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Gut, gibt es die FT

Denn die «Financial Times» erledigt nebenbei die Hausaufgaben in der Schweiz.

Selten war die Fallhöhe zwischen kompetenter Berichterstattung und Amateurliga so eklatant sichtbar wie im Fall der russischen Verwicklungen der Credit Suisse.

Tamedia-Oberchefredaktor Arthur Rutishauser führt ein Interview mit dem als CS-VR zurückgetreten Roche-CEO Severin Schwan. Nach vielen Fragen, die sich verständlicherweise auf den Pharma-Konzern und seine Geschäfte im Osten beziehen, kommt dann tatsächlich noch diese Frage: «Gibt es bei der CS Russland-Risiken?» Antwort:

«Ja, wir haben proaktiv kommuniziert, wie hoch sie sind und dass sie beherrschbar sind.»

Das sollte, dürfte, müsste man nicht so stehenlassen. Ausser, man betreibt Journalismus in kurzen Hosen. Einiges härter recherchiert hier wie meistens der Ein-Mann-Finanzblog «Inside Paradeplatz». Lukas Hässig liest nämlich regelmässig die «Financial Times».

Die hat gerade vermeldet (Artikel hinter Bezahlschranke): «US-Parlamentarier haben verlangt, dass die Credit Suisse Einzelheiten über ihren Umgang mit Sanktionen gegen russische Oligarchen offenlegt, nachdem die Bank Investoren aufgefordert hatte, Dokumente im Zusammenhang mit Vermögenswerten ihrer reichsten Kunden zu vernichten.»

Hässig legt nun nach und nimmt sich die Russland-Connection der CS nochmals zur Brust: «Babak Dastmaltschi ist einer der absoluten Bigshots der Credit Suisse. Der Chef für Russland hat der Grossbank am Paradeplatz Jahr für Jahr Millionen an Einnahmen beschert.»

Kredite für Jachten und Jets; auf den Bermudas muss die CS eine Schadenersatzzahlung von 500 Millionen Dollar an Russenkunden befürchten, die von einem CS-Mitarbeiter abgezockt worden waren.

Die Nerven liegen bei der CS blank

Dass gegenüber Hässig die Nerven blank liegen, belegt er selbst mit dem Zitat aus einem Mahnschreiben der bewährten Kanzlei Wartmann Merker. Wenn man von denen Post kriegt, weiss man, dass man auf einer richtigen Fährte ist. Hier wollen sie jede Erwähnung des Namens des «Chairman of Strategic Client Partners and Co-Head of Investment Banking Advisory» untersagen, der sei keine Person der Zeitgeschichte:

«Damit wäre eine namentliche oder anderweitige personenbezogenen Nennung von Herrn Dastmaltschi auf Inside Paradeplatz rechtswidrig.»

FT, IP, und dann kommt lange, lange gar nichts in der Schweiz. Ausser Elend und Wüste. Und das scheinheilige Wundern, wieso man denn ständig zahlende Leser verliere.

 

 

 

Wumms: Rena Zulauf

Das gibt rote Bäckchen. Eine Klatsche nach der anderen.

Für ihre Mandantin Jolanda Spiess-Hegglin hat die in der NZZaS hochgejubelte «geschickteste Medienanwältin der Schweiz» eine Klatsche nach der anderen abgeholt. Weiterzug eines Urteils ans Zuger Obergericht: völlige Niederlage mit schmerzlicher Kostenfolge. Klatsch.

Weiterzug eines Urteils über das präventive Verbot einer Buchpublikation: Das Bundesgericht belehrte Anwältin Zulauf, dass sie nicht mal ihre Hausaufgaben gemacht hatte. Peinlich. Klatsch.

Auch ihr Einsatz für Patrizia Laeri ist nicht gerade von Erfolg begleitet. RA Zulauf reichte gleich zwei Klagen gegen «Inside Paradeplatz» ein, eine vor dem Handelsgericht und eine vor dem Bezirksgericht. Das brachte beide Kammern schon mal in Wallungen, die sich jeweils provisorisch für zuständig erklärten, um zwei verschiedene Urteile in der gleichen Sache zu vermeiden.

Zulaufs Antrag, einen kritischen Artikel über ihre Mandantin superprovisorisch und vollständig zu löschen, wurde abgelehnt. Das Bezirksgericht gestand ihr nur die Löschung einiger weniger Punkte provisorisch zu. Klatsch.

Nun hat das Handelsgericht in Sachen unlauterer Wettbewerb mit 13-seitiger Begründung alle vier eingeklagten Punkte abgewiesen. Klatsch, klatsch, klatsch, klatsch. Vor allem machte das Handelsgericht klar, dass eine kritische Berichterstattung über die Performance eines von Laeris elleXX-Firma beworbenen Fonds durchaus erlaubt ist.

Insbesondere zu den Kosten schrieb das Gericht Laeri und Zulauf ins Stammbuch: «Die beanstandete Stelle ist somit nicht unlauter. Im Gegenteil wird die wichtige Thematik der hohen Kosten korrekt dargestellt.»

Das Urteil kann noch ans Bundesgericht weitergezogen werden. Klatsch.

Apropos Kosten. Alleine das Urteil des Handelsgerichts kostet Laeri 10’000 Franken; Gerichtsgebühr plus Parteientschädigung an IP. Plus natürlich die happigen Honorare ihrer Anwältin.

Ach, auch ZACKBUM ist mit einer ganzen Klageflut durch Zulauf überzogen worden. Resultate bislang sehr überschaubar, in einem Fall bereits eine Klatsche abgeholt. Fehlen noch drei weitere …

 

Wumms: Lukas Hässig

Der Ritterschlag: ein Porträt in der NZZ

Noch besser für den Betreiber des Finanzblogs «Inside Paradeplatz»: vom Titel an ist es ein nicht unkritisches, aber freundliches Porträt geworden. «Recherchen und Krawall – Lukas Hässig ist der Schrecken der Mächtigen, aber sein Übermut bringt ihn oft in Schwierigkeiten».

Das hat was, aber Hässig fährt seit zehn Jahren einen scharfen Reifen mit seiner Enthüllungsplattform. Dass dabei manchmal Gummi liegenbleibt, ist sozusagen Geschäftsrisiko.

Die Liste seiner Erfolge ist zudem lang und beeindruckend. Pierin Vincenz stünde ohne ihn nicht vor Gericht. Tidjane Thiam wäre vielleicht immer noch CEO der Credit Suisse. Daniel Vasella hätte sich an einer Abgangsentschädigung von 72 Millionen für Nichtstun erfreuen können.

