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Tagi oberpeinlich

Was wollten Sie zum eigenen Versagen schon immer mal sagen, Frau Rickli?

Gleich zwei Journalisten bot das Kompetenzzentrum für Qualitätsjournalismus an der Werdstrasse auf, um Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zu geben, unbehelligt von kritischen Fragen in geradezu obszön-peinlicher Weise Weisswäscherei in eigener Sache zu betreiben.

Was Fabienne Sennhauser und Stefan Häne hier abgeliefert haben, ist an Fremdschäm-Faktor höchstens durch die Schmiere der «Republik» aus dem Jahr 2021 («Zürcher Herzkrise – eine Trilogie») zu übertreffen.

Schon bei der Antwort auf die erste Frage des Tagi, ob man sich mit gutem Gefühl im Unsipital Zürich behandeln lassen könne, tun sich Abgründe auf: «Mein Partner musste sich vor zweieinhalb Jahren einer schweren Herzoperation unterziehen. Diese wurde in der USZ-Herzklinik durchgeführt – ich glaube, das sagt alles.»

Nein, das sagt nichts, müsste da jeder Journalist mit etwas Ehrgefühl im Leibe replizieren, denn zu dieser Zeit war der skandalumwitterte Arzt Francesco Maisano schon längst Geschichte. Also was soll das?

Aber hier wird nicht Journalismus betrieben, wird kein Interview als harte, aber faire Gelegenheit zur Stellungnahme geführt, sondern es wird geschleimt. Denn auch diesen Satz darf Rickli ohne Widerspruch sagen:

«Wir haben alles gemacht, was uns rechtlich möglich war

Das ist nun grob unrichtig. Denn wie alle anderen Beteiligten am Skandal hat auch Rickli entweder nichts getan – oder alles, um den Skandal als Ausdruck von klinikinternen Querelen herunterzuspielen. Sie bezweifelte sogar die Kompetenz des Whistleblowers André Plass, der so unermüdlich wie vergeblich auf die erschütternde Todesrate und das Wirken von Maisano, seine Geldgier, hingewiesen hatte. Das brachte Rickli eine Anzeige wegen Verleumdung ein, auf die die Staatsanwaltschaft aber nicht eintreten mochte.

Statt ihr eine Liste von eigenem Versagen vorzulegen, wird es Rickli gestattet, sich zu wiederholen: «Ja, ich trage die politische Verantwortung für das USZ. Als Gesundheitsdirektorin bin ich die Eigentümervertreterin. Aber ich war erst ab Mai 2019 im Amt, und ich kann sagen: Nachdem ich im Januar 2020 erstmals von den Vorwürfen erfahren hatte, habe ich gemacht, was möglich war

Statt nachzufragen, was denn möglich war, und vor allem, wieso ihr so vieles unmöglich war, schleimt sich der Tagi mit der nächsten Frage wirklich unappetitlich an die Politikerin ran: «Leiden Sie in solchen Tagen wie jetzt an Ihrem Amt

Darauf kann Rickli, ganz Staatsfrau, mit getragenem Pathos antworten: «Als Regierungsrätin verpflichtet man sich, Verantwortung zu tragen. Und ich glaube, dass ich Verantwortung übernehme, das habe ich auch in der Corona-Zeit gezeigt

Statt auch hier nachzuhaken und zu fragen, wie genau Rickli denn in der Corona-Zeit Verantwortung übernommen habe (oder welche Vorwürfe man ihr zu diesem Thema machen könnte), arbeiten die beiden Journalisten einfach ihren Fragenkatalog ab und wechseln ansatzlos zum vom Konkurs bedrohten Spital Wetzikon.

Abgehakt, nächstes Thema: Rickli for Bundesrat? Muss man solche Worthülsen wirklich dem gepeinigten Leser servieren? «Ich habe nie gesagt, dass ich das Bundesratsamt anstrebe. Das tue ich auch jetzt nicht.» Ungeschoren kommt sie auch mit der verklausulierten Fortsetzung davon, mit der sie im Prinzip ihre Kandidatur anmeldet: «Sollte Bundesrat Parmelin eines Tages zurücktreten, würde ich mir das zum gegebenen Zeitpunkt allenfalls überlegen

Im vorherigen Artikel hat ZACKBUM die Arbeit von «Inside Paradeplatz» zum Thema gewürdigt, insbesondere auch die Kritik am mangelhaften und fragwürdigen Verhalten von Rickli. Wieso kommt hier beim Tagi nichts davon zur Sprache?

Es ist natürlich möglich, dass Rickli als gewiefte Politikerin Bedingungen für das Interview stellte, es ist möglich, dass sie oder ihre Kommunikationsabteilung beim Autorisieren kräftig den Weichspüler auf den Text gossen.

Wäre das so, hätte das der Tagi offenlegen – oder am besten auf die Publikation dieses Tiefpunkts in der Geschichte des Interviews verzichten müssen. Alleine das Schamgefühl hätte die beiden Autoren dazu veranlassen sollen, dringlich davon abzuraten, diese Selbstbeweihräucherung einer überforderten Politikern zu publizieren.

Aber eben, im heutigen Elendsjournalismus ist das Elend der Normalfall geworden.

Chronik eines angekündigten Skandals

Am Unispital Zürich starben 70 Herz-Patienten, die anderswo überlebt hätten. Strippenzieher waschen weiter ihre Hände in Unschuld.

Von Isabel Villalon*

«Inside Paradeplatz» zeigt wieder einmal, wie kompetenter Journalismus geht. Mit dem folgenden Artikel und der Kritik an der verantwortlichen Regierungsrätin Natalie Rickli, die derweil im «Tages-Anzeiger» Weissewaschen betreiben darf. 

Es gibt Beiträge, die möchte man gar nicht erst schreiben. Man tut es doch, der Öffentlichkeit zuliebe, der Gesellschaft zuliebe, den Schwächeren zuliebe.

Spulen wir den Film zurück.

Im Jahr 2006 gründet der Israeli Yossi Gross zusammen mit seinem Vater Amir das Medtech-Start-up mit dem Namen Valtech Cardio Ltd. in Or-Yehuda, einem Vorort von Tel Aviv.

Gross entstammt aus dem Dunstfeld des Investors Eyal Liftschitz, Besitzer des israelischen Investment Fonds Peregrine Partners.

Liftschitz steuert das Grundkapital von lediglich 1,5 Millionen US Dollar für die Valtech Cardio Ltd. und hält 10 Prozent an der Unternehmung.

Vater und Sohn Gross dürften weit grössere Beteiligungen halten – Mehrheitsbeteiligung.

Und nun der Zeitsprung.

Im Jahr 2011 beteiligt sich der italienische med. pract. Francesco Maisano (weder doktoriert noch habilitiert) an der immer noch eher mickrigen israelischen Valtech Cardio Ltd.

