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NZZaS, quo vadis?

Ein beliebter Spruch der alten Tante, mal auf sie selbst angewendet.

Wer auf eine solche, riesige Illustration kommt, bietet Anlass zu Sorge:

Denn was will uns die NZZaS mit dieser Sanduhr sagen?

Dass sie die hier abgekupfert hat?

Denn das Problem dieser Symbolik ist immer: soll das nun bedeuten, dass die Zeit für die FDP abläuft? Oder soll es bedeuten, dass sich immer mehr Sandkörner, also Wähler, für die FDP entscheiden? Und ist dem begabten Illustrator Dario Veréb nicht bekannt, dass man so eine Sanduhr einfach umdrehen kann, und schon geht das Geriesel wieder von vorne los?

Aber wir wollen auch das Positive sehen. Chefredaktor Beat Balzli will sich nicht die Finger am klaren Bekenntnis der FDP zum Europavertrag und gegen das Recht der Stände, darüber mitzubestimmen, verbrennen. Also schimpft er wohlfeil über die Erbschaftssteuer-Initiative der Rotsocken.

Aber das hat immerhin noch einigermassen Niveau. Auf das Niveau einer schlechten Schülerzeitung sinkt die NZZaS allerdings mit dieser Kolumne von Nicole Althaus: «Warum der Herbst viel mehr ist als bloss eine Jahreszeit». Das dümpelt in der Reihe «Sieben ist mehr als eine Zahl», «eine Hose ist mehr als ein Kleidungsstück» oder gar «Liebe ist mehr als ein Wort».

Utta Danella oder Hedwig Courths-Mahler hätten es nicht besser hingekriegt:

«Sommer für Sommer wundert man sich aufs Neue, wie man die Zeichen seines Endes einfach verdrängen konnte.»

Aber die Antwort kennt nur der Wind, leise spielt die Musik der Zeit, der Duft der Steinkrabbe verweht, und wo sind die Schatten der Vergangenheit?

Aber immerhin, auf Seite 35, Aufmacher Wirtschaft, macht die NZZaS dem Geeier der NZZ ein Ende: «Über Nacht 16 Milliarden weg». Sie zitiert sogar den teuren Satz unserer Finanzministerin an der denkwürdigen Pressekonferenz vom 19. März 2023: «This is not a bailout. This is a commercial solution». Womit einer der Trigger für das Abschreiben der AT1 Bonds futsch wäre.

Dieser Satz könnte ähnlich teuer werden wie die berühmte Abqualifizierung der Kirch-Gruppe durch den damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Der Finanzsektor sei nicht mehr bereit, sagte Rolf Breuer 2002, dem angeschlagen Medienkonzern weiter Kredit zu geben. Daraufhin brach die Firma zusammen.

Der Satz kostete die Deutsche Bank so alles in allem knapp eine Milliarde Euro. Der Satz von Karin Keller-Sutter kann für den Steuerzahler noch viel teurer werden. Dabei galoppiert die NZZaS dem vifen Finanzblog «Inside Paradeplatz» hinterher, der die Story, wann und wie überhaupt dieser Riesenabscheiber aufs Tapet kam, nachzeichnete.

Was nochmals bleibt, ist das Erschrecken, wie stümperhaft agiert wurde. Noch am 16. März bekräftigten FINMA und SNB, dass die Credit Suisse tipptopp aufgestellt sei, alle Anforderungen ans Kernkapital erfülle. Noch einen Tag zuvor, am 15. März, war von dem 16-Milliarden-Abschreiber im Forderungskatalog der UBS keine Rede.

Am nächsten Tag war er drin, SNB-Chef Thomas Jordan alles andere als begeistert darüber. Und erst am 19. März erfuhren die Spitzenkräfte der CS davon. Zudem musste das Recht der FINMA für diesen Abschreiber noch nachträglich, am 19. März, in die Notverordnung zur Liquiditätshilfe vom 16. März hineingeschrieben werden.

Ein Desaster.

Nach so viel kritischer Anspannung geht’s dann beim Aufmacher von «Wissen Kultur» etwas ruhiger zu: «Raus aus der Gewichtsspirale». Man fragt sich allerdings, wieso die NZZaS dieses Stehsatz-Thema für die Feiertage jetzt schon verballert.

Die «Kultur» wartet auch mit einem abgehangenen Topos auf. Hast du sonst nichts im Hemd, erfinde einfach einen Trend. Alte Journalistenregel; neuste Anwendung: «Die Herrschaft der Gefühle. Emotionen bestimmen unseren Alltag …»

Da sagt ZACKBUM ganz emotionsfrei: Quatsch. Nicht mehr oder weniger als vorher.

 

 

Das Schweigen der Belämmerten

Gibt es ausser Lukas Hässig noch Wirtschaftsjournalisten?

Da gibt es den Fall des ehemaligen Nestlé-Chefs Laurent Freixe. Der arbeitete 39 Jahre für den Nahrungsmittelkonzern mit dem vertrauenserweckenden Namen.

Neben seiner Tätigkeit fand Freixe allerdings immer wieder Zeit, auf Freiersfüssen zu wandeln. Das zweite Mal brach ihm das allerdings das Genick.

Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» spricht von einer «Mata Hari des Schweizer Food-Multis». Das etwas schiefe Bild sei ihm verziehen. «Corporate Casanova» für Freixe ist hingegen durchaus treffend.