Aktuell ist Hässig lediglich von Patrizia Laeri eingeklagt; dafür gleich zweimal, aber ohne grosse Aussichten, dass sie mit ihren Vorwürfen von Sexismus und Rufschädigung durchkommt.

So nebenbei ist Hässig auch gegen das Medienpaket, wie die Reaktion der NZZ. Daher wird ihm am Schluss ein verdientes Kränzchen gewunden:

«Sein Portal will er auch künftig allein über Werbung und Beiträge für einzelne Artikel finanzieren. Dies, obwohl er mehr Skandale aufgedeckt und mehr zur Kontrolle der Mächtigen beigetragen hat, als alle kapitalismuskritischen Zeitungen und Online-Portale zusammen, die derzeit am lautesten nach staatlicher Förderung schreien.»

 

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert ab und an auf «Inside Paradeplatz».

 

Es darf gelacht werden: Blattschuss

Bei Ringier geht’s zu wie weiland bei der Credit Suisse. Walder zum zweiten Mal getroffen.

Hinterlass keine Spuren. Das gilt nicht nur bei Verbrechen. Es gibt Anweisungen, Mitteilungen, Befehle, die unbedingt nur mündlich erteilt werden sollten. Und auch nur unter vier Augen.

Plausible Deniability heisst das auf Englisch. Wirklich nicht wissen oder so tun als ob. Nur so kann im Brustton der Überzeugung abgestritten werden. Ich? Soll das gesagt haben? Niemals. Schon die zweite Verteidigungslinie «ist aus dem Zusammenhang gerissen» ist erbärmlich. Die dritte «war nicht so gemeint, ist doch gar nix», die gleicht dann schon einem Röcheln und Wimmern.

Nun müssen die Verlegerclans eine ganze Reihe von Tiefschlägen hinnehmen. Ihre Abstimmungskampagne ist unterirdisch schlecht. Wenn der Big Boss von Tamedia ohne Rücksichten auf die Trennung von Verlag und Redaktion selbst in die Tasten greift und in all seinen Kopfblättern für die Annahme der Medienmilliarde wirbt, weil das die Unabhängigkeit garantiere, macht Pietro Supino sich und seine Organe lächerlich.

Die grüne Nationalrätin Aline Trede weibelt wie wild für das Medienpaket und die Unterstützung von Online-Medien – während ihr Gatte genau so eines darauf hinschnitzt, dass es für die «Hauptstadt» viele Steuerbatzeli geben könnte.

Marc Walder muss verdeckt im Referendumskomitee arbeiten

Aber den Vogel hatte Marc Walder abgeschossen, der sich dabei aufzeichnen liess, wie er («das sollte in diesem Kreis bleiben») stolz verkündete, dass er seinen Redaktionen Anweisungen gegeben habe, möglichst regierungstreu über die Pandemie zu berichten.

Marc Walder. Geheim im Referendumskomitee?

Wenn ein Befürworter und ein Gegner des Geldregens im «Blick» gegeneinander antreten, dann ergibt die Publikumsabstimmung 75 Prozent Zustimmung für den Initiator des Referendums. Tschakata.

Der gesammelten Wirkkraft von Duopolmedien, den gesammelten Anstrengungen wohlbestückter Teppichetagen, dem gemeinsamen Bemühungen von Mietschreibern und Claqueuren gelingt es nicht, die öffentliche Meinung so zu bearbeiten, dass die Abstimmung gewonnen werden könnte.

Geld und Medienmacht, selten war grösseres Versagen.

Eine Klatsche nach der anderen

Herausragend dabei allerdings Walder. Kaum ist die desaströse Wirkung seiner Videobotschaft etwas verraucht, kommt schon der nächste Hammer. «Inside Paradeplatz» wurde mit einem Mail angefüttert, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Es ist ein Mail, wie man es niemals schreiben sollte – wenn man als Manager nicht von allen guten Geistern verlassen ist. Aber offensichtlich war Walder am Anfang der Pandemie im Panikmodus:

«Wenn die Menschen in der Schweiz nun den sozialen Kontakt nicht radikal verringern, dann droht der Schweiz eine medizinische Katastrophe»,

hyperventilierte er an die Adresse der Führer der anderen Medienclans, gerichtet auch an zwei eigene Nasen in der Chefetage, die völlig überflüssigen Ladina Heimgartner und Alexander Theobald.

Darin forderte er alle auf, nach Kräften die Kampagne des Bundesrats «Bleiben Sie zuhause» zu unterstützen. Er selbst tue das nach Kräften: «Wir werden … die Front-Seiten dafür zur Verfügung stellen.»

Wenn es noch einen Sargnagel für den Deckel über der Behauptung gebraucht hätte, dass der Verlag die Unabhängigkeit der Redaktionen respektiere …

Wenn es noch einen Sargnagel gebraucht hätte, dass sich die Medien nicht im Zweifelsfall zum Büttel des Bundesrats machen lassen («Bundespräsidentin Sommaruga liefert einen Text (2700 Zeichen), eine Art Rede zur Nation heute Nachmittag. Ich werde ihn Euch umgehend zukommen lassen») …

Es erstaunen vier Dinge:

  1. Die unverfrorene Offenheit, mit der Walder eine regierungshörige Kampagne in eigenen Blättern und bei Tamedia, CH Media und SRG schüren will.
  2. Der alarmistische Panik-Tonfall eines hyperventilierenden Tropfs, der Mass und Mitte verloren hat. Als Chef …
  3. Die schreckliche Dummheit, das unter eigenem Namen und mit offener Empfängerliste abzuschicken.
  4. Wie undicht die Teppichetagen der Medienhäuser sind.

Wie im Fall Horta-Osório stellt sich die interessante Frage, wer dieses Dokument des Grauens an IP durchgestochen hat. Dafür kommen alle Empfänger sowie die jeweilige Entourage in Frage, da man als wichtiger Chef normalerweise E-Mails lesen lässt.

Auf der anderen Seite hat jeder Chef eine private E-Mail-Adresse, meistens auch noch zusätzlich geschützt, also bei Proton, Signal, usw. Walder hat aber jeweils die offiziellen Anschriften gewählt. Unglaublich.

Das ist etwa so bescheuert, wie wenn er auch hier noch erwähnt hätte, dass das bitte schön im kleinen Kreis bleiben solle. Hier schrieb er aber: «Bitte umgehend distribuieren in Euren Redaktionen».