In welchem Umfang?

Wieviele Aktien-Optionen er für seine Mitarbeit an der Entwicklung des zukünftigen Star-Produkts „Cardioband“ vertraglich zugesichert bekam, bleibt unbekannt. Noch.

Die versprochenen Aktien-Optionen dürften jedoch erklecklich gewesen sein, denn Maisano gibt Vollgas.

Einerseits nutzt er als Leiter der Herzklinik des Universitätsspitals Zürich (USZ) das Renommee der Klinik, um weltweit bei potentiellen Käufern der Valtech Cardio Ltd. mit CEO Yossi Gross auf Roadshow zu gehen.

(Entsprechende Roadshow-Präsentationen liegen auf meinem Schreibtisch.)

Andererseits setzt er das noch zu wenig erforschte Implantat Cardioband, an dem er als Erfinder mitwirkte, bei Patienten am USZ ein. Zu vielen Patienten.

Auch in Deutschland findet Valtechs Cardioband handverlesene, willige Operateure. Das Ziel ist, möglichst rasch das „CE Zertifikat“ für das Implantat zu erhalten.

Warum? Kasse.

Doch darauf kommen wir später zurück.

Die Leser werden sich nun sicher fragen: Dürfen experimentelle Implantate einfach so auf Schweizer Patienten losgelassen werden?

Nun, das System sieht sogenannte Einzelfallbehandlungen vor. Diese bedürfen einer vorgängigen Bewilligung von Swissmedic und der kantonalen Ethikkommission.

Diese zwei Organisationen haben sämtliche Cardioband-Eingriffe des med. pract. Maisano durchgewunken.

Warum?

Eine Frage lautet: Wurden zentrale Informationen seitens Maisano den Bewilligungsgebern vorenthalten?

Erstaunlich ebenfalls, dass den zuständigen Regierungsräten als obersten Aufsehern über die Zürcher Spitäler die vielen Sonderbewilligungen für Einzelfallbehandlungen mit experimentellen Implantaten an der Herzklinik des USZ nicht zugetragen wurden.

Kontrollmechanismen?

Anfang 2017 kauft die kalifornische Edwards Lifesciences die kleine Valtech Cardio Ltd. Die israelische Tageszeitung Haaretz erklärt triumphalisch: „Israel‘s Valtech sold for as much as 1 Billion US Dollar.“

Up-Front Zahlung von 340 Millionen, Restzahlungen gemäss abgemachten Milestones. Einer davon: Erhalt des „CE Zertifikats“ für das Cardioband, 50 Millionen Dollar Zahlung.

Kassiert.

Laut Angaben der israelischen Presse seien eigentlich nur 70 Millionen US Dollar in die diversen Produktentwicklungen der Valtech investiert worden (gemäss Eigenangaben des CEO). Geniales Geschäft.

Auf Kosten von wem?

Der renommierte Herzchirurg Professor Thierry Carrell traut im April 2018 seinen Augen nicht, als er in das Herz eines Cardioband-Patienten schaut.

Im Vorhof der linken Herzkammer zwei lose Schrauben aus Titan, je sechs Millimeter lang. Mit jeder Pumpbewegung des Herzens kullern sie herum.

Wer das überlebt hat einen Sechser im Lotto gewonnen.

Dr. med. André Plass, der spätere Whistleblower, schreibt einen Brief mit schwersten Vorwürfen zulasten Maisano an die Gesundheitsdirektion und an USZ-CEO Gregor Zünd.

Daraufhin wird der Whistleblower in bekannter Salamitaktikmanier plattgemacht. Karriere beendet. Ziviler beruflicher Tod auf Raten.

Die Cover-Up-Maschinerie des Kantons Zürich beginnt leise in den Hinterhöfen der Macht, wie eine träge, tonnenschwere Walze, zu dampfen. Böswillig, langsam, je nachdem beides.

Im Juni 2020 reicht Erika Ziltener, damalige Leiterin der Patientenstelle des Kantons Zürich, Strafanzeige gegen Francesco Maisano bei der Staatsanwaltschaft des Kantons ein.

Sorgfaltspflichtverletzung, begangen vom Chef der USZ-Herzklinik Maisano. Antwort? Nichtanhandnahme.

Der Tages-Anzeiger rollt den Fall auf, dieses Medium bleibt ebenfalls am Ball. Immer wieder erscheinen Artikel.

Kritisch werden die Maisanos Aktivitäten hinterfragt. Seit dem Jahr 2020 hat Regierungsrätin Natalie Rickli ein vollumfängliches Maisano Dossier auf ihrem Tisch.

Antwort? Volle Deckung.

Sprich, bezahlte Anwälte für eine interne Untersuchung aufbieten. In diesem Fall Walder Wyss und Partner.

Diese winden und würgen sich in ihrem Bericht durch – so gut, wie es halt der kaputte Sachverhalt erlaubt.

Lassen die Kardinalfrage jedoch aus: Wieviele Millionen kassierte Francesco Maisano aufgrund des Verkaufs von Valtech Cardio Ltd. an Edwards Lifesciences, deren erklärter Kaufgrund das „Star-Produkt“ Cardioband war?

Auch der Zürcher Kantonsrat wird als wichtiges Cover-Up-Zahnrad gebraucht. Unter dem Vorsitz einer FDP-Frau, Arianne Moser, kommt die Subkommission USZ zu einem Schluss, der nicht das Papier wert ist, auf das es gedruckt wurde.

Die Äffare Maisano sei eine Art Hahnenkampf unter Ärzten. Whistleblower gegen Maisano. Surreale Welt der dunklen Zürcher Machtstuben, wie eingangs erwähnt.

Trotzdem, Spitalrats-Präsident Martin Waser wird von Rickli in Pension geschickt, USZ-CEO Zünd darf bleiben.

Unter Zünd wirkt Maisano in der Herzchirurgie und darf nach Auffliegen des Skandals mit höchsten Tönen und Ehren zurück nach Italien gehen.

Es folgt ein weiteres offenbarendes Kapitel. Der Nachfolger Maisanos an der Herzklinik, Professor Paul Robert Vogt, muss im April 2024 vors ein Zürcher Gericht, wegen eines gegen ihn angestrengten Prozesses in einem anderen Fall.

Die Bezirksrichterin sprach Vogt vollumfänglich frei. Doch Vogt sagt in seinem Plädoyer:

Im Zeitraum von 2016 bis 2020 sind 150 Patienten unter fragwürdigen Umständen verstorben, es herrschte unethisches und kriminelles Verhalten an der USZ Herzklinik.“

Die Antwort der Gesundheitsdirektion des Kanton Zürich in üblicher Manier. Mauern.

Die Vorfälle seien schon alle untersucht worden. Punkt.