Es ist so, dass wieder einmal IP als erstes Medium im Juli über diese problematische Liaison des Nestlé-Chefs mit einer direkten Untergebenen berichtet hatte.

Zunächst stritt Nestlé jegliches Fehlverhalten auf höchster Ebene ab, das habe eine interne Untersuchung zweifelsfrei bewiesen. Nachdem IP aber nachstocherte, wurde dann Bär & Karrer mit einer externen Untersuchung beauftragt.

«Ein Cover-up fürs Governance-Lehrbuch», kritisiert Hässig in seinem neusten Beitrag. Und rückt den eigentlich verantwortlichen ins Zentrum: Nestlé-VR-Präsident Paul Bulcke. Denn Freixe ist bereits dessen zweiter Fehlgriff in kurzer Zeit:

«Zuerst entwickelte sich Mark Schneider zum esoterischen Milliarden-Vernichter, dann entpuppte sich Freixe als Corporate Casanova

Das ist ziemlich blöd für einen Verwaltungsrat, zu dessen vornehmsten Aufgaben es gehört, die Geschäftsleitung mit fähigen und stabilen Leuten zu besetzen.

Blöd ist das auch für die übrigen Medien, die inzwischen hinterherhecheln. Tamedia vermeldet in ihrem Artikel immerhin: «Ende Juli berichtete der Finanzblog «Inside Paradeplatz» darüber, dass Freixes Beziehung zu einer Mitarbeiterin innerhalb der Firma für Gesprächsstoff sorge.»

Andere Organe, darunter «Blick» und NZZ oder CH Media, verklemmen sich jeden Hinweis auf den eigentlichen Urheber. Der wie im Fall Vincenz ein hohes Risiko einging.

Denn hätte sich seine aus internen Quellen gespeiste Story als Ente erwiesen, und anfänglich stritt Nestlé jegliches Fehlverhalten seines Chefs ab, dann hätte er mit teuren Schadenersatzansprüchen rechnen müssen.

Die Reputation des CEOs des Nahrungsmultis Nestlé. Die Reputation der Firma selbst. Alleine die Abwehr rechtlicher Schritte wäre teuer geworden.

Aber erst, als Nestlé publik machte, dass es seinen schnell verliebten CEO fristlos gefeuert hatte, sprang die übrige Journaille auf und wusste es im Nachhinein mal wieder schon immer.

Aber vorher? Ist da was? Schauen wir lieber mal, ob sich Hässig in die Nesseln gesetzt hat oder nicht, bevor wir uns auch mit dem Riesen anlegen. Der schliesslich als Inserent nicht ganz unbedeutend ist.

So die Haltung der übrigen Wirtschaftsjournaille. Nur Arthur Rutishauser fällt noch gelegentlich durch Sonderleistungen auf. Wie er sich an der verblichenen CS abarbeitet. Oder an der Migros zum 100., wo das Versagen einer ganzen Managergeneration den orangen Riesen ins Wanken gebracht hat.

Aber sonst? Nicht einmal eine kompetente Analyse der US-Zollpolitik kann der Schweizer Wirtschaftsjournalismus liefern.

Vorherrschende Meinung: da sieht man’s; wäre die Schweiz in der EU, wäre ihr das nicht passiert. Die hat schliesslich 15 Prozent herausverhandelt.

Bullshit, würde da Präsident Trump sagen. Zum einen musste die EU absurde Verpflichtungen eingehen, die weder sie noch die USA erfüllen können. Zudem stänkert Trump bereits wieder, dass ihm die EU-Digitalgesetze nicht passen und er deswegen neue Strafzölle erwägt.

Also nichts von Sicherheit und Stabilität durch überlegenes Verhandlungsgeschick.

Wirtschaft ist zentral wichtig für das Wohlergehen. Eine wache Wirtschaftspresse könnte einiges Unheil verhindern oder zumindest verantwortungslose und raffgierige Akteure etwas bremsen.

Aber in der Schweiz? Eine One-man-Show.

 

Packungsbeilage: ZACKBUM-Redaktor René Zeyer publiziert regelmässig auf IP.

 

 

Wenn Journalisten über Journalisten schreiben …

… wird der «umstrittene Journalist» Lukas Hässig unfreundlich abgewatscht.

«Tim Wirth schreibt oft Portraits und Hintergründe. Für den «Züritipp» interviewt er zudem internationale und nationale Musikerinnen und Musiker.»

Also geradezu prädestiniert dafür, ein Porträt über den Finanzblog «Inside Paradeplatz» und seinen Herausgeber Lukas Hässig zu schreiben. Ist es das Geld wert, hinter der Bezahlschranke?

Erste Zweifel kommen schon bei der Spitzmarke auf: «Umstrittener Zürcher Journalist». Wer streitet denn um ihn; das ist ein unscharf-wolkiges Adjektiv, das insinuieren soll: zweifelhaft. Unflat bereits im ersten Wort. Es geht so weiter:

«Kontroverser Blog, 150’000 Klicks will der 60-Jährige pro Tag erreichen, der Ton ist dramatisch und gehetzt, er publiziert auch Halbgares und Verletzendes und wurde deshalb schon mehrmals eingeklagt und auch verurteilt. Er musste Entschädigungen bezahlen, Artikel oder Textstellen löschen und Gegendarstellungen publizieren. Wie oft, bleibt unklar, schwammige Trennung von Fakten und Meinungen auf «Inside Paradeplatz», auch männliche Politiker sagen, dass Hässig sie faktenfrei angegriffen habe.»