Vielleicht hat da ein arbeitsfauler Medienlenker gedacht: distribuieren, okay, dazu gibt es doch diesen Knopf «weiterleiten».

Bei CH Media kam die Redaktion völlig unabhängig auf diese Idee …

Auf jeden Fall: solche Gegner wünscht man sich in einer Abstimmungsschlacht. ZACKBUM dachte immer, Hansi Voigt auf der anderen Seite, das sei schon die Höchststrafe für die. Aber nach diesem noch kräftigeren Schlag ins Kontor müssen wir sagen: sollte Marc Walder jemals als unser Kampfgenosse auftreten, kriegten wir echt Schiss.

Was bleibt: findet man wenigstens hier den Heckenschützen? Muss Michael Ringier schon wieder selbst in die Tasten greifen? Bietet Walder zum zweiten Mal seinen Rücktritt an? Wird er diesmal angenommen? Gründen Pascal Hollenstein und Walder eine Beratungsfirma mit dem unschlagbaren Slogan:

«Vermieten Sie uns an Ihre Gegner, dann gewinnen Sie!»

 

Immerhin, es darf nun wirklich gelacht werden.

Nicht mit Hässig

Meist keine gute Idee, ihn einzuklagen. Der besinnliche Sonntagstext.

Schon viele Finanzhäuser mussten die bittere Erfahrung machen: kommt man Lukas Hässig und seinem Finanzblog «Inside Paradeplatz»* juristisch, stellt er sich auf die Hinterbeine.

Die Absicht solcher Klagen ist meistens glasklar: Es geht gar nicht um den eingeklagten Anlass. Sondern darum, einen Blogbetreiber mit Gerichts-und Anwaltskosten in die Knie zu zwingen.

Das ist leider der neue Ansatz von Angegriffenen. Grosse Medienhäuser neigen inzwischen dazu, schnell einzuknicken, wenn ein Kritisierter mit einer einschlägig bekannten (und teuren) Anwaltskanzlei winkt.

Da wird dann schnell zu Kreuze gekrochen. ZACKBUM-Autor René Zeyer erlebte mal als Höhepunkt, dass ihn der grosse Tamedia-Konzern vor die Wahl stellte: wenn er das Prozessrisiko übernähme, dann würde die SoZ seinen Artikel nicht löschen.

Auch bei CH Media geht’s nicht viel anders zu; so löschte das «Tagblatt» einen kritischen Artikel über den Sherkati-Clan mit Sitz in St. Gallen – ohne den Autor auch nur vorab darüber zu informieren oder ihm Gelegenheit zur Gegenwehr zu geben. Denn im Artikel stimmte absolut alles – bis auf die Verwechslung eines Nach- und Vornamens.

Nebenbei: Dass der Artikel dennoch bis heute auffindbar ist, verdanken wir «Die Ostschweiz»*. Während aber das «Tagblatt» von der zusätzlichen Medienmilliarde profitieren würde, bekäme die «Ostschweiz» keinen Rappen.

Wenn’s inhaltlich stimmt, schwinge die Sexismus-Keule

Zurück zu Hässig. Einer seiner Zuschreiber wagte es, das neuste Projekt der Medienfrau Patrizia Laeri zu kritisieren. Dabei verwendete er auch durchaus despektierliche Ausdrücke über sie selbst. Über Geschmack lässt sich streiten.

Laeri brachte aber sofort die einschlägig bekannte Anwältin Rena Zulauf in Stellung. Die überzog «Inside Paradeplatz» gleich mit zwei Klagen. Eine vor dem Bezirks-, die andere vor dem Handelsgericht. Persönlichkeitsverletzung und Rufschädigung, bei Firmen heisst das «Verstoss gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb».

Am liebsten hätte Laeri die sofortige und vollständige Löschung des kritischen Artikels gewünscht. Aber dafür hätte sie sich vielleicht eine bessere Anwältin suchen sollen. Wurde alles abgeschmettert, die Zuständigkeiten der Gerichte wurden ohne Not zum Problem gemacht, am Schluss blieben vier Passagen, die entfernt werden mussten.

Aber das weckte Hässigs Kampfgeist. Zunächst legte er in eigener Sache nach, nun legt er noch einen drauf:

Genüsslich berichtet er über einen tatsächlich merkwürdigen Einkauf eines neuen Aktionärs. Während das angepriesene Finanzvehikel für «Anfängerinnen» leise absäuft. Seit Start netto minus 8 Prozent.

Was macht elleXX genau?

Einen heiklen Punkt hat Hässig auch aus der Munitionskiste geholt:

«elleXX verfügt über keine Finma-Lizenzierung, sie ist in keinem Register eingetragen. Unter „Zweck“ findet sich im Handelsregister-Eintrag der elleXX das Wort „Finanzberatung“ nicht, sondern dort ist nur die Rede von „Beratungsdienstleistungen“.»

Die angefragte Anwältin, die «IP» verklagt, meint schmallippig: «Die Tätigkeit von elleXX als ‚Investment Advisor‘ umfasst einzig die Aufgabe, die Investment-Managerin Migros Bank bei der Titelselektion des Gender Equality Basket im Hinblick auf die genderspezifischen Kriterien zu beraten.“»

Da bleibt die Frage, obdas wirklich eine Scheibe von 0,3 Prozent wert ist. So viel kostet normalerweise ein ETF, all in. Der ist nicht gemanagt, verteilt das Risiko auch schön – und performt meistens besser, weil schon mal seine Gebühren niedriger sind.

Im Tennis würde man sagen: Aufschlag Hässig, Return Laeri, aber der erste Satz ging schon mal an «IP». Das Problem bleibt: muss sich Hässig an den Rechtskosten beteiligen, haut das ins Kontor, denn natürlich hat die Anwältin den bei ihr üblichen Streitwert auf 100’000 Franken festgelegt. Bei beiden Verfahren.

 

Denn es geht auch hier nur in zweiter Linie um Recht oder gar Gerechtigkeit.

*Packungsbeilage: René Zeyer publiziert gelegentlich auf «Inside Paradeplatz» und regelmässig auf «Die Ostschweiz».

 

Kleine Medien-Show

Man gönnt sich ja nix: Wie reagieren die Medien auf die Walder-Bombe?