Doch so einfach liessen sich die Aussagen vor Gericht des Nachfolgers von Maisano nicht in den Wind schlagen. Die ganze Affäre drohte dem System Zürich vollkommen zu entgleiten.

Eine vollständige, wirklich unabhängige Untersuchung musste her, bevor es zu noch grösseren Reputationsschäden für die Zürcher Institutionen kommt – schliesslich ist die Schweiz ja auch ein Rechtstaat.

Oder nicht?

Der Spitalrat als direktes Aufsichtsorgan des USZ beauftragt im August 2024 den ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer mit der Führung einer unabhängigen Untersuchungskommission.

Deren dramatische Schlussfindung und die Entschuldigung des Spitalrates für das Geschehen sind seit gestern bekannt.

Und nun, welche Fragen stellen sich? Warum hat das System Kanton Zürich so lange die Cover-Up-Maschinerie walten lassen?

Warum ist Regierungsrätin Natalie Rickli noch auf ihrem hochdotierten Posten? Warum hat die Staatsanwaltschaft Zürich seit 2020 nichts unternommen (trotz Strafanzeige seitens Patientenstelle Zürich)?

Welches surreale Spielchen trieb Arianne Moser, ehemalige FDP-Kantonsrätin, Zuständige für die USZ-Subkommission im Parlament, heute im VR der zur AG mutierten ehemaligen Kantonsapotheke?

Weshalb winkten sowohl die kantonale Ethikkommission als auch Swissmedic die Sonderbewilligungen für nicht erprobte Implantate in solcher Anzahl durch?

Wer wird nun die Angehörigen der Verstorbenen und die lebenslang Geschädigten entschädigen? Mit wessen Geld?

Eine Schlussbemerkung für die Staatsanwaltschaft Zürich: Israel liefert keine eigenen Staatsbürger aus.

Im Fall Italien könnte eine Auslieferung an die Schweiz verweigert werden, müsste aber nicht. Selbstverständlich gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung.

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*Der Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz». Mit freundlicher Genehmigung.

Wer deckte den Herz-Skandal auf?

Raphaela Birrer lehnt sich zu weit aus dem Fenster.

Wie begossene Pudel stehen all die Politiker (und einige Journalisten) da, die den Skandal an der Herzklinik der Uni Zürich den Medien in die Schuhe schieben wollten – oder ihn kleinreden und vernütigen.

Mindestens 70 tote Patienten zu viel, schwere Verfehlungen, ein geldgieriger Chefarzt, der ungehemmt walten und wüten konnte, versagende Aufsichtsorgane bis in die Regierung: es ist ein veritabler Skandal, dessen Aufarbeitung viel zu lange gedauert hat. Inzwischen dreschen natürlich alle auf den Ex-Klinikchef Francesco Maisano ein.

Viel zu leise wird aber der Whistleblower André Plass gelobt, der unermüdlich und ungehört auf die unerträglichen Zustände hinwies – und das mit dem Verlust seiner Stelle bezahlen musste. Und der Herzchirurg Paul Vogt, der unerschrocken und öffentlich darauf hinwies, dass es unter seinem Vorgänger viel zu viele Tote gab – was ihm eine Anzeige und einen Freispruch auf ganzer Linie einbrachte.

Unerschrocken meldete sich auch Tamedia-Oberchefredaktorin Raphaela Birrer mit einem ihrer gefürchteten Kommentare zu Wort:

Die Zeit der Götter in Weiss ist schon längst vorbei – nur nicht am Unispital Zürich. Und ob sie dort vorbei ist, ist angesichts weiterer Skandale doch sehr die Frage.

Auf jeden Fall stapelt Birrer die üblichen Betroffenheit-Vokabeln aufeinander: «… noch schlimmere Missstände … Ausmass der Verfehlungen ist schockierend … komplett versagt … Zahl der Todesfälle erschütternd … für die Opfer zu spät …»

Um mit dem üblichen Blabla zu enden: «Immerhin scheinen mit dieser umfassenden Ausleuchtung die Weichen dafür gestellt, dass sich ein derart weitreichendes und tödliches Systemversagen nicht wiederholt.»

Ach ja? Mit vielen Jahren Verspätung? Im zweiten Anlauf? Wobei am Unispital nach dem Skandal vor dem Skandal ist. Stichwort Urologie, allgemeine Governance-Schwächen, Defizite in Führung und Kontrolle, ungehemmte Bereicherung auf der Chefetage.

Allerdings nimmt man es auch bei Tamedia mit der Wahrheit nicht allzu genau. So behauptet Birrer kühn:

«Der «Tages-Anzeiger» hatte die Missstände im Mai 2020 erstmals publik gemacht.»

Das liegt nun höchstens noch knapp im Streubereich der Wahrheit. Denn bei diesem Artikel ging es lediglich um mögliche Beschönigungen der Anwendung dieses Cardiobands, mit dessen Erfindung sich der Klinikchef eine goldene Nase verdiente, wobei es vom Käufer heute nicht mehr hergestellt wird – untauglich.

In diesem Artikel ging es in keinem Wort um erhöhte Mortalität, es war mehr so ein Einzelschuss ins Blaue.

Denn der erste Artikel war eine breite Recherche der deutschen «Welt am Sonntag», die am 2. Juli 2023 erschien. Intern waren die Probleme schon seit 2019 bekannt – ohne dass etwas unternommen wurde.

Am Tag darauf zog Tamedia online nach. Dabei wurde der Konzern aber vom Finanzblog «Inside Paradeplatz» abgetrocknet, der schneller war. Die richtige Aufarbeitung erfolgte dann erst am 9. Juli in der «SonntagsZeitung».

Und anschliessend räumte Lukas Hässig auf IP den beiden Exponenten Plass und Vogt immer wieder breiten Raum ein, ihre vernichtende Kritik zu äussern – wobei das Unispital und die politisch Verantwortlichen erbitterte Gegenwehr entfalteten. Auch ZACKBUM beteiligte sich an der Debatte und übernahm auch immer wieder Beiträge aus IP.

Ende Juni 2024 legte die WamS dann nach. Unter dem Titel «Ein Gewinn fürs Herz», rollte sie nochmals den Skandal an der Herzklinik des Unispitals Zürich auf. Auf 35’000 A sezierte das deutsche Blatt die unglaublichen Zustände in Zürich und das Versagen bei der Aufarbeitung. Regierungsrätin Rickli verlangte damals übrigens eine «Richtigstellung» von der WamS – die sie natürlich nicht bekam, weil die Recherche wasserdicht war.

Also herrscht nun allerorten echte oder geheuchelte Betroffenheit – und ein rette sich, wer kann, aus der Verantwortung.