Eine hübsche Portion Häme, auch mit anonymen Quellen, dazu zitiert er Hässigs ehemaligen SoZ-Chefredaktor AndreasDuschdas») Durisch, der längst in die Beratung gewechselt hat. Oder entblödet sich nicht, ungeeignete Zeugen wie Jolanda Spiess-Hegglin oder das Mitglied ihres Beirats Martin Steiger zu zitieren, ohne dessen Interessensbindung auszuweisen.

Natürlich gibt es auch eine Portion Lob: «Seine investigativen Recherchen deckten bedeutende Skandale im Schweizer Finanzsektor auf.» Gleich abtemperiert: «Kritiker werfen dem Portal mangelnde Faktentreue sowie diskriminierende Berichterstattung vor

Dass angebliche weibliche Opfer weitgehend vor Gericht krachende Niederlagen erlitten, erwähnt er hingegen nicht.

Einen zentralen Punkt umfährt er geflissentlich: wie ist es möglich, dass Hässig als One-man-Show den Vincenz– Skandal aufdeckte, die Millionenentschädigung für den Ex-Novartis-Chef Daniel Vasella, um nur zwei Beispiele zu nennen?

Das hat zwei Gründe. Erstens schnarcht die Wirtschaftsredaktion von Tamedia vor sich hin, trotz des unermüdlichen Arthur Rutishauser. Zweitens wendet man sich zuerst an Hässig, wenn man Interna zu enthüllen hat. Weil man weiss, dass der Mann sich traut, die auch rauszuhauen. Obwohl er damit immer wieder existenzgefährdende Rechtshändel riskiert.

So wie beim Anlass des Artikels. Der rachsüchtige Kompagnon von Pierin Vincenz hat als Privatkläger die Staatsanwaltschaft mehrfach dazu gezwungen, eine absurde Ermittlung wegen einer angeblichen Verletzung des Bankgeheimnis wieder aufzunehmen. Das führte zu einer Razzia bei Hässig. Ein Schlag ins Wasser, denn sein Antrag auf Versiegelung des abtransportierten Materials hatte Erfolg.Auf den Kosten, wie auch in seinem epischen Streit mit der UBS, bleibt er jeweils sitzen. Wie sagt Hässig so richtig:

«Wenn ich eingeklagt werde, kann ich anfangen, 1000er-Noten rauszuschmeissen

Dass er allerdings in Überdehnung des Rechts auf freie Meinung seine Kommentarschreiber an der ganz langen Leine hält, was ihm schon schmerzliche Verluste bescherte, das sollte er besser in den Griff kriegen.

Ein Porträt ist immer seine subjektive Sache. Ein guter Porträtschreiber versucht, für den Leser ein möglichst realitätsnahes Bild des Porträtierten zu schreiben.

Da er Herr der Beispiele zur Charakterisierung und der ausgewählten Zitate ist, kann er dem Bild einen Spin geben, eine Färbung. Wenn er ein schlechter Porträtschreiber wie Tim Wirth ist. Ein Lohnschreiber, der nie im Leben auf die Idee käme, ein kritisches Porträt über seinen Big Boss Pietro Supino oder über den geldgierigen Coninx-Clan zu schreiben.

Und seitdem der bei ZACKBUM auf der Shitlist stehende besinnungslose Gesinnungsschreiber Philipp Loser mit einer unsäglichen Rempelei gegen den Konkurrenten Hanspeter LebrumentDer Alte auf dem Berg») baden ging, er sich dafür entschuldigen musste und der Artikel gelöscht wurde, traut man sich auch nicht mehr an die Konkurrenz heran.

Ausser, sie heisst Hässig. Was bleibt da als Framing? Wilder Typ, frauenfeindlich, haut oft Halbgares und News aus der Gerüchteküche raus, hat’s nicht so mit den Fakten. Obwohl er da und dort einen Primeur landet.

Man könnte genauso unfundiert eine Lobeshymne auf Hässig anstimmen. Journalismus als Jahrmarkt der Beliebigkeit. Wie man ein gutes Porträt schreibt, das lernt man heute offenbar weder am MAZ noch bei einem «Kompaktkurs der Henri-Nannen-Schule». Die immerhin noch so heisst, während der Henri-Nannen-Preis (den auch der «Spiegel»-Fälscher Relotius gewann), inzwischen in «Stern»-Preis umbenannt wurde.

Aber das wäre eine andere Geschichte.

Packungsbeilage: ZACKBUM-Redaktor René Zeyer publiziert regelmässig auf IP.

«Republik»-Rabulistik

Die Zahlen-Akrobaten vom Rothaus sind unverbesserlich.

«Wachsen gegen die Wahrscheinlichkeit», flötet die «Republik» in ihrem Newsletter. Und behauptet: «Die Republik wächst weiterhin. Seit Frühsommer 2024 steigt Ihre Anzahl, liebe Verleger, stetig an.»