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Eine grosse Münze in der Journalistenwährung ist der sogenannte Primeur. Schlichtweg: ich hab’s zuerst publiziert. Die neue Haarfarbe eines Popsternchens, das erste Foto eines neuen Autos – oder eine wirkliche Bombe.

Die Reaktion der Kollegen ist immer die gleiche: mit langen Zähnen und knirschend nachziehen. Aber zuerst abwarten, ob das wirklich die Runde macht.

Das war so, als die «Weltwoche» eine aussereheliche Affäre unseres Gesundheitsministers publik machte. Da herrschte zunächst tiefes Schweigen, bis dann die meisten Medien eine SDA-Meldung übernahmen. Versehen mit kritischen Kommentaren; Parteipolitik, Privatleben, unanständig, typisch Mörgeli halt.

Nun hat es einen viel näheren Einschlag gegeben. Ringier-CEO Marc Walder hat sich auf Video aufnehmen lassen, während er klarstellt, dass auf seinen Befehl hin Ringier-Medien weltweit die jeweiligen Regierungen bei ihrer Corona-Bekämpfung unterstützten.

Das ist im Fall Ungarns beispielsweise ausgesprochen putzig. Nun ist hier der Enthüller ein ehemaliger WeWo-Mann, federführend im Komitee gegen das Mediensubventionsgesetz, über das in etwas mehr als einem Monat abgestimmt wird.

Zudem hat er eine Kommunikationsagentur, arbeitet aber weiterhin als Journalist. Das sind natürlich alles kleine Hebelchen, um zwar über den Skandal berichten zu müssen, aber durchaus an Bote und Botschaft herumzumeckern.

Das tut beispielsweise der ehemalige NZZ-Medienjournalist Rainer Stadler: «Philipp Gut, der für den «Nebelspalter» und lokale Websites Marc Walders Aussagen skandalisierte, tritt als Journalist auf und betreibt gleichzeitigen Kommunikationsagentur. Er ist zudem Geschäftsführer eines Abstimmungskomitees gegen das Medienpaket. Der «Nebelspalter» verschweigt das. Solche Doppel- und Mehrfachrollen passen nicht zu einem unabhängigen Journalismus. Zumindest müssten sie offengelegt werden.»

Auch Tamedia setzt einen schrägen Ton

Das nennt man fokussieren auf das Wichtige. Tamedia setzt den Ton so: «Geleaktes Video: Ringier-Chef trimmte seine Medien auf Regierungskurs». Auch das befindet sich im Streubereich der Wahrheit. Das Video ist laut Aussage von Philipp Gut nicht geleakt, sondern war im Internet auffindbar. «Der Knaller ist ein Spätzünder», fährt Thomas Knellwolf fort, damit insinuierend, dass es bewusst kurz vor der Abstimmung über das Milliardensubventionspaket lanciert wurde.

Auch Knellwolf beschreibt weitere Zusammenhänge: «Nun beginnt die heisse Phase im Abstimmungskampf. Gut ist Geschäftsführer des Nein-Komitees. Zu den Mitgliedern des Komitees, das gegen mehr staatliche Unterstützung für die Verlage ist, gehören die Herausgeber von «Nebelspalter» und «Die Ostschweiz». Sie haben Guts Text in identischer Form wie auf der Komitee-Webseite veröffentlicht.»

Na und, kann man da nur sagen, na und? Knellwolf arbeitet für einen Konzern, der das Medienpaket lauthals unterstützt, weil er davon profitieren würde. Sein Text erschien in identischer Form in allen Tamedia-Kopfblättern.

«20 Minuten» referiert tapfer den Inhalt des Videos, um dann – Überraschung – Fachleute zu befragen. Zum Beispiel den «stellvertretenden Forschungsleiter am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich». Hinter dem umständlichen Titel verbirgt sich ein Institut mit schwerer politischer Schlagseite.

Daher sagt der Stellvertreter auch: «Das Video alleine reiche als Beweis für einen solchen Eingriff jedoch nicht aus. Dafür müsste man etwa abklären, ob die angebliche Weisung Walders Einfluss auf die Chefredaktion und den redaktionellen Alltag gehabt habe.»

Dann stellt er noch eine kühne Vermutung in den Raum:

«Wenn kurz vor der Abstimmung zum Mediengesetz ein solches Video geleakt wird, könnte es sich auch um Abstimmungspropaganda handeln.»

Na und, kann man auch hier nur sagen.

Nau.ch schreibt hingegen ganz auf der vorsichtigen Seite: «Das Video hat bereits nach drei Tagen mit Abstand die meisten «Views» auf dem YouTube-Kanal des Referendumskomitees. Geschäftsführer des Komitees ist der Kommunikationsberater und Journalist Philipp Gut, der gemäss «Tagesanzeiger» das Video veröffentlicht haben soll.»

Nun, Gut hat als Autor in seinen Beiträgen das Video tatsächlich veröffentlicht, das ist kein Ergebnis einer tiefen Recherche von Tamedia.

Was machen CH Media und NZZ, die zwei anderen letzten Mitspieler im Tageszeitungsgeschäft? Nichts. Einfach mal nichts.* Die zumindest bestfinanzierte Mediengruppe in der Schweiz? Auch SRF schweigt.

Nur «Inside Paradeplatz», obwohl das ja nicht das zentrale Thema ist, nimmt kein Blatt vor den Mund:

«Die Medien nicht als Gegengewicht und letzte Kontrollinstanz der Befehlshaber einer Gesellschaft, sondern als Assistenten und Ermöglicher – so Walders Interpretation seiner Rolle.»

Dass die mediale Behandlung des Mediensubventionsgesetzes schwierig würde, weil sich ausser der NZZ-Redaktion alle grossen Medienhäuser dafür ausgesprochen haben und davon profitieren würden, war klar.

Aber was hier in der Berichterstattung über den Walder-Skandal passiert, übertrifft die kühnsten Befürchtungen.

Ist diese verhaltene, teilweise fiese Reaktion einfach auf Futterneid zurückzuführen? Ist es denkbar, dass so zurückhaltend und kritisch berichtet wird, weil CH Media und Tamedia klare Befürworter der zusätzlichen Milliardensubvention sind?

Oder aber, das könnte es sein, man hat in diesen Verlagshäusern Schiss, dass auch mal ein Video auftauchen könnte, auf dem Tamedia-Boss Pietro Supino oder CH-Media-Clanchef Peter Wanner in aller Deutlichkeit sagen würden, dass es gar nicht gelitten wäre, wenn in ihrem Einflussbereich kritisch über die Steuermilliarde berichtet würde.