Tamedias Birrer legt noch ein Scheit drauf und brüstet sich mit Lorbeeren und Meriten, die ihrem Medienhaus sicher nicht zustehen.

Skandal

Lukas Hässig soll ums Verrecken angeklagt werden. Eine Justiz-Zwängerei.

Auf Betreiben des Mitangeklagten von Pierin Vincenz sollte der Herausgeber des Finanzblogs «Inside Paradeplatz» wegen Verletzung des Bankgeheimnisses angeklagt werden.

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren insgesamt drei Mal (!)  ein, wogegen Beat Stocker immer wieder Einsprache erhob. Die Staatsanwaltschaft, immer wieder zum Jagen getragen, ging sogar soweit, in den Redaktionsräumen und im privaten Bereich von Hässig Hausdurchsuchungen durchzuführen.

Der Journalist verlangte die sofortige Versiegelung des Einbehaltenen und bekam Recht. Daraufhin stellte die Staatsanwaltschaft ein weiteres Mal das Verfahren ein.

Hintergrund ist ein weiterer Justizskandal, das Verfahren gegen den gefallenen Starbanker Vincenz und seinen Kompagnon, der sich weiterhin für einen ganz grossen Strategen hält – obwohl er erstinstanzlich sogar eine höhere Strafe erhielt. Alle appellierten gegen das Urteil, das Obergericht verpasste daraufhin dem Staatsanwalt und dem Bezirksgericht eine schallende Ohrfeige, indem es das Urteil aufhob und die Anklageschrift als ungenügend und weitschweifig abkanzelte.

Daraufhin klatschte das Bundesgericht das Obergericht ab, womit der Prozess inzwischen ins achte Jahr geht. Eine Justizposse.

Die Grundlage für das drakonische Vorgehen gegen Hässig liefert das 2015 verschärfte Bankengesetz, das selbst die Weitergabe von geleakten Bankdaten unter Strafe stellt. Eine Kriminalisierung des Journalismus, eine beispiellose Fehlleistung des Parlaments, unter dem Einfluss der Bankenlobby.

Hässig als One-man-Show hat eine ganze Reihe von Finanzskandalen aufgedeckt, nicht zuletzt die Affäre Vincenz. Mit hoher Risikobereitschaft und natürlich abgestützt auf Dokumente und Unterlagen, die ihm zugespielt wurden. Damit sorgt Hässig regelmässig für mehr Primeurs als die weitgehend zahnlose Wirtschaftspresse der Schweiz.

Immerhin wird über diese Zwängerei des Obergerichts Zürich breit berichtet – nur die NZZ hält sich vornehm zurück und hat bislang kein Wort über diesen Justizskandal verloren.

Das Obergericht sieht im «Weiteroffenbaren» einen Verstoss gegen das Bankengesetz, ein Anschlussdelikt wie Hehlerei oder Geldwäscherei. Eine absurde Konstruktion, der das Interesse der Öffentlichkeit an der Aufdeckung von Finanzskandalen diametral entgegensteht.

Andere Wirtschaftsredaktionen haben aus Schiss vor dieser Auslegung des Gesetzes bereits auf Berichterstattung feige verzichtet. Obwohl sie wie im Fall Tamedia über ganz andere finanzielle Ressourcen verfügen als Hässig.

Der muss schon mal die Hälfte der Verfahrenskosten und als Gipfel der Perversion dem Kläger Stocker eine Parteienentschädigung von 1400 Franken bezahlen.

Aber statt dass hier durch die Medien ein Aufschrei geht, sich die grossen Verlage im Namen der Pressefreiheit hinter Hässig scharen und dieses Fehlurteil scharf kritisieren, kommen sie knapp ihrer Berichterstatterpflicht nach.

Zu oft hat der Einzelkämpfer sie abgetrocknet und als Schnarchnasen demaskiert.

Auf der anderen Seite betreibt er tatsächlich manchmal einen Borderline-Journalismus mit seinem Ansatz, täglich einen Knaller rauszuhauen. Und dann toben sich in seinen Kommentarspalten frustrierte und übellaunige Finanztrottel aus, die mit ihren Anwürfen allzu oft die Grenze zum Justiziablen überschreiten.

Grosse Finanzinstitute wissen heutzutage: selbst die Androhung von juristischen Schritten kann häufig genügen, damit ein Medium die Publikation eines Berichts seinlässt. Denn selbst wenn das Geldhaus am Schluss verlieren sollte: die Kosten, die es dem Medium verursacht, werden heutzutage nur sehr ungern in Kauf genommen.

Da kennt Hässig nichts, und hoffentlich startet er ein Crowdfunding, um diese neuerlichen und völlig überflüssigen Rechtskosten abzufedern. Denn ohne seine Stimme läge die Berichterstattung über Finanzskandale im Argen.

Leserbeschimpfung

Soll man nicht machen, kann man aber machen.

Business as usual bei den Gazetten ist, den Leser zu belehren, ihm gute Ratschläge auf allen Gebieten mit auf den Weg zu geben und ihn mit den flachbrüstigen Weltsichten der Redaktoren zu belästigen. Die meist von tiefer Humorlosigkeit und übler Laune begleitet sind, dargeboten in holprigem Deutsch. Als wollten die Schweizer Journalisten illustrieren, was Franz Kafka über ihren Dialekt gesagt hat: das sei mit Blei ausgegossenes Deutsch.

Aber wer war schon Kafka, nicht wahr, Frau Zukker.

Aber nur ZACKBUM leistet sich eine echte Leserbeschimpfung. Natürlich nicht gegen die Leser dieses hochstehenden Organs gerichtet. Aber gegen die mehrheitlich Finanzmenschen, die «Inside Paradeplatz» lesen.

Da veröffentlichte ZACKBUM-Redaktor René Zeyer kürzlich diesen hier:

Fand nicht allzu viel Zuspruch, aber das ist nicht das Problem. Hingegen grosses Problem: von zwischenzeitlich 36 Kommentatoren merkten ganze zwei (plus ein ewig alles Lobender), dass es sich nicht um eine reale Beschreibung aus eigenem Erleben handelte. Das wäre dann Tamedia-Niveau gewesen, also unterirdisch.

Die meisten Kommentatoren steuerten eigene Erfahrungen mit Nachbarn bei oder gaben gute oder weniger gute Ratschläge, wie man solche Konflikte vermeiden oder beilegen könne. Ein paar regten sich darüber auf, was denn so ein Beitrag auf IP zu suchen habe.

Nur zwei Genies merkten, dass es sich doch vielleicht um eine Parabel handeln könnte. So wie «Vor dem Gesetz» von Kafka, ohne dass sich jemand mit dem vergleichen könnte.