Diese Behauptung hat einen planwirtschaftlichen Charme. Denn auch da gab es den Plan – und die Wirtschaft und die Wirklichkeit. Im Dezember 2024 machte sich ZACKBUM lustig über die Zahlen-Akrobaten, die es niemals schaffen, widerspruchsfrei über ihre wirtschaftliche Lage Auskunft zu geben.

Ob es ein paar «Verleger» mehr oder weniger hat, ob mit Sonderaktionen und Billigangaboten die Abzahlen aufgehübscht werden oder nicht: die bittere Realität ist, dass die Retter der Demokratie nur deswegen noch Kuschelatmosphäre für 8000 Franken im Monat spielen können, weil zwei reiche Erben mit tiefen Taschen Rangrücktritt bei ihren Darlehen erklärt haben. Oder auf Deutsch: das Geld ist aller Wahrscheinlichkeit nach futsch, macht ja nix.

Und so kuschelig ist die Atmosphäre schon lange nicht mehr. Christof Moser, der Gründer: rausgemobbt. Sein Nachfolger: abserviert. Ein Starreporter so ruppig und ohne Anhörung rausgepfeffert, dass es im Nachgang richtig teuer wurde für die «Republik».

Währenddessen tendiert die journalistische Leistung gegen null. Der ehemalige Starschreiber Constantin Seibt hat sich in einem Jahr genau 14 Mal zu Wort gemeldet. Entweder mit Sprachdurchfall (Rekord: 47’500 A) oder ungewöhnlich knapp (Kurzstreckenrekord: 6000 A).

Richtig abgehoben wird es bei den Plänen. 33’000 Abos, das Wolkenkuckucksheim einer Expansion nach Deutschland, wo 100’000 Abos zu holen wären. Umsatzzahlen, die nie erreicht, aber behauptet werden. Angebliche Skandale, die zusammenfallen wie ein Soufflee in der kalten Luft der Wirklichkeit.

So geht’s munter weiter. Die Anzahl der Abos steige stetig an, mit dieser Behauptung verabschiedet sich die «Republik» in den Sommer. Nun ja, alleine im März 2025 verliessen 2800 «Verleger» das lecke Schiff. Von Januar bis Juni kamen 6400 Abos jeglicher Art hinzu. Währenddessen verliessen 5970 Zahler den Verlag. Ein Zugewinn von schlappen 430 Wildentschlossenen. Kann man als stetigen Anstieg verkaufen.

Die ausgewiesene Gesamtzahl dümpelt bei knapp 29’000 vor sich hin, selbst die einstmals als überlebensnotwendig behauptete Zahl von 30’000 scheint unerreichbar.

Was nicht schrumpft, ist die Payroll. 45 Nasen ruhen sich auf ihr aus, darunter ein «Head Growth Marketing», einer für «Community Support», ein «Projektleiter Klimalabor» (dem geht’s ungefähr so gut wie dem Klima), und gleich zwei teilen sich in die Chefredaktion. Dazu kommen 17 «regelmässige Mitarbeiter», darunter einer für die «Gesamtkonzeption». Dann hätten wir noch die Geschäftsführung, drei Nasen Overhead und den vierköpfigen Verwaltungsrat, den mal Roger de Weck präsidieren sollte.

Als der sich etwas genauer mit dem Thema Verantwortlichkeit eines VR beschäftigte, suchte er das Weite.

Geblieben sind alles in allem 70 bezahlte Ladies and Gentlemen und wohl auch einige beyond.

Nichts ist nebensächlich genug, um als Steckenpferd zu Tode geritten zu werden. Gibt es aber einen Anschlag auf die Pressefreiheit durch die Razzia auf den Finanz-Blog «Inside Paradeplatz», dann schweigt die «Republik». So wie die meisten Medien in der Schweiz lieber ihr Mütchen am «umstrittenen» Herausgeber Lukas Hässig kühlen, der im Alleingang diverse Skandale aufdeckte. Mehr als die 70 Cracks im Rothaus.

Vielleicht wäre es sinnvoller und ehrlicher, als ständig grosse Töne zu spucken, sich auf die Herausgabe einer Hauszeitung an der Langstrasse zu beschränken. Denn irgendwann sollte man diesem Leiden ein Ende machen.

Razzia bei „Inside Paradeplatz“

Eine gefährliche Justizposse.

Die Vincenz-Affäre klebt dem Herausgeber von IP wie ein Stück Hundekot an der Schuhsohle.

Neben vielen anderen Scoops enthüllte Lukas Hässig vermutlich krumme Geschäfte des gefallenen Raiffeisen-Stars Vincenz und seines Kompagnons Beat Stocker.

Das führte zur ersten Verurteilung eines führenden Bankers zu Knast. Sein Bundesgenosse kassierte sogar eine noch höhere Strafe. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, weil sich hier eine weitere Justizposse entfaltete, verursacht durch einen überforderten Staatsanwalt und Sänger.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete 2019 ein Verfahren gegen IP wegen vermuteter Verletzung des Bankgeheimnisses. Hand dazu bietet eine gemeingefährliche Verschärfung dieses Tatbestands aus dem Jahr 2015.

Wenn eine Grossbank wie die UBS unter gütiger Mithilfe des Bundesrats via Notrecht das Bankgeheimnis pulverisiert und tausendfachen Kundenverrat begeht, ist das kein Anlass für eine Strafuntersuchung.