Diese Videos sind nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Bislang. Für den Fall: ZACKBUM ist auch in der Lage, Bewegtbilder in seine Webseite einzubinden

 

*Die NZZ hat inzwischen zum Zweihänder gegriffen auch CH Media und SRF berichteten. ZACKBUM liefert nach …

Jetsetter Horta-Osório

Woran merkt man, dass einen nicht alle lieben?

António Horta-Osório ist seit April zuständig für die Strategie, die Richtung und überhaupt alles Grundsätzliche bei der Credit Suisse. Da tut er das Übliche, was auch schon sein Vorgänger tat. Nichts Zählbares. Oder doch; der Aktienkurs liegt seit seinem Amtsantritt um mehr als 10 Prozent tiefer.

Während er so tieferlegt, strebt er selbst nach Höherem. Denn über den Wolken, da muss die Freiheit grenzenlos sein, weiss auch Horta-Osório. Schön, dass die CS noch das Kleingeld hat, um das Kerosin des Firmenjets zu bezahlen. Denn als wichtiger Bankenlenker ist selbst First nicht standesgemäss. Ausserdem gibt es immer mehr Airlines, die gar keine erste Klasse mehr führen.

Also jettet der Beau durch die Welt der Schönen und Reichen und ganz schön Reichen. Wimbledon in London, New York, aber auch mal die Malediven, wie der Finanzblog «Inside Paradeplatz» meldete. Man gönnt sich ja sonst nichts, und etwas Erholung muss schon sein, bei diesem Jetset-Leben.

Aber niemand kann in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Offensichtlich mag zumindest ein CS-Mitarbeiter, höchstwahrscheinlich nicht in untergeordneter Stellung, seinen Verwaltungsratspräsidenten nicht wirklich.

Deshalb stach er dem «Blick» durch, dass sich der Welten- und Bankenlenker einen Dreck um Quarantäneregeln schert. Nachdem der Holmerbringmer Felix Gutzwiller weder auf kantonaler noch auf Bundesebene eine Ausnahmebewilligung für seinen Mandanten herausschlagen konnte, setzte sich der einfach unter Bruch der Quarantäne in den Firmenjet. Portugal, New York, ich komme.

Den entsprechenden Shitstorm überlebte er, auch wenn ihn das diverse geknirschte Entschuldigungen kostete. Na warte, dachte offenbar der Whistleblower, und schob die Story des Maledivenurlaubs nach. Mal schauen, was er noch in der Munitionskiste hat.

Wo ist denn der Rücktritt?

«Blick» ballert weiter gegen den CS-Präsidenten. Gut so.

Materiell hat das Boulevardblatt seine Munitionskiste offenbar geleert. Da gibt es nur noch Rehash. Rückkehr aus London im Privatjet, damals zehntätige Quarantäne als Folge, aber nur drei Tage später muss der der Jetsetter schon weiter.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Mit Zwischenstopp in Europa, dann nach New York. Wichtige Sitzung des Verwaltungsrats. An der nehmen zwar auch andere per Zuschaltung teil, aber António Horta-Osório liebt offenbar den Geruch nach Kerosin und Wichtigkeit. Und wenn man schon auf Firmenkosten wichtig durch die Welt düsen darf, wieso nicht.

Besonders animiert dürfte der Bankenlenker allerdings nicht im Flieger gesessen haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit, den Schaden zu betrachten, den seine Kommunikationsberater bereits angerichtet haben.

«Verghona» auf Portugiesisch. Aber nicht im Wortschatz eines Bankers.

Zunächst die Lachnummer, dass er nicht gewusst habe, was Quarantäne bedeute. Also man dürfe zwar sein Haus nicht verlassen, aber echt jetzt, nicht mal einen Privatjet darf man besteigen? Das müsste einem ja extra gesagt werden, wirklich wahr.

Darüber konnte sich der «Blick» schon im Aufmacherartikel lustig machen. Die Rücktrittsforderung einer Arbeitsethikerin steht auch schon im Raum. Was macht man da als Nachzug?

Bum-Bum-«Blick» verbeisst sich in den CS-Boss.

Gleich drei Kräfte wirft der wiederbelebte «Blick» am nächsten Tag in die Schlacht. Deren Aufgabenverteilung war klar. Einer kaut die bekannten Tatsachen nochmal durch. Der zweite bauchpinselt den «Blick» mit einem Blick auf die internationale Resonanz, die die Story gefunden hat. Von der FAZ über Bloomberg, Reuters  bis zur «Financial Times»: überall schüttelt man den Kopf über das Verhalten des Wichtigbankers, natürlich mit Erwähnung des Blatts, das die ganze Affäre publik gemacht hat.

Wie hält man die Story am Köcheln?

Aber nach der Story ist vor der Story, Ablecken der Lorbeeren und Wiederholung des Bekannten ist das eine. What’s next, wie der Ami so richtig sagt, wie geht’s denn nun weiter?

Da zeigt Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz», wie man klotzt, nicht kleckert:

Auch im Text ballert er aus allen Rohren. Man habe bei der CS auf eine Wende gehofft, auf einen Aufräumer, aber:

«Nun haben sie einen Luftibus im Haus, der nicht weiss, wie blöd er tun soll. Wärs keine Tragödie, wärs zum Schiessen. Ein Frauenheld, ein Jet-Setter, ein Bullshit-Erzähler, der von Walk the Talk spricht und sich selbst kein bischen im Griff hat.»

Das nennt man volles Rohr. Etwas, einiges dezenter hält’s der «Blick». Er verbeisst sich in die Frage, wieso Horta-Osório behauptet, er habe «unwissentlich» gegen die Quarantäne verstossen. Schlussfolgerung: «Hätte er dabei zugeben, dass er wissentlich gegen die Quarantäne verstossen hatte, hätte er die Einleitung eines Enforcement-Verfahrens riskiert. Um seinen Kopf zu retten, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als Nichtwissen als Grund für den Verstoss anzugeben.»

Kann man Horta-Osório zurücktreten?

Damit bezieht sich der «Blick» darauf, dass wir im Prinzip eine Überwachungsbehörde für den Finanzplatz haben. Allerdings hat die FINMA noch nie einen Grossen ernsthaft geärgert. Alle Schweinereien, die die CS bislang anstellte, hatten noch nie Sanktionen zur Folge, persönliche Konsequenzen. Obwohl die FINMA die sogenannte Gewähr entziehen kann, also die Lizenz zum Banking in höheren Kreisen. Und ohne diese Gewähr muss der Banker zurücktreten.