Nun gibt es hier zwei Möglichkeiten. Der Autor ist blöd, weil er den IQ seiner Leser gröblich überschätzt hat. Er hätte halt am Anfang oder am Schluss in deutlichen Worten darauf hinweisen müssen, dass es sich um eine Parabel handle. Vielleicht hätte er auch noch erklären müssen, was das ist, damit es auch alle Leser (und Leserinnen) verstehen.

Vielleicht hätte er auch die Sinnhaftigkeit in diesem Vorgehen erläutern sollen. Oder den Vorwurf entkräften, wieso er diesen Umweg wähle statt direkt über Israel, die USA und den Iran zu schreiben.

Die zweite Möglichkeit: der IP-Kommentator ist noch blöder, als es sich der Autor vorstellen konnte, und dessen Vorstellungskraft diesbezüglich ist nahezu grenzenlos. Denn der Autor ist alt genug, um sich noch an die Zeiten zu erinnern, als ein Leserkommentar noch eine Sache war, bei der diverse Hürden zu überwinden waren. Ein Papier in eine Schreibmaschine (falls vorhanden) einspannen, Fehler mit Tipp-Ex korrigieren, in ein Couvert falten, die richtige Adresse herausfinden, zukleben, Briefmarke draufkleben und in den Briefkasten damit.

War einer mutig durch feige Anonymität, wanderte das Schreiben in den Papierkorb.

Aber heute kann jeder Trottel spontan ins Mäusekino Smartphone töckeln, das Korrekturprogramm eliminiert die schlimmsten Schnitzer, Fake-Absender dran, und ab die Mail.

Obwohl Algorithmen und menschliche Kontrolleure bis zu 50 Prozent des Schrotts rausfiltern, wimmelt es an den Klowänden des Internets von Kommentaren, bei denen man sich ernsthaft fragt, ob die Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten wirklich so eine gute Idee ist.

Und wenn wir schon bei Selbstbespiegelung und Bejammern sind. Unser Lieblings-Chefredaktor Roger Köppel machte mal wieder eine Pirouette und schrieb: «Das Völkerrecht ist eine gefährliche Abstraktion, eine Illusion».

Das verlangte nach Erwiderung: «Weltwoche-Chefredaktor vergaloppiert sich mit seinen amoralischen Ausschweifungen zum Völkerrecht». Die tatsächlich auch in der «Weltwoche» erschien.

 

ZACKBUM klopft sich auf die Schulter? Nein, das ist nicht der Grund der Erwähnung. Sondern: was immer man von Köppel halten mag, kein anderer Chefredaktor in der Schweiz (im deutschsprachigen Raum) würde sich in seinem eigenen Blatt niedermachen lassen. Keiner. Und das war nicht das erste Mal.

Plus fun facts: Zeyer bekam mehr Likes als Köppel (aktuell 215 zu 180). Allerdings viel mehr Dislikes (492 zu 57). Dafür wieder viel mehr Kommentare (110 zu 34).

Denn merke: auch der WeWo-Leser atmet gerne in seiner Gesinnungsblase, und nicht alle hatten den grossen Löffel dabei, als der Herr Hirn vom Himmel regnen liess.

Während natürlich die ZACKBUM-Konsumenten alle einen grossen Kübel aufstellten.

 

 

Totalversagen

Wenn die Journalisten-Schneeflocken schweigen.

Bei kleinster Kritik durch ZACKBUM reagieren sie mit verkniffenem Schweigen – oder gar mit rechtlichen Schritten. Sie sind beleidigt, verleumdet, in ihrer Persönlichkeit verletzt.

Dazu demnächst mehr.

Wird ihnen der Zugang zu Informationen verweigert oder wird ihnen mit Klagen gedroht, krähen sie schnell Zensur, Angriff auf die Medienfreiheit.

Aber trifft es den ihrer Meinung nach Richtigen, dann verstummen sie, als hätten sie kollektiv ein Schweigegelöbnis abgelegt.

Da gibt es den Fall des Mohrenkopf-Professors Carlos Schär. Der fühlte sich von ZACKBUM-Redaktor René Zeyer hier und in der «Weltwoche» furchtbar beleidigt. Und strengte Klagen an. Die endeten mit krachenden Niederlagen.

Allerdings war das mit Anwaltskosten für die «Weltwoche» und für ZACKBUM verbunden. Auch dazu hier bald mehr.

Der wahre Skandal besteht aber darin, dass der beleidigte Professor, statt über seine wissenschaftliche Inkompetenz nachzudenken, per Anwältin fordern liess, dass nicht nur alle Artikel gesamthaft gelöscht werden sollten, sondern dass es dem hier Schreibenden zu verbieten sei, über diese Klage gegen ihn zu berichten.

In Form einer Superprovisorischen gekleidet, wurde damit eine Reaktion der Berner Richterin verlangt, ohne dass die Betroffenen Gelegenheit gehabt hätten, dazu Stellung zu nehmen. Und das Unglaubliche passierte: Dem Maulkorb der Extraklasse, unter Androhung einer Busse von 10’000 Franken sollte darüber etwas an die Öffentlichkeit dringen, wurde stattgegeben.

Mittels Verfügung vom 30. September letzten Jahres wurde Zeyer und der «Weltwoche» verboten, über diese Klage auch nur ein Wörtchen zu verlieren. Darüber berichtete alleine auf weiter Flur «Inside Paradeplatz».

Neben der Qualifikation eines Professors, der das Objekt seiner wissenschaftlichen Untersuchung nur als M*** bezeichnen mag, kam hier ein in der jüngeren Schweizer Mediengeschichte einmaliger Skandal zum Vorschein.

Nach energischer Intervention der Betroffenen kam das Regionalgericht Bern Mittelland erst am 25. November 2025 zur Einsicht, dass dieses Gesuch, nachdem die Superprovisorische zwei Monate zuvor angenommen worden war, abzuweisen sei.

Alle weiteren Behauptungen und Forderungen Schärs, dass hier eine Rufmordkampagne gegen ihn geführt werde, die auch sein berufliches Weiterkommen gefährde, weswegen auch nicht über seine Klage berichtet werden dürfe, sowie alle diese Artikel samt Kommentaren integral zu löschen seien, wurden aus dem Recht gewiesen.

Ebenfalls seine Forderung, dass WeWo und Zeyer zu verpflichten seien, «keine neuen Artikel über den Gesuchsteller (Schär, Red.) zu publizieren». Also sozusagen ein präventiver, in die Zukunft gerichteter Maulkorb.

Damit hat dieses trübe Kapitel der Mohrenforschung hoffentlich sein Ende gefunden.

Was bleibt: das Schweigen der Belämmerten. Das Schweigen der übrigen Journaille. Ein Maulkorb, dass ein Journalist nicht über einen Prozess gegen ihn selbst berichten darf? Ein unglaublicher Skandal. Der keiner wurde. Weil die versammelten Sensibelchen unisono fanden: ist vielleicht nicht gut, aber recht geschieht’s der Schweinebacke Zeyer.

Weil ZACKBUM das nicht glauben konnte, wandten wir uns schriftlich an die Chefredaktoren der wichtigsten Schweizer Massenmedien. Fragten CH Media, Tamedia, Ringier und NZZ, was sie von diesem Maulkorb hielten. Reaktion: keine Reaktion. Nichts, null, nada.

Die NZZ, die mit einem kritischen Artikel von Rico Bandle vorgelegt hatte, zog sogar den Schwanz ein und veröffentlichte eine absurde Gegendarstellung des Professors, sogar ohne Redaktionsschwanz, dass sie an ihrer Darstellung festhalte. Offenbar aus Angst vor juristischen Kosten. Während das kleine ZACKBUM mutig in die Schlacht zog.

Wir wandten uns auch an die (wenigen) verbliebenen Sympathisanten in der Medienszene. Die berichteten zerknirscht, dass sie das thematisieren wollten, weil es natürlich ein Anschlag auf die Medienfreiheit und eine Bedrohung für alle Journalisten sei. Sie wurden aber in den Themenkonferenzen abgeklatscht, das sei nun wirklich kein Thema.

Damit schlägt die Journaille einen weiteren Sargnagel für ihr bevorstehendes Begräbnis ein. Geheimjustiz gegen einen Journalisten, das müsste unabhängig von seinen Sympathiewerten zu einem Aufschrei führen. Neben einer kurzen Erwähnung im «Schweizer Journalist» gab’s nicht mal ein Winseln.

Das ist erbärmlich. Oder sagten wir das schon.

Ein neues Münchner Abkommen?

Wer nichts aus der Geschichte lernt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.

«Wir brauchen Grönland.» So einfach gestrickt ist Trumps Weltbild. Die Lüge «Sicherheitsinteressen» ist so offenkundig, dass schon sie allein eine Provokation darstellt.

Ginge es darum: den USA wäre es vertraglich freigestellt, ihre aufgegebenen Militärstützpunkte neben der verbliebenen Pituffik Space Base (früher Thule) wieder zu bemannen.

Damit würde seiner Behauptung, die Insel werde von Dänemark und der Nato nur ungenügend gemanagt und verteidigt, Genüge getan.

Worum es ihm wirklich geht? Wer weiss das schon. Machtdemonstration, Eintrag in die Geschichtsbücher, Zugriff auf Rohstoffe, Ablenkung von innenpolitischen Problemen, Bereicherung seines Clans.

Dass Trump inzwischen im roten Bereich dreht, beweist sein Brief an den norwegischen Ministerpräsidenten und an andere Nato-Mitglieder:

«Lieber Jonas, da Ihr Land beschlossen hat, mir den Friedensnobelpreis für die Beendigung von acht Kriegen nicht zu verleihen, sehe ich mich nicht länger verpflichtet, ausschließlich an den Frieden zu denken, obwohl dieser immer im Vordergrund stehen wird

Abgesehen davon, dass nicht die norwegische Regierung die Nobelpreise verleiht: der Mann ist ein gekränkter Narzisst, und es gibt kaum etwas Gefährlicheres als ein mächtiger, gekränkter Narzisst.

Es gibt zu seinem in der jüngeren Geschichte einmaligen Versuch des Landraubs mit Gewaltandrohung eine historische Parallele.

Sie beginnt mit dem «Anschluss» Österreichs an das Dritte Reich Hitlers. Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen ohne Widerstand in der Alpenrepublik ein. Anschliessend wurde das mit einer manipulierten Volksabstimmung pseudolegitimiert.

Hitler führte verschiedene, vorgeschobene Gründe für diese Annexion an. Korrektur der Nachkriegsordnung, Österreich sei wirtschaftlich schwach und instabil und könne nur durch den Anschluss gerettet werden.

Grossbritannien und teilweise auch Frankreich verfolgten damals gegenüber Hitlerdeutschland eine Appeasement-Politik. Man wollte mit Nachgeben, Verhandlungen und Zugeständnissen gegenüber dem aggressiven Nazideutschland einen erneuten grossen Krieg in Europa vermeiden.

So duldete man die Wiederaufrüstung Deutschlands, die Verfolgung von Gegnern und Oppositionellen und Juden im Dritten Reich, diesen Anschluss und im Münchner Abkommen die Abtretung des Sudetenlands an Hitler.

«Peace for our time», sagte der britische Premierminister Neville Chamberlain, als er aus München zurückkehrte, wo er mit Mussolini, dem französischen Premierminister Daladier und Hitler das Abkommen unterzeichnet hatte.

Eine gewaltige Fehleinschätzung, nur ein Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.

US-Präsident Trump hat gerade bekannt gegeben, dass er das Militärbudget um gigantische 500 Milliarden Dollar erhöhen wolle. Dabei geben die USA heute schon so viel Geld für Rüstung aus wie die nächsten zehn Staaten der Welt zusammen.

Was wäre geschehen, wenn die europäischen Mächte Frankreich und England damals nicht auf eine Beruhigungs-, sondern auf eine Konfrontationspolitik gegen Hitler gesetzt hätten?

Alternative historische Entwicklungen sind interessante Gedankenspiele, aber letztlich nur mind games. Faszinierend zu lesen wie «München» von Robert Harris.

Vergangenes ist vergangen, auch wenn es ständig uminterpretiert und neu ausgelegt wird.

Aber die Gegenwart und die Zukunft haben den Vorteil, dass sie beeinflussbar sind, verschiedene Handlungen verschiedene Resultate ergeben.

Auch wenn das Lernvermögen der Menschheit, der Regierungen und der Politiker begrenzt ist, so kann doch ein Blick in die Geschichte helfen, heute notwendige Entscheidungen zu treffen.

Bislang ist der aggressiv-expansiven Aussenpolitik Trumps mit Nachsicht und Nachgeben begegnet worden.

Er bezeichnet sich als Machthaber in Venezuela. Er bedroht Mexiko, Kolumbien, Panama und Kuba. Er wollte auch mal Kanada als neuen Bundesstaat in die USA aufnehmen.

Jetzt will er jeden Widerstand gegen seine Annexionspläne für Grönland mit dem Zollstock niederknüppeln. Er sagt wiederholt und glasklar, dass er auch militärische Gewalt nicht ausschliesse.

Wenn man aus der Geschichte lernen will oder kann: Besänftigung und gutes Zureden hat gegen Usurpatoren noch nie genützt.

Natürlich haben die übrigen Nato-Staaten zusammen nicht die gleiche militärische Schlagkraft wie die USA. Aber sie verfügen über die ultimative Waffe, mit der man selbst eine Supermacht in die Schranken weisen kann.

Denn nicht einmal Trump würde einen Atomkrieg um Grönland riskieren.

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Dieser Text wurde zuerst «Inside Paradeplatz» angeboten («Passt nicht»), dann der «Weltwoche online» («Aktuell würden wir ihn nicht bringen»). Man muss mit ihm nicht einverstanden sein. Aber …

Brechreiz

So lässt sich die Berichterstattung über Crans-Montana beschreiben.

Täglich fragt der Chefredaktor: was haben wir als Nachzug? Bei den Klickraten müssen wir unbedingt nachlegen.

Und so schaut’s dann beim «Blick» aus:

Dann hätten wir noch das hier:

Wer sagt da, dass «Blick+» keinen Mehrwert böte.

Noch etwas Olfaktorisches.

Schliesslich der klassische Nachnachnachzug:

Natürlich macht auch das Blatt der Qualitätsberichterstattung fleissig mit:

Gleich eine eigene Rubrik gönnt der Tagi dem Inferno, der Katastrophe.

Auch «20Minuten», obwohl nur noch digital, macht weiter mit. Allerdings eher im unteren Bereich der Homepage:

Hier ist’s die «Katastrophe», bzw. die «Silvester-Katastrophe», und E-Promi Yara Buol darf sich über Gratis-Werbung freuen.

Auch in die heiligen Hallen der alten Tante findet die «Brandkatastrophe» weiterhin Eingang:

Da capo, findet die NZZ, wozu hat man denn ein abgebrauchtes Symbolbild:

Die Lieblingsformulierung des kritischen Journalismus à la Falkenstrasse: «… wirft erneut Fragen auf».

«Inside Paradeplatz» hingegen zeigte und zeigt, was ein kritischer Ein-Mann-Journalismus auf einem Gebiet, das nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört, leisten kann. Dagegen wirkt die Konkurrenz ermattet und schlapp.

Es gäbe noch ein paar Nachzüge, auf die wir sehnlichst warten:

Eine Leiche erzählt

Exklusiv: jetzt redet das Feuer

Bei welcher Temperatur schmelzen auch Zähne?

Überlebenstipps in 1000 Grad

Was sollte man bei einem zukünftigen Barbesuch beachten

Darf man den Anmachspruch noch verwenden: hast du mal Feuer?

ZACKBUM fügt ermattet hinzu: wenn wir nochmal das Wort «unfassbar» hören oder lesen, bekommen wir einen Blutrausch.

Wallis als Schande der Schweiz

Aber nur ein kleiner Finanzblog thematisiert das Totalversagen.

Die Tragödie von Crans-Montana. Unfassbar, was in der eigentlich überregulierten Schweiz möglich ist. Eine Bar als Todesfalle, die Hälfte der Opfer sind Minderjährige, die gar nicht dort sein durften. Untaugliches Dämmmaterial, zusätzlich verengte Fluchttreppe, einziger Notausgang wahrscheinlich verriegelt und zugestellt. Keine Feuerlöscher, unqualifiziertes Personal, überfüllt und renoviert im Do-it-yourself-Verfahren.

Staatsanwaltschaft und Regierung halten Händchen während einer Pressekonferenz. Gewaltenteilung? Doch nicht im Wallis. Der Gemeindepräsident beschimpft den «Spiegel», als der es wagt, kritische Fragen zu Brandschutz und Kontrolle zu stellen:

«Wer sind Sie, so etwas zu verlangen! Ich habe den Anstand, Sie nicht so zu behandeln, wie Sie es verdienen, und zwinge mich dazu, Sie darüber zu informieren, dass die Kantonspolizei für die Information der Presse zuständig ist.»

Das Wirteehepaar mit dubioser Vergangenheit wird zunächst nur als Auskunftspersonen vernommen, läuft weiterhin frei herum, obwohl es sich der Strafverfolgung durch die Rückkehr nach Frankreich entziehen könnte.

Seine Leibwächter bedrohen einen «Blick»-Journalisten massiv. Bewilligungen, Nachweis von Sicherheitskontrollen, Brandschutzmassnahmen? Ach was.

Wurden entsprechende Unterlagen gesichert, die Amtsräume der zuständigen Behörden durchsucht, der Gemeindepräsident gemassregelt, der nicht nur sich, sondern die ganze Schweiz der Peinlichkeit und Lächerlichkeit preisgibt?

Die Mainstreammedien zerflossen tagelang in Mitleid (sofern sie den Fall nicht anfänglich verschnarchten wie das Schweizer Farbfernsehen), stammelten das übliche «unfassbar, Tragödie, unbeschreiblich» und hielten Überlebenden sowie regelmässigen Besuchern das Mikrophon vor die Nase.

Plus natürlich die Fachleute, die erklärten, was bei massiven Verbrennungen medizinisch möglich ist und welche Überlebenschancen die mehr als 100 Schwerverletzten haben.

Kritische Nachfragen überliessen sie weitgehend dem Finanzblog «Inside Paradeplatz»*, der mit journalistischer Gründlichkeit und Geschwindigkeit auf die Katastrophe reagierte, obwohl das nicht gerade seine Kernkompetenz ist.

Dabei ist sonnenklar: das Wallis ist die Schande der Schweiz. Das Wallis stellt in zentralen Bereichen einen systematischen Gegenentwurf zu rechtsstaatlichen, institutionellen und gesellschaftlichen Standards der Schweiz dar und schadet damit dem Anspruch der Schweiz als transparentem, modernem Rechtsstaat.

Systematische Vetternwirtschaft, auffällige Nähe zwischen Behörden und Eliten, minimalistische oder verzögerte Umsetzung von Bundesrecht und Volksentscheiden. Und schliesslich wählten die Walliser den ehemaligen CVP-Präsidenten Christophe Darbellay zum Staatsrat. Obwohl kurz zuvor bekannt wurde, dass der streng katholische Verteidiger der Heiligkeit der Ehe sich einen Seitensprung mit Folgen geleistet hatte.

Bekannt wurde er, weil er sich anfänglich weigerte, die finanziellen Folgen seiner Sünde zu übernehmen.

Kann man von den Behörden eines solchen Kantons erwarten, dass sie die Ursachen der Brandkatastrophe und das Ausmass des Behördenversagens konsequent aufarbeiten?

Der Ehemann der Staatsanwältin ist im Weinhandel tätig und beliefert Gastro-Betriebe. Und so weiter.

Wie schreibt Lukas Hässig richtig: «Sicheres Land, hyperkorrekte Beamte, rigorose Kontrollen, umfassender Katastrophenschutz – alles, an das die eigenen Bürger und die ganze Welt glaubten, ist in den Flammen im Party-Keller einer Alpen-Bar aufgegangen.»

Seine bittere Bilanz:

«Was macht der Bundesrat? Justizminister Beat Jans hat mit einem Blumenstrauss – keinem Bouquet – Crans-Montana am Samstag seine Aufwartung gemacht. Von seiner Rede ist nichts hängengeblieben.

Guy Parmelin liess die Fahnen auf halbmast setzen, ist schon am Donnerstabend, dem Tag der Tragödie, an der ersten grossen Pressekonferenz aufgekreuzt, wo er den Opfern versprach, die Schweiz würde sie nicht im Stich lassen.

Seither? Schweigen. Die Regierung in Bern scheint wie gelähmt, jene im Wallis schützt die eigenen Leute, eine offensichtlich überforderte Ermittlerin darf weiterhin passiv bleiben, kritische Medien kriegen Drohungen und werden zusammengestaucht.»

Dagegen raffen sich die ersten Mainstreammedien langsam dazu auf, sich die Tränen abzuwischen und die Stirne leicht zu runzeln: «Die Rolle der Behörden rückt in den Fokus», behauptet neuerdings Tamedia. Bei diesem Qualitätsorgan vielleicht, bei IP war das schon in der Nacht der Tragödie der Fall.

Auch die NZZ ist aufgewacht: «In Crans-Montana sind verheerende Fehler gemacht worden – die Behörden schulden den Opfern und ihren Angehörigen lückenlose Aufklärung». Aber was passiert, wen die Walliser diese Aufklärung schuldig bleiben und alles nach kantonaler Eigenart zuschwiemeln und in die Verjährung gleiten lassen?

Dazu fällt auch ihr nichts ein, der «Blick» hechelt einfach der Aktualität hinterher: «Inferno-Paar darf nicht mehr wirten». Ohne diese  schaumstoffweiche Reaktion der Walliser Behörden zu kommentieren.

Aber gut. Crans-Montana, Venezuela, Ukraine, Iran und noch ein bisschen Gazastreifen, das ist auch viel auf einmal für die zum Skelett runtergesparten Redaktionen. Bei denen offenbar nicht immer die Besten das grosse Rausschmeissen überlebten.

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*Packungsbeilage: René Zeyer veröffentlicht regelmässig auf «Inside Paradeplatz».

 

NZZaS, quo vadis?

Ein beliebter Spruch der alten Tante, mal auf sie selbst angewendet.

Wer auf eine solche, riesige Illustration kommt, bietet Anlass zu Sorge:

Denn was will uns die NZZaS mit dieser Sanduhr sagen?

Dass sie die hier abgekupfert hat?

Denn das Problem dieser Symbolik ist immer: soll das nun bedeuten, dass die Zeit für die FDP abläuft? Oder soll es bedeuten, dass sich immer mehr Sandkörner, also Wähler, für die FDP entscheiden? Und ist dem begabten Illustrator Dario Veréb nicht bekannt, dass man so eine Sanduhr einfach umdrehen kann, und schon geht das Geriesel wieder von vorne los?

Aber wir wollen auch das Positive sehen. Chefredaktor Beat Balzli will sich nicht die Finger am klaren Bekenntnis der FDP zum Europavertrag und gegen das Recht der Stände, darüber mitzubestimmen, verbrennen. Also schimpft er wohlfeil über die Erbschaftssteuer-Initiative der Rotsocken.

Aber das hat immerhin noch einigermassen Niveau. Auf das Niveau einer schlechten Schülerzeitung sinkt die NZZaS allerdings mit dieser Kolumne von Nicole Althaus: «Warum der Herbst viel mehr ist als bloss eine Jahreszeit». Das dümpelt in der Reihe «Sieben ist mehr als eine Zahl», «eine Hose ist mehr als ein Kleidungsstück» oder gar «Liebe ist mehr als ein Wort».

Utta Danella oder Hedwig Courths-Mahler hätten es nicht besser hingekriegt:

«Sommer für Sommer wundert man sich aufs Neue, wie man die Zeichen seines Endes einfach verdrängen konnte.»

Aber die Antwort kennt nur der Wind, leise spielt die Musik der Zeit, der Duft der Steinkrabbe verweht, und wo sind die Schatten der Vergangenheit?

Aber immerhin, auf Seite 35, Aufmacher Wirtschaft, macht die NZZaS dem Geeier der NZZ ein Ende: «Über Nacht 16 Milliarden weg». Sie zitiert sogar den teuren Satz unserer Finanzministerin an der denkwürdigen Pressekonferenz vom 19. März 2023: «This is not a bailout. This is a commercial solution». Womit einer der Trigger für das Abschreiben der AT1 Bonds futsch wäre.

Dieser Satz könnte ähnlich teuer werden wie die berühmte Abqualifizierung der Kirch-Gruppe durch den damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Der Finanzsektor sei nicht mehr bereit, sagte Rolf Breuer 2002, dem angeschlagen Medienkonzern weiter Kredit zu geben. Daraufhin brach die Firma zusammen.

Der Satz kostete die Deutsche Bank so alles in allem knapp eine Milliarde Euro. Der Satz von Karin Keller-Sutter kann für den Steuerzahler noch viel teurer werden. Dabei galoppiert die NZZaS dem vifen Finanzblog «Inside Paradeplatz» hinterher, der die Story, wann und wie überhaupt dieser Riesenabscheiber aufs Tapet kam, nachzeichnete.

Was nochmals bleibt, ist das Erschrecken, wie stümperhaft agiert wurde. Noch am 16. März bekräftigten FINMA und SNB, dass die Credit Suisse tipptopp aufgestellt sei, alle Anforderungen ans Kernkapital erfülle. Noch einen Tag zuvor, am 15. März, war von dem 16-Milliarden-Abschreiber im Forderungskatalog der UBS keine Rede.

Am nächsten Tag war er drin, SNB-Chef Thomas Jordan alles andere als begeistert darüber. Und erst am 19. März erfuhren die Spitzenkräfte der CS davon. Zudem musste das Recht der FINMA für diesen Abschreiber noch nachträglich, am 19. März, in die Notverordnung zur Liquiditätshilfe vom 16. März hineingeschrieben werden.

Ein Desaster.

Nach so viel kritischer Anspannung geht’s dann beim Aufmacher von «Wissen Kultur» etwas ruhiger zu: «Raus aus der Gewichtsspirale». Man fragt sich allerdings, wieso die NZZaS dieses Stehsatz-Thema für die Feiertage jetzt schon verballert.

Die «Kultur» wartet auch mit einem abgehangenen Topos auf. Hast du sonst nichts im Hemd, erfinde einfach einen Trend. Alte Journalistenregel; neuste Anwendung: «Die Herrschaft der Gefühle. Emotionen bestimmen unseren Alltag …»

Da sagt ZACKBUM ganz emotionsfrei: Quatsch. Nicht mehr oder weniger als vorher.