Wie anders als aus mutmasslichen internen Quellen der Bank Bär konnte Hässig es wagen, diesen Skandal öffentlich zu machen.

Normalerweise ist es klar, dass das öffentliche Interesse an solchen Schwiemeleien genügt, um Strafuntersuchungen abzuklemmen.

Zudem ist es in diesem Fall völlig unklar, ob nicht eine Drittperson IP diese Informationen zur Verfügung stellte. Also sistierte die Staatsanwaltschaft 2021.

Dagegen erhob Stocker als Privat-Anzeigeerstatter Einsprache vor dem Obergericht. Und bekam Recht. Die Staatsanwaltschaft sistierte mit ausführlicher Begründung 2023 ein zweites Mal.

Stocker, mit dem Blick fürs Wesentliche, rekurrierte ein zweites Mal, wieder erfolgreich.

Im Herbst 2024 eröffnete die STA III erneut ein Strafverfahren.

Gedrängt von Stockers Anwalt verfügte sie im Mai 2025 eine Hausdurchsuchung von Hässigs Büro und seiner Wohung.

Das fand am 3. Juni statt. Hässig beantragte sofortige Siegelung der behändigten Unterlagen und Geräte.

Immerhin konnte er im Bericht lesen: „In der aufgeräumten Wohung konnten keine weiteren Sicherstellungen erhoben werden.“

Jahre nach der Aufdeckung des Skandals muss sich Hässig weiterhin mit dieser Zwängerei herumschlagen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ergebnislos enden wird.

Das kostet Geld, Zeit und Nerven. Und ist ein weiterer Skandal in dieser an Skandalen überreichen Affäre.

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert regelmässig auf IP.

Jammern auf billigem Niveau

«Inside Paradeplatz» begrüsst einen neuen Mitautor.

Mark van Huisseling ist sonst eher dafür bekannt, dass er (Markenzeichen Nebensätze in Klammern) in der «Weltwoche» und anderswo die Schönen und Reichen und ganz schön Reichen und die Prominenten mit genau der richtig dosierten Menge an Ironie begleitet, die sie noch vertragen.

Da erzählt er auch gerne von seinen Autos, Sonnenbrillen und sonstigen Statussymbolen. Nun taucht er aber erstaunlicherweise als Autor bei «Inside Paradeplatz» auf. Obwohl zuvor noch nicht wirklich als Finanzspezialist aufgefallen, poltert er hier: «Lykke-Pleite: Gründer Olsen droht Strafantrag».

Für Leser, die mit Bitcoins und anderen Blockchain-Währungen nicht auf Du und Du sind: das ist so ein Krypto-Handelsplatz, wo man diese virtuellen Währungen handeln kann. Denn bei allem Faszinosum von Bitcoin & Co.: Die Anwendung im täglichen Leben ist eher beschränkt, die Hoffnung auf Währungsgewinne unbeschränkt. Und gerade hat doch Bitcoin die Marke von 100’000 Dollar durchstossen.

Wobei die einzige Wahrheit bislang in dieser Welt ist: Kryptowährungen sind für Leute, die «no risk, no fun» als Lebensmotto haben. Nun ist es gemeinhin so, dass der Gentleman und auch der Beobachter der High Society geniesst und schweigt. Oder aber leidet und schweigt.

Aber nicht so van Huisseling. Der drischt auf IP kräftig auf den Krypto-Opa Richard Olsen ein:

«Am Freitag vergangener Woche schloss Richard Olsen, Gründer und CEO von Lykke, seinen Krypto-Handelsplatz. Seither können Kundinnen und Kunden des Schweizer Unternehmens ihr Wallet, eine elektronische Brieftasche, nicht mehr öffnen.»

Das ist natürlich furchtbar für die Betroffenen, darauf muss die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gelenkt werden, auch auf IP. Da jammert Mark (wir sind per du, wieso das hier ändern): «Man bekommt dann zwar recht als Gläubiger, aber kein Geld. Stattdessen einen Verlustschein, der sich zum Aufhängen über der Toilette eignet, beispielsweise.»

Ds ist ja schon furchtbar, aber Mark hat auch keine gute Meinung von unseren Strafverfolgungsbehörden: «Bei uns geht es darum, einen allfälligen Täter zu schützen, nicht seine Opfer, so sieht’s aus. Einige Geschädigte wählen deshalb einen anderen Weg, den sogenannten Strafantrag

Das hätte laut Mark den Vorteil, dass die Geschädigten direkten Zugriff auf das persönliche Portemonnaie von Olsen hätten.«Der Nachteil: Noch ist unklar, ob Olsen, ein Urenkel von Julius Bär, dem Gründer der Zürcher Privatbank, Geld hat (ein Steuerauszug von ihm wurde angefragt)».

Das ist ja alles ganz furchtbar für die Betroffenen, denen man höchstens vorwerfen könnte, dass sie zu blöd waren, die Handelsplattform, die ihre Kryptowährung verwaltet, genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn bei allen unbestreitbaren Vorteilen, die Kryptowährungen haben: wer bei einer Schweizer Bank Schweizerfranken deponiert hat, kann davon ausgehen, dass er einen Teilbetrag (oder den vollen Betrag bei Voranmeldung) problemlos in Cash ausgezahlt bekommt. Das ist bei Kryptos definitiv anders.

Aber zurück zu Mark. Irgendwo im Artikel outet er sich in einer seiner legendären Klammerbemerkungen:

«(Enthüllung: Ich bin Geschädigter sowie Mitglied einer Gruppe, die einen Strafantrag vorbereitet.)»

Dann wird Mark, der Demagogie aus eigener Betroffenheit nicht abgeneigt, noch richtig fies: «Die nachdenkliche Nachricht zum Schluss: In Amerika wurde ein Krypto-Plattformbetreiber mit Namen Sam Bankman-Fried wegen Taten, die teilweise vergleichbar sind, zu über zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt.»

Meine Güte, aus Verzweiflung ein Vergleich mit der US-Wildwest-Justiz, die absolut und in keiner Form auf die Schweiz übertragbar ist?

Disqualifiziert ihn das, einen anklägerischen Artikel darüber zu schreiben, wie ihm selbst Geld abhanden kam? Disqualifiziert ihn das, darüber zu schreiben dass er sich hübsche Extraprofite in einem volatilen Markt erhoffte? Disqualifiziert ihn  das, weil er offensichtlich in eigener Sache medialen Druck aufbauen möchte?

Ja, das disqualifiziert ihn und leider auch ein wenig IP, das dieses Selbstmitleidgejammer veröffentlicht.

 

Die CS als Spionage-Nest

Unvorstellbar, wenn diese Enthüllung der NZZ zutrifft.

Sicherlich, die alte Tante ist von einem Kläger angefüttert worden, der eine parteiische Sicht hat. Aber seine Klage in den USA, die er der NZZ zukommen liess, enthält Sprengstoff.

Er wirft kurz gesagt dem ehemaligen CS-Boss Tidjane Thiam vor, er habe ihn unter Benützung der entsprechenden CS-Infrastruktur ausspionieren lassen. Hintergrund sei, dass Thiam ein verborgenes Liebesverhältnis mit der damaligen Ehefrau (und heutigen Partnerin von Thiam) des Ausspionierten gehabt habe.

Erst 2019, als weitere Spionageaffären Thiams ans Licht kamen (was ihm letztlich den Job kostete), habe der Betroffene bei der CS nachgefragt, ob man auch ihm nachgestellt habe. Ihm sei versichert worden, dass das nicht der Fall sei. Aber der Mann liess, nach einem hässlichen Scheidungsverfahren mit seiner Frau, nicht locker. Und kam so in Besitz von Dokumenten, die eine solche Überwachung belegen.

Nun klagt der gehörnte Ehemann in den USA, weil ihm ausgehändigte Dokumente auf einem Microsoft-Server gespeichert waren. Das reicht für einen Gerichtsstand, und in den USA ist seine Forderung nach 15 Millionen Dollar Schadenersatz eher moderat – und für die UBS als Rechtsnachfolger der untergegangenen CS Peanuts.

Erschreckend ist aber, welche Unkultur in der CS hier zum Vorschein kommt. Die ganze Blase platzte, als «Inside Paradeplatz» enthüllte, dass der offensichtlich paranoide Thiam seinen abgesprungenen Starbanker Iqbal Khan so tölpelhaft überwachen liess, dass der das merkte. Der verantwortliche private Sicherheitsmann wurde als erster Sündenbock geopfert – und beging Selbstmord.

Als nächstes liess Thiam seinen Sicherheitsgurt- und Stabschef Pierre-Olivier Bouée über die Klinge springen. Als sich dann herausstellte, dass Khan kein Einzelfall war, sondern Thiam (der natürlich von nichts wusste) auch seinen Personalchef überwachen liess, war dann Ende Gelände für den machttrunkenen Chef. Der natürlich keine Schuld bei sich selbst sah, sondern verbittert die Karte Rassismus spielte. Er als Schwarzer sei bei den weissen CS-Häuptlingen nie gut gelitten gewesen.

In erster Linie war es aber sein Versagen beim Umbau der CS, das ihn die Stelle kostete. Vielleicht ist er tatsächlich als möglicher nächster Präsident der Elfenbeinküste besser aufgehoben.

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass erst Thiam einen ganzen Spitzelapparat in der CS installierte. Offenbar gehörte das schon lange zum Business as usual. Diverse Privatdetektive auf dem Platz Zürich lebten lange Jahre ziemlich gut von Aufträgen der misstrauischen Bank.

Nachdem schon ein kindischer Nachbarschaftsstreit zwischen Khan und Thiam öffentlich wurde, samt testosterongeschwängertem Rencontre bei einer Party, wo man die beiden offenbar nur knapp davon abhalten konnte, lautstarke Meinungsverschiedenheiten draussen körperlich fortzusetzen, wirft das alles ein schreckliches Licht auf die Zustände in der Chefetage.

Schon 2019, als die Spionageaffäre aufflog, hatte die CS ernsthafte Probleme. Laut dem aktuellen VR-Präsidenten der UBS war sie schon damals eigentlich nicht mehr alleine überlebensfähig.

Die Hütte brennt, es geht um die Zukunft der altehrwürdigen Credit Suisse, gegründet vom Schweiz Überunternehmer Alfred Escher. Alle Mann an Deck, es müsste dringlich eine Überlebensstrategie her.

Stattdessen fängt der Boss ein Techtelmechtel mit einer verheirateten Frau an, was zu einer hässlichen Scheidung führt. Danach verschwendet er Zeit und Energie drauf, seinem ehemaligen Nebenbuhler nachspionieren zu lassen. wie ein nicht freiwillig herausgegebener E-Mail-Verkehr belegt. Aber nicht nur das, solches Nachspionieren scheint bei der CS durchaus üblich gewesen zu sein.

Da wurde nicht ein einsamer Privatdetektiv engagiert, der wie weiland Sam Spade oder Philipp Marlowe ans Gerät geht. Sondern es gab offensichtlich eine entsprechende Infrastruktur in der Bank, wo Mitarbeiter weltweit (in diesem Fall unter anderem in Hongkong) in Marsch gesetzt wurden.

Lukas Hässig stellt mal wieder die richtigen Fragen:

«Wie konnte es so weit kommen, dass die Bank von Alfred Escher, das Kreditinstitut des stolzen Zürich, sich in einen Verschnitt aus DDR und Rumänien verwandelte?
Wie viel mehr Leute liessen die CS-Oberen beschatten, aus welchem Grund, bis wie weit oben in der Hierarchie wusste man davon? Waren Urs Rohner und Severin Schwan von der Roche, die zwei Kapitäne im VR, auch im Bild

Aber vielleicht funktioniert hier noch das Bankgeheimnis. Und die Versagerräte bekommen nicht noch mehr dunkle Flecken auf ihren weissen Westen.

Eine Meldung und ihre Geschichte

Wie fast immer: Lukas Hässig und sein «Inside Paradeplatz».

Ein Rollstuhlfahrer kommt zur ZKB Bülach und will ein Konto eröffnen. Dafür werden ihm einige Fragen gestellt, heutzutage läuft das unter dem Kürzel KYC, know your customer, kenne deinen Kunden. Könnte ja ein verkappter Terrorist sein. Ein Oligarch. Ein Händler von Blutdiamanten. Also wird der Schweizer gefragt, ob er Mitglied einer Partei sei. Ist er, findet aber, dass das die ZKB schlichtweg nichts angeht.

Da geht er die ZKB nichts mehr an: «Ohne Offenlegung könne sie ihm kein Sparkonto eröffnen, beschied sie (eine ZKB-Angestellte, Red.) dem Mann», zitiert Hässig aus dem Politblog «Die Tribüne» eines Ex-SVP-Kantonsrats.

Wäre eigentlich eine Story, der ein Qualitätsmedium unbedingt nachgehen sollte. Vor allem eines, das über eine riesige Lokalredaktion mit eigener Chefredaktion verfügt. Aber i wo, die sind wohl alle damit beschäftigt, Reise nach Jerusalem zu spielen.

Nur IP (und ZACKBUM) haben bei der ZKB nachgefragt, wie man sich denn das erklären könne. Und bekamen gleichlautende Antworten von der Medienstelle:

«Bei Eröffnung einer neuen Geschäftsbeziehung sind Banken aufgrund des Geldwäschereigesetzes regulatorisch verpflichtet, politisch exponierte Personen (PEP) zu erkennen. Darunter fallen Personen, die auf nationaler Ebene führende öffentliche Funktionen in Politik, Verwaltung, Militär und Justiz innehaben. Nicht relevant ist das Engagement als Parteimitglied ohne Führungsfunktion auf nationaler Ebene.»

Eigentlich sind PEP zum Beispiel der Potentat einer Drittwelt-Diktatur, zwielichtige Figuren wie Maduro oder x-beliebige Herrscher aus Afrika, Asien oder Lateinamerika. Aber könnte sich in einem behinderten Schweizer ein potenzieller Potentat und Drogenhändler verbergen? Das weiss man natürlich nie, und dann hilft für alles:

«Aufgrund des Bankkundengeheimnisses können wir den konkreten Sachverhalt nicht kommentieren. Sollte in einem Einzelfall eine missverständliche Formulierung gewählt worden sein, bedauern wir dies.»

Es scheint aber keine missverständliche Formulierung gewählt worden sein, sondern das Onboarding, wie man das auf Banglisch nennt, wurde schlichtweg abgebrochen, der potenzielle Neukunde abgelehnt.

Ist das die feine Art? Sollte so eine Bank mit Staatsgarantie einen Neukunden behandeln? Wäre es nicht eine Geste, die abgebrochene Kontoeröffnung fortzusetzen und dem Kunden zum Einstand ein Goldvreneli zu schenken? Plus ein Jahr Gebührenbefreiung?

Das würde sich die ZKB vielleicht überlegen, wenn es einem Massenorgan einfiele, auf die Geschichte aufzuspringen, die ja nicht nur für Hässig frei erhältlich ist. Aber ausser der WeWo (und ZACKBUM) macht das niemand.

Im Elendsjournalismus, wo ein angebliches ungebührliches Verhalten eines ETH-Professors mit unglaublichem Gezeter zelebriert wird, als sei hier ein neuer «#metoo»-Fall aufgetaucht.

Camouflage

Die halbe Miete im modernen Journalismus.

Beginnen wir mit dem Paradebeispiel. Tamedia übernimmt einen grossen Teil seines Contents aus München. Von der Auslandberichterstattung bis zu Gedanken über Katzen des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters.

Ist allerdings Deutschland die Schweiz? Bayern der Kanton Bern? München wie Zürich? Nicht ganz, eher nicht. Also betreibt der Medienkonzern Camouflage, räumt die ß aus den Texten, schweizert ein oder schreibt um, was sich zu sehr nach Germanismen anhört. Werden die Texte dadurch besser, lesenswerter, kann man es verantworten, von einem Schweizer Publikum dafür Geld zu verlangen?

Probieren kann man’s.

Zwei Autoren der Süddeutschen Zeitung echauffieren sich, nachgedruckt von Tamedia, über angeblich raue Sitten im englischen Journalismus, inklusive Hacken von Mailaccounts. Dass das Gleiche in der eigenen Redaktion von der eigenen Chefredaktion getan wurde – Camouflage, kein Wort drüber.

Judith Wittwer wurde 2020 nach München in die Chefredaktion der SZ entsorgt. Seither tritt sie öffentlich kaum in Erscheinung, schwieg auch beharrlich bei der Plagiats-Affäre ihrer Stellvertreterin. Sie ist offenbar eine Camouflage-Chefin.

Ringier betreibt zusammen mit Tamedia (also mit Tx oder wie das im Moment heisst) monopolähnlich Homegate, Autoscout, Ricardo. Bewertung für einen Börsengang der Firma Swiss Marketplace Group (SMG) 3 Milliarden; bei Tx regnete es eine Sonderdividende rein (und killte die Subventionsmilliarde, nebenbei).

Aber zu viel Gier ist auch nicht gut. Wie «Inside Paradeplatz» als erster meldete, hat der Schweizerische Verband der Immobilienwirtschaft (SVIT) beschlossen, «keine Werbe-, Sponsoring- und sonstige Leistungsvereinbarungen mit der Swiss Marketplace Group AG und seinen Organisationen» mehr abzuschliessen, bestehende zu kündigen. Damit reagiert der SVIT auf freche Preiserhöhungen der SMG, die meinte: bei uns muss man inserieren, so what.

Nun bleibt als Hoffnung der Verlegerclans noch eine Neuauflage des Medien-Förderungsgesetzes, die ihnen dringend benötigte Kohle (so eine neue Yacht ist nicht billiger als ein neuer Privatflieger) in die Kassen spülen soll. Denn Qualitätsjournalismus kostet.

Liest man darüber etwas bei den vielen Kopfsalatblättern oder bei Ringier? Camouflage.

Der Lebrument-Clan in der Südostschweiz ärgert sich mit dem ewigen Radiopiraten Roger Schawinski herum. Der hatte dem siegessicheren Clan die lokale Radiokonzession vor der Nase weggeschnappt. Und gibt seinem neuen Sender den Namen «Radio Grischa», weil den die Lebruments mehr als 5 Jahre lang nicht mehr benutzt haben. Nun versuchen sie mit allen Mitteln, also vor allem mit juristischen Winkelzügen, Schawinski Kosten zu verursachen und den Sendestart zu verzögern. Liest man darüber etwas in ihren lokalen Monopolblättern? Camouflage.

Die «Weltwoche» veröffentlicht seitenlang ein Gespräch des Chefredaktors Roger Köppel mit Wladimir Solowjow. Der sei «der Superstar des russischen Polit-Fernsehens». Und darf nun ungebremst hanebüchenen Schwachsinn in der WeWo verbreiten. Camouflage: «Mit den Russen redet niemand. Das ist falsch. Als Schweizer muss man allen Seiten zuhören, sonst ergibt sich ein einseitiges Bild.» Allerdings hat Köppel das mit dem Zuhören etwas zu wörtlich genommen. Denn immerhin unterscheidet sich westlicher Journalismus von russischem doch dadurch, dass in Interviews manchmal kritische Fragen gestellt werden.

Aber gut, ein Text von Daniel Ryser wäre noch schlimmer, so ist alles relativ. Dafür hat’s in der gleichen WeWo einen von Tom Kummer. Sehr relativ …

Bislang war der Text eher traurig, daher ein paar Schmonzetten Solowjows zur Erheiterung:

«Ich bin die reinste Form eines Journalisten … Ihr (Europäer, Red.) tut uns leid … Europa führt wieder einmal Krieg gegen Russland, zum dritten Mal seit Napoleon und Hitler … Wir sagten Selenskyj, er solle aufhören, Menschen zu töten. Dann begannen wir unsere begrenzte militärische Operation … Gemäss den Verträgen, die wir unterzeichnet haben, war das zu 100 Prozent legal … Alles, was wir tun, tun wir auf der Grundlage des Völkerrechts, auf der Grundlage von Verträgen … Es spielt keine Rolle, wie lange es dauert. Wir werden gewinnen.»

Gut, ZACKBUM will ein Einsehen haben und das Zwerchfell schonen. Doch, ein Absackerchen geht noch; wie tickt eigentlich Putin? «Es geht ihm nicht um Geld. Nicht um Eigentum. Sie finden keine Korruptionsskandale. Die Russen sehen, wir er lebt, arbeitet, was er besitzt. Bei Putin geht es um Werte.»

ZACKBUM wälzt sich auf dem Boden vor Lachen, japst um Hilfe. Und bittet inständig: weniger Camouflage im Journalismus. Please. Bitte. пожалуйста.