Nun ist es aber mit dem Rücktritt so eine Sache. Während jedes Geschäftsleitungsmitglied vom Verwaltungsrat gefeuert werden kann, ist es bei seinen Mitgliedern schwieriger. Das entschied schon den Machtkampf zwischen Tidjane Thiam und Urs Rohner. Der konnte feuern, konnte aber nicht gefeuert werden.

Schöne Sammlung des «Blick».

Das kann bei einem VR nur das Gremium, das ihn gewählt hat. Also die Generalversammlung der Aktionäre. Das ist noch nie geschehen bei einer Grossbank, und es wäre auch äusserst unwahrscheinlich, dass eine ausserordentliche Versammlung mit einem Traktandum einberufen würde und dann erst noch eine Mehrheit für Abschuss zustande käme.

Also befindet sich die CS in der ungemütlichen Lage, dass der VR seinen Präsidenten höchstens beknien kann, für das Ganze, für den Ruf, angesichts der Umstände, unter Verdankung der geleisteten Dienste («wir werden dann auch ausdrücklich unseren Respekt bekunden, gell António») – freiwillig zurückzutreten.

Rücktritt oder klammern: beides ist fatal

Auch das ist kitzlig. Denn ob Horta-Osório diesem Ansinnen folgen würde oder nicht: Was ist von einer Bank zu halten, in der ihr Präsident zum Rücktritt gedrängt wird? Oder was ist von einer Bank zu halten, deren Präsident sich an seinem Stuhl festklammert?

Da hat Hässig schon recht, er formuliert, was sich der «Blick» noch aufspart:

«Horta-Osório hat CS maximalen Schaden zugefügt.»

Man darf gespannt sein, ob spätestens der SoBli nachlegt. Der versemmelte ja seine Berichterstattung über den Ex-VRP von Raiffeisen. Da wäre Wiedergutmachung gefragt. Und natürlich hofft jeder der wenigen verbliebenen Chefredaktoren in der Schweiz darauf, den Blattschuss ansetzen zu können.

Ach, und wieso hat eigentlich der CS-Boss diese Dummheit begangen? Dafür muss man kein Diplompsychologe sein. Weil er’s kann. Weil er sich zu wichtig nimmt. Weil er annahm, dass das sowieso nicht rauskommt. Weil er den möglichen Schaden völlig falsch einschätzte.

Oder ganz einfach: weil er ein Banker ist.

 

 

 

«Dichte an Schwachsinn»

Diesem Kommentar zu David Kleins neustem Schmierenstück auf «Inside Paradeplatz» ist zuzustimmen.

Leider lehnte es Lukas Hässig ab, folgende dringend nötige Replik auf seinem Finanzblog zu veröffentlichen.

Die Nazizeit. Flüchtende Juden müssen sich von ihren Besitztümern trennen, meistens leicht transportable Gemälde. Profiteure nützen diese Notlage skrupellos aus. Übler geht’s nicht. Doch. Wenn diese verworfenen Subjekte für billiges Geld diese Kunstwerke erwerben, das sie mit Waffenverkäufen gemacht haben. Unter anderem mit Lieferungen an die Faschisten in Europa.

Also ist der «Kriegsgewinnler und Nazi-Kollaborateur Emil C. Bührle» sowohl moralisch wie menschlich gesehen das Allerletzte. Schande seines Angedenkens, hoffentlich haben seine Nachkommen den Nachnamen gewechselt.

Aber es ist schlimmer: Die Debatte um die Ausstellung seiner Gemälde im Neubau des Kunsthauses Zürich sei «eine moralische Bankrotterklärung», schäumt David Klein. Er hat’s keine Nummer kleiner, und in seinem ewigen Furor vergreift er sich ständig im Ton – und an den Fakten.

Mit dem Furor eines Grossinquisitors

Das fängt bei Banalem an, der Mann hiess Emil G. (wie Georg) Bührle (inzwischen auf meinen Hinweis hin korrigiert), hört aber bei Grösserem nicht auf. Wie jeder Fanatiker verfolgt Klein mit grossem Zorn alle, die nicht haargenau seine Auffassungen teilen. Denn seine sind unbezweifelbar richtig, daher moralisch überlegen, daher berechtigen sie ihn, allen unanständig in die Eier zu treten, die sie nicht teilen.

Da wäre Peter Rothenbühler, der die Ausstellung als Kunstgenuss begrüsst; der diene sich dem Direktor der Bührle-Stiftung an und bemühe «als leuchtendes Beispiel der Moral» den «berüchtigten Kunst-Baron und Wahlschweizer Thyssen-Bornemiza». Kleiner Schönheitsfehler: Rothenbühler tut weder das eine, noch das andere. Könnte man nachlesen, wenn man wollte.

Blut an der roten Weste des Knaben von Cézanne?

Dann vergleicht Klein in seiner Raserei die Untaten der Familien Thyssen und Krupp im Deutschland der Nazizeit mit denen Bührles in der Schweiz. Die Relativierung von Untaten ist immer ein schwieriges Geschäft, aber die Waffenschmieden in Deutschland und die Hitler-Unterstützer Thyssen und Krupp mit Bührle zu vergleichen, das ist kein starkes Stück mehr, das ist zutiefst unanständig, demagogisch, unverhältnismässig.

Aber all diese schrägen Ausflüge in die Geschichte, wie Klein sie sieht, dienen nur dazu, Rothenbühler kräftig eine reinzuwürgen: «„Stopp“ rufen sollte man eher bei Rothenbühlers unqalifizierter, empathieloser und unmoralischer Täter-Opfer-Umkehr-Analyse der Causa Bührle.»

«Stopp» ruft schon keiner mehr bei Klein, weil man weiss, dass niemand diesen Amok bei seinen Brandrodungen aufhalten kann. Mit denen er seinem eigentlichen Anliegen, historische Gerechtigkeit durch die Suche nach Wahrhaftigkeit herzustellen, einen Bärendienst erweist.

Einer nach dem anderen wird abgewatscht

Klein nimmt sich nun der Reihe nach jeden Publizisten vor, der es wagt, die Bührle-Sammlung im Kunsthaus anders als ein Schandmal zu Unrecht erworbener Raubkunst zu sehen. Dazu gehört auch Gottlieb F. Höpli, der es «noch derber im Nebelspalter» treibe. Das erweckt bei Klein «Erinnerungen». Woran? «An Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und dessen antisemitisch konnotierte Hauptfigur, ein skrupelloser jüdischer Immobilienspekulant (wie wenn es keine nichtjüdischen geben würde).»

Was hat dieses Werk des deutschen Regiegenies mit Höpli zu tun? Das habe damals einen Skandal ausgelöst, während heute «Höplis Geraune nicht einmal ein Schulterzucken» zeitige. Ausser bei Klein, natürlich. Der behauptet kühn, dass ein Stück über einen jüdischen Spekulanten impliziere, dass es keine nichtjüdischen gebe. «Dichte an Schwachsinn», knapper kann man das nicht sagen.

Geht’s noch tiefer hinunter? Allerdings:

«Im tiefsten Morast der Immoralität fischt Rico Bandle beim Tages-Anzeiger, indem er mit dem „legendären Kunsthändler“ Walter Feilchenfeldt einen jüdischen Kronzeugen gegen die Historiker in Position bringt.»

Das entfacht Weissglut bei Klein, denn Bandle hat den Sohn des Kunsthändlers ausfindig gemacht, der damals den jüdischen Kaufmann Emden beim Verkauf seines Bildes an Bührle beriet. Eine der angeblich bis heute umstrittenen Notverkäufe unter Ausnützung der lebensbedrohlichen Situation von Juden. Nur widerspricht dem Feilchenfeldt Junior entschieden; sein Vater sei mit Emden auch nach 1945 in Kontakt geblieben und habe von dem nie etwas anderes als Dankbarkeit gegenüber Bührle vernommen.

Weiss, wovon er spricht: Kunsthändler Feilchenfeldt.

So geht es natürlich nicht; besonders perfid von Bandle, hier einen «jüdischen Kronzeugen in Position» zu bringen: «Dass Feilchenfeldt jüdischer Abstammung ist, macht ihn in seinem Urteil zur Raubkunst jedoch ebensowenig zur unfehlbaren Instanz, wie den AfD-Politiker Björn Höcke in seinem Urteil zu Deutschland, nur weil er Deutscher ist.» Welch geschmackvoller Vergleich.

Die Balken im eigenen Auge sieht Klein nicht

Dass das dann auch für Klein selbst gilt, auf diese naheliegende Idee kommt er in seinem Feldzug nicht. Er steigert sich aber noch, wie meist, zum abschliessenden Crescendo, masslos, sinnlos, den Leser fassungslos zurücklassend:

«„Es kommt auf die Qualität der Sammlung an, nicht auf die Person des Sammlers“, doziert Feilchenfeldt. Nun, was wäre, wenn der rechtsextreme Massenmörder Anders Breivik ein begeisterter und begnadeter Kunstsammler gewesen wäre?

Oder Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre im Keller gefangen hielt, sie unzählige Male vergewaltigte und mit ihr in Inzucht sechs Kinder zeugte, von denen eines starb, dessen Leiche er im Zentralheizungsofen verbrannte?

Würde man deren Sammlungen auch bedenkenlos ausstellen? Und warum nennt man diese Raubkunst-Sammlungen von „Qualität“ nicht einfach Göring- oder Hitler-Sammlung, wenn die „Person des Sammlers“ doch überhaupt keine Rolle spielt?»

Das wollen wir unkommentiert lassen. Denn wir führen zwar einen Doktortitel, aber nicht als Arzt.

Wir stellen nur eine – unabhängig von der Religionszugehörigkeit des Autors – bislang unbestrittene und somit richtige Feststellung dagegen:

«Von den 203 Werken der Bührle-Sammlung haben 37 im weitesten Sinne einen Zusammenhang mit NS-Verfolgung, hatten also deutsch-jüdische Vorbesitzer. 26 davon erwarb Bührle erst nach Kriegsende. Laut aktuellem Forschungsstand stammen alle Bilder aus unproblematischer Herkunft, oder man hat sich längst mit den früheren Eigentümern verständigt. Bisher konnte niemand etwas anderes nachweisen.»

Der Verkäufer dieses Monet war Bührle dankbar.

Wenn der Kunsthändler Feilchenfeldt, ebenfalls unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit, aufgrund seiner Generationen umfassenden Erfahrung mit Kunsthandel etwas sagt, sollte sich das der Nachgeborene Klein hinter die Ohren schreiben:

«Ich fände es völlig unmoralisch, das Bild zurückzufordern.» Was ein Nachkomme von Emden tut. Und:

«Die meisten dieser Historiker und Journalisten haben leider keine Ahnung, wie der Kunstmarkt zu jener Zeit funktionierte.»

Übrigens hängt auch ein Toulouse-Lautrec in der Sammlung im Kunsthaus, den sein Vater damals an Bührle verkaufte: ««Das erhaltene Geld war für meine Eltern von existenzieller Bedeutung.» Sie seien Bührle dankbar gewesen.» Wagt Feilchenfeldt zu sagen.

Über solche Verirrungen, Fehlmeinungen kann Klein nur verzweifelt den Kopf schütteln. Aber keiner kann ihm helfen.

Der Marathon Man

Hoch die Flaschen: «Inside Paradeplatz» feierte sein 10-jähriges Bestehen.

Lukas Hässig läuft und läuft und läuft. Vor genau zehn Jahren startete er mit «Inside Paradeplatz». Ein Finanzblog, der von Anfang an alles anders machte als die anderen. Über viele Jahre hinweg eine Einzelleistung. Schnell war es um 8 Uhr morgens klar, was immer mehr Banker taten: sie klickten drauf, um zu schauen, was Hässig schon wieder ausgegraben hatte.

Vasella, Vincenz, Thiam, nicht nur diese drei Spitzenkräfte verfluchen seine Recherchefähigkeiten, seinen Mut und seine Standhaftigkeit. In den guten alten Zeiten eines Lincoln Steffens (Kindersoldaten, googeln) nannte man das Muckraking. Dreck aufwühlen. Und Dreck gibt’s genug auf dem Finanzplatz Schweiz. Gleichzeitig beschämt Hässig immer wieder die gesamte Konkurrenz der Wirtschaftspresse mit seinen Primeurs.

Sein Stil ist inzwischen unverwechselbar. Kurze Sätze, Zweihänder statt Florett, Grenzgänge unter aufmerksamer Beobachtung aller Legal Departments auf dem Finanzplatz Schweiz. Dass der Journalist des Jahres, als die Auszeichnung noch etwas bedeutete, bislang nicht zu Tode prozessiert wurde, ist ein kleines Wunder.

Chapeau, auf die hoffentlich nächsten zehn Jahre. Mit Erlaubnis des Besitzers und Autors bringen wir hier seinen Geburtstagsartikel. Copy/paste, auch bei ZACKBUM.

Heute vor zehn Jahren begann Zürcher Banken-Blog. Am meisten gelesen wurden nicht Finanz-Stories, sondern solche zu Virus und Bersets Affäre.

23.11.2021 Lukas Hässig

Am 23. November 2011 hiess es hier „Ermottis Fehlstart“. Es gibt dazu einen Kommentar. „War dies der erste Artikel auf insideparadeplatz? Und noch kein Kommentar, unglaublich, das holen wir jetzt nach.“

Geschrieben am 24. September 2021. Einer von gut 300’000 Kommentaren.

Die Geschichte des Zürcher Finanz-Blogs war zunächst geprägt von Banken-Schliessungen und -Fusionen. Die Integration der Traditionsbank Clariden Leu bewegte deren Angestellte. Ihre Aufregung manifestierte sich in steigenden Leserzahlen.

Es folgte Wegelin, die wegen des US-Konflikts bei der Raiffeisen landete (2012), Vasellas Millionen-Konto (2013), die UBS Devisen-Manipulationen (2013), der CS-Steuer-Ablass in Amerika (2014) Dann der Vincenz-Skandal (2016), die EY-Lawine (2018), der Khan- Spionagefall (2019) mit Tidjane Thiams Fall (2020).

Am meisten gelesen wurden trotz diesen Highlights nicht Bankenartikel, sondern solche zu Covid-19 respektive Impfungen und die geheime Liebesbeziehung von Gesundheitsminster Alain Berset mit einer jungen Künstlerin, die vom Magistraten mit Polizei und Elitetruppe gejagt wurde.

„Pfusch mit R-Wert macht die Schweiz zu Geisterland“, ein Beitrag rund um Massnahmen aufgrund einer in der Covid-Krise berühmt gewordenen Messgrösse, schafft es laut Google Analytics auf Platz eins. Total Seitenaufrufe: 284’000. (Die auf IP ausgewiesenen Zahlen liegen tiefer; bei den älteren Stories, weil der Zähler-Mechanismus anfänglich nur ein paar Monate weit zurückreichte, bei den jüngeren, weil IP nicht alles gleich berücksichtigt wie das Analysesystem von Google.)

Mit einigem Abstand folgt auf Platz 2 der Artikel „Weltwoche-Bombe: Bersets Affäre wird Staats-Skandal“, erschienen vor rund 2 Monaten. Die Seite wurde online bis jetzt 212’265 Mal aufgerufen – Platz 2. Ebenfalls unter die ersten Zehn brachte es die erste Story zum Thema: „Bersets geheime Liebe ist bekannte Künstlerin“. Sie war schon letzten Dezember erschienen, nachdem die Weltwoche die Affäre des „Corona-Generals“ publik gemacht hatte. Platz 9, mit 95’270 Klicks.

Zurück zu den Top-Stories. Platz 3 fällt auf „Belegen tatsächlich ‚Ungeimpfte‘ die knapper werdenden Plätze?“. Die Frage stellte die Pharmazeutin Kathrin Schepis in ihrem „Standpunkt“ vom August 2021 und brachte es damit auf 201’516 Seitenaufrufe. Über 600 Kommentare folgten.

Platz 4 der Ewigen-Besten-Liste nimmt dann die Trilogie „Fall Vincenz: Wahre Geschichte“ ein, das bisher einzige zahlungspflichtige Angebot von IP als Dreiteiler zum Raiffeisen-Skandal, erschienen im Frühling 2018. Ab und zu bestellen Leser heute noch das pdf.

Weiter mit Raiffeisen-Storys, die offensichtlich bewegten. Auf Platz 5 der Top-ten findet sich „Crazy Guy hinterlässt Raiffeisen in Trümmern“ zum tiefen Fall des Saubermanns der Genossenschafts-Gruppe nach einem Liebesdesaster. Klicks: 101’833.

Auf Platz 6 folgt eine Geschichte aus der Feder eines Schreibers, der nicht mit Namen erscheinen konnte, der Redaktion aber bekannt ist und deshalb unter „Inside Paradeplatz“ diesen Frühling einen Standpunkt verfasste. „Mother Of All Short Squeezes“ lautete der Titel, es ging um sogenannte Meme-Aktien in den USA, die durch die Decke schossen und dank denen auch die „Gratis“-Plattform Robinhood durchstarten konnte. Total Aufrufe des Short-Squeeze-Stücks: 101’380.

Dicht dahinter eine nächste Love Affaire, jene des neuen Migros-Bank- Chefs mit seiner engsten Sekretärin, die in diesem Jahr im Zuge des Falls von Bord gegangen ist. „Migros-Bank-CEO vertuscht Verhältnis mit Sekretärin“ hat es bis heute auf 101’154 Aufrufe gebracht. Platz 7.

Bundesrat Bersets Ex-Beziehung gab dann wegen möglichen Links ins Basler Redlight nochmals zu reden. „Fall Berset: Spuren ins Basler Milieu“ erzielte 95’836 Seitenaufrufe – Platz 8, direkt vor dem bereits erwähnten Beitrag vor Jahresfrist zur „Künstlerin“ des SP-Manns.

Den zehnten Platz ergattert sich schliesslich bis jetzt am besten gelesene CS-Story. „Gottstein kündigt tiefere Boni für 2020 an“, hiess es hier vor 11 Monaten; der Bericht hat es auf 92’894 Seitenaufrufe geschafft.

Zum Schluss noch einen Rang mehr: Platz 11 fällt mit 88’368 Klicks auf die vor Jahresfrist erschienene Story „Anklage enthüllt: Vincenz grenzenlos bei Privat-Fun“. Diese ist insofern relevant, als gegen sie das Bezirksgericht Zürich, das die Vorwürfe kommenden Januar berät, Klage gegen den IPHerausgeber bei der zuständigen Kommission am Obergericht einreichte; weil sich der Schreibstil für einen akkreditieren Gerichtsreporter nicht gehöre. Das Obergericht gab dem protestierenden Bezirksrichter recht.

© 2021 Inside Paradeplatz

Packungsbeilage: René Zeyer schreibt unregelmässig, aber sehr gerne auf «Inside Paradeplatz».