von Taten, vor allem, wenn sie dazu noch moralisch aufgeladen ist, muss universell gelten, nicht fokussiert auf ein Gebiet, das gerade die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Weil Kiew 2000 km von Zürich entfernt ist, Bagdad hingegen 4370 km, und Zürich – Sanaa sind 6440 km. Ach, und Kabul ist wieder 6700 km entfernt …

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/04/Brand1-e1649063996689.jpeg 470 903 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-04-05 05:30:402022-04-04 21:19:47Brandbeschleuniger Putin

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