Tagi oberpeinlich
Was wollten Sie zum eigenen Versagen schon immer mal sagen, Frau Rickli?
Gleich zwei Journalisten bot das Kompetenzzentrum für Qualitätsjournalismus an der Werdstrasse auf, um Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zu geben, unbehelligt von kritischen Fragen in geradezu obszön-peinlicher Weise Weisswäscherei in eigener Sache zu betreiben.
Was Fabienne Sennhauser und Stefan Häne hier abgeliefert haben, ist an Fremdschäm-Faktor höchstens durch die Schmiere der «Republik» aus dem Jahr 2021 («Zürcher Herzkrise – eine Trilogie») zu übertreffen.
Schon bei der Antwort auf die erste Frage des Tagi, ob man sich mit gutem Gefühl im Unsipital Zürich behandeln lassen könne, tun sich Abgründe auf: «Mein Partner musste sich vor zweieinhalb Jahren einer schweren Herzoperation unterziehen. Diese wurde in der USZ-Herzklinik durchgeführt – ich glaube, das sagt alles.»
Nein, das sagt nichts, müsste da jeder Journalist mit etwas Ehrgefühl im Leibe replizieren, denn zu dieser Zeit war der skandalumwitterte Arzt Francesco Maisano schon längst Geschichte. Also was soll das?
Aber hier wird nicht Journalismus betrieben, wird kein Interview als harte, aber faire Gelegenheit zur Stellungnahme geführt, sondern es wird geschleimt. Denn auch diesen Satz darf Rickli ohne Widerspruch sagen:
«Wir haben alles gemacht, was uns rechtlich möglich war.»
Das ist nun grob unrichtig. Denn wie alle anderen Beteiligten am Skandal hat auch Rickli entweder nichts getan – oder alles, um den Skandal als Ausdruck von klinikinternen Querelen herunterzuspielen. Sie bezweifelte sogar die Kompetenz des Whistleblowers André Plass, der so unermüdlich wie vergeblich auf die erschütternde Todesrate und das Wirken von Maisano, seine Geldgier, hingewiesen hatte. Das brachte Rickli eine Anzeige wegen Verleumdung ein, auf die die Staatsanwaltschaft aber nicht eintreten mochte.
Statt ihr eine Liste von eigenem Versagen vorzulegen, wird es Rickli gestattet, sich zu wiederholen: «Ja, ich trage die politische Verantwortung für das USZ. Als Gesundheitsdirektorin bin ich die Eigentümervertreterin. Aber ich war erst ab Mai 2019 im Amt, und ich kann sagen: Nachdem ich im Januar 2020 erstmals von den Vorwürfen erfahren hatte, habe ich gemacht, was möglich war.»
Statt nachzufragen, was denn möglich war, und vor allem, wieso ihr so vieles unmöglich war, schleimt sich der Tagi mit der nächsten Frage wirklich unappetitlich an die Politikerin ran: «Leiden Sie in solchen Tagen wie jetzt an Ihrem Amt?»
Darauf kann Rickli, ganz Staatsfrau, mit getragenem Pathos antworten: «Als Regierungsrätin verpflichtet man sich, Verantwortung zu tragen. Und ich glaube, dass ich Verantwortung übernehme, das habe ich auch in der Corona-Zeit gezeigt.»
Statt auch hier nachzuhaken und zu fragen, wie genau Rickli denn in der Corona-Zeit Verantwortung übernommen habe (oder welche Vorwürfe man ihr zu diesem Thema machen könnte), arbeiten die beiden Journalisten einfach ihren Fragenkatalog ab und wechseln ansatzlos zum vom Konkurs bedrohten Spital Wetzikon.
Abgehakt, nächstes Thema: Rickli for Bundesrat? Muss man solche Worthülsen wirklich dem gepeinigten Leser servieren? «Ich habe nie gesagt, dass ich das Bundesratsamt anstrebe. Das tue ich auch jetzt nicht.» Ungeschoren kommt sie auch mit der verklausulierten Fortsetzung davon, mit der sie im Prinzip ihre Kandidatur anmeldet: «Sollte Bundesrat Parmelin eines Tages zurücktreten, würde ich mir das zum gegebenen Zeitpunkt allenfalls überlegen.»
Im vorherigen Artikel hat ZACKBUM die Arbeit von «Inside Paradeplatz» zum Thema gewürdigt, insbesondere auch die Kritik am mangelhaften und fragwürdigen Verhalten von Rickli. Wieso kommt hier beim Tagi nichts davon zur Sprache?
Es ist natürlich möglich, dass Rickli als gewiefte Politikerin Bedingungen für das Interview stellte, es ist möglich, dass sie oder ihre Kommunikationsabteilung beim Autorisieren kräftig den Weichspüler auf den Text gossen.
Wäre das so, hätte das der Tagi offenlegen – oder am besten auf die Publikation dieses Tiefpunkts in der Geschichte des Interviews verzichten müssen. Alleine das Schamgefühl hätte die beiden Autoren dazu veranlassen sollen, dringlich davon abzuraten, diese Selbstbeweihräucherung einer überforderten Politikern zu publizieren.
Aber eben, im heutigen Elendsjournalismus ist das Elend der Normalfall geworden.